Kein Weinfest in Tenever

Dirk T.
Kein Weinfest in Tenever – Eine Bremer Geschichte
Trolsen Verlag 2013
220 Seiten
12,90 €

Kein WeinfestIch-Erzähler Dirk wächst im Bremer Stadtteil Osterholz-Tenever auf und beschreibt seine Jugend als Werder-Bremen-Hooligan. Zündender Funke für den kleinen Dirk, Kind von Mittelschichteltern und durchaus nicht perspektivlos aufwachsend, ist die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 – ein Großereignis für die ganze Familie:

„Nachdem Neeskens den Ball mit voller Wucht in die Maschen gehämmert hatte, wurde nach kurzen Unmutsäußerungen die Stimmung schnell wieder besser, als von Papa für alle ein neues Bier geöffnet wurde und von Onkel Heinzi ‚Bomben auf Amsterdam‘ angestimmt wurde.“

Etwas später lernt der Erzähler die Welt des runden Leders auch bei Stadionbesuchen mit seinem Vater und beim eigenen Fußballtraining kennen. Als Elfjähriger ist er schwer beeindruckt von der ersten Prügelei unter Fans verschiedener Vereine, und mit 13 trinkt er sich mit Schulfreunden zu Sylvester seinen ersten Vollrausch an. Damit sind dann auch die Eckpunkte der biografisch anmutenden Erzählung umrissen.

Fußball an sich ist hier eher Nebensache. Spiele werden oft mit Verspätung besucht oder vorzeitig verlassen – viel wichtiger scheint es, den gegnerischen Fans aufzulauern, um sich gegenseitig zu verprügeln. Und natürlich, sich vor und nach den Spielen gnadenlos zu besaufen. Zu diesem Zweck geht es auch immer wieder auf Reisen, vor allem zu Auswärtsspielen. Eine interessantere Ausnahme hier ist die Begegnung mit einem „Groundhopper“ der mangels ernstzunehmenden Heimatvereins (er kommt aus Bad Schwartau) eine Leidenschaft dafür entwickelt hat, möglichst viele Stadien auf der ganzen Welt zu besuchen. Die gelungenste Episode ist jedoch die Beschreibung einer Englandfahrt, auf welcher der Erzähler zwar letztlich weder das angestrebte Fußballspiel besucht noch den Louvre findet, den er in London vermutet, dafür aber Sympathien für einen englischen Bobby entwickelt, dessen deutsche Kollegen dem jungen Dirk im Allgemeinen nicht sehr freundlich gesonnen sind. Und auch Frauen tauchen hin und wieder in seinen Erzählungen auf, erscheinen aber eher als Trophäen, die man meistens nicht kriegt, oder die nicht allzu lange bleiben.

Kein Weinfest in Tenever liest sich als eine Fortsetzung oder Ergänzung von Ostkurve, dem ersten Buch des Autors. Der vorliegende Band bietet jedoch in erster Linie die Innensicht einer Fußball-zentrierten Männermonokultur, in der ausdauerndes Lamentieren über das eher geringe Interesse an und Verständnis für die Hooligans von Seiten junger Frauen ebenso zum Alltag gehört wie die Sorglosigkeit gegenüber Jobverlust und kleinkriminellen Aktivitäten.

Leser – und es dürften in erster Linie männliche Leser sein, die dieses Buch anspricht – die selbst in ihrer Jugend ähnlich Fußball-bewegt waren (oder es noch sind), werden sicherlich ihre Freude an diesem Band haben, denn wer das alkoholbeflügelte Fan-Dasein selbst erlebt hat, kann die Begeisterung nachfühlen. Für alle anderen erscheint die Lektüre vielmehr als eine Art persönliche Dokumentation einer verschwendeten Jugend, da der Ich-Erzähler am Ende, nach all den Jahren und trotz abgeschlossenen Studiums, als alleinstehender Mann ohne berufliche Perspektiven durchs Leben trudelt und nicht einmal die Ansichten seines Kumpels, der den bevorzugten Fußballverein als seine „große Liebe“ und eine Art Ersatz für Freundin, Familie und alles andere sieht, so recht teilen mag.

„[…] Die beste Frau ist eben immer noch der Verein! Glaub’ mir das. Der Verein ist immer da, egal, ob du reich und berühmt bist oder in der Gosse hängst. Egal, ob er Champions League spielt oder dritte Liga“
Die Getränke wurden vor uns hingestellt.
„So ein Blödsinn kannst auch nur du erzählen! Der Verein ist immer für dich da! Was für ein Schwachsinn! Und wenn ich mal ficken will, was mach ich dann? Dann frag ich Tim Borowski, ob er mal Zeit hat, oder was? Ich will nicht mit Tim Borowski ficken! Außerdem will ich mir meine Freundin nicht mit Tausenden anderer Idioten teilen. Wir haben heute alleine zwanzigtausend Dauerkartenbesitzer, wusstest du das?“, stellte ich besorgt fest, während ich einen besonders großen Schluck Ice Tea durch meinen Strohhalm saugte.
„Dirk, vergiss es einfach! Du kapierst es nicht! Die Liebe zum Verein ist doch nicht zu vergleichen mit der zu einer Frau. Es geht hierbei doch gar nicht ums Ficken, sondern um Dauerhaftigkeit! Nein, um Ewigkeit! Ewige Treue gibt es nur zu deinem Verein. Verstehst du, was ich meine? Oder warst du schon mal einer Freundin ewig treu?“, wollte Terry wissen.
„Ist ja gut! Lass uns einfach über was anderes reden!“

Gabriele Vogel

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Angriff von Rechtsaußen

Ronny Blaschke
Angriff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball missbrauchen
Verlag Die Werkstatt 2011
223 Seiten
16,90 €

9783895337710_0„Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“ war einer der harmloseren Gesänge, die die Zuschauerinnen und Zuschauer des Spiels der neugegründeten SG Leipzig‑Leutzsch gegen Roter Stern Leipzig im September dieses Jahres vernehmen durften. Etwas deutlichere Rufe wie beispielsweise „Teutonisch, barbarisch – wir Leutzscher, wir sind arisch!“, von anwesenden Anhängern des Roten Sterns per Handy‑Video dokumentiert, wurden im Nachhinein durch die Vereinsführung der SGLL schlicht geleugnet. Dem Gegner drohte man mit rechtlichen Schritten, sollte dieser die Vorfälle weiter öffentlich thematisieren. Nachdem der Druck auf die Verantwortlichen des Vereins wuchs und sich der sächsische Fußballverband sowie die Stadt Leipzig einschalteten, wurde man in Leutzsch ein wenig kleinlauter. Im Stadionheft ließ der Vorstand in einem Vorwort dennoch verlauten, die Gesellschaft drücke „dem Fußball ihr hässliches Gesicht auf“, „politisch unkorrekte Fangesänge“ führten nicht dazu, „dass ein aufrechter Bürger nach dem Abpfiff zur Eisenstange greift“. Unterschrieben war der Text mit „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“ – übersetzt in sieben Sprachen.

Mit Eisenstangen wiederum hatte der Rote Stern Leipzig bereits im Oktober 2009 leidvolle Erfahrungen machen müssen, als eine Gruppe von fünfzig Neonazis Fans, Spieler und Funktionäre während eines Auswärtsspiels in Brandis angriff und zum Teil schwer verletzte. Mit den Vorfällen von Brandis findet das Buch Angriff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball missbrauchen von Ronny Blaschke seine Einleitung. Blaschke hat Sport- und Politikwissenschaften an der Universität Rostock studiert und lebt als freier Journalist und Autor in Berlin. Für ein Dossier in der ZEIT, welches die Unterwanderung eines anderen Leipziger Fußballclubs, des 1. FC Lokomotive durch organisierte Neonazis zum Thema hatte, wurde er 2009 zum Sportjournalisten des Jahres gekürt. Sein Buch, erschienen im Verlag Die Werkstatt, nimmt sich nun, in Form einer Sammlung von Reportagen und Interviews, der Thematik über die Grenzen Leipzigs hinaus an. Dabei verfährt Blaschke wie schon bei o. g. Dossier: Er stützt sich nicht auf Statistiken oder andere Quellen, sondern recherchiert vor Ort. So führten ihn seine Reisen etwa nach Rönsahl, unweit von Lüdenscheid, wo der NPD‑Funktionär Stephan Haase als Schiedsrichter Spiele der Kreisliga leitet, oder in eine thüringische Kleinstadt, in der ein Neonazi der SG Germania vorsteht, um Jugendliche an die örtliche Kameradschaftsszene heranzuführen. Dass der Autor nicht nur mit Sozialarbeitern, einer Sportmediatorin oder einem Gewaltforscher spricht, sondern auch Neonazis in Interviews ausführlich zu Wort kommen lässt, erscheint zunächst zumindest ungewöhnlich. Er hofft hingegen, dass, wer deren „abstruse Opfer‑ und Verschwörungstheorien wortwörtlich“ dokumentiere, ihnen damit „die demagogische und aufrührerische Kraft“ nehme. Dies gelingt dem Buch insbesondere dann, wenn deutlich wird, wo für Rechtsextreme theoretische Anknüpfungspunkte an Fußball‑Fanszenen entstehen, etwa bei der in Fankreisen populären, meist wenig reflektierten Kritik an einem sogenannten modernen Fußball, sprich der Kommerzialisierung und Globalisierung des Profibereichs.

In der zweiten Hälfte verlässt der gut 200‑seitige Band das mit dem Titel sehr eng gesteckte Themenfeld und begibt sich auf Ursachenforschung und die Suche nach Lösungsansätzen. Erziehungswissenschaftler, Fanprojekte, aber auch DFB‑Präsident Theo Zwanziger und der in Deutschland aufgewachsene türkische Nationalspieler Halil Altintop werden befragt. Blaschke berichtet über die jüdische Makkabi‑Bewegung und beschäftigt sich mit Antiziganismus in Ungarn. Oft bleibt das Buch dabei nur an der Oberfläche der zahlreichen Themen, schafft es damit aber, einen Überblick zu verschaffen über die ebenso vielen Probleme, mit denen der Fußballsport behaftet ist – Probleme, die ihm oftmals sein „hässliches Gesicht“ zeichnen und denen er sich als Teil dieser Gesellschaft zu stellen hat. Dass die Sensibilität hierfür vielerorts noch nicht vorhanden ist, zeigen Blaschkes Bestandsaufnahmen des Alltags auf deutschen Sportplätzen und in den Stadien nur allzu deutlich. Seinem Buch bleibt zu wünschen, dass es diesem Zustand entgegen wirken kann.

Leyla Dewitz

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)