#archivbleibt: Nutzer*innen über unser Archiv

Im Rahmen unserer GoFundMe-Kampagne „Mehr als nur die halbe Miete?- Hilf dem Archiv der Jugendkulturen in Kreuzberg zu bleiben“ haben viele tolle Menschen uns mitgeteilt, was sie an unserem Archiv schätzen. Das sagen Nutzer*innen über unser Archiv. Vielen Dank an Tom Smith für dieses tolle Statement. Sowas freut uns natürlich sehr!

Dr. Tom Smith is Lecturer in German at the University of St. Andrews and an AHRC/BBC New Generation Thinker.

„Das Archiv der Jugendkulturen hat nicht nur eine der besten Sammlungen an Materialien zur deutschen und internationalen Techno-Szene, sondern es ist auch mit das freundlichste und nachkommendste Archiv, in dem ich gearbeitet habe. In meiner Forschung beschäftige ich mich mit marginalisierten Stimmen der frühen Techno-Szene, und ich war vier Wochen im Archiv. Ich habe mich stets wohl gefühlt, und mein Projekt wäre ohne die Zusammenarbeit und Gespräche der Kolleg_innen unmöglich gewesen. Vor allem die Vielseitigkeit der Bestände ermöglichte es mir, ein Bild der Techno-Szene als kulturell diverses und international vernetztes Umfeld zu konstruieren.

Das Weiterbestehen des Archivs ist jetzt leider gar nicht mehr sicher. Das heißt, dass wir, die wir uns für Jugend- und Subkulturen interessieren, uns engagieren müssen. Wenn jede_r, der/die die Bestände verwendet, oder der/die dem Archiv über Facebook oder Twitter folgt, kurz die Zeit nehmen könnte, die Kampagne zu teilen und eine Spende zu geben, wäre die Zukunft des Archivs sichergestellt. Also los!

Hier gehts zur Kampagne: https://www.gofundme.com/f/jugendkulturen

Unser Kampagnenvideo:

https://www.youtube.com/watch?v=4xTp_zqYneA&feature=emb_logo

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„The Archive of Youth Cultures isn’t just one of the best collections on techno, it’s also one of the friendliest and most accommodating archives I’ve used. As part of my work on marginalised voices in the techno scene, I spent four weeks in the archive. I felt very much at home, and my project would have been impossible without the conversations and assistance of colleagues in the archive. The archive’s wide-ranging collections were especially important for my attempts to construct a more diverse and international image of the techno scene.

But the archive’s future is uncertain. Those of us with an interest in youth culture and subcultures have a duty to act. If everyone who’s used the archive, or who follows it on Facebook or Twitter, took a moment to share and donate to the campaign, we could secure the future of this fantastic resource. So what are you waiting for?!

The campaign link: https://www.gofundme.com/f/jugendkulturen

Our campaign video: https://www.youtube.com/watch?v=4xTp_zqYneA&feature=emb_logo

Dr. Tom Smith is Lecturer in German at the University of St. Andrews and an AHRC/BBC New Generation Thinker.

Getting ready for Queer History Month 2020

Seit 2019 ist das Archiv Träger des Queer History Months in Berlin. Der Monat wird bei uns von unserer Kollegin Giuseppina koordiniert. Sie ist seit vielen Jahren unsere Ansprechperson im Archiv für queerfeministische Themen.

Queer History Month in Berlin

Jedes Jahr im Mai gibt es im Rahmen des Queer History Month in Berlin viele kostenlose Workshops, Fortbildungen und kulturelle Veranstaltungen für Jugendliche und Erwachsene zu queerer Geschichte und Gegenwart. In dem Netzwerk des Queer History Month sind queere Museen, wie das Schwule Museum, queere Archive, wie der Spinnboden Lesbenarchiv, LSBTIQ*-Bildungsprojekte wie Queerformat, ABqueer und Diversity Box sowie queere Aktivist*innen vertreten. Gefördert wird der Queer History Month von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie.

Was findet 2020 in Berlin statt?

Derzeit befindet sich Giuseppina mit vielen Kooperationspartner*innen in der finalen Abstimmungsphase der Veranstaltungen. Nur soviel an dieser Stelle, es gibt Vernetzungsangebote für queere Lehrkräfte, Empowerment-Workshops zu Sprache und Stimme, Performances, Ausstellungen und noch vieles mehr.

Bestätigt ist u.a. bereits diese Veranstaltung, organisiert vom Lernort Keibelstraße. Die Filmvorführung „Warum wir so gefährlich waren
– eine Lesbengruppe in der DDR“ plus Zeitzeuginnengespräch am 12.Mai ab 16.30. Anmeldungen sind aufgrund begrenzter Raumkapazitäten (ca. 30 Personen) erwünscht unter: anmeldung@keibelstrasse.de

Im Dokumentarfilm erzählen vier Frauen von den zahlreichen Versuchen der Ostberliner Gruppe „Lesben in der Kirche“ (LiK), von 1984-1986 an den Gedenkveranstaltungen im ehemaligen Frauenkonzentrationslager in Ravensbrück teilzunehmen. Die Lesbengruppe widmete sich u.a. in den 1980er Jahren dem Anliegen, das Schicksal von im Nationalsozialismus verfolgten lesbischen Frauen sichtbar zu machen und ihnen öffentlich zu gedenken. Der DDR-Staat reagierte mit Repression. Die Protagonistinnen berichten von den Ereignissen rund um die Gedenkveranstaltungen, insbesondere 1985, und kommen auf die damaligen Ziele und politischen Motivationen der 11-köpfigen Gruppe zu sprechen. Dabei sprechen sie auch darüber, wie es war, in der DDR als Lesbe aufzuwachsen und wie sie gegen Diskriminierung und Unsichtbarmachung vorgingen.
Im Anschluss wird es ein Zeitzeuginnengespräch mit Bettina Dziggel geben, Mitgründerin des Homosexuellen Arbeitskreises Berlin/Lesben in der Kirche. Heute arbeitet und lebt sie in Berlin.

Eine Veranstaltung für Jugendliche, Lehrkräfte und Interessierte im Lernort Keibelstraße im Rahmen des Queer History Months.

Barrierefreiheit: Der Veranstaltungsort ist gut mit dem Rollstuhl bzw. für Menschen mit Bewegungseinschränkungen erreichbar, allerdings gibt es kein Blindensystem und da es sich um einen Film ohne Untertitel handelt, ist die Veranstaltung auch nicht für Gehörlose geeignet.

Ihr wollt euch beteiligen?

Egal, ob mit eigener Veranstaltungsidee oder als Schüler*innengruppe, die gerne zu queeren Themen arbeiten möchte, meldet euch gerne bei Giuseppina info@queerhistory.de

Mehr Infos auch hier:

https://www.facebook.com/queerhistorymonth/

https://www.instagram.com/queer_history_month/

Das war unser 2019

Zineklatsch bei der DruckDruckDruck-Ausstellung in der Galerie am Körnerpark

Generell konnten Archiv und Bibliotheksbereich im Rahmen des Projektes „Pop- und Subkulturarchiv International“ 2019 weitere Schritte auf dem Weg zur Professionalisierung gehen. Wir haben endlich unsere Science-Fiction-Sammlung in einer mehrwöchigen Aktion aus Umzugskartons in archivgerechte Boxen umgepackt und sortiert. Dabei haben wir festgestellt, dass sie weitaus umfassender ist, als wir dachten. Von April bis August haben wir in der DruckDruckDruck-Ausstellung in der Galerie im Körnerpark einen Teil der Ausstellung mitkuratiert und mit Materialien ausgestattet, außerdem waren Exponate von uns unter anderem in der Nineties Berlin und der c/o Berlin zu sehen. Ein weiterer Schwerpunkt im letzten Jahr war die Vernetzung des Archiv- und Bibliotheksbereichs, so etwa beim Workshop der Archive von Unten, den wir in diesem Jahr ausgerichtet haben, beim Besuch der Konferenz „Building the Scenes“ in Prag oder beim Treffen der queeren Archive, Bibliotheken und Sammlungen in Wien (QueerSearch).

rbeiten am Bestand: Unsere spannende und umfangreiche Plakatsammlung

Im Rahmen des Digitalisierungsprojektes „Y-KLRMPFNST verständlich gemacht!“ wurde die vierte Ausgabe des West-Berliner Punk-Fanzines Y-KLRMPFNST von 1980 in Form einer Digitalen Edition umfassend online verfügbar gemacht. Diese enthält erläuternde Informationen und Kontextdokumente zu den Fanzine-Inhalten, Links zu Online-Ressourcen und Verweise auf vertiefende Literatur und Quellen. Die Digitale Edition integriert das Faksimile des Originals, die Transkription sowie die XML-basierte Auszeichnung des Textes und ermöglicht die Volltextrecherche im Fanzine. Darüber hinaus wurden szenerelevante Personen, Gruppen, Orte und Ereignisse markiert, erläutert und in ein Glossar aufgenommen.

Das Panel mit Diversity Box-Referent*innen auf der Abschlussveranstaltung im Refugio Berlin

In letzten Projektjahr konnte unser Projekt „Diversity Box“ nochmal viele Workshops und Projekttage mit Jugendlichen realisieren, wie im Dezember 2019 an der Leonardo da Vinci Schule in Berlin. Dort fanden 7 Workshops zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im Kontext von Comic, Fanzine, Video, Fotografie, Rap/ DJing, Kreatives Schreiben, Graffiti/Streetart  statt. Darüber hinaus gab es die Abschlussveranstaltung „Und ihr habt sie doch!“, bei der 5 Jahre queere Bildungsarbeit in Stadt und Land rekapituliert sowie die Herausforderungen und Barrieren in der nachhaltigen Arbeit zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt diskutiert wurden. Wir danken allen am Projekt beteiligten Menschen, Schulen und Jugendeinrichtungen, die diese 5 Projektjahre zu etwas ganz Besonderem für unsere Projektverantwortlichen Giuseppina, Saskia und Vicky gemacht haben. Wir freuen uns nun auf neue Projekte und Aufgaben, wie z.B. den Queer History Month in Berlin (http://www.queerhistory.de)

Das Culture on the Road-Team bei Projekttagen in Hoya/Niedersachsen

Außerdem waren wir auch im Jahr 2019 wieder in 15 Bundesländern mit unseren Bildungsangeboten zu Jugendkulturen und Diskriminierungen unterwegs und haben mehr als 150 Veranstaltungen mit mehr als 2000 Jugendlichen und Erwachsenen realisiert. Unsere Ausstellung „Der z/weite Blick“ war an rund 20 Orten, untern anderem auf dem Deutschen Präventionstag in Berlin und auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund, zu sehen. Rund 30 Szeneninitiativen haben sich im Sommer über bedrohte Freiräume ausgetauscht und vernetzt. Im Dezember haben wir auf unserer fünften Résumétagung in Fachvorträgen und einem Panel mit Szenengänger*innen über die Bedeutung von Jugendkulturen für die politische und kulturelle Bildung debattiert. Ergebnissen aus fünf Jahren Strukturentwicklungsförderung im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ sind in unserer Broschüre „Jugendkulturen und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit – Strukturen festigen, Wirkung entfalten“ dokumentiert. Die Broschüre und weitere Ergebnisse aus dieser Förderung sind im Archiv erhältlich oder können auch kostenlos unter  https://www.jugendkulturen.de/publikationen.html heruntergeladen werden. 

Unser Umzug steht bevor in 2020

2020 wird ein Jahr voller Herausforderungen für uns. Denn wegen dem bevorstehenden Umzug und dem Wegfall von Fördermitteln fehlen uns 45.000€ um unsere Miete zu bezahlen. Supportet uns gerne, entweder hier: https://www.gofundme.com/f/jugendkulturen, hier: https://www.betterplace.org/de/projects/4563-unterstutze-das-archiv-der-jugendkulturen, via PayPal: archiv@jugendkulturen.de oder Kontoverbindung: Archiv der Jugendkulturen, GLS Bank, IBAN: DE46 4306 0967 1124 0712 01

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Kurz vorm Jahresende und keine Ahnung, wohin mit deiner Spende???



Du siehst die Bibliothek vor lauter Büchern nicht? Spende für den Erhalt von sub-und popkulturellen Erzeugnissen und hilf uns zudem in Kreuzberg zu bleiben.
Spenden kannst du entweder über Paypal: archiv@jugendkulturen.de, per Kontoverbindung an: Archiv der Jugendkulturen, IBAN: De46430609671124071201 oder über unsere GoFundMe-Kampagne https://www.gofundme.com/f/jugendkulturen

Mehr als nur die halbe Miete

Hilf dem Archiv der Jugendkulturen in Kreuzberg zu bleiben!

Das Archiv der Jugendkulturen ist das Gedächtnis der Szenen, von Science-Fiction über Gothic und Graffiti bis hin zu Punk, Riot Grrrl und Techno. Staatliche Einrichtungen sammeln diese widerständigen Geschichten kaum, deshalb ist ein selbstorganisiertes Archiv wie unseres einmalig. Wir sind eine wichtige Anlaufstelle für Menschen aus Jugend-und Subkulturen, Aktivismus, Wissenschaft, politischer Bildung und Geschichtsvermittlung. Doch unsere finanzielle Situation ist schwierig. Wir sind zum Großteil von Fördergeldern abhängig und arbeiten immer wieder auch unter prekären Bedingungen – personell wie finanziell.

Im kommenden Jahr stehen wir vor einer großen Herausforderung: Wir müssen umziehen. Denn der Hof, auf dem wir seit über zwanzig Jahren zu Hause sind, wurde verkauft. Wir können zwar auf dem Gelände bleiben und sogar in größere Räumlichkeiten ziehen, aber unsere Mietkosten werden steigen. Gleichzeitig stehen uns nächstes Jahr weniger Fördergelder zur Verfügung. Uns fehlen insgesamt 45.000 Euro, um unsere Miete in 2020 zu bezahlen. Das ist eine Riesensumme. Deshalb brauchen wir jetzt deine Hilfe.

Spende jetzt für das Archiv der Jugendkulturen und hilf, unsere Räume in Kreuzberg für die Zukunft zu sichern!

Nirgendwo in Europa werden diese Schätze in öffentlichen Einrichtungen gesammelt: Ob Nachlässe von Punks, Dokumente aus der Hausbesetzer*innenszene, Plakate von Goth-Konzerten, Fotos von Raver*innen auf der Loveparade, Kunst aus der Graffiti-Szene oder queerfeministische Zines. Es braucht ein selbstorganisiertes Archiv, das diese subkulturellen Schätze sammelt, ihre Geschichten erzählt und für künftige Generationen bewahrt. Wenn wir es nicht machen, geht dieses Wissen verloren.

Wir brauchen deshalb jetzt deine Hilfe, um unsere Arbeit weitermachen zu können. Spende jetzt für das Gedächtnis der Szenen!

Wildes Düsseldorf

ar/gee gleim / Xao Seffcheque & Edmund Labonté (Hrsg.)
Geschichte wird gemacht. Deutscher Underground in den Achtzigern
Heyne Hardcore 2019
244 Seiten, inklusive CD mit 7 Songs
30€

Prolog:
Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran!
Spacelabs fallen auf Inseln, vergessen macht sich breit, es geht voran!
Berge explodieren, Schuld hat der Präsident, es geht voran!
Graue B-Film-Helden regieren bald die Welt, es geht voran! 
(Fehlfarben – Ein Jahr, es geht voran)

Acover.jpgr/gee gleim wurde 1941 in Düsseldorf unter dem Namen Richard Gleim geboren, bekannt wurde der gelernte Gärtner vor allem für seine Fotografien, die ab Ende der 1970er Jahre im Umfeld der aufkeimenden deutschen Punk- und New-Wave-Szene entstanden.

„Ich habe mal eine Ausstellung namens ‚Wildes Düsseldorf’ gemacht, in der ich Bilder von ausschließlich wild vorkommenden Pflanzen in der Stadt gezeigt habe. Doch das Publikum hat nur Blümchen gesehen und dem Aussteller war das nicht politisch genug. Immer wieder dasselbe. (…) Als Gärtner steht man außerhalb dieses Schlachtfeldes und versucht, ein Verständnis für die Vielfalt und Größe des Daseins zu vermitteln. (…). Also bin ich nach wie vor Gärtner und das vor dem Fotografen.“

Die Herausgeber von Geschichte wird gemacht, Xao Seffcheque und Edmund Labonte,  waren selbst in den 1980er Jahren im und um den Düsseldorfer Ratinger Hof – dem Zentrum der Punk- und New-Wave-Szene der Modestadt – aktiv. Ein Besuch beim größten Bücherversand der Welt gibt uns erste Orientierung, um was es hier gehen könnte:

18. März 2019 2,0 von 5 Sternen Hier sehen die frühen 80er langweiliger aus, als sie waren!

8. März 2019 1,0 von 5 Sternen Gefällt mir nicht  Das Cover finde ich nicht ansprechend. Hätte mir mehr Farben gewünscht.

244 Seiten ermöglichen dem Rezensenten 122 mal umzublättern. Dabei begegnen ihm 200 imposante und teilweise zuvor unveröffentlichte Schwarzweiß-Fotos aus dem Ouevre von ar/gee. Er selbst unterstützt die Bilder mit kleinen Anekdoten. Er erinnert sich in kurzen, fotografisch anmutenden Blitzlichtern an seine nicht-heimlichen Aufnahmen der vermeintlichen Residents am Bahnhof in Frankfurt, an Aufnahmen von Nico, Julie Jigsaw und Johnny Thunders. Ar/gee war dabei nicht nur in seiner Heimatstadt Düsseldorf unterwegs, auch in Wuppertal, Hamburg und Berlin fungierte er als Kronzeuge des nahenden Untergangs – die Achtziger, No Future, der Rest ist Geschichte. Bilder von frühen Auftritten der Ärzte und der Toten Hosen wechseln mit wirklich eindrücklichen Bildern vom Auftritt der amerikanischen Skandal-Band The Plasmatics im Metropol Berlin 1982. Geschichte wird gemacht und schon geht es weiter mit Aufnahmen von Östro 430, Abwärts, S.Y.P.H. oder den Einstürzende Neubauten. Dazwischen zeigen Bilder vom gelangweilten oder erstaunten Publikum im Ratinger Hof oder beim Hagener New Wave Festival 1980, dass die Szene nicht nur aus den neuen Stars auf der Bühne bestand.

Zwischen den Fotographien Spalten voller Buchstaben: 15 Essays von Musiker*innen, Journalist*innen und Autor*innen erzählen ganz eigene Geschichten von einem jeweils ganz eigenen Universum. Zeitzeugen wie Peter Hein (Fehlfarben / Family*5) und Hans Nieswandt wechseln sich ab mit später geborenen wie Miriam Spies, Katja Kullmann und Hendrik Otremba (Messer). Der Blick wechselt mit jedem Essay, aber die Message bleibt gleich. Es ist immer eine Zeitreise ins eigene Ich, die die Autoren unternehmen. Eine sehr persönliche Reise zum Erweckungsmoment, dem Jahr der Kontaktaufnahme oder dem Culture-Clash mit der „normalen“ Welt.

„In Friedrichshafen kam der Punk so richtig im Jahr 1979 an. (…) Ohne die Fotos von ar/gee und anderen (…) hätten wir gar nicht gewusst was wir anziehen sollen“ beginnt Hans Nieswandt seinen Essay über Kleidungs- und Haarfragen. Wolfgang Zechner bringt es für sich so auf den Punkt: „DAF haben den Schalter in meinem Kopf umgelegt, haben mein Gehirn neu formatiert“. Hendrik Otremba, Mastermind der neu-modernen Münsteraner Band Messer widmet sich dagegen Genesis P-Orridges dunklen Künsten. P-Orridges Band Throbbing Gristle („pochender Knorpel“, in der Umgangssprache von Yorkshire die Bezeichnung für einen erigierten Penis) war stilbildend für das spätere Genre Industrial. Katja Kullmann wiederum geht in eine Art Gespräch mit sich, dem Auftraggeber Seffcheque und dem Publikum. Ganz anders wird es wieder bei Frank Spilker, Sänger von Die Sterne. Spilker erinnert sich an sein ganz eigenes 1982 und seine enttäuschende Feststellung zu spät geboren zu sein: „Wir sind die, die es nicht mehr genauso machen können, wie die, die uns fünf Jahre zuvorgekommen sind. Wir sind gezwungen etwas neues zu machen.“

Am Ende dieser Geschichte gibt es dann den Soundtrack unserer Vergangenheit. Die Ärzte, Family*5, Palais Schaumburg, Andreas Dorau, Östro 430, Der Plan und The Wirtschaftswunder finden sich mit jeweils einem Titel auf einer beiliegenden CD. Stilecht wäre dagegen wohl eine 7“Single gewesen.

Am 16. Juli diesen Jahres ist ar/gee in Düsseldorf gestorben und dieser Fotoband wirkt nun wie sein Vermächtnis. Ich danke Xao Seffcheque, Edmod Labonte und vor allem ar/gee für dieses Buch.

Aber lassen wir ar/gee doch selbst sprechen:

Gnogongo.de: Publiziert am 22. März 2019 von ar/gee: Mir fällt auf, dass in fast allen Rezensionen zum Buch der Ratinger Hof im Mittelpunkt steht. Dabei ist nicht mal ein Viertel der Bilder dort entstanden. Auch damals war die Welt größer.

Epilog:
Bilder von früher
Um ganz ehrlich zu sein
Bitte zeigt sie mir nicht mehr
Menschen machen Fotos gegenseitig
Zu beweisen dass sie wirklich existierten
Auf Nummer sicher zu gehen dass sie da sind

(Goldene Zitronen – Menschen machen Fotos gegenseitig)

Jimi NoMore

Zine of the Week: Fleisch mit weißer Soße #August2016

Es ist International Zine Month! Zeit für einen Einblick in die Fanzinesammlung des Archivs der Jugendkulturen, in der sich inzwischen mehr als 20.000 Einzelhefte befinden. Heute rezensiert Giuseppina Lettieri aus dem Team Diversity Box.

Das Zine „Fleisch mit weißer Soße“ ist im August 2016 erschienen und eigentlich längst überfällig mal von unserer Seite rezensiert zu werden. Allein der Titel irritiert mich schon seit langem, weil er mehr Rätsel aufgibt als wirklich Hinweise zum Inhalt des Zines- jedenfalls für mich. Nach dem ersten Lesen ist immerhin das etwas klarer. Es geht um Sexarbeit oder besser gesagt um einen persönlichen, wenn auch sehr fragmentarischen Einblick in das Leben einer Person, die im Puff arbeitet.

Und was dann in diesem 14 Seiten dünnen Zine folgt, erinnert ein kleines bisschen an William S. Burroughs „Naked Lunch“ vom Stil, sprachlich jedoch ehrlicherweise eher an Tagebuch-Einträge. Gedanken, scheinbar wahllos aufeinanderfolgend, geben Einblicke in Lebensmomente aus dem August 2016: das konfliktive WG-Leben, unangenehme U-Bahn-Situationen, Migräneanfälle, depressive Phasen und ein erster Hinweis auf den ausgeübten Beruf als Sexworker. Immerhin ist das der längste Text in dem Zine und füllt eine ganze DIN A 6-Seite.

Vom Zine zum Buch

Da das Zine dahingehend nur diesen einen Vorgeschmack zum Thema Sexarbeit zu bieten hat, habe ich auch das gleichnamige Buch von Christian Schmacht, erschienen im Dezember 2017, gelesen. Cut and Paste als künstlerisches Stilmittel durchzieht auch die 105 Seiten des Buches. Auf dem Klappentext wird nun der Kontext geliefert, der dem Zine fehlte. Dort steht:

Christian Schmacht, durch seine Skandalkolumnen für das Missy Magazine bekannt geworden, schreibt in seiner autobiografisch inspierten Novelle über einen jungen transgender Mann, der als Frau verkleidet in den Bordellen Berlins anschafft.

Und sicherlich weiß auch ich durch die Kolumne in der Missy sowie durch die Social Media-Accounts von Christian Schmacht mehr über das Leben als Sexworker, über Körper-und Identitätsfragen, Konsum und das politisches Selbstverständnis des Autors. Mehr als mir manchmal lieb ist sogar, um ehrlich zu sein. In dem Buch beschreibt Christian Schmacht, warum Schreiben und sich der Welt mitteilen eine heilsame Wirkung hat und es nach dem eigenen Selbstverständnis nicht darauf ankommt, ob andere das hören oder lesen wollen:

Schreiben heißt: Ich existiere. Ich schreibe für mich, weil ich will und manchmal weil ich muss; um mich selbst zu erhalten. Oder zu halten. Ich habe mit meinen gedanken eine geschwindigkeit erreicht, mit der andere nur manchmal klarkommen.

Schreiben als Existenz- bzw. Daseinsberechtigung. Denn: Representation matters.

Sexarbeit ist Arbeit oder auch über die Banalität der Sexarbeit im Kapitalismus

Niemand hat sex außerhalb vom kapitalismus, aber darüber wollen viele gern hinwegsehen. bei liebe und sex denken sie, das ist so ursprünglich, das gehört mir, egal wie entfremdet ich sonst bin. Aber das ist nicht wahr und wir sexworker stoßen sie darauf, mit unserer bloßen existenz und das mögen sie nicht.

Das Sexarbeit Arbeit ist, ist in den queerfeminitischen Kontexten, in denen ich mich bewegen, nichts Neues, aber meine Berühungspunkte mit dem Thema waren bisher immer analytischer nicht persönlicher Natur. Ich habe keine Freund*innen, die Sexarbeit machen und beziehe meine Einblicke aus Aktivismus und Popkultur. Die Aktivistin Sylvia Rivera, Transfrau of Color, hat meinen Aktivismus vor einigen Jahren, als ich sie viel zu spät als zentrale Figur der Stonewall-Riots eher per Zufall entdeckte, seitdem stark geprägt. Und mit der Serie Pose stehen zum ersten Mal hauptsächlich BPoC Transfrauen im Mittelpunkt der Geschichte und geben Einblick in das New York der 80er und 90er Jahre, wo Sexarbeit einfach mit zum (Über-) Leben gehörte.

White Privilege

Geht es bei Pose und in den Interviews von Sylvia Rivera im STAR-Zine jedoch eher um die Adressierung struktureller Benachteilungen, wie Rassismus und Trans*feindlichkeit gegenüber BPoC Transfrauen und Queers, die oft einen sozio-ökonomischen Kosmos schufen, der die Sexarbeit bedingte, so anders ist der Einblick den Christian Schmacht als weiße Person in Deutschland aus den Jahren 2016 und 2017 schildert. Christian Schmacht reflektiert die eigenen Privilegien sehr gut und äußerst sich zudem politisch zu Rassismus, Klassismus, Misogynie und der kapitalistischen Verwertungslogik in der Gesellschaft an sich sowie zu Homo-und Transfeindlichkeit und rechter Gesinnung unter den Freiern und auch den Sexarbeiter*innen im Puff. Das blitzt aber immer wieder nur kurz auf. Zu kurz für mein Empfinden. Davon würde ich lieber mehr lesen. Stattdessen sind die Gedankensprünge und die wilde Aneinanderreihung von Themen (von Schernikau zum Dschungelcamp, von der Fashion Week zu Botox bis zum G20-Gipfel in Hamburg) das, was für mich am prägnantesten hängen bleibt. Das soll auch alles gar nicht kohärent sein, glaube ich, sondern Einblicke in die diffuse Gedankenwelt und das Seelenleben einer jungen weißen Trans*person geben, die zwischen Materialismus und Aktivismus schwankt:

Beispiel geld: Lieber wurde ich sexworker, als wenig geld zu haben und für oder gegen etwas zu kämpfen. Ich wollte teilhaben, am leben, mieten, konsumieren.

Fazit

Dieses Review ist eher ein ganz persönlicher Push aus meiner Komfortzone und lässt am Ende auch eher mehr Fragen offen, statt ein klareres Meinungsbild meinerseits erkennen. Die oft kontrovers geführten Debatten zum Thema Sexarbeit in feministischen Diskursen, lösen sich in meinem Kopf ab mit den kurzweilig verfassten Beiträgen von Christian Schmacht. Eines kann ich an dieser Stelle aber abschließend sagen: Nie habe ich vorher so ehrlich und banal über den Beruf Sexarbeiter*in gelesen, über die Langweile im Puff, wenn bei zu gutem oder zu schlechten Wetter die Freier wegbleiben. Davon geht sogar ein bisschen Faszination aus. Da ist die Frage nach dem Titel fast schon wieder vergessen.

Giuseppina Lettieri

Giuseppina schreibt aus einer cis-weiblichen, queerfeministischen, of Color-Perspektive. Sie leitet im Archiv ein queeres Bildungsprojekt und koordiniert seit 2019 den Queer History Month Berlin.

Zine of the Week: Metal Maidens #31

Es ist International Zine Month! Zeit für einen Einblick in die Fanzinesammlung des Archivs der Jugendkulturen, in der sich inzwischen mehr als 20.000 Einzelhefte befinden. Heute rezensiert Lisa Schug aus dem Team PopSub.

Als ich „Metal Maidens“ auf der Suche nach einem ganz anderen Metal Fanzine das erste Mal in den Händen hielt, war ich baff. “Metal Maidens – The Ultimate Magazine Dedicated to Women in Hard Rock & Heavy Metal“, wie konnte mir das als feministisch interessierter Metalfan bisher entgangen sein?

Ob das Metal Maidens Fanzine bei seinem erstmaligen Erscheinen 1995 wirklich “The Only Magazine with a Heart for Female Rockerz” war, wie es auf dem Cover steht, lässt sich heute nicht mehr sagen. Sicher ist aber, dass es eines der wenigen Zeugnisse des Kampfes für mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Metalszene im prä-Social-Media-Zeitalter ist. Denn während Initiativen wie #killtheking, #metaltoo oder das Sycamore Netzwerk heute andere Stimmen hörbar machen und in die Szene intervenieren, tat sich in Sachen Sichtbarkeit für marginalisierte Perspektiven im Metal in der Vergangenheit sehr lange sehr wenig.

Im Archiv der Jugendkulturen gibt es bisher nur eine Ausgabe des niederländischen englischsprachigen Fanzines, das von 1995 bis 2005 erschien und online bis heute als Webseite und Facebook-Seite weiterlebt – Nummer 31 aus dem Jahr 2003. Auf 46 Seiten gibt es das klassische Metal-Fanzine-Programm: Interviews, Plattenbesprechungen, Berichte von Konzerten und eine Übersicht über bevorstehende Tourneen – wohlgemerkt nur von Bands mit mindestens einer Musikerin. Was das genau heißt bleibt weit gefasst, teilweise werden auch Bands rezensiert, die „female guest appearences“ auf ihren Platten haben. Auch genremäßig geht es wild durcheinander von Heavy & Death Metal bis hin zur Punkband The Distillers und einem Album von Pop-Sängerin Shania Twain.

Spannend ist der Blick in die Metalgeschichte in der Kategorie „Back to the Past“. Dort werden Protagonistinnen der 80er Jahre Hard-Rock-Bands „Tough Love“ und „Romantic Fever“ interviewt und schildern ihre Erfahrungen:

„The better [bands] were all female. I played in a couple [of bands] where I was the only woman and in these bands, the guys tended to treat me like their little sister and they were very protective.“

Courtney Paige Wolfe in Metal Maidens #31

Einen kleinen Empowerment-Block hat das Fanzine auch: In der Rubrik „Marjo’s Guitar Techniques“ gibt Gitarristin Marjo Marinus praktische Tipps für’s Tapping: Eine Spielart der Gitarre bei der auf die Seiten getippt wird statt sie zu zupfen. Und nicht zuletzt hat Metal Maidens #31 auch eine Beilage: Zum Heraustrennen liegt ein Wandkalender für das Jahr 2003 mit Fotos der Bands Arch Enemy und Sinergy bei.

Soweit so gut. Tatsächlich macht das Fanzine Lust in einige der vorgestellten Bands reinzuhören und selbst weiter zu forschen. Und doch fehlt mir etwas: Was Metal Maidens #31 nicht thematisiert ist sind Erfahrungen von Ausgrenzung und Marginalisierung, die Frauen und Queers in der Metalszene machen. Generell ist die Ausgabe wenig politisch abgesehen von einigen klugen Antworten auf die obligatorische Frage: „Wie ist es in einer all-female Band zu spielen?“.

“ We wanted to change the idea of women in Metal: „Nice dolls in tight clothes with nice voices and at the utmost [sic] playing some bassguitar.“

Nienke von der Band „Autumn“ in Metal Maidens #31

Das Fanzine bietet zwar eine Plattform für Musikerinnen– stellt aber nicht die Frage danach, warum es in erster Linie an Sichtbarkeit mangelt oder es so wenig Metal Musikerinnen gibt. Auch scheint der Fokus der „Metal Maidens“ bis in die heutige Online-Ausgabe hinein ausschließlich auf Cis-Frauen zu liegen, die fehlende Sichtbarkeit für Trans*-, Inter-, nicht-binären Personen in der Metalszene ist kein Thema.

Und dennoch: das Metal Maidens Fanzine hat in über 10 Jahren und 40 Ausgaben ganz sicher dazu beigetragen Metal-Musikerinnen sichtbarer zu machen und das in einer Zeit, in der es im Metal denkbar wenig Unterstützung für solche Ansätze gab. ist Ein wichtiges Relikt der Metal-Geschichte!

Lisa Schug

Zine of the Week: Bullenpest #5

Es ist International Zine Month! Zeit für einen Einblick in die Fanzinesammlung des Archivs der Jugendkulturen, in der sich inzwischen mehr als 20.000 Einzelhefte befinden. Heute rezensiert Almut, Praktikantin im Team PopSub.

Unter dem programmatischen Namen „bullenpest“ erscheint in den 1980er Jahren ein linksautonomes Blättchen in Göttingen. Laut den Macher*innen handelt es sich um ein „ex-gö-punx-blatt“ und eine „zeitung zur billigung von straftaten“. Die anonymen Redakteur*innen „saustall“ und „radikalinski circus“ weisen im Impressum darauf hin, dass die „verkäufer der bullenpest […] mit an sicherheit grenzender wahrscheinlichkeit nicht der redaktion“ angehören.

Die fünfte Ausgabe der bullenpest beginnt mit einem Vorwort, das von den alltäglichen Schwierigkeiten des Zinemachens erzählt. Texte werden nicht oder erst kurz vor Redaktionsschluss eingereicht, beim Schneiden gehen wichtige Teile versehentlich verloren, der Hefter gibt den Geist auf und dann auch noch die Razzia im Jugendzentrum. Das Fazit: „ES HAT MAL WIEDER ALLES NICHT GEKLAPPT“. Optisch folgt das Zine dem Schnipsel-Look, wie wir ihn auch aus Punk-Fanzines kennen: Zeitungsartikel werden mit (ausgedachten) Überschriften, Bildern, Zeichnungen und eigenen Texten oder Kommentaren vermischt. Auffällig ist die extrem kleine Schriftgröße, für die sich die Macher*innen im Heft mehrmals entschuldigen.

Inhaltlich geht es zunächst um „Standardthemen“ der Autonomen. Es gibt Solidaritätsbekundungen mit der ETA, Berichte über Häuserkämpfe, Aktionen gegen das Sachleistungsprinzip für Geflüchtete und Aufrufe zum Umtausch von Wertgutscheinen in Bargeld. Neben einem Verriss des Films „Stammheim“ (mit einem Drehbuch von Stefan Aust) finden sich im Heft auch Bekennerschreiben unter anderem zu einem (Brand-)Anschlag auf das vorführende Kino in Göttingen.

Interessant sind aber vor allem die Artikel, die sich mit den Protesten gegen Atomkraft beschäftigen. Das vermutlich im Herbst 1986 erschienene Heft steht dabei noch im Zeichen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Einige Artikel behandeln das breite Protestbündnis vom bürgerlichen bis linksautonomen Spektrum gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf und die massive Gewalt von Seiten der eingesetzten Polizei. In anderen geht es um das AKW Brokdorf, dass im Oktober 1986 nur wenige Monate nach Tschernobyl in Betrieb genommen wird.

Zusätzlich enthält die Ausgabe einen Erlebnisbericht vom Anti-WAAhnsinns-Festival, das 1986 im bayrischen Burglengenfeld mit bis zu 100.000 Besuchenden stattfindet und auch als deutsches Woodstock Bekanntheit erlangt. Dort positionierten sich renommierte (internationale) Künstler*innen gegen die WAA in Wackersdorf. Der*die anonyme Autor*in übt jedoch scharfe Kritik an der fehlenden politischen Schärfe der dortigen Inhalte und den Abgrenzungsbemühungen vieler Künstler*innen zum militanten Protest und stellt darüber hinaus die Frage nach der Sinnhaftigkeit gewaltfreier Protestformen. Trotz allem trägt dieser Protest in seinen verschiedenen Formen dazu bei, dass der Bau in Wackersdorf drei Jahre später eingestellt wird, die Wiederaufbereitung abgebrannter Brennstäbe aus Kernreaktoren in Deutschland findet nun in Frankreich (La Hague) und Großbritannien (Windscale/Sellafield) statt.

Almut D.

Zine of the Week: Möbiusschleife Vorgestern

Es ist International Zine Month! Zeit für einen Einblick in die Fanzinesammlung des Archivs der Jugendkulturen, in der sich inzwischen mehr als 20.000 Einzelhefte befinden. Heute rezensiert Lisa Schug aus dem Team PopSub.

„Dieses Zine, gemacht von der ATO, die nicht mehr existent ist, da auch das T aus ATO nicht mehr existiert, heißt Möbisusschlaufe [sic], weil es (das Zine) mit Zeit und ihrer Vergangenheit zu tun hat.“ Alles klar? Was von außen anmutet wie ein klassisches Punkfanzine – Illustration, Collage, Xerox-Kopie – ist ein kleines Schmankerl aus der Science-Fiction-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen: „Möbiusschlaufe Vorgestern“.

Das nur 18-seitige Zine aus Denzlingen (in der Nähe von Freiburg im Breisgau) wurde von einer Gruppa namens ATO 1993/94 erstellt und redaktionell von Kurt Snietka betreut (der heute offenbar in Denzlingen expressionistische Ausstellungen macht). Es enthält zwei Kurzgeschichten und eine zynische Abrechnung mit dem Gerfandom, also der deutschsprachigen Science-Fiction-Fanszene und ist wegen seiner Auseinandersetzung mit Zeit, Logik und Zukunft auch dieser zuzurechnen.

Highlight ist eine Art absurd-experimentelles Frage-Antwort-Spiel mit dem Titel „Möbiusschleife vorgestern – Sanduntergänge“, in dem eine imaginäre Person in einer Prüfungssituation Fragen wie „Woraus besteht ein Schurwollepullover?“ beantwortet. Richtige Antwort, laut Möbiusschleife vorgestern: Aus Seegras. „[…] die Grenze zwischen tierischer (Schafswolle) und pflanzlicher (Seegras) Herkunft wurde als eine bloß mit dem zeitlichen Entwicklungsstand zugehörige erkannt. Es ist in der Tat eine Frage der zeitlichen Entwicklung, ob es sich um höher- oder niedrig entwickelte Organismen handelt, also eine Frage des zeitlichen Quantums. Quantitative Kriterien sind aber qualitativen Kriterien untergeordet – deshalb ist die Frage korrekt beantwortet.“

Ob die VHS-Version des Zines, die auf der letzten Seite beworben wird, tatsächlich jemals angefordert wurde, kann an dieser Stelle leider nicht beantwortet werden. Allerdings war „das Zine auf den Aufnahmen [auch] nicht lesbar, gezeigt werden die Seiten vor der Heftung als ein Bild.“

Im Rahmen unseres aktuellen Bibliotheks- und Archivprojektes „Pop- und Subkulturarchiv International“ können wir uns endlich intensiver mit unserer etwa 3.000 Hefte umfassenden Science-Fiction Sammlung beschäftigen und finden hoffentlich noch viel mehr solcher herrlich-skurriler Hefte.

Lisa Schug

Hyper! A Journey into Art and Music

Es sind (zumindest für Berliner Clubgänger*innen) bekannte Gesichter, die die Besucher*innen gleich zu Beginn der Ausstellung Hyper! in den Hamburger Deichtorhallen begrüßen: auf großformatigen Portraits von Fotograf und Berghain-Türsteher Sven Marquardt sind seine Türsteherkolleg*innen zu sehen. Dieser Einstieg ist programmatisch, denn bei der Ausstellung spielt Clubkultur als Bezugspunkt für Kunst und Musik eine große Rolle. Das Berghain selbst verbindet schon seit Jahren unterschiedliche kulturelle Sphären miteinander – es ist nicht nur ein Technoclub, sondern Ort für experimentelle Musik, bildende Kunst, Tanztheater und vieles mehr. Auch deshalb finden sich wohl immer wieder Verbindungen zum Berghain: neben Marquardts Portraits ist ein Korkmodell des Berliner Clubs von Philip Topolavac ausgestellt, es sind Arbeiten der Fotografin Frederike von Rauch zu sehen, die in Zusammenarbeit mit dem Berghain-Resident Marcel Dettmann entstanden sind. Von Wolfgang Tillmanns, von dem auch Fotografien in den Räumen des Berliner Clubs zu sehen sind, wird eine breite Auswahl an Musiker*innenportraits gezeigt, darunter Techno-DJs genauso wie Mainstream-Popstars. Es sind viele weitere Bezüge zur Technoszene zu entdecken – von den von Scooter inspirierten Malereien von Albert Oehlen, Fotoarbeiten des Kölner Techno-Urgesteins Wolfgang Voigt (hier das erste Mal in einer Ausstellung zu sehen) bis zu einer großformatigen Fotographie von Andreas Gursky aus dem ehemaligen Frankfurter Technoclub Cocoon.

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Philip Topolovac: I’ve Never Been to Berghain, 2016 © Philip Topolovac/VG Bild-Kunst Bonn, 2019

Clubkultur und Techno sind allerdings nicht die einzigen Bezugspunkte, es findet sich eine große Breite an unterschiedlichen Stilen – u.a. Mainstream-Pop, (Post)-Punk, experimentelle Musik, Klassik und Noise. Sie repräsentieren die persönlichen Perspektiven des Kurators Max Dax, der in der Vergangenheit auch Chefredakteur der Spex und des von der Telekom herausgegebenen Electronic Beats Magazins war. Langjährige Leser*innen dieser (mittlerweile beide als Printmagazine eingestellten) Zeitschriften finden entsprechend vieles wieder, was in diesen diskurspoppigen Magazinen thematisiert wurde. Dazu gehören z. B. Arbeiten von Kim Gordon (Sonic Youth), Michaela Melián (FSK), Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris), Christof Schlingensief (Thema ist seine Beschäftigung mit Richard Wagner) oder K Foundation (The KLF). Auch Plattencover (bzw. Material, das für Plattencover genutzt wurde) von u.a. Daniel Richter (für die Goldenen Zitronen), Emil Schult (für Kraftwerk), Thomas Ruff (für Family*5), Cosima von Bonin (für Moritz von Oswald Trio) oder Rosemarie Trockel (für Kreidler) werden gezeigt. Auch wenn sehr unterschiedliche künstlerische und musikalische Kontexte nebeneinander stehen, beliebig wirkt die Auswahl nicht. Die Ausstellung verbindet Pop, sogenannte Hochkultur, Avantgarde und subkulturellen Untergrund und macht deutlich, wie sehr diese kulturellen Bereiche miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig bedingen – und wie produktiv es sein kann, die Grenzen zwischen solchen Kategorien auch in einer Ausstellung zu sprengen.

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Rutherford Chang: We Buy White Albums, 2013 – 2019 © Rutherford Chang

Zu den vielen Highlights der Ausstellung gehört z. B. das Werk „We Collect White Albums“, für das der Künstler Rutherford Chang mehr als 2.000 gebrauchte Exemplare des White Albums der Beatles zusammengetragen hat. Die Alben sind durch den Gebrauch durch die ehemaligen Besitzer*innen zu Einzelstücken geworden, das Kunstwerk spielt mit der Spannung der im Pop üblichen Massenproduktion von Tonträgern und dem in der Kunst zentralen Rolle des einzigartigen Originals. Beeindruckend sind mehrere Videoarbeiten – neben Cyprien Gaillards hypnotisierendem „Nightlife“  und Mark Leckeys Collage subkultureller Tanzstile „Fiorucci made me Hardcore“ insbesondere APEX von Arthur Jafa, in dem der afroamerikanische Künstler im Sekundentakt Hip-Hop-Plattencover, Bilder von Aliens oder auch schwer zu ertragene Bilder von gelynchten Schwarzen aneinander geschnitten hat. Jafa will eine alternative, afroamerikanische (Pop)Kulturgeschichte schreiben, als Soundtrack läuft der brachiale Minimal-Techno-Track „Minus“ des Detroiter Techno-Produzenten Robert Hood von 1994 – ein Track, der bis heute auch im Berghain gespielt wird und eine überraschende Verbindung zum Beginn der Ausstellung schlägt.

9783864422836_0.jpgDer bei Snoeck erschienene Katalog zur Ausstellung enthält Interviews, die Kurator Max Dax mit einem Großteil der vertretenen Künstler*innen geführt hat, und reichhaltiges Bildmaterial. Als Reader und Dokumentation der Ausstellung, die noch bis zum 4. August gezeigt wird, ist er wunderbar geeignet, tiefer in die Verbindungen zwischen Kunst und Musik einzutauchen.

Eine weitere Ausstellung, die sich an der Schnittstelle zwischen Musik und Kunst bewegt, ist im Augenblick in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main zu sehen. In „Big Orchestra“ werden Werke gezeigt, die auch als Musikinstrumente im weitesten Sinne funktionieren. Hier lohnt es sich, auf das Begleitprogramm zu schauen, da diese Werke erst dann wirklich verständlich sind, wenn sie auch genutzt werden können (was im regulären Ausstellungsbetrieb nur vereinzelt möglich ist). Deutlich weniger stark sind hier die Bezüge auf Pop und Subkultur, aber ein bisschen experimenteller Techno ist mit der Installation von Carsten Nicolai vertreten. Auf vier Plattenspieler können auf spezielle Platten gepresste Loops abgespielt und miteinander kombiniert werden. Im Berghain ist Nicolai übrigens auch schon einige Male aufgetreten.

Hyper! A Journey into Art and Music. Deichtorhallen, Hamburg. bis zum 4.8.2019

Big Orchestra. Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main, bis 8.9.2019

Max Dax und Dirk Luckow
Ausstellungskatalog Hyper! 
Snoeck 2019
288 Seiten
49,80€
In Deutsch und Englisch erhältlich.

Daniel Schneider

Queere Fundstücke im Queer History Month

Zum Abschluss des Queer History Month, der in diesem Jahr unter Trägerschaft des Archiv der Jugendkulturen von Giuseppina Lettieri, Saskia Vinueza und Vicky Kindl koordiniert wurde, stellen wir euch einige spannende queere Fundstücke aus Archiv und Bibliothek vor.

Den Anfang macht das Fanzine „Alterna TV“ (TV steht dabei für „Transvestite“). Es erschien 1998 und richtete sich in erster Linie an „transvestites, cross dressers, transsexuals“, aber auch an alle anderen interessierten Menschen. Autorin Anna Key gibt in dem Heft, das wie ein klassisches Punk-Fanzine aus Schnipseln, Zeichnungen und Fotos zusammengeklebt ist, praktische Tipps zur Selbstverteidigung oder zeigt, wie Kleidung und Kosmetika günstig beschafft werden können. Mit viel Wut im Bauch kritisiert sie (trans-)sexistische Strukturen und das kapitalistische Wirtschaftssystem. Sehr lesenswert!

Das nächste Fundstück ist sogar preisgekrönt: 1995 gewann Heikes Läspen Comics den Preis des Interessenverband Comic e.V. ICOM. Darin illustriert Heike Anacker, Gründerin des dienstältesten deutschen Comic-Fanzines PLOP – Fanzine, (ihren) lesbischen Alltag ab den späten 1980er Jahren. „Die sporadisch erscheinenden Heftchen sind mal so was wie ein Gruß an alte Bekannte, mal ein erweitertes (verschlüsseltes) Tagebuch, oder der Auftakt zum Austausch über ein Thema, das mich gerade beschäftigt“, sagte sie dem Grrrl Zine Network in einem Interview. Die Comics sind handcoloriert und in einer Auflage von nur 30-100 Stück erschienen.

Ein weiteres Highlight: das US-amerikanische Fanzine „Shotgun Seamstress“ von Osa Atoe. „Shotgun Seamstress is a zine by & for Black PUNKS, QUEERS, MISFITS, FEMINISTS, WEIRDOS and the people who support us. This zine is meant to support Black People who exist within predominantly white subcultures, and to encourage the creation of our own,“ schreibt Atoe in Ausgabe Nummer 2. Die ersten sechs Ausgaben des Zines sind komplett vergriffen, aber 2012 auch als Buch erschienen. Das Buch zeichnet dabei sehr schön die thematische (Weiter-) Entwicklung des Zines nach, von einem Black Empowerment und Visibilty- Anspruch in Bezug auf Bands und Musik in der Punkszene hin zu einem vielschichtigeren Umgang mit Repräsentationsformen in der Gesellschaft, Ausschlußpraxen in der Punkszene und komplexen eigenen Fragestellungen zu Identitätspolitik*en. Mehr als empfehlenswert!

Zum Schluss noch ein Heft, das vor einigen Jahren schon einmal in diesem Blog besprochen wurde, aber nichts an Relevanz eingebüßt hat: „Ring of Fire“ #2 , 1997 in den USA von Hellery Homosex geschrieben und gezeichnet. „This zine promotes queer sex, genderfuck and the advancement of amputees everywhere“ kündigt Hellery gleich auf der ersten Seite an. Ein Jahr vor dem entstehen dieses Zines mussten ihr nach einem Trainhopping-Unfall beide Unterschenkel amputiert werden. Und so geht es in dem Heft um Trauma und darum, wieder laufen zu lernen, aber auch um Dating, Sex und darum eine „slutty dyke femme“ zu sein.

Das war nur ein kleiner Einblick in unsere Sammlung – bei uns vor Ort gibt es noch viel mehr spannendes zu entdecken!

Leben mit der Wahlfamilie-Queere Filme auf der Berlinale Pt.II

„So Pretty“ von Jessie Jeffrey Dunn Rovinelli

USA/Frankreich (2019)

Der Film „So Pretty“ macht seinem Namen alle Ehre. Er ist so schön queer und vielfältig, ohne dabei aufgesetzt zu wirken.

Filmstill aus: So Pretty, Land: USA/FRA 2019 Regie: Jessie Jeffrey Dunn Rovinelli 
Bildbeschreibung: Thomas Love, Edem Dela-Seshie, Sektion: Forum 
© 100 Year Films

Queere Nabelschau

Wie so oft bei Berlinale-Filmen besticht auch dieser Film dadurch, das bewusst auf ein Narrativ verzichtet wird. Wenn überhaupt hat der Film essayistische und dokumentarische Züge. Es ist eher ein kurzweiliges Porträt einer queeren Wohngemeinschaft in New York. Wobei das Ganze auch irgendwo in London oder Berlin spielen könnte. Ein Gefühl von Zuhause sein macht sich breit, jedenfalls für queere Menschen, die gerne in diese Wohlfühlblase der selbstgewählten queeren Wahlfamilie, die hier die Hauptrolle spielt, eintauchen möchten.

Frühstücken, lesen, Sex haben

Ein Ausgangspunkt bzw. der grobe Entstehungskontext von „So Pretty“ hängt mit einer Novelle von Roland M. Schernikau zusammen. Dabei ist der Film aber bewusst keine Adaption. Die Textfragmente aus „Als der Prinz mit dem Kutscher tanzte, waren sie so schön, daß der ganze Hof in Ohnmacht fiel“ bieten den Protagonist*innen in „So Pretty“ eher immer wieder Anhaltspunkte über Liebe und Beziehungen sowie über Kapitalismus und Kommunismus zu sprechen. Das wird eingewoben in ganz alltägliche Handlungen. Es wird philosophiert im Bett, am Küchentisch oder auf dem Weg zur nächsten Party. Generell sehen wir dieser New Yorker Queer-WG beim frühstücken, beim zähneputzen, beim duschen und beim Sex zu. Relativ oft beim Sex sogar, zu zweit oder zu dritt, kinky oder sanft.

Filmstill aus: So Pretty , Land: USA/FRA 2019 ,Regie: Jessie Jeffrey Dunn Rovinelli 
Bildbeschreibung: Phoebe DeGroot, Thomas Love, Jessie Jeffrey Dunn Rovinelli 
Sektion: Forum, © 100 Year Films

Zweisamkeit: ein positives oder negatives Konzept?

Besonders schön ist der liebevolle und bedachten Umgang, die Verbundenheit und Zärtlichkeit innerhalb der Gruppe, die eigentlich alles miteinander teilen. Das sich dabei die Beziehungskonstellationen immer wieder ändern, macht auch im übertragenen Sinne das Ringen mit dem Wort Zweisamkeit deutlich. Übersetzt man Zweisamkeit mit coupledom oder eher mit togetherness ins Englische fragen sie sich. Ist Zweisamkeit als Konzept bei Schernikau etwas Positives oder Negatives? Fragen ohne Antworten. Nichts ist konstant in diesem Film. Alle sind auf der Suche. Nach Identität, Nähe, Liebe und Verständnis. Dadurch verändern sich immer wieder Lebens-und Wohnzusammenhänge, Liebesbeziehungen und Geschlechteridentitäten. Die einzige beständige Komponente des Films ist die Freundschaft untereinander, egal wer mit wem gerade ins Bett geht. Einfach eine queere Wahlfamilie. Real dargestellt. Nichts wird als besser oder perfekter inszeniert, aber eben etwas schöner.

Fazit

Als queere Person tut es einfach gut einen Film zu sehen, der in Fragen der Repräsentation und Sichtbarkeit queerer Vielfalt viel richtig macht. Ein wenig zu selbstreferentiell ist der Film vielleicht geworden und wirkliche Fragen, die sich in queeren Communities gestellt werden, werden hier nicht mal ansatzweise thematisiert. Es gibt nur eine Szene, die Polizeigewalt gegen Schwarze und of Colour Queers behandelt, ohne dass darüber danach gesprochen wird. Es ist eher ein Film der das Private zum politischen macht und darin liegt auch die Schönheit dieses utopischen Werks, in dem ein Mikrokosmos abgebildet wird, in dem Geschlechtsdefinitionen, Beziehungsnormen und gesellschaftliche Konventionen keine Rolle spielen. „So Pretty“ bestätigt vor allem queere und marginalisierte Menschen. Der Film betont, dass sie in jeder Faser ihrer Individualität wichtig und schön sind, dass ihre Art zu Leben und zu Fühlen, eine politische Liebe ist, die in Zeiten konservativer Backlashs, eine starke Intervention gegen den Mainstream darstellt.

Saskia Vinueza und Giuseppina Lettieri

Projekt „Diversity Box“

Queere Filme auf der Berlinale 2019 Pt.I

The Garden von Derek Jarman, 1990

Die Sektion Forum Expanded auf der Berlinale zeigt oft Filmklassiker, die mit den gängigen Sehgewohnheiten brechen und durch Experimentierfreude und ungewohnte ästhetische Handschrift bestechen. Mit Derek Jarmans “The Garden” findet nun ein Film- in restaurierter Fassung- seinen Weg zurück auf die Berlinale, der dort 1991 zum ersten Mal aufgeführt wurde. Und damit sich der Kreis schließt, findet die Filmvorführung in diesem Jahr an dem gleichen Ort, wie vor 28 Jahren statt: Im schönen Delphi Filmpalast.

Homosexualität und Christentum

Diesen Film zu rezensieren erscheint als eine fast unlösbare Aufgabe, jedenfalls für mich. Wenn es überhaupt einen erkennbaren roten Faden in diesem Werk Jarmans gibt, dann entspinnt sich dieser um die Themen Homosexualität und Christentum. Darum ranken sich die meisten oppulent, oft schwer verdaulich in Szene gesetzten Bilder. Es gibt ein schwules Liebespaar, das in Zweisamkeit Zuneigung austauscht und Liebe erfährt. Erst als sie auf weitere Menschen treffen, wie z.B. in der Herrensauna, scheint das Glück erste Risse zu bekommen und eine diffuse Gefahr für diese Liebe wird angedeutet. Als sie schließlich- ohne genauere Kontextualisierung- von der Polizei verhaftet und gefoltert werden, nimmt das Unglück seinen Lauf. Hier kommt auch Jarmans (von mir unterstellte) eher anstrengende künstlerische Faszination mit dem Christentum, genauer mit der Passion Christi, zum Tragen (Vergleiche zu Pier Paolo Pasolinis filmischen Schaffen drängen sich zwangsläufig auf). Denn das schwule Liebespaar muss nach der Folter- einer für meinen Geschmack viel zu langen Sequenz aus Peitschenhieben- gemeinsam ein Kreuz tragen und sie sterben (anscheinend) durch Kreuzigung (immerhin etwas, was Jarman unserer Imagination überlässt und uns in Bildern erspart).

Fragmentiert, verstörend und wortkarg

Doch kann in diesem Film grundsätzlich kaum von einem Hauptplot gesprochen werden. Der Film ist sehr zerfasert, viele Bilder und Sequenzen erscheinen fast schon willkürlich aneinandergereiht oder wiederholen sich, sei es Tilda Swinton in der Rolle der Madonna mit Kind, die von Paparazzis erst fotografiert und dann gejagt wird oder das sehr oft bemühte Bild einer großen Tafel am Strand, die an das letzte Abendmahl erinnert. Auch Jarman selbst ist immer mal wieder Protagonist, dieses fast komplett ohne Worte auskommenden Films. Er macht zu Beginn und am Ende Voice-Overs, die den Film rahmen und in einigen der Filmsequenzen sieht man Jarman in seinem eigenen Garten sitzen: Der filmgebende Titel.

Fazit

Selten bin ich so verstört in die Berlinale gestartet, wie in diesem Jahr. Das Jarmans Film sicherlich kein Feuerwerk der guten Laune wird, war mir zwar klar, dennoch hinterlassen die vielen für mich triggerwarnungswürdigen Filmszenen in der Fülle sowie der ausgespielten Länge, ein mehr als ungutes Gefühl beim Verlassen des Kinosaals. An einigen Stellen wirkt der Film wie ein nie enden wollender, qualvoller Fiebertraum. Dass Jarman mit diesem Film seine HIV-Erkrankung künstlerisch verarbeiten wollte, die zu Beginn der 1990er tragischerweise noch viel zu oft einem Todesurteil gleichkam, verleiht diesem Werk zwar mehr Tiefe und lässt seine Verzweiflung über sein Schicksal verstehen (er verstarb 1994), dennoch macht es den Film kaum leichter zu ertragen- weder visuell noch emotional. Vielleicht wäre das Geld, das für die Restauration des Films ausgegeben wurde, doch besser in den Händen von queeren Nachwuchsregisseur*innen aufgehoben gewesen.

Giuseppina Lettieri

Projektleitung Diversity Box

Heavy Metal in der DDR

Wolf-Georg Zaddach
Heavy Metal in der DDR. Szene, Akteure, Praktiken.
transcript, 2018
S. 369
39,99€

Heavy Metal in der DDR, dass sich dahinter mehr verbirgt, als die Bands Formel 1, Macbeth und Merlin beweist Musikwissenschaftler Wolf-Georg Zaddach in seiner Promotionsarbeit, die der transcript Verlag Ende 2018 für ein breiteres Publikum veröffentlicht hat. Die*der geneigte Leser*in muss sich, wie für eine Promotion nun mal üblich, zunächst durch einige Seiten theoretischer Einordnung kämpfen, ehe Zaddach zu einer anspruchsvoll und dennoch unterhaltsam geschriebenen Abhandlung über die Heavy Metal Szene der DDR kommt.

In drei groben Kapiteln arbeitet er sich von allgemeineren Betrachtungen über Jugendkulturen in der DDR (I), zu einer Betrachtung der DDR-Metal-Szene vor (II), deren Praktiken er dann in Kapitel III näher untersucht. Dabei betrachtet er Geschlechter- und Bildungsverhältnisse ebenso, wie die deutsch-englische Sprachbarriere, DDR-Fanzines, Tauschnetzwerke, Konzerterlaubnisse oder die Beschaffung von Musikinstrumenten vor der Wende. Wie ein muffiger Dunst scheint über alle den behandelten Fan- und Band-Praktiken eine ständige Bewertung und Beobachtung durch das Ministerium für Staatssicherheit zu schweben.

Zaddach arbeitet auf, wie noch zu Beginn der 80er Jahren Bands, wie die Erfurter Band Macbeth, nicht nur ein Auftrittsverbot bekamen, die Band wurde von offizieller Stelle „liquidiert“ und mit einem fünfstelligen Bußgeld belegt. Ein Mitglied der Hallenser Band Panther wurde sogar inhaftiert. Doch, so schreibt Zaddach: „Mit 1987 änderte sich einiges. Die Konsequenzen des Zionskirchen-Skandals betrafen auch die Metal-Szene in Form der ‚kulturellen Umarmung‘ als neue Strategie der SED im Umgang mit ursprünglich westlichen Jugendkulturen. Es scheint kein Zufall zu sein, dass die Szene in den letzten beiden Jahren vor dem Mauerfall bis dahin nicht geahnte Möglichkeiten und Freiräume erlebte.“ Ende der 80er Jahre hatte auch der Staatsapparat verstanden, dass Heavy Metal unwiderruflich im Mainstream angekommen war.

Gespickt mit einer Vielzahl von Interviewauszügen, Zitaten aus akribisch aufgearbeiteten Stasi-Akten und Illustrationen, erzählt Zaddach die Geschichte der ostdeutschen „Heavies“ von den späten Siebzigern bis zur Wende. Er lässt Fans, Musiker*innen und Journalist*innen gleichermaßen zu Wort kommen, gibt dem Ganzen aber einen fundierten wissenschaftlich-theoretischen Rahmen. Heavy Metal in der DDR ist sicher keine leichte Feierabendlektüre, aber für alle, die Nachholbedarf in Sachen ostdeutscher Metalgeschichte haben, mehr als lesenswert.

Lisa Schug

Die Clubmaschine (Berghain)

Kilian Jörg & Jorinde Schulz
Die Clubmaschine (Berghain)
Textem Verlag, 2018
215 S.
16,00 €

Schon der Begriff der Clubmaschine, ein Neologismus von Kilian Jörg und Jorinde Schulz, macht den philosophischen Anspruch dieser Lektüre klar. In Anlehnung an Deleuze und Guattaris Begriff der Kriegsmaschine, einem Freiraum für subversive Kräfte innerhalb eines Territoriums der Macht, wird die Clubmaschine als Freiraum und Auffangbecken subversiver Energie in der Wohlstandsgesellschaft des 21. Jahrhunderts dargestellt. „Durch das transhumane Begehren der maschinellen Entfremdung im Clubraum, verfällt die postindustrielle Gesellschaft dem Clubphänomen, weil sie den Maschinen, die sie verlassen haben, nacheifern wollen,“ so die These von Jörg und Schulz.

Anhand einer Betrachtung des legendären Berliner Clubs Berghain, den sie als Kondensat von Subkultur, masturbatorischem Ereignis und Geldmaschine verstehen, gehen Jörg und Schulz ihrer Behauptung auf den Grund. Das Buch ist ein Hybrid aus Erzählung und philosophischer Analyse. Dabei wechselt die Sprache zwischen Deutsch und Englisch, zwischen Kommentaren aus Facebook-Chats im Jugendslang und sich wiederholenden großgeschriebenen sakralen Phrasen. Durch Erfahrungsberichten aus der Ich-Perspektive wird das Club-Erlebnis inszeniert. Es folgen philosophisch-auktoriale Analysen in eloquenter Sprache. Schulz und Jörg wollen makropolitische Spannungen, Tendenzen und Widersprüche unserer Gesellschaft ermitteln und das post-industrielle Lebensgefühl ergründen.

Daran arbeiten sie sich in acht Kapiteln ab: Methode, Tür, Romantik, Hype, Maschine-Werden, Sozialplastik, Paranoia und Clubmaschine. Von der Vorstellung der Methodik bis hin zum Nachtrag aus erzählender Perspektive und dem Verlassen des Berghains nach der Party, alles folgt einer klaren Dramaturgie. Stilistisch und sprachlich lässt sich aber kein klarer Leitfaden feststellen. Diese Extravaganz ist durchaus spannend, kann die Leser*innen aber auch verwirren.

Die Clubmaschine (Berghain) ist sicherlich kein schwärmerisches Disco-Buch oder der nächste Guide, wie man am besten ins Berghain reinkommt, sondern die gesamtgesellschaftliche Betrachtung eines Phänomens mit philosophisch-tiefgründiger Analyse des post-industriellen Lebensgefühls aus historischer und aktueller Perspektive. Kilian Jörg und Jorinde Schulz schaffen es nicht nur eine Vielfalt von Sichtweisen auf das Berghain aufzuzeigen, sondern auch diese kritisch im soziologischen und philosophischen Diskurs einzuordnen.

Felix Linke

Design und Punk

Russ Bestleys & Alex Oggs
Design und Punk – Posters + Flyers + Fanzines + Album-Covers
[The Art of Punk]
Hannibal, 2012
224 S.
15,00 €

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Lektüreseminars „40 Jahre Punk“ an der Universität Oldenburg unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Binas-Preisendörfer enstanden.

Trotz zahlreicher großformatiger Abbildungen, erläuternder Texte und Zeitzeugenberichte kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, am Ende genauso schlau zu sein wie vorher: Wer in „Design und Punk“ von Russ Bestley und Alex Ogg eine analytische Auseinandersetzung mit der Punkkunst erwartet, wird eher enttäuscht.

Die visuelle Zeichensprache des Punk speist sich, wie auch die künstlerischen Erzeugnisse anderer Subkulturen, aus einem Konglomerat von Einflüssen. In „Punk und Design“ begeben wir uns auf die Spur dieser musikalischen und künstlerischen Entwicklung. Im Buch widmen die Autoren (vorwiegend männlichen) Kunstschaffenden jeweils ein Kapitel und vollziehen anhand deren Erlebnisse und Erfahrungen die Entstehung des Punk nach. Bis zu einen gewissen Grad kann das ganz spannend und unterhaltsam sein, allerdings schleichen sich dabei auch viele Redundanzen ein. Welche Personen auf wen trafen, um dann x-beliebige so und so vielte Band zu gründen: Das hat nichts mehr mit einer Untersuchung der Design-und Grafikkunst des Punk zu tun. Bei den flüchtig hingestreuten Anekdoten blitzt hier und da ein interessanter Aspekt auf, welcher der ansonsten konventionellen chronologischen Herangehensweise der Autoren interessante Momente verleiht.

Schaut man sich die besprochenen Kunstschaffenden aber an fällt unmittelbar auf, dass Frauen und deren künstlerisches Schaffen lediglich Randnotizen bleiben. Ab und zu darf „sexy“ Blondie von einem ausgewählten Plattencover lasziv blinzeln; Patti Smith wird kurz aufgrund ihres androgynen Images erwähnt. So ein legendäres Cover wie The Slits‘ „Cut“ bleibt aber relativ unkommentiert. Das ist ziemlich unverständlich, bilden doch Provokation und Grenzüberschreitung einen Schlüsselmoment des Punk.

Kunstgeschichtliche Zusammenhänge – der Suprematismus und die französischen Situationisten finden als Einflüsse Erwähnung – tauchen in dem Band auf, werden aber nicht weiter ausgeführt. Das kann durchaus auch eine Anregung für Leser*innen sein, selbstständig weiter zu recherchieren, aber scheint im Hinblick von Bestley und Oggs Background doch schon eher ein süffisant. Schließlich können sie auf einen langen Veröffentlichungskatalog zurückblicken, indem sie sich mit der Subkultur des Punk intensiv beschäftigten. Russ Bestley, der Grafikdesign am London College of Communication unterrichtet und demnach mit der bildanalytischen Arbeit bestens vertraut sein dürfte, promovierte sogar in einer Arbeit zum Thema „Punk Rock und Grafik Design in den Faraway Towns“. Und doch bleibt die Behandlung des Themas oberflächlich.

Das soll nicht heißen, man merke den Autoren die Begeisterung für den Punk nicht an. Ihre intensive Auseinandersetzung mit den von ihnen wohl auch frenetisch gefeierten unzähligen Bands und deren jeweiliger Historie wird in jedem Text spürbar und gipfelt in einer minutiös recherchierten Chronologie der Punkgeschichte. Für sich gesehen kein zu verachtender Ansatz – wäre dieser nicht schon hunderte Male durchexerziert worden.

Im Band heißt es vielsagend: „Die Geschichte des Punk ist komplexer und vielfältiger als manch einer glauben will.“ Damit stellen sich die Autoren Russ Bestley und Alex Ogg selbst ein Bein. Denn diesem Anspruch können die Briten in ihre Umsetzung nicht gerecht werden. Die Darstellung dieser Komplexität würde eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Historie, in diesem Falle vor allem mit der Kunst-und Mediengeschichte des Punk notwendig machen. Vielleicht sollte man aber auch Abstand davon gewinnen, den Autoren allzu schnell eine mangelnde und unzureichende Arbeit vorzuwerfen. Die Erwartungshaltungen divergieren für gewöhnlich. Der mit über 500 Abbildungen versehene Band bietet auf jeden Fall jede Menge Schau- und Unterhaltungswert für Neulinge in eben diesem Themenbereich an.

Dana Hubrich

The future is female!

Scarlett Curtis (Hrsg.)
The future is female! Was Frauen über Feminismus denken
Goldmann, 2018
416 S.
12,00€

The future is female von

“the future is female! Was Frauen über Feminismus denken” ist die Anfang Oktober 2018 erschienene deutsche Übersetzung von “Feminists don’t wear pink (and other lies). Amazing women on what the F-word means to them“. Scarlett Curtis als Herausgeberin versammelt darin über 60 Beiträge von Autor*innen, hauptsächlich aus Großbritannien und den USA, die als Erzählungen, Erfahrungsberichte, Fiktionen, Gedichte, Ratschläge, Buch- und Playlist-Empfehlungen gelesen werden können. In der deutschen Ausgabe sind Artikel von Katrin Bauerfeind, Milena Glimbovski, Karla Paul, Fränzi Kühne, Tijen Onaran und Stefanie Lohaus hinzugenommen.

Eingeleitet wird die Sammlung von einem Beitrag der Mädchenrechtsorganisation „Girl up“ sowie einem Vorwort von Scarlett Curtis, in welchem sie ihren eigenen Weg zur Feministin beschreibt. Sie benennt dabei zwei wichtige Punkte, die sich in der Buchgestaltung wiederfinden: Zum Einen die Erkenntnis, wie viele unzutreffende Vorstellungen es bezüglich des Feminismus generell und des Handelns von Feminist*innen konkret gibt. In der englischsprachigen Originalausgabe entsteht hier der Bezug zum Titel – „feminists don‘t wear pink (and other lies)“. Zum Zweiten benennt Curtis die Relevanz literarischer Zugänge, um den eigenen Vorstellungshorizont zu erweitern, und stellt die Intention des vorliegenden Sammelbandes vor als „ein Buch über Gefühle die zu Gedanken werden die zu Taten werden.” So sind die im Buch gesammelten Essays in fünf Abschnitte unterteilt, die Curtis als „die fünf Stadien des Feminismus“ auffasst – Erleuchtung, Zorn, Freude, Aktion und Bildung.

Stadium 1 „Erleuchtung“

„Erleuchtung“ sammelt Erzählungen, wie die Autor*innen zur Auseinandersetzung und Identifikation mit Feminismus kamen und was „the F-word“ für sie persönlich bedeutet. Liv Little schreibt über die Vielfältigkeit von Vulven, Paranoia in Bezug auf den eigenen Körper und die Relevanz von angemessener Sprache. Charlie Craggs beschreibt ihre Chronologie des Aufwachsens als Trans*frau. Lolly Adefope beschreibt ein alptraumhaftes Quizshowszenario, das in der Unmöglichkeit gipfelt, die eigene Identität als a) Schwarz oder b) Frau  beschreiben zu sollen – Zuschreibung durch Publikumsjoker inklusive. Helen Fieding lässt unter dem Titel „Bridget Jones – Feminismus zum Frühstück“ ihre Romanfigur in den alten Tagebüchern von 1996 blättern und rückt Erlebnisse von damals in einen aktuellen Kontext.

Stadium 2 „Zorn“

Im  Kapitel „Zorn“ beschreibt Angela Lee, wie sie als Heranwachsende beim Wort „Feministin“ immer an „weiße Frauen ohne BH“ denken musste, „die demonstrierten und Forderungen stellten, die [ihr] fremd waren.“ Milena Glimbovksi thematisiert den Gedankengang, ob wir den Feminismus noch bräuchten, weil für Frauen doch eigentlich längst alle Hindernisse überwunden wären. Sie beantwortet die Frage mit einem Zitat aus einem Gespräch, dass sie mit Sookee geführt hat und nennt es den „Satz, der alles veränderte“: „Nur weil es dich nicht betrifft, heißt es nicht, dass es nicht stattfindet.“ Diese kritischen Gedankengänge fehlen bei anderen Beiträgen manchmal, wenn die Autor*innen von anscheinend längst überholten feministischen Kämpfen schreiben, ohne zu reflektieren, dass das für sie selbst in ihrer spezifischen zeitlichen, räumlichen und sozialen Positionierung gelten mag, aber kein generalisierter Zustand ist.

Stadium 3 „Freude“

Das Kapitel „Freude“ versammelt neben einem Artikel von Scarlett Curtis zu passenden  Erwiderungen auf Fragen wie, was denn Feminismus überhaupt sei und wozu man ihn heute noch bräuchte, eine Playlistempfehlung von Akilah Hughes sowie ein Interview von Jodie Whittaker mit ihrer Mutter. Im  Einschub „Poesie“ finden sich Gedichte und kurze Geschichten.

Stadium 4 „Aktion“

Im Kapitel „Aktion“ betont Alicia Garza mit Bezug auf die Feminismus-Definition von Marie Shear aus 1986 – „feminism is the radical notion that women are people“ –  dass es nicht reicht, „daran zu glauben, dass Frauen Menschen sind, wenn unser Handeln […] auf etwas anderes hindeutet“, und spricht damit gewaltvolle, ungerechte Verhältnisse an, wie sie aktuell in den USA existieren. Gemma Arterton entwirft ein alternatives Szenario für ihre Rolle der Strawberry Fields, die, anders als im Film von 2008, James Bond mit Hinweis auf sein chauvinistisches Verhalten einen Korb gibt. Beanie Feldstein betont die  Bereicherung, sich Geschichten anderer Frauen anzuhören, „um die beste Feministin zu sein, die ich sein kann“. Nimco Ali als FGM-Betroffene schreibt über die Auseinandersetzung darüber, ihre Mutter heute als feministisches Vorbild anerkennen zu können. Amika George macht sich in ihrem Beitrag daran, das Thema der Menstruation zu enttabuisieren, und Dolly Alderton leitet mit einer  treffend verfassten To-Do-Liste zur Demontage und Zerstörung verinnerlichter Misogynie an.

Stadium 5 „Bildung“

Im Kapitel  „Bildung“ macht Herstory UK-Gründerin Alice Wroe auf die Notwendigkeit der Sichtbarmachung marginalisierter Positionen in der Geschichtsschreibung und -vermittlung aufmerksam und stellt fünf historische, selbstorganisierte Zusammenhänge vor, in denen Frauen gekämpft und Gesellschaft verändert haben. Claire Horn gibt in ihrem Beitrag eine Übersicht zur Geschichte des Feminismus in Großbritannien, und Emma Watson versammelt in ihrem Beitrag feministische Buchempfehlungen des von ihr initiierten online-Buchclubs „our shared self“. Zum Abschluss verweist Curtis auf die Intention des Buches, den*die Leser*in zum feministischen Denken und Handeln ermutigt haben zu wollen, und verweist auf die abschließenden leeren Seiten mit Platz für eigene Geschichten.

Fazit

Insgesamt fällt auf, dass das Bild von „dem“ Feminismus, wie es viele Autor*innen zeichnen, ein zunächst negativ konnotiertes ist bzw. war, bis sie durch eigene Zugänge für sich entdeckten, dass das negative Bild wenig mit dem zu tun hat, wie Feminismen heute tatsächlich gelebt werden. Das wird auch in der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Beiträge sehr deutlich – von berührend, empowernd, sensibilisierend und wütend bis hin zu humorvoll und praktisch.

Im Großen und Ganzen liest sich “the future is female!” unter der formulierten Intention, durch das Erzählen von verschiedenen Perspektiven und einer positiven Besetzung des Begriffes, gerade für junge Frauen* Zugänge zum Feminismus schaffen zu wollen, sehr stimmig. Ausgesprochen problematisch ist jedoch die Form der deutschen Übersetzung. Der Begriff “Woman of Color” wird mehrfach als “farbige Frau” übersetzt, und die Verwendung des kolonialgeschichtlich-rassistisch geprägten Begriffs verunmöglicht es, das Buch uneingeschränkt weiterzuempfehlen.

Jana Sämann 

(Praktikantin von August bis Oktober 2018 beim Bildungsprojekt „Diversity Box“ zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, http://www.diversitybox.jugendkulturen.de)

Einladung zum Fachtag „Jugendkulturen und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ – Schwerpunkt Antisemitismus

  1. Dezember 2018, 12.00 Uhr bis 18.00 Uhr

Archiv der Jugendkulturen e. V., Fidicinstraße 3, Haus B, 10965 Berlin, U-Bhf. Platz der Luftbrücke (U6)

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleg*innen, liebe Interessierte,

wir laden Sie herzlich zu unserem kostenfreien Fachtag „Jugendkulturen und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“  mit dem diesjährigen Schwerpunkt Antisemitismus ins Archiv der Jugendkulturen e. V. ein. Auf dem Fachtag werden wir nach einem Vortrag einer externen Expert*in und einem Panel mit Szenegänger*innen aus HipHop, Techno, Ultras und Popkultur zu Antisemitismus und Jugendkulturen unsere diesjährige Arbeit im Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ resümieren, konkrete Ergebnisse vorstellen und diskutieren. Wir freuen uns über Ihre Teilnahme und bitten bis Montag,

  1. Dezember 2018 um schriftliche Anmeldung unter presse@jugendkulturen.de.

Programm

12.00 Uhr           Begrüßung, Gabriele Rohmann, Leiterin Archiv der Jugendkulturen e. V.

12.15 Uhr           Vortrag und Diskussion „Mach doch keine Judenaktion!“

Aktuelle Befunde aus der Forschung zu Antisemitismuserfahrungen von Jugendlichen im Alltag und in der Schule“

Referent*in:  Prof. Dr. Julia Bernstein, Professorin für soziale Ungleichheiten und

Diskriminierungserfahrungen, Frankfurt University of Applied Sciences

Wie kommt es, dass 73 Jahre nach dem Holocaust das Schimpfwort „Du Jude“ das am meisten verbreitete Schimpfwort auf dem deutschen Schulhof geworden ist? Wie verbreitet und relevant ist das Problem und aus welchen Komponenten besteht es? Wie wird Rassismus gegen Antisemitismus ausgespielt? Welche Stereotype sind importiert und welche hausgemacht? Was ist der Unterschied zwischen legitimer Kritik an Israel und Antisemitismus? Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es in Schule und Alltag?

Prof. Dr. Julia Bernstein ist Professorin für soziale Ungleichheiten und Diskriminierungserfahrungen im Fach Soziale Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Antisemitismus, Fremdfeindlichkeiten und Rassismen in Institutionen, visuellen Medien und im Alltag, Migrationsprozesse durch Transnationalisierungsperspektiven, Interkulturalitätsfragen, Migrationsprozesse russischsprachiger Juden in Israel und Deutschland, Jüdische Identität im gesellschaftlichen Wandel, Stereotypisierungs- und Ethnisierungsprozesse. In ihrer Arbeit kombiniert sie qualitative Forschungsmethoden (Ethnographie und Biographieforschung) mit alternativen Kunstmedien. Publikationen u.a. 2016-2017: Ein Studienbericht im Auftrag des zweiten Unabhängigen Expertenkreises des Deutschen Bundestages zu Antisemitismus: „Jüdische Perspektiven auf. Antisemitismus in Deutschland.“ Andreas Zick, Andreas Hövermann, Silke Jensen, Julia Bernstein,

Natalie Perl:        https://uni-bielefeld.de/ikg/daten/JuPe_Bericht_April2017.pdf

14.00 Uhr            Mittagspause mit Imbiss und Möglichkeit für Networking und Besichtigung der Archiv-der-Jugendkulturen-Ausstellungen „Der z/weite Blick“ über Jugendkulturen und Diskriminierungen und „New Faces – Mit Kultur und Medien gegen  Antisemitismus“

15.00 Uhr            Panel „Antisemitismus in Jugend- und Popkulturen“

Teilnehmer*innen:  Prof. Dr. Julia Bernstein, DJ Freshfluke (HipHop, Berlin), Christian Werthschulte

(Politikredakteur der Kölner Stadtrevue, berichtet über Pop und Politik für taz, Jungle World, WDR, Deutschlandfunk Kultur und die Buchreihe „testcard“), Paula Scholz (Fußball / Ultras, Mitbegründerin des Netzwerks Erinnerungsarbeit, Hamburg), resom (resident dj, ://about blank, berlin)

16.30 Uhr            Pause

16.45 Uhr           Vortrag „Diskriminierungen in Jugendkulturen: Erkenntnisse aus Interviews mit Szene-Gänger*innen“

Referent: Carsten Janke, Kulturwissenschaftler M.A. und Journalist, Berlin

17.30 Uhr          Präsentation des neuen Intervention-Sets zu Antisemitismus des Archivs der Jugendkulturen

Referent*innen: Team des Archivs der Jugendkulturen

18.00 Uhr             Ausklang mit Ausstellungen und Snacks

A Typical Girl

Viv Albertine
A Typical Girl
[Clothes, clothes, clothes. Music, music, music. Boys, boys, boys: a memoir]
Suhrkamp, 2016
478 S.
18,00€

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Lektüreseminars „40 Jahre Punk“ an der Universität Oldenburg unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Binas-Preisendörfer enstanden.

Bild_Albertine„Wer seine Autobiografie schreibt, ist entweder bescheuert oder pleite. Bei mir ist es ein bisschen was von beidem“, schreibt Viv Albertine. Welch ein Glück, denn so erleben wir in ihren Memoiren „A Typical Girl“ mit, wie sie Gitarristin bei den Slits wird, in der Punk-Szene abhängt, welche Mode-Leidenschaften sie hat und in welche Beziehungsgeflechte sie gerät.

A Typical Girl dokumentiert das Lebensgefühl der frühen Punk-Bewegung. Ehrlich, authentisch, fesselnd, lustig und ernst – die Biografie ist nicht nur ein Bekenntnis einer Musikerin in einer bewegten Zeit. Sie ist auch ein Bericht versuchter Rebellion und neuer Lebensentwürfe. Schon der Name der Band The Slits war eine Provokation. „Die Schlitze“, waren in zweifacher Hinsicht Avantgardistinnen des Punk: als Musikerinnen und vor allem als Frauen.  Den Status als eine der einflussreichsten britischen Punkbands mussten sie sich aber hart erkämpfen. So durften sie auf der Tour mit The Clash zum Beispiel in keinem der Hotels übernachten. Sie reagierten auf diese Diskriminierung umso hemmungsloser. „Wir werden behandelt wie Außenseiter, also benehmen wir uns auch so“, beschreibt es die Slits-Gitarristin.

Wer sich für Punk interessiert, kann in der Autobiografie von Albertine, sicherlich noch Neues erfahren. Besonders ihre Wegbegleiter spielen eine wichtige Rolle. Ob die sprunghafte Beziehung zu Mick Jones von The Clash oder die Bekanntschaft mit Sid Vicious, Bassist der Sex Pistols. Doch auch Randfiguren gibt Albertine eine Bühne. Besonders, wenn es sich dabei um Frauen handelt. Sie nimmt fast jede Frau zur Kenntnis, die für sie in irgendeiner Art und Weise interessant erscheint.Die Geschichte von Viv Albertine ist nicht nur eine über Musik. Es ist eine Geschichte über Solidarität und Liebe zwischen Frauen, die sich gegenseitig stärken und inspirieren.

Mit dem Musikerleben und dem Rampenlicht ist es auf der B-Seite, dem zweiten Teil des Buches, aber bald vorbei. Sie hat nicht so viel Wirbel und Wumms wie die A-Seite, sondern schlägt ruhigere Töne an. Die Slits trennen sich im Jahr 1981. Der Verlust der Band trifft Viv Albertine schwer. Sie verschwindet nicht nur von der Bildfläche, sondern entfernt sich von sich selbst. Sie schreibt über eine Frau, die einen Mann heiratet, weil er technisch begabt ist und Geld verdient. Ihre Leidenschaft, die Musik, stellt sie zurück, damit die Ehe funktioniert. Die Frau, die Viv Albertine in der zweiten Hälfte ihrer Biografie beschreibt, ähnelt nicht mehr der kompromisslosen und leidenschaftlichen Musikerin der A-Seite. Es folgen etliche Tiefschläge: Fehlgeburten, Gebärmutterhalskrebs und zuletzt das Scheitern ihrer Ehe. Dennoch arbeitet Albertine mutig ihre Ängste auf und zeigt den langen, oft schmerzhaften Prozess zwischen Selbstverwirklichung und Selbstaufgabe. Es dauert viele Jahre, bis sie wieder auf die Bühne steht. Dennoch schafft sie es, sich selbst und ihrem Umfeld zu beweisen, welche Stärke in ihr steckt. Sie tritt mit den New Slits auf, nimmt sogar ein Solo-Album auf.

A Typical Girl ist ein schonungsloses, ehrliches und außerordentlich sympathisches Buch. Man kann lesend miterleben, wie aus einem unsicheren Mädchen eine reife Frau wird. Besonders außergewöhnlich ist auch die Aufteilung. In 95 kurzen, mal mehr und mal weniger ausführlichen Kapiteln, schreibt Viv Albertine assoziativ, persönlich und schreckt auch vor derber Sprache nicht zurück. Dabei wird sie nie ausfallend oder taktlos, sondern schafft es, ihre Geschichten ausdrucksstark zu erzählen. Die authentischen Geschichten und die erzählerische Kraft verleiht den Memoiren die besondere Stärke.

Laura Ranko