They Say I’m Different …

Rosa Reitsamer & Wolfgang Fichna (Hrsg.)
„They Say I’m Different …“ – Popularmusik, Szenen und ihre Akteur_innen
Löcker 2011
330 Seiten
22 €

they say i'm differentDie Soziologin Rosa Reitsamer und der Historiker Wolfgang Fichna liefern mit They Say I’m Different … eine Sammlung von theoretischen Analysen und empirischen Studien zu lokalen, transnationalen und virtuellen Musikszenen aus den Bereichen der Soziologie, der Cultural Studies und der Geschichts und Medienwissenschaft.

Das Buch ist Ergebnis eines vom FWF Wissenschaftsfond geförderten Projekts Entstehung und Bestand von Wiener Musikszenen der Universität für angewandte Kunst Wien. Die Autoren versuchen nicht, einzelne Musikszenen inhaltlich umfassend darzustellen, sondern greifen ausgewählte Aspekte auf, wie Älterwerden und Popmusik (Bennett), die Aneignung „fremder“ Musik und ihre Legitimation am Beispiel der Balkanclubszene (Brunner und Parzer), Inszenierungen von Blackness in deutschen Hip Hop und antirassistischen Skinhead Szenen oder Kompetenzentwicklung in Jugendszenen (Pfadenhauer). Die Autoren knüpfen häufig an bereits bestehende Diskurse und Theorien an, was den Einstieg in einige der Themenkomplexe ohne Vorkenntnisse (Simon Reynolds „Hardcore Kontinuum“, dezidierte Auseinandersetzung mit Kommunikationsebenen der Popmusik und poptheoretische/poststrukturalistische Diskurse der Cultural Studies) erschwert.

Als sehr informativ hervorzuheben ist der Artikel von Christoph Jacke und Sandra Passaro, die Expert_inneninterviews mit Akteuren der Musikindustrie aus den Bereichen Produktion, Distribution, Rezeption und Weiterverarbeitung durchführten und damit eine Bestandsaufnahme liefern bezüglich veränderter und sich ändernder Rahmenbedingungen in der Entwicklung und Rolle transnationaler Popmusikindustrien durch neue digitale Technologien und Techniken und Verschiebungen der Rezeptionsorientierung an musikjournalistischer Kanalisierung hin zu usergenerated content. Aufschlussreich sind auch die Interviews von Sabrina Rahmann mit Rye Coalition und Dälek aus New Jersey, die sich durch ihr Wirken in der „unhip“ geltenden Peripherie gezwungen sahen, ein alternatives Verständnis von Community und Authentizität zu entwickeln, in Abgrenzung zu dem als Künstlerparadies geltenden oberflächlichen New York. Auch die weiteren Artikel zu Ladyfesten, Szenen in Montreal, Beirut, Tanzania und natürlich Wien sind allesamt wertvolle, von Experten detailliert recherchierte Beiträge zum Thema Jugendszenen.

Einzig der Artikel von Michaela Pfadenhauer „Lernort Techno Szene“ hinterlässt einen faden Beigeschmack. Zu bemüht und beinahe rechtfertigend wirkt ihre Schreibe, den Wert von Jugendszenen als außerinstitutionellen Lernstätten von hard und soft skills für den kapitalistischen Verwertungsprozess zu betonen. Damit folgt sie – bewusst oder unbewusst – dem neoliberalen Usus, subkulturelle Lebensläufe als besonders wertvolles Füllmaterial für pfiffige Bewerbungen oder Grundlage für Ich AGs zu behandeln. Dabei läge nur eine Abstraktionsebene höher das Potential einer kritischen Reflexion des (leider auch hier implizierten) gesellschaftlichen Imperativs zu konstanter zwanghafter Selbstverwirklichung/Selbstdarstellung.

Manuel Wagner

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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Jugend und Jugendkulturen im 21. Jahrhundert

Wilfried Ferchhoff
Jugend und Jugendkulturen im 21. Jahrhundert – Lebensformen und Lebensstile
2., aktualisierte und überarbeitete Auflage
VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011
496 Seiten
29,95 €

Das hier rezensierte Buch ist mittlerweile in zweiter Auflage in der VS‑Lehrbuchedition erschienen und richtet sich laut Verlagsangaben insbesondere an Studierende und Dozierende der Geistes‑ und Sozialwissenschaften, Lehrende und Praktizierende der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik sowie Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler in Lehre und Forschung. Ziel der Reihe ist es, in komprimierter Form Grundlagenkenntnisse zu vermitteln. In neun Kapiteln thematisiert Ferchhoff den Gegenstand des vorliegenden Bandes, Jugend und Jugendkulturen im 21. Jahrhundert, auf insgesamt 496 Seiten.

Nach den obligatorischen Reprints der Vorworte vergangener Auflagen sowie der Einleitung skizziert der Autor zunächst die sozialhistorische Entwicklung von Jugendkulturen und beleuchtet deren wissenschaftliche Rezeption. Anschließend diskutiert er die veränderten Strukturen sozialer Ungleichheit vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Globalisierung und Individualisierung und geht auf die Differenzierung des Jugendbegriffs ein. Der darauf folgende Abschnitt befasst sich mit den Entwicklungs‑ und Lebensbewältigungsaufgaben im Kontext der Lebensphase Jugend, die der Autor anhand des Patchwork‑Konzeptes betrachtet. Des Weiteren erörtert der Autor pauschale Jugendbilder und Generationsgestalten, um daran anknüpfend „Jugendgenerationen im Wandel nach dem zweiten Weltkrieg“ darzustellen. Ein weiteres Kapitel stellt zeitgenössische jugendkulturelle Szenen und Stile vor. Darüber hinaus thematisiert Ferchhoff am Beispiel von Sport und Mode die Idealisierung und Individualisierung von Jugend. Schlussendlich werden veränderte Erziehungs‑ und Sozialisationsbedingungen in Familie, Schule, Beruf, Freizeit und Gleichaltrigengruppe dargestellt. Nachstehend findet sich ein umfangreiches kapitelübergreifendes Literaturverzeichnis.

Die Beschreibung der historischen Entwicklung von Jugend und Jugendkulturen unter sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen sowie deren wissenschaftliche Auslegung wirkt profund. Darüber hinaus werden Ergebnisse und Erkenntnisse jüngerer und jüngster Jugend‑, Jugendkultur‑ und Szeneforschung in kondensierter Form dargeboten. Begriffe wie „Peers“ werden ebenso wie Kontexte jugendlicher Lebenswelten, Handlungsfelder Jugendlicher sowie Entwicklungsaufgaben im Jugendalter anschaulich beschrieben. Insbesondere im letzten Abschnitt wird eine präzise analytische Darstellung von sich verändernden Sozialisationsbedingungen geboten, die anhand von 19 Thesen entfaltet wird.

Die Differenzierung jugendkultureller Szenen und Stile im siebenten Abschnitt („Jugendkulturelle Stile und Szenen im 21. Jahrhundert“) erscheint dagegen willkürlich und empirisch wenig gesättigt. So erschließ sich beispielsweise nicht, warum Serienfans und „Trekkies“ (Fans der Serie Star Trek) separat betrachtet werden. Auch die Differenzierung zwischen „Heavy Metal; White‑, Trash‑ [sic!], Black‑, Dark‑, Death Metal“ sowie „Satansrock“ einerseits und „Metallern“ andererseits erscheint nicht plausibel. Wichtige Subgenres wie „Pagan‑“, „Speed­‑“ und „True‑Metal“ werden hingegen in der Zwischenüberschrift nicht genannt, obwohl im Text zumindest auf „Speed Metal“ Bezug genommen wird. Ferner schimmert durch, dass die Validität empiriebasierter Aussagen, beispielsweise wenn der Autor vom „…Vorbild für ganze Generationen von Metal‑Bands – Metallica mit dem sehr erfolgreichsten [sic!] Album [sic!]: ‚Whatever [sic!] I may roam‘…“ berichtet, nur unzureichend geprüft worden zu sein scheint. Schlussendlich mutet es im Jahr 2011 merkwürdig an, die „Kellys“ (Anhänger der insbesondere in den späteren 1990er Jahren erfolgreichen Musikgruppe The Kelly Family) als Repräsentanten einer gegenwärtigen jugendkulturellen Szene (also im „21. Jahrhundert“) zu betrachten.

Für eine Empfehlung für Lehrende, Dozierende, Studierende und Sozialarbeitende ist es jedoch unerheblich, ob Ferchhoff mit der Band Metallica und deren Alben vertraut ist oder nicht, wenngleich es schade ist, dass derartige inhaltliche Mängel bei der Erweiterung und Überarbeitung für die zweite Auflage erhalten geblieben sind und den Eindruck empirischer Evidenz nachhaltig schmälern. Seine Stärken offenbart das Buch tatsächlich im Hinblick auf den Zweck, für den es konzipiert wurde: Es handelt sich um ein trotz seines üppigen Umfangs in verdichteter Form vorgelegtes, übersichtliches, leicht verständliches und didaktisch klug aufgearbeitetes Lehrbuch, das den „Mainstream“ des „state of the art“ der Jugend(kultur)forschung repräsentiert. Allein das umfangreiche Literaturverzeichnis kann Studierenden eine Einarbeitung in das spannende, hochkomplexe und wissenschaftlich anspruchsvolle Themengeflecht „Jugend“ und „Jugendkulturen“ erleichtern. Die einzelnen Abschnitte bieten darüber hinaus einen vorzüglichen Einblick in ausgewählte Themenbereiche zeitgenössischer Jugendforschung. Eine vertiefende Auseinandersetzung mit den in der Publikation verhandelten Themen muss sich jedoch stets neu an der Empirie beweisen.

Sebastian Schröer

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)