Unser Philan ist bunt – Diversity Box in Sachsen-Anhalt

Unser Philan ist bunt. Unter diesem Motto gestaltete unser Diversity Box-Team zwei Projekttage zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt am Philanthropinum Gymnasium in Dessau.

Wir waren nicht zum ersten Mal mit Workshops an dieser Schule. Ein Effekt, der sich in unserer Projektarbeit immer wieder einstellt. Viele Schulen, ob im urbanen oder ländlichen Raum brauchen vertrauensvolle Kooperationen und inhaltliche Unterstützung bei der Verankerungen dieser Themen an ihren Schulen. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt wird noch viel zu selten in der Schule thematisiert. Umso glücklicher sind wir jedes Mal über die Möglichkeit, langfristige Kooperationen mit Schulen eingehen zu können, um den engagierten Lehrer*innen vor Ort mit unseren Angeboten auf dem Weg zu einer diskriminierungsärmeren und inklusiveren Schule einen Schritt weiterzuhelfen.

Am „Philan“ in Dessau konnten wir am 13. und 14. Juni 2018 dazu zwei Projekttage mit Schüler*innen der 9. Stufe gestalten. Es fanden insgesamt vier Workshops parallel statt, die in Form von jugendkultureller oder medienbasierter Inhalte, Aufklärungs-und Sensibilisierungsarbeit zu LSBTI* Lebenswelten und Diskriminierungserfahrungen von Jugendlichen, Begrifflichkeiten, Geschlechterstereotype sowie queerer Repräsentation und Sichtbarkeit in Jugendkulturen geleistet haben. Neben der inhaltlichen Vermittlungsarbeit legt das Projekt in der Arbeit mit Jugendlichen immer einen großen Wert auf die kreative Praxis in den Workshops. Die Jugendlichen erfahren unter Anleitung, wie die Inhalte der Workshops in die praktische Umsetzung übertragen werden können und können sich selbst ausprobieren und kreativ ausdrücken.

YouTube, Coming Out und Hate Speech

Im Video-Workshop wurde ein YouTube-Clip gedreht, in dem eine Schülerin in die fiktive Rolle einer jungen, lesbischen YouTuberin schlüpft und Fragen zu ihrem Coming Out und den Reaktionen darauf aus Familie und Freundeskreis beantwortet.

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Ein Heft über Liebe und Diskriminierung: LGBTIQ* Magic Love Stories

Im Comic/ Kreatives Schreiben- Workshop entstand ein Heft aus Kurzgeschichten und Illustrationen, das eine große Bandbreite von Diskriminierungsaspekten für lesbische, schwule, bisexuelle und Trans*Menschen wiedergibt, ohne aber auch die schönen Aspekte des Verliebt seins außer Acht zu lassen.

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Ein Schriftzug für Akzeptanz: Love For All 

Im Graffiti/Streetart-Workshop entstanden viele Graffiti-Schriftzüge, die für die Akzeptanz und Anerkennung von gleichgeschlechtlicher Liebe plädieren.[000068][000030][000108][000102]

Last Night a DJ saved my Life: Music has no Gender

Der DJ/Musikworkshop befasste sich mit Geschlechterstereotypen und Sexismus in verschiedenen Musikszenen, hier vor allem im Hip Hop und Hardcore. Und im praktischen Teil konnten sich die Schüler*innen selbst an den Turntables ausprobieren und präsentierten ihre neu erlernten Skills bei der gemeinsamen Abschlusspräsentation.

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Für die Förderung des Projekts „Unser Philan ist bunt-Diversity Box goes Sachsen-Anhalt“ bedanken wir uns herzlich bei der Heidehof Stiftung.

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Zine of the Day: I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 (Kanada)

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Ist das noch ein Zine oder schon ein Buch? Ganze 220 Seiten umfasst diese aus Vancouver (Kanada) stammende 4. Ausgabe von I’m Johnny and I don’t give a fuck, die 1999 von Andy Healey herausgegeben wurde, der seinerzeit auch Bassist der Hardcore-Band Submission Hold war. Die Musikformation bestand von 1993 bis 2005 und tourte in dieser Zeit auch einmal durch Europa. Auf dieser Tour habe ich sie dann in irgendeinem AZ in irgendeiner Stadt auch mal selbst live gesehen. Bei diesem Konzert blieb mir vor allem mir die Sängerin von Submission Hold, Jen Thorpe, nachhaltig in Erinnerung – hochschwanger und mit dickem Bauch lieferte sie eine Performance ab, die an Kraft und Energie kaum zu überbieten war.

Ich weiß gar nicht mehr, ob ich mir I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 damals auf diesem Konzert kaufte oder ob ich das Zine schon vorher in meinem damaligen Zine Distro vertrieb. Jedenfalls habe ich damals Unmengen dieses Heftes über meinen Fanzine-Mailorder verkauft – und das vollkommen zurecht! Denn dieses Zine stellte zum Zeitpunkt seines Erscheinens eine absolute Ausnahmeerscheinung in der internationalen Zine-Landschaft dar und ist es bis heute auch geblieben. Und mit dieser Ansicht stehe ich nicht allein. Das kanadische Magazin Broken Pencil bezeichnete Andys Heft sogar als

„one of the great Canadian zine of all time“.

Im Johnny And I Dont Give A Fuck #4

I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 (Cover)

Andy verkaufte sein Zine (fast) ausschließlich auf den Konzerten von Submission Hold und war damit so erfolgreich, dass er nach der ersten Auflage von 1.000 Stück weitere 600 Exemplare nachdruckte. Solche erstaunlich hohen Verkaufszahlen für ein Zine sind bis heute eher eine Seltenheit – vor allem bei solchen Zines wie I’m Johnny and I don’t give, die die Genre-Grenzen klassischer Fanzines sprengen.

Von seiner Aufmachung ist I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 eher unscheinbar daher. Das gesamte Heft besteht aus einem handschriftlich verfassten Text, der in mehrere Kapitel gegliedert ist. Zeichnungen finden sich nur äußerst spärlich auf dem Cover und an den Kapitel-Anfängen. Die Geschichte startet zunächst mit einer Erzählung aus der Ich-Perspektive über eine kanadischen Punk/Hardcore-Band, die sich mitten im Winter mit einem vollkommen runtergerockten Kleinbus auf Tour begeben habt – dabei werden so ziemlich alle nur möglichen Stories voller Pleiten, Pech und Pannen, die man von eben solchen reisenden Musikgruppen kennt, in höchst amüsanter und ironischer Weise detailliert ausgebreitet. Das erweckt zunächst den Eindruck, als handele es sich bei I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 um das Perzine eines Band-Mitglieds von Submission Hold. Doch schon bald bekommt die Geschichte einen vollkommen anderen Spin. Eines der Bandmitglieder liest während der Fahrten im Tour-Van einen Roman über einen Fahrradkurier namens Henry O’Melin, der seit einer Kopfverletzung nicht mehr anders kann, als immer genau das sofort auszusprechen, was ihm gerade durch den Kopf geht – und was ihm natürlich im Zusammenleben mit den Menschen immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Beide Erzählstränge laufen zunächst parallel nebeneinander her, bis schließlich der real existierende Bassist der Band namens Andy tatsächlich auf die fiktive Person Henry trifft und das Drama seinen Lauf nimmt – in einer derart unterhaltsam absurden Weise, wie man es kaum erwarten würde. Spätestens an dieser Stelle des Zines wird klar: Das hier ist mehr als ein bloßes Perzine, aber auch mehr als eine reines Literatur-Zine. Hier verschränken sich fiction und non-fiction auf derart kurzweilige Art und Weise, dass man die 220 Seiten in einem Rutsch durchlesen mag.

Im Johnny And I Dont Give A Fuck #5

I’m Johnny and I don’t give a fuck #5 (Cover)

Leider erschien nach dieser herausragenden 4. Ausgabe mit I’m Johnny and I don’t give a fuck #5 einige Jahre später auch schon die letzte Ausgabe dieses Ausnahme-Zines von Andy Healey. Auch diese ist absolut empfehlenswert und greift den Grund-Plot mit Submission Hold wieder auf. Nur spielt die Geschichte diesmal vor allem in einem heruntergekommenen Punk-House in Vancouver. 2005 löste sich Submission Hold auf und Andy scheint seitdem auch kein weiteres Zine veröffentlicht zu haben, was ich sehr bedauere.

Immerhin erschien vor einigen Jahren unter dem Titel I’m Johnny and I don’t give a fuck noch ein Comic des französischen Zeichners Colonel Moutarde, der auf weiteren Geschichten von Andy Healey basiert. Das Heft gibt es als PDF hier zum Herunterladen.

Und wer sich die Original-Ausgaben von I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 und #5 ansehen möchte, der kann dies im Archiv der Jugendkulturen tun. Nachdrucke der alten Ausgaben wird es laut Andy nicht geben, da sein Hund irgendwann mal alle Druckvorlagen zerfetzt hat.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2018 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Hardcore #Punk #DIY #Fiction #Non-Fiction

Zine of the Day: Shotgun Seamstress #4 (USA)

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Osa Atoe ist die Herausgeberin von Shotgun Seamstress, eines Zines, dessen erste Ausgabe als „Black Punk Fanzine“ bereits 2006 erschien. Über acht Jahre lang gab sie zahlreiche weitere Nummern dieses und weiterer Zines heraus. Die vorerst (?) letzte Ausgabe, Shotgun Seamstress #8, erschien 2014. In all der Zeit war sie auch anderweitig in der US-amerikanischen Punk/Hardcore/Indie-Szene aktiv. Sie spielte in Bands wie New Bloods oder Negation, veranstaltete Konzerte und veröffentlichte Tapes. Außerdem schrieb sie regelmäßig Kolumnen im legendären Punk-Fanzine Maximum Rock’n’Roll (MRR).

Im Zentrum ihres Zines und ihrer MRR-Kolumnen standen ihre Erfahrung als eine unterrepräsentierte und marginalisierte Person innerhalb einer von vorwiegend weißen Hetero-Männern dominierten Punk/Hardcore-Szene. Aus ihrer Position als feministische „Black Punk“ beabsichtigte sie mit ihrem Zine zunächst eine Art Gegenstimme innerhalb der Szene sein. In einem Interview von 2015 sagte sie dazu:

„However, I definitely set out very intentionally to make a Black Punk Fanzine and it’s simply because I’m a black punk and didn’t know many black punks and wanted to create a world where that identity was normal.“

Stand in den ersten Ausgaben von Shotgun Seamstress die Musik feministischer und Schwarzer Punks im Fokus von Osas Interesse, so erweiterte sich dieser schon bald auf andere Ausdrucksformen „Black Outsider Art“.

Das wird auch anhand der folgenden Zeilen auf dem Cover von Shotgun Seamstress #4 deutlich, das unser heutiges „Zine of the Day“ ist:

„This zine is about art by black queers, black feminist punks and other black folks I admire.“

Shotgun Seamstress #4_Cover

Shotgun Seamstress #4 (Cover)

Im Gegensatz zu den vorhergehenden Ausgaben von Shotgun Seamstress dreht sich ihre vierte Nummer aber weniger um Musik als vielmehr um Visual Art – und zwar um „Sister Outsider Art“, wie sie die inhaltliche Ausrichtung von Shotgun Seamstress #8 benennt. Mit dieser Bezeichnung verbindet Osa den Titel des Buches „Sister Outsider“ der afro-amerikanischen Feministin Audre Lorde mit ihrer Vorstellung von „Outsider Art“, worunter sie „the creative work of self-taught artists that exists largely outside of the mainstream art world“ fasst. Sie widmet sich also in dieser Ausgabe der Verbindung eines dezidiert Schwarzen Feminismus mit künstlerischen Ausdrucksformen im Sinne einer Do-It-Yourself-Idee und -Haltung.

Den Auftakt macht in dieser Ausgabe ein Interview mit James Spooner, dem Produzenten und Regisseur des empfehlenswerten „Afro-Punk“-Dokumentarfilms. Einen Artikel in Brief-Form widmet sie der in Berlin lebenden queer-feministischen Drag Queen und Performance-Künstler_in Vaginal Davis. Anschließend stellt sie die Grafikerin, Illustratorin und Malerin Adee Roberson aus New Orleans in einem ausführlichen Porträt vor. Dem folgen Beiträge über die queeren Video-Künstler_innen Kalup Linzy und Jacob Gardens. Und den Abschluss macht schließlich das Gedicht „Madivinez“ aus der Feder der lesbischen Lyrikerin, Filme-Macherin und Dramaterikerin Lenelle Moise aus Haiti.

Auf den insgesamt 24 Seiten dieser Ausgabe von Shotgun Seamstress löst Osa das ein, was sie im bereits erwähnten Interview von 2015 zur Frage nach der Zielstellung ihres Zines erklärt:

„Shotgun Seamstress tries to show varied experiences of what it means to be an ‚alternative‘ black person. I mostly focus on the U.S., but some issues touch on experiences in England and Brazil. So, my experience has been getting to talk to people who represent many different facets of black outsider identity: black trans ex-punk, young Nigerian-American punks, a 60-year-old free jazz musician, biracial British art-punk, young Latino punks from LA, young black mother who makes zines in her precious spare time, black drag queen performance artists from places like New York and Berlin.“

Shotgun Seamstress ist für Osa in all der Zeit weitaus mehr als bloß ein Fanzine, in dem sie Künstler_innen featured, die sie gut findet und fördern möchte. Es hat vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrung als marginalisierte Schwarze Feministin abseits des kulturellen Mainstreams eben auch eine ganz spezifische Bedeutung, wie sie in diesem Interview weiter erklärt:

„it’s also been a mode of psychic liberation — maybe even decolonization — for me. Telling varied stories of varied black outsider experiences has proven to me the vastness of black self-expression.“

Shotgun Seamstress #4_Innen

Shotgun Seamstress #4 (Editorial)

Gerade ihr Blick über die eigentliche Punk-/Hardcore-Szene hinaus, fand ich persönlich bei der Lektüre von Shotgun Seamstress #4 besonders bereichernd. Nicht zuletzt erweiterte und schärfte das auch meinen eigenen Blick um und für die kreativen Ausdrucksformen von „Black Outsider Artists“, die sich eher an den Rändern der etablierten Kunst-Welt bewegen. Eine solche Horizont-Erweiterung ist mehr, als man von einem Zine normalerweise erwarten kann. Allein deshalb kann ich nur nachdrücklich und voller Begeisterung Shotgun Seamstress weiterempfehlen.

Leider sind inzwischen fast alle Ausgaben von Osas Zine vergriffen. Nur noch einige Exemplare von Shotgun Seamstress #8 gibt es bei Mend My Dress Press in den USA zu bestellen und hoffentlich bald auch beim Zineklatsch Distro über das Archiv der Jugendkulturen zu kaufen.

Bei Mend My Dress Press erschienen übrigens die ersten sechs Ausgaben von Shotgun Seamstress 2012 als Anthologie. Sie kann ebenfalls noch dort erworben werden. Außerdem können einige Beiträge aus Osas Zines – ebenso wie ihre MRR-Kolumnen – auf ihrem Shotgun Seamstress-Blog online nachgelesen werden.

Darüber hinaus gibt es einige Ausgaben auch komplett als PDFs zum Download und zur Online-Lektüre auf Osas Issuu-Account.

Das oben erwähnte Interview mit Osa aus dem Jahr 2015 kann übrigens hier nachgelesen werden.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2018 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Hardcore #Punk #Feminismus #Queer #Afropunk #Queercore #BlackOutsiderArt  #Kunst

Zine of the Day: Pest & Kolera #1 (Deutschland)

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Gregor, einer der Mitorganisator_innen des vor wenigen Wochen erstmals stattgefundenen Bremer Zine Festivals, hatte mir eben dort schon mit großer Begeisterung und Inbrunst von der 1. Ausgabe des Pest & Kolera erzählt – eines Fanzines, das – wenn ich mich richtig daran erinnere – erst vor wenigen Monaten von Gregors Neffen oder irgendeinem anderem adoleszenten Mitglied aus seiner Verwandtschaft in Baden-Württemberg herausgegeben wurde. Als mir Gregor dann vor etwa zwei Wochen tatsächlich zwei Exemplare dieses Fanzines per Post schickte, war ich mehr als entzückt.

Pest & Kolera #1_Cover

Pest & Kolera #1 (Cover)

„Pest & Kolera“ – schon aufgrund seines Namens rennt dieses Zine bei mir offene Türen ein. Der Fanzine-Titel verweist nicht nur auf eine sympathisch selbst-ironische Grundhaltung des Herausgebers hin, sondern zeugt auch von einer grundsoliden Bereitschaft zur Anwendung schnoddriger Wortgewalt. Genau so mag ich das: Ohne Umschweife in Stakkato-haften Sätzen, die sich beim Lesen wie Maschinengewehr-Salven anfühlen und ohne Rücksicht auf Orthographie und Grammatik einfach mal direkt raushauen, was Sache ist – so wie im Epilog auf der Rückseite dieses schwarz-weiß kopierten DIN A5-Hefts:

„das pest und kolera fanzine
ist für alle punker metaler und grindcore
hier gibts konzert rewies, rewies und
gentlemetal updates.
lies es oder lass es
gute nacht“

Dass das ganze Heft in Cut’n’Paste-Manier mit Schreibmaschine, Zeitungsschnipseln, Schere und Klebstift layoutet wurde, liegt dabei ja wohl auf der Hand. Form und Inhalt gehen da Hand in Hand. Zusätzlich ist die Rückseite jedes Exemplars von Pest & Kolera #1 mit Edding handnummeriert und mit der handgestempelten E-Mail-Adresse des Zines. Dem Heft merkt man also seine Entstehung in Handarbeit auf jeder zusammengekleisterten Seite an.

So kurz und bündig wie im Epilog geht es auch im Innenteil des Hefts weiter: Der Herausgeber namens Kolera Krankheit schreibt in knappen Sätzen über seine Ansichten zu alternden und/oder überalterten (?) Bands wie Black Sabbath und Iron Maiden, rezensiert Platten von Darkthrone und Hellknife, berichtet über Konzerte von Napalm Death, Havok, Darkest Hour, Cephanic Carnage und seiner eigenen Band Gentlemetal (schon wieder: Was für ein Name!?!). Kolera Krankheits Berichterstattung ist dabei weit entfernt von jeglichen Maßstäben eines objektiv erscheinen wollenden Musikjournalismus. Seine radikal subjektiven Statements brechen mit solchen Erwartungen vielmehr von Beginn an. Und das ist auch gut so! Kaum etwas ist so langweilig und überflüssig wie ein Fanzine, das wie ein professionelles Musik-Magazin sein will!

Pest & Kolera #1_Innen

Pest & Kolera #1

Auch wenn ich Pest & Kolera #1 mit seinen sehr knappen Beiträgen auf nur 16 Seiten inhaltlich (noch) etwas dünn finde, so schmälert das die Begeisterung und Sympathie, die ich diesem Fanzine gegenüber empfinde, in keinem Maße. Das liegt nicht nur an der ästhetischen Grundhaltung dieses Zines, sondern sicherlich auch daran, dass mich das Pest &Kolera an meine ersten eigenen Fanzines erinnert – und vor allem an das berauschende Gefühl von damals, einfach mal ohne Rücksicht auf Regeln und Verluste, mit den einfachsten Mitteln und auf möglichst direktem Wege die eigenen Ansichten und Ideen zu Papier zu bringen und in die Öffentlichkeit hinaus zu blasen und einfach mal abzuwarten, was dann geschieht.

Schön, dass es im Jahr 2018 noch solche Fanzines wie Pest & Kolera gibt! Ich hoffe, dass es nicht nur bei dieser ersten Ausgabe bleibt, sondern dass noch viele weitere folgen.

Weitere Infos zum Pest & Kolera findet ihr hier.

Pest & Kolera #1 gibt es übrigens hoffentlich auch bald über den Zineklatsch-Distro zu kaufen. Wer Interesse daran hat, möge sich einfach per E-Mail ans Archiv der Jugendkulturen wenden.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2018 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Grindcore #Punk #Metal #DIY #Cut-and-Paste

Zine of the Day: Sycamore #1 (Deutschland)

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Sycamore– Ein queerfeministisches Heavy Metal Fanzine. Zugegeben, nicht unbedingt zwei Dinge, die bei mir auf den ersten Blick zusammengehen: Queerfeminismus und Heavy Metal. Meine Assoziationen mit Heavy Metal sind eher: männlich dominiert, weiß und trotz bestimmter Spielarten im Bereich Gender (lange Haare, enge Lederkluft und Schminke) eher reaktionär in der Grundhaltung zu Sexualität und Geschlecht als offen für subversive Queerness.

Also nicht unbedingt die besten Grundvoraussetzungen für mich, um ein Zine aus diesem Bereich vorzustellen. Doch schon der erste Blick ins Heft verfängt. Das hier ist ein ambitioniertes Projekt. Schon im Editorial „Heavy Metal needs a Thunderstrike“ wird das mehr als deutlich. Die beiden Zinemacher*innen sind ganz schön angepisst von dem Status Quo im Metal, haben viel zu sagen und wollen vor allem an den Missständen in der Szene etwas ändern. Es geht um Sexismus, Misogynie und sexuelle Gewalt im Metal, aber auch um das Anprangern von bekannten Reflexen des Tabuisierens und Kleinredens dieser Probleme. Ein Call for Action #Kill the King, das durchaus Parallelen zu dem mittlerweile legendären Riot Grrrl Manifesto aufweist, soll die metaleigene #metoo Debatte befördern. Um das zu initiieren gibt es im Zine mehrere Berichte von Betroffenen, die sexuelle Gewalt oder Sexismus und Misogynie erfahren haben. 

Auch die Dominanz weißer, heterosexueller cis-Männer im Metal soll mit diesem Zine etwas entgegengebracht werden. So gibt es vordergründig Interviews mit Bands und Musiker*innen (Maggot Heart, Winds of Genocide) sowie Artikel von und über Frauen*, Queers und Trans*Menschen aus der Metal-Szene. Doch das Sycamore Kollektiv will nicht nur Fanzine sein. Das seit Mai 2017 gestartete internationale Netzwerk soll weiter wachsen und will in Zukunft auch eigene Veranstaltungen organisieren sowie eine Datenbank ins Leben rufen, in denen Frauen*/ queere Musiker*innen erfasst werden. 

Nun sind die hier angesprochenen Probleme sicher nicht das negative Alleinstellungsmerkmal der Metal-Szene. Schon die Riot Grrrls Anfang der 90er Jahre prangerten diese Themen im Punk und Hardcore an. Und auch female: pressure (Fokus: Techno/ elektronische Musik) arbeitet seit gut 20 Jahren an dem Abbau sexistischer Strukturen in der Musikindustrie durch Awareness Kampagnen, wie den VISIBILTY Blog sowie durch Festivals, Parties, Booking und eine eigene DJ/ Musiker*innen- Datenbank. 

Dennoch: Die Macher*innen des Sycamore- Zines schaffen hiermit einen ersten wichtigen Aufschlag, um die Sichtbarkeit von Frauen*, Queers und Trans* Menschen im Metal herzustellen, ihnen eine Plattform für ihre Meinungen und Veränderungswünsche zu bieten und um in die eigene Szene und ihre blinden Flecken hineinzuwirken. 

Fazit

Ein sehr politisches Zine, das fast alles richtig macht und von dem wir in Zukunft hoffentlich noch mehr lesen werden. Für das nächste Ausgabe wäre es aus meiner Sicht jedoch wünschenswert, mehr of Color-Perspektiven zu integrieren. Ein Anspruch, dem die erste Ausgabe leider nur bedingt gerecht wird. 

Das Sycamore- Kollektiv sucht übrigens noch nach Mitstreiter*innen.

Bei Interesse meldet euch gerne hier:

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Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

Giuseppina 

Projektleitung „Diversity Box“

Zine of the Day: klops (Deutschland)

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Klops #1_Cover

klops #1 (Cover)

Ich mag Zines, die ein klares, eindeutiges und im Kern einfaches Konzept haben und sich auf den ersten Blick von selbst erklären – solche Zines eben, die sich nicht erst ausufernd und komplexartig selbst beschreiben müssen, um sich ihrer vermeintlichen Daseinsberechtigung selbst zu vergewissern, sondern die in ihrer Aufmachung und Form selbst schon ein eindeutiges Statement abgeben.

Das klops aus Leipzig ist ein solches Zine, das – bildlich gesprochen – wie ein Paukenschlag in Papier-Form daherkommt. Die erste Ausgabe dieses schwarz-weiß kopierten DIN A6-Fanzines fand ich irgendwann letztes Jahr überraschenderweise in meinem Postfach im Archiv der Jugendkulturen.

Ein Blick ins Editorial macht gleich zu Beginn kurz und bündig klar, um was es hier geht:

„a few years ago a friend gave me a self-made cd compilation with riot grrrl/female fronted bands (…). I was surprised how great those bands are and I wondered why I had never heard of many of them. This was the reason why I had the idea to compile a collection of riot grrrl/female fronted bands for my first edition of ‚klops‘ zine – so people who are interested in them can find easier access to those bands and their music“.

Klops #1_Innen

klops #1

Auf insgesamt 36 Seiten stellt Herausgeber_in Kimchi jeweils eine eben solche Band vor – und zwar in schlicht gehaltener Ästhetik mit einem kopierten Foto und ein paar wenigen Zeilen Text, so dass man beim Lesen und Betrachten gerade so viel Informationen bekommt, um neugierig zu werden und selbst weiter zu recherchieren. Und dafür gibt es auf der letzten Seite des Zines Hinweise auf Bücher und Filme zu den vorgestellten Bands, zu denen neben relativ bekannten und legendären Acts wie X-Ray Spex, Kleenex/Liliput, Bikini Kill oder Team Dresch auch weniger bekannte oder heutzutage in Vergessenheit geratene Gruppen und Künstler_innen zählen wie Bush Tetras, Autoclave, The Passions, Vulpess oder Lizzy Mercier Descloux. Und dafür, dass in dieser Vorstellungsrunde auch Spitboy nicht fehlt, bekommt Kimchi 1.000 Extra Bonus-Sympathiepunkte von mir.

Klops #2_Cover

klops #2 (Cover)

Wer eine Vorliebe für (Post-)Punk-, Indierock- und No Wave-Bands solcher Couleur und Haltung hat, wird sich bei der Lektüre von klops nicht nur darüber freuen, die ein oder andere Lieblingsband darin wiederzufinden, sondern beim Lesen auch Lust und Neugier bekommen, endlich wieder potenziell interessante und neue Musik entdecken zu können. Oder um es mit den Worten eines unserer Buddies von der Schikkimikki Zine Library in Berlin zu sagen, nachdem sie das Heft auf dem Bremer Zine Festival erstmals zu sehen bekam: „Wie geil ist das denn!?!“ Mehr als „Word!“ ist dem eigentlich nicht hinzuzufügen.

 

Klops #2_Innen

klops #2

klops #2, das übrigens im Dezember letzten Jahres erschien, fängt dort an, wo die erste Ausgabe des Zines aufhörte – nur dieses Mal mit noch mehr Seiten und noch mehr Riot Grrrl- bzw. female fronted Bands wie Ana Hausen, Lost Cherrees, Red Aunts oder Trabant. Die allermeisten davon kenne ich persönlich überhaupt nicht. Umso mehr gibt es für mich also auch hier wieder zu entdecken.

klops #1 und #2 können übrigens nicht nur im Archiv der Jugendkulturen eingesehen werden, sondern auch über den Zineklatsch Distro erworben werden. Bei Interesse einfach eine Mail ans Archiv schreiben!

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2018 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #RiotGrrrl #Post-Punk #Punk #NoWave #Queer-Feminismus #female-fronted-bands

Zine of the Day: Extreme Outsiders #1 (Spanien)

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Manche Zines lassen sich einfach nicht eindeutig kategorisieren oder einer bestimmten Szene zuordnen. Zu diesen Exemplaren gehört auch das Extreme Outsiders, das ich vor einigen Jahren für die Sammlung des Archivs auf dem Zinefest Berlin gekauft habe. Beatriz Lobo und Elara Elvira, die beiden Herausgeberinnen dieses Zines, kommen aus Spanien und arbeiten beide als professionelle Künstlerinnen und Designerinnen. Bei Extreme Outsiders scheint es sich um das erste und einzige Zine zu handeln, das die beiden bislang gemacht haben.

Extreme Outsiders

Extreme Outsiders #1

Das Konzept ihres Zines ist schnell erklärt: Aus der Masse an sich im Netz repräsentierenden kulturellen Außenseitern und künstlerischen Sonderlingen picken sie sich für jede Ausgabe ihres Zines eine Person heraus, die sie besonders kurios aber zugleich auch interessant und faszinierend finden und veröffentlichen von dieser Person ein kurzes Porträt. Dies könnte auf reißerische oder bloßstellende Art geschehen, was den Außenseiter-Status dieser Personen einfach bloß verdoppeln würde. Beatriz Lobo und Elara Elvira gelingt es vielmehr diese kulturellen und künstlerischen Außenseiter auf eine Weise zu beschreiben, die eher von einer Faszination für und einer Bewunderung gegenüber diesen Menschen zeugt. In diesem Sinne handelt es sich bei Extreme Outsiders in gewissem Sinne um ein Fanzine par excellence – einem Fandom für abseitige Künstler_innen abseits jeglichen nur denkbaren Mainstreams.

Die Debüt- Ausgabe dieses Zines besteht aus einem mehrmals gefalteten und schwarz-weiß kopierten DIN A3-Blatt und widmet sich der – im positiven Sinne – verrückten und wundervollen Welt von Randy Constan. Randy ist Musiker und Programmierer, vor allem aber der wohl radikalste und konsequenteste Peter-Pan-Selbstdarsteller, den man sich vorstellen kann. Auf seiner inzwischen nicht mehr ganz aktuellen Webpage finden sich unzählige Links zu zahlreichen Bildern von Randy im Peter Pan-Kostüm, zu seinen Songs und seinen weiteren Arbeiten. Selbst seine Frau scheint seine Begeisterung für seine Verkörperung dieser ewig Kind-bleiben-wollenden Kunst-Figur zu teilen. Beatriz Lobo und Elara Elvira schöpfen aus den unendlichen digitalen Bilder- und Text-Welt von Randy und haben daraus in ihrem Heft ein liebevolles und zugleich witziges Porträt dieses künstlerischen Ausnahmetalents geschaffen.

Leider liegt dem Archiv nur diese Ausgabe vor, aber offenbar scheint es weitere gegeben zu haben. Zumindest findet sich die Ankündigung für Extreme Outsider #2 mit einem Porträt über die Videokünstlerin Jan Terry und deren selbstproduzierten Musikclips in diesem Blog. Mehr als diese beiden Ausgaben scheint es jedoch nicht gegeben zu haben. Eigentlich schade! Ich hätte gerne noch mehr Extreme Outsiders kennengelernt.

Weitere Informationen zu Beatriz Lobo findet ihr hier sowie dort und zu Elara Elvira sowohl hier als auch dort.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2018 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Outsiders #Artzine #PeterPan

 

Diversity Box goes Sachsen-Anhalt

Projekttage zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt am Philanthropinum Gymnasium in Dessau

Am 30. und 31.01.2018 Januar hatten wir mit unserem Projekt  „Diversity Box“ die Möglichkeit nach Dessau zu fahren, um dort mit Schüler*innen der 9. Klassen des Philanthropinum Gymnasiums zwei gemeinsame Projekttage zu gestalten.
Die Schüler*innen konnten zusammen mit unseren Diversity Box-Teamer*innen und Szeneexpert*innen im Video-, Rap-, Fotografie- und Comic-Workshop eigene Meinungen und Ideen zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt entwickeln und kreativ umsetzen.

Im Fotografie-Workshop wurden Geschlechterrollen und-stereotype aufgebrochen und irritiert. Dabei entstanden die Fotostrecken: „Der Winkel macht den Unterschied“, „ Break the Genderrules!“, „Klischees? Schon längst veraltet!“, „Andersrum ist nicht verkehrt“, „Show yourself, don’t be afraid“ und „Kleider machen (Mädchen) Leute“.

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Im Comic-Workshop entstand das Comic „City of Love“. Darin konnten die Schüler*innen eine eigene queere Liebesgeschichte in Zeichnungen und Text umzusetzen, die sich mit gleichgeschlechtlicher Liebe, Diskriminierung und Akzeptanz auseinandersetzt.

Der Kurzfilm „Who do you see in the mirror“ des Video-Workshops behandelt die Themen Geschlechterrrollen, Trans* Identität, Anerkennung von Vielfalt und Zusammenhalt in der Schule.Hier konnten die Schüler*innen entweder hinter der Kamera, u.A.  als Regisseur*in oder Kameraassistent*in stehen oder vor der Kamera als Schauspieler*innen agieren.

Im Rap-Workshop wurden viele Methoden des kreativen Schreibens ausprobiert und die Jugendlichen konnten ihre eigene Eindrücke und Erfahrungen zu den Aspekten Geschlecht, Identität und  Vielfalt in Rap-Texte transportieren. Die Teamer*innen stellten dafür Sprechgesangtechniken und eigene Rapsongs vor.

Die Projekttage in Dessau wurden durch die Förderung des LUSH-Charity Pot ermöglicht, wofür wir uns an dieser Stelle nochmal herzlich bedanken.

Mehr zum Projekt unter http://www.diversitybox.jugendkulturen.de

oder in diesem Clip

Euer Diversity Box-Team

Giuseppina, Saskia und Vicky

„Wer war eigentlich Lili Elbe?“- Projektwoche zu LSBTI*-Identitäten in Berlin damals und heute

Eine Frage, die sich die Schüler*innen des Hermann-Hesse Gymnasiums während der Projektwoche „Auf den Spuren von Lili Elbe-LSBTI* Identitäten in Berlin damals und heute“ vom 10. bis 14. Juli 2017 gemeinsam mit dem Projekt „Diversity Box“ des Archiv der Jugendkulturen e.V. gestellt haben.

Es wurde eigenständig recherchiert und zudem bei der Expertin Niki Trauthwein des Lili Elbe Archivs nachgefragt. Sie gab den Schüler*innen in einem Vortrag Einblicke in die Vielfalt Berlins in den 1920er und beginnenden 1930er Jahre. Niki Trauthwein berichtete von Orten, wie dem Eldorado, einem beliebten Lokal für Schwule und Lesben in Berlin, vom Institut für Sexualwissenschaften sowie dem Forscher Magnus Hirschfeld, einem zentralen Vorreiterr in der Forschung zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, der selbst auch als Aktivist für die Gleichstellung von LSBTIQ*-Menschen von Bedeutung war.

Lili Elbe, eine dänische Inter*person suchte ärztlichen Rat bei Magnus Hirschfeld in Berlin im Jahr 1930, da die Forschung zu Trans*-und Inter*geschlechtlichkeit am Institut für Sexualwissenschaften, vor allem von Magnus Hirschfeld mit vorangetrieben wurde.

Mit diesen Informationen im Gepäck erforschten die Schüler*innen gemeinsam mit Diversity Box-Teamer*innen in zwei parallel gelaufenen Workshops, Video und Comic,  weitere Aspekte der Vielfalt, Akzeptanz und Sichtbarkeit queerer Menschen in Berlin damals und untersuchten Parallelen sowie Unterschiede zum Leben queerer Menschen heute in Berlin.

Die Schüler*innen im Video Workshop entschieden sich in der Kreativphase der Projektwoche für eine spannende Symbiose von Realität und Fiktion. Zuerst ging die Reise zurück ins Berlin der 1920er Jahre. Ein Abend im Lokal „Eldorado“ wurde im Stummfilm-Stil umgesetzt, die Schüler*innen konstümierten sich und versetzten sich in queere Menschen der damaligen Zeit.

Danach ging es an aktuelle Orte queerer Vielfalt in Berlin, wie den Nollendorfplatz in Schöneberg und in den Südblock am Kottbusser Tor in Kreuzberg.

Die Schüler*innen filmten und interviewten dabei Tülin Duman, die Geschäftsführerin des Südblocks sowie den Inhaber der queeren Buchhandlung Eisenherz am Nollendorfplatz. Heraus kam ein von den Schüler*innen selbst gestalteter 15-minütiger Film zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, der den Bogen zwischen dem Berlin damals und heute spannt.

Im Comic-Workshop entstand das Comicheft „Auf ins Gute“, in dem die Schüler*innen Zeichnungen und Texte zu einer Geschichte über gleichgeschlechtliche Liebe, Diskriminierung und Akzeptanz formten. Hauptprotagonistinnen der Geschichte sind zwei Mädchen, die sich über die gemeinsame Recherche zum Leben von Lili Elbe und dem Berlin der 20er und 30er Jahre, näher kommen und schließlich in einander verlieben.  In ihrer Heimatstadt Nürnberg stößt ihre Liebe auf viel Widerstand, weshalb sie sich entscheiden gemeinsam nach  Berlin zu gehen, wo sie auf eine offenere Gesellschaft hoffen und die vielfältige queere Szene kennenlernen wollen:  Ihr „Umzug ins Gute“.

 

Ein Dank geht an alle Projektbeteiligten: Den Schüler*innen des Hermann-Hesse Gymnasiums, den Lehrer*innen Fernando da Ponte, Andreas Beck und Sandra Christall, den Teamer*innen Sanni Cabral, Nina Kunz, Lili Loge, Tine Fetz und den Projektmitarbeiter*innen Saskia Vinueza und Vicky Kindl.

Gefördert wurde diese Projektwoche „Auf den Spuren von Lili Elbe-LSBTI*-Identitäten in Berlin damals und heute“  von der LPB Berlin, der unser herzlicher Dank gilt.

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Diversity Box goes Sachsen-Anhalt Spendenkampagne

Diversity Box goes Sachsen-Anhalt!

Dafür brauchen wir eure/ ihre Unterstützung.
Bereits eine kleine Spende kann im Schwarm viel bewirken.
In diesem Clip erklären wir unser Vorhaben und zeigen ein paar schöne Ergebnisse unserer Workshoparbeit mit Jugendlichen.

 

Mehr Infos zum Projekt:

http://www.diversitybox.jugendkulturen.de

http://www.diversitybox.tumblr.com

Zu unseren Workshopergebnissen:

http://diversitybox.jugendkulturen.de/ergebnisse.html

Spenden könnt ihr für uns über Betterplace:

https://www.betterplace.org/de/projects/4563-unterstutze-das-archiv-der-jugendkulturen-berlin

Giuseppina Lettieri

Projektleitung „Diversity Box“

Bibliographie zu wissenschaftlicher Literatur über Zines

Heute ist der letzte Tag des diesjährigen International Zine Month #IZM2017. Und weil wir im Archiv der Jugendkulturen nicht nur gerne Zines lesen und sammeln, sondern auch darüber forschen und die Ergebnisse dieser Forschung mit und über Zines öffentlich zugänglich machen, gibt es heute deshalb kein weiteres Zine of the Day wie in den letzten Tagen. Stattdessen erfolgt ein Hinweis in eigener Sache.

Wie wir selbst in der Vergangenheit immer wieder feststellen mussten, ist es nicht einfach, an wissenschaftliche Literatur über Zines zu gelangen. Die mehrheitlich englischsprachige Fachliteratur findet man hierzulande oft nur selten oder gar nicht in öffentlichen Bibliotheken und kann oft nur über einen teuren Zugang zu Online-Datenbanken beschafft werden. Einen  Überblick über den aktuellen Stand der Forschung mit und über Fanzines zu bekommen, ist deshalb oft kaum möglich, wenn die entsprechenden zeitlichen und finanziellen Ressourcen dafür  fehlen.

Im Rahmen eines im Archiv angesiedelten Teilprojektes des Forschungsverbundes JuBri – Techniken jugendlicher Bricolage ist vor kurzem eine solche umfassende und für den deutschsprachigen Raum bislang einzigartige Bibliographie mit wissenschaftlicher Literatur über (Fan-)Zines (v. a. auf Deutsch und Englisch) entstanden, die von mehreren MitarbeiterInnen des Archivs über mehrere Jahre sorgsam erarbeitet wurde und regelmäßig aktualisiert werden soll.

Die nach thematischen Bereichen und Szenen sortierte Literaturliste umfasst auf 36 DIN A4-Seiten weit über 600 Monographien, Sammelbänden, Aufsätzen und Online-Quellen zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit und über Zines. Sie bietet damit einen umfassenden und aktuellen Überblick über die bisherige Fanzine-Forschung und ist ein hervorragendes Hilfsmittel für alle, die sich wissenschaftlich, journalistisch oder einfach aus persönlichem Interesse mit der Geschichte und Gegenwart von Fanzines beschäftigen möchten.

Die Bibliographie (Stand: März 2017) kann als PDF kostenfrei hier heruntergeladen werden. Ein Teil der dort verzeichneten Publikationen kann kostenfrei in der Bibliothek des Archivs eingesehen werden.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2017 #zine-research #bibliography #punk-science #zine-literature #zine-history

Zine of the Day: Abgang #1 (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Im Rahmen unseres aktuellen Digitalisierungsprojektes UnBoxing haben wir uns mit Zines aus unserer Sammlung beschäftigt, die in Hinblick auf ihre Haptik und Materialität auffällig sind. Ein Zine, das bei mir einen besonders starken Eindruck hinterließ, ist ein Exemplar von Abgang #1, einem Heft, das sich um diverse Abgründe der menschlichen Existenz dreht – u. a. um Depressionen, Suizid, Drogensucht, Essstörungen, Leid, Schmerz, Zerrissenheit und Hass auf die Gesellschaft.

Der Inhalt ist also schon recht anstrengend und belastend, die Leseerfahrung wird aber durch die Materialität des Zines noch verstärkt, so stark, dass ich beim Lesen zunehmend Bauchschmerzen bekam. Das Zine ist an sich „nur“ ein düsteres s/w-Heft im A5-Format, allerdings hat diese Ausgabe einen Umschlag aus einem schweren, geölten und leicht rauchig riechenden Stoff. Wo dieser Stoff herkommt, ist nicht ganz klar. Er könnte aus einem militärischen Kontext stammen, vielleicht von einem Rucksack oder einem Zelt stammen.

Wenn man nun dieses Zine in den Händen hat, bekommt man beim Lesen zunehmend ölige, dreckige Finger und der Geruch des Stoffes steigt in die Nase – das Lesen hat also eine starke sinnliche Komponente, die durch das benutzte Material hervorgerufen wird und die düsteren und teilweise verstörenden Inhalte unterstreicht und verstärkt. Auch das Papier ist durch den Kontakt mit dem Stoff inzwischen etwas ölig geworden. Dadurch wirkt das Papier älter als es eigentlich ist (es erschien ca. 1999). Außerdem enthält das Zine einen kleinen Zettel, der mit einer extrem rostigen Büroklammer befestigt ist. All dies macht das Heft zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk, das starke Gefühle auslösen kann und beunruhigende Bilder von schwer depressiven, die Welt hassenden Menschen hervorruft.

Daniel

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2017 #Materialität #Zine #Perzine #Drogen #Suizid #Essstörungen

Zine of the Day: Xerography Debt (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Xerography Debt #40Xerography Debt gehört zu der heute äußerst rar gewordenen Spezies der sog. „Review Zines“. Unter der Bezeichnung versteht man Zines, die zum überwiegenden Teil aus den Besprechungen anderer Zines und Artikeln über Zine-relevante Themen bestehen.
Das wohl bekannteste Review Zine war Factsheet Five, das 1982 bis 1998 in den USA erschien und dieses Zine-Genre – wie kein anderes Review Zine – bis heute nachhaltig geprägt hat. Die Idee dahinter war folgende: Jedes Zine, das an dieses Review Zine geschickt wurde, wurde – so bizarr oder speziell es auch war – in einer Ausgabe von Factsheet Five rezensiert. Die Herausgeber*innen der eingesandten Zines erhielten im Gegenzug ein Belegexemplar dieser Ausgabe, die aber eben nicht nur die Besprechung ihres eigenen Hefts sondern auch das von hunderten anderen Zines enthielt. Auf diese Weise erfuhren Zine-Macher*innen aus allen möglichen lokalen und subkulturellen Kontexten, was es neben ihren Zines an weiteren aktuellen Publikationen gab. So trug Factsheet Five überhaupt erst zu einer szeneübergreifenden Vernetzung von Zinesters und der Herausbildung einer eigenständigen Zine-Kultur bei, wie wir sie heute kennen.

Im Kielwasser von Factsheet Five erschienen bis in die 2000er Jahre hinein diverse andere Review Zines wie beispielsweise Free Press Death Ship (USA), Zine Nation (USA), Zine World (USA) oder ZineZine (Deutschland). Mit der zunehmenden Verbreitung von Web 2.0-Technologien übernahmen Weblogs nach und nach die Funktion der bis dahin (fast) ausschließlich gedruckten oder kopierten Review Zines.

Das Xerography Debt ist eines der wenigen aktuellen Review Zines, die noch auf Papier erscheinen. Die langjährige Zine-Aktivistin Davida Gipsy Breyer aus Maryland (USA) veröffentlichte die Debütausgabe 1999. Über die Jahre gelang es ihr, weitere Mitstreiter*innen für Xerography Debt zu gewinnen, die regelmäßig nicht nur Artikel zu Zines-relevanten Themen, sondern vor allem auch eine beachtliche Menge an Zine-Besprechungen zu jeder Ausgabe beisteuern. Das Heft wird inzwischen von einer Vielzahl von erfahrenen und internationalen Zinesters geschultert, die zum Teil schon seit über 20 Jahren aktiv sind. Außer Davida, die neben Xerography Debt schon seit einer gefühlten Ewigkeit das Leeking Ink und The Glovebox Chronicles macht, sind unter anderem der in Japan lebende Mail Artist Gianna Simone, Joe Biel vom Zine-Distro Microcosm Publishing aus Portland (USA), die Comic-Zine-Zeichnerin Anne Thalheimer (USA), der seit den 1990er Jahren aktive Zine-Herausgeber und Gründer der Austin Zine Library, Josh Medsker sowie Stuart Stratu aus Marrickville (Australien) oder Carlo Palacios aus Frankfurt am Main. Jede*r dieser Mitautor*innen besitzt einen eigenen Schreib- und Besprechungsstil und bedient unterschiedliche Zine-relevante Themen – und zwar immer aus einer durchweg persönlichen und subjektiven Perspektive. Das macht Xerography Debt nicht nur zu einem inhaltlich umfangreichen, sondern auch zu einem durch und durch spannend zu lesenden Review Zine, das bisweilen sogar wie ein mehrstimmiges Perzine erscheint. Sein Untertitel lautet deshalb vollkommen zu Recht „The Review Zine With Perzine Tendencies!“

Xerography Debt #41

Xerography Debt erscheint aktuell zwei Mal im Jahr. Jede Ausgabe bietet dadurch einen kompakten Überblick über aktuelle Zines und Zine-relevante Themen der letzten sechs Monate. Vor wenigen Wochen erschien mit Xerography Debt #41 die neueste Ausgabe. Auf insgesamt 76 Seiten beinhaltet sie neben diversen Kolumnen, Interviews und Berichten zu Zines mehr als 150 Zine-Kritiken.

Weitere Informationen zu Xerography Debt gibt es auf der Zine-eigenen Webpage von Davida. Dort sind auch zahlreiche ältere Ausgaben als kostenfreie PDFs abrufbar. Und wem die Zeit zwischen den einzelnen Ausgaben zu lange ist, sollte hin und wieder einen Blick auf den Xerography Debt-Weblog oder die Facebook-Seite des Zines werfen. Dort werden regelmäßig weitere Zine Reviews, Nachrichten und Veranstaltungshinweise aus der Welt der Zines veröffentlicht.

Und selbstverständlich hat das Archiv der Jugendkulturen die Ausgaben der letzten Jahre ebenfalls in seinem Bestand. Interessierte können sie dort zu den Öffnungszeiten kostenfrei einsehen.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2017 #reviewzine #zinesters #perzine #zineoftheday #zinereviews

Zine of the Day: Modernes Fleisch #2 (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugend-kulturen als „Zine of the Day“ vor…

Modernes Fleisch 1

Modernes Fleisch #2

 

Es war ein A4-Heft im wüsten Schnippel-Layout, das ich ca. 2002 im AJZ Bielefeld von Malte in die Hände gedrückt bekam. Modernes Fleisch hieß das Zine, es war die 2. Ausgabe und auf dem Cover waren die Despoten des letzten Jahrhunderts in trauter Eintracht zu sehen. Malte war damals ein sehr junger Punker aus den Vorstadtdörfern, den ich schon bei einigen Konzerten getroffen hatte. In den Jahren um die Jahrtausendwende hatten mich viel zu viele Zines gelangweilt und es war seit Ewigkeiten das erste Mal, dass ich mir wieder ein Zine aufschwatzen ließ. Bis dato hatte ich den Eindruck, dass es nur noch die Wahl gab zwischen dem total neurotischen Ego-Zine oder dem boring Punkheft mit den immer gleichen anbiedernden Rezensionen und langweiligen Konzertberichten.

Beim Modernen Fleisch war es anders und es gab einen ganz schönen Deutsch-Punk-Rums, der sich beim Lesen in mir ausbreitete. Ja genau, das war es ja, was ich zehn Jahre vorher als Szene-Neuling auch gefühlt hatte und das jetzt als gutes Gefühl auch wieder in mir aufstieg. Dagegen sein, kritisch gucken, was um einen herum passiert und das Ganze natürlich mit dem nötigen trockenen Witz garnieren. Das ganze Zine war nicht darauf angelegt perfekt zu sein, es hatte kein Hochglanz und kein festes Layout wie diese ganzen damalig neuen Computer-Zines. Stattdessen brachte es genau das Gefühl von Malte auf den Punk(t) und das mit den einfachsten Schnippel-Layout-Mitteln, stets unterlegt mit Zitaten von 80er Jahre Deutsch-Punk-Bands. Es ist genau die solide Methode, die es bis heute jedem ermöglicht, ein eigenes Zine herauszubringen und damit der Welt zu erzählen, was man von ihr hält.

 

Inhaltlich gab es vor allem Konzertberichte aus der westfälischen Provinz, Texte zu politischer Haltung, Freundschaften und immer wieder Beiträge zur Punk-Band Hammerhead. Die reflektierte angepisste Abgrenzung von der alteingesessenen Punk-Szene mit ihren Ritualen wird dabei mit einer Direktheit vor sich hergetragen, dass es beim Lesen eine wahre Freude ist. Diese Direktheit hat sich Malte bis heute erhalten.
Malte und ich sehen uns bis heute. Er ist immer noch aktiver Part in der DIY-Punkszene aber macht nur noch selten Zines. Stattdessen hat er immer wieder eine neue Punk-Band und manchmal sogar zwei gleichzeitig.

Jimi

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2017 #Fanzine #Egozine #Punk #Deutsch-Punk

International Zine Library Day

Heute ist International Zine Library Day! Statt anlässlich des International Zine Month 2017 ein weiteres „Zine of the Day“ abzufeiern, lassen wir uns und unsere Fanzine-Sammlung an diesem Tag auch gerne einmal guten Gewissens von euch feiern. 😉

Und falls ihr uns mit einem Präsent beglückwünschen wollt, dann schickt uns eure Zines für unsere Sammlung oder bringt sie zum Zineklatsch #5 am 26.07.2017 einfach persönlich vorbei. Ein schöneres Geschenk könnt ihr uns kaum machen!

In diesem Sinne: „Up the Scissors and the Glue Sticks!“

Christian (aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen)

Unsere Online-Datenbank mit einem Teil unserer Zine-Sammlung findet ihr hier.

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2017 #zines # perzines #zinelibraries #zinelibraryday #archivderjugendkulturen

Zine of the Day: Enpunkt (BRD)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Enpunkt #22

Dem Macher dieses Egozines bin ich zum ersten Mal im Sommer 1995 oder 96 über den Weg gelaufen – und zwar auf einem der beiden Fanzine-Treffen in Neuss (bei Düsseldorf). Ich hatte damals gerade die zweite Ausgabe meines eigenen Fanzines veröffentlicht, während Klaus N. Frick mit seinem Enpunkt bereits bei #25 oder #26 angelangt war. Während ich (Jahrgang 1976) also noch blutiger Anfänger in Sachen Zines war, gehörte Klaus (Jahrgang 1963) schon zu den alten Haudegen unter den Zine-Macher*innen.

Seit seiner Jugend im tiefsten Schwarzwald schlagen mindestens zwei Herzen in der Brust von Klaus: Das erste pochte schon etwas früher und zwar für Science Fiction (vor allem für die Perry Rhodan-Heftreihe) und das zweite kurze Zeit danach für Punk/Hardcore und alles was dazu gehört – von Pogo über Pils bis Politik. Über beide Welten und noch viel mehr schreibt Klaus seitdem – in eigenen Fanzines und in denen von anderen.

Sein erstes eigenes Fanzine namens Sagittarius veröffentlichte Klaus 1980. Die erste Ausgabe hatte noch eine Auflage von 100 Stück. Sagittarius professionalisierte sich über die Jahre aber immer weiter und dementsprechend wuchs die Auflagenzahl auch immer weiter an. Bald schon hatte das Heft ein eigenes Redaktionsteam und einen eigenen Verlag. 1986 ging es sogar in den Kioskverkauf, aber schon 1988/89 wurde es aufgrund der Überarbeitung aller Beteiligten und fehlendem wirtschaftlichen Ertrag wieder eingestellt.

Enpunkt #34

Enpunkt #34

1986, als Sagittarius erstmals in den bundesdeutschen Bahnhofskiosken landete und damit den Schritt vom Fanzine zum Magazin machte, brachte Klaus sein Egozine Enpunkt zum ersten Mal heraus. Er blieb damit dem Fanzine-Machen weiterhin treu und schrieb seitdem über alles, was er erlebte, was ihn interessierte, was ihn aufregte, was ihn faszinierte, was ihn begeisterte oder was ihn belustigte. Das war vor allem eine bunte Mischung aus Konzert- und Reiseberichten (letztere vor allem nach Afrika), Reviews von Platten, Filmen, Comics und Büchern, (selbst-)ironischen Alltagsbeobachtungen und aus Artikeln sowohl über Besäufnisse, Abstürze und Entgleisungen (frei nach dem Enpunkt-Motto „Saufen, Hüpfen, Peinlichsein“), als auch über Chaostage, Antifa-Aktionen oder Hausbesetzungen – und in den späteren Ausgaben auch über das Älter-Werden mit alldem. Die wechselnden Untertitel der Enpunkt-Ausgaben spiegeln auch das inhaltliche Spektrum des Hefts wieder. Sie reichen von „Fanzine für Science Fiction, Punk & Dosenbier“ über „Zeitschrift für angewandtes Spießertum“, „Zeitschrift für abgebranntes Spießertum“, „Das Fanzine für Spät-Pubertierende“, „Die Fachzeitschrift für modernen Ausdruckstanz“, „Zeitschrift für den Hobby-Ethnologen“ bis hin zu „Heft für Punkrock, Reisen & Hochkultur“.

Enpunkt #40

Enpunkt #40

Neben dem Enpunkt schrieb Klaus außerdem regelmäßig für andere Fanzines – in den 1980er Jahren für Willi Wuchers berühmt-berüchtigtes Scumfuck Tradition, in den 1990er Jahren für das legendäre Punk/Hardcore-Zine ZAP von Moses Arndt und nach dessen Ableben bis heute für das Ox.
Das Enpunkt blieb daneben über 20 Jahre eine feste Institution in der deutschsprachigen Fanzine-Landschaft, das in schöner regelmäßiger Unregelmäßigkeit erschien und sowohl innerhalb des Science Fiction-Fandoms als auch in der Punk/Hardcore-Szene seine Liebhaber*innen hatte. Im Sommer 2006 erschien mit Enpunkt #43 dann aber die letzte Ausgabe. Noch während der Arbeit an der Folgenummer entschied sich Klaus, Enpunkt als gedrucktes Heft einzustellen. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur der Perry Rhodan-Heftserie, als Autor von Science Fiction-Geschichten und Punk-Romanen, als Leiter von Literatur- und Schreib-Werkstätten und diversen anderen Beschäftigungen fehlte einfach die Zeit und der Nerv, um mit dem Enpunkt weiter zu machen wie bisher.

Nichts desto trotz ist Klaus N. Frick aber  weiterhin ziemlich umtriebig. Unter dem Namen Enpunkt betreibt er sowohl eine Radiosendung auf Querfunk, dem Karlsruher Freien Radio, als auch seit 2005 einen Blog, in dem er beinahe täglich seinen Senf zu all dem gibt, was ihm (immer noch) unter den Nägeln brennt. In einem Interview im Polytox-Webzine erklärt Klaus dazu: „Das ist wie früher mit den Fanzines, weil ich das schreibe, was mich interessiert, und mir ist egal, wer es liest und welche ‚Zielgruppe‘ ich bediene. Also gibt es Punkrock-Texte, kurze Erzählungen, Platten- und Buchbesprechungen, Reiseberichte und allen anderen Kram.“ Und in der Tat liest sich das auch meistens so, als ob es in einer gedruckten Ausgabe des Enpunkt stehen würde – auch wenn die Erzählungen über Besäufnisse in den letzten Jahren ehrlich gesagt stark zurückgegangen sind!

Im Bestand des Archivs der Jugendkulturen gibt es ab Enpunkt #12 (1988) fast alle Ausgaben dieses inzwischen legendären Egozines. Ein Blick hinein lohnt sich auch heute noch und bietet nicht nur ein wunderbares „Sittengemälde“ der Punk/Hardcore-Szene zwischen 1986 und 2006, sondern auch interessante, spannende und unterhaltsame Einblicke in 20 Jahre Dasein einer lebenden Fanzine-Legende mit Haltung und Humor!

Mehr zu erfahren über Klaus N. Frick gibt es in Folge 56 der Reihe Mein Medien-Menü von Christoph Koch, im Polytox-Webzine, im Video-Interview mit Kesselpunks zum Zinefest Mannheim 2015 und natürlich in seinem Enpunkt-Blog. Die Punk-Romane von Klaus wurden im Hirnkost Verlag, ehemals Verlag der Jugendkulturen veröffentlicht, in dem auch seine aktuelle Kurzgeschichten-Sammlung Für immer Punk? erschien.

Christian

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#IZM2017 #Fanzine #Egozine #Punk #Hardcore #ScienceFiction

Zine of the Day: Imponderabilia (Polen)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Diverse Ausgaben des Imponderabilia Zines

Diverse Ausgaben des Imponderabilia Zines

Das erste Zine, das ich von Imponderabilia aka Wiktoria Natasza Konwent in die Hände bekam, hatte eine Archivkollegin mitgebracht. Kleines Format, ein Zine, das durch das Falten und Einschneiden eines A4-Blattes zu einem Heftchen wird. Es handelte von Alice B. Toklas und Gertrude Stein und war umwerfend komisch. Siehe auch: hier.

Die Künstlerin schreibt auf englisch, manchmal zweiprachig englisch/polnisch oder ausschließlich auf polnisch. Ihre Zeichnungen sind oft kunstvoll aus Wörtern gestaltet. Wortmalereien, die den Text gekonnt und originell illustrieren. Einige Zines haben politische Themen (wie über das Abtreibungsverbot in Polen) und erzählen von Frauen (z.B. über die polnische Künstlerin Zofia Stryjeńska oder die US-amerikanische Autorin Carson Mc Cullers). Ein paar dieser kreativen Werke gibt es auf dem Imponderabilia-Tumblr zum Selbstausdrucken und Basteln.

Anja

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#IZM2017 #zines #perzines #zineoftheday #feminism #poland #art

Zine of the Day: Freizeit 81 (BRD)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Freizeit 81 war nicht nur der Name eines 1981 erscheinenden Fanzines, sondern auch die Bezeichnung einer losen Aktionsgruppe linksradikaler Punks, Hausbesetzer*innen und Künstler*innen in München, die sich die Verschmelzung von Kunst, Kampf, Punk und Politik auf ihre Fahnen schreibt. Über die Grenzen der bayerischen Landeshauptstadt hinaus wird Freizeit 81 vor allem durch eine Vielzahl kreativer, sowohl gewaltloser als auch militanter Aktionen bekannt.

Die Gruppe wird im Frühjahr 1981 von einem Dutzend Punks aus München gegründet, die zuvor bereits an Hausbesetzungen, spontanen Demonstrationen gegen Wohnraumspekulation und Aktionen für selbstverwaltete Jugendzentren beteiligt waren. Sie orientieren sich u. a. an der militanten Jugendbewegung in Zürich, die durch den Dokumentarfilm Züri brännt auch in Deutschland bekannt wird.

Die Gruppe engagiert sich in unterschiedlichen Bereichen und mit verschiedenen Ausdrucks- und Aktionsformen: Filmvorführungen, Demonstrationen, illegale Partys, Konzerte, (Schein-)Hausbesetzungen, Flugblätter, Zeitungen, Sprühaktionen, Zukleben von Bankenschlössern, Entglasungen von Schaufenstern und Brandanschläge. Im Gegensatz zu anderen linksradikalen Gruppierungen aus dieser Zeit vertritt Freizeit 81 ein weniger ideologisches, aber dafür mehr emotional und kulturell geprägtes Verständnis von politischer Aktion. Ihre undogmatische Haltung spiegelt sich u. a. in ihrem Manifest wieder, das weit über die Kerngruppe hinaus Verbreitung und Anklang findet: „Freizeit ’81 ist gewaltlos oder militant, legal oder illegal, ängstlich oder stark, auf jeden Fall: GEFÜHL UND HÄRTE ! Freizeit ’81 ist Widerstand aus dem Bauch, eine unkontrollierte Reflexbewegung. Niemand kann mit jeder Aktion einverstanden sein, aber jeder sollte seine eigenen Sachen machen.“

Während der harte Kern aus etwa zehn Leuten besteht, zählen und bekennen sich im Laufe des Jahres 1981 bis zu 100 Leute zum weiteren Umfeld der Gruppe. Die Kerngruppe macht zunächst durch unzählige Graffiti wie „Freizeit 81“ und gesprühte Parolen auf sich aufmerksam. Im Laufe des Sommers eskalieren allerdings die Hausbesetzungen. Nach der Räumung eines Hauses entglasen Angehörige der Gruppe die Fensterscheiben von elf Banken und weiteren Gebäuden in München. Von August bis Oktober 1981 werden unter dem Namen Freizeit 81 mehrere Brandanschläge mit Molotowcocktails auf Banken, eine Schule, ein Büro der Polizeigewerkschaft und andere Gebäude verübt. Insgesamt werden der Gruppe und ihrem Umfeld 25 Straftaten mit einer Schadenssumme von 1 Million DM zur Last gelegt.

Auszug aus Freizeit 81 #2

Auszug aus Freizeit 81 #2

Beim Anschlag auf ein Büro der Lufthansa im Oktober 1981 wird erstmals ein Jugendlicher festgenommen. Zahlreiche Wohnungen werden durchsucht und schließlich fünf junge Männer und zwei Frauen, von denen einige minderjährig sind, unter dem Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung festgenommen und später zu mehrjährigen Freiheitsstrafen, zum Teil auf Bewährung, verurteilt.

Bekannte Mitglieder der Kerngruppe von Freizeit 81 waren die inzwischen verstorbene PKK-Kämpferin Andrea Wolf, der Maler Florian Süssmayr, der Filmproduzent Anatol Nitschke und der Betreiber des Münchner Werkstattkinos Wolfgang Bihlmeir. Dem Umfeld der Gruppe sind u. a. die heutige Medienkünstlerin Hito Steyerl und der Filmemacher Romuald Karmakar zuzurechnen.

Auszug aus Freizeit 81 #2

Auszug aus Freizeit 81 #2

Vom gleichnamigen Fanzine erschienen 1981 lediglich zwei Ausgaben und eine weitere während die Kerngruppe in Haft saß. Die beiden ersten Ausgaben befinden sich im Bestand des Archivs der Jugendkulturen. Die eine wurde im Frühling 1981 veröffentlicht, beinhaltet zahlreiche Texte aus der Ich-Perspektive und Collagen, die die alltägliche Frustration, die Wut gegen den Normalzustand und den Wunsch des Aufbegehrens und der Rebellion zum Ausdruck bringen. Auf der letzten Seite sind die Fotos von einigen Graffiti der Aktionsgruppe abgedruckt. Die andere Ausgabe erschien nach den Hausdurchsuchungen und Verhaftungen im Herbst 1981. Sie wirkt noch desillusionierter als die vorherige Nummer und setzt sich mit politischem Verrat, US-Imperialismus und dem Recht auf Revolte auseinander. Auf der letzten Seite ist das Plakat eines Benefizkonzerts für die verhafteten Mitglieder von Freizeit 81 abgedruckt. Beide Ausgaben markieren damit sowohl den Anfang als auch das Ende der kurzen Existenz von Freizeit 81.

Obwohl Freizeit 81 kaum ein Jahr existierte, wird über die Gruppe bis heute immer wieder berichtet. 2013 war sie Teil der Sonderausstellung Wem gehört die Stadt? im Münchner Stadtmuseum und erst vor kurzem, im Juni 2017, sendete der Deutschlandfunk Kultur ein Feature über die Gruppe, das hier angehört werden kann.

Darüber hinaus widmete nicht nur die Spider Murphy Gang der Gruppe einen eigenen Song, auch die aus dem Umfeld von Freizeit 81 stammenden Punk-Bands ZSD und Tollwut bezogen sich in Liedern wie Krawall im Jahre 1981, Notwehr 1981 oder Sommer 1981 auf die Aktionen der Gruppe.

Weitere Infos zu Freizeit 81 gibt es hier und hier.

Christian

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#IZM2017 #fanzine #zineoftheday #punk #Autonome #Hausbesetzungen #München

Zine of the Day: Holy Titclamps (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Holy Titclamps #13

Holy Titclamps #13

Holy Titclamps – einen besseren Namen für ein Queer Zine hat es meines Erachtens bis heute nicht gegeben! Der Herausgeber Larry-Bob gehört neben Outpunk, Homocore oder J.D.s zu den Pionieren queerer Punk/Hardcore-Zines. Bereits 1989 gab er die erste Nummer von Holy Titclamps in Minneapolis heraus. Bis 2009 folgten in unregelmäßigem Abstand 20 weitere Ausgaben. Daneben machte Larry-Bob auch das Queer Zine Explosion, ein Queer Zine Review Zine, das es auf 20 Ausgaben brachte, in denen jeweils aktuelle Queercore Zines aus aller Welt rezensiert und annonciert wurden. Larry-Bob gehört damit zu den ersten Aktivisten, die maßgeblich an der internationalen Vernetzung der Queer-Szene beteiligt waren.

Holy Titclamps und Queer Zine Explosion sind aus heutiger Perspektive weit mehr als bloße Zines, sondern eben auch Zeitdokumente, in denen sich die historische Entwicklung der Queercore-Kultur wiederspiegelt, die sich gegen den heteronormativen Punk und Hardcore einerseits, aber auch gegen den Mainstream der Schwulen- und Lesben-Community andererseits richtete.

Holy Titclamps #17

Holy Titclamps #17

Im Queer Zine-Bestand des Archivs der Jugendkulturen befinden sich zwei Ausgaben von Holy Titclamps: Nummer 13 von 1994 und Nummer 17 von 1999. Holy Titclamps #13 beinhaltet u. a. einen „Guide to Selling Out“, persönliche Anekdoten, einen kritischen Artikel zur schwulen Szene in San Francisco, einen „Guide to Unsafe Sex“, Comics, Leser*innen-Briefe (u. a. „Letters from Gay Prisoners“) und zahlreiche Zine-Rezensionen. Holy Titclamps #17 befasst sich neben persönlichen Erlebnissen u. a. mit der Musikerin Courtney Love, dem mexikanischen Schriftsteller Salvador Novo, dem Papst und der katholischen Kirche sowie dem schwulen Literaten Steve Abbott. Daneben gibt es in dieser Ausgabe weitere Comics, Gedichte, Leser*innen-Briefe, Zine-Kritiken und mehr.

Einen Überblick über alle Ausgaben von Holy Titclamps und Queer Zine Explosion gibt es auf Larry-Bobs Webpage. Weitere Informationen zu Larry-Bob sind hier zu finden.

Christian

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#IZM2017 #zine #zineoftheday #queer #punk #queercore

Zine of the Day: Cometbus (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Cometbus #57

Cometbus #57

Eigentlich erstaunlich, dass Cometbus nicht schon viel früher zum „Zine of the Day“ ernannt wurde. Dabei zählt es zu meinen persönlichen All-Time-Faves und gehört zu den wenigen Zines, von denen ich wirklich ALLE Ausgaben gelesen habe und tatsächlich auch JEDE ohne zu zögern vorbehaltlos weiterempfehlen kann. Und es gibt inzwischen eine Menge Ausgaben von Cometbus – nämlich insgesamt 57 an der Zahl! Dabei veröffentlicht Aaron Elliot sein Zine ziemlich unregelmäßig und teilweise im Abstand von 1-2 Jahren, aber eben kontinuierlich seit 1981. Cometbus ist damit eines der ältesten, noch existierenden Punk Zines und Aaron damit wohl auch einer der dienstältesten Zinesters weltweit.

Gerade den letzten Ausgaben von Cometbus merkt man diese jahrzehntelange Erfahrung des Zine-Schreibens von Aaron an. Keine*r schreibt so hinreißend, unterhaltsam, charmant und amüsant wie er. Man möge sich nur einmal seinen herzzerreißenden Text „Punk Rock Love Is…“ aus einer bereits Anfang der 1990er Jahre erschienenen Cometbus-Ausgabe durchlesen. Wen das nicht berührt, hat einfach kein Herz!

Kein Wunder, dass inzwischen schon einige Anthologien seiner Cometbus-Ausgaben und sogar Übersetzungen ins Französische und Deutsche erschienen sind! Ich empfehle jedoch, seine Zines im Original zu lesen. Zum Beispiel das zuletzt erschienene Cometbus #57, das ausschließlich aus Interviews mit mehr oder weniger bekannten Leuten aus dem Kontext der New Yorker Comic-Szene besteht. Aaron befragte nicht nur Zeichner*innen wie Julia Wertz, Gabrielle Bell, Gary Panter, Ben Katchor, Bill Kartalopoulos oder Drew Friedman über ihr Comic-Schaffen, sondern auch Leute wie Karen Green, die sich um die herausragende Comic-Sammlung an der Columbia University Library kümmert, Gabe Fowler, der den Comic-Buch-Laden Desert Island betreibt und das Comic Art Brooklyn-Festival organisiert oder Robin Enrico, der u. a. die Steve Ditko Zine Library ins Leben gerufen hat. Kein Interview ist dabei wie das andere, sondern jedes einzelne hebt jeweils unterschiedliche Aspekte der New Yorker Comic-Szene hervor. So entsteht ein faszinierender multiperspektivischer Blick auf die Geschichte und Gegenwart der Comic-Kultur New York Citys. Eine großartige Cometbus-Ausgabe, die man sich unbedingt besorgen sollte, bevor sie wieder ausverkauft ist – oder die man sich auch einfach im Archiv der Jugendkulturen zu Gemüte führen kann.

Über Cometbus und Aaron gäbe es noch viel mehr zu schreiben. Wer mehr wissen möchte, findet hier zusätzliche Informationen.

Christian

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