Queere Filme auf der Berlinale 2019 Pt.I

The Garden von Derek Jarman, 1990

Die Sektion Forum Expanded auf der Berlinale zeigt oft Filmklassiker, die mit den gängigen Sehgewohnheiten brechen und durch Experimentierfreude und ungewohnte ästhetische Handschrift bestechen. Mit Derek Jarmans “The Garden” findet nun ein Film- in restaurierter Fassung- seinen Weg zurück auf die Berlinale, der dort 1991 zum ersten Mal aufgeführt wurde. Und damit sich der Kreis schließt, findet die Filmvorführung in diesem Jahr an dem gleichen Ort, wie vor 28 Jahren statt: Im schönen Delphi Filmpalast.

Homosexualität und Christentum

Diesen Film zu rezensieren erscheint als eine fast unlösbare Aufgabe, jedenfalls für mich. Wenn es überhaupt einen erkennbaren roten Faden in diesem Werk Jarmans gibt, dann entspinnt sich dieser um die Themen Homosexualität und Christentum. Darum ranken sich die meisten oppulent, oft schwer verdaulich in Szene gesetzten Bilder. Es gibt ein schwules Liebespaar, das in Zweisamkeit Zuneigung austauscht und Liebe erfährt. Erst als sie auf weitere Menschen treffen, wie z.B. in der Herrensauna, scheint das Glück erste Risse zu bekommen und eine diffuse Gefahr für diese Liebe wird angedeutet. Als sie schließlich- ohne genauere Kontextualisierung- von der Polizei verhaftet und gefoltert werden, nimmt das Unglück seinen Lauf. Hier kommt auch Jarmans (von mir unterstellte) eher anstrengende künstlerische Faszination mit dem Christentum, genauer mit der Passion Christi, zum Tragen (Vergleiche zu Pier Paolo Pasolinis filmischen Schaffen drängen sich zwangsläufig auf). Denn das schwule Liebespaar muss nach der Folter- einer für meinen Geschmack viel zu langen Sequenz aus Peitschenhieben- gemeinsam ein Kreuz tragen und sie sterben (anscheinend) durch Kreuzigung (immerhin etwas, was Jarman unserer Imagination überlässt und uns in Bildern erspart).

Fragmentiert, verstörend und wortkarg

Doch kann in diesem Film grundsätzlich kaum von einem Hauptplot gesprochen werden. Der Film ist sehr zerfasert, viele Bilder und Sequenzen erscheinen fast schon willkürlich aneinandergereiht oder wiederholen sich, sei es Tilda Swinton in der Rolle der Madonna mit Kind, die von Paparazzis erst fotografiert und dann gejagt wird oder das sehr oft bemühte Bild einer großen Tafel am Strand, die an das letzte Abendmahl erinnert. Auch Jarman selbst ist immer mal wieder Protagonist, dieses fast komplett ohne Worte auskommenden Films. Er macht zu Beginn und am Ende Voice-Overs, die den Film rahmen und in einigen der Filmsequenzen sieht man Jarman in seinem eigenen Garten sitzen: Der filmgebende Titel.

Fazit

Selten bin ich so verstört in die Berlinale gestartet, wie in diesem Jahr. Das Jarmans Film sicherlich kein Feuerwerk der guten Laune wird, war mir zwar klar, dennoch hinterlassen die vielen für mich triggerwarnungswürdigen Filmszenen in der Fülle sowie der ausgespielten Länge, ein mehr als ungutes Gefühl beim Verlassen des Kinosaals. An einigen Stellen wirkt der Film wie ein nie enden wollender, qualvoller Fiebertraum. Dass Jarman mit diesem Film seine HIV-Erkrankung künstlerisch verarbeiten wollte, die zu Beginn der 1990er tragischerweise noch viel zu oft einem Todesurteil gleichkam, verleiht diesem Werk zwar mehr Tiefe und lässt seine Verzweiflung über sein Schicksal verstehen (er verstarb 1994), dennoch macht es den Film kaum leichter zu ertragen- weder visuell noch emotional. Vielleicht wäre das Geld, das für die Restauration des Films ausgegeben wurde, doch besser in den Händen von queeren Nachwuchsregisseur*innen aufgehoben gewesen.

Giuseppina Lettieri

Projektleitung Diversity Box

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From Gay to Straight?

I am Michael
USA 2015

James Franco als Tausendsassa zu bezeichnen ist sicher keine Untertreibung. So scherzte auch Anke Engelke bei der Eröffnung der 65. Berlinale jetzt nicht ganz zu Unrecht, dass Franco wohl den Weltrekord halten würde, als Schauspieler mit den meisten Filmen. Denn ob vor oder hinter der Kamera, ob in Hollywood-Blockbustern oder Independentproduktionen: Das filmische Schaffen von Franco, mit gerade mal 36 Jahren, ist enorm. Doch Franco nur auf Filme zu reduzieren, würde seinem umtriebigen Wesen nur ansatzweise gerecht werden. Er ist, oder besser gesagt, möchte doch viel mehr sein als nur ein Schauspieler. Seine Ausflüge in die Regiewelt, Literatur und auch sein Tun als Drehbuchautor und Filmproduzent scheinen ihm da jedoch nicht zu genügen. Vor allem die Kunst hat es ihm angetan. So ließ er sich von Marina Abramovic, der berühmten Performance-Künstlerin, zu einer in Blattgold gehüllten Statue umwandeln und macht auch selbst Kunst. Im Rahmen seiner Ausstellung Gay Town, die 2013 in Berlin gezeigt wurde, beschäftigte er sich mit Fragen von Männlichkeit, Homosexualität und Homophobie und den Starkult um seine eigene Person.

Doch trotz seines vielschichtigen Künstlerdaseins ist der Filmstar Franco dabei doch immer noch seine berühmteste Rolle. Und er ist Berlinale Dauergast. Auch in diesem Jahr ist er wieder mit drei Filmen vertreten. Wie so oft bei Franco, bewegt sich auch diesmal einer der Filme im LGBTI-Kosmos. Denn Franco spielte schon des Öfteren homosexuelle Rollen, wie z.B. in Howl oder in Milk. In I am Michael spielt Franco den Gayrights-Aktivisten Michael Glatze, der sich Ende der 1990er Jahre in San Francisco für schwule und lesbische Jugendliche engagiert hat und später die Zeitschrift Young Gay America gründete. Das Spielfilmdebut des Regisseurs Justin Kelly beruht auf einer wahren Begebenheit und zeichnet das Leben und vor allem den Wandel des Michael Glatze nach, von einem durch Queer Theory geprägten Gayrights-Aktivisten hin zu einem christlichen Fundamentalisten, der Homosexualität später radikal ablehnt.

Doch wie kommt es zu dieser widersprüchlichen Metamorphose? Das versucht der Film durch das Gegenüberstellen verschiedener Zeitebenen und Lebensphasen von Michael nachzuzeichnen. Am Anfang sehen wir ihn, wie er einem jungen Mann gegenübersitzt, der ihn fragt: „Warum hat Gott mich schwul gemacht?“. Michaels Antwort: „Es gibt keine Homosexualität, das ist eine falsche Identität. Wenn du zu Gott finden willst, dann kehre auf den Pfad der Heterosexualität zurück“. Eine verstörende Anfangsszene. Danach springt der Film zehn Jahre zurück und zeigt ebendiesen Michael Ende der 1990er Jahre in San Francisco. Er lebt offen schwul mit seinem Freund zusammen, nimmt ab und an andere Männer für einen Dreier mit nach Hause, konsumiert Drogen, feiert ausgelassen in Technoclubs und arbeitet für ein schwules Magazin names XY. Doch brutale Übergriffe auf Homosexuelle bringen ihn dazu, sich gegen Homophobie zu engagieren. Er hält Vorträge an Schulen und startet ein Filmprojekt, in dem er quer durchs Land reist und junge queere Amerikaner_innen porträtiert. Er möchte mit der Dokumentation die „Gay Youth of America“ sichtbar machen, ihr eine Stimme geben und dem ganzen Hass und den Hate Crimes gegenüber Homosexuellen Empowerment und ein Wir-Gefühl gegenüberstellen. Durch seine Leidenschaft, Eloquenz und sein Charisma wird Michael schnell zu einem Vorbild in der Gay Community.

Doch durch plötzlich auftretende, unerklärliche Brustschmerzen, die Panik und existentielle Ängste in ihm hervorrufen, erfolgt ein Bruch in Michaels Leben. Er befürchtet unter demselben genetischen Herzfehler zu leiden, an dem auch sein Vater starb. Ärzte bescheinigen ihm zwar vollkommene Gesundheit, doch Michael ist weiterhin geplagt von Panikattacken und geradezu besessen von die Idee, dass er bald sterben wird. Er zieht sich in seiner Verzweiflung immer mehr zurück, sucht für seinen erschütterten Lebensmut Halt und Antworten in der Bibel, beschäftigt sich mit dem Leben nach dem Tod und beginnt heimlich zu beten. Vor allem die Suche nach seinem wahren Ich treibt ihn fortan um und die Frage, welchen Weg er einschlagen muss, um dieses Ich freizulegen. In dem Spannungsfeld zwischen seiner gelebten Homosexualität und dem immer stärker aufkeimenden Glauben bewegt sich der Film daraufhin und begleitet Michaels Weg in den religiösen Fundamentalismus. Er trennt sich von seinem Freund, versucht mit Frauen zu schlafen und besucht letztlich eine Bibelschule, um Priester zu werden. Er bloggt fortlaufend über seinen Findungsprozess und dem damit verbundenen Ringen um Erkenntnis und verkündet schließlich, sich nicht mehr als schwul zu identifizieren und setzt obendrauf, dass er schon immer „ein heterosexueller Mann war, der nur ein homosexuelles Problem hatte.“

Der Film trifft sehr gezielt in die Magengrube, denn diese atypische Wesensveränderung von Michael Glatze schmerzt in vielerlei Hinsicht. Seine religiösen Aussagen im Film zu Homosexualität verstören und machen fassungslos und wütend, da sie in so großem Kontrast zu dem „alten“ Michael stehen. Tragisch erscheint zudem auf der persönlichen Ebene, wie seine radikalen Entscheidungen viele Menschen in seinem Umfeld verletzen. Es ist ein sehr subjektiver Film, der zugleich liebevoll und schonungslos die bisherigen Lebensphasen des Michael Glatze und die Suche nach seiner sexuellen Identität nachzeichnet. Es ist das Porträt eines extremen, fast schon schizophren wirkenden Einzelfalls und auf gar keinen Fall generalisierbar. Die Figur des Michael wirkt durch den Handlungsverlauf am Ende definitiv nicht mehr als Sympathieträger, doch schafft es der Regisseur zugleich, ihn nicht zu diffamieren. Die Machart des Films lässt hoffen, dass die Gefahr eher gering sein wird, dass er von homophoben Strömungen für ihre Anti-Gay-Agenda instrumentalisiert werden wird.

Auf der Metaebene behandelt der Film zudem Fragen der Identitätsfindung, die uns alle betreffen und bei denen das Verhältnis von Sexualität und Religion zueinander immer wieder neu verhandelt werden muss. Nicht nur unbedingt im Privaten, sondern generell im Kontext des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Denn auch fernab fanatischer religiöser Rhetorik à la „If you are gay you go to hell“, zeigt sich unter anderem in Fragen der rechtlichen Gleichstellung von LGBTI in vielen liberalen Gesellschaften immer noch die stärke Prägung durch ein wertkonservatives, christliches Weltbild.

Der Film ist noch am Samstag auf der Berlinale zu sehen, mit etwas Glück gibt es vielleicht noch Tickets. Der reguläre Filmstart steht noch nicht fest.

I am Michael bei der Internet Movie Database

Giuseppina Lettieri

Jesus Freaks & Sister Freaks

Dc talk/Voice of the Martyrs (Hg.)
Jesus Freaks – Berichte von Menschen, die bereit waren, für ihren Glauben bis zum Äußersten zu gehen
Gerth Medien GmbH 2009
320 Seiten
9,99 €

Rebecca St. James
Sister Freaks – Berichte von jungen Frauen, die bereit waren, für Gott bis zum Äußersten zu gehen
Gerth Medien GmbH 2010
256 Seiten
9,95 €

jesEingeleitet wird das Buch mit vier Vorwörtern, unter anderem von dem Vorsitzenden der deutschen freikirchlichen Gemeinde der Jesus Freaks. Der Hauptteil des Buches besteht aus kleinen Geschichten von Christen, die wegen ihres Glaubens verfolgt, eingesperrt, gefoltert oder sogar ermordet wurden. Da ist zum Beispiel ein chinesischer Arbeiter, der Ende der 1990er im Gefängnis war und gefoltert wurde, weil er eine protestantische Kirche errichten wollte. Die Geschichte von Patrick Hamilton wird erzählt, der 1527 versuchte, den Protestantismus in Schottland zu verbreiten und deshalb von der katholischen Kirche zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde. Oder es wird von Mary Khoury berichtet, ihre Familie wurde während des libanesischen Bürgerkrieges von Moslems umgebracht, weil sie nicht zum Islam konvertieren wollten. Sie selbst überlebte, jedoch mit gelähmten Armen. Auch die Leidensgeschichten einiger Apostel werden auf dieselbe Art beschrieben. Nach diesen Erzählungen findet sich meist ein Bibelvers oder es wird gefragt, ob man genauso mutig für Jesus eintreten würde.1995 veröffentlichte die christliche Band dc talk ihr Album Jesus Freak. Im gleichnamigen Lied betonten sie, dass es sie nicht interessiere, wenn sie manche Menschen Jesus Freaks nennen, denn eigentlich sind sie stolz darauf. Jesus Freaks seien nur Menschen, die ihr ganzes Leben Jesus widmen und keine Gelegenheit verpassen, die christliche Botschaft zu verbreiten. 1999 veröffentlichten sie zusammen mit „Voice of the Martyrs“, einer Organisation, die weltweit auf die Verfolgung von Christen aufmerksam macht, das Buch Jesus Freaks, das Geschichten von eben solchen Christen enthält.

Diese Fragen sind berechtigt, da Leser, die nicht in gleicher Weise vom Christentum begeistert sind, sicherlich eine zunehmende Skepsis und Ablehnung beim Lesen erfahren werden. Die Skepsis ist nicht unbegründet, da viele der Geschichten, ganz abgesehen von den immer wieder auftauchenden Wundern, Engel‑ und Christuserscheinungen, stark übertrieben und idealisiert dargestellt werden. Wir erfahren von letzten Worten und Gedanken dieser Jesus Freaks, bevor sie einsam sterben und einige Geschichten, wie die erste über ein Mädchen, das im Columbinemassaker starb, sind sogar schlicht falsch.

Ablehnung werden viele Leser sicherlich gegenüber der stark evangelikalen Sprache und Sichtweise empfinden. So werden im letzten Teil des Buches Länder beschrieben, in denen Christen verfolgt oder unterdrückt werden und dies mit einem zum Teil abfälligen Ton. Den Herzen der Menschen in Katar wird beispielsweise nachgesagt, so traurig wie ihre Wüstenlandschaft zu sein, weil es dort bis 1980 keine Christen gab. Dies setzt sich in den Geschichten fort. Die Peiniger werden stets als Menschen beschrieben, die entweder das Foltern und Töten genießen oder später selbst Christen werden. Auch sonst sind die Fronten klar verteilt: Kommunisten, Moslems und, für amerikanische Evangelikale nicht unüblich, Katholiken sind diejenigen, die alle verfolgen, die die Wahrheit der Bibel verbreiten und die Worte von Jesus verkünden. Religiöse Toleranz sucht man hier vergeblich und auch die Protagonisten entsprechen durchgängig den konservativen amerikanisch‑evangelikalen Vorstellungen eines Christen, der sein Leben, wenn möglich nach einem Erweckungserlebnis, voll und ganz Jesus unterwirft.

sisDas Buch Sister Freaks folgt im Grunde demselben Muster, wenn auch mit weniger dramatischen und blutigen Geschichten. Ähnlich wie bei Jesus Freaks ist die Autorin Rebecca St. James eine bekannte Größe in der evangelikalen Musikszene Amerikas. Auch hier werden bekannte und ältere Geschichten, wie die der Johanna von Orleans, Klara von Assisi oder Katharina von Bora, der späteren Frau Luthers, mit modernen gemischt. Wie schon bei Jesus Freaks ist jeder Geschichte ein Bibelzitat angehängt, aber hier ist das Buch in zwölf Wochenabschnitte eingeteilt, die jeweils vier oder fünf Erzählungen enthalten und eine Reihe von Fragen an den Leser.

Dieses Mal geht es jedoch seltener um Verfolgung und Märtyrertod der jungen Frauen, die zumeist Teenager oder Mittzwanzigerinnen sind. Es wird von Mädchen erzählt, die nach einem Autounfall oder während einer Krebserkrankung zu Jesus finden. Die darin liegende Ideologie ist jedoch dieselbe, mit Wunderheilungen und Gott, der immer wieder zu den jungen Frauen spricht. Die ungläubigen Mädchen sind promiskuitiv, haben Abtreibungen, nehmen Drogen, trinken Alkohol und sind unglücklich, bis sie zu Jesus finden und ein glückliches und moralisches Leben führen. In einigen Momenten nimmt dies für den Außenstehenden schon fast zynische Züge an, wenn z. B. der Tod eines Babys den Vater endlich zu Gott gebracht hat.

Obwohl sich die Geschichten beider Bücher schnell und einfach lesen lassen, wird die tatsächliche Zielgruppe in Deutschland doch eher klein sein. Beide richten sich an junge, konservative evangelikale Christen, denn dem aufgeklärten und liberalen Christen Europas dürften die Bücher genauso oft ein ungläubiges Kopfschütteln abverlangen wie einem Atheisten. Wer einen Einblick in das Weltbild dieser Christen erhalten will, kann es hier versuchen, aber als Konfirmationsgeschenk ist es ungeeignet, da es keine religiöse Toleranz vermittelt, sondern eine rein schwarz‑weiße Welt zeichnet.

Florian Klein

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Überzeichnet

Inge Kirsner/Olaf Seydel/Harald Schroeter‑Wittke (Hg.):
Überzeichnet – Religion in Comics
(Reihe: POPKULT 9)
Garamond 2011
256 Seiten
24,90 €

215_0Für den Comicunkundigen eröffnet Jochen Wiedemann den Band mit einer Einführung in das Thema Comic anhand eines Definitionsversuches und einer historischen Einleitung, in der wir z. B. auf die Bildgeschichten von Heiligen oder die Passion Christi in Kirchen aufmerksam gemacht werden, die in den Definitionsbereich Comic fallen, und es werden einige grundlegende Fachbegriffen erklärt. Obwohl es im postmodernen Wissenschaftsbetrieb schon alltäglich ist, dass sich Geisteswissenschaftler mit Popkultur beschäftigen und Medientheoretiker erfolgreiche Romane, Musik oder Filmklassiker analysieren, bleiben Comics in diesem Kontext nach wie vor eine Seltenheit, da ihnen immer noch abgesprochen wird, eine ernstzunehmende Kunst zu sein. Dies gilt besonders, wenn sich Theologen mit Comics in Hinsicht auf Religion beschäftigen. So aber geschehen in dem Sammelband Überzeichnet – Religion in Comics, der das Ergebnis der Jahrestagung 2010 des Arbeitskreises Populäre Kultur und Religion ist. Hier kann man beobachten, was passiert, wenn Theologen Comics lesen.

Weitere Autoren betrachten anschließend einzelne Comicserien genauer. So werden die Qualitäten von Lucky Luke als Verkörperung mancher christlicher Tugenden betrachtet, in Superman die postmoderne Verkörperung von Moses‑ und Messiasvorstellungen der jüdisch‑christlichen Gesellschaft aufgedeckt und die bibelfeste Alltagstheologie der Peanuts (von Charles M. Schulz) analysiert. Aber auch jüngere Comics, wie die Hellsing Mangas und Animés (von Kouta Hirano), die Preacher Comics (Autor: Garth Ennis, Zeichner: Steve Dillon) oder das ungewöhnliche Cages (von Dave McKean) werden besprochen und dadurch eine große Bandbreite verschiedener Stile untersucht. Unterstützt wird dies durch zahlreiche z. T. farbige Abbildungen und ganze Comicstrips. Sie lockern die Texte auf und ermöglichen bei einigen Comics überhaupt erst das Verständnis des Besprochenen.

Abgeschlossen wird durch zwei zusammenfassende Beiträge, die das Vorangegangene noch einmal unter theologisch‑kulturhermeneutischer und religionspädagogischer Perspektive zu betrachten versuchen. Diese weisen wohl die größte wissenschaftliche Tiefe des Bandes auf, denn der Anspruch bzw. Tiefgang der einzelnen Beiträge schwankt. In manchen Aufsätzen, wie dem von Andrea Völkner über Dagobert Duck oder Olaf Seydels über den Preacher, nimmt die Darstellung der Story des behandelten Comics zu viel Platz ein, während die tatsächliche Analyse etwas knapp ausfällt. Andererseits könnten nichtakademische Leser die anspruchsvolleren Beiträge trocken oder langweilig finden. Ob dies beabsichtigt war, um eine breite Zielgruppe anzusprechen, oder es an dem ungewohnten Medium lag, ist schwer zu sagen, aber wahllos sind die einzelnen Beiträge nicht. Die Autoren beziehen sich in ihren Texten aufeinander und erzeugen dadurch eine Geschlossenheit und Zusammengehörigkeit, die nicht in jedem Sammelband zu finden ist.

Zu beachten ist beim Lesen des Bandes, dass die Autoren ausschließlich Theologen sind und die Comics daher aus einem rein christlichen Blickwinkel betrachtet werden. Es ist interessant zu sehen, wie Theologen, die alle ihre Leidenschaft für Comics nicht verbergen, die Verarbeitung der ihnen vertrauten Symbole und Inhalte in den Comics interpretieren oder bewerten. So werden in der Geschichte Supermans zwar christliche Grundmotive gefunden, aber beklagt, dass diese in dem Comic ihre ethische Verbindlichkeit verlieren, oder es werden die stark verzerrte Darstellung von christlichen Institutionen und Lehren in den Hellsing‑Geschichten bemängelt. Leider wird dadurch nur selten betrachtet, was dies über das Christentum und Religion generell in der Gesellschaft und deren Wahrnehmung aussagt. Nichtsdestotrotz können Comicfreunde ihren Spaß an diesem ungewöhnlichen Blickwinkel finden, ebenso wie Religionsinteressierte an diesem noch kaum bearbeiteten Medium.

Florian Klein

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)