(Über-)Leben in der Provinz

(Über-)Leben in der Provinz – Sozial- und kulturwissenschaftliche Betrachtungen der Peripherie von Jugendkultur(-forschung)
Hochschule Magdeburg-Stendal (Standort Stendal), 27./28. November 2015

Wenn über die Provinz gesprochen wird, ist das meist abwertend gemeint: die Provinz ist strukturschwach, es herrschen Langeweile und Spießigkeit und kulturell ist nur (Unter)Durchschnittliches möglich. Mit Provinz sind dabei nicht unbedingt nur ländliche Gegenden und Kleinstädte abseits urbaner Zentren gemeint, sondern häufig auch Städte mit mehreren 100.000 Einwohner*innen wie Bielefeld oder Kiel. Aus Berliner Sicht kann auch mal alles, was nicht zur Hauptstadt gehört, als Provinz wahrgenommen werden, und auch Berlin selbst wird manchmal als provinziell bezeichnet. Auf der von Günter Mey und Marc Dietrich organisierten Tagung zum Thema Jugendkultur in der Provinz zeigte sich aber in verschiedenen Vorträgen, dass in der (sogenannten) Provinz vieles passiert. Aufmerksame Leser*innen von beispielsweise Musikzeitschriften überrascht das nicht, aber trotzdem wird es aus der Perspektive einer Millionenstadt wie Berlin gerne übersehen oder belächelt. Ein wenig mag da auch das Unverständnis all der Zugezogenen mitschwingen, dass es Menschen gibt, die sich für Punk oder Techno interessieren, aber nicht den Drang verspüren, aus der Kleinstadt zu fliehen, wie es viele der heute in Berlin Lebenden getan haben.

Ein Beispiel dafür sind die von Christian Petzoldt in seinem Film Fernab – Subkultur in der Provinz portraitierten Akteur*innen aus Jena und Umgebung, die dort unterschiedliche  jugend- und subkulturelle Projekte betreiben, u. a. den Technoclub Muna in Bad Klosterlausnitz. Auffällig viele der vorgestellten Projekte sind als Vereine organisiert, hier wäre es interessant herauszufinden, welche Rolle das deutsche Vereinswesen im Kontext von Subkulturen spielt. Ein anderes Beispiel, allerdings ein historisches, stellt die in den 1980ern und 1990ern verbreitete Hip-Hop-Jam-Kultur dar, über die Stefan Szillus, ehemaliger Chefredakteur der Juice in seinem Vortrag sprach. Diese Hip-Hop-Veranstaltungen fanden in Städten wie Lüdenscheid, Gießen oder Heidelberg statt, die alle auch eigene und einflussreiche Hip-Hop-Szenen hatten. Berlin spielte im überregionalen Kontext sogar lange Zeit nur eine untergeordnete Rolle, erst mit dem Erfolg des deutschen Gangsta-Raps ab Anfang der 2000er Jahre erreichte Berliner Hip Hop den Mainstream. Heute sind die lokalen Strukturen in kleineren Orten allerdings weniger ausgeprägt, die Provinz (und die Flucht aus dieser) dafür immer wieder Thema in deutschen Rap-Texten – entsprechend begann der Vortrag auch mit dem Video „Chrystal Meth in Brandenburg“ von Grim104, einem der Rapper von Zugezogen Maskulin – die, wie der Name schon sagt, aus der Provinz nach Berlin Zugezogene sind.

Ein anderer Beitrag, der sich mit jugendkulturellen Aktivitäten in der Provinz beschäftigte, kam von Holger Schwetter, der an der Universität Lüneburg zu „progressiven Landdiscos“ forscht und u. a. die Webseite Poptraces  vorstellte, auf der solche Diskotheken kartiert werden. Diese waren vor allem im Nordwesten Deutschlands von großer Bedeutung für die Jugendlichen in den 1960er und 1970er Jahren und bildeten ein Netzwerk, durch die beispielsweise Nachwuchs-Bands tingeln konnten.

Theoretischer war der Beitrag von Paul Eisewicht von der TU Dortmund, der u. a. über die Vor- und Nachteile der Peripherie sprach – damit kann die Provinz, aber auch die Nebenschauplätze einer Szene gemeint sein. In der Peripherie gibt es eher Raum sich auszuprobieren und die Möglichkeiten für Innovationen, während im Zentrum meist schon feste Regeln etabliert sind und es Neulinge oft schwer haben. Ein Beispiel waren hier Graffitisprüher*innen, die raus aus der Stadt fahren, um sich erstmal abseits der kritischen Augen der Szene auszuprobieren. In der Peripherie fehlt es allerdings meist an Infrastruktur und es herrscht eine Stigmatisierung oder auch Ignoranz nicht nur von Seiten der Zentren, sondern auch in Hinblick auf die Forschung, die sich eher auf die Zentren konzentriert, da sie dort als typisch wahrgenommene Praktiken findet und der Zugang aufgrund der Größe der Szene im Zentrum leichter fällt.

Ein anderer Themenbereich der Tagung war Jugend- und Subkultur in der DDR, mit Vorträgen von dem Musikwissenschaftler Michael Rauhut und der Autorin Anne Hahn. Die Provinz war in der DDR als Rückzugsort für Jugendkulturen wichtig, die von staatlicher Seite als „negativ-dekadent“ verfolgt wurden. Auf dem Land standen sie weniger unter Beobachtung, wurden aber auch dorthin vertrieben, damit die Städte nicht „verschandelt“ werden. Anne Hahn, die selbst in der DDR-Punkszene aktiv war, sprach über die verschiedenen, auch in kleineren Städten beheimateten Punkszenen, über die wichtige Rolle der Kirchen für die Szene und die Repressionen gegen Punks, die teilweise sogar zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden.

Der Fokus lag insgesamt wenig auf den problematischen Aspekten eines Lebens in der Provinz in Hinblick auf Jugend- und Subkultur. Dies lag auch daran, dass sich viele der Vorträge mit Szenen und Aktivitäten beschäftigten, die es tatsächlich in der Provinz gibt, und nicht deren Fehlen – die Orte, an denen „nichts geht“ (Grim104) kamen eher am Rande vor. Dass es solche Regionen aber gibt, war Thema in der Präsentation von Dimitri Hegemann, dem Gründer des Technoclubs Tresor. Er stellte seine Projekte Happy Locals und Academy for Subcultural Understanding vor, die darauf abzielen, Jugend- und Subkultur in der Provinz zu fördern. Die Idee dahinter ist, dass Jugendlichen in kleinen Orten mit fehlenden jugendkulturellen Strukturen die Nutzung von Räumen ermöglicht wird, in denen die Jugendlichen selbstverwaltet tätig sein und etwas Eigenes aufbauen können. In der „Academy“ sollen sie lernen, wie Subkultur „gemacht“ wird, Ziel soll es sein, dass lokale Strukturen aufgebaut werden und eine geringere Zahl junger Menschen aufgrund Perspektivlosigkeit und Langeweile in die großen Städte flüchten.

Insgesamt war es eine aufschlussreiche und inspirierende Tagung mit einer angenehmen Mischung aus Wissenschaftler*innen und Vortragenden, die aus anderen Bereichen kamen. Leider fehlten manche im Kontext der Tagung wichtige Themen, auch aufgrund einiger krankheitsbedingter Absagen – Heavy Metal als im ländlichen Raum wichtigste Szene fehlte genauso wie die Frage nach rechtsextremen Strukturen, die mancherorts ein wichtiger Faktor sind, wenn es um eine mangelnde jugendkulturelle Vielfalt geht. Eine weitere Tagung zum Themenbereich „Jugendkultur in der Provinz“ wäre auf jeden Fall wünschenswert.

Daniel Schneider

 

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Fahrradmod

Tobi Dahmen
Fahrradmod
Carlsen Verlag 2015
472 Seiten
29,99 €

9783551763082

Aufwachsen in Wesel, in der Provinz, weitab von allem, was irgendetwas mit Trends und Hip-Sein zu tun hat … So beginnt die eigentlich langweilige Jugend von Tobi. Durch eine Filmstunde in Sozialkunde wird der 15-Jährige auf eine coole Subkultur gestoßen: Die Mods.

Damals, in den Zeiten vor dem Internet, sind die Informationen eher schwer zu bekommen: auf der Party wird ein Fotoband aus London herumgereicht. Doch wie sollen sie diesen schicken Style leben? Woher kommen die Klamotten, woher die Schuhe? Statt mit dem Motorroller fahren die Freunde mit dem Fahrrad vor. Mit zunehmendem Auskennen wird auch der Aktionsradius größer, werden die Anzüge schicker …

Der Comiczeichner Tobi Dahmen hat ein dickes Buch verfasst über seine Jugend in der „Szene“, über die Entwicklungen der Mod-Kultur und ihre Verbindungen zu Ska, den Rude Boys, Northern Soul und Skinheads. Wendepunkte des Buches sind die Begegnungen mit rechten Skins, mit Drogen und mit Techno. Der Erzähler wendet sich verwandten Kulturen zu: Scooterism und Northern Soul.

Es ist diesem Buch nicht genug zu danken, dass bei der Lektüre Unklarheiten über diese speziellen Phänomene der Jugendszenen recht schnell ausgeräumt werden. Statt dessen folgen wir dem Protagonisten auf seinen verschlungenen Wegen in den Neunzigern durch die Stile und Szenen auf der Suche nach der besten Musik, dem richtigen Lebensgefühl, den wahren Freunden. Wie so viele andere ist er durch seine Jugend geprägt und immer noch neugierig auf noch unentdeckte Musik, hungrig nach schönen Weekendern und kann nicht aufhören zu seiner Lieblingsmusik zu tanzen.

Dies wird nicht als dramatischer Roman erzählt, sondern eher in Form einer epischen episodenhaften Erzählung, in etwa so wie auch ein Leben in der Realität abläuft. Unterbrochen wird diese immer wieder durch Einschübe über die Entstehung und Ursprünge der einzelnen Stile und Subkulturen.

Das Besondere der 470 Seiten dicken Erzählung sind die tiefen und persönlichen Einblicke in die den Meisten eher unbekannten Szenen und die enge Verknüpfung mit Musikbeispielen. Der Autor liebt diese Szene, die Musik, die Protagonistinnen und Protagonisten. Das alles drückt sich auch in den Zeichnungen aus: detailreiche Schaubilder, spektakuläre Innenansichten und Massenszenen wechseln sich ab mit den Dialogen und Betrachtungen von Tobi und seinen Freunden. Die Bilder sind in einem durchgängigem, aufgeräumten Stil gehalten, Grauschattierungen geben Licht und Atmosphäre.

Wann schenkt uns nun jemand aus der Szene der Beatniks, Punks, Raver_innen, Metalheads, Fußballfans oder Hiphopper_innnen eine eigene Odyssee durch ihre Subkultur und das Leben?

Peter Auge Lorenz

Zine of the Day: Rave Signal / Signal Plus

Rave Signal #1 (1992)

Rave Signal #1 (1992)

Es gibt Dinge, die können in ihrer ganz eigenen Form manchmal einfach nur abseits der Hot Spots popkultureller Metropolen und in der jugendkulturellen Einöde der Provinz entstehen. Nur dort sind Koalitionen zwischen Szenen möglich, die sich in der Großstadt nicht mal mit Arsch anschauen würden. Und nur dort bringen solche Koalitionen Dinge hervor, die es nirgendwo anders geben würde…

In diesem Fall handelt es sich um ein sog. „Split-Fanzine“, ein Fanzine, dass die Herausgeber_innen von zwei unterschiedlichen Fanzines als Gemeinschaftsprojekt veröffentlichen. Das allein wäre kaum der Rede wert. Solche Gemeinschaftsproduktionen verschiedener Zine-Macher_innen gab es in der Fanzine-Geschichte schon sehr früh. Beim Rave Signal #3/ Signal Plus #1 aus Weilheim handelt es sich aber um ein Split-Fanzine der ganz besonderen Art, das eng mit meiner eigenen subkulturellen Sozialisation in der oberbayerischen Provinz verbunden ist.

Rave Signal #2 (1992/93)

Rave Signal #2 (1992/93)

Aber der Reihe nach… Als Techno und House ab 1991 auch jenseits der Großstädte immer mehr Anhänger_innen fand, wurde mein „Sandkastenfreund“ Marco zum enthusiastischen Raver, der unser beschauliches Weilheim im oberbayerischen Voralpenland fast jeden Freitag verließ, um das ganze Wochenende auf Raves in der gesamten Republik teilzunehmen. Er war von diesem neuen Sound so angesteckt, dass er ab 1992 damit begann, sein eigenes Heft darüber zu veröffentlichen – mit Party-Berichten, Platten-Kritiken, bescheuerten Kolumnen, dämlichen Witzen und allem anderen Drum und Dran. Das ganze wurde per Schnippel-Layout zu einer Kopiervorlage zusammengebastelt und vom Vater eines anderen Freundes heimlich auf dem Kopierer seiner Arbeitsstelle vervielfältigt.

Der Name Rave Signal war bereits Programm. Schließlich ging es darum, die neue Rave-Kultur in Weilheim und Umgebung bekannter zu machen. Ob das wirklich was gebracht hat, kann ich nicht sagen. Immerhin hat Marco bis 1993 mindestens drei Ausgaben seines Heftes veröffentlicht. Das Wort „Fanzine“ kannte er zu dieser Zeit noch gar nicht.

Rave Signal #3 / Signal Plus #1 (1993)

Rave Signal #3 / Signal Plus #1 (1993)

Im gleichen Zeitraum, in dem sich Marco zu Stroboskop-Gewittern und geraden Beats in irgendwelchen Lagerhäusern und Industriebrachen herumtrieb, entstand in Weilheim selbst eine ganz eigene Subkultur um Bands wie The Notwist, Die Schweisser, Brainjam oder Dilirium, die ihre Wurzeln in der Punk/Hardcore-Szene hatten, sich aber musikalisch bereits darüber hinaus zu entwickeln begannen.

Mein Freund Greydl und ich waren an dieser Entwicklung beteiligt. 1990 hatten wir in guter DIY-Manier unsere eigene Punk/Hardcore-Band gegründet, ohne auch nur einen einzigen Akkord zu können. Nicht das Können stand zu dieser Zeit an erster Stelle, sondern das Machen. Und wie Marco, so waren auch wir begeistert von der neuen Subkultur, deren Teil wir geworden waren und über die auch wir nun unser eigenes Heft veröffentlichen wollten. Erste Fanzines hatten wir damals bereits gelesen.

Signal Plus #1 im Rave Signal #3  (1993)

Signal Plus #1 im Rave Signal #3 (1993)

Und weil Greydl und ich erst einmal sehen wollten, ob so ein Fanzine überhaupt was für uns ist, habe ich meinen Sandkastenfreund Marco einfach gefragt, ob wir zum Rave Signal nicht noch ein paar Seiten über Gitarrenmusik hinzufügen sollten. Er fand die Idee nicht schlecht und so entstand die erste Ausgabe das Signal Plus, wir zusammen mit der dritten Ausgabe des Rave Signal 1993 als ein Gemeinschaftsheft herausgaben.

Bei der nächsten Nummer trennten sich aber auch schon wieder die Wege von Marco und uns. Wir hatten dafür bald so viele Interviews, Plattenkritiken und andere Artikel zusammen, dass wir unser eigenes Heft im selben Jahr unter dem Titel Signal Plus Extra veröffentlichten, das wenige Monate später zum Fanzine Flatline wurde, aus dem schließlich mein eigener Fanzine-Mailorder namens Flatline-Imperium entstand, durch den ich u. a. meinen Weg in das Berliner Archiv der Jugendkulturen fand.

Seinen Ausgangspunkt hat mein Werdegang als Zine Nerd aber in diesem Split-Fanzine mit komischem Namen, in dem Techno-Beats und Hardcore-Lärm eine Koalition eingingen, wie man sie bis heute wohl kaum ein zweites Mal erlebt hat…

http://www.stolensharpierevolution.org/international-zine-month

#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Techno #Punk #Hardcore #Provinz

– Christian (Zine Nerd)

Jugend in der Eifel

Bettina Bartzen
Jugend in der Eifel
Seltmann+Söhne 2012
144 Seiten
22,90 Euro

22_jugend-in-der-eifelwebDas Leben von Jugendlichen „auf dem Land“ (oder „in der Provinz“) wird an dieser Stelle ja eher selten thematisiert, was auch daran liegt, dass es dazu deutlich weniger Publikationen gibt als zum Leben Jugendlicher in Städten. Jugendkulturen werden meist mit den urbanen Zentren in Verbindung gebracht, was oftmals nicht ganz falsch ist, aber doch auch Ausdruck einer gewissen Blindheit oder Ignoranz ist. Da ist es mal sehr angenehm, durch ein Buch wie Jugend in der Eifel der Fotografin Bettina Bartzen daran erinnert zu werden, dass es mehr als nur Städte gibt – und dass nicht alle Jugendlichen in die großen Städte ziehen wollen, sondern auch auf dem Land glücklich sein können. Gerade dieser Aspekt ist zwar eigentlich nicht überraschend, aber als Zugezogener aus Westdeutschland in Berlin, der es sich gar nicht vorstellen kann, in einer Kleinstadt oder gar in einem Dorf zu leben, erscheint er mir doch relativ fremd. Dabei ist es laut der in diesem Buch enthaltenen Studie sogar folgendermaßen: „Junge Menschen, die auf dem Land wohnen, sehen sich gegenüber ihren Altersgenossen aus der Stadt keineswegs benachteiligt. Im Gegenteil, die Bleibeorientierung ist bei den Landjugendlichen sogar etwas höher als bei den Jugendlichen, die in urbanen Räumen leben.“

Diese wissenschaftliche Studie, 2011 von der Universität Trier durchgeführt, kommt zu dem Schluss, dass die Heimatbindung der Jugendlichen in der Eifel groß ist und sie ein überwiegend positives Bild ihrer Heimat haben. Die oftmals festgestellte Landflucht junger Menschen und die damit verbundene Verödung ganzer Landstriche scheint in dieser Region kein ernstzunehmendes Problem zu sein – was wohl auch an den vorhandenen beruflichen Möglichkeiten liegt, die anscheinend besser sind als in vielen anderen Regionen Deutschlands. Die Studie macht aber nur einen kleinen Teil dieses Bandes aus, er ist vor allem ein Fotoband mit kurzen Portraits von insgesamt 58 Jugendlichen, die in zum Teil winzigen Dörfern leben (z. B. Birtlingen: 76 Einwohner, Etteldorf: 22 Einwohner, Hargarten-Gesotz: 90 Einwohner, etc. – die größten Städte in der Eifel sind Bitburg mit 13.000 Einwohnern und Prüm mit 5.000 Einwohnern) und zum Großteil tatsächlich ganz zufrieden mit ihrem Leben zu sein scheinen. Auf den Fotografien sind die Jugendlichen in alltäglicher Umgebung zu sehen, manche zeigen darin welche Hobbies sie haben, andere posieren mit Tieren – hier wiederholen sich bestimmte Motive und auch die Texte enthalten immer wieder ähnliche Statements. Viele Jugendliche sind in Vereinen aktiv, beispielsweise dem Fußballverein, dem Karnevalsverein, der freiwilligen Feuerwehr oder auch dem BDM – was die ungeschickte Abkürzung für den Bundesverband Deutscher Milchviehhalter ist. Ansonsten spielt der Freund_innenkreis meistens die größte Rolle in der Freizeit, wobei hier doch teilweise die langen Wege, die zurückgelegt werden müssen, als Problem angesprochen werden; Facebook spielt bei vielen eine wichtige Rolle, bei anderen wieder nicht; viele wollen mal ins Ausland – also größtenteils eigentlich keine Überraschungen oder neuen Erkenntnisse. Jugendkulturelle Aspekte kommen nur ganz selten zur Sprache, ob Jugendkulturen für diese Jugendlichen relevant sind, kann zwar nicht ausgeschlossen werden, da die Texte recht kurz sind, aber von zentraler Bedeutung sind sie offensichtlich nicht.

Daniel Schneider

Dorfdefektmutanten

Markus Köhle
Dorfdefektmutanten – Ein Heimatroman
Milena Verlag 2010
154 Seiten
14,90 €

978-3-85286-186-9Dorfdefektmutanten. Auf so ein Wort muss man erst einmal kommen. Ein „Defektmutant“ ist laut Schweizer Tierschutzverordnung ein „Tier, das durch das Zuchtziel bedingte oder damit verbundene Schmerzen, Leiden, Schäden, Ängste oder andere Verletzungen seiner Würde aufweist. Es können herkömmlich gezüchtete oder gentechnisch veränderte Tiere sein“.

In diesem Buch geht es aber gar nicht um Tiere, sondern um einen jungen Tiroler, der aus seinem Leben erzählt und von dem gescheiterten Versuch, aus der Provinz auszubrechen. Seine Schilderungen bewegen sich auf verschiedenen Zeitebenen, die durch Play‑, Rewind‑ und Stoppsymbole wie auf einem Videorecorder angezeigt werden. Als Ich‑Erzähler liefert er nebenbei mit morbidem Humor eine dichte Beschreibung seines ländlichen Mikrokosmos und seiner etwas beschränkten Fähigkeiten zu sozialer Interaktion.

Das Dorf selbst stirbt nicht aus, es wuchert an den Rändern wie ein Krebsgeschwür. Diese Dorfrandmetastasen werden nicht als Bedrohung wahrgenommen und deshalb nicht behandelt. Ich wohne allein. Ich hatte Beziehungen, aber Probleme damit. Zypriotische Honigbienen bilden gemeinsam eine Kugel um ihre Feinde (beispielsweise orientalische Hornissen) und ersticken sie – fügen ihnen so viel Wärme zu, dass das Innere dieses Bienenballs ihre Todesstätte wird. Es war immer der Freundeskreis meiner Freundinnen, der mir zu schaffen machte. Mit einer Person konnte ich mich arrangieren, Freundinnen, Freunde, Verwandte und noch dazu die meist unerträglichen, potenziellen Schwiegereltern aber brachen mir regelmäßig mein Toleranzkreuz.

Sein Job als Hausmeister im „Raststadel“, einer ländlichen Multifunktionsgaststätte, bietet dem Erzähler gelegentlich unerwartete und zuweilen auch unappetitliche Herausforderungen. Lieber bewegt er sich im Internet und kommuniziert mit virtuellen Freunden, mit denen er lexikalische Mengen angelesenen Wissens austauscht und, wenn das nicht ausreicht, auch mit Zitaten großer Philosophen nachlegen kann. Um das Interesse der von ihm umschwärmten Rasthauskollegin Marika zu wecken, hilft ihm dies jedoch herzlich wenig. Kaum kommt er ihr näher, verpasst er schon wieder seine Chance.

Wir trinken, wir schlucken, wir machen ahh, und dann überrumpelt mich Marika.
Sie sagt: „Willst Du mich heiraten?“
Ich sag: „Was kostet mich das?“
Die Kellnerin sagt: „Ein großer Brauner mit Mitarbeiterbonus EUR 1,50. Aber trinken musst du ihn schon selber.“
Der Kaffee ist kalt. Ich sitze allein an der Bar. Kalter Kaffee macht Bauchweh. Man muss das wohl irgendwie anders angehen.

Köhles Heimatroman, eher die Persiflage eines Heimatromans oder ein Entwicklungsroman ohne Entwicklung, hat einen ganz eigenen Charme. In seiner alltagsuntauglichen Belesenheit erinnert der namenlose Held dieser Erzählung ein wenig an Ingvar Ambjörnsens Elling, ohne jedoch den Sympathiebonus seines norwegischen Pendants zu erreichen. Dafür ist der Tiroler dann doch zu verwurzelt in seinen Dorfritualen aus Besäufnissen, plumper Frauenanmache und zweifelhafter Dienstleisterkarriere. Doch auch gerade aus diesem Grund ist der vorliegende Band ein schön böses, gelungenes Buch. Allein der Einband ist des genaueren Betrachtens wert. Und wer urbanes Leben liebt, weiß auch wieder ganz genau, warum.

Gabriele Vogel

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)