A Typical Girl

Viv Albertine
A Typical Girl
[Clothes, clothes, clothes. Music, music, music. Boys, boys, boys: a memoir]
Suhrkamp, 2016
478 S.
18,00€

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Lektüreseminars „40 Jahre Punk“ an der Universität Oldenburg unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Binas-Preisendörfer enstanden.

Bild_Albertine„Wer seine Autobiografie schreibt, ist entweder bescheuert oder pleite. Bei mir ist es ein bisschen was von beidem“, schreibt Viv Albertine. Welch ein Glück, denn so erleben wir in ihren Memoiren „A Typical Girl“ mit, wie sie Gitarristin bei den Slits wird, in der Punk-Szene abhängt, welche Mode-Leidenschaften sie hat und in welche Beziehungsgeflechte sie gerät.

A Typical Girl dokumentiert das Lebensgefühl der frühen Punk-Bewegung. Ehrlich, authentisch, fesselnd, lustig und ernst – die Biografie ist nicht nur ein Bekenntnis einer Musikerin in einer bewegten Zeit. Sie ist auch ein Bericht versuchter Rebellion und neuer Lebensentwürfe. Schon der Name der Band The Slits war eine Provokation. „Die Schlitze“, waren in zweifacher Hinsicht Avantgardistinnen des Punk: als Musikerinnen und vor allem als Frauen.  Den Status als eine der einflussreichsten britischen Punkbands mussten sie sich aber hart erkämpfen. So durften sie auf der Tour mit The Clash zum Beispiel in keinem der Hotels übernachten. Sie reagierten auf diese Diskriminierung umso hemmungsloser. „Wir werden behandelt wie Außenseiter, also benehmen wir uns auch so“, beschreibt es die Slits-Gitarristin.

Wer sich für Punk interessiert, kann in der Autobiografie von Albertine, sicherlich noch Neues erfahren. Besonders ihre Wegbegleiter spielen eine wichtige Rolle. Ob die sprunghafte Beziehung zu Mick Jones von The Clash oder die Bekanntschaft mit Sid Vicious, Bassist der Sex Pistols. Doch auch Randfiguren gibt Albertine eine Bühne. Besonders, wenn es sich dabei um Frauen handelt. Sie nimmt fast jede Frau zur Kenntnis, die für sie in irgendeiner Art und Weise interessant erscheint.Die Geschichte von Viv Albertine ist nicht nur eine über Musik. Es ist eine Geschichte über Solidarität und Liebe zwischen Frauen, die sich gegenseitig stärken und inspirieren.

Mit dem Musikerleben und dem Rampenlicht ist es auf der B-Seite, dem zweiten Teil des Buches, aber bald vorbei. Sie hat nicht so viel Wirbel und Wumms wie die A-Seite, sondern schlägt ruhigere Töne an. Die Slits trennen sich im Jahr 1981. Der Verlust der Band trifft Viv Albertine schwer. Sie verschwindet nicht nur von der Bildfläche, sondern entfernt sich von sich selbst. Sie schreibt über eine Frau, die einen Mann heiratet, weil er technisch begabt ist und Geld verdient. Ihre Leidenschaft, die Musik, stellt sie zurück, damit die Ehe funktioniert. Die Frau, die Viv Albertine in der zweiten Hälfte ihrer Biografie beschreibt, ähnelt nicht mehr der kompromisslosen und leidenschaftlichen Musikerin der A-Seite. Es folgen etliche Tiefschläge: Fehlgeburten, Gebärmutterhalskrebs und zuletzt das Scheitern ihrer Ehe. Dennoch arbeitet Albertine mutig ihre Ängste auf und zeigt den langen, oft schmerzhaften Prozess zwischen Selbstverwirklichung und Selbstaufgabe. Es dauert viele Jahre, bis sie wieder auf die Bühne steht. Dennoch schafft sie es, sich selbst und ihrem Umfeld zu beweisen, welche Stärke in ihr steckt. Sie tritt mit den New Slits auf, nimmt sogar ein Solo-Album auf.

A Typical Girl ist ein schonungsloses, ehrliches und außerordentlich sympathisches Buch. Man kann lesend miterleben, wie aus einem unsicheren Mädchen eine reife Frau wird. Besonders außergewöhnlich ist auch die Aufteilung. In 95 kurzen, mal mehr und mal weniger ausführlichen Kapiteln, schreibt Viv Albertine assoziativ, persönlich und schreckt auch vor derber Sprache nicht zurück. Dabei wird sie nie ausfallend oder taktlos, sondern schafft es, ihre Geschichten ausdrucksstark zu erzählen. Die authentischen Geschichten und die erzählerische Kraft verleiht den Memoiren die besondere Stärke.

Laura Ranko

Berlin Bromley

Bertie Marshall
Berlin Bromley
Aus dem Englischen von Conny Lösch
Mit einem Vorwort von Boy George
Ventil Verlag 2008
220 Seiten
10 Euro

berlin_bromleyLondon, Mitte der 1970er Jahre: Eine Gruppe Teenager aus Bromley, einem Vorort im Südosten der Stadt, bringt den Punkrock mit ins Rollen. Sie bewegen sich im Dunstkreis von Vivian Westwood, Malcolm McLaren und den Sex Pistols. Einer von ihnen ist der 15-jährige Berlin Bromley, selbstbenannt nach diesem Vorort und Berlin, der Stadt seiner Träume. Seine Vorstellungen von der Stadt Berlin speisen sich aus den Legenden um das 20er-Jahre-Musical „Cabaret“ und seiner Verehrung für David Bowie, der einen seiner Songs nach dem Stadtteil Neukölln benannte. Berlin Bromleys Traumwelt ist ohne Grenzen: Androgynie ist chic, Drogen sind quasi Grundnahrungsmittel und Musik ist allgegenwärtig wie die Luft zum Atmen.

Eine der zentralen Gestalten des „Bromley Contingent“, wie eine Journalistin die Gruppe nennt, ist Siouxsie Sioux, mit der Berlin durch das Londoner Szeneleben schwirrt wie bizarre Nachtfalter auf Speed. Während sie jedoch mit Freund Steve Severin die Band Siouxsie and the Banshees gründet und zur Kultfigur aufsteigt, schlägt der schwule Berlin sich später mehr recht als schlecht als Stricher durch. Von der Schule ist er früh abgegangen, an einen geregelten Job ist nicht zu denken, und für das Nötigste reichte damals noch das Arbeitslosengeld. Und so erzählt er in autobiografischer Manier allerlei skurrile Anekdoten aus seiner Jugendzeit. Beispielsweise wie er, von Siouxsie an eine Leine gelegt und ihr Hündchen spielend, in einem Vorort-Pub aufläuft und letztendlich vom Kneipenbesitzer hinausgeworfen wird. Oder von der Fetisch-Party, die er in seinem biederen Elternhaus veranstaltet, und auf der die Gäste – unter anderem die Sex Pistols – sich nach allen Regeln der Kunst daneben benehmen und die Nachbarn in Angst und Schrecken versetzen. Überhaupt kreuzen viele sonderbare Gestalten seinen Weg und Berlin erlebt die seltsamsten Sex- und Liebesgeschichten, die er offenherzig zum Besten gibt und deren Protagonisten aus einem Buch Jean Genets entsprungen sein könnten. Dabei bleibt Berlin jedoch immer auf eine schüchtern-verträumte und selbstverliebte Art weltfremd, reguliert seine schwankenden Seelenzustände durch abwechselndes Einwerfen von Aufputsch- und Beruhigungsmitteln und weiß seine Chancen einfach nicht zu nutzen.

Mit all seinem extravaganten Make-up, dem eigenwilligen androgynen Styling und seinem Posertum hätte er eine Galionsfigur des aufkommenden New Romantic werden können – eben das schlugen ihm Steve Strange und Rusty Eagan Ende der 1970er vor, als Punk schon nicht mehr neu und aufregend war. Berlin Bromleys lapidare Reaktion dazu: „Ich war in den vorangegangenen drei Jahren jeden Abend aus gewesen … ich dachte, da wird bestimmt nichts draus.“ Seine beiden Freunde sind kurz darauf mit ihrer Band Visage und dem Hit „Fade to grey“ weltberühmt geworden.

Kurz vor Ende des Buches vollzieht der Autor einen unerwarteten Zeitsprung: 25 Jahre später, im Winter 2001, fährt Bertie Marshall (von seinem Pseudonym hatte er sich bereits 1979 verabschiedet) dann doch noch in die Stadt seiner Träume – Berlin. Was er in der Zwischenzeit gemacht hat, bleibt unklar. Gesagt wird nur, dass Marshall zuletzt Texte für Pornos schrieb, eine Zeit lang in New York lebte, dann wieder in London, inzwischen obdachlos geworden war und sich in Berlin einen Neustart erhoffte.

Mit ein paar Dollar in der Tasche und bar jeder Sprachkenntnisse kommt er in Deutschland an, doch Berlin ist kalt und so sperrig, wie es nun mal ist. Kein Glamour, keine schillernde Dekadenz, lediglich ein Friedrichshainer Hausbesetzer erweist sich als hilfreich und nimmt Marshall für eine Weile in seinem schmuddeligen Zimmer mit auf. Schließlich trifft er auf einer Lesung Jon Savage, der ihn auffordert, seine Memoiren zu schreiben, und die Übersetzerin Conny, in deren Wohnung er bleiben kann, und er findet einen Job als Englischlehrer. Aber all das tröstet Marshall nicht über seine zerstörte Illusion hinweg. Er geht wieder nach London zurück und stellt fest. „Ich will nie wieder nach Berlin. Es ist eine kalte, triste und unglamouröse Stadt. Ihr fehlt jedes Charisma und sie ist entsetzlich provinziell.“

Was dieses Buch lesenswert macht, ist seine Glaubwürdigkeit (ohne dass hier über den tatsächlichen Wahrheitsgehalt spekuliert werden soll). Marshall beschreibt sein Leben als Berlin Bromley authentisch und ungekünstelt und doch stellenweise so poetisch, dass man sich beim Lesen genau den stillen, in Musik und alten Büchern aufgehenden und gleichzeitig maßlos exzentrischen Teenager vorstellen kann, der Berlin Bromley war und Bertie Marshall vielleicht bis heute ist. Das Buch beruht, so der Autor, auf seinen damaligen Tagebucheinträgen, und so liest es sich auch weniger wie ein autobiografischer Roman als vielmehr episodenhaft und mit Verweisen auf subkulturelle Ereignisse, von denen die meisten, die mit Punk groß geworden sind, schon einmal gehört haben – wie das berüchtigte Interview der Sex Pistols bei Bill Grundy –, jedoch aus der Perspektive eines Jungen dieser Zeit, der fast immer dabei oder zumindest ganz nah dran war, an den britischen Punk- und New-Wave-Größen. Dass dies aber auch die Geschichte einer von Drogen und Prostitution zerfressenen Jugend ist, sorgt dafür, dass die Erzählung einen etwas bitteren Beigeschmack behält und nie ins Glorifizierende abdriftet. Und eine kleine Warnung zum Abschluss: Aufgrund der expliziten und zum Teil recht drastischen Schilderungen von Sexualpraktiken ist das Buch – wenn auch größtenteils aus der Sicht eines Fünfzehnjährigen geschrieben – nicht uneingeschränkt für Jugendliche und Zartbesaitete zu empfehlen.

Gabi Vogel 

Die Nacht ist Leben

Sven Marquardt
Die Nacht ist Leben
Ullstein 2014
14,99 €
224 Seiten

9783864930256_coverSven Marquardt ist vielen bekannt als der Mann mit dem tätowierten Gesicht und der gepiercten Unterlippe, der die Tür des Berliner Clubs Berghain bewacht. Nun hat er im besten Alter von 52 Jahren seine Autobiographie vorgelegt, die unter Mitarbeit der Berliner Autorin Judka Strittmatter, einer Enkelin des Schriftstellers Erwin Strittmatter, entstanden ist. Der größte Teil des Buchs handelt von Marquardts Leben in der DDR und zu einem Drittel von der Zeit ab 1990 bis zur Gegenwart. Mit „wir lebten in ´Grenzen frei´“ charakterisiert Marquardt ziemlich am Anfang des Buches sein Außenseiterdasein in der DDR. Seine Anekdoten gewähren nicht nur einen Einblick in seine persönliche Geschichte, sondern auch in die Nischen und Freiräume, die sich in der DDR von den jugendlichen Unangepassten aneignen ließen. Die Erzählung setzt im Kindesalter an, als die Scheidung seiner Eltern ihm den ersten „dramatischen Einschnitt“ bescherte. Sie berichtet auf den folgenden Seiten vom Umherschweifen in der Stadt und Altstoffe sammeln, von jugendlichen Erfahrungen als „Frischfleisch auf dem Schwulenmarkt“ und als Punk und Wohnungsbesetzer im Prenzlauer Berg, von Psychatrieaufenthalten und einigem mehr. Ein Großteil der im Buch abgebildeten Fotos stammen von Marquardt selbst. Die Kamera hat den gelernten Fotograf schon seit seiner Jugend begleitet und wesentliche Momente seines Lebens festgehalten.

In der ersten Hälfte der 90er spielt sich sein Leben in der boomenden Berliner Clubszene ab. Es geht um Drogen, Techno und wie zu erwarten: Tattoos und Piercings. Man erfährt wie er zu seinen Gesichtstätowierungen gekommen ist und merkt, dass der wirklich spannende Teil des Buches schon hinter einem liegt. Ab Mitte der Neunziger beginnt Marquardts Arbeit als Einlasser, die ihn bis an die Tür des Berghains führt.

Die Stimmung dieser Autobiographie ist wie seine Bilder eher melancholisch, jedoch ohne schwarz-weiß daherzukommen. Sie hält viel Interessantes bereit und lebt eindeutig von den Beschreibungen der DDR und ihrem Untergrund, worüber man noch so viel mehr erfahren möchte. Mitunter, besonders gegen Ende, hat es seine Längen. Trotzdem: An Sven Marquardt kommt keiner so leicht vorbei. Wer etwas über dessen Herkunft und den subkulturellen DDR-Alltag der 80er erfahren möchte, sollte dieses Buch zur Hand nehmen und lesen.

Jakob Warnecke

Prügel vom lieben Gott

Alexander Markus Homes
Prügel vom lieben Gott – Eine Heimbiographie
Alibri Verlag 2012 (erweiterte Neuauflage)
141 Seiten
12,50 €

Unmittelbar nach der Erstveröffentlichung 1981 zog das Buch Prügel vom lieben Gott einen jahrzehntelangen Rechtsstreit und Kampf um Glaubwürdigkeit nach sich. Der Autor Alexander Maria Homes skizziert diese Buchkarriere ausführlich auf den ersten 40 Seiten in einem eindringlichen Prolog. Da sein Buch eines der ersten autobiographischen Zeugnisse eines Heimbewohners darstellte, stieß es auf vielerlei Widerstände. Sein damaliger Anwalt Hans Christian Ströbele drückte es 2010 so aus: „Der Fall Homes kam 30 Jahre zu früh, die Gesellschaft war ich [sic] nicht bereit. Zudem war es ein einzelner Heimbewohner, der sich wehrte.“ (Interview 3sat zur Veröffentlichung der Dokumentation Die verlorene Kindheit des Alexander H.). Homes musste sich in zahlreichen Gerichtsverfahren gegen den Vorwurf der Verleumdung und übler Nachrede wehren, angestrebte Strafverfolgungen gegen Heimmitarbeiter wurden wegen Verjährung eingestellt. Die Vehemenz, mit der die Kirche die Veröffentlichungen dieses und weiterer Bücher vereiteln wollte, kritische Fernsehbeiträge an der Ausstrahlung hinderte und den Autor mit einer pädophilen Hetzkampagne überzog, ist erschütternd. Weitere Auflagen dieses Buches wurden nur durch den eingefügten Zusatz möglich, die geschilderten Ereignisse seien „literarisch verarbeitet und verfremdet“.

Vom Prolog angemessen auf die Bedeutung des Buches vorbereitet, findet man auf den folgenden 100 Seiten der Neuauflage die Biographie eines Heimkindes zwischen 1961 und 1975. Aufgrund einer durch den Amtsarzt vollzogenen und quasi willkürlichen Zuordnung als Lernbehinderter wird Homes im schulfähigen Alter von einem Kinderheim in das Sankt Vincenzstift Aulhausen überwiesen, eine Einrichtung für Lernschwache und geistig Behinderte. Es folgen neun traumatische Jahre, die der Autor auf eine schnörkellose, plastische und sehr direkte Weise beschreibt. Lose zusammenhängende Ereignisse geben einen Heimalltag wieder, der von Lieblosigkeit und Angst geprägt ist. Im Namen Gottes werden den Kindern mithilfe von Gewalt und Demütigung absoluter Gehorsam und Gottesfürchtigkeit gelehrt. In Selbstreflexionen wirft Homes interessante Fragen über die Auswirkungen solcher Erziehungsmethoden auf den Glauben und die Psyche eines Kindes auf. Ein Interview mit einer ehemaligen Nonne im Prolog veranschaulicht dabei auch die andere Seite und liefert einen interessanten Beitrag über Schuld und Glauben.

Neben der Rolle des Glaubens und den Konsequenzen gewalttätiger Erziehung geht Homes auch auf den Bereich der Pädophilie ein. Nicht nur der sexuelle Missbrauch durch den Arzt, sondern vor allem das Thema der Zwangshomosexualität erhält einen angemessenen Raum in beiden Teilen des Buches. Homes beschreibt die psychischen Ursachen für seine sexuelle Präferenz für jugendliche Männer und gibt einen authentischen Einblick in die Gefühlswelt eines sexuell verstörten Kindes und Jugendlichen.

Insbesondere die in den letzten Jahren verstärkte Debatte über schwarze Pädagogik in kirchlichen Betreuungsanstalten und die Frage nach Kenntnis und Verantwortung der Beteiligten erhält durch die dreißigjährige, von gerichtlichen Auseinandersetzungen geprägte Existenz dieses Buches eine neue zeitliche Perspektive. Es ist nicht zuletzt auch das Sankt Vincenzstift Aulhausen, welches in der im September 2013 veröffentlichten Studie Behindertenhilfe und Heimerziehung: Das St. Vincenzstift Aulhausen und das Jugendheim Marienhausen (1945 bis 1970) von Bernhard Frings untersucht wurde und als Beispiel für den Willen der Kirche gilt, mit der zögerlichen Verarbeitung ihrer damaligen Heimerziehungspraktiken zu beginnen.

Ute Groschoff

Slime

Daniel Ryser
Slime – Deutschland muss sterben
Heyne 2013
288 Seiten
19,90 €

Eine Band-Biographie über Slime? Für Fans ein Muss, sollte man meinen. Der spontane Eindruck beim ersten Durchblättern war jedoch gleich etwas enttäuschend. Es ist sehr groß geschrieben, enthält wenige Abbildungen und in der Band-Diskographie sind nicht alle Scheiben mit Cover abgebildet.

Dennoch habe ich es natürlich gelesen. Der Text erinnert an einen Spiegel-Artikel: Er ist faktenreich, journalistisch gut aufgearbeitet und sehr gut lesbar verfasst. Weitgehend chronologisch arbeitet der Autor, ein Journalist aus St. Gallen in der Schweiz, Jahrgang 1979, die ebenfalls 1979 beginnende Band-Geschichte von Slime auf. Er stützt sich dabei vor allem auf nachträglich getätigte Aussagen der (ehemaligen oder immer noch aktiven) Band-Mitglieder sowie von Menschen, die im Laufe ihres Lebens mit Slime in Berührung gekommen waren. Und es ist durchaus reizvoll, Beobachtungen von Musikern wie Schorsch Kamerun, Rocko Schamoni, Jan Delay und zahlreichen anderen zu hören: prominente Musiker, die man nicht automatisch mit Slime in Verbindung gebracht hätte.

Weiterhin interessant ist der Hintergrund zum „Deutschland muss sterben“-Text. Dieser spielt auf das Kriegerdenkmal aus der Nazizeit an, das immer noch in Hamburg steht, obwohl es nach dem Krieg eigentlich hätte geschleift werden sollen. Ebenfalls spannend natürlich die Geschichten zum frühen Punk in Hamburg, der Hamburger Hafenstraße und zum FC St. Pauli: alles Entwicklungen im direkten Umfeld von Slime. Und die Band-Entwicklungsgeschichte selbst: die Ur-Besetzung (zu der weder Dirk Jura noch Stephan Mahler gehörten), die Umbesetzungen, die Indizierungen und darauf folgenden (Selbst-) Zensierungen, der Kommerz-Vorwurf (thematisiert mit dem Album Alle gegen Alle), Hintergründe zur ersten Auflösung 1984 und der legendären „Ansage“ zum Konzert in Berlin/Pankehallen 1984: Mit dieser war also eine Gruppe Nazis gemeint, die sich eingeschlichen hatte. Die Reunion 1992 mit den beiden LPs Viva La Muerte und Schweineherbst und der erneute Split danach. Die erneute Reunion-Tour 2010, bis zur neuen LP mit Texten von Erich Mühsam. Diese Erzählungen bringen interessante Hintergründe zutage, und die Lektüre lässt einen neu überlegen, für was die Band stand.

Daniel Ryser hat die geführten Interviews in einer ansprechenden Form zusammengetragen. Deutlich wird jedoch eine spürbare Distanz zur Band und zu ihrem Umfeld, er dürfte sich keineswegs als Punk oder Linksradikaler begreifen. Ein Satz von ihm mag das auf den Punkt bringen: „Es gibt ein Konzept, man kann es bürgerlich nennen oder einfach nur vernünftig: zuerst eine Ausbildung abschließen und sich dann ordentlich austoben. Dieses Konzept hatte Dirk nicht verinnerlicht.“ (S. 23)

Letztendlich bleibt eine Schwäche des Buches, dass ein außenstehender, deutlich jüngerer Autor die Band-Geschichte von Slime zu schreiben versucht. Es ist nicht zu spüren, dass der Autor ein Gefühl für die Bedeutung der Band in der Punk- sowie der linksradikalen Szene und für die Umstände der Zeit hat. Er schreibt seinen Text aus heutiger Sicht und mit heutigen (bürgerlichen?) Wertungen.

Dieser Blick von außen gibt ihm natürlich auch etwas Besonderes. Interessant sind unter anderem seine Charakterisierungen der Band-Mitglieder (u. a. Dirk Jura als das proletarische Element der Band und Elf als der ewige Rock’n’Roller – schlechter kommt der als unbeständig und selbstherrlich charakterisierte Stephan Mahler weg). Dennoch hätte man sich als Fan einen Band-Biographen gewünscht, der näher an der Zeit und mehr Teil des Geschehens war.

Rein punkhistorisch wäre es auch interessant gewesen, der Frage nachzugehen, wie Slime ihre besondere Stellung in der Punk-Szene erreichen konnte, es gab um 1982 (DER klassischen Deutschpunk-Ära) viele weitere Bands mit radikalen, eindeutigen Texten: Warum wurden Slime bedeutender als Toxoplasma oder Canal Terror? Auch bleibt die direkte Nachfolgeband von Slime, Targets, völlig unerwähnt.

Vor allem auch formal hätte dem Buch eine gute Prise mehr Punk-Spirit gut getan. In den letzten Jahren boomte die Punk-Rückblicksliteratur, deren herausragende Exemplare gerade dadurch bestechen, dass sie Originaldokumente wie Zeitungs- und Fanzineartikel, Flyer, Poster u. ä. dokumentieren. Dies alles fehlt schlicht. Bei genauer Betrachtung fallen auch in der Diskographie schwerwiegende Lücken auf.

So bleibt der Eindruck, dass das Buch etwas schnellfertig abgeschlossen wurde. Die Band (außer Stephan Mahler) scheint mit dem Buch aber zufrieden zu sein, schließlich tourte sie im April mit dem Autor und führte eine Lesereise incl. Akkustik-Set durch. Vorgelesen (übrigens in einem durchaus passenden, da Distanziertheit ausdrückenden, monotonen, aber forschen Ton) entwickeln manche Anekdoten doch einen neuen Reiz.

Im Ganzen bleibt jedoch der Eindruck, es wäre deutlich mehr drin gewesen, bei einer Biographie über die bis heute wichtigste deutsche Punk-Band. Insbesondere stört mich weiterhin die recht lieblose Aufmachung. Und vielleicht ist da in einer eventuellen Neuauflage mehr möglich.

Andreas Kuttner