Einfach anders!

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Eine Ausstellung zu jugendlichen Subkulturen im Ruhrgebiet

Seit dem 5. April zeigt das LWL-Industriemuseum in Bochum die Ausstellung „Einfach anders! Jugendliche Subkulturen im Ruhrgebiet“. Die aufwendig gestaltete Ausstellung in der „Zeche Hannover“ bietet einen breiten Überblick über verschiedene Jugendkulturen und -bewegungen im Ruhrgebiet seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Spektrum reicht von den Wandervögeln und Swing-Kids über die Halbstarken und Beat-Jugend, Heavy Metal und Punk, Hip Hop, Graffiti und Techno bis zu ganz aktuellen Szenen wie Neo-Rockabilly und Steampunk. Auch politische Bewegungen wie die Edelweißpiraten, die Studenten- und Lehrlingsbewegung oder die Hausbesetzerszene werden thematisiert.

Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog erschienen, der neben Abbildungen der Ausstellungsstücke und Hintergrundinformationen über die einzelnen Szenen auch eine Reihe an Aufsätzen zu den Themen der Ausstellung enthält. Darunter ist auch ein Beitrag von Gabriele Rohmann und Martin Gegenheimer vom Archiv der Jugendkulturen über Jugendkulturen und Rechtsextremismus im Ruhrgebiet.

Die Ausstellung hat Mittwoch bis Samstag von 14 bis 18 Uhr, Sonn-  und Feiertags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Sie ist noch bis zum 7. September 2014 zu sehen.

Die Adresse:
LWL-Industriemuseum
Westf. Landesmuseum für Industriekultur
Zeche Hannover
Günnigfelder Straße 251
44793 Bochum

Dietmar Osses & Katarzyna Nogueira (Hrsg.)
Einfach anders! Jugendliche Subkulturen im Ruhrgebiet
Klartext 2014
260 Seiten
19,95 €

 Daniel Schneider

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Mit Schmackes!

Dennis Rebmann & Philip Stratmann
Mit Schmackes! – Punk im Ruhrgebiet
Henselowsky Boschmann 2013
269 Seiten
18,90 €

Ich erinnere mich sehr gut, wie mir das Ruhrgebiet Mitte der 1990er-Jahre als das Mekka des Punkrocks galt. Selbst aktiv in die Fanzine- und Tape-Tausch-Szene involviert, erschien es mir unglaublich, wie viele Fanzines, Labels, Bands und Radiosendungen es seinerzeit im Ruhrgebiet gab, und ich stellte mir vor, wie sich die Szene bei den zahlreichen Konzerten zu „Familien-Treffen“ versammelte. Es mag schon sein, dass das eher eine PunkROCK-Szene war, also eine, die den musikalischen Aspekt von Punk betonte, und dass die Politik eher an den Rand geriet. Dennoch: In jener Zeit betrachtete ich das Ruhrgebiet als die entscheidende Punkrock-Hochburg in Deutschland.

Die Zeit der 1990er und 2000er Jahre rückt das vorliegende Buch, das nach Selbstauskunft durch den Band Kumpels in Kutten – Heavy Metal im Ruhrgebiet angeregt wurde, in den Vordergrund. Als Grund dafür wird genannt, der Fokus werde auf die bis heute noch aktive Szene gelegt. Die späten 1970er Jahre bleiben fast ganz ausgespart (hierüber würde sich sicher ein eigenes Buch lohnen), über die 1980er Jahre erfährt man einiges im interessanten Überblicksartikel von Helge Schreiber (ein Name, der für Qualität steht) und im Interview mit einem frühen Aktivisten der Zeche Carl in Essen sowie in Stories über die Upright Citizens und die Vorgruppe.

Gegliedert nach Themen reihen sich Interviews und Artikel aneinander, immer wieder bebildert mit ausgesuchten dokumentierten Flyern und in aller Regel qualitativ hochwertigen Fotos sowie veranschaulicht durch Songtexte. Thematisiert werden dabei unter anderem Bands (Lokalmatadore, Kassierer und Eisenpimmel bilden dabei einen gewissen Schwerpunkt, aber es werden auch zahlreiche andere zumindest kurz vorgestellt), Labels (u. a. Dirty Faces, Impact, People Like You Records), Fanzines (u. a. Ox, Plastic Bomb, Scumfuck, Moloko Plus), Konzertorte (u. a. Druckluft Oberhausen, Zwischenfall Bochum, AZ Mülheim), Festivals und Plattenläden (u. a. Idiots Records und New Liveshark). Bemerkenswert auch der „Blick von außen“ auf die Bedeutung von Punk im Ruhrgebiet aus der Perspektive von Rüdiger Thomas aus Düsseldorf und Schlaffke Wolff aus Haminkeln am Niederrhein.

Das Buch überzeugte mich vom ersten Blättern an und war mir sofort sympathisch. Rein inhaltlich könnte es auch ein gut gemachtes Fanzine sein, mit seiner Themenwahl und auch der Vielseitigkeit der Äußerungen und Meinungen. Auch kommt es stilistisch angenehm unakademisch, vielmehr erzählend daher. In der Form eines (bunt) gedruckten Buches entfalten dann aber die Übersichtlichkeit und vor allem der sehr gute Druck insbesondere bei Fotos und Abbildungen eine zusätzliche Qualität.

Es fällt auf, dass die befragten Protagonisten weitgehend sich selbst darstellen und eigentlich sagen können, was sie wollen, ohne dass das Gesagte groß hinterfragt wird. Das ist der einzige kleine Schwachpunkt dieses Buches, denn an manchen Stellen wäre ein bisschen „Quer-Bürsten“, also ein kritisches Nachfragen durchaus angebracht gewesen. Denn natürlich stellt sich die Frage, inwieweit das Ox noch ein Fanzine ist, und inwieweit ein normales Musik-Magazin. Auch beim Interview mit Impact Records hätte mehr thematisiert werden können, warum dieser Mailorder in manchen aktiven Szene-Kreisen nicht für voll genommen wurde. Dieser kritische Blick fehlt. Das schmälert aber nicht wirklich den rundum positiven Gesamteindruck dieses feinen Buches.

„Punkrock und Ruhrgebiet – wie passt das zusammen?“ ist eine der Fragen, die sich durch das ganze Buch ziehen. Neben aller Erdigkeit und Urbanität erscheint mir „Fünfe gerade sein zu lassen“ eine Maxime zu sein, die für Punkrock und auch die Menschen im Ruhrgebiet, wie sie von den einschlägigen Bands besungen werden, wichtig ist. In diesem Sinne: Nieder mit den Betreibern des neoliberal gefärbten Strukturwandels, die das Ruhrgebiet aufhübschen wollen („All das, was Stadtplaner, Werbefachleute und andere stets als Problem betrachten, wird in den hier vorgestellten Texten explizit positiv verstanden und soll gefälligst auch so bleiben.“ S. 265) – und hoch die Punkrock- und Ruhrpott-Fahne!

Andreas Kuttner