22 Strategien

Ian F. Svenonius
22 Strategien für die erfolgreiche Gründung einer Rockband
Metrolit 2014
320 Seiten
18,00 €

met-svenonius-1Eine Person „vom Fach“ schreibt hier mit imaginärer Unterstützung durch einige sehr berühmte, leider schon verstorbener Rockstars ein Buch, das Mechanismen und Haltungen im und um Rockleben und -business beleuchtet. Svenonius hat mit seinen Bands wie The Make-Up oder Chain & the Gang ekstatische Konzerte in manchen Momenten durchaus auch mal in marxistische Seminare abgleiten lassen. Jetzt gibt es ein Buch, das Kapitalismuskritik und gewagte kulturtheoretische Thesen griffig komprimiert verbindet.

Das ganze Buch ist in einem zornigen Ton gehalten, desillusionierend und dabei höchst amüsant. Es geht weniger – nein, gar nicht – um Dinge wie Chartserfolge oder Airplay, sondern um Fans, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit. Besonderes Augenmerk legt er auf die Haltung, die von ihm einerseits als gesellschaftliche verstanden, andererseits aufs Ästhetische bezogen wird.

Bei allen individuellen Ratschlägen sieht er die Einzelnen immer als Gegenüber der Gesellschaft, die einerseits eher andere Interessen hat und andererseits Teil von größeren Zusammenhängen ist. So geht er davon aus, dass die Erfindung des Rock während des Kalten Krieges eine Antwort des Westens auf die Heilsversprechen des Kommunismus war. Eine These, die noch nicht oft geäußert wurde und auch noch nicht wissenschaftlich begründet ist. Wesentlich schlüssiger ist die Ableitung des Begriffs „Band“ und ihres Images aus kleinkriminellen jugendlichen Straßenbanden. Dies erklärt auch die Vorherrschafft junger Männer im Rock-Business, dass Rotzigkeit eine Tugend und eine ehrliche Von-Unten-Attitüde stets gern gesehen ist. Auch das einheitlich geschlossene Auftreten und die Ikonographie eines typischen Band- oder Coverbildes lassen sich auf diesen kulturellen Hintergrund zurückführen.

Wir erfahren, was das Publikum am häufigsten fordert: immer das Gleiche. Dies begründet er mit der fortschreitenden Entfremdung des Lebens und der Arbeit seit der Industrialisierung. Die Menschen seien Veränderungen unterworfen, die sie nicht selber unter Kontrolle hätten und entwickeln als Gegenimpuls quasi maschinenähnlich monotone Vorlieben. Außerdem beleuchtet er bandinterne Prozesse, den Bandbus, den Umgang mit Fans, die erste Plattenaufnahme und den Probenraum.

Insgesamt ist das zwar schon eine brauchbare „Anleitung“, aber viel mehr eine scharfzüngige Abrechnung mit dem Business sowie allem was über den Rock’n’Roll geschrieben und erzählt wird. Aber auch eine Liebeserklärung und Ermutigung an all jene, die es trotzdem probieren.

Peter Auge Lorenz

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Kapitalistischer Realismus

Sighard Neckel (Hg)
Kapitalistischer Realismus – Von der Kunstaktion zur Gesellschaftskritik
Campus-Verlag 2010
308 Seiten
29,90 €

csm_9783593391823_23a493d39bAuch der Kapitalismus ist nicht mehr so, wie er einmal war: Er hat sich verändert, ist vielschichtiger, bunter, lebendiger und vor allem wandlungsfähiger geworden. Der Clou dieses neuen Kapitalismus ist, dass er imstande ist, „Künstlerkritik“, von Künstlern, Kreativen und Intellektuellen geäußerte Kritik, aufzusaugen, sie zu integrieren und anschließend wieder auszuspucken. Auf diese Weise werden Kritik, Widersprüche und Einwände zur neuen Antriebskraft des Kapitalismus, sie befördern dessen Innovation, Flexibilität und Wandlungsfähigkeit. Dies ist die zentrale These, die die Sozialwissenschaftler Ève Chiapello und Luc Boltanski in ihrem epochalen Werk Der neue Geist des Kapitalismus (2003) formulieren.Früher war halt alles besser: Die Rente war sicher, das Wetter im Sommer schöner und die Jugendlichen hatten Besseres zu tun, als Leute zu verprügeln und sich ins Koma zu saufen.

Mit der Wandlungsfähigkeit und Allgegenwärtigkeit des Kapitalismus, seinem Eindringen in alle Lebensbereiche und Nischen beschäftigt sich dieser, aus einer Ringvorlesung an der Universität Wien hervorgegangene Essayband. Die Ringvorlesung zum Thema „Kapitalistischer Realismus. Ethik, Ästhetik und Ökonomie in der Gesellschaft der Gegenwart“ wurde unter dem Eindruck der jüngsten Weltwirtschaftskrise im Jahr 2009 abgehalten und hat bis zum Jahr 2011 nichts an Aktualität eingebüßt.

Den Ausgangspunkt des Essaybandes bildet eine Kunstaktion der Düsseldorfer Künstler Gerhard Richter und Konrad Lueg namens „Leben mit Pop – Eine Demonstration des kapitalistischen Realismus“ aus dem Jahr 1963. Dabei präsentierten die Künstler eine, für die damalige Zeit des Wirtschaftswunders typische, Wohn‑ und Schlafzimmereinrichtung in einem Möbelhaus – eine ästhetische Entlarvung bürgerlicher Konsum‑ und Lebensgewohnheiten. Diese Zurschaustellung deutschen Bürgertums bezog sich jedoch, im Gegensatz zur angloamerikanischen Pop‑Art, nicht auf das Neue, Junge und Glanzvolle dieser Lebenswelt, sondern offenbarte eine gewisse Biederkeit, wenn nicht gar Lächerlichkeit – auch wenn die Intention Richters und Luegs nicht als gesellschaftskritisch, sondern als ironisch verstanden werden wollte.

Fast 50 Jahre später unternimmt die Ringvorlesung eine weitere Analyse kapitalistischer Lebenswelten, diesmal allerdings mit einer klar gesellschaftskritischen Konnotierung. Die 14 Beiträge darin sind punktuelle Beschreibungen und Analysen des kapitalistischen Realismus und entstammen den Disziplinen der Soziologie, Philosophie, Kunsttheorie, Publizistik, den Erziehungswissenschaften, der politischen Ökonomie und der Kulturforschung. Die Themenfelder sind grob in die vier Bereiche Ästhetik, Ökonomisierung, Distinktionen und Konsum gegliedert.

Einleitend beschreibt der Soziologe Sighard Neckel die zentralen Phasen der kapitalistischen Entwicklung sowie Grundzüge des heutigen Kapitalismus. Als erste Phase ist die industrielle Revolution anzusehen, die durch technische Innovationen Massenproduktion und Konsum in einem zuvor ungekannten Ausmaß ermöglichte und einen großen gesellschaftlichen Fortschritt bewirkte. Nach dem Ersten Weltkrieg folgte die zweite Phase, die durch die hoch spezialisierte Arbeitsteilung des Industriekapitalismus geprägt war und großen Teilen der Bevölkerung materiellen Wohlstand bescherte.

Nun befinden wir uns seit den 1980er Jahren in der dritten Phase, dem „Kapitalismus 3.0“: Die graue, eintönige und standardisierte Arbeitswelt des Industriekapitalismus ist einem flexibilisierten und individualisierten Markt‑ und Netzwerkkapitalismus im Zeichen des „New Management“ gewichen. Sicherheit wurde gegen Freiheit eingetauscht, starre und feste Verhältnisse wurden durch Flexibilität und Befristung ersetzt. Der Beruf dient fortan nicht mehr lediglich dem Broterwerb, sondern soll durch gesteigerte individuelle Eigenverantwortlichkeit Selbstverwirklichung und Befriedigung liefern. Mobilität, Flexibilität, Kreativität und Verfügbarkeit werden zu gesellschaftlichen Imperativen, das ganze Leben wird zu einem „Projekt“, dessen Gestaltung und Erfolg, auch jenseits der Arbeitsverhältnisse, jedem Selbst obliegen. Der Kapitalismus dringt so auch in das Privatleben ein, wird zum dominanten Lebensstil und prägt die gesamte Kultur.

So beschreibt Poptheoretiker Diedrich Diederichsen im Anschluss die so genannte „Nietzsche‑Ökonomie“: Intensität, Steigerung und Verschwendung gewinnen die Oberhand über eine vormals dominierende Kultur der Intention. Auch von einer Ökonomisierung ehemals weitgehend unabhängige Bereiche wie Kunst und Kritik werden vom Markt vereinnahmt, wie Isabelle Graw in ihrem Beitrag über den Kunstmarkt aufzeigt. Kunst und Markt stellen keine unüberbrückbaren Gegensätze mehr dar, sondern sind meist eng miteinander verflochten.

Popmusik spielt in diesem neuen Kapitalismus eine wichtige Rolle. Der Beitrag des Journalisten Robert Misik gibt Aufschluss darüber, wie das Popmusik‑Ethos in Form von Coolness und Kreativität in das Wirtschaftsleben aufgenommen wurde. „Kulturelle Allesfresser“ nennt Michael Parzer die neuen Netzwerkkapitalisten und zeigt anhand des Beispiels des ehemaligen Bundesverteidigungsministers und CSU‑Säulenheiligen, Karl‑Theodor zu Guttenberg, dass sich eine Vorliebe für Mozart und AC/DC nicht ausschließen müssen. Es sei vielmehr von Vorteil, sich in möglichst vielen Genres und Bereichen auszukennen, überall mitreden zu können, Kontakte zu knüpfen und so soziales und kulturelles Kapital zu mehren.

Natürlich werden auch die Ursachen und Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise behandelt, wenn etwa bei Birgit Mahnkopf von der „Satansmühle“ der kapitalistischen Ökonomie die Rede ist. Sie sieht in den Bankenrettungen nur eine weitere Ölung dieser „Satansmühle“ und fordert eine drastischere Regulierung der Märkte und eine Abkehr von der kapitalistischen Wachstumslogik.

Spätestens bei der Abhandlung Andrea Roedigs „Zum Geschlecht des Kapitalismus“ – der kommerziellen Ausschlachtung und Verstärkung geschlechtsspezifischer Stereotype durch das Marketing – und Manfred Prischlings Beschreibung des nach Erlebnis und Konsum hungernden kapitalistischen Subjekts beschleicht einen das dumpfe Gefühl, dass er wohl wirklich überall ist, dieser neue Kapitalismus. Doch gibt es denn kein Entkommen, keine Möglichkeit der Kritik oder gar der Rebellion?

Auf diese Frage versucht Ulrich Bröckling im letzten Beitrag einzugehen, wenn er sich der Möglichkeit „anders anders“ zu sein widmet. Eine solche Kritik könne seiner Meinung nach nicht in der bloßen Verneinung und Abkehr der Verhältnisse liegen, da genau dies ein elementarer Bestandteil des Kapitalismus sei und die Voraussetzung für die geforderte Herstellung von Alleinstellungsmerkmalen und Innovationen darstelle. Es sei vielmehr erforderlich, in bestimmten Momenten „anders anders“ zu sein.

Insgesamt ist der Essayband Kapitalistischer Realismus. Von der Kunstaktion zur Gesellschaftskritik als überaus lesenswertes und wichtiges Buch einzuordnen. Die teils soziologische Sprache macht es vielleicht nicht für jeden leicht verständlich, doch die Lektüre lohnt sich allemal. Wer sich für eine interdisziplinäre und breit gefächerte, wenn auch nicht allumfassende, Beschreibung gegenwärtiger kapitalistischer Verhältnisse interessiert, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen, wenngleich es einen etwas ratlos und leicht verstimmt im kapitalistischen Realismus zurücklässt. Und so bleibt nach der Lektüre dieses Buchs die Frage: War früher vielleicht wirklich alles besser?

Dominik Redemann

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)