#IZM2020 „Who’s that Zinester?“

Seit einigen Jahren beteiligen wir uns am International Zine Month, so auch in diesem Jahr. Die Beiträge bündeln wir unter dem Hashtag #IZM2020. Bisher haben wir als Mitarbeiter*innen hauptsächlich Zines vorgestellt, die uns wichtig sind oder die wir neu in der Sammlung haben. Für dieses Jahr haben wir uns eine neue Rubrik überlegt: „Whos that Zinester?“

Wir stellen euch in den kommenden Wochen Zinemacher*innen vor, deren Zines wir toll finden und in der Sammlung haben, mit denen wir arbeiten oder einfach so in einem engen Austausch sind. Wir haben eine kleine Auswahl an Menschen unsere Fragen geschickt und hier sind ihre Antworten.

Heute stellen wir euch Evelyn vor. Kennengelernt haben wir Evelyn und ihr Zine Vinyldyke 2019 über Twitter, woraus dann ein IRL Besuch im Archiv folgte und wow, das Zine ist seitdem ganz schön durch die die Decke gegangen. Evelyn scheint da wohl einen Nerv getroffen zu haben. Wir finden es jedenfalls ziemlich super.

Tell us about your zine/ project

I make a zine called ‚Vinyldyke‘. It is an old-school looking music fanzine, all cut and paste with scissors and gluestick, and type-written. I call my writing style diy rock journalism, to move away from classic music journalism, always adding personal comments and stories.

What was the reason to start your own zine? Did someone or something inspire you?

My friend Nina from Gent, Belgium, produces the zine ‚Same Heartbeats‘. She writes about her travels, feminist events and (her own) music, from a very personal perpective. You can find such an enthusiastic attitude and so much encouragement in her zines, you’ll have to make your own zine after reading them. 

What is the first zine you ever fell in love with?

I remember the first zines I came across in the early 2000, punk and riot grrrl zines, had letters so tiny, I wasn’t able to read them. Only a few years ago, I’ve found zines that were using bigger fonts… 

A zine you would recommend because it deals with issues you care about

All issues of ‚Same Heartbeats‘ that I mentioned earlier. You can learn a lot about making zines from those. I recommend doing a lot of zine trades with various people, so you’ll get a lot of new ideas and inspiration.

Evelyn//Vinyldyke//passionless=pointless visiting us at the archive to bring us the newest issue of the zine ❤

Zine related places you visited or want to visit in the future? Tell us why!

I have done so many zine trades with people in so many different countries. A number of small stores in the US and  the UK even sell my zines. One day, when I was preparing a lot of US orders, I decided, why not travel where my zine are going? So I started planning a trip across the USA for summer 2020. It has fallen through now during the pandemic, but I hope I’ll be able visit all those places and fellow zinesters as soon as possible.

What projects are you involved in besides publishing zines?

I play in a Berlin-based grunge band called Passionless Pointless. Jyoti, Kate and I have released our demo tape as a real cassette in March and we’re going to record our first album in August. Playing in a band is very similar to making zines, I think. You’ve got the writing, the creativity, the creative output and the best thing – meeting other people who are into the same kind of stuff. Also, I can write about our music in my fanzine, just the way I like it.

A collaboration you are dreaming about?

More comics, drawings and illustrations, that’s what I’d like for the next issue of Vinyldyke. I’m so bad at drawing, there surely need to be collaborations. 

What would you be more interested in? A zine about cats or dogs?

I once did a zine trade and the mini zine I got was called ‚Do You Have a Male Cat?‘. I’m allergic to both cats and dogs, so it didn’t sound that interesting to me. But it turned out it was a zine about language

learing! if you’re hung over, you have a ‚male cat‘ in German! And if you worked out too hard, you’ll have a ‚muscle cat‘ the next day. I loved it. The zine was written by stolzlippen.

A zine about your teen crush would be about?

I don’t think I had a teen crush. Maybe I’ll do a zine about my teenage role models one day – Axl Rose, Jon Bon Jovi, Kurt Cobain and Nick Cave, just to see if other queer people experienced the same. 

Which fellow zinester would you rob a bank with and why?

There are so many! 

Your life motto or a message you want to share

Passionless=pointless. I love nerdiness in people and seeing how much they’re into what they’re doing. Put your time and energy into what you love and what’s important to you.

22 Strategien

Ian F. Svenonius
22 Strategien für die erfolgreiche Gründung einer Rockband
Metrolit 2014
320 Seiten
18,00 €

met-svenonius-1Eine Person „vom Fach“ schreibt hier mit imaginärer Unterstützung durch einige sehr berühmte, leider schon verstorbener Rockstars ein Buch, das Mechanismen und Haltungen im und um Rockleben und -business beleuchtet. Svenonius hat mit seinen Bands wie The Make-Up oder Chain & the Gang ekstatische Konzerte in manchen Momenten durchaus auch mal in marxistische Seminare abgleiten lassen. Jetzt gibt es ein Buch, das Kapitalismuskritik und gewagte kulturtheoretische Thesen griffig komprimiert verbindet.

Das ganze Buch ist in einem zornigen Ton gehalten, desillusionierend und dabei höchst amüsant. Es geht weniger – nein, gar nicht – um Dinge wie Chartserfolge oder Airplay, sondern um Fans, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit. Besonderes Augenmerk legt er auf die Haltung, die von ihm einerseits als gesellschaftliche verstanden, andererseits aufs Ästhetische bezogen wird.

Bei allen individuellen Ratschlägen sieht er die Einzelnen immer als Gegenüber der Gesellschaft, die einerseits eher andere Interessen hat und andererseits Teil von größeren Zusammenhängen ist. So geht er davon aus, dass die Erfindung des Rock während des Kalten Krieges eine Antwort des Westens auf die Heilsversprechen des Kommunismus war. Eine These, die noch nicht oft geäußert wurde und auch noch nicht wissenschaftlich begründet ist. Wesentlich schlüssiger ist die Ableitung des Begriffs „Band“ und ihres Images aus kleinkriminellen jugendlichen Straßenbanden. Dies erklärt auch die Vorherrschafft junger Männer im Rock-Business, dass Rotzigkeit eine Tugend und eine ehrliche Von-Unten-Attitüde stets gern gesehen ist. Auch das einheitlich geschlossene Auftreten und die Ikonographie eines typischen Band- oder Coverbildes lassen sich auf diesen kulturellen Hintergrund zurückführen.

Wir erfahren, was das Publikum am häufigsten fordert: immer das Gleiche. Dies begründet er mit der fortschreitenden Entfremdung des Lebens und der Arbeit seit der Industrialisierung. Die Menschen seien Veränderungen unterworfen, die sie nicht selber unter Kontrolle hätten und entwickeln als Gegenimpuls quasi maschinenähnlich monotone Vorlieben. Außerdem beleuchtet er bandinterne Prozesse, den Bandbus, den Umgang mit Fans, die erste Plattenaufnahme und den Probenraum.

Insgesamt ist das zwar schon eine brauchbare „Anleitung“, aber viel mehr eine scharfzüngige Abrechnung mit dem Business sowie allem was über den Rock’n’Roll geschrieben und erzählt wird. Aber auch eine Liebeserklärung und Ermutigung an all jene, die es trotzdem probieren.

Peter Auge Lorenz

The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore

Roland Seim/Josef Spiegler (Hg.)
„The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ – Tod und Sterben in der Rockmusik
Telos Verlag 2009
267 Seiten
16,80 €

rutcovgrDie kulturwissenschaftliche Studie The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore hat es sich zum Ziel gemacht, dies genauer zu untersuchen und besonders den unterschiedlichen Umgang mit dem Tod in den einzelnen Genres und dem jeweiligen zeithistorischen Kontext herauszuarbeiten. Es ist nach dem 2002 erschienenen Buch über die Zensur in der deutschen Kulturgeschichte das zweite Werk der Herausgeber und Dozenten der Wilhelms‑Universität in Münster Roland Seim und Josef Spiegel. Das Buch ist gleichzeitig der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, welche unter anderem im Rock’n’Popmuseum Gronau zur Schau gestellt wurde. „Der Tod hat viele Gesichter, heißt es. Er schreibt auch viele Geschichten“. Neben der Liebe, der wahrscheinlich ungebrochenen Inspirationsquelle von Musikern und Songschreibern, nimmt der Tod als Thematik einen ebenfalls wichtigen Stellenwert in der Rockmusik ein.

In einer 30‑seitigen Einführung gibt der Autor Roland Seifer einen kurzen gelungenen Abriss des zeitgenössischen Umgangs mit dem Tod anhand von einigen bedeutenden Musikstilen, angefangen von den 1950ern bis zu den 1990er Jahren. Es folgen 17 spezialisierte Beiträge einzelner Autoren zu verschieden Genres wie Psychedelic, Punk, Hardcore, Grunge, New Wave, Gothic, Grindcore sowie diverser neuerer Rockmusik und Hip Hop. Einige Kapitel widmen sich auch ganz dem Schaffen einzelner Bands wie The Doors , The Poison Idea, oder dem Cover‑Künstler William Schaff.

Die Aufsätze sind leicht verständlich geschrieben und ein besonderer Pluspunkt sind die über 200 Coverabbildungen, umfangreichen Quellenangaben und die unzähligen Zitate aus Songtexten. Wegen der zahlreichen Autoren und ihrer unterschiedlichen Beiträge kommt es leider manchmal zu Überschneidungen. Andere kommen ein wenig vom Thema ab, indem sie eher allgemeine Informationen zum Genre oder zu Personen geben, das Todesthema aber nur streifen.

Interessant sein könnte dieses Buch für Pädagogen und Eltern, da es einen Diskurs enthält, ob Musik verantwortlich für gewalttätiges Verhalten Jugendlicher ist. Auch werden Vorkenntnisse über die Rockgeschichte für die Lektüre nicht benötigt, da es selbst einen allgemeinen und guten Überblick über die einzelnen Jugendkulturen und Genres gibt. Ansonsten ist dieses Buch allen zu empfehlen, die Rockmusik, welche sich der düsteren Seite des Lebens widmet, nicht nur hören, sondern auch verstehen wollen.

Franziska Smith

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)