Zine of the Day: Headspin (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Headspin_8

Titelblatt von Headspin #8

Den Anfang macht dieses Egozine aus den Neunziger Jahren, das bis heute zu meinen absoluten Lieblingsheften zählt. Noch bevor ich im oberbayerischen Weilheim die ersten Gehversuche in Sachen Fanzines wagte, hatte Christoph Koch im nahe gelegenen Fürstenfeldbruck bereits die ersten Ausgaben seines Headspin veröffentlicht. Kennengelernt habe ich ihn und sein Fanzine dann 1992 bei einem gemeinsamen Interview-Termin mit der HipHop-Band Anarchist Academy. Über die Jahre blieben wir im Kontakt, trafen uns immer mal wieder auf einem Konzert, schrieben uns Briefe oder tauschten unsere Hefte.

Was das Headspin von vielen anderen damaligen Fanzines unterschied, waren nicht nur die Unmengen an The Smiths-Zitaten, sondern vor allem die tagebuchartigen Einblicke über das Coming of Age in einer oberbayerischen Kleinstadt. So gab es neben Artikeln über Indie-, Punk- und Hardcore-Bands, Plattenbesprechungen und Konzertberichten auch sehr persönliche Beiträge über das Verliebtsein, über den Tod seiner Mutter oder den ersten Sommer nach dem Abi, die nie pathetisch oder gar peinlich wirkten. Bis 1997 gab Christoph 15 Headspin-Ausgaben heraus, die sich fast alle in der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen befinden.

Nachdem er Fürstenfeldbruck verlassen hatte und zum Studieren nach Münster gezogen war, stellte er sein Heft ein und veröffentlichte mit Linus Volkmann und anderen das Fanzine Komm Küssen, von dem noch einige Nummern erschienen, bevor auch dieses Heft zu Grabe getragen wurde.

Auch nach seiner aktiven Fanzine-Zeit gab Christoph das Schreiben nie auf. Heute lebt er als freiberuflicher Publizist in Berlin, liefert u. a. Beiträge für Vanity Fair, die Süddeutsche Zeitung oder SpiegelOnline und verfasst Bücher über seine diversen Selbst-Versuche – vom Experiment, ein komplettes Jahr ohne Internet und Handy auszukommen bis zur Suche danach, was eigentlich Männlichkeit sein kann und soll.

Mehr über Christoph auf seiner Website – man beachte als jugendkulturelle Referenz das Black Flag-Zeichen als Webpage-Icon! 😉

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2016 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Indie #The Smiths

Christian

Deutschboden

Moritz von Uslar
Deutschboden – Eine teilnehmende Beobachtung
Kiepenheuer & Witsch 2010
379 Seiten
19,95 €

9783462042566Drei Sommermonate in Brandenburg: Mai, Juni, Juli 2009. Moritz von Uslar bemüht sich um größtmögliche Authentizität und gibt den blasierten Hauptstädter mit Kolonialherrenattitüde auf der Suche nach den unbekannten Welten Ostdeutschlands und seiner Eingeborenen. Als Ich-Erzähler mit chauvinistischem Journalistenhabitus unterbreitet er seinem besten Kumpel nebst (namenloser) „Blondine“ zwischen Steak und Champagner den Plan einer „teilnehmenden Beobachtung“ im Umland Berlins. Ausgerüstet wie ein Ethnologe mit albernem Hütchen – eines Tropenhelms bedarf es auch im Sommer in Brandenburg dann doch nicht – und modernstem Aufnahmegerät macht er sich auf den Weg in die Kleinstadt „Oberhavel“, eine Autostunde nördlich von Berlin. Hier säuft er sich erst einmal in einer der Dorfkneipen fest – der beste Weg um in einem eingeschworenen Unterklassen‑Männerbund einen Fuß in die Tür zu kriegen.

Die männlichen Eingeborenen klassifiziert der Autor als Prolls und so beschreibt er sie dann auch, als „Proll‑Fighter“ in mehr oder weniger gut ausgestatteter Variation, so wie ihre Autos. Doch je besser er seine Protagonisten kennen lernt, desto mehr werden sie zu Menschen mit eigener Persönlichkeit und Geschichte. Und damit nimmt die Story den Verlauf einer klassischen, unreflektierten ethnologischen Anfängerforschung. Die zu Beginn zu Prolls herabgewürdigten und verallgemeinerten Wilden werden zunehmend heroisiert, da sie, die Chance der positiven Selbstdarstellung erkennend und nutzend, durchaus freundschaftlich mit dem Großstadtreporter umgehen. Am Schluss kriegt dieser es aber doch ab, ausgerechnet im örtlichen Boxclub, der zweiten Bastion marginalisierter Männlichkeit. „Westsau“ kommentiert der Kleinstadtboxer, nachdem er den Reporter umgehauen hat. Der Trainer schimpft, aber der Pfeil hat getroffen, und der Stachel sitzt. Fazit des Autors: „Das sind schon ziemliche Arschgeigen da“. Das mag Uslar als ein dem Sprachgebrauch der von ihm besuchten Kleinstadt angemessener oder gar witziger Spruch erscheinen. Gelesen klingt es, trotz der nachfolgenden Relativierung („großartige Arschgeigen“) reichlich abfällig. Arme, beleidigte Leberwurst …

Der Text erscheint dokumentarisch und berichtet von einer Männerkultur – zumindest aus dem Blickwinkel des Erzählers sind Frauen lediglich Dekoration (wie die „Blondine“ des Kumpels, die einen Satz sagen darf, oder die zwei sich in der Regionalbahn auftakelnden Mädchen), Staffage (wie Maria, die wortkarge Tresenschönheit, bei der sich der Reporter größte Chancen ausrechnet und am Ende doch abblitzt) oder Ladenhüterinnen, die ihre monotonen, einstudiert freundlichen Verkaufsgespräche führen. Lediglich die „Friseuse“ Janine erhält im Buch ein, wenn auch knappes, persönliches Profil, da sie in der Jungmännerrunde, laut Uslar, „als gleichberechtigt, quasi als Mann akzeptiert wurde“. Ansonsten breitet der Autor in erster Linie seine eigenen Klischees aus, die er dann auch mehr oder weniger bestätigt findet. Mag sein, dass sich der ein oder andere Kleinstadtbewohner darin sogar wieder erkennt. Mag auch sein, dass sich die Stadt Zehdenick, das reale Vorbild des fiktiven „Oberhavel“, über das ungewohnte Medieninteresse freut. Und ob man den bemüht flapsigen Sprachstil des Autors („Aber echt: zum Glück, ey.“) mag, sei dem persönlichen Geschmack überlassen. Originell ist das Ganze jedoch nicht. Der Ansatz, sonst vernachlässigte und verrufene Bevölkerungsschichten in den Fokus zu stellen, ist grundsätzlich nicht schlecht. „Research‑down“ nennt das die Ethnologie. Aber genau da heißt es, objektiver und sensibler vorzugehen. Zu sehr werden die Bewohner hier in ihrer Randständigkeit vorgeführt, für den Westlerblick exotisiert und zu einem Panoptikum verwurstet, das einzig dem Zweck dient, sich der Überlegenheit seines eigenen Lebensstils zu versichern. Absurderweise lässt der Autor zu Beginn den Kumpel des Reporters eben dieses Vorgehen als das „junger Akademiker-Menschen“ kritisieren. Er kennt diese Falle also – und tappt dann genau in dieselbe. Wie dumm.

Mit dem Anspruch, eine „teilnehmende Beobachtung“ in einer Brandenburger Kleinstadt durchzuführen, hat sich Uslar sein Ziel ein ganzes Stück zu hoch gehängt. Über Brandenburg erfährt man hier nur Oberflächliches. Die teilnehmende Beobachtung findet sich am ehesten noch darin, anhand dieses Buches einen westdeutschen Schnösel mit all seinen Vorurteilen und seiner Überheblichkeit zu beobachten. Doch dafür ist keine so umfangreiche Lektüre notwendig. Dazu genügt es, eine halbe Stunde lang „Latte“ in einem trendy Berlin‑Mitte‑Café zu trinken. Empfehlenswert ist der Band daher bestenfalls für Erstsemester im Fachbereich Ethnologie oder Kulturwissenschaft, als mahnendes Beispiel zum Thema ‚Tücken der Feldforschung – So nicht!‘.

Gabriele Vogel

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)