Zine of the Day: Modernes Fleisch #2 (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugend-kulturen als „Zine of the Day“ vor…

Modernes Fleisch 1

Modernes Fleisch #2

 

Es war ein A4-Heft im wüsten Schnippel-Layout, das ich ca. 2002 im AJZ Bielefeld von Malte in die Hände gedrückt bekam. Modernes Fleisch hieß das Zine, es war die 2. Ausgabe und auf dem Cover waren die Despoten des letzten Jahrhunderts in trauter Eintracht zu sehen. Malte war damals ein sehr junger Punker aus den Vorstadtdörfern, den ich schon bei einigen Konzerten getroffen hatte. In den Jahren um die Jahrtausendwende hatten mich viel zu viele Zines gelangweilt und es war seit Ewigkeiten das erste Mal, dass ich mir wieder ein Zine aufschwatzen ließ. Bis dato hatte ich den Eindruck, dass es nur noch die Wahl gab zwischen dem total neurotischen Ego-Zine oder dem boring Punkheft mit den immer gleichen anbiedernden Rezensionen und langweiligen Konzertberichten.

Beim Modernen Fleisch war es anders und es gab einen ganz schönen Deutsch-Punk-Rums, der sich beim Lesen in mir ausbreitete. Ja genau, das war es ja, was ich zehn Jahre vorher als Szene-Neuling auch gefühlt hatte und das jetzt als gutes Gefühl auch wieder in mir aufstieg. Dagegen sein, kritisch gucken, was um einen herum passiert und das Ganze natürlich mit dem nötigen trockenen Witz garnieren. Das ganze Zine war nicht darauf angelegt perfekt zu sein, es hatte kein Hochglanz und kein festes Layout wie diese ganzen damalig neuen Computer-Zines. Stattdessen brachte es genau das Gefühl von Malte auf den Punk(t) und das mit den einfachsten Schnippel-Layout-Mitteln, stets unterlegt mit Zitaten von 80er Jahre Deutsch-Punk-Bands. Es ist genau die solide Methode, die es bis heute jedem ermöglicht, ein eigenes Zine herauszubringen und damit der Welt zu erzählen, was man von ihr hält.

 

Inhaltlich gab es vor allem Konzertberichte aus der westfälischen Provinz, Texte zu politischer Haltung, Freundschaften und immer wieder Beiträge zur Punk-Band Hammerhead. Die reflektierte angepisste Abgrenzung von der alteingesessenen Punk-Szene mit ihren Ritualen wird dabei mit einer Direktheit vor sich hergetragen, dass es beim Lesen eine wahre Freude ist. Diese Direktheit hat sich Malte bis heute erhalten.
Malte und ich sehen uns bis heute. Er ist immer noch aktiver Part in der DIY-Punkszene aber macht nur noch selten Zines. Stattdessen hat er immer wieder eine neue Punk-Band und manchmal sogar zwei gleichzeitig.

Jimi

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2017 #Fanzine #Egozine #Punk #Deutsch-Punk

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Zine of the Day: Enpunkt (BRD)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Enpunkt #22

Dem Macher dieses Egozines bin ich zum ersten Mal im Sommer 1995 oder 96 über den Weg gelaufen – und zwar auf einem der beiden Fanzine-Treffen in Neuss (bei Düsseldorf). Ich hatte damals gerade die zweite Ausgabe meines eigenen Fanzines veröffentlicht, während Klaus N. Frick mit seinem Enpunkt bereits bei #25 oder #26 angelangt war. Während ich (Jahrgang 1976) also noch blutiger Anfänger in Sachen Zines war, gehörte Klaus (Jahrgang 1963) schon zu den alten Haudegen unter den Zine-Macher*innen.

Seit seiner Jugend im tiefsten Schwarzwald schlagen mindestens zwei Herzen in der Brust von Klaus: Das erste pochte schon etwas früher und zwar für Science Fiction (vor allem für die Perry Rhodan-Heftreihe) und das zweite kurze Zeit danach für Punk/Hardcore und alles was dazu gehört – von Pogo über Pils bis Politik. Über beide Welten und noch viel mehr schreibt Klaus seitdem – in eigenen Fanzines und in denen von anderen.

Sein erstes eigenes Fanzine namens Sagittarius veröffentlichte Klaus 1980. Die erste Ausgabe hatte noch eine Auflage von 100 Stück. Sagittarius professionalisierte sich über die Jahre aber immer weiter und dementsprechend wuchs die Auflagenzahl auch immer weiter an. Bald schon hatte das Heft ein eigenes Redaktionsteam und einen eigenen Verlag. 1986 ging es sogar in den Kioskverkauf, aber schon 1988/89 wurde es aufgrund der Überarbeitung aller Beteiligten und fehlendem wirtschaftlichen Ertrag wieder eingestellt.

Enpunkt #34

Enpunkt #34

1986, als Sagittarius erstmals in den bundesdeutschen Bahnhofskiosken landete und damit den Schritt vom Fanzine zum Magazin machte, brachte Klaus sein Egozine Enpunkt zum ersten Mal heraus. Er blieb damit dem Fanzine-Machen weiterhin treu und schrieb seitdem über alles, was er erlebte, was ihn interessierte, was ihn aufregte, was ihn faszinierte, was ihn begeisterte oder was ihn belustigte. Das war vor allem eine bunte Mischung aus Konzert- und Reiseberichten (letztere vor allem nach Afrika), Reviews von Platten, Filmen, Comics und Büchern, (selbst-)ironischen Alltagsbeobachtungen und aus Artikeln sowohl über Besäufnisse, Abstürze und Entgleisungen (frei nach dem Enpunkt-Motto „Saufen, Hüpfen, Peinlichsein“), als auch über Chaostage, Antifa-Aktionen oder Hausbesetzungen – und in den späteren Ausgaben auch über das Älter-Werden mit alldem. Die wechselnden Untertitel der Enpunkt-Ausgaben spiegeln auch das inhaltliche Spektrum des Hefts wieder. Sie reichen von „Fanzine für Science Fiction, Punk & Dosenbier“ über „Zeitschrift für angewandtes Spießertum“, „Zeitschrift für abgebranntes Spießertum“, „Das Fanzine für Spät-Pubertierende“, „Die Fachzeitschrift für modernen Ausdruckstanz“, „Zeitschrift für den Hobby-Ethnologen“ bis hin zu „Heft für Punkrock, Reisen & Hochkultur“.

Enpunkt #40

Enpunkt #40

Neben dem Enpunkt schrieb Klaus außerdem regelmäßig für andere Fanzines – in den 1980er Jahren für Willi Wuchers berühmt-berüchtigtes Scumfuck Tradition, in den 1990er Jahren für das legendäre Punk/Hardcore-Zine ZAP von Moses Arndt und nach dessen Ableben bis heute für das Ox.
Das Enpunkt blieb daneben über 20 Jahre eine feste Institution in der deutschsprachigen Fanzine-Landschaft, das in schöner regelmäßiger Unregelmäßigkeit erschien und sowohl innerhalb des Science Fiction-Fandoms als auch in der Punk/Hardcore-Szene seine Liebhaber*innen hatte. Im Sommer 2006 erschien mit Enpunkt #43 dann aber die letzte Ausgabe. Noch während der Arbeit an der Folgenummer entschied sich Klaus, Enpunkt als gedrucktes Heft einzustellen. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur der Perry Rhodan-Heftserie, als Autor von Science Fiction-Geschichten und Punk-Romanen, als Leiter von Literatur- und Schreib-Werkstätten und diversen anderen Beschäftigungen fehlte einfach die Zeit und der Nerv, um mit dem Enpunkt weiter zu machen wie bisher.

Nichts desto trotz ist Klaus N. Frick aber  weiterhin ziemlich umtriebig. Unter dem Namen Enpunkt betreibt er sowohl eine Radiosendung auf Querfunk, dem Karlsruher Freien Radio, als auch seit 2005 einen Blog, in dem er beinahe täglich seinen Senf zu all dem gibt, was ihm (immer noch) unter den Nägeln brennt. In einem Interview im Polytox-Webzine erklärt Klaus dazu: „Das ist wie früher mit den Fanzines, weil ich das schreibe, was mich interessiert, und mir ist egal, wer es liest und welche ‚Zielgruppe‘ ich bediene. Also gibt es Punkrock-Texte, kurze Erzählungen, Platten- und Buchbesprechungen, Reiseberichte und allen anderen Kram.“ Und in der Tat liest sich das auch meistens so, als ob es in einer gedruckten Ausgabe des Enpunkt stehen würde – auch wenn die Erzählungen über Besäufnisse in den letzten Jahren ehrlich gesagt stark zurückgegangen sind!

Im Bestand des Archivs der Jugendkulturen gibt es ab Enpunkt #12 (1988) fast alle Ausgaben dieses inzwischen legendären Egozines. Ein Blick hinein lohnt sich auch heute noch und bietet nicht nur ein wunderbares „Sittengemälde“ der Punk/Hardcore-Szene zwischen 1986 und 2006, sondern auch interessante, spannende und unterhaltsame Einblicke in 20 Jahre Dasein einer lebenden Fanzine-Legende mit Haltung und Humor!

Mehr zu erfahren über Klaus N. Frick gibt es in Folge 56 der Reihe Mein Medien-Menü von Christoph Koch, im Polytox-Webzine, im Video-Interview mit Kesselpunks zum Zinefest Mannheim 2015 und natürlich in seinem Enpunkt-Blog. Die Punk-Romane von Klaus wurden im Hirnkost Verlag, ehemals Verlag der Jugendkulturen veröffentlicht, in dem auch seine aktuelle Kurzgeschichten-Sammlung Für immer Punk? erschien.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2017 #Fanzine #Egozine #Punk #Hardcore #ScienceFiction

Zine of the Day: Headspin (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Headspin_8

Titelblatt von Headspin #8

Den Anfang macht dieses Egozine aus den Neunziger Jahren, das bis heute zu meinen absoluten Lieblingsheften zählt. Noch bevor ich im oberbayerischen Weilheim die ersten Gehversuche in Sachen Fanzines wagte, hatte Christoph Koch im nahe gelegenen Fürstenfeldbruck bereits die ersten Ausgaben seines Headspin veröffentlicht. Kennengelernt habe ich ihn und sein Fanzine dann 1992 bei einem gemeinsamen Interview-Termin mit der HipHop-Band Anarchist Academy. Über die Jahre blieben wir im Kontakt, trafen uns immer mal wieder auf einem Konzert, schrieben uns Briefe oder tauschten unsere Hefte.

Was das Headspin von vielen anderen damaligen Fanzines unterschied, waren nicht nur die Unmengen an The Smiths-Zitaten, sondern vor allem die tagebuchartigen Einblicke über das Coming of Age in einer oberbayerischen Kleinstadt. So gab es neben Artikeln über Indie-, Punk- und Hardcore-Bands, Plattenbesprechungen und Konzertberichten auch sehr persönliche Beiträge über das Verliebtsein, über den Tod seiner Mutter oder den ersten Sommer nach dem Abi, die nie pathetisch oder gar peinlich wirkten. Bis 1997 gab Christoph 15 Headspin-Ausgaben heraus, die sich fast alle in der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen befinden.

Nachdem er Fürstenfeldbruck verlassen hatte und zum Studieren nach Münster gezogen war, stellte er sein Heft ein und veröffentlichte mit Linus Volkmann und anderen das Fanzine Komm Küssen, von dem noch einige Nummern erschienen, bevor auch dieses Heft zu Grabe getragen wurde.

Auch nach seiner aktiven Fanzine-Zeit gab Christoph das Schreiben nie auf. Heute lebt er als freiberuflicher Publizist in Berlin, liefert u. a. Beiträge für Vanity Fair, die Süddeutsche Zeitung oder SpiegelOnline und verfasst Bücher über seine diversen Selbst-Versuche – vom Experiment, ein komplettes Jahr ohne Internet und Handy auszukommen bis zur Suche danach, was eigentlich Männlichkeit sein kann und soll.

Mehr über Christoph auf seiner Website – man beachte als jugendkulturelle Referenz das Black Flag-Zeichen als Webpage-Icon! 😉

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2016 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Indie #The Smiths

Christian