Zine of the Day: Indulgence

Indulgence #7 (ca. 2002)

Indulgence #7 (ca. 2002)

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich auf Indulgence gestoßen war. Es muss jedenfalls um 2002/2003 gewesen sein, als Eleanor aus New York City und ich zum ersten Mal Kontakt aufnahmen. Sie hatte bereits 1997 die Debüt-Nummer ihres Zines veröffentlicht, aber die erste Ausgabe, die ich in die Hände bekam, war Indulgence #7. Eleanor gelang mit ihrem Heft den Spagat zwischen einem Art Zine und einem Perzine mit queer-feministischem Standpunkt. Indulgence beinhaltete damit nicht nur interessante Artikel, sondern stach auch durch eine interessante Gestaltung aus der Masse der Zines dieser Zeit heraus.

Sie verwendete verschiedene Papierarten, Pappen und Folien innerhalb einer Ausgabe (u. a. Tapetenpapier), stellte eigene Stofftaschen für eine Ausgabe her und nutzte ungewöhnliche Fadenbindungen, Falzarten, Stempeldrucke, Letter Presses und andere Techniken, um jede Ausgabe von Indulgence zu einer besonderen zu machen. Man merkte diesem Zine einfach an, dass es jedes Mal mit viel Herzblut und Liebe zum Detail hergestellt worden war.

Innenteil von Indulgence #7 (ca. 2002)

Innenteil von Indulgence #7 (ca. 2002)

Dieser Enthusiasmus beeindruckte mich so sehr, dass ich den Kontakt mit Eleanor weiter aufrecht erhielt. Über die Jahre entstand daraus eine transatlantische Freundschaft und ein intensiver Austausch über Zine-Kultur. 2005 trafen wir uns zum ersten Mal in Berlin und die Jahre danach machte Eleanor während ihrer Europa-Trips immer wieder Abstecher in die Stadt. Sie half mir bei der englischen Übersetzung eines Artikels über ost- und westdeutsche Punk-Fanzines und ich war ganz gerührt, als sie sich im Vorwort ihrer Master-Arbeit über Zines für die Inspiration in Sachen Zine-Kultur und den gegenseitigen Austausch bei mir bedankte.

Auch wenn sie 2008 mit Indulgence #10 die Herausgabe ihres Zines vorerst eingestellt hat, ist Eleanor kulturell und künstlerisch bis heute sehr umtriebig. 2013 veröffentlichte sie ihr erstes Buch mit dem wundervollen Titel Grow: How to Take Your Do It Yourself Project and Passion to the Next Level and Quit Your Job!, das man hier erwerben kann. Sie veröffentlicht regelmäßig Beiträge in ihrem Blog Killerfemme und spielt in den Indie Rock-Bands Corita und Rules.

Indulgence #8 (2002/03)

Indulgence #8 (2002/03)

Auch wenn wir uns in den letzten Jahren leider nicht mehr gesehen haben, so stehen wir doch bis heute miteinander in Kontakt und schreiben uns in regelmäßigen Abständen. Es fasziniert mich bis heute, wie sehr das Interesse an so einer eigentlich banalen Sache wie Zines zum Ausgangspunkt einer Freundschaft werden konnte, die über einen ganzen Ozean hinweg und mittlerweile seit über zehn Jahre besteht. Allein aus diesem Grund bin ich froh, irgendwann einmal mit Fanzines in Kontakt gekommen zu sein.

Weitere Informationen über Eleanor und ihre Projekte sind auf ihrer Website zu finden.

Indulgence #9 (ca. 2005)

Indulgence #9 (ca. 2005)

Innenteil von Indulgence #9 (ca. 2005)

Innenteil von Indulgence #9 (ca. 2005)

http://www.stolensharpierevolution.org/international-zine-month

#IZM2015 #Zines #Artzine #Zineoftheday #Perzine #Queer #Feminismus #Kunst

– Christian (Zine Nerd)

Zine of the Day: Willkürakt

Willkürakt #16

Willkürakt #16

Der überwiegende Teilder Punk-Fanzines, die zwischen 1977 und 1983 in der BRD veröffentlicht wurden, scheinen sich auf den ersten Blick an bestehenden Musikzeitschriften ihrer Zeit orientiert zu haben. Erst auf den zweiten Blick entpuppen sie sich aber in vielen Fällen als eine ironische Simulation des damaligen Rockjournalismus. Und einige dieser Fanzines erschienen in Formen und Formaten, bei denen sich kaum noch stilistische oder formale Bezüge zu bisherigen Printmedien feststellen ließen.

Das Willkürakt, das um 1980 in Hamburg herausgegeben wurde, war einer dieser medialen Grenzgänger. Kaum eine Ausgabe glich einer anderen. Selbst solche, die in Form und Format klassischen Zeitschriften ähnelten, waren doch immer auf völlig unterschiedliche Weise vervielfältigt und in wechselnden Formaten von DIN A5 bis DIN A3 in einer Auflage von ca. 150 bis 300 Exemplaren veröffentlicht worden.Aber es gab auch Ausgaben von Willkürakt, die eher an Kunst-Objekte als an Printerzeugnisse erinnerten: Ein zusammengefaltetes Blechband, das ursprünglich zur Verpackung von Baustoffen gedient hatte, wurde zum Objet trouvé und ergänzt um einen Zettel mit der Aufschrift „Willkürakt“ zu einer Ausgabe des Fanzines erklärt. Weitere Nummern erschienen als durchsichtiger Plastikhandschuh, in dem kleine, zusammengefaltete Notizzettelchen steckten oder als Plastikteller mit Plastikbesteck und Plastik-Nudeln, abgepackt in einer Plastiktüte. Gerade diese Ausgaben von Willkürakt hatten oft nur Kleinstauflagen von 30-60 Exemplaren und sind heute teuer gehandelte Sammlerstücke.

Inhaltsvezeichnis von Willkürakt #16

Inhaltsvezeichnis von Willkürakt #16

Eine besondere Ausgabe dieses enorm wandlungsfähigen Fanzines ist Willkürakt #16, das sich im Bestand des Archivs der Jugendkulturen befindet. Es erschien in Form einer Schriftrolle, die mit einer Banderole fixiert wurde, auf der das Inhaltsverzeichnis nicht mit Seitenzahlen sondern mit entsprechenden Zentimeter-Angaben gedruckt wurde.

http://www.stolensharpierevolution.org/international-zine-month

#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Punk #Kunstobjekt #DIY

– Christian (Zine Nerd)