Kammuri #1 (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Der japanische Begriff Kammuri besitzt verschiedene Bedeutungen. Damit werden sowohl verheerende Tropenstürme Pazifik bezeichnet, als auch eine Kopfbedeckung aus schwarzer Seide, die zu einem zeremoniellen Gewand des japanischen Kaisers gehört.

Cover von Kammuri #1

Cover von Kammuri #1

Warum sich die Herausgeberinnen dieser selbstbezeichneten „Zeitschrift von Modejunkies für Fashionfreaks“ ausgerechnet diesen Begriff als Titel für ihr Heft ausgewählt haben, bleibt allerdings unklar. Dass sie sich aber ausgerechnet ein japanischen Wort ausgesucht haben, liegt eigentlich auf der Hand. Kammuri beschäftigt sich mit unterschiedlichsten Spielarten japanischer Popkultur – von den verschiedenen Gothic Lolita-Substilen über Visual Kei und J-Rock bis hin zu diversen Cosplays.

Kammuri #1 ist das einzige mir bekannte „Fanzine“ aus diesem Genre. Auch wenn dieser Begriff nirgendwo im Heft auftaucht und den beiden Herausgeberinnen vermutlich sogar vollkommen unbekannt ist, so treffen viele Eigenschaften von Fanzine auch auf das Kammuri zu: Die Berichterstattung aus der eigenen Fan-Perspektive, der absolut unkommerzielle Verkaufspreis von 1,50 €, die DIY-mäßige Anleitung für „Japanese Nail Art“, das Kochrezept für einen „Prinzessinnenkuchen“ oder auch das unvollständige Impressum, aus dem nicht einmal hervorgeht, in welcher Stadt dieses Mode-Zine überhaupt erschienen ist. Selbst das Jahr der Veröffentlichung bleibt unklar. Vermutlich ist das Kammuri #1 aber gegen Ende der 2000er Jahre erschienen. Neben zahlreichen Fotoshoots von japanischen Mode-Fans und ihren Stylings, die auf Konzerten von Visual Kei-Bands (The Gazette, Girugamesh), auf Manga Conventions oder auf J-Rock-Partys aufgenommen wurden, gibt es in der Debütausgabe von Kammuri ein Interview mit den beiden Betreiberinnen des deutschen Gothic Lolita-Mode-Labels Harajuku Maiden, einen Steckbrief von Fee, die auf dem Cover abgelichtet ist, einen Bericht über Leipzig und zahlreiche Tips für günstige Klamotten und Accessoires.

Schade, dass es von Kammuri offenbar keine weitere Ausgabe war. Ich hätte gerne gesehen, wie sich dieses Fashion-Zine weiterentwickelt hätte – zumal es aus der Gothic Lolita- und Visual Kei-Szene in Deutschland kaum Veröffentlichungen von Fans für Fans gibt.

 

Christian

 

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2016 #Zineoftheday #Fanzine #Fashion #Gothic Lolita #Visual Kei

Street Style

Ted Polhemus
Street Style – New Edition
PYMCA Verlag 2010
225 Seiten
19,95 €

SS_COVER_02_Lo-ResTed Polhemus beschreibt in seiner überarbeiteten Ausgabe von Street Style die Mode, Musik und Werte der Subkulturen, die sich in den letzten 50 Jahren weltweit entwickelt haben. Er geht dabei von Großbritannien und den USA aus, wo Rocker oder Teddy Boys in den 1950ern, Skinheads und Mods in den 1970ern, Hip Hopper oder New Romantics in den 1980ern etc. nicht nur als Außenseiter der Gesellschaft gesehen wurden, sondern sich ihr „Style“ in einer breiteren Öffentlichkeit niederschlug.

Nicht nur die Musik, sei es Rock’n’Roll, Punk oder Gothic, wurde zum festen Bestandteil des Mainstreams, sondern auch die Mode kam vom „Sidewalk zum Catwalk“. Der Autor verweist dabei auf die Problematik, die sich aus diesem Phänomen ergibt, und die darin besteht, dass der Street Style, sobald er kommerzialisiert wird, Gefahr läuft, seine Einzigartigkeit bzw. Individualität zu verlieren. Auch wenn man sich keiner Gruppe wirklich anschließen will, wollen die meisten sicher nicht als „Fashion Victim“ gelten. Der Style ist „heute die fundamentale und unersetzbare Sprache, mit dem wir mit unserer Identität experimentieren und mit dem wir diese Identität dem Rest der Welt vermitteln“.

Die Gefahr, im Mainstream aufzugehen, gab den Kreativen immer wieder den Anstoß, eine alternative Gegenkultur zu schaffen und vereinte die gegensätzlichsten Subkulturen. Unter anderem diese Tendenzen machen deutlich, worauf es beim Street Style wirklich ankommt, nämlich die Hingabe und das Bekenntnis zu einem jeweiligen „Stamm“. Als solche definiert zumindest Ted Polhemus seine „Style Tribes“, die er in den einzelnen Kapiteln vorstellt. Diese haben ihren Ursprung zwar in der Musik, doch unterschiedliche Genres werden ab den 1970ern durch Kleidung und Events vereint. Punks und Hippies schlossen sich zum Beispiel auf der Suche nach Freiheit und autonomen Zonen zu den New Age Travellers zusammen.

Mit Sensibilität und Leidenschaft stellt Polhemus den historischen Kontext, die Attitüden und die Auswirkungen der Subkulturen dar. Er charakterisiert die Musik und die Mode sehr genau und veranschaulicht seine Schilderungen mit Bildmaterial aus New York, Tokyo, London, Mexiko oder Shanghai. Die Ausgabe liest sich teilweise durch die Fülle an Photos wirklich wie ein Fashion Magazin, ist im Gegensatz dazu jedoch viel ergiebiger im Bezug auf die Hintergründe und Soziologie. Eine Infobox nach jedem Kapitel gibt dem Leser die Möglichkeit, sich eingehender mit der Szene anhand von Literatur, Musik und Filmen zu beschäftigen.

Dem Autor gelingt es, trotz ständiger Weiterentwicklungen und wechselnder Fashionmetropolen einen nachvollziehbaren und lebhaften Überblick über Jugendkulturen zu geben. Eine Hommage an die Authentizität und Kreativität der Mode und ihrer Macher, die hier nicht die großen Designer sind, sondern Jugendliche, die ihre Ideen und ihre Musik mit ihrem Style ausdrücken.

Julia Dalmer

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)