Welche Farbe hat Berlin?

David Wagner
Welche Farbe hat Berlin?
Verbrecher Verlag 2011
215 Seiten
14,00 €

1199_LEin paar Meter rekonstruierte Friedhofsmauer schließen sich an, dann folgt ein weiteres Stück Grenzmauer, hier aber hängen Armierungseisen heraus, als ob sie von riesigen, betonknabbernden Kaninchen freigenagt worden wären. Die Häuser auf der anderen Straßenseite, da, wo Westen war, ducken sich zweistöckig und balkonbewehrt hinter ihren verbuschten Vorgärten. Sieht aus, als hätten sie nie über die Mauer hinaus sehen wollen. David Wagner ist der moderne Flaneur im Berlin der 2000er Jahre. Sinnierend erwandert er mehr oder weniger bekannte Plätze und Viertel der Stadt, rekapituliert Geschichte und Kulturereignisse, beobachtet Einheimische und Touristen, kommentiert Wandlungsprozesse vor und nach dem Fall der Mauer und zeichnet so ein Bild der Hauptstadt, das persönlich und distanziert zugleich ist. Seine Sprache ist unaufgeregt, aber fantasievoll, wie hier, im Kapitel „Bernauer Straße“:

Ein paar Meter rekonstruierte Friedhofsmauer schließen sich an, dann folgt ein weiteres Stück Grenzmauer, hier aber hängen Armierungseisen heraus, als ob sie von riesigen, betonknabbernden Kaninchen freigenagt worden wären. Die Häuser auf der anderen Straßenseite, da, wo Westen war, ducken sich zweistöckig und balkonbewehrt hinter ihren verbuschten Vorgärten. Sieht aus, als hätten sie nie über die Mauer hinaus sehen wollen.

Manche seiner Themen, wie die Gentrifizierung ehemaliger Arbeiterviertel oder der 1. Mai in Kreuzberg, erscheinen nahe liegend, andere, wie die Menge der Glasscherben auf den Gehwegen als Indikator für die Angesagtheit eines Szeneviertels, sind noch nicht so oft besprochen worden. Gemein ist allen seinen Betrachtungen der Sinn für Details und die Muße, sie immer wieder neu zu erzählen. Ein schönes Lesebuch, um das eigene Berlin in Ost oder West darin zu finden oder unbekannte Orte neu zu entdecken. Und welche Farbe Berlin letztendlich hat – nun, ganz viele und immer andere.

Gabriele Vogel

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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