#IZM2020 „Who’s that Zinester?“

Seit einigen Jahren beteiligen wir uns am International Zine Month, so auch in diesem Jahr. Die Beiträge bündeln wir unter dem Hashtag #IZM2020. Bisher haben wir als Mitarbeiter*innen hauptsächlich Zines vorgestellt, die uns wichtig sind oder die wir neu in der Sammlung haben. Für dieses Jahr haben wir uns eine neue Rubrik überlegt: „Whos that Zinester?“

Heute ist der letzte Tag des International Zine Month und wir haben noch noch ein Zinester-Feature für euch im Rahmen unserer neu initiierten #IZM-Rubrik „Who’s that Zinester?“

Diesmal geht es um Fußballfankultur. Auch dazu haben wir eine nicht unerhebliche Menge an Fanzines. Jan/LeToMaGiC-Zine hat vor einigen Jahren im Rahmen unseres Forschungsprojektes JuBri- Techniken jugendlicher Bricolage glücklicherweise dazu beigetragen, unsere Sammlung dahingehend zu erweitern.

Der Kontakt wurde nun vor gut einem Jahr lustigerweise via Twitter zwischen Jan und unserer Kollegin Giuseppina, ohne dass es um Zines oder Fußballfankultur ging, wieder aufgenommen. Beide waren ohne Kenntnis voneinander 2019 auf dem großartigen Big Joanie Konzert in Hamburg und haben sich darüber ausgetauscht. Und da lag die Idee nahe, Jan zu bitten, Teil unserer neuen Rubrik „Who’s that Zinester?“ zu werden. Hier nun Jans (LeToMaGic-Zine) Antworten. Viel Spaß!

Tell us about your zine/project!

Letters To Marina Ginesta Coloma is a handcut and handsewn mini artzine about politics, beer, zine libraries and football. It is inspired by Subbuteo, record cover art, Pixi Books and Slinkachu. I visit different places and leave a small, individual painted figure – with an upraised fist to greet Marina Ginesta – on a bottle cap there. The zine itself is a letter to Marina Ginesta i Coloma where I report on these trips. The last but second page always holds a DIY sticker that can be coloured and finished by the readers. I’m always looking forward to receiving stickers from nice spots around the world. If you’re interested in checking it out, you can find it as @LeToMaGiC on Twitter and Issu.

What was the reason to start your own zine? Did someone or something inspire you?

I started to publish a football fanzine for my local non league club around 15 years ago. The first one ran for ten years and was inspired by the ‚Weltbühne‘ magazine from the 1920s. I’ve experimented with a lot of different subjects and sizes since – I’ve published perzines, art zines, a poetry zine, political/historical zines and a photo zine.

What is the first zine you ever fell in love with?

I’m not sure if they would call their publication a zine, but I was fascinated by ‚Der Tödliche Pass‘ very early on. The first zine where I couldn’t wait for the next issue to be published was ‚The Moral Victory‘ by Josie and Louis.

A zine you would recommend because it deals with issues you care about

My favourite zines are those with a political motivation. I like to read zines with a special kind of humour as well as ‚zine zines‘, too. And I love zines that show a special enthusiasm for a thing or person and explore these from new perspectives again and again. That’s why I’m a big fan of ‚Dishwasher Pete‘, the ‚Wes Anderzine‘ or the various zines about Taylor Swift and Patti Smith. Though ‚Butt Springsteen‘ is a good title, too.

Zine related places you visited or want to visit in the future? Tell us why!

I’m always looking for cities, towns and villages where you can find a zine library or collection, a brewery and a local football club. I love to visit these places for my LeToMaGiC zine. I’ve been to Barcelona, London, Altona, Istanbul, Brussels, Manchester, Forlí, Berlin, Athens, Sydney, Melbourne, Vienna, Salzburg, Arnhem, Toronto, Reykjavik, Riga, Bergen, Oslo, York, Plymouth and Falmouth so far. But I’m always up for hints and suggestions!

What projects are you involved in besides publishing zines?

I like any kind of arts and crafts. I was very happy that the wonderful ‚Illustrated Women In History‘ project accepted my first ever silhouette cut-out, for example. I always try to donate any profits of my zines to good causes. So we were the first German football supporters who followed the very important initiative ‚On The Ball‘ (@OnTheBaw) and made period products available at our stadiums for free.

A collaboration you are dreaming about?

One of the best things about the zine community is swapping zines and contributions. I’ve done a few over the last years, but some of the contacts faded away over time as I’m bad at staying in contact with people. I would love to do another zine with Nikos, who I first met at the Athens Zinefest. And I’m always inspired by the work of Nyx from Sea Green Zines.

What would you be more interested in? A zine about cats or dogs?

I have to admit, it should be about Alpacas for me. As there have been football zines like ‚Can I Bring My Dog‘ (Dundee Utd) and ‚Gone To The Dogs‘ (Canterbury) I would go with the dogs here. Perhaps Ruth (@nonleaguedogs) may compile one some day?

A zine about your teen crush would be about?

I would love to say it would have been about Sara Gilbert or Alyssa Milano, but in fact it would have been about Tipp-Kick figures or collecting cards.

Which fellow zinester would you rob a bank with and why?

Mika and Chriz who were brave enough to share a table with me at the Berlin Zinefest in 2014 without ever meeting me in person before. And I’m pretty sure they will get away with the money and donate it to a good cause while I’m getting arrested.

Your life motto or a message you want to share

If the kids are united, they will never be divided.

Danke Jan für deine Antworten, sowie Danke an alle weiteren Zinesters (Evelyn/Vinyldyke-Zine, Nina/SameHeartbeats-Zine, Lilli/Diverse Comics und Fanzines), die mitgemacht haben. Damit verabschieden wir uns aus dem diesjährigen International Zine Month. See you next year.

Kein Weinfest in Tenever

Dirk T.
Kein Weinfest in Tenever – Eine Bremer Geschichte
Trolsen Verlag 2013
220 Seiten
12,90 €

Kein WeinfestIch-Erzähler Dirk wächst im Bremer Stadtteil Osterholz-Tenever auf und beschreibt seine Jugend als Werder-Bremen-Hooligan. Zündender Funke für den kleinen Dirk, Kind von Mittelschichteltern und durchaus nicht perspektivlos aufwachsend, ist die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 – ein Großereignis für die ganze Familie:

„Nachdem Neeskens den Ball mit voller Wucht in die Maschen gehämmert hatte, wurde nach kurzen Unmutsäußerungen die Stimmung schnell wieder besser, als von Papa für alle ein neues Bier geöffnet wurde und von Onkel Heinzi ‚Bomben auf Amsterdam‘ angestimmt wurde.“

Etwas später lernt der Erzähler die Welt des runden Leders auch bei Stadionbesuchen mit seinem Vater und beim eigenen Fußballtraining kennen. Als Elfjähriger ist er schwer beeindruckt von der ersten Prügelei unter Fans verschiedener Vereine, und mit 13 trinkt er sich mit Schulfreunden zu Sylvester seinen ersten Vollrausch an. Damit sind dann auch die Eckpunkte der biografisch anmutenden Erzählung umrissen.

Fußball an sich ist hier eher Nebensache. Spiele werden oft mit Verspätung besucht oder vorzeitig verlassen – viel wichtiger scheint es, den gegnerischen Fans aufzulauern, um sich gegenseitig zu verprügeln. Und natürlich, sich vor und nach den Spielen gnadenlos zu besaufen. Zu diesem Zweck geht es auch immer wieder auf Reisen, vor allem zu Auswärtsspielen. Eine interessantere Ausnahme hier ist die Begegnung mit einem „Groundhopper“ der mangels ernstzunehmenden Heimatvereins (er kommt aus Bad Schwartau) eine Leidenschaft dafür entwickelt hat, möglichst viele Stadien auf der ganzen Welt zu besuchen. Die gelungenste Episode ist jedoch die Beschreibung einer Englandfahrt, auf welcher der Erzähler zwar letztlich weder das angestrebte Fußballspiel besucht noch den Louvre findet, den er in London vermutet, dafür aber Sympathien für einen englischen Bobby entwickelt, dessen deutsche Kollegen dem jungen Dirk im Allgemeinen nicht sehr freundlich gesonnen sind. Und auch Frauen tauchen hin und wieder in seinen Erzählungen auf, erscheinen aber eher als Trophäen, die man meistens nicht kriegt, oder die nicht allzu lange bleiben.

Kein Weinfest in Tenever liest sich als eine Fortsetzung oder Ergänzung von Ostkurve, dem ersten Buch des Autors. Der vorliegende Band bietet jedoch in erster Linie die Innensicht einer Fußball-zentrierten Männermonokultur, in der ausdauerndes Lamentieren über das eher geringe Interesse an und Verständnis für die Hooligans von Seiten junger Frauen ebenso zum Alltag gehört wie die Sorglosigkeit gegenüber Jobverlust und kleinkriminellen Aktivitäten.

Leser – und es dürften in erster Linie männliche Leser sein, die dieses Buch anspricht – die selbst in ihrer Jugend ähnlich Fußball-bewegt waren (oder es noch sind), werden sicherlich ihre Freude an diesem Band haben, denn wer das alkoholbeflügelte Fan-Dasein selbst erlebt hat, kann die Begeisterung nachfühlen. Für alle anderen erscheint die Lektüre vielmehr als eine Art persönliche Dokumentation einer verschwendeten Jugend, da der Ich-Erzähler am Ende, nach all den Jahren und trotz abgeschlossenen Studiums, als alleinstehender Mann ohne berufliche Perspektiven durchs Leben trudelt und nicht einmal die Ansichten seines Kumpels, der den bevorzugten Fußballverein als seine „große Liebe“ und eine Art Ersatz für Freundin, Familie und alles andere sieht, so recht teilen mag.

„[…] Die beste Frau ist eben immer noch der Verein! Glaub’ mir das. Der Verein ist immer da, egal, ob du reich und berühmt bist oder in der Gosse hängst. Egal, ob er Champions League spielt oder dritte Liga“
Die Getränke wurden vor uns hingestellt.
„So ein Blödsinn kannst auch nur du erzählen! Der Verein ist immer für dich da! Was für ein Schwachsinn! Und wenn ich mal ficken will, was mach ich dann? Dann frag ich Tim Borowski, ob er mal Zeit hat, oder was? Ich will nicht mit Tim Borowski ficken! Außerdem will ich mir meine Freundin nicht mit Tausenden anderer Idioten teilen. Wir haben heute alleine zwanzigtausend Dauerkartenbesitzer, wusstest du das?“, stellte ich besorgt fest, während ich einen besonders großen Schluck Ice Tea durch meinen Strohhalm saugte.
„Dirk, vergiss es einfach! Du kapierst es nicht! Die Liebe zum Verein ist doch nicht zu vergleichen mit der zu einer Frau. Es geht hierbei doch gar nicht ums Ficken, sondern um Dauerhaftigkeit! Nein, um Ewigkeit! Ewige Treue gibt es nur zu deinem Verein. Verstehst du, was ich meine? Oder warst du schon mal einer Freundin ewig treu?“, wollte Terry wissen.
„Ist ja gut! Lass uns einfach über was anderes reden!“

Gabriele Vogel

Angriff von Rechtsaußen

Ronny Blaschke
Angriff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball missbrauchen
Verlag Die Werkstatt 2011
223 Seiten
16,90 €

9783895337710_0„Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“ war einer der harmloseren Gesänge, die die Zuschauerinnen und Zuschauer des Spiels der neugegründeten SG Leipzig‑Leutzsch gegen Roter Stern Leipzig im September dieses Jahres vernehmen durften. Etwas deutlichere Rufe wie beispielsweise „Teutonisch, barbarisch – wir Leutzscher, wir sind arisch!“, von anwesenden Anhängern des Roten Sterns per Handy‑Video dokumentiert, wurden im Nachhinein durch die Vereinsführung der SGLL schlicht geleugnet. Dem Gegner drohte man mit rechtlichen Schritten, sollte dieser die Vorfälle weiter öffentlich thematisieren. Nachdem der Druck auf die Verantwortlichen des Vereins wuchs und sich der sächsische Fußballverband sowie die Stadt Leipzig einschalteten, wurde man in Leutzsch ein wenig kleinlauter. Im Stadionheft ließ der Vorstand in einem Vorwort dennoch verlauten, die Gesellschaft drücke „dem Fußball ihr hässliches Gesicht auf“, „politisch unkorrekte Fangesänge“ führten nicht dazu, „dass ein aufrechter Bürger nach dem Abpfiff zur Eisenstange greift“. Unterschrieben war der Text mit „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“ – übersetzt in sieben Sprachen.

Mit Eisenstangen wiederum hatte der Rote Stern Leipzig bereits im Oktober 2009 leidvolle Erfahrungen machen müssen, als eine Gruppe von fünfzig Neonazis Fans, Spieler und Funktionäre während eines Auswärtsspiels in Brandis angriff und zum Teil schwer verletzte. Mit den Vorfällen von Brandis findet das Buch Angriff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball missbrauchen von Ronny Blaschke seine Einleitung. Blaschke hat Sport- und Politikwissenschaften an der Universität Rostock studiert und lebt als freier Journalist und Autor in Berlin. Für ein Dossier in der ZEIT, welches die Unterwanderung eines anderen Leipziger Fußballclubs, des 1. FC Lokomotive durch organisierte Neonazis zum Thema hatte, wurde er 2009 zum Sportjournalisten des Jahres gekürt. Sein Buch, erschienen im Verlag Die Werkstatt, nimmt sich nun, in Form einer Sammlung von Reportagen und Interviews, der Thematik über die Grenzen Leipzigs hinaus an. Dabei verfährt Blaschke wie schon bei o. g. Dossier: Er stützt sich nicht auf Statistiken oder andere Quellen, sondern recherchiert vor Ort. So führten ihn seine Reisen etwa nach Rönsahl, unweit von Lüdenscheid, wo der NPD‑Funktionär Stephan Haase als Schiedsrichter Spiele der Kreisliga leitet, oder in eine thüringische Kleinstadt, in der ein Neonazi der SG Germania vorsteht, um Jugendliche an die örtliche Kameradschaftsszene heranzuführen. Dass der Autor nicht nur mit Sozialarbeitern, einer Sportmediatorin oder einem Gewaltforscher spricht, sondern auch Neonazis in Interviews ausführlich zu Wort kommen lässt, erscheint zunächst zumindest ungewöhnlich. Er hofft hingegen, dass, wer deren „abstruse Opfer‑ und Verschwörungstheorien wortwörtlich“ dokumentiere, ihnen damit „die demagogische und aufrührerische Kraft“ nehme. Dies gelingt dem Buch insbesondere dann, wenn deutlich wird, wo für Rechtsextreme theoretische Anknüpfungspunkte an Fußball‑Fanszenen entstehen, etwa bei der in Fankreisen populären, meist wenig reflektierten Kritik an einem sogenannten modernen Fußball, sprich der Kommerzialisierung und Globalisierung des Profibereichs.

In der zweiten Hälfte verlässt der gut 200‑seitige Band das mit dem Titel sehr eng gesteckte Themenfeld und begibt sich auf Ursachenforschung und die Suche nach Lösungsansätzen. Erziehungswissenschaftler, Fanprojekte, aber auch DFB‑Präsident Theo Zwanziger und der in Deutschland aufgewachsene türkische Nationalspieler Halil Altintop werden befragt. Blaschke berichtet über die jüdische Makkabi‑Bewegung und beschäftigt sich mit Antiziganismus in Ungarn. Oft bleibt das Buch dabei nur an der Oberfläche der zahlreichen Themen, schafft es damit aber, einen Überblick zu verschaffen über die ebenso vielen Probleme, mit denen der Fußballsport behaftet ist – Probleme, die ihm oftmals sein „hässliches Gesicht“ zeichnen und denen er sich als Teil dieser Gesellschaft zu stellen hat. Dass die Sensibilität hierfür vielerorts noch nicht vorhanden ist, zeigen Blaschkes Bestandsaufnahmen des Alltags auf deutschen Sportplätzen und in den Stadien nur allzu deutlich. Seinem Buch bleibt zu wünschen, dass es diesem Zustand entgegen wirken kann.

Leyla Dewitz

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)