Handbuch Aggression, Gewalt und Kriminalität bei Kindern und Jugendlichen

Melzer, Hermann, Sandfuchs, Schäfer, Schubarth, Daschner (Hrsg.)
Handbuch Aggression, Gewalt und Kriminalität bei Kindern und Jugendlichen
UTB / Klinkhardt 2014
640 Seiten
39,99 €

9783825285807_1Einen sehr facettenreichen Einblick in eine mitunter aufgeregt diskutierte, manchmal jedoch auch tabuisierte Thematik ermöglicht dieses Handbuch in 125 Beiträgen, gegliedert in fünf große Abschnitte. Dabei werden aktuelle Ergebnisse aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen kritisch reflektiert, bisherige Versäumnisse der Forschung klar benannt, und Verantwortung an alle Menschen delegiert, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben.

Die Gliederung macht Sinn, die beiden größten Abschnitte zu „Formen, Ursachen, Akteure(n)“ sowie „Prävention und Intervention“ umfassen rund 400 Seiten. Thematische Überschneidungen und inhaltliche Widersprüche lassen sich bei 125 Beiträgen weder vermeiden, noch stören sie. Vielmehr spiegeln sie die Vielzahl der interdisziplinären Ansätze und Sichtweisen, sowie die Tatsache, dass wir auf hilfreiche Wissensbestände zurückgreifen könnten, wenn wir nur wollen. Dies gilt für alltägliche Formen von Aggression und Gewalt ebenso wie für außergewöhnliche Handlungen, z. B. in Form von Amokläufen an Schulen. Dabei stellen die Autor_innen unmissverständlich klar, dass die Mehrzahl der Schüler_innen Aggression und Gewalt als gängiges Mittel zur Auseinandersetzung einerseits ablehnt, dass jedoch andererseits (Cyber-)Mobbing oder scheinbar „weiche“ Formen von Gewalt von vielen Schüler_innen nicht unbedingt als solche wahrgenommen werden.

In der Entwicklung männlicher Identität spielt Gewalt und Gewaltakzeptanz eine deutlich größere Rolle als bei der Entwicklung weiblicher Identität. Für genderspezifische Herausforderungen gilt dasselbe wie für die gesellschaftlichen Aufgaben angesichts politisch motivierter Gewalt oder der Angst bzw. Ignoranz gegenüber Gewalt an Schwachen: Es gibt derweil zahlreiche evaluierte Programme und Trainings, von denen viele in der Schule angeboten werden könnten. Studien der letzten Jahrzehnte rücken Aggression und Gewalt fördernde Ursachen ebenso klar in den Blickpunkt wie Möglichkeiten der Prävention oder der Nachbearbeitung. Relativ neue Ansätze wie z. B. konfrontative Verfahren werden dabei auf wenigen Seiten verhältnismäßig kritisch und differenziert skizziert.

An klaren Empfehlungen und Positionierungen mangelt es nicht von Seiten der Expert_innen, deren kleinster gemeinsamer Nenner vielleicht darin liegt, dass insbesondere Professionelle bei Aggression und Gewalt nicht wegschauen dürfen, sondern entschieden und vorbildhaft eingreifen sollten. Dass der Mangel an tragfähigen wie vertrauensvollen Bindungen in der frühen Kindheit in der Familie nicht allein in der Schule ausgeglichen werden kann, leitet sich aus verschiedenen Beobachtungen ab. Die Vielzahl der Ansätze – hier seien Medien-, Sport-, Musik-, Theater- und Demokratiepädagogik beispielhaft für eine von mehreren Disziplinen genannt – spannt einen weiten Horizont an Handlungsmöglichkeiten auf, um sowohl subtiler Aggression als auch heftiger Gewalt nicht planlos gegenüberstehen zu müssen. Hier sind nicht zuletzt die Politik und die Gesellschaft gefordert, vor allem pädagogische Einrichtungen entsprechend auszustatten.

Ob sexuelle Gewalt in der Familie oder in der Schule, fremdenfeindliche Gewalt, oder Gewalt im Umfeld des Fußballs, ob Förderung der Zivilcourage oder Peer-Mediation: Dieses Handbuch erweist sich durch seine inhaltliche Breite, seinen besonnen-kritischen Tonfall und die Literaturhinweise als nahezu unerlässliches Nachschlagewerk für Professionelle wie thematisch Interessierte. Zahlreichen Autor_innen gelingt es, den aktuellen Forschungsstand prägnant zusammenzufassen, sowie Kernthesen und Handlungsbedarfe klar zu formulieren. Hier findet sich auf 640 Seiten wahrlich kompaktes Wissen.

Thor Joakimsson

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Faszination Gewalt

Josef Sachs & Volker Schmidt
Faszination Gewalt. Was Kinder zu Schlägern macht
Orell Füssli 2014
224 Seiten
22,95 €

SachsSchmidt_FaszinationGewalt_RZ.indd„Cyber-Mobbing, Überfälle und Messerstechereien: Was geht in Jugendlichen vor, die sich brutal verhalten? Was können wir dagegen tun? (…) Der Trend zu mehr Brutalität und Gewalt schreckt auf. Was macht Jugendliche zu Tätern? Sind zu viele Freiheiten in der Erziehung, instabile Familienverhältnisse oder die Gewaltverherrlichung in Videos oder Computerspielen daran schuld?“ (Klappentext)

In ihrem verständlich geschriebenen und nachvollziehbar aufgebauten Buch geben die beiden Psychiater Josef Sachs und Volker Schmidt Antworten aus der Sicht von Experten, die jungen Gewalttäter_innen häufig als Gutachter begegnen. Beide Autoren skizzieren Herausforderungen und praktische Handlungsansätze, die das Risiko, dass Jugendliche zu Täter_innen werden, verringern sollen.

Unter der Fragestellung „Woher kommt die Gewaltbereitschaft?“ liefern Sachs und Schmidt einen aktuellen Überblick über begünstigende Faktoren. Fehlende Sicherheit und Bindung in der Familie, Orientierung an delinquenten Vorbildern in der Peer Group, Konsum von Aggression begünstigenden Drogen und zweifelhaften Medien sind hinreichend bekannt. Bei der Beschreibung der Gehirn-Entwicklung von Jugendlichen neigen die Psychiater zu einer biologistischen Sichtweise, die den Blick auf menschliche Möglichkeiten verkürzt. Dabei betonen sie, dass kein zwingender Zusammenhang zwischen einzelnen Faktoren und Gewalt besteht, sondern dass erst das Zusammenwirken mehrerer ungünstiger Faktoren den Einsatz von Gewalt nahelegt. Somit stellen sie einerseits Ego-Shooter spielende Jugendliche nicht unter Generalverdacht, weisen andererseits jedoch auf die Möglichkeit hin, dass die Beschäftigung mit solchen Medien unter bestimmten Bedingungen dazu führen kann, Gewalt als Problemlösung zu favorisieren.

Mit Sorge beschreiben die Psychiater jene Möglichkeiten, die sich mittels neuer Medien bieten, vor allem psychische Gewalt auszuüben und Jugendliche bis zum Suizid zu treiben. Die öffentliche Demütigung durch das Publizieren von intimen Photos oder Gewalt-Videos geschehe oft ohne eine Ahnung der juristischen Verhältnisse. Für viele Jugendliche sei das Internet ein als rechtsfrei empfundener Raum, in dem sie überfordernde Inhalte finden. Wer sich in jungen Jahren an den Anblick von – auch sexualisierter – Gewalt gewöhnt, der kann dazu neigen, sich mit den Gewalttäter_innen zu identifizieren und dementsprechend zu handeln. Neue Formen von Demütigung erkennen die Psychiater bei Vergewaltigungen durch mehrere Täter_innen (zu 95% männliche Jugendliche), bei denen die Erniedrigung der Opfer (meist sehr junge Mädchen) per Handy gefilmt und im Internet veröffentlicht wird.

Den so genannten „School Shootings“ als seltener Form der Jugendgewalt widmen sich die Autoren vor allem im Hinblick auf Warnsignale, die das Umfeld des Täters veranlassen sollten, aktiv zu werden, anstatt Außenseiter_innen ihren eigenen Gewaltphantasien zu überlassen. Es gibt, so die Autoren, „bestimmte Äußerungen oder Verhaltensmuster des potenziellen Täters, die eine stufenweise Entwicklung hin zu einem Gewaltakt charakterisieren“. Häufig würden die Anzeichen zwar von Einzelpersonen bemerkt, doch zu selten in verantwortungsvolles Handeln umgesetzt. Sachs und Schmidt sprechen sich daher für interdisziplinäre Anlaufstellen wie z.B. das Berliner „Leaking Projekt“ aus. Zudem kritisieren sie eine Berichterstattung, welche dem Täter viel Beachtung schenkt und seinen Lebenslauf romantisiert, während die Opfer und ihr Leid eher ausgeblendet werden, was bei entsprechend veranlagten Jugendlichen zu einer Idolisierung der Täter_innen führe. Bei ihren Anregungen für ein gutes Schulklima und für eine Verringerung des Drucks auf Jugendliche ahnen die Autoren wohl selbst, dass sie allenthalben an der Oberfläche gesamtgesellschaftlicher Herausforderungen kratzen.

Die Psychologen warnen ferner vor einer „emotionalen Wohlstandsverwahrlosung“, in welcher Kinder mit materiellen Dingen überhäuft werden, jedoch nicht in vertrauensvollen Beziehungen von ihren Eltern getragen werden. Diese sollten sich Zeit nehmen, nicht zuletzt, um sich mit der Mediennutzung ihrer Kinder vertraut zu machen, kritische Internetinhalte offen zu besprechen und den Wert von Privatsphäre zu verdeutlichen. Im Hinblick auf den komplexen Auftrag der Schulen fällen die Autoren ein klares Plädoyer für die Vermittlung sozialer Kompetenzen: „Pisa-Studien dürfen nicht dazu führen, die humanistische Bildung im Grunde abzuschaffen und durch simples Wissen zu ersetzen.“ Hier fehle es einmal mehr zu oft an Vertrauen stiftenden Beziehungen und an Möglichkeiten, lernschwache Schüler besser zu fördern und zu integrieren.

Therapeutische Erfolge bei psychisch erkrankten jugendlichen Gewalttäter_innen bauen den Autoren zufolge ebenfalls auf einer belastungsfähigen Beziehung auf, in welcher dem Täter einerseits seine Tat wiederholt vor Augen geführt wird, andererseits Verantwortung und Empathie erlernt werden sollen. Dass es dabei nicht um sinnfreies „Nachplappern“, sondern um die Entwicklung eines tieferen Unrechtsbewusstseins geht, machen Sachs und Schmidt unmissverständlich klar, und liefern auf rund 200 Seiten erstaunlich viele Anregungen für thematische Vertiefungen bei anderen Autoren.

„Faszination Gewalt – Was Kinder zu Schlägern macht“ ist ein wohl mit Bedacht provokant angelegter Titel, der die Hoffnung auf einfache Antworten wecken mag. Josef Sachs und Volker Schmidt gelingt es in ihrem Einführungsband, von Jugendlichen verübte Gewalt differenziert und in nüchternem Tonfall darzustellen und die Motive der Täter_innen sowie gesellschaftliche Antworten sachlich zu hinterfragen. Leider unterscheiden sie nicht zwischen Aggression und Gewalt, und auch der Unterschied zwischen Verhalten und Handeln wird sprachlich nicht klar gezogen. Diese Uneindeutigkeit verstärkt die Frage, ab wann Jugendliche für ihr zerstörerisches Handeln wie weit verantwortlich sein können. Nüchtern formuliert sind auch die konkreten Ratschläge, um Jugendgewalt einzudämmen. Dabei wird deutlich, dass ein Hin- und Herschieben von Verantwortung zwischen verschiedenen Institutionen Gewalt ebenso begünstigt wie ein Zurückweichen vor komplexen Herausforderungen. Ermutigende Erfahrungen zur Bildung verantwortungsvoller junger Menschen gibt es genug – vielleicht sollte statt Ängste schürender Berichterstattung mehr darüber geschrieben und diskutiert werden.

Thor Joakimsson

Jugend und Jugendkulturen im 21. Jahrhundert

Wilfried Ferchhoff
Jugend und Jugendkulturen im 21. Jahrhundert – Lebensformen und Lebensstile
2., aktualisierte und überarbeitete Auflage
VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011
496 Seiten
29,95 €

Das hier rezensierte Buch ist mittlerweile in zweiter Auflage in der VS‑Lehrbuchedition erschienen und richtet sich laut Verlagsangaben insbesondere an Studierende und Dozierende der Geistes‑ und Sozialwissenschaften, Lehrende und Praktizierende der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik sowie Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler in Lehre und Forschung. Ziel der Reihe ist es, in komprimierter Form Grundlagenkenntnisse zu vermitteln. In neun Kapiteln thematisiert Ferchhoff den Gegenstand des vorliegenden Bandes, Jugend und Jugendkulturen im 21. Jahrhundert, auf insgesamt 496 Seiten.

Nach den obligatorischen Reprints der Vorworte vergangener Auflagen sowie der Einleitung skizziert der Autor zunächst die sozialhistorische Entwicklung von Jugendkulturen und beleuchtet deren wissenschaftliche Rezeption. Anschließend diskutiert er die veränderten Strukturen sozialer Ungleichheit vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Globalisierung und Individualisierung und geht auf die Differenzierung des Jugendbegriffs ein. Der darauf folgende Abschnitt befasst sich mit den Entwicklungs‑ und Lebensbewältigungsaufgaben im Kontext der Lebensphase Jugend, die der Autor anhand des Patchwork‑Konzeptes betrachtet. Des Weiteren erörtert der Autor pauschale Jugendbilder und Generationsgestalten, um daran anknüpfend „Jugendgenerationen im Wandel nach dem zweiten Weltkrieg“ darzustellen. Ein weiteres Kapitel stellt zeitgenössische jugendkulturelle Szenen und Stile vor. Darüber hinaus thematisiert Ferchhoff am Beispiel von Sport und Mode die Idealisierung und Individualisierung von Jugend. Schlussendlich werden veränderte Erziehungs‑ und Sozialisationsbedingungen in Familie, Schule, Beruf, Freizeit und Gleichaltrigengruppe dargestellt. Nachstehend findet sich ein umfangreiches kapitelübergreifendes Literaturverzeichnis.

Die Beschreibung der historischen Entwicklung von Jugend und Jugendkulturen unter sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen sowie deren wissenschaftliche Auslegung wirkt profund. Darüber hinaus werden Ergebnisse und Erkenntnisse jüngerer und jüngster Jugend‑, Jugendkultur‑ und Szeneforschung in kondensierter Form dargeboten. Begriffe wie „Peers“ werden ebenso wie Kontexte jugendlicher Lebenswelten, Handlungsfelder Jugendlicher sowie Entwicklungsaufgaben im Jugendalter anschaulich beschrieben. Insbesondere im letzten Abschnitt wird eine präzise analytische Darstellung von sich verändernden Sozialisationsbedingungen geboten, die anhand von 19 Thesen entfaltet wird.

Die Differenzierung jugendkultureller Szenen und Stile im siebenten Abschnitt („Jugendkulturelle Stile und Szenen im 21. Jahrhundert“) erscheint dagegen willkürlich und empirisch wenig gesättigt. So erschließ sich beispielsweise nicht, warum Serienfans und „Trekkies“ (Fans der Serie Star Trek) separat betrachtet werden. Auch die Differenzierung zwischen „Heavy Metal; White‑, Trash‑ [sic!], Black‑, Dark‑, Death Metal“ sowie „Satansrock“ einerseits und „Metallern“ andererseits erscheint nicht plausibel. Wichtige Subgenres wie „Pagan‑“, „Speed­‑“ und „True‑Metal“ werden hingegen in der Zwischenüberschrift nicht genannt, obwohl im Text zumindest auf „Speed Metal“ Bezug genommen wird. Ferner schimmert durch, dass die Validität empiriebasierter Aussagen, beispielsweise wenn der Autor vom „…Vorbild für ganze Generationen von Metal‑Bands – Metallica mit dem sehr erfolgreichsten [sic!] Album [sic!]: ‚Whatever [sic!] I may roam‘…“ berichtet, nur unzureichend geprüft worden zu sein scheint. Schlussendlich mutet es im Jahr 2011 merkwürdig an, die „Kellys“ (Anhänger der insbesondere in den späteren 1990er Jahren erfolgreichen Musikgruppe The Kelly Family) als Repräsentanten einer gegenwärtigen jugendkulturellen Szene (also im „21. Jahrhundert“) zu betrachten.

Für eine Empfehlung für Lehrende, Dozierende, Studierende und Sozialarbeitende ist es jedoch unerheblich, ob Ferchhoff mit der Band Metallica und deren Alben vertraut ist oder nicht, wenngleich es schade ist, dass derartige inhaltliche Mängel bei der Erweiterung und Überarbeitung für die zweite Auflage erhalten geblieben sind und den Eindruck empirischer Evidenz nachhaltig schmälern. Seine Stärken offenbart das Buch tatsächlich im Hinblick auf den Zweck, für den es konzipiert wurde: Es handelt sich um ein trotz seines üppigen Umfangs in verdichteter Form vorgelegtes, übersichtliches, leicht verständliches und didaktisch klug aufgearbeitetes Lehrbuch, das den „Mainstream“ des „state of the art“ der Jugend(kultur)forschung repräsentiert. Allein das umfangreiche Literaturverzeichnis kann Studierenden eine Einarbeitung in das spannende, hochkomplexe und wissenschaftlich anspruchsvolle Themengeflecht „Jugend“ und „Jugendkulturen“ erleichtern. Die einzelnen Abschnitte bieten darüber hinaus einen vorzüglichen Einblick in ausgewählte Themenbereiche zeitgenössischer Jugendforschung. Eine vertiefende Auseinandersetzung mit den in der Publikation verhandelten Themen muss sich jedoch stets neu an der Empirie beweisen.

Sebastian Schröer

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)