Techno Studies

Kim Feser / Matthias Pasdzierny (Hg.)
Techno Studies. Ästhetik und Geschichte elektronischer Tanzmusik
b_books 2017
248 Seiten
20 Euro
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In den 1990er Jahren schieden sich akademische und andere Geister an der seinerzeit immer populärer werdenden ,Maschinenmusik‘ Techno und den damit einhergehenden sozialen Praxen. Während die Musikwissenschaft die repetitiven Patterns und neuartigen popmusikalischen Sounds nur in Ausnahmefällen überhaupt einer näheren Betrachtung für wert befand, um sie dann etwa als „reizlos“ abzutun (Jerrentrup 1992), bot die Jugendkultur Techno der Kulturwissenschaft und Soziologie ein weiteres, offensichtlich willkommenes Untersuchungsfeld (u.a. Poschardt 1995, Klein 1999, Hitzler/Pfadenhauer 2001).

Auch die Technoszene selbst zeichnete sich in Teilen durch ein hohes Maß intellektueller Reflexion aus, die zunächst zumeist in diversen szeneinternen Magazinen ihren Niederschlag fand. Mit Techno (Anz/Walder 1995) lag darüber hinaus bereits recht früh ein bemerkenswertes Kompendium vor, in dem Szene-Protagonisten die Geschichte und den seinerzeitigen Status von Techno aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Zugängen darstellten.

Die unlängst erschienene Publikation Techno Studies: Ästhetik und Geschichte Elektronischer Musik (Feser/Pasdzierny 2016) greift nicht nur die Covergestaltung von Techno auf, sondern auch dessen zugrunde liegende Konzeption[1]. Allerdings beschäftigen sich viele der Beiträge in Techno Studies mit methodologischen Problemen bei der Erforschung und Darstellung des Phänomens Techno und stellen insofern Reflexionen bisheriger Reflexionen des Genres und seiner Protagonisten dar, was zu begrüßen ist.

Die wissenschaftliche Arbeit der Rekonstruktion und Interpretation lebensweltlicher Phänomene, aber auch die Reflexion so erarbeiteter Darstellungen, basiert notwendigerweise vielfach auf unterschiedlichsten Quellenmaterialien. Daniel Schneider, Mitarbeiter des Berliner Archivs der Jugendkulturen, erläutert in dem Artikel Party im Schuber (Schneider 2016) seine diesbezüglichen Aktivitäten. Dabei wird deutlich gemacht, dass einerseits eine Anbindung von Forschenden an die Technoszene sehr hilfreich ist, anderseits aber gerade bei kritischer Forschung eine neutrale Position gegenüber deren verschiedenen Fraktionen und entsprechenden Auseinandersetzungen geboten erscheint (92 f.).

Die akademische Beschäftigung mit Techno sowie den damit einhergehenden sozialen, kulturellen und körperlichen Praxen lassen sich unter dem Label ‚Electronic Dance Music Culture Studies‘ (EDMCS) subsumieren. Dieser Ansatz geht mit einem allgemeinen „practice turn“ der Humanwissenschaften einher, wie Rosa Reitsamer in ihrem Beitrag Die Praxis des Techno (Reitsamer 2016) betont. Die Nähe von Forschenden zum jeweils untersuchten Phänomen, etwa durch die Methode der teilnehmenden Beobachtung, bietet einerseits Chancen, immenses, teilweise internes Wissen zu erlangen, kann aber zu methodologischen und ethischen Problemen führen, was ein klassisches, aber wohl reflektiertes Dilemma der Ethnographie darstellt (Bernhard 2011: 256 ff.).

Mit Hilfe von vier Interviews mit Forschenden weist Luis-Manuel Garcia in seinem Artikel Anonym, verkörpert, anders (Garcia 2016) in Techno Studies auf weitere oder zumindest intensivierte Problematiken ethnographischer Feldarbeit in queeren Szenen hin. Deren spezifische Bedingungen erfordern teilweise neue Forschungsmethoden. Darüber hinaus plädiert Garcia, mit Bezug auf Eve Kosofsky Sedgwick (2003), überzeugend für die Anwendung eines Konzeptes der ,schwachen Theorie‘, das die jeweiligen lokalen und sozialen Kontexte beachtet und detailliert untersucht[2].

Die Oral History stellt ebenfalls die erwünschte Nähe zum Untersuchungsgegenstand durch Interviews mit Zeitzeugen her. Mehrere Veröffentlichungen der letzten Jahre (Teipel 2001, Denk/von Thülen 2012, Esch 2014) haben diesen Ansatz publikumswirksam auf die historische Darstellung populärer Musik übertragen, wurden allerdings auch kritisch betrachtet (Kaul 2015). Die TV-Dokumentation We Call It Techno!‘ rekonstruiert mit Hilfe einer Montage von Zeitzeugeninterviews den Beginn von Techno in Berlin. Julia Keilbach (2016) weist in ihrem Artikel in Techno Studies zurecht darauf hin, dass auch in diesem Film die Auswahl und Anordnung der Interviewausschnitte letztendlich lediglich ein bereits bestehendes Narrativ des ,versteckten‘ Autors illustrieren (Keilbach 2016: 97). Dieses blendet überdies die internationale Dimension von Techno und die Rolle homosexueller Akteure nahezu aus (101 f.). Durch die gewählte Form der Montage und die kurze Dauer der jeweiligen Passagen werden die methodischen Vorgaben der Oral History nicht erfüllt (97 f.), sodass eine durchaus gegebene Chance zu einer nüchterneren Rekonstruktion dieser immens wichtigen und spannenden Frühphase der Techno-Geschichte nicht genutzt worden ist.

Auch in Matthias Pasdziernys hervorragendem Artikel ‚Das Nachkriegstrauma abgetanzt‘? finden sich Hinweise auf bestehende Problematiken bezüglich der Aussagen von Zeitzeugen. Pasdzierny skizziert, wie zunächst Artikel in massenmedialen Formaten die hedonistische Techno-Bewegung und das Event der Loveparade als Absage an die Traumata der deutschen Geschichte und als Beginn einer neuen, ,gereinigten‘ deutschen Identität interpretierten (Pasdzierny 2016: 115 ff.). Dieses Narrativ scheint nachfolgend jedoch auch die Erinnerung von damaligen Protagonisten erheblich beeinflusst zu haben, was mit dazu beitrug, dass Techno ein, mittlerweile selbstverständlich wirkender Bestandteil des ,Soundtracks der Wende‘ werden konnte (siehe u.a. Denk/von Thülen 2012).

Neben Trance erwies sich Minimal als weiteres Technosubgenre in Deutschland als besonders wirkungsmächtig und erscheint dadurch zugleich vielfach als ,deutsch‘ konnotiert. Diese Entwicklung und Diskurse um ,Minimal‘, als Genre-Präfix oder auch ästhetisches Paradigma jeglicher elektronischer Populärmusik, werden von Sean Nye in seinem sehr interessanten Artikel Von ,Berlin Minimal‘ zu ,Maximal EDM‘ (Nye 2016) kritisch betrachtet. Der Film Fraktus (Germany 2012) erzählt einen offensichtlich ,gefaketen‘ Mythos vom Ursprung des Techno im Kontext der experimentelleren Varianten der Neuen Deutsche Welle (NDW). Trotz des fiktionalen Charakters des Films ist diese These nicht ganz so abwegig, wie sie zunächst vielleicht erscheinen mag, zumindest aus heutiger Perspektive betrachtet. Dies wird im Gespräch der Musiker Jacques Palminger and Carsten Meyer, aka Erobique in Fraktus – ein Techno-Mythos (N.N. 2017: 139 ff.) deutlich.

Barbara Volkwein legte 2003 mit What´s Techno eine erste umfassendere deutschsprachige musikwissenschaftliche Arbeit zu diesem Genre vor. In ihrem Beitrag Klangzeitgeschehen (Volkwein 2017) beschreibt sie nun im Rahmen von Techno Studies ihr heutiges musikwissenschaftliches Konzept. Angesichts der methodologischen Probleme bei der Analyse von Techno-Tracks schlägt sie eine Kombination von traditionellen und neuen Methoden vor, wobei zu den letzteren auch die teilnehmende Beobachtung und die Beschreibung von Sounds und klanglichen Texturen gehört[3].

Die Richtigkeit dieser Herangehensweise an das für Techno zentrale, aber für die Musikwissenschaft bisher analytisch problematisch bleibende Phänomen Sound wird von dem Artikel Boomende Bässe der Disco- und Clubkultur (Papenburg 2016) bestätigt und um zusätzliche Aspekte erweitert. Jens Gerrit Papenburg weist zunächst völlig zurecht auf die immense Bedeutung von Klub-Anlagen und anderen technische Aspekte, wie etwa das Schneiden von Maxi-Singles, für die Reproduktion und Rezeption von Dance Musik seit den 1970er Jahren hin, die sich auch in der Produktion von Tracks niederschlagen. Die,aus diesen technischen Spezifika resultierenden  körperlichen Aspekte des ,Klub-Erlebnisses‘ werden im Rahmen konventioneller musikwissenschaftlicher Analyse nicht wahrgenommen, wodurch zugleich ein zentraler ästhetischer Aspekt dieser Art von Musik ignoriert wird (195).

Bei der Produktion von Techno und anderen Stilen elektronischer Populärmusik spielten Sequenzer, die repetitive Pattern (,Loops‘) erzeugen, von Anbeginn an eine zentrale Rolle, woraus sich auch ästhetische Implikationen ergeben. Mitherausgeber Kim Feser weist in seinem Beitrag Ein Sequenzer kommt selten allein (Feser 2016) darauf hin, wie etwa Moog- Synthesizer oder die Drum-Machine Roland 808 und insbesondere deren Kombination die bestehenden Unterscheidungen zwischen Musikern, Instrumenten und Maschinen sowie zwischen Komposition und technisch generierten Prozessen oder zwischen digitaler Software und analoger Hardware in Form von elektronischen Instrumenten  verwischen. Die Stile der elektronischen Populärmusik sind gekennzeichnet durch ein komplexes Wechselspiel zwischen technischen Innovationen, ästhetischen Diskursen und einer musikalischen Praxis (235), die auch ,falsche‘ Verwendung von ,Geräten‘ impliziert (232).

Insofern kann dieser Art von Musikproduktion, zumindest teilweise, auch als experimentell bezeichnet werden, was im Artikel Kreuzmodulationen (Goldmann 2016: 162) deutlich wird. Goldmann unternimmt an dieser Stelle den höchst interessanten Versuch, eine Techno-Ästhetik zu skizzieren, die auf der auditiven Wahrnehmung des musikalischen Materials basiert. Dessen Ausgangsmaterial wird, im mittlerweile als ,klassisch‘ zu charakterisierenden Ansatz, vor allem durch ein jeweils gewähltes ,line-up‘ verschiedener elektronischer Instrumente erzeugt und mit Hilfe von Filtern, Effekten sowie mit Hilfe der FM-Synthese umfangreichen Sound-Manipulationen unterzogen.

Während Stefan Goldmann auf die theoretischen Konzeptionen des neuronalen Lernens Bezug nimmt, zieht Martha Brech in ihrem Beitrag Zwischen den Ohren (Brech 2016) erneut die mittlerweile wohl mehr als bekannte Verbindungslinie zwischen dem Musikstil Techno und der poststrukturalistischen Philosophie von Gilles Deleuze and Félix Guattari (Deleuze/ Guattari 1997), die explizit durch die Aktivitäten des Frankfurter Labels Mille Plateaux propagiert worden ist. Diese Art von höchst konzeptionell angelegtem Techno und die umfassende theoretische Reflexion seiner vorgeblich ,deterritorialisierenden‘ Effekte hatte ihre Hochzeit in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre. Heutzutage böten denn auch das Genre Glitch Hop und nachfolgende Entwicklungen sicherlich geeignetere Forschungsobjekte für derart basierte musikästhetische Überlegungen.

Diedrich Diederichsen verweist in seinem Beitrag Vom Ereignis erzählen (Diederichsen 2107) auf eine oft angenommene gegenkulturelle Dimension von Techno. Dabei sieht er insbesondere den Aspekt der körperlichen Erfahrung in einer psychedelischen, zumindest nicht explizit politischen Tradition der 1960er Jahre.

Der Kulturwissenschaftler Jochen Bonz geht in seinem Artikel Am Nullpunkt der Identifikation (Bonz 2017) der höchst interessanten Frage nach den ,Bedeutungen‘ der überwiegend instrumentalen Musik Techno nach. Dem bereits erwähnten poststrukturalistisch inspirierten Interpretationsansatz einer alternativen Identifikation des Subjektes und dessen potentieller Befreiung mittels Techno ( Gilbert/Pearson 1999) stellt er die These gegenüber, dass gerade Techno flüchtige Formen der Identifikationen anbietet, die mit seiner semantischen und semiotischen Offenheit korrespondieren (Bonz 2016: 47 ff.).

Demgegenüber ließe sich aus musiksoziologischer Sicht sicherlich einwenden, dass sich zahlreiche Protagonisten der Techno-Szene sehr wohl längerfristig mit bestimmten Künstlern, Tracks, Labels oder auch Klubs dieses Bereiches identifizieren. Dass Techno denn auch längst nicht so fernab genereller Konventionen Populärer Musik ist, wie gelegentlich behauptet und in Techno Studies teilweise wiederholt wird, macht der Artikel Kommunikative Strategien und Ideologien von Liveness bei Laptop-Performances (Butler 2016) deutlich. Dort analysiert der Musikwissenschaftler Mark Butler, wie durch die Performance von DJs die bekannte Kategorie ,Authentizität‘ auch im Bereich elektronischer Populärmusik reaktualisiert wird.

Rosa Reitsamer weist in ihrem Artikel, dies ergänzend, völlig zurecht darauf hin, dass das körperliche Agieren von DJs im Klub ebenso Teil ihres subkulturellen Kapitals (Thornton 1995) ist wie etwa ihr Wissen um das jeweilige Genre oder die ,Selection’ ihrer Sets. All dies muss im Kontext bestehender Szene-Hierarchien sicherlich kritisch gesehen werden, die insbesondere mit der Kategorie ‚Gender‘ einhergehen (Reitsamer 2016: 32 ff.).

Schon früh etablierte und gelegentlich noch immer anklingende ,Techno-Ideologien‘ einer egalitären und prinzipiell widerständigen Szene erscheinen als vor allem durch den jeweiligen politischen Standpunkt geprägte Projektionen von Protagonisten, die gerade durch szeneinterne Medien verbreitet worden sind (u.a. Laarmann 1994) und wohl auch von manchem Analysten allzu unkritisch aufgegriffen wurden. Des Weiteren führt eine leider ebenfalls nicht selten anzutreffende, unzureichende Wahrnehmung und Reflexion des afro-amerikanischen Ursprungs von House und Techno zu Fehlinterpretationen. Bei Beachtung dieser Traditionslinie erscheinen denn auch musikalische Charakteristika, wie repetitive Patterns oder intensive Soundmanipulationen, weder als reines Ergebnis neuer technischer Möglichkeiten oder gar als plötzlicher Bruch in der Musikgeschichte, sondern vielmehr als zentrale stilistische Merkmale, die auch in Genres wie etwa Rhythm’n’Blues, Funk, Disco oder Hip-Hop zu finden sind.

Trotz dieser kritischen Anmerkungen zur bisherigen Reflexion über Techno, stellt die Publikation Techno Studies: Ästhetik und Geschichte Elektronischer Musik (Feser/ Pasdzierny 2016) sicherlich einen sehr wichtigen neuen Beitrag zu einem kritischen Diskurs rund um Genres dar, die auch unter dem – mittlerweile nicht mehr unproblematischen (Rietvield 2013: 2 f.) – umbrella term EDM (Electronic Dance Music) subsumiert werden[4].
Anmerkungen

[1] Der DJ, Journalist und langjähriger Herausgeber der De:Bug Sascha Kösch ist überdies als Autor in beiden Veröffentlichungen vertreten.

[2] Dieser Ansatz erscheint allerdings nicht nur im Zusammenhang mit der ethnographischen Forschung in queeren Szenen sinnvoll.

[3] Irritierend wirkt allerdings, dass der Untertitel von Volkweins Artikel „Werkanalyse elektronischer Clubmusik“ (Volkwein 2016: 171) lautet. Hier mag der Begriff der Werkanalyse in rhetorischer Absicht verwendet worden sein, allerdings geht ja auch aus dem Beitrag hervor, dass die traditionellen Analysekriterien der Musikwissenschaft, die eben an ,Werke‘’ wie etwa Symphonien entwickelt wurden, unzureichend sind. Daher scheint es geboten, auch terminologisch die Eigenständigkeit popmusikalischer Analytik zu betonen und in diesem Zusammenhang den ideologisch überfrachteten Begriff des ,Werkes‘ außen vor zu lassen, zumal sowohl Produktion und Rezeption elektronischer Clubmusik denn auch erhebliche Unterschiede zu der von ,Werken‘ aufweist. Interessanterweise spricht dann auch Martha Brech im Untertitel ihres Artikels von „konzertante[m] und hörorientierte[m] Techno“ (Brech 2016: 183). Auch dies ist missverständlich, da Techno auch als ,reine’ Tanz- und Clubmusik zweifelsohne auditiv wahrgenommen wird. Darüber hinaus haben die Veröffentlichungen des Labels Mille Plateaux, auf die Brech sich bezieht, nur höchst bedingt jenen ,konzertanten‘ Charakter, den die Neue Musik von Karlheinz Stockhausen und anderen, in der europäischen Kunstmusiktradition stehenden Komponisten, auszeichnet.

[4] Hillegonda Rietvield weist völlig zurecht darauf hin, dass der Begriff EDM mittlerweile eine kommerziell motivierten stilistischen Verengung erfahren musste (Rietvield 2013: 2 f.).

Timor Kaul

Die Rezension erschien zuerst inklusive einer ausführlichen Literaturliste auf der Webseite der Pop-Zeitschrift.

Bibliographie zu wissenschaftlicher Literatur über Zines

Heute ist der letzte Tag des diesjährigen International Zine Month #IZM2017. Und weil wir im Archiv der Jugendkulturen nicht nur gerne Zines lesen und sammeln, sondern auch darüber forschen und die Ergebnisse dieser Forschung mit und über Zines öffentlich zugänglich machen, gibt es heute deshalb kein weiteres Zine of the Day wie in den letzten Tagen. Stattdessen erfolgt ein Hinweis in eigener Sache.

Wie wir selbst in der Vergangenheit immer wieder feststellen mussten, ist es nicht einfach, an wissenschaftliche Literatur über Zines zu gelangen. Die mehrheitlich englischsprachige Fachliteratur findet man hierzulande oft nur selten oder gar nicht in öffentlichen Bibliotheken und kann oft nur über einen teuren Zugang zu Online-Datenbanken beschafft werden. Einen  Überblick über den aktuellen Stand der Forschung mit und über Fanzines zu bekommen, ist deshalb oft kaum möglich, wenn die entsprechenden zeitlichen und finanziellen Ressourcen dafür  fehlen.

Im Rahmen eines im Archiv angesiedelten Teilprojektes des Forschungsverbundes JuBri – Techniken jugendlicher Bricolage ist vor kurzem eine solche umfassende und für den deutschsprachigen Raum bislang einzigartige Bibliographie mit wissenschaftlicher Literatur über (Fan-)Zines (v. a. auf Deutsch und Englisch) entstanden, die von mehreren MitarbeiterInnen des Archivs über mehrere Jahre sorgsam erarbeitet wurde und regelmäßig aktualisiert werden soll.

Die nach thematischen Bereichen und Szenen sortierte Literaturliste umfasst auf 36 DIN A4-Seiten weit über 600 Monographien, Sammelbänden, Aufsätzen und Online-Quellen zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit und über Zines. Sie bietet damit einen umfassenden und aktuellen Überblick über die bisherige Fanzine-Forschung und ist ein hervorragendes Hilfsmittel für alle, die sich wissenschaftlich, journalistisch oder einfach aus persönlichem Interesse mit der Geschichte und Gegenwart von Fanzines beschäftigen möchten.

Die Bibliographie (Stand: März 2017) kann als PDF kostenfrei hier heruntergeladen werden. Ein Teil der dort verzeichneten Publikationen kann kostenfrei in der Bibliothek des Archivs eingesehen werden.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2017 #zine-research #bibliography #punk-science #zine-literature #zine-history

Zine of the Day: Abgang #1 (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Im Rahmen unseres aktuellen Digitalisierungsprojektes UnBoxing haben wir uns mit Zines aus unserer Sammlung beschäftigt, die in Hinblick auf ihre Haptik und Materialität auffällig sind. Ein Zine, das bei mir einen besonders starken Eindruck hinterließ, ist ein Exemplar von Abgang #1, einem Heft, das sich um diverse Abgründe der menschlichen Existenz dreht – u. a. um Depressionen, Suizid, Drogensucht, Essstörungen, Leid, Schmerz, Zerrissenheit und Hass auf die Gesellschaft.

Der Inhalt ist also schon recht anstrengend und belastend, die Leseerfahrung wird aber durch die Materialität des Zines noch verstärkt, so stark, dass ich beim Lesen zunehmend Bauchschmerzen bekam. Das Zine ist an sich „nur“ ein düsteres s/w-Heft im A5-Format, allerdings hat diese Ausgabe einen Umschlag aus einem schweren, geölten und leicht rauchig riechenden Stoff. Wo dieser Stoff herkommt, ist nicht ganz klar. Er könnte aus einem militärischen Kontext stammen, vielleicht von einem Rucksack oder einem Zelt stammen.

Wenn man nun dieses Zine in den Händen hat, bekommt man beim Lesen zunehmend ölige, dreckige Finger und der Geruch des Stoffes steigt in die Nase – das Lesen hat also eine starke sinnliche Komponente, die durch das benutzte Material hervorgerufen wird und die düsteren und teilweise verstörenden Inhalte unterstreicht und verstärkt. Auch das Papier ist durch den Kontakt mit dem Stoff inzwischen etwas ölig geworden. Dadurch wirkt das Papier älter als es eigentlich ist (es erschien ca. 1999). Außerdem enthält das Zine einen kleinen Zettel, der mit einer extrem rostigen Büroklammer befestigt ist. All dies macht das Heft zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk, das starke Gefühle auslösen kann und beunruhigende Bilder von schwer depressiven, die Welt hassenden Menschen hervorruft.

Daniel

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#IZM2017 #Materialität #Zine #Perzine #Drogen #Suizid #Essstörungen

Zine of the Day: Xerography Debt (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Xerography Debt #40Xerography Debt gehört zu der heute äußerst rar gewordenen Spezies der sog. „Review Zines“. Unter der Bezeichnung versteht man Zines, die zum überwiegenden Teil aus den Besprechungen anderer Zines und Artikeln über Zine-relevante Themen bestehen.
Das wohl bekannteste Review Zine war Factsheet Five, das 1982 bis 1998 in den USA erschien und dieses Zine-Genre – wie kein anderes Review Zine – bis heute nachhaltig geprägt hat. Die Idee dahinter war folgende: Jedes Zine, das an dieses Review Zine geschickt wurde, wurde – so bizarr oder speziell es auch war – in einer Ausgabe von Factsheet Five rezensiert. Die Herausgeber*innen der eingesandten Zines erhielten im Gegenzug ein Belegexemplar dieser Ausgabe, die aber eben nicht nur die Besprechung ihres eigenen Hefts sondern auch das von hunderten anderen Zines enthielt. Auf diese Weise erfuhren Zine-Macher*innen aus allen möglichen lokalen und subkulturellen Kontexten, was es neben ihren Zines an weiteren aktuellen Publikationen gab. So trug Factsheet Five überhaupt erst zu einer szeneübergreifenden Vernetzung von Zinesters und der Herausbildung einer eigenständigen Zine-Kultur bei, wie wir sie heute kennen.

Im Kielwasser von Factsheet Five erschienen bis in die 2000er Jahre hinein diverse andere Review Zines wie beispielsweise Free Press Death Ship (USA), Zine Nation (USA), Zine World (USA) oder ZineZine (Deutschland). Mit der zunehmenden Verbreitung von Web 2.0-Technologien übernahmen Weblogs nach und nach die Funktion der bis dahin (fast) ausschließlich gedruckten oder kopierten Review Zines.

Das Xerography Debt ist eines der wenigen aktuellen Review Zines, die noch auf Papier erscheinen. Die langjährige Zine-Aktivistin Davida Gipsy Breyer aus Maryland (USA) veröffentlichte die Debütausgabe 1999. Über die Jahre gelang es ihr, weitere Mitstreiter*innen für Xerography Debt zu gewinnen, die regelmäßig nicht nur Artikel zu Zines-relevanten Themen, sondern vor allem auch eine beachtliche Menge an Zine-Besprechungen zu jeder Ausgabe beisteuern. Das Heft wird inzwischen von einer Vielzahl von erfahrenen und internationalen Zinesters geschultert, die zum Teil schon seit über 20 Jahren aktiv sind. Außer Davida, die neben Xerography Debt schon seit einer gefühlten Ewigkeit das Leeking Ink und The Glovebox Chronicles macht, sind unter anderem der in Japan lebende Mail Artist Gianna Simone, Joe Biel vom Zine-Distro Microcosm Publishing aus Portland (USA), die Comic-Zine-Zeichnerin Anne Thalheimer (USA), der seit den 1990er Jahren aktive Zine-Herausgeber und Gründer der Austin Zine Library, Josh Medsker sowie Stuart Stratu aus Marrickville (Australien) oder Carlo Palacios aus Frankfurt am Main. Jede*r dieser Mitautor*innen besitzt einen eigenen Schreib- und Besprechungsstil und bedient unterschiedliche Zine-relevante Themen – und zwar immer aus einer durchweg persönlichen und subjektiven Perspektive. Das macht Xerography Debt nicht nur zu einem inhaltlich umfangreichen, sondern auch zu einem durch und durch spannend zu lesenden Review Zine, das bisweilen sogar wie ein mehrstimmiges Perzine erscheint. Sein Untertitel lautet deshalb vollkommen zu Recht „The Review Zine With Perzine Tendencies!“

Xerography Debt #41

Xerography Debt erscheint aktuell zwei Mal im Jahr. Jede Ausgabe bietet dadurch einen kompakten Überblick über aktuelle Zines und Zine-relevante Themen der letzten sechs Monate. Vor wenigen Wochen erschien mit Xerography Debt #41 die neueste Ausgabe. Auf insgesamt 76 Seiten beinhaltet sie neben diversen Kolumnen, Interviews und Berichten zu Zines mehr als 150 Zine-Kritiken.

Weitere Informationen zu Xerography Debt gibt es auf der Zine-eigenen Webpage von Davida. Dort sind auch zahlreiche ältere Ausgaben als kostenfreie PDFs abrufbar. Und wem die Zeit zwischen den einzelnen Ausgaben zu lange ist, sollte hin und wieder einen Blick auf den Xerography Debt-Weblog oder die Facebook-Seite des Zines werfen. Dort werden regelmäßig weitere Zine Reviews, Nachrichten und Veranstaltungshinweise aus der Welt der Zines veröffentlicht.

Und selbstverständlich hat das Archiv der Jugendkulturen die Ausgaben der letzten Jahre ebenfalls in seinem Bestand. Interessierte können sie dort zu den Öffnungszeiten kostenfrei einsehen.

Christian

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#IZM2017 #reviewzine #zinesters #perzine #zineoftheday #zinereviews

Zine of the Day: Modernes Fleisch #2 (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugend-kulturen als „Zine of the Day“ vor…

Modernes Fleisch 1

Modernes Fleisch #2

 

Es war ein A4-Heft im wüsten Schnippel-Layout, das ich ca. 2002 im AJZ Bielefeld von Malte in die Hände gedrückt bekam. Modernes Fleisch hieß das Zine, es war die 2. Ausgabe und auf dem Cover waren die Despoten des letzten Jahrhunderts in trauter Eintracht zu sehen. Malte war damals ein sehr junger Punker aus den Vorstadtdörfern, den ich schon bei einigen Konzerten getroffen hatte. In den Jahren um die Jahrtausendwende hatten mich viel zu viele Zines gelangweilt und es war seit Ewigkeiten das erste Mal, dass ich mir wieder ein Zine aufschwatzen ließ. Bis dato hatte ich den Eindruck, dass es nur noch die Wahl gab zwischen dem total neurotischen Ego-Zine oder dem boring Punkheft mit den immer gleichen anbiedernden Rezensionen und langweiligen Konzertberichten.

Beim Modernen Fleisch war es anders und es gab einen ganz schönen Deutsch-Punk-Rums, der sich beim Lesen in mir ausbreitete. Ja genau, das war es ja, was ich zehn Jahre vorher als Szene-Neuling auch gefühlt hatte und das jetzt als gutes Gefühl auch wieder in mir aufstieg. Dagegen sein, kritisch gucken, was um einen herum passiert und das Ganze natürlich mit dem nötigen trockenen Witz garnieren. Das ganze Zine war nicht darauf angelegt perfekt zu sein, es hatte kein Hochglanz und kein festes Layout wie diese ganzen damalig neuen Computer-Zines. Stattdessen brachte es genau das Gefühl von Malte auf den Punk(t) und das mit den einfachsten Schnippel-Layout-Mitteln, stets unterlegt mit Zitaten von 80er Jahre Deutsch-Punk-Bands. Es ist genau die solide Methode, die es bis heute jedem ermöglicht, ein eigenes Zine herauszubringen und damit der Welt zu erzählen, was man von ihr hält.

 

Inhaltlich gab es vor allem Konzertberichte aus der westfälischen Provinz, Texte zu politischer Haltung, Freundschaften und immer wieder Beiträge zur Punk-Band Hammerhead. Die reflektierte angepisste Abgrenzung von der alteingesessenen Punk-Szene mit ihren Ritualen wird dabei mit einer Direktheit vor sich hergetragen, dass es beim Lesen eine wahre Freude ist. Diese Direktheit hat sich Malte bis heute erhalten.
Malte und ich sehen uns bis heute. Er ist immer noch aktiver Part in der DIY-Punkszene aber macht nur noch selten Zines. Stattdessen hat er immer wieder eine neue Punk-Band und manchmal sogar zwei gleichzeitig.

Jimi

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#IZM2017 #Fanzine #Egozine #Punk #Deutsch-Punk

International Zine Library Day

Heute ist International Zine Library Day! Statt anlässlich des International Zine Month 2017 ein weiteres „Zine of the Day“ abzufeiern, lassen wir uns und unsere Fanzine-Sammlung an diesem Tag auch gerne einmal guten Gewissens von euch feiern. 😉

Und falls ihr uns mit einem Präsent beglückwünschen wollt, dann schickt uns eure Zines für unsere Sammlung oder bringt sie zum Zineklatsch #5 am 26.07.2017 einfach persönlich vorbei. Ein schöneres Geschenk könnt ihr uns kaum machen!

In diesem Sinne: „Up the Scissors and the Glue Sticks!“

Christian (aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen)

Unsere Online-Datenbank mit einem Teil unserer Zine-Sammlung findet ihr hier.

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#IZM2017 #zines # perzines #zinelibraries #zinelibraryday #archivderjugendkulturen

Zine of the Day: Enpunkt (BRD)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Enpunkt #22

Dem Macher dieses Egozines bin ich zum ersten Mal im Sommer 1995 oder 96 über den Weg gelaufen – und zwar auf einem der beiden Fanzine-Treffen in Neuss (bei Düsseldorf). Ich hatte damals gerade die zweite Ausgabe meines eigenen Fanzines veröffentlicht, während Klaus N. Frick mit seinem Enpunkt bereits bei #25 oder #26 angelangt war. Während ich (Jahrgang 1976) also noch blutiger Anfänger in Sachen Zines war, gehörte Klaus (Jahrgang 1963) schon zu den alten Haudegen unter den Zine-Macher*innen.

Seit seiner Jugend im tiefsten Schwarzwald schlagen mindestens zwei Herzen in der Brust von Klaus: Das erste pochte schon etwas früher und zwar für Science Fiction (vor allem für die Perry Rhodan-Heftreihe) und das zweite kurze Zeit danach für Punk/Hardcore und alles was dazu gehört – von Pogo über Pils bis Politik. Über beide Welten und noch viel mehr schreibt Klaus seitdem – in eigenen Fanzines und in denen von anderen.

Sein erstes eigenes Fanzine namens Sagittarius veröffentlichte Klaus 1980. Die erste Ausgabe hatte noch eine Auflage von 100 Stück. Sagittarius professionalisierte sich über die Jahre aber immer weiter und dementsprechend wuchs die Auflagenzahl auch immer weiter an. Bald schon hatte das Heft ein eigenes Redaktionsteam und einen eigenen Verlag. 1986 ging es sogar in den Kioskverkauf, aber schon 1988/89 wurde es aufgrund der Überarbeitung aller Beteiligten und fehlendem wirtschaftlichen Ertrag wieder eingestellt.

Enpunkt #34

Enpunkt #34

1986, als Sagittarius erstmals in den bundesdeutschen Bahnhofskiosken landete und damit den Schritt vom Fanzine zum Magazin machte, brachte Klaus sein Egozine Enpunkt zum ersten Mal heraus. Er blieb damit dem Fanzine-Machen weiterhin treu und schrieb seitdem über alles, was er erlebte, was ihn interessierte, was ihn aufregte, was ihn faszinierte, was ihn begeisterte oder was ihn belustigte. Das war vor allem eine bunte Mischung aus Konzert- und Reiseberichten (letztere vor allem nach Afrika), Reviews von Platten, Filmen, Comics und Büchern, (selbst-)ironischen Alltagsbeobachtungen und aus Artikeln sowohl über Besäufnisse, Abstürze und Entgleisungen (frei nach dem Enpunkt-Motto „Saufen, Hüpfen, Peinlichsein“), als auch über Chaostage, Antifa-Aktionen oder Hausbesetzungen – und in den späteren Ausgaben auch über das Älter-Werden mit alldem. Die wechselnden Untertitel der Enpunkt-Ausgaben spiegeln auch das inhaltliche Spektrum des Hefts wieder. Sie reichen von „Fanzine für Science Fiction, Punk & Dosenbier“ über „Zeitschrift für angewandtes Spießertum“, „Zeitschrift für abgebranntes Spießertum“, „Das Fanzine für Spät-Pubertierende“, „Die Fachzeitschrift für modernen Ausdruckstanz“, „Zeitschrift für den Hobby-Ethnologen“ bis hin zu „Heft für Punkrock, Reisen & Hochkultur“.

Enpunkt #40

Enpunkt #40

Neben dem Enpunkt schrieb Klaus außerdem regelmäßig für andere Fanzines – in den 1980er Jahren für Willi Wuchers berühmt-berüchtigtes Scumfuck Tradition, in den 1990er Jahren für das legendäre Punk/Hardcore-Zine ZAP von Moses Arndt und nach dessen Ableben bis heute für das Ox.
Das Enpunkt blieb daneben über 20 Jahre eine feste Institution in der deutschsprachigen Fanzine-Landschaft, das in schöner regelmäßiger Unregelmäßigkeit erschien und sowohl innerhalb des Science Fiction-Fandoms als auch in der Punk/Hardcore-Szene seine Liebhaber*innen hatte. Im Sommer 2006 erschien mit Enpunkt #43 dann aber die letzte Ausgabe. Noch während der Arbeit an der Folgenummer entschied sich Klaus, Enpunkt als gedrucktes Heft einzustellen. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur der Perry Rhodan-Heftserie, als Autor von Science Fiction-Geschichten und Punk-Romanen, als Leiter von Literatur- und Schreib-Werkstätten und diversen anderen Beschäftigungen fehlte einfach die Zeit und der Nerv, um mit dem Enpunkt weiter zu machen wie bisher.

Nichts desto trotz ist Klaus N. Frick aber  weiterhin ziemlich umtriebig. Unter dem Namen Enpunkt betreibt er sowohl eine Radiosendung auf Querfunk, dem Karlsruher Freien Radio, als auch seit 2005 einen Blog, in dem er beinahe täglich seinen Senf zu all dem gibt, was ihm (immer noch) unter den Nägeln brennt. In einem Interview im Polytox-Webzine erklärt Klaus dazu: „Das ist wie früher mit den Fanzines, weil ich das schreibe, was mich interessiert, und mir ist egal, wer es liest und welche ‚Zielgruppe‘ ich bediene. Also gibt es Punkrock-Texte, kurze Erzählungen, Platten- und Buchbesprechungen, Reiseberichte und allen anderen Kram.“ Und in der Tat liest sich das auch meistens so, als ob es in einer gedruckten Ausgabe des Enpunkt stehen würde – auch wenn die Erzählungen über Besäufnisse in den letzten Jahren ehrlich gesagt stark zurückgegangen sind!

Im Bestand des Archivs der Jugendkulturen gibt es ab Enpunkt #12 (1988) fast alle Ausgaben dieses inzwischen legendären Egozines. Ein Blick hinein lohnt sich auch heute noch und bietet nicht nur ein wunderbares „Sittengemälde“ der Punk/Hardcore-Szene zwischen 1986 und 2006, sondern auch interessante, spannende und unterhaltsame Einblicke in 20 Jahre Dasein einer lebenden Fanzine-Legende mit Haltung und Humor!

Mehr zu erfahren über Klaus N. Frick gibt es in Folge 56 der Reihe Mein Medien-Menü von Christoph Koch, im Polytox-Webzine, im Video-Interview mit Kesselpunks zum Zinefest Mannheim 2015 und natürlich in seinem Enpunkt-Blog. Die Punk-Romane von Klaus wurden im Hirnkost Verlag, ehemals Verlag der Jugendkulturen veröffentlicht, in dem auch seine aktuelle Kurzgeschichten-Sammlung Für immer Punk? erschien.

Christian

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#IZM2017 #Fanzine #Egozine #Punk #Hardcore #ScienceFiction

Zine of the Day: Imponderabilia (Polen)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Diverse Ausgaben des Imponderabilia Zines

Diverse Ausgaben des Imponderabilia Zines

Das erste Zine, das ich von Imponderabilia aka Wiktoria Natasza Konwent in die Hände bekam, hatte eine Archivkollegin mitgebracht. Kleines Format, ein Zine, das durch das Falten und Einschneiden eines A4-Blattes zu einem Heftchen wird. Es handelte von Alice B. Toklas und Gertrude Stein und war umwerfend komisch. Siehe auch: hier.

Die Künstlerin schreibt auf englisch, manchmal zweiprachig englisch/polnisch oder ausschließlich auf polnisch. Ihre Zeichnungen sind oft kunstvoll aus Wörtern gestaltet. Wortmalereien, die den Text gekonnt und originell illustrieren. Einige Zines haben politische Themen (wie über das Abtreibungsverbot in Polen) und erzählen von Frauen (z.B. über die polnische Künstlerin Zofia Stryjeńska oder die US-amerikanische Autorin Carson Mc Cullers). Ein paar dieser kreativen Werke gibt es auf dem Imponderabilia-Tumblr zum Selbstausdrucken und Basteln.

Anja

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2017 #zines #perzines #zineoftheday #feminism #poland #art

Zine of the Day: Freizeit 81 (BRD)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Freizeit 81 war nicht nur der Name eines 1981 erscheinenden Fanzines, sondern auch die Bezeichnung einer losen Aktionsgruppe linksradikaler Punks, Hausbesetzer*innen und Künstler*innen in München, die sich die Verschmelzung von Kunst, Kampf, Punk und Politik auf ihre Fahnen schreibt. Über die Grenzen der bayerischen Landeshauptstadt hinaus wird Freizeit 81 vor allem durch eine Vielzahl kreativer, sowohl gewaltloser als auch militanter Aktionen bekannt.

Die Gruppe wird im Frühjahr 1981 von einem Dutzend Punks aus München gegründet, die zuvor bereits an Hausbesetzungen, spontanen Demonstrationen gegen Wohnraumspekulation und Aktionen für selbstverwaltete Jugendzentren beteiligt waren. Sie orientieren sich u. a. an der militanten Jugendbewegung in Zürich, die durch den Dokumentarfilm Züri brännt auch in Deutschland bekannt wird.

Die Gruppe engagiert sich in unterschiedlichen Bereichen und mit verschiedenen Ausdrucks- und Aktionsformen: Filmvorführungen, Demonstrationen, illegale Partys, Konzerte, (Schein-)Hausbesetzungen, Flugblätter, Zeitungen, Sprühaktionen, Zukleben von Bankenschlössern, Entglasungen von Schaufenstern und Brandanschläge. Im Gegensatz zu anderen linksradikalen Gruppierungen aus dieser Zeit vertritt Freizeit 81 ein weniger ideologisches, aber dafür mehr emotional und kulturell geprägtes Verständnis von politischer Aktion. Ihre undogmatische Haltung spiegelt sich u. a. in ihrem Manifest wieder, das weit über die Kerngruppe hinaus Verbreitung und Anklang findet: „Freizeit ’81 ist gewaltlos oder militant, legal oder illegal, ängstlich oder stark, auf jeden Fall: GEFÜHL UND HÄRTE ! Freizeit ’81 ist Widerstand aus dem Bauch, eine unkontrollierte Reflexbewegung. Niemand kann mit jeder Aktion einverstanden sein, aber jeder sollte seine eigenen Sachen machen.“

Während der harte Kern aus etwa zehn Leuten besteht, zählen und bekennen sich im Laufe des Jahres 1981 bis zu 100 Leute zum weiteren Umfeld der Gruppe. Die Kerngruppe macht zunächst durch unzählige Graffiti wie „Freizeit 81“ und gesprühte Parolen auf sich aufmerksam. Im Laufe des Sommers eskalieren allerdings die Hausbesetzungen. Nach der Räumung eines Hauses entglasen Angehörige der Gruppe die Fensterscheiben von elf Banken und weiteren Gebäuden in München. Von August bis Oktober 1981 werden unter dem Namen Freizeit 81 mehrere Brandanschläge mit Molotowcocktails auf Banken, eine Schule, ein Büro der Polizeigewerkschaft und andere Gebäude verübt. Insgesamt werden der Gruppe und ihrem Umfeld 25 Straftaten mit einer Schadenssumme von 1 Million DM zur Last gelegt.

Auszug aus Freizeit 81 #2

Auszug aus Freizeit 81 #2

Beim Anschlag auf ein Büro der Lufthansa im Oktober 1981 wird erstmals ein Jugendlicher festgenommen. Zahlreiche Wohnungen werden durchsucht und schließlich fünf junge Männer und zwei Frauen, von denen einige minderjährig sind, unter dem Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung festgenommen und später zu mehrjährigen Freiheitsstrafen, zum Teil auf Bewährung, verurteilt.

Bekannte Mitglieder der Kerngruppe von Freizeit 81 waren die inzwischen verstorbene PKK-Kämpferin Andrea Wolf, der Maler Florian Süssmayr, der Filmproduzent Anatol Nitschke und der Betreiber des Münchner Werkstattkinos Wolfgang Bihlmeir. Dem Umfeld der Gruppe sind u. a. die heutige Medienkünstlerin Hito Steyerl und der Filmemacher Romuald Karmakar zuzurechnen.

Auszug aus Freizeit 81 #2

Auszug aus Freizeit 81 #2

Vom gleichnamigen Fanzine erschienen 1981 lediglich zwei Ausgaben und eine weitere während die Kerngruppe in Haft saß. Die beiden ersten Ausgaben befinden sich im Bestand des Archivs der Jugendkulturen. Die eine wurde im Frühling 1981 veröffentlicht, beinhaltet zahlreiche Texte aus der Ich-Perspektive und Collagen, die die alltägliche Frustration, die Wut gegen den Normalzustand und den Wunsch des Aufbegehrens und der Rebellion zum Ausdruck bringen. Auf der letzten Seite sind die Fotos von einigen Graffiti der Aktionsgruppe abgedruckt. Die andere Ausgabe erschien nach den Hausdurchsuchungen und Verhaftungen im Herbst 1981. Sie wirkt noch desillusionierter als die vorherige Nummer und setzt sich mit politischem Verrat, US-Imperialismus und dem Recht auf Revolte auseinander. Auf der letzten Seite ist das Plakat eines Benefizkonzerts für die verhafteten Mitglieder von Freizeit 81 abgedruckt. Beide Ausgaben markieren damit sowohl den Anfang als auch das Ende der kurzen Existenz von Freizeit 81.

Obwohl Freizeit 81 kaum ein Jahr existierte, wird über die Gruppe bis heute immer wieder berichtet. 2013 war sie Teil der Sonderausstellung Wem gehört die Stadt? im Münchner Stadtmuseum und erst vor kurzem, im Juni 2017, sendete der Deutschlandfunk Kultur ein Feature über die Gruppe, das hier angehört werden kann.

Darüber hinaus widmete nicht nur die Spider Murphy Gang der Gruppe einen eigenen Song, auch die aus dem Umfeld von Freizeit 81 stammenden Punk-Bands ZSD und Tollwut bezogen sich in Liedern wie Krawall im Jahre 1981, Notwehr 1981 oder Sommer 1981 auf die Aktionen der Gruppe.

Weitere Infos zu Freizeit 81 gibt es hier und hier.

Christian

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#IZM2017 #fanzine #zineoftheday #punk #Autonome #Hausbesetzungen #München

Zine of the Day: Holy Titclamps (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Holy Titclamps #13

Holy Titclamps #13

Holy Titclamps – einen besseren Namen für ein Queer Zine hat es meines Erachtens bis heute nicht gegeben! Der Herausgeber Larry-Bob gehört neben Outpunk, Homocore oder J.D.s zu den Pionieren queerer Punk/Hardcore-Zines. Bereits 1989 gab er die erste Nummer von Holy Titclamps in Minneapolis heraus. Bis 2009 folgten in unregelmäßigem Abstand 20 weitere Ausgaben. Daneben machte Larry-Bob auch das Queer Zine Explosion, ein Queer Zine Review Zine, das es auf 20 Ausgaben brachte, in denen jeweils aktuelle Queercore Zines aus aller Welt rezensiert und annonciert wurden. Larry-Bob gehört damit zu den ersten Aktivisten, die maßgeblich an der internationalen Vernetzung der Queer-Szene beteiligt waren.

Holy Titclamps und Queer Zine Explosion sind aus heutiger Perspektive weit mehr als bloße Zines, sondern eben auch Zeitdokumente, in denen sich die historische Entwicklung der Queercore-Kultur wiederspiegelt, die sich gegen den heteronormativen Punk und Hardcore einerseits, aber auch gegen den Mainstream der Schwulen- und Lesben-Community andererseits richtete.

Holy Titclamps #17

Holy Titclamps #17

Im Queer Zine-Bestand des Archivs der Jugendkulturen befinden sich zwei Ausgaben von Holy Titclamps: Nummer 13 von 1994 und Nummer 17 von 1999. Holy Titclamps #13 beinhaltet u. a. einen „Guide to Selling Out“, persönliche Anekdoten, einen kritischen Artikel zur schwulen Szene in San Francisco, einen „Guide to Unsafe Sex“, Comics, Leser*innen-Briefe (u. a. „Letters from Gay Prisoners“) und zahlreiche Zine-Rezensionen. Holy Titclamps #17 befasst sich neben persönlichen Erlebnissen u. a. mit der Musikerin Courtney Love, dem mexikanischen Schriftsteller Salvador Novo, dem Papst und der katholischen Kirche sowie dem schwulen Literaten Steve Abbott. Daneben gibt es in dieser Ausgabe weitere Comics, Gedichte, Leser*innen-Briefe, Zine-Kritiken und mehr.

Einen Überblick über alle Ausgaben von Holy Titclamps und Queer Zine Explosion gibt es auf Larry-Bobs Webpage. Weitere Informationen zu Larry-Bob sind hier zu finden.

Christian

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#IZM2017 #zine #zineoftheday #queer #punk #queercore

Zine of the Day: Cometbus (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Cometbus #57

Cometbus #57

Eigentlich erstaunlich, dass Cometbus nicht schon viel früher zum „Zine of the Day“ ernannt wurde. Dabei zählt es zu meinen persönlichen All-Time-Faves und gehört zu den wenigen Zines, von denen ich wirklich ALLE Ausgaben gelesen habe und tatsächlich auch JEDE ohne zu zögern vorbehaltlos weiterempfehlen kann. Und es gibt inzwischen eine Menge Ausgaben von Cometbus – nämlich insgesamt 57 an der Zahl! Dabei veröffentlicht Aaron Elliot sein Zine ziemlich unregelmäßig und teilweise im Abstand von 1-2 Jahren, aber eben kontinuierlich seit 1981. Cometbus ist damit eines der ältesten, noch existierenden Punk Zines und Aaron damit wohl auch einer der dienstältesten Zinesters weltweit.

Gerade den letzten Ausgaben von Cometbus merkt man diese jahrzehntelange Erfahrung des Zine-Schreibens von Aaron an. Keine*r schreibt so hinreißend, unterhaltsam, charmant und amüsant wie er. Man möge sich nur einmal seinen herzzerreißenden Text „Punk Rock Love Is…“ aus einer bereits Anfang der 1990er Jahre erschienenen Cometbus-Ausgabe durchlesen. Wen das nicht berührt, hat einfach kein Herz!

Kein Wunder, dass inzwischen schon einige Anthologien seiner Cometbus-Ausgaben und sogar Übersetzungen ins Französische und Deutsche erschienen sind! Ich empfehle jedoch, seine Zines im Original zu lesen. Zum Beispiel das zuletzt erschienene Cometbus #57, das ausschließlich aus Interviews mit mehr oder weniger bekannten Leuten aus dem Kontext der New Yorker Comic-Szene besteht. Aaron befragte nicht nur Zeichner*innen wie Julia Wertz, Gabrielle Bell, Gary Panter, Ben Katchor, Bill Kartalopoulos oder Drew Friedman über ihr Comic-Schaffen, sondern auch Leute wie Karen Green, die sich um die herausragende Comic-Sammlung an der Columbia University Library kümmert, Gabe Fowler, der den Comic-Buch-Laden Desert Island betreibt und das Comic Art Brooklyn-Festival organisiert oder Robin Enrico, der u. a. die Steve Ditko Zine Library ins Leben gerufen hat. Kein Interview ist dabei wie das andere, sondern jedes einzelne hebt jeweils unterschiedliche Aspekte der New Yorker Comic-Szene hervor. So entsteht ein faszinierender multiperspektivischer Blick auf die Geschichte und Gegenwart der Comic-Kultur New York Citys. Eine großartige Cometbus-Ausgabe, die man sich unbedingt besorgen sollte, bevor sie wieder ausverkauft ist – oder die man sich auch einfach im Archiv der Jugendkulturen zu Gemüte führen kann.

Über Cometbus und Aaron gäbe es noch viel mehr zu schreiben. Wer mehr wissen möchte, findet hier zusätzliche Informationen.

Christian

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#IZM2017 #zines #zineoftheday #punk #comics #perzine

Zine of the Day: Watch Out! #1 (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Watch Out! Video Fanzine #1

Watch Out! Video Fanzine #1

Dass Fanzines nicht immer nur Veröffentlichungen auf Papier sein müssen, zeigt das Watch Out! Video Fanzine, dessen erste und – meines Wissens – einzige Ausgabe 1993 erschien Es war damit nicht das erste Punk/Hardcore-Fanzine auf VHS-Kassette, aber im Gegensatz zu seinen Vorläufern wie dem US-amerikanischen Flipside (seit 1984) oder dem in Deutschland erschienen Tribal Area (seit 1987), hatte das Watch Out! inhaltlich weit mehr zu bieten als eine Zusammenstellung von Konzertmitschnitten, Musikvideos und Bandinterviews. Was dieses Video-Fanzine vor allem so charmant macht, sind die eingesprochenen Platten- und Fanzine-Kritiken, die Comic-Animationen von KIX, die Persiflagen von TV-Werbeclips und -Nachrichtensendungen, die Reportage über eine Zollhundeschule, der Schweiz-Reisebericht, die Interviews mit den Machern des Prawda-Fanzines und den Herausgebern des KIX-Comic-Zines, das Feature zur „Fanzine-Mafia“ oder das aus heutiger Sicht ziemlich schräge Musikvideo der Rap-Formation C.I.A. Neben diesen eher ungewöhnlichen Inhalten und Formaten dreht sich ansonsten alles um die Musik von HC-Bands wie Spermbirds, Wornout, Doom, NOFX, Yuppicide, Excrement of War, Mutant Gods oder Shelter. Wer sich selbst ein Bild von diesem besonderen Zeitdokument machen will, kann sich das Watch Out! #1 entweder auf VHS-Kassette im Archiv der Jugendkulturen zu Gemüte führen oder ganz komfortabel hier online ansehen.

Christian

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#IZM2017 #fanzines #zineoftheday #videotape #punk #hardcore

Vernetzungstreffen „Queere Bildung“ am 22.Juni 2017 // Projekt Diversity Box

Vernetzungstreffen -„Queere Bildung“ – Geschlechterreflektierte Bildungsarbeit in Berliner Schulen-

am 22.Juni von 10.00 bis 18.00 im Aquarium (Skalitzer Str. 6, Nähe Südblock)

ab 18.00: Ausklang mit DJ- SET von SANNI  (https://www.facebook.com/sanniest)

Unser Projekt „Diversity Box“ lädt ein zum Vernetzungstreffen „Queere Bildung“. Schwerpunkte unserer Arbeit sind die Sensibilisierung und Aufklärung von homo- und transfeindlicher Diskriminierung sowie die Sichtbarkeit und Repräsentation von queeren Lebenswelten in Jugendkulturen und Gesellschaft. Das Vernetzungstreffen „Queere Bildung“ richtet sich an unsere Berliner Kooperationspartner*innen sowie an interessierte Lehrkräfte, Sozialpädagog*innen, Erzieher*innen und Aktivist*innen, die sich zu Queer, Jugendkulturen und Bildungsarbeit austauschen möchten. Gemeinsam mit allen Teilnehmer*innen möchten wir diesen Tag als Raum für offenen Austausch, Reflexion, Empowerment und Vernetzung gestalten. Dabei stehen die Herausforderungen und Rahmenbedingungen der Arbeit zu homo- und transfeindlicher Diskriminierung im Kontext Schule und Jugendarbeit sowie die Belange und Erfahrungen der Teilnehmer*innen im Vordergrund.

Wir bieten drei thematische AGs an:

AG 1 – Die haben wir hier gar nicht?!- Queere Sichtbarkeit im Kontext Schule

AG 2 – Queere Bildungsarbeit intersektional

AG 3 – Queer & Jugendkulturen: Ansätze für die praktische Bildungsarbeit

Eingeleitet wird das Treffen durch ein Grußwort vom Queer History Month und einen Vortrag zu „Bildungsarbeit verqueeren“ von Prof. Dr. Melanie Groß.

Melanie Groß ist an der FH Kiel für angewandte Wissenschaften Professorin für Erziehung und Bildung mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u. A. Jugend- und Protestkulturen, Intersektionalität und Ungleichheit, Poststrukturalistische Theorieansätze insb. Gender und Queer Studies.
Als Rahmenprogramm wird die Diversity Box- Ausstellung die Projektergebnisse aus unseren jugendkulturellen und medienbasierten Workshops für Jugendliche und Fortbildungen und Infoveranstaltungen für Multiplikator*innen aus Berlin präsentieren. Das Vernetzungstreffen „Queere Bildung“ veranstalten wir am Donnerstag, 22. Juni 2017 im Aquarium in Berlin- Kreuzberg und wir laden herzlich ein, diesen Tag gemeinsam mit uns zu gestalten.

Anmeldungen bitte bis zum 15. Juni 2017 unter: http://www.diversitybox@jugendkulturen mit Angabe der gewünschten AG (Erst- und Zweitwunsch).

Die Teilnahme ist kostenlos. Für Getränke und Essen wird gesorgt. Bei der Anmeldung bitte mitangeben, ob vegetarische/ vegane Kost gewünscht ist und ob Lebensmittelallergien bestehen.

Mehr Infos zu unserem Projekt unter: http://www.diversitybox.jugendkulturen.de

Diversity Box wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“ des BMFSFJ gefördert.

Queer Classics Pt. II

Im Rahmen unseres Projekts DIVERSITY BOX geht es weiter mit unserer Veranstaltungsreihe Queer und Popkultur.

Wir freuen uns auf die zweite Runde zu queeren Büchern und vor allem freuen wir uns wieder auf einen Abend mit Elisabeth R. Hager und Tania Witte.

Diesmal mit dabei: Jugendbücher von David Levithan, die Biographie „Tranny“ von Laura Jane Grace, Klassiker von James Baldwin und Rita Mae Brown, heiß Diskutiertes von Hanya Yanagihara und ein Seitenblick in die griechische Antike – die Schrifstellerinnen Elisabeth R. Hager und Tania Witte machen sich auf die Suche nach queeren Momenten in der Literatur.

Datum // Zeit: 18.5.2017, 19 Uhr

Ort: Archiv der Jugendkulturen, Fidicinstr. 3 (Haus A), 10965 Berlin

Eintritt frei.

ÜBER DIE AUTORINNEN:

Elisabeth R. Hager, * im Herbst 1981 in Tirol, lebt als freie Autorin und Klangkünstlerin in Berlin, Neuseeland & Tirol. 2012 erschien ihr Romandebüt „Kometen“ (Milena Verlag). 2014 folgte das Hörspiel „Der Knochen“, bei dem sie auch Regie führte & sprach. In Kürze erscheint ein neuer Roman. Bis dahin organisiert sie Kulturfestivals wie die SPÄTI BIENNALE, formt auf ihrem Blog Wörter zu neuen Möglichkeiten und liest mit Vorliebe queere Literatur.

Tania Witte lebt in Berlin. Die Schriftstellerin, Journalistin und Spoken-Word-Performerin veröffentlichte bisher drei Romane, eine Anthologie sowie diverse Essays und Kurzgeschichten. Sie schreibt unter anderem für „taz“, „ZEITmagazin“ und „Missy Magazine“, leitet Workshops zu Poetry Slam / Spoken Word, Kreativem Schreiben und Identität und ist Teil diverser künstlerischer interdisziplinärer Kooperationen. Im kommenden Jahr erscheint ihr erstes Jugendbuch.

Gender and Black Revolutionaries – Queer History Month meets Black History Month

Eine Kooperation zwischen Diversity Box und der Nelson-Mandela-Schule

Queer History Month im Februar? Ist da nicht auch Black History Month? Für die Schüler*innen der Nelson-Mandela-Schule war daher klar: ein Projekt mit Ihnen soll beides berücksichtigen – schwarze und queere Geschichte in Berlin. Die Grundidee war geboren. Im Rahmen einer Kick-Off-Veranstaltung wurde in Zusammenarbeit mit Giuseppina Lettieri und Tino Kandal vom Projekt Diversity Box des Archiv der Jugendkulturen e. V. aus der Idee ein Projekt für den Queer History Month 2017.

Die Schüler*innen suchten sich nach dem ersten Treffen acht queere und/oder schwarze Personen aus, die sie für revolutionär in ihrem Denken und Handeln halten und recherchierten dazu Orte in Berlin, die mit den Personen in Verbindung stehen. Die Wahl der Schüler*innen fiel auf: Gertrude Sandmann, May Ayim, Klaus Wowereit, Magnus Hirschfeld, Marlene Dietrich, Christopher Isherwood, Audre Lorde und David Bowie. Zu allen Personen wurden daraufhin Portrait-Schablonen angefertigt. In einem Diversity Box Street-Art-Workshop im Januar lernten die Jugendlichen, wie die Schablonen ausgeschnitten und dann auf die Platten gesprüht werden.

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Street-Art-Workshop im Archiv der Jugendkulturen e. V.

Mit dem Street-Art-Kunstwerken im Gepäck ging es dann im Februar zum Videodreh nach Schöneberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte. An den acht ausgewählte Orten, die in Verbindung mit den jeweiligen Personen stehen – ob Geburtshaus, Wohnort oder Wirkungsstätte – trugen die Schüler*innen eigene Statements vor und führten darüber hinaus noch Passant*innen und Expert*innen-Interviews durch.

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Videodrehtage in Schöneberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte

Das Ergebnis dieser schönen Kooperation ist ein 30-minütiger Videofilm zu „Gender und Black Revolutionaries“ in Berlin.

Ein großer Dank geht an die Schüler*innen der GenderSexuality Alliance der Nelson-Mandela-Schule und deren Lehrer Christopher Langhans, an Vicky Kindl und Saskia Vinueza für die inhaltliche und organisatorische Unterstützung des Projekts sowie Conny-Hendrik Kempe-Schälicke von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft.

Giuseppina Lettieri  (Projektleitung„Diversity Box“; http://www.diversitybox.jugendkulturen.de)

Unter dem Radar

Jan-Frederik Bandel/Annette Gilbert/Tania Prill (Hrsg.)
Unter dem Radar. Underground- und Selbstpublikationen 1965-1975
Spector Verlag 2017
368 Seiten
38 €

unter-dem-radar_9783959050326_295.jpgAb Mitte der 1960er Jahre ermächtigen sich viele „Amateure“ zu AutorInnen, DruckerInnen, Grafiker- und VerlegerInnen. Beginnend im englischsprachigen Raum entsteht eine unübersichtliche, unübersehbare und jedenfalls bunte Landschaft an Undergroundpublikationen. In der Bundesrepublik werden sie schnell zum Vorbild.

Die in der Regel im Selbstverlag und –vertrieb erscheinenden Printprodukte sind Teil der ästhetischen und politisch-kulturellen Revolte dieses Jahrzehnts. Der Literaturwissenschaftler Jan-Frederik Bandel hat nun eine umfangreiche Publikation zusammengetragen, die keinen bibliografischen Anspruch hat, dieser wäre auch kaum umsetzbar. Er verfolgt in dem durchweg vierfarbigen und großformatigen Band (25 x 34 cm) auch keine thematische oder chronologische Sortierung der Titel, sondern illustriert 20 mit kurzen Texten versehene Stichworte mit Covern und Beispielseiten aus den Publikationen. Die Stichworte lauten z.B. Ikonen, Pornographie, Eindeutigkeit, Theorie oder Schneiden/Kleben und es ist nicht immer klar, warum gerade welche Quelle als Illustration in welchem Stichwort erscheint. Inhaltlich geht es von Esoterik über Literatur bis zu Themen radikaler Gesellschaftskritik oder gesunder Ernährung; um Pop und Politik, um den eigenen Bauch und die fundamentale Ablehnung des und den Überdruss am Bestehenden.

Bibliografisch sind diese Titel in Deutschland bisher nicht erschlossen. So finden sich auch in dem hier vorliegenden kaum Angaben zum Erscheinungszeitraum einzelner Titel, während in den USA oder Großbritannien, dies zeigt das eindrucksvolle und sehr hilfreiche Literaturverzeichnis, dieses Feld bereits erforscht ist und wird. Die HerausgeberInnen haben vor allem Publikationen aus Deutschland aufgenommen, aber auch aus den Niederlanden oder den USA.

Die Leserin bekommt einen sehr guten optischen Eindruck von diesem Jahrzehnt und den damals praktizierten Schreib- und Gestaltungsstilen. Eine quantitative Untersuchung steht aber weiterhin aus und ist bisher nur verstreut in damals in den Veröffentlichungen selbst abgedruckten Listen mit Titeln und Adressen möglich. Die sogenannte Alternativpresse bildet sich erst am Ende des hier untersuchten Zeitraums, nicht zuletzt aus dem Zerfall und Wandel der aus „1967/68“ resultierenden Bewegungen. Die Publikation entstand aus einer Ausstellung in Bremen (Oktober 2015-Februar 2016). (Link zum Bericht).

Bernd Hüttner

Dieser Text erschien zuerst auf der Webseite der Rosa-Luxemburg-Stiftung

„Interventionsmöglichkeiten einer rassismuskritischen Bildungsarbeit zu Geschlecht und Sexualität“

Als anerkannter Träger der politischen Bildung freuen wir uns sehr über unsere neue Veranstaltungsreihe, die wir bei der bpb beantragt haben.

Die 1. Veranstaltung im April 2017 bieten wir zum Thema „Interventionsmöglichkeiten einer rassismuskritischen Bildungsarbeit zu Geschlecht und Sexualität“ an.

Multiplikator*innen aus verschiedenen Bereichen der Jugend- und Sozialarbeit soll der Bildungstag eine Fortbildungsmöglichkeit bieten, um neue Erkenntnisse und Interventionsmöglichkeiten einer rassismuskritischen Bildungsarbeit zu Geschlecht und Sexualität gewinnen zu können. Der Bildungstag hat das Ziel eigenes Handeln zu reflektieren, eigene Wissensquellen zu erweitern und einen Einblick in dekoloniale und queere Bildungsansätze zu vermitteln.

Wir freuen uns, SchwarzRund als Referentin für die Veranstaltung gewonnen zu haben.

Die Veranstaltung ist offen für alle Interessierten. Wir bitten um verbindliche Anmeldung unter archiv@jugendkulturen.de

Teilnahmegebühr: 7,50 Euro.

Für Verpflegung (vegetarisch/vegan) sowie die Bereitstellung von Infomaterial wird gesorgt.

Veranstaltungsort: Archiv der Jugendkulturen e.V./ Haus A, Fidicinstr.3 in 10965 Berlin

Datum und Uhrzeit: 06. April 2017 von 10.00 bis 17.00

Der Veranstaltungsort ist barBPB#1_HEADERrierearm.

Wenn Pop Geschichte wird

Mittelweg 36 – Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung
Wenn Pop Geschichte wird
Heft 4-5 / Oktober/November 2016
204 Seiten
18 €

pop_m36_c.jpgPop- und Rock-Musik ist ein zentraler Faktor des politischen und kulturellen Umbruchs der 1960er Jahre gewesen. Mittelweg 36, die seit Ende 1992 erscheinende Hauszeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung hat nun einem Doppelheft sieben Artikel und ein Interview unter der Titelaussage Wenn Pop Geschichte wird zusammengestellt.

Der Beitrag von Detlef Siegfried ist mit 44 Seiten der umfangreichste. Er fragt anhand vieler Quellen nach dem Gebrauchswert der damals gängigen These, Rockmusik sei der (amerikanischen) Gegenkultur entsprungen oder historisch sonst irgendwie „von unten“ gekommen. Dies wird anhand der in den 1970er in deutschen linken Medien geführten grundsätzlichen und auch schon: Ausverkaufsdebatte und v. a. am Beispiel von Bob Dylan beispielhaft nachvollzogen. Der Bogen reicht bei Siegfried vom (angeblich besonders authentischen) Blues, Reggae und Folk über die „Umsonst und Draußen-“ oder „Rock gegen rechts“-Festivals bis zum Fremdeln der Sponti-Linken mit dem Punk am Ende des Jahrzehnts.

Diese Authentizitätsvorstellung und die damit verbundene Emanzipationserwartung wird auch in anderen Beiträgen kritisch aufgegriffen. Der Beitrag „Fliegende Klassenfeinde“ von Jens-Christian Rabe (Süddeutsche Zeitung) mit dem etwas sperrigen Untertitel Affirmation als Subversion oder die Geburt der deutschen Poptheorie aus dem Verdruss über linksalternativen Authentizitätskult und Schweinerock ist open access (PDF hier).  Klaus Nathaus unterzieht einige historiografische Annahmen über Popkultur einer Kritik. Isabel Richter untersucht das widersprüchliche Feld, in dem in den 1960er und 1970er Jahren Pop, Drogen und östliche spirituelle Lehren wie Zen oder Yoga im globalen Nordwesten in einer semi-religiösen Bricolage zusammengeführt wurden. Alexander Simmeth berichtet über Krautrock (Can, Amon Düül), während zwei detaillierte Lokalstudien die Perspektive nochmals weiten: Stefan Krankenhagen schreibt über popkulturelle Orte in Hildesheim, und Joachim Landkammer erzählt anhand einer Band von Rockmusik in der Provinz, im konkreten Fall der unterfränkischen zwischen Bamberg und Schweinfurt. Diese zwei Beiträge sind eine wirkliche Bereicherung, da sie Räume jenseits der urbanen Metropolen untersuchen.

Die Texte sind bis auf das banale Interview mit Wolfgang Kraushaar alle sehr lesenswert und werden durch  die von Kraushaar erstellte Protestchronik (die Rock gegen Rechts im Juni 1979 in Frankfurt/Main zum Thema hat) gut ergänzt. Sie liefern wichtige Impulse zum noch lange nicht auserforschten Verhältnis von „(Gegen-)Kultur“ und Linksradikalismus.

Der mit Heft April 2015 begonnene optische und personelle Relaunch von Mittelweg 36 hat die zwischen Politik-, Geschichts- und Kulturwissenschaften angesiedelte Zeitschrift wieder etwas spannender gemacht. Es bleibt zu hoffen, dass diese sanfte Repolitisierung sich fortsetzt. Notwendig in diesen (düsteren) Zeiten wäre es.

Bernd Hüttner

Dieser Text erschien zuerst auf der Webseite der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Ja, ich habe meine Tage! So What?

Clara Henry
Ja, ich habe meine Tage! So what?
Beltz 2016
196 Seiten
16,95 €

9783407864307.jpgMenstruieren, die Periode haben, bluten, die Tage haben, die rote Lampe leuchtet, Haiwoche haben – all diese Umschreibungen stehen für ein und dasselbe. Obwohl das Thema Menstruation etwa die Hälfte der Weltbevölkerung betrifft, wird darüber immer noch sehr zurückhaltend gesprochen. Auch Werbung übermittelt oft ein verzerrtes, beschönigtes Bild von Menstruation und wirbt für Produkte, die diskreten Schutz versprechen. Clara Henry (22), die erfolgreiche schwedische Bloggerin, hat es sich zum Ziel gesetzt, das Thema Menstruation von Scham und Stigma zu befreien und hat ein ganzes Buch dazu geschrieben. Sie wünscht sich, dass öffentlich nach einem Tampon zu fragen so normal ist, wie nach einem Pflaster zu fragen.

Ich würde das Buch super finden, wenn ich jünger wäre. Als heranwachsende 12- bis 18-Jährige hätte mir das Buch sicher großen Spaß gemacht. Clara Henrys ausschweifende Sprache macht das Lesen anfangs humorvoll, lenkt aber sehr ab und nervt schnell. Sie schreibt so, wie sie in den meisten ihrer YouTube-Videos spricht. Unglaublich gut gelungen sind die Illustrationen von Li Söderberg. Jede Seite ist individuell gestaltet und die Leser*innen werden mit ulkigen Zeichnungen unterhalten: eine blutende Vulva mit Superheld*innen-Umhang, dicke Bäuche und fast auf jeder Seite Bluttropfen. Heranwachsende erfahren, was im Körper während der Menstruation passiert und was Menschen in der Geschichte und in verschiedenen kulturellen Umfeldern gedacht haben, warum Frauen bluten und welche Zuschreibungen und Stigmata daraus entstanden sind. Clara Henry benennt diese ziemlich treffend und überwindet Scham und Ekel, um selbstbewusst und humorvoll mit „den Tagen“ umzugehen. Sie ermutigt Mädchen und Frauen zum Beispiel nicht nur dazu, so oft wie möglich (und nicht nur unter Frauen) offen über ihre Menstruation zu reden, sondern auch mal eine „Tages-Aktivistin“ zu sein. Der Tampon soll dazu auf dem Weg zur Toilette nicht etwa im Ärmel versteckt, sondern beim Gang durchs Klassenzimmer oder Restaurant locker in die Luft geworfen und gekonnt wieder aufgefangen werden. Neben den Fakten und Ratschlägen bekommen die Leser*innen auch eine ganze Menge andere praktische Tipps und Informationen, wie zum Beispiel schlagfertige Antworten auf sexistische Phrasen, wie Frau sich in Notsituationen eine Binde oder einen Tampon selbst basteln kann, wie mit Bluthosen umgegangen werden kann oder auch Lifehacks: also konkrete Methoden, die Frauen umsetzen können, um ein positives Verhältnis zu ihren Tagen zu entwickeln.

Vor allem für junge Frauen bzw. Mädchen ist dieses Buch daher sehr empfehlenswert, weil es erfrischend unverkrampft mit dem Thema Menstruation umgeht und mit so manchen Mythen aufräumt. Ich denke aber, dass auch erfahrenere Frauen in diesem Buch noch etwas für sie Neues erfahren und über die eine oder andere Formulierung der Autorin schmunzeln werden.

Kathrin Fleischmann

Zwischen den Beats

queer techno dj.jpg

Die 5. und in diesem Jahr letzte Veranstaltung unsere Reihe „Queer und Jugendkulturen“ nimmt diesmal die DJ-Welt genauer unter die Lupe. Es geht sowohl um queere und feministische Praxen als auch um die Analyse sexistischer Strukturen:“Zwischen den Beats – Queer und Sexismus im Techno und Hip Hop“. Wir wollen mit den eingeladenen DJs über männliche* Dominanzverhältnisse hinter den Turntables, über feministische Netzwerke und den eigenen DJ- Werdegang diskutieren.

Mit dabei sind:

Freshfluke https://www.facebook.com/dj.freshfluke
SANNI https://www.facebook.com/sanniest
Resom https://www.facebook.com/resom

Moderation: Tanja Ehmann

Wann und Wo:
Mittwoch, 14. Dezember 17:30 – 19:00
Crack Bellmer
Revaler Straße 99, 10245 Berlin
Eintritt ist frei

FB-Link: https://www.facebook.com/events/1158530017599567/?notif_t=plan_user_associated&notif_id=1480940756512915