Gleisdreieck

Jörg Ulbert/Jörg Mailliet
Gleisdreieck – Berlin 1981
Berlin Story Verlag  2014
128 Seiten
19,95 €

9783957230294In Zeiten der zunehmenden Skepsis am Kapitalismus-Modell erinnert man sich an die Zeiten, als eine antikapitalistische, linke Haltung Teil des jugendkulturellen Mainstreams war. In den 70er und 80er Jahren konnten interessierte Leser_innen sich ihre Wände mit den Postern, Comics und Wimmelbildern Gerhard Seyfried dekorieren. Das waren reiche und phantasievolle Darstellungen aus der Innensicht der Berliner Szene, eines Biotops aus Bundeswehrflüchtigen, Langzeitstudent_innen, Hausbesetzer_innen und sonstigen Bohemians. Respektlos und unverstellt kamen diese Bilder aus der „Bewegung“ direkt aufs Papier.

Differenzierter und vor allem kritischer sehen die Autoren des Buches Gleisdreieck – Berlin 1981, Jörg Ulbert und Jörg Mailliet, diese Zeit. Aus der Sicht eines Mitarbeiters des Staatsschutzes, der einen Top-Terroristen aufspüren soll, erleben wir den Einstieg in die Linke Szene. Es gibt Demonstrationen, Kneipenabende, Diskussionen am Küchentisch und Kontakte mit der kriminellen Halbwelt. Wir lesen über Taxifahrer, politisch aktive WGs und abgetauchte Aktivist_innen der linksterroristischen Bewegung.

Beim Lesen hält sich eine gewisse Distanz, weder mit einem Spitzel noch mit gewissenlosen Terrorismus-Profis ist es leicht sich zu identifizieren, am ehesten noch mit den Leuten aus der Linken-WG, die so wie wahrscheinlich viele damals mit der Politik unzufrieden sind und einen individuellen Weg suchen, ihre Ideale vor sich und der Gesellschaft  zu verteidigen, eine moderne Darstellung des liebevollen Seyfried-Freak-Kosmos.

Das ganze Buch ist in einem skizzenhaften, leichten Stil gezeichnet, mit sehr schönen Referenzen an die Topographie des alten Westberlin. Lediglich die Farben scheinen in der vorliegenden Ausgabe etwas zu schwer geraten zu sein, was auf Kosten der Kontraste und somit der Lesefreundlichkeit geht.

Auf jeden Fall liegt hier endlich ein Buch vor, das eine wichtige Facette des Westberliner Lebens beleuchtet, die es in dieser Form kaum noch gibt, aber über viele Jahre und bis heute das Klima Berlins geprägt hat.

Peter Auge Lorenz

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Der Junge von nebenan

Martin Büsser
Der Junge von nebenan
Verbrecher Verlag 2009
100 Seiten
14,00 €

1162_LIllustrierte Erzählung, Graphic Novel oder irgendwo dazwischen: Der Junge von nebenan ist der Titel der ersten und leider auch letzten fiktionalen Erzählung von Martin Büsser. Gewidmet „all jene[n], die nie Männer werden wollen oder es geschafft haben, nie Männer zu werden“, ihre Hauptfigur ein Junge in den 1970er Jahren zwischen Erwachsenwerden, Coming out und der Ohnmacht gegenüber den Eltern. Während diese sich für den Kampf im Untergrund entscheiden, beginnt für den Jungen der Kampf mit der eigenen Sexualität. Vom 18. Stockwerk hinabblickend in eine „unbestimmte Zukunft“, voller „Liebschaften, Möglichkeiten“ und „wie auch immer geratene Wege“. Nachdem Mutter und Vater verfolgt, gefunden und „in der spektakulärsten Polizeiaktion des ausgehenden 20. Jahrhunderts“ erschossen werden, kommt der Junge zu den Großeltern. Dort träumt er von Berlin, der einzigen Stadt, die groß genug ist und deren Sprache er spricht. Um der Tristesse zu entkommen, flüchtet er in Fantasiewelten und entdeckt Literatur, Politik und Popmusik.
Die Coming of Age Story reißt nicht nur queere Diskurse und Identitätssuche an, sondern thematisiert auch ganz nebenbei ein Stück BRD Geschichte, wunderbar naiv und zugleich entlarvend ehrlich und direkt. In seinen Zeichnungen pflegt Büsser einen bewussten Dilettantismus, eine Art D.I.Y. Ästhetik, rotzig, unfertig und simpel. Mit wenigen Sätzen und schlichten Zeichnungen geht die Geschichte nah, durch die Einfachheit der Dinge, das Minimalistische. Martin Büsser hat das „offenste aller offensten Bücher“ geschrieben. Als ob er sich mit diesem Werk verabschieden wollte. Das ist ihm fürwahr gelungen. Er wird fehlen.

Martin Büsser ist im September 2010 gestorben. Er schrieb unter anderem für das ehemalige Punk Hardcore Fanzine Zap, für die Intro und Konkret. Er war Mitbegründer und Herausgeber des Mainzer Ventil Verlags und der Buchreihe testcard, außerdem Musiker, Autor, Theoretiker und einiges mehr. Roger Behrens schrieb über ihn: „Pop war ihm mehr als Musik, Musik mehr als Pop – es ging um Gender, Filme, Comics, Fernsehen, Romane, Nationalismus, D.I.Y., es ging ums Ganze.“

Leyla Dewitz

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)