Bibliographie zu wissenschaftlicher Literatur über Zines

Heute ist der letzte Tag des diesjährigen International Zine Month #IZM2017. Und weil wir im Archiv der Jugendkulturen nicht nur gerne Zines lesen und sammeln, sondern auch darüber forschen und die Ergebnisse dieser Forschung mit und über Zines öffentlich zugänglich machen, gibt es heute deshalb kein weiteres Zine of the Day wie in den letzten Tagen. Stattdessen erfolgt ein Hinweis in eigener Sache.

Wie wir selbst in der Vergangenheit immer wieder feststellen mussten, ist es nicht einfach, an wissenschaftliche Literatur über Zines zu gelangen. Die mehrheitlich englischsprachige Fachliteratur findet man hierzulande oft nur selten oder gar nicht in öffentlichen Bibliotheken und kann oft nur über einen teuren Zugang zu Online-Datenbanken beschafft werden. Einen  Überblick über den aktuellen Stand der Forschung mit und über Fanzines zu bekommen, ist deshalb oft kaum möglich, wenn die entsprechenden zeitlichen und finanziellen Ressourcen dafür  fehlen.

Im Rahmen eines im Archiv angesiedelten Teilprojektes des Forschungsverbundes JuBri – Techniken jugendlicher Bricolage ist vor kurzem eine solche umfassende und für den deutschsprachigen Raum bislang einzigartige Bibliographie mit wissenschaftlicher Literatur über (Fan-)Zines (v. a. auf Deutsch und Englisch) entstanden, die von mehreren MitarbeiterInnen des Archivs über mehrere Jahre sorgsam erarbeitet wurde und regelmäßig aktualisiert werden soll.

Die nach thematischen Bereichen und Szenen sortierte Literaturliste umfasst auf 36 DIN A4-Seiten weit über 600 Monographien, Sammelbänden, Aufsätzen und Online-Quellen zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit und über Zines. Sie bietet damit einen umfassenden und aktuellen Überblick über die bisherige Fanzine-Forschung und ist ein hervorragendes Hilfsmittel für alle, die sich wissenschaftlich, journalistisch oder einfach aus persönlichem Interesse mit der Geschichte und Gegenwart von Fanzines beschäftigen möchten.

Die Bibliographie (Stand: März 2017) kann als PDF kostenfrei hier heruntergeladen werden. Ein Teil der dort verzeichneten Publikationen kann kostenfrei in der Bibliothek des Archivs eingesehen werden.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2017 #zine-research #bibliography #punk-science #zine-literature #zine-history

Zine of the Day: Abgang #1 (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Im Rahmen unseres aktuellen Digitalisierungsprojektes UnBoxing haben wir uns mit Zines aus unserer Sammlung beschäftigt, die in Hinblick auf ihre Haptik und Materialität auffällig sind. Ein Zine, das bei mir einen besonders starken Eindruck hinterließ, ist ein Exemplar von Abgang #1, einem Heft, das sich um diverse Abgründe der menschlichen Existenz dreht – u. a. um Depressionen, Suizid, Drogensucht, Essstörungen, Leid, Schmerz, Zerrissenheit und Hass auf die Gesellschaft.

Der Inhalt ist also schon recht anstrengend und belastend, die Leseerfahrung wird aber durch die Materialität des Zines noch verstärkt, so stark, dass ich beim Lesen zunehmend Bauchschmerzen bekam. Das Zine ist an sich „nur“ ein düsteres s/w-Heft im A5-Format, allerdings hat diese Ausgabe einen Umschlag aus einem schweren, geölten und leicht rauchig riechenden Stoff. Wo dieser Stoff herkommt, ist nicht ganz klar. Er könnte aus einem militärischen Kontext stammen, vielleicht von einem Rucksack oder einem Zelt stammen.

Wenn man nun dieses Zine in den Händen hat, bekommt man beim Lesen zunehmend ölige, dreckige Finger und der Geruch des Stoffes steigt in die Nase – das Lesen hat also eine starke sinnliche Komponente, die durch das benutzte Material hervorgerufen wird und die düsteren und teilweise verstörenden Inhalte unterstreicht und verstärkt. Auch das Papier ist durch den Kontakt mit dem Stoff inzwischen etwas ölig geworden. Dadurch wirkt das Papier älter als es eigentlich ist (es erschien ca. 1999). Außerdem enthält das Zine einen kleinen Zettel, der mit einer extrem rostigen Büroklammer befestigt ist. All dies macht das Heft zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk, das starke Gefühle auslösen kann und beunruhigende Bilder von schwer depressiven, die Welt hassenden Menschen hervorruft.

Daniel

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#IZM2017 #Materialität #Zine #Perzine #Drogen #Suizid #Essstörungen

Zine of the Day: Xerography Debt (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Xerography Debt #40Xerography Debt gehört zu der heute äußerst rar gewordenen Spezies der sog. „Review Zines“. Unter der Bezeichnung versteht man Zines, die zum überwiegenden Teil aus den Besprechungen anderer Zines und Artikeln über Zine-relevante Themen bestehen.
Das wohl bekannteste Review Zine war Factsheet Five, das 1982 bis 1998 in den USA erschien und dieses Zine-Genre – wie kein anderes Review Zine – bis heute nachhaltig geprägt hat. Die Idee dahinter war folgende: Jedes Zine, das an dieses Review Zine geschickt wurde, wurde – so bizarr oder speziell es auch war – in einer Ausgabe von Factsheet Five rezensiert. Die Herausgeber*innen der eingesandten Zines erhielten im Gegenzug ein Belegexemplar dieser Ausgabe, die aber eben nicht nur die Besprechung ihres eigenen Hefts sondern auch das von hunderten anderen Zines enthielt. Auf diese Weise erfuhren Zine-Macher*innen aus allen möglichen lokalen und subkulturellen Kontexten, was es neben ihren Zines an weiteren aktuellen Publikationen gab. So trug Factsheet Five überhaupt erst zu einer szeneübergreifenden Vernetzung von Zinesters und der Herausbildung einer eigenständigen Zine-Kultur bei, wie wir sie heute kennen.

Im Kielwasser von Factsheet Five erschienen bis in die 2000er Jahre hinein diverse andere Review Zines wie beispielsweise Free Press Death Ship (USA), Zine Nation (USA), Zine World (USA) oder ZineZine (Deutschland). Mit der zunehmenden Verbreitung von Web 2.0-Technologien übernahmen Weblogs nach und nach die Funktion der bis dahin (fast) ausschließlich gedruckten oder kopierten Review Zines.

Das Xerography Debt ist eines der wenigen aktuellen Review Zines, die noch auf Papier erscheinen. Die langjährige Zine-Aktivistin Davida Gipsy Breyer aus Maryland (USA) veröffentlichte die Debütausgabe 1999. Über die Jahre gelang es ihr, weitere Mitstreiter*innen für Xerography Debt zu gewinnen, die regelmäßig nicht nur Artikel zu Zines-relevanten Themen, sondern vor allem auch eine beachtliche Menge an Zine-Besprechungen zu jeder Ausgabe beisteuern. Das Heft wird inzwischen von einer Vielzahl von erfahrenen und internationalen Zinesters geschultert, die zum Teil schon seit über 20 Jahren aktiv sind. Außer Davida, die neben Xerography Debt schon seit einer gefühlten Ewigkeit das Leeking Ink und The Glovebox Chronicles macht, sind unter anderem der in Japan lebende Mail Artist Gianna Simone, Joe Biel vom Zine-Distro Microcosm Publishing aus Portland (USA), die Comic-Zine-Zeichnerin Anne Thalheimer (USA), der seit den 1990er Jahren aktive Zine-Herausgeber und Gründer der Austin Zine Library, Josh Medsker sowie Stuart Stratu aus Marrickville (Australien) oder Carlo Palacios aus Frankfurt am Main. Jede*r dieser Mitautor*innen besitzt einen eigenen Schreib- und Besprechungsstil und bedient unterschiedliche Zine-relevante Themen – und zwar immer aus einer durchweg persönlichen und subjektiven Perspektive. Das macht Xerography Debt nicht nur zu einem inhaltlich umfangreichen, sondern auch zu einem durch und durch spannend zu lesenden Review Zine, das bisweilen sogar wie ein mehrstimmiges Perzine erscheint. Sein Untertitel lautet deshalb vollkommen zu Recht „The Review Zine With Perzine Tendencies!“

Xerography Debt #41

Xerography Debt erscheint aktuell zwei Mal im Jahr. Jede Ausgabe bietet dadurch einen kompakten Überblick über aktuelle Zines und Zine-relevante Themen der letzten sechs Monate. Vor wenigen Wochen erschien mit Xerography Debt #41 die neueste Ausgabe. Auf insgesamt 76 Seiten beinhaltet sie neben diversen Kolumnen, Interviews und Berichten zu Zines mehr als 150 Zine-Kritiken.

Weitere Informationen zu Xerography Debt gibt es auf der Zine-eigenen Webpage von Davida. Dort sind auch zahlreiche ältere Ausgaben als kostenfreie PDFs abrufbar. Und wem die Zeit zwischen den einzelnen Ausgaben zu lange ist, sollte hin und wieder einen Blick auf den Xerography Debt-Weblog oder die Facebook-Seite des Zines werfen. Dort werden regelmäßig weitere Zine Reviews, Nachrichten und Veranstaltungshinweise aus der Welt der Zines veröffentlicht.

Und selbstverständlich hat das Archiv der Jugendkulturen die Ausgaben der letzten Jahre ebenfalls in seinem Bestand. Interessierte können sie dort zu den Öffnungszeiten kostenfrei einsehen.

Christian

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#IZM2017 #reviewzine #zinesters #perzine #zineoftheday #zinereviews

Zine of the Day: Modernes Fleisch #2 (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugend-kulturen als „Zine of the Day“ vor…

Modernes Fleisch 1

Modernes Fleisch #2

 

Es war ein A4-Heft im wüsten Schnippel-Layout, das ich ca. 2002 im AJZ Bielefeld von Malte in die Hände gedrückt bekam. Modernes Fleisch hieß das Zine, es war die 2. Ausgabe und auf dem Cover waren die Despoten des letzten Jahrhunderts in trauter Eintracht zu sehen. Malte war damals ein sehr junger Punker aus den Vorstadtdörfern, den ich schon bei einigen Konzerten getroffen hatte. In den Jahren um die Jahrtausendwende hatten mich viel zu viele Zines gelangweilt und es war seit Ewigkeiten das erste Mal, dass ich mir wieder ein Zine aufschwatzen ließ. Bis dato hatte ich den Eindruck, dass es nur noch die Wahl gab zwischen dem total neurotischen Ego-Zine oder dem boring Punkheft mit den immer gleichen anbiedernden Rezensionen und langweiligen Konzertberichten.

Beim Modernen Fleisch war es anders und es gab einen ganz schönen Deutsch-Punk-Rums, der sich beim Lesen in mir ausbreitete. Ja genau, das war es ja, was ich zehn Jahre vorher als Szene-Neuling auch gefühlt hatte und das jetzt als gutes Gefühl auch wieder in mir aufstieg. Dagegen sein, kritisch gucken, was um einen herum passiert und das Ganze natürlich mit dem nötigen trockenen Witz garnieren. Das ganze Zine war nicht darauf angelegt perfekt zu sein, es hatte kein Hochglanz und kein festes Layout wie diese ganzen damalig neuen Computer-Zines. Stattdessen brachte es genau das Gefühl von Malte auf den Punk(t) und das mit den einfachsten Schnippel-Layout-Mitteln, stets unterlegt mit Zitaten von 80er Jahre Deutsch-Punk-Bands. Es ist genau die solide Methode, die es bis heute jedem ermöglicht, ein eigenes Zine herauszubringen und damit der Welt zu erzählen, was man von ihr hält.

 

Inhaltlich gab es vor allem Konzertberichte aus der westfälischen Provinz, Texte zu politischer Haltung, Freundschaften und immer wieder Beiträge zur Punk-Band Hammerhead. Die reflektierte angepisste Abgrenzung von der alteingesessenen Punk-Szene mit ihren Ritualen wird dabei mit einer Direktheit vor sich hergetragen, dass es beim Lesen eine wahre Freude ist. Diese Direktheit hat sich Malte bis heute erhalten.
Malte und ich sehen uns bis heute. Er ist immer noch aktiver Part in der DIY-Punkszene aber macht nur noch selten Zines. Stattdessen hat er immer wieder eine neue Punk-Band und manchmal sogar zwei gleichzeitig.

Jimi

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#IZM2017 #Fanzine #Egozine #Punk #Deutsch-Punk

International Zine Library Day

Heute ist International Zine Library Day! Statt anlässlich des International Zine Month 2017 ein weiteres „Zine of the Day“ abzufeiern, lassen wir uns und unsere Fanzine-Sammlung an diesem Tag auch gerne einmal guten Gewissens von euch feiern. 😉

Und falls ihr uns mit einem Präsent beglückwünschen wollt, dann schickt uns eure Zines für unsere Sammlung oder bringt sie zum Zineklatsch #5 am 26.07.2017 einfach persönlich vorbei. Ein schöneres Geschenk könnt ihr uns kaum machen!

In diesem Sinne: „Up the Scissors and the Glue Sticks!“

Christian (aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen)

Unsere Online-Datenbank mit einem Teil unserer Zine-Sammlung findet ihr hier.

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#IZM2017 #zines # perzines #zinelibraries #zinelibraryday #archivderjugendkulturen

Zine of the Day: Enpunkt (BRD)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Enpunkt #22

Dem Macher dieses Egozines bin ich zum ersten Mal im Sommer 1995 oder 96 über den Weg gelaufen – und zwar auf einem der beiden Fanzine-Treffen in Neuss (bei Düsseldorf). Ich hatte damals gerade die zweite Ausgabe meines eigenen Fanzines veröffentlicht, während Klaus N. Frick mit seinem Enpunkt bereits bei #25 oder #26 angelangt war. Während ich (Jahrgang 1976) also noch blutiger Anfänger in Sachen Zines war, gehörte Klaus (Jahrgang 1963) schon zu den alten Haudegen unter den Zine-Macher*innen.

Seit seiner Jugend im tiefsten Schwarzwald schlagen mindestens zwei Herzen in der Brust von Klaus: Das erste pochte schon etwas früher und zwar für Science Fiction (vor allem für die Perry Rhodan-Heftreihe) und das zweite kurze Zeit danach für Punk/Hardcore und alles was dazu gehört – von Pogo über Pils bis Politik. Über beide Welten und noch viel mehr schreibt Klaus seitdem – in eigenen Fanzines und in denen von anderen.

Sein erstes eigenes Fanzine namens Sagittarius veröffentlichte Klaus 1980. Die erste Ausgabe hatte noch eine Auflage von 100 Stück. Sagittarius professionalisierte sich über die Jahre aber immer weiter und dementsprechend wuchs die Auflagenzahl auch immer weiter an. Bald schon hatte das Heft ein eigenes Redaktionsteam und einen eigenen Verlag. 1986 ging es sogar in den Kioskverkauf, aber schon 1988/89 wurde es aufgrund der Überarbeitung aller Beteiligten und fehlendem wirtschaftlichen Ertrag wieder eingestellt.

Enpunkt #34

Enpunkt #34

1986, als Sagittarius erstmals in den bundesdeutschen Bahnhofskiosken landete und damit den Schritt vom Fanzine zum Magazin machte, brachte Klaus sein Egozine Enpunkt zum ersten Mal heraus. Er blieb damit dem Fanzine-Machen weiterhin treu und schrieb seitdem über alles, was er erlebte, was ihn interessierte, was ihn aufregte, was ihn faszinierte, was ihn begeisterte oder was ihn belustigte. Das war vor allem eine bunte Mischung aus Konzert- und Reiseberichten (letztere vor allem nach Afrika), Reviews von Platten, Filmen, Comics und Büchern, (selbst-)ironischen Alltagsbeobachtungen und aus Artikeln sowohl über Besäufnisse, Abstürze und Entgleisungen (frei nach dem Enpunkt-Motto „Saufen, Hüpfen, Peinlichsein“), als auch über Chaostage, Antifa-Aktionen oder Hausbesetzungen – und in den späteren Ausgaben auch über das Älter-Werden mit alldem. Die wechselnden Untertitel der Enpunkt-Ausgaben spiegeln auch das inhaltliche Spektrum des Hefts wieder. Sie reichen von „Fanzine für Science Fiction, Punk & Dosenbier“ über „Zeitschrift für angewandtes Spießertum“, „Zeitschrift für abgebranntes Spießertum“, „Das Fanzine für Spät-Pubertierende“, „Die Fachzeitschrift für modernen Ausdruckstanz“, „Zeitschrift für den Hobby-Ethnologen“ bis hin zu „Heft für Punkrock, Reisen & Hochkultur“.

Enpunkt #40

Enpunkt #40

Neben dem Enpunkt schrieb Klaus außerdem regelmäßig für andere Fanzines – in den 1980er Jahren für Willi Wuchers berühmt-berüchtigtes Scumfuck Tradition, in den 1990er Jahren für das legendäre Punk/Hardcore-Zine ZAP von Moses Arndt und nach dessen Ableben bis heute für das Ox.
Das Enpunkt blieb daneben über 20 Jahre eine feste Institution in der deutschsprachigen Fanzine-Landschaft, das in schöner regelmäßiger Unregelmäßigkeit erschien und sowohl innerhalb des Science Fiction-Fandoms als auch in der Punk/Hardcore-Szene seine Liebhaber*innen hatte. Im Sommer 2006 erschien mit Enpunkt #43 dann aber die letzte Ausgabe. Noch während der Arbeit an der Folgenummer entschied sich Klaus, Enpunkt als gedrucktes Heft einzustellen. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur der Perry Rhodan-Heftserie, als Autor von Science Fiction-Geschichten und Punk-Romanen, als Leiter von Literatur- und Schreib-Werkstätten und diversen anderen Beschäftigungen fehlte einfach die Zeit und der Nerv, um mit dem Enpunkt weiter zu machen wie bisher.

Nichts desto trotz ist Klaus N. Frick aber  weiterhin ziemlich umtriebig. Unter dem Namen Enpunkt betreibt er sowohl eine Radiosendung auf Querfunk, dem Karlsruher Freien Radio, als auch seit 2005 einen Blog, in dem er beinahe täglich seinen Senf zu all dem gibt, was ihm (immer noch) unter den Nägeln brennt. In einem Interview im Polytox-Webzine erklärt Klaus dazu: „Das ist wie früher mit den Fanzines, weil ich das schreibe, was mich interessiert, und mir ist egal, wer es liest und welche ‚Zielgruppe‘ ich bediene. Also gibt es Punkrock-Texte, kurze Erzählungen, Platten- und Buchbesprechungen, Reiseberichte und allen anderen Kram.“ Und in der Tat liest sich das auch meistens so, als ob es in einer gedruckten Ausgabe des Enpunkt stehen würde – auch wenn die Erzählungen über Besäufnisse in den letzten Jahren ehrlich gesagt stark zurückgegangen sind!

Im Bestand des Archivs der Jugendkulturen gibt es ab Enpunkt #12 (1988) fast alle Ausgaben dieses inzwischen legendären Egozines. Ein Blick hinein lohnt sich auch heute noch und bietet nicht nur ein wunderbares „Sittengemälde“ der Punk/Hardcore-Szene zwischen 1986 und 2006, sondern auch interessante, spannende und unterhaltsame Einblicke in 20 Jahre Dasein einer lebenden Fanzine-Legende mit Haltung und Humor!

Mehr zu erfahren über Klaus N. Frick gibt es in Folge 56 der Reihe Mein Medien-Menü von Christoph Koch, im Polytox-Webzine, im Video-Interview mit Kesselpunks zum Zinefest Mannheim 2015 und natürlich in seinem Enpunkt-Blog. Die Punk-Romane von Klaus wurden im Hirnkost Verlag, ehemals Verlag der Jugendkulturen veröffentlicht, in dem auch seine aktuelle Kurzgeschichten-Sammlung Für immer Punk? erschien.

Christian

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#IZM2017 #Fanzine #Egozine #Punk #Hardcore #ScienceFiction

Zine of the Day: Imponderabilia (Polen)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Diverse Ausgaben des Imponderabilia Zines

Diverse Ausgaben des Imponderabilia Zines

Das erste Zine, das ich von Imponderabilia aka Wiktoria Natasza Konwent in die Hände bekam, hatte eine Archivkollegin mitgebracht. Kleines Format, ein Zine, das durch das Falten und Einschneiden eines A4-Blattes zu einem Heftchen wird. Es handelte von Alice B. Toklas und Gertrude Stein und war umwerfend komisch. Siehe auch: hier.

Die Künstlerin schreibt auf englisch, manchmal zweiprachig englisch/polnisch oder ausschließlich auf polnisch. Ihre Zeichnungen sind oft kunstvoll aus Wörtern gestaltet. Wortmalereien, die den Text gekonnt und originell illustrieren. Einige Zines haben politische Themen (wie über das Abtreibungsverbot in Polen) und erzählen von Frauen (z.B. über die polnische Künstlerin Zofia Stryjeńska oder die US-amerikanische Autorin Carson Mc Cullers). Ein paar dieser kreativen Werke gibt es auf dem Imponderabilia-Tumblr zum Selbstausdrucken und Basteln.

Anja

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#IZM2017 #zines #perzines #zineoftheday #feminism #poland #art

Zine of the Day: Freizeit 81 (BRD)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Freizeit 81 war nicht nur der Name eines 1981 erscheinenden Fanzines, sondern auch die Bezeichnung einer losen Aktionsgruppe linksradikaler Punks, Hausbesetzer*innen und Künstler*innen in München, die sich die Verschmelzung von Kunst, Kampf, Punk und Politik auf ihre Fahnen schreibt. Über die Grenzen der bayerischen Landeshauptstadt hinaus wird Freizeit 81 vor allem durch eine Vielzahl kreativer, sowohl gewaltloser als auch militanter Aktionen bekannt.

Die Gruppe wird im Frühjahr 1981 von einem Dutzend Punks aus München gegründet, die zuvor bereits an Hausbesetzungen, spontanen Demonstrationen gegen Wohnraumspekulation und Aktionen für selbstverwaltete Jugendzentren beteiligt waren. Sie orientieren sich u. a. an der militanten Jugendbewegung in Zürich, die durch den Dokumentarfilm Züri brännt auch in Deutschland bekannt wird.

Die Gruppe engagiert sich in unterschiedlichen Bereichen und mit verschiedenen Ausdrucks- und Aktionsformen: Filmvorführungen, Demonstrationen, illegale Partys, Konzerte, (Schein-)Hausbesetzungen, Flugblätter, Zeitungen, Sprühaktionen, Zukleben von Bankenschlössern, Entglasungen von Schaufenstern und Brandanschläge. Im Gegensatz zu anderen linksradikalen Gruppierungen aus dieser Zeit vertritt Freizeit 81 ein weniger ideologisches, aber dafür mehr emotional und kulturell geprägtes Verständnis von politischer Aktion. Ihre undogmatische Haltung spiegelt sich u. a. in ihrem Manifest wieder, das weit über die Kerngruppe hinaus Verbreitung und Anklang findet: „Freizeit ’81 ist gewaltlos oder militant, legal oder illegal, ängstlich oder stark, auf jeden Fall: GEFÜHL UND HÄRTE ! Freizeit ’81 ist Widerstand aus dem Bauch, eine unkontrollierte Reflexbewegung. Niemand kann mit jeder Aktion einverstanden sein, aber jeder sollte seine eigenen Sachen machen.“

Während der harte Kern aus etwa zehn Leuten besteht, zählen und bekennen sich im Laufe des Jahres 1981 bis zu 100 Leute zum weiteren Umfeld der Gruppe. Die Kerngruppe macht zunächst durch unzählige Graffiti wie „Freizeit 81“ und gesprühte Parolen auf sich aufmerksam. Im Laufe des Sommers eskalieren allerdings die Hausbesetzungen. Nach der Räumung eines Hauses entglasen Angehörige der Gruppe die Fensterscheiben von elf Banken und weiteren Gebäuden in München. Von August bis Oktober 1981 werden unter dem Namen Freizeit 81 mehrere Brandanschläge mit Molotowcocktails auf Banken, eine Schule, ein Büro der Polizeigewerkschaft und andere Gebäude verübt. Insgesamt werden der Gruppe und ihrem Umfeld 25 Straftaten mit einer Schadenssumme von 1 Million DM zur Last gelegt.

Auszug aus Freizeit 81 #2

Auszug aus Freizeit 81 #2

Beim Anschlag auf ein Büro der Lufthansa im Oktober 1981 wird erstmals ein Jugendlicher festgenommen. Zahlreiche Wohnungen werden durchsucht und schließlich fünf junge Männer und zwei Frauen, von denen einige minderjährig sind, unter dem Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung festgenommen und später zu mehrjährigen Freiheitsstrafen, zum Teil auf Bewährung, verurteilt.

Bekannte Mitglieder der Kerngruppe von Freizeit 81 waren die inzwischen verstorbene PKK-Kämpferin Andrea Wolf, der Maler Florian Süssmayr, der Filmproduzent Anatol Nitschke und der Betreiber des Münchner Werkstattkinos Wolfgang Bihlmeir. Dem Umfeld der Gruppe sind u. a. die heutige Medienkünstlerin Hito Steyerl und der Filmemacher Romuald Karmakar zuzurechnen.

Auszug aus Freizeit 81 #2

Auszug aus Freizeit 81 #2

Vom gleichnamigen Fanzine erschienen 1981 lediglich zwei Ausgaben und eine weitere während die Kerngruppe in Haft saß. Die beiden ersten Ausgaben befinden sich im Bestand des Archivs der Jugendkulturen. Die eine wurde im Frühling 1981 veröffentlicht, beinhaltet zahlreiche Texte aus der Ich-Perspektive und Collagen, die die alltägliche Frustration, die Wut gegen den Normalzustand und den Wunsch des Aufbegehrens und der Rebellion zum Ausdruck bringen. Auf der letzten Seite sind die Fotos von einigen Graffiti der Aktionsgruppe abgedruckt. Die andere Ausgabe erschien nach den Hausdurchsuchungen und Verhaftungen im Herbst 1981. Sie wirkt noch desillusionierter als die vorherige Nummer und setzt sich mit politischem Verrat, US-Imperialismus und dem Recht auf Revolte auseinander. Auf der letzten Seite ist das Plakat eines Benefizkonzerts für die verhafteten Mitglieder von Freizeit 81 abgedruckt. Beide Ausgaben markieren damit sowohl den Anfang als auch das Ende der kurzen Existenz von Freizeit 81.

Obwohl Freizeit 81 kaum ein Jahr existierte, wird über die Gruppe bis heute immer wieder berichtet. 2013 war sie Teil der Sonderausstellung Wem gehört die Stadt? im Münchner Stadtmuseum und erst vor kurzem, im Juni 2017, sendete der Deutschlandfunk Kultur ein Feature über die Gruppe, das hier angehört werden kann.

Darüber hinaus widmete nicht nur die Spider Murphy Gang der Gruppe einen eigenen Song, auch die aus dem Umfeld von Freizeit 81 stammenden Punk-Bands ZSD und Tollwut bezogen sich in Liedern wie Krawall im Jahre 1981, Notwehr 1981 oder Sommer 1981 auf die Aktionen der Gruppe.

Weitere Infos zu Freizeit 81 gibt es hier und hier.

Christian

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#IZM2017 #fanzine #zineoftheday #punk #Autonome #Hausbesetzungen #München

Zine of the Day: Holy Titclamps (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Holy Titclamps #13

Holy Titclamps #13

Holy Titclamps – einen besseren Namen für ein Queer Zine hat es meines Erachtens bis heute nicht gegeben! Der Herausgeber Larry-Bob gehört neben Outpunk, Homocore oder J.D.s zu den Pionieren queerer Punk/Hardcore-Zines. Bereits 1989 gab er die erste Nummer von Holy Titclamps in Minneapolis heraus. Bis 2009 folgten in unregelmäßigem Abstand 20 weitere Ausgaben. Daneben machte Larry-Bob auch das Queer Zine Explosion, ein Queer Zine Review Zine, das es auf 20 Ausgaben brachte, in denen jeweils aktuelle Queercore Zines aus aller Welt rezensiert und annonciert wurden. Larry-Bob gehört damit zu den ersten Aktivisten, die maßgeblich an der internationalen Vernetzung der Queer-Szene beteiligt waren.

Holy Titclamps und Queer Zine Explosion sind aus heutiger Perspektive weit mehr als bloße Zines, sondern eben auch Zeitdokumente, in denen sich die historische Entwicklung der Queercore-Kultur wiederspiegelt, die sich gegen den heteronormativen Punk und Hardcore einerseits, aber auch gegen den Mainstream der Schwulen- und Lesben-Community andererseits richtete.

Holy Titclamps #17

Holy Titclamps #17

Im Queer Zine-Bestand des Archivs der Jugendkulturen befinden sich zwei Ausgaben von Holy Titclamps: Nummer 13 von 1994 und Nummer 17 von 1999. Holy Titclamps #13 beinhaltet u. a. einen „Guide to Selling Out“, persönliche Anekdoten, einen kritischen Artikel zur schwulen Szene in San Francisco, einen „Guide to Unsafe Sex“, Comics, Leser*innen-Briefe (u. a. „Letters from Gay Prisoners“) und zahlreiche Zine-Rezensionen. Holy Titclamps #17 befasst sich neben persönlichen Erlebnissen u. a. mit der Musikerin Courtney Love, dem mexikanischen Schriftsteller Salvador Novo, dem Papst und der katholischen Kirche sowie dem schwulen Literaten Steve Abbott. Daneben gibt es in dieser Ausgabe weitere Comics, Gedichte, Leser*innen-Briefe, Zine-Kritiken und mehr.

Einen Überblick über alle Ausgaben von Holy Titclamps und Queer Zine Explosion gibt es auf Larry-Bobs Webpage. Weitere Informationen zu Larry-Bob sind hier zu finden.

Christian

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#IZM2017 #zine #zineoftheday #queer #punk #queercore

Zine of the Day: Cometbus (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Cometbus #57

Cometbus #57

Eigentlich erstaunlich, dass Cometbus nicht schon viel früher zum „Zine of the Day“ ernannt wurde. Dabei zählt es zu meinen persönlichen All-Time-Faves und gehört zu den wenigen Zines, von denen ich wirklich ALLE Ausgaben gelesen habe und tatsächlich auch JEDE ohne zu zögern vorbehaltlos weiterempfehlen kann. Und es gibt inzwischen eine Menge Ausgaben von Cometbus – nämlich insgesamt 57 an der Zahl! Dabei veröffentlicht Aaron Elliot sein Zine ziemlich unregelmäßig und teilweise im Abstand von 1-2 Jahren, aber eben kontinuierlich seit 1981. Cometbus ist damit eines der ältesten, noch existierenden Punk Zines und Aaron damit wohl auch einer der dienstältesten Zinesters weltweit.

Gerade den letzten Ausgaben von Cometbus merkt man diese jahrzehntelange Erfahrung des Zine-Schreibens von Aaron an. Keine*r schreibt so hinreißend, unterhaltsam, charmant und amüsant wie er. Man möge sich nur einmal seinen herzzerreißenden Text „Punk Rock Love Is…“ aus einer bereits Anfang der 1990er Jahre erschienenen Cometbus-Ausgabe durchlesen. Wen das nicht berührt, hat einfach kein Herz!

Kein Wunder, dass inzwischen schon einige Anthologien seiner Cometbus-Ausgaben und sogar Übersetzungen ins Französische und Deutsche erschienen sind! Ich empfehle jedoch, seine Zines im Original zu lesen. Zum Beispiel das zuletzt erschienene Cometbus #57, das ausschließlich aus Interviews mit mehr oder weniger bekannten Leuten aus dem Kontext der New Yorker Comic-Szene besteht. Aaron befragte nicht nur Zeichner*innen wie Julia Wertz, Gabrielle Bell, Gary Panter, Ben Katchor, Bill Kartalopoulos oder Drew Friedman über ihr Comic-Schaffen, sondern auch Leute wie Karen Green, die sich um die herausragende Comic-Sammlung an der Columbia University Library kümmert, Gabe Fowler, der den Comic-Buch-Laden Desert Island betreibt und das Comic Art Brooklyn-Festival organisiert oder Robin Enrico, der u. a. die Steve Ditko Zine Library ins Leben gerufen hat. Kein Interview ist dabei wie das andere, sondern jedes einzelne hebt jeweils unterschiedliche Aspekte der New Yorker Comic-Szene hervor. So entsteht ein faszinierender multiperspektivischer Blick auf die Geschichte und Gegenwart der Comic-Kultur New York Citys. Eine großartige Cometbus-Ausgabe, die man sich unbedingt besorgen sollte, bevor sie wieder ausverkauft ist – oder die man sich auch einfach im Archiv der Jugendkulturen zu Gemüte führen kann.

Über Cometbus und Aaron gäbe es noch viel mehr zu schreiben. Wer mehr wissen möchte, findet hier zusätzliche Informationen.

Christian

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#IZM2017 #zines #zineoftheday #punk #comics #perzine

Zine of the Day: Watch Out! #1 (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Watch Out! Video Fanzine #1

Watch Out! Video Fanzine #1

Dass Fanzines nicht immer nur Veröffentlichungen auf Papier sein müssen, zeigt das Watch Out! Video Fanzine, dessen erste und – meines Wissens – einzige Ausgabe 1993 erschien Es war damit nicht das erste Punk/Hardcore-Fanzine auf VHS-Kassette, aber im Gegensatz zu seinen Vorläufern wie dem US-amerikanischen Flipside (seit 1984) oder dem in Deutschland erschienen Tribal Area (seit 1987), hatte das Watch Out! inhaltlich weit mehr zu bieten als eine Zusammenstellung von Konzertmitschnitten, Musikvideos und Bandinterviews. Was dieses Video-Fanzine vor allem so charmant macht, sind die eingesprochenen Platten- und Fanzine-Kritiken, die Comic-Animationen von KIX, die Persiflagen von TV-Werbeclips und -Nachrichtensendungen, die Reportage über eine Zollhundeschule, der Schweiz-Reisebericht, die Interviews mit den Machern des Prawda-Fanzines und den Herausgebern des KIX-Comic-Zines, das Feature zur „Fanzine-Mafia“ oder das aus heutiger Sicht ziemlich schräge Musikvideo der Rap-Formation C.I.A. Neben diesen eher ungewöhnlichen Inhalten und Formaten dreht sich ansonsten alles um die Musik von HC-Bands wie Spermbirds, Wornout, Doom, NOFX, Yuppicide, Excrement of War, Mutant Gods oder Shelter. Wer sich selbst ein Bild von diesem besonderen Zeitdokument machen will, kann sich das Watch Out! #1 entweder auf VHS-Kassette im Archiv der Jugendkulturen zu Gemüte führen oder ganz komfortabel hier online ansehen.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2017 #fanzines #zineoftheday #videotape #punk #hardcore

Vernetzungstreffen „Queere Bildung“ am 22.Juni 2017 // Projekt Diversity Box

Vernetzungstreffen -„Queere Bildung“ – Geschlechterreflektierte Bildungsarbeit in Berliner Schulen-

am 22.Juni von 10.00 bis 18.00 im Aquarium (Skalitzer Str. 6, Nähe Südblock)

ab 18.00: Ausklang mit DJ- SET von SANNI  (https://www.facebook.com/sanniest)

Unser Projekt „Diversity Box“ lädt ein zum Vernetzungstreffen „Queere Bildung“. Schwerpunkte unserer Arbeit sind die Sensibilisierung und Aufklärung von homo- und transfeindlicher Diskriminierung sowie die Sichtbarkeit und Repräsentation von queeren Lebenswelten in Jugendkulturen und Gesellschaft. Das Vernetzungstreffen „Queere Bildung“ richtet sich an unsere Berliner Kooperationspartner*innen sowie an interessierte Lehrkräfte, Sozialpädagog*innen, Erzieher*innen und Aktivist*innen, die sich zu Queer, Jugendkulturen und Bildungsarbeit austauschen möchten. Gemeinsam mit allen Teilnehmer*innen möchten wir diesen Tag als Raum für offenen Austausch, Reflexion, Empowerment und Vernetzung gestalten. Dabei stehen die Herausforderungen und Rahmenbedingungen der Arbeit zu homo- und transfeindlicher Diskriminierung im Kontext Schule und Jugendarbeit sowie die Belange und Erfahrungen der Teilnehmer*innen im Vordergrund.

Wir bieten drei thematische AGs an:

AG 1 – Die haben wir hier gar nicht?!- Queere Sichtbarkeit im Kontext Schule

AG 2 – Queere Bildungsarbeit intersektional

AG 3 – Queer & Jugendkulturen: Ansätze für die praktische Bildungsarbeit

Eingeleitet wird das Treffen durch ein Grußwort vom Queer History Month und einen Vortrag zu „Bildungsarbeit verqueeren“ von Prof. Dr. Melanie Groß.

Melanie Groß ist an der FH Kiel für angewandte Wissenschaften Professorin für Erziehung und Bildung mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u. A. Jugend- und Protestkulturen, Intersektionalität und Ungleichheit, Poststrukturalistische Theorieansätze insb. Gender und Queer Studies.
Als Rahmenprogramm wird die Diversity Box- Ausstellung die Projektergebnisse aus unseren jugendkulturellen und medienbasierten Workshops für Jugendliche und Fortbildungen und Infoveranstaltungen für Multiplikator*innen aus Berlin präsentieren. Das Vernetzungstreffen „Queere Bildung“ veranstalten wir am Donnerstag, 22. Juni 2017 im Aquarium in Berlin- Kreuzberg und wir laden herzlich ein, diesen Tag gemeinsam mit uns zu gestalten.

Anmeldungen bitte bis zum 15. Juni 2017 unter: http://www.diversitybox@jugendkulturen mit Angabe der gewünschten AG (Erst- und Zweitwunsch).

Die Teilnahme ist kostenlos. Für Getränke und Essen wird gesorgt. Bei der Anmeldung bitte mitangeben, ob vegetarische/ vegane Kost gewünscht ist und ob Lebensmittelallergien bestehen.

Mehr Infos zu unserem Projekt unter: http://www.diversitybox.jugendkulturen.de

Diversity Box wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“ des BMFSFJ gefördert.

Zwischen den Beats

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Die 5. und in diesem Jahr letzte Veranstaltung unsere Reihe „Queer und Jugendkulturen“ nimmt diesmal die DJ-Welt genauer unter die Lupe. Es geht sowohl um queere und feministische Praxen als auch um die Analyse sexistischer Strukturen:“Zwischen den Beats – Queer und Sexismus im Techno und Hip Hop“. Wir wollen mit den eingeladenen DJs über männliche* Dominanzverhältnisse hinter den Turntables, über feministische Netzwerke und den eigenen DJ- Werdegang diskutieren.

Mit dabei sind:

Freshfluke https://www.facebook.com/dj.freshfluke
SANNI https://www.facebook.com/sanniest
Resom https://www.facebook.com/resom

Moderation: Tanja Ehmann

Wann und Wo:
Mittwoch, 14. Dezember 17:30 – 19:00
Crack Bellmer
Revaler Straße 99, 10245 Berlin
Eintritt ist frei

FB-Link: https://www.facebook.com/events/1158530017599567/?notif_t=plan_user_associated&notif_id=1480940756512915

Is Queer the new Punk!?

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Im Rahmen unserer Abendveranstaltungsreihe „Queer und Jugendkulturen“ freuen wir uns auf Runde 4 in diesem Jahr: am 23.11.2016 zum Thema „Queer Zines“.

Das Archiv der Jugendkulturen sammelt schon seit vielen Jahren Zines. Vor allem im Bereich Punk haben wir eine sehr große Sammlung. Seit einigen Jahren beobachten wir aber die Entwicklung, dass vor allem im Bereich der queeren Zines viel mehr veröffentlicht wird und diese auch bei den Zinefesten immer präsenter werden. Ganz zu schweigen von dem eigenen Mini Queer Zine Fest in Berlin, dass sich bereits seit einigen Jahren mit großer Beliebtheit denqueeren Zines, dem Austausch und Vernetzung widmet.

An diesem Abend möchten wir verschiedene Zine-Macher*innen einladen, ihre Zines und ihre Positionen vorzustellen. Darüber hinaus möchten wir gemeinsam ins Gespräch kommen: über das Machen von Zines, die Vernetzung in der queeren Zine-Macher*innen- Community und über aktuelle Themen und Entwicklungen der Repräsentationen in der Queer Community.

Mit dabei sind:

Dana von Ethical Sloth
„Dana ist eine Hälfte von Ethical Sloth, einem queeren DIY-Comic-Zine,das seit drei Jahren in etwa halbjährlich erscheint. Sie gibt das La Moustache Zine heraus, welches sich thematisch mit der(queer-feministischen) DIY-Musikszene beschäftigt, ein experimentelles Interviewmagazin namens 13 Questions und hat gerade ein Comic-Zine über die besten und schrecklichsten Erlebnisse aus zehn Jahren (queer-feministische) DIY-Konzerte veranstalten angefangen. Sie ist Mitbegründer_in des Queer Zine Fests Berlin und gibt manchmal Zine-Workshops.“

SchwarzRund
„SchwarzRund kam als Schwarze Deutsche Dominikaner*in mit drei Jahren nach Bremen, lebt seit fast zehn Jahren in Berlin. Seit 2013 publiziert sie auf ihrem Blog schwarzrund.de und in diversen Magazinen. Mehrdimensionale Lebensrealitäten inner- und außerhalb von Communitys verhandelt sie in Performance-Texten, Vorträgen und Veranstaltungsreihen.“

aktuelles Projekt:
„Biskaya“ ist ein afropolitaner Roman über das Leben von Schwarzen Menschen in Berlin. Die dreißigjährige Tue ist mit drei Elternteilen aufgewachsen und verdient heutzutage ihr Geld vor allem als Sängerin einer deutschsprachigen Indie-Band. Doch mit den anderen Bandmitgliedern hakt es und auch ihre WG wird Tue immer fremder, Ruhe findet sie allein bei ihrem besten Freund Matthew. Er ist die Familie, die es in ihrem Leben seit Jahren nicht mehr gegeben hat.

Anni und Simo von queer trash distro
„queer trash distro bietet zines von queers und trans leuten an zu den themen neurodivergenz, ableismus, körper, trans-sein, sucht …
wir die das distro betreiben sind anni und simo, zwei weisse trans menschen mit verschiedenen ableismus_saneismus-erfahrungen.
anni beschreibt sich selbst als ‚crazy plant lover, pug hugger and whiny femme‘, simo ist ein ‚a_gender suchti cripple punk‘.“

Wann & wo:
23.11 ab 18 h
Aquarium (am Südblock)
Skalitzer Straße 6
10999 Berlin
Eintritt ist frei

https://www.facebook.com/events/325558904496156/

#queer #zines #berlin #diversitybox

Zine of the Day: Shag Stamp (Großbritannien & Dänemark)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Was mich vor allem an Perzines bis heute immer wieder fasziniert, sind die verschiedenen, Lebensentwürfe, Alltagsefahrungen und Erlebnisse, die ich oftmals nicht kannte und durch die ich immer wieder meine eigene Lebensrealität relativieren und anders betrachten konnte. Zines wie Ring of Fire, Deafulla, Alien oder Wer A sagt, muss nicht B sagen boten mir nicht nur Einblicke in das mir meist fremde Leben ihrer Herausgeber_innen, sondern ermöglichten mir auch, meinen eigenen Alltag und meine eigene Lebenssituation aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Solche Zines erweiterten im besten Fall tatsächlich mein Bewusstsein.

Das von Jane Graham herausgegebene Shag Stamp gehört auch zu diesen Zines, die mir immer wieder neue Denkanstöße geben konnten. Shag Stamp ist eine enorm vieldeutige Wortkombination. Der Begriff kann einen Knutschfleck oder „love bite“ bezeichnen, aber „shagging“ kann auch Vögeln oder Ficken meinen.

Jane hat sich diesen Titel für ihr Zine ganz bewusst ausgesucht. Wie auch die Herausgeber_innen anderer Perzines, so schreibt Jane in Shag Stamp vor allem über ihren Alltag, ihre Erfahrungen, ihre Erlebnisse, ihre Ansichten und Gedanken. Sie erzählt von ihren Reisen per Anhalter quer durch Europa und die USA, berichtet von Punk- und Hardcore-Konzerten, die sie besucht hat, von Erlebnissen mit Freunden und Liebhabern, macht sich Gedanken über Politik, Feminismus, Erotik und Pornografie und schreibt eben auch sehr viel über ihren Job als Stripperin an den unterschiedlichsten Orten der Welt und ihre Leidenschaft für Kunstperformances.

Shag Stamp #8 (2000) mit Stencil-Cover

Shag Stamp #8 (2000) mit goldenem Stencil-Cover

Was ich an ihren Zines vor allem immer gut fand, war diese enorme Bandbreite an differenzierten Ansichten und komplexen Erfahrungen, die sie dabei entfalten konnte. Shag Stamp ist eines dieser Zines, bei denen man sofort den Drang verspürt, mit dem oder der Herausgeber_in ganze Abende durchquatschen zu wollen. Schade, dass ich sie leider nie persönlich kennengelernt habe. Mittlerweile hat sich Shane aus der Zine Community herausgezogen. Shag Stamp #8 erschien im Januar  2000 in Kopenhagen (und nicht wie die vorherigen Nummern in Sheffield oder Bradford!) und ist leider die letzte Ausgabe dieses wirklich interessanten und empfehlenswerten Perzines

 

Christian

 

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2016 #Zineoftheday #Zine #Perzine #Stripper #Feminismus #Hardcore

Heft #12 (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Sehr individuell gestaltetes Cover von Heft #12

Sehr individuell gestaltetes Cover von Heft #12

Das Heft war ein äußerst sympathisches Fanzine, das in der ersten Hälfte der 1990er Jahre an gleich zwei Orten im hohen Norden erschien: Quickborn und Hamburg. Ich habe keinen blassen Schimmer, wieviel Ausgaben davon letztlich das Licht der Welt erblickten und wann das Heft wieder eingestellt wurde. Einige Jahre wurde dieses Fanzine-Projekt aber jedenfalls recht ambitioniert betrieben – zumindest haben die Macher es auf die Reihe bekommen, alle drei Monate eine neue Nummer unters Volk zu werfen.

Inhaltlich bestach das Heft durch die für viele damalige Fanzines dieser Bauart eher typische Mischung aus einem Haufen Musik, ein ganz, ganz wenig Politik, einer Menge Schwachsinn, dem obligatorischen Comic, einer grotesken Kurzgeschichte und einem sehr amüsanten Bericht über die Olympia-Bewerbung von Quickborn. Dieser inhaltlich bunte Strauß wurde schließlich durch ein dezent rotziges Cut’n’Paste-Layout irgendwie auf 48 DIN A4-Seiten zusammengehalten. Der musikalische Geschmack der Redaktion wurde von Gitarren dominiert: Es gab einige wenige Band-Interviews (Grotus, Big Chief, Fetish69, 2Bad und Popkiller), aber dafür eine Unmenge Besprechungen von Platten diverser Punk-, Crustcore-, HC-, Alternative Rock-, Indie Rock-, Grunge- und Noise Rock-Bands. Eine stattliche Anzahl an Fanzine-Kritiken gab es ebenso, wie eine ganze Latte an Insider-Witzen, die wohl keiner außer den beiden Herausgebern verstehen konnte und als anti-journalistisches Bonbon ein passagenweise sehr amüsantes Interview mit Alfred Hilsberg (What’s So Funny About-Label, Buback Records, etc.).

Ganz ähnlich hätte das damals auch in anderen Fanzines wie dem Klausner, Gags & Gore, Toys Move, Out of Step, Flex Digest, Blurr oder Revolution Inside erscheinen können – womit ich dem Heft aber keinesfalls posthum die Existenzberechtigung absprechen möchte. Vielmehr will ich damit sagen, dass es Anfang der 1990er Jahre einfach viel mehr sympathische und interessante Musik-Fanzines gegeben hat.

Das Heft #12 trägt übrigens die Selbstbezeichnung „Limitierte Kunstkacker-Ausgabe“, weil jedes Exemplar dieser Nummer mit einem extrem schlecht gemalten, aber dafür einzigartigen Wasserfarben-Bild auf dem Cover daher kommt. Das Archiv der Jugendkulturen hat allein sechs unterschiedliche Exemplare dieser Heft-Ausgabe. Ich mag mir gar nicht „ausmalen“, wie lange die gebraucht haben, um alle Umschläge zu bepinseln.

Christian

 

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#IZM2016 #Zines #Zineoftheday #Fanzine #Punk #Hardcore

Zine of the Day: Masculinities (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Umschlag von Masculinities

Umschlag von Masculinities

Masculinities ist ein Interview-Zine. Zine-Schreiberin Cindy befragt sieben Männer zum Thema Männlichkeit, über ihr Aufwachsen als junge Männer und ihr Hineinwachsen in queere, schwule, feministische Männlichkeiten. Die Interviews lesen sich wie persönliche Gespräche zwischen Freund_innen, denen wir erfreulicherweise zuhören können und zugleich als sehr pointierte queertheoretische Diskussion unter Männlichkeitsexpert_innen. Das Zine entwirft auf gut 25 Seiten ein Kaleidoskop unterschiedlicher Männlichkeiten, vom Aufwachsen in eine Kinderreichen matriarchal organisierten Familie auf einer Farm bis zur städtischen Gay-Punk-Community. Insofern könnte es auch als Lehrbuch der Maskulinismusforschung dienen. Es liest sich nur weitaus schöner als ein Lehrbuch.

Masculinities ist zu bestellen über Doris Press, den Vertrieb der Autorin Cindy Crabb, die übrigens auch das sehr empfehlenswerte Zine Doris herausbringt.

Almut

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#IZM2016 #Zines #Zineoftheday #Gender #Männlichkeit #Perzine

Zine of the Day: Sideburns #8 (Österreich)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Sideburns #8_1

Sideburns #8 mit Filmdose als „Umschlag“

Manche Zines sind mehr als bloße Medien. Ihre Gestaltung macht sie zu regelrechten Kleinoden. Das Sideburns #8 von Andi Dvorak aus Wien ist für mich ein solches Schmuckstück. Dieses „Heft“ erschien irgendwann Mitte der 2000er Jahre und ist streng genommen gar kein Heft, sondern sprengt das typische Zeitschriften-Format, das die allermeisten Fanzines adaptieren. Im Gegensatz dazu erschien Sideburns #8 als Papierrolle in der Größe einer Filmrolle, die zusammen mit einem jeweils unterschiedlichen Gimmick (z. B. der Kugel einer hölzernen Perlen-Kette oder dem Säbel einer Lego–Piratenfigur) in einer entsprechenden Plastik-Filmdose mit Deckel. Die etwas mehr als eineinhalb Meter lange Papierrolle besteht aus acht beidseitig kopierten und mit Tesafilm aneinander gefügten Papierstreifen. Auf der Filmdose befinden sich zwei schmale Klebestreifen, einer mit dem Titel und der Nummer des Zines und ein anderer mit dem Zusatz: „The past can’t be undone“. Ich frage mich, wie lange Andi wohl gebraucht hat, um ein Exemplar von Sideburns #8 fertigzustellen, wie hoch wohl die Auflage dieser Ausgabe war und wie viel Arbeit es gemacht hat, die Filmdosen zu organisieren und sie zu bekleben, die Gimmicks in der passenden Größe zusammen zu tragen, die Kopiervorlagen für die Papierrolle herzustellen, sie beidseitig auf ein DIN A4-Blatt zu kopieren, sie zurechtzuschneiden, zu sortieren, in der richtigen Reihenfolge aneinanderzukleben und aufzurollen und das fertige Zine dann schließlich in diesem ungewöhnlichen Format zu verschicken. Sofort wird klar: Hier steckt enorm viel Herzblut und Leidenschaft drin! Das hier unterscheidet sich von den Kiosk-Magazinen und selbst den allermeisten Fanzines. Das hier ist augenscheinlich etwas sehr Persönliches.

Sideburns #8_2

Sideburns #8 – gerollt und nicht geheftet!

Inhaltlich geht es in Sideburns #8 auch tatsächlich um etwas sehr Persönliches: um zwischenmenschliche Beziehungen, um Liebe, Freundschaft und Vertrauen, aber auch um Enttäuschung, Herzschmerz und Trennung. Andi verarbeitet seine kürzlich gemachten Erfahrungen mit all dem in knappen handschriftlichen Notizen und kurzen Comic-Strip-artigen Zeichnungen. Seine in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder und Texte sind wie blitzlichtartige Moment-Aufnahmen aus dem Leben eines Unbekannten. Auch wenn sie sich auf konkrete Erlebnisse beziehen, deuten sie vieles bloß an, bleiben unscharf, uneindeutig und unvollständig. Gerade dadurch provozieren sie, die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse mit den Höhen und Tiefen zwischenmenschlicher Beziehungen mit denen von Andi abzugleichen. Im Sideburns #8 zu lesen ist, als würde man durch das Fotoalbum eines unbekannten Menschen blättern und sich auf manchen Bildern selbst zu erkennen.

Insofern ist die Aufmachung dieses Zines mit seiner Analogie zu einer Filmrolle nicht bloß Spielerei. Der Inhalt findet hier auch seine Entsprechung in der Form und das Medium selbst wird Mittel des Ausdrucks. Im Gegensatz zu vielen Art Zines, denen das ebenfalls gelingt, fehlt Sideburns #8 allerdings jegliche Zurschaustellung eines arty farty-Unterbaus. Stattdessen kommt es völlig unspektakulär im Gestus von D.I.Y. daher und wirkt gerade deshalb extrem sympathisch. All das macht das Sideburns #8 für mich zu einem tatsächlichen Kleinod in unserer Zine-Sammlung.

Andi ist heute immer noch in Sachen D.I.Y. aktiv. Mit seinem Label Fettkakao veröffentlicht er neben Platten auch weiterhin eigene Fanzines.

Christian

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#IZM2016 #Zines #Zineoftheday #Perzine #Beziehungen #Artefakt

Zine of the Day: ALEX #9 – Privacy and Persona (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Vorderseite von Alex #9 - Privacy And Persona

Vorderseite von Alex #9 – Privacy And Persona

Alex #9 ist ein unglaublich persönliches Zine. Über Privatsphäre. Wie geht das zusammen: Verborgen bleiben wollen und fast intime Zines schreiben? Autor_in Alex/Anne tastet sich an eine Antwort heran, ob die Öffentlichkeit, in die ein Mensch mit seinem Zine tritt, mit dem Wunsch nach Privatsphäre vereinbar ist. Es liest sich wie lautes Denken, nimmt Familie, Freund_innen, Kolleg_innen, soziale Netzwerke mit in den Blick. Ebenso sezierend-beobachtend werden Alltagserlebnisse und Gedanken seines/ihres queeren Lebens durchbuchstabiert in dem Versuch, sich der eigenen Identität verbal zu nähern. Unbedingt lesenswert!

Anja

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#IZM2016 #Zines #Zineoftheday #Gender #Privacy #Perzine

Zine of the Day: Die Kunst ist, über’s Kind zu rotzen (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Cover von "Die Kunst ist, über's Kind zu rotzen"

Cover von „Die Kunst ist, über’s Kind zu rotzen“

„Die Kunst ist, über’s Kind zu rotzen. Lach- und Sachgeschichten über Schwangerschaft, Geburt und andere Körperfunktionen“ – Nein, dieses Zine ist kein Biologie-Ratgeber! Es enthält auch keine Schwangerschaftstipps und auch alle, die sich einen Erklärbär-Einspieler im „Sendung mit der Maus“-Stil erhofft haben, muss ich leider enttäuschen.

Clara mit Zine als Tarnung vor gewalthaltigen Büchern

Clara mit Zine als Tarnung vor gewalthaltigen Büchern

Stattdessen ist dieses Zine eine malerische, hemmungslos direkte Erzählung einer Schwangerschaft, die oft unverhofft, aber doch oft öfter als erhofft in das Leben vieler Menschen mit Gebärmutter tritt. Und wie der Titel schon sagt: Es geht – wie in so vielen Geschichten um Schwangerschaft – ums Kotzen, Rotzen und das, was das da mit dem Körper macht. Ich habe dieses Zine als eins der ersten in meinem Leben in meiner Hand gehabt und konnte es erstmal nicht loslassen. Vielleicht nicht nur, aber auch, weil die Komposition aus Worten und kleinen Zeichnungen am Rande, einfach authentisch rüberkommt.

Clara

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#IZM2016 #Zines #Zineoftheday #Schwangerschaft #Punk #Perzine