Zine of the Day: I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 (Kanada)

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Ist das noch ein Zine oder schon ein Buch? Ganze 220 Seiten umfasst diese aus Vancouver (Kanada) stammende 4. Ausgabe von I’m Johnny and I don’t give a fuck, die 1999 von Andy Healey herausgegeben wurde, der seinerzeit auch Bassist der Hardcore-Band Submission Hold war. Die Musikformation bestand von 1993 bis 2005 und tourte in dieser Zeit auch einmal durch Europa. Auf dieser Tour habe ich sie dann in irgendeinem AZ in irgendeiner Stadt auch mal selbst live gesehen. Bei diesem Konzert blieb mir vor allem mir die Sängerin von Submission Hold, Jen Thorpe, nachhaltig in Erinnerung – hochschwanger und mit dickem Bauch lieferte sie eine Performance ab, die an Kraft und Energie kaum zu überbieten war.

Ich weiß gar nicht mehr, ob ich mir I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 damals auf diesem Konzert kaufte oder ob ich das Zine schon vorher in meinem damaligen Zine Distro vertrieb. Jedenfalls habe ich damals Unmengen dieses Heftes über meinen Fanzine-Mailorder verkauft – und das vollkommen zurecht! Denn dieses Zine stellte zum Zeitpunkt seines Erscheinens eine absolute Ausnahmeerscheinung in der internationalen Zine-Landschaft dar und ist es bis heute auch geblieben. Und mit dieser Ansicht stehe ich nicht allein. Das kanadische Magazin Broken Pencil bezeichnete Andys Heft sogar als

„one of the great Canadian zine of all time“.

Im Johnny And I Dont Give A Fuck #4

I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 (Cover)

Andy verkaufte sein Zine (fast) ausschließlich auf den Konzerten von Submission Hold und war damit so erfolgreich, dass er nach der ersten Auflage von 1.000 Stück weitere 600 Exemplare nachdruckte. Solche erstaunlich hohen Verkaufszahlen für ein Zine sind bis heute eher eine Seltenheit – vor allem bei solchen Zines wie I’m Johnny and I don’t give, die die Genre-Grenzen klassischer Fanzines sprengen.

Von seiner Aufmachung ist I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 eher unscheinbar daher. Das gesamte Heft besteht aus einem handschriftlich verfassten Text, der in mehrere Kapitel gegliedert ist. Zeichnungen finden sich nur äußerst spärlich auf dem Cover und an den Kapitel-Anfängen. Die Geschichte startet zunächst mit einer Erzählung aus der Ich-Perspektive über eine kanadischen Punk/Hardcore-Band, die sich mitten im Winter mit einem vollkommen runtergerockten Kleinbus auf Tour begeben habt – dabei werden so ziemlich alle nur möglichen Stories voller Pleiten, Pech und Pannen, die man von eben solchen reisenden Musikgruppen kennt, in höchst amüsanter und ironischer Weise detailliert ausgebreitet. Das erweckt zunächst den Eindruck, als handele es sich bei I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 um das Perzine eines Band-Mitglieds von Submission Hold. Doch schon bald bekommt die Geschichte einen vollkommen anderen Spin. Eines der Bandmitglieder liest während der Fahrten im Tour-Van einen Roman über einen Fahrradkurier namens Henry O’Melin, der seit einer Kopfverletzung nicht mehr anders kann, als immer genau das sofort auszusprechen, was ihm gerade durch den Kopf geht – und was ihm natürlich im Zusammenleben mit den Menschen immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Beide Erzählstränge laufen zunächst parallel nebeneinander her, bis schließlich der real existierende Bassist der Band namens Andy tatsächlich auf die fiktive Person Henry trifft und das Drama seinen Lauf nimmt – in einer derart unterhaltsam absurden Weise, wie man es kaum erwarten würde. Spätestens an dieser Stelle des Zines wird klar: Das hier ist mehr als ein bloßes Perzine, aber auch mehr als eine reines Literatur-Zine. Hier verschränken sich fiction und non-fiction auf derart kurzweilige Art und Weise, dass man die 220 Seiten in einem Rutsch durchlesen mag.

Im Johnny And I Dont Give A Fuck #5

I’m Johnny and I don’t give a fuck #5 (Cover)

Leider erschien nach dieser herausragenden 4. Ausgabe mit I’m Johnny and I don’t give a fuck #5 einige Jahre später auch schon die letzte Ausgabe dieses Ausnahme-Zines von Andy Healey. Auch diese ist absolut empfehlenswert und greift den Grund-Plot mit Submission Hold wieder auf. Nur spielt die Geschichte diesmal vor allem in einem heruntergekommenen Punk-House in Vancouver. 2005 löste sich Submission Hold auf und Andy scheint seitdem auch kein weiteres Zine veröffentlicht zu haben, was ich sehr bedauere.

Immerhin erschien vor einigen Jahren unter dem Titel I’m Johnny and I don’t give a fuck noch ein Comic des französischen Zeichners Colonel Moutarde, der auf weiteren Geschichten von Andy Healey basiert. Das Heft gibt es als PDF hier zum Herunterladen.

Und wer sich die Original-Ausgaben von I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 und #5 ansehen möchte, der kann dies im Archiv der Jugendkulturen tun. Nachdrucke der alten Ausgaben wird es laut Andy nicht geben, da sein Hund irgendwann mal alle Druckvorlagen zerfetzt hat.

Christian

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#IZM2018 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Hardcore #Punk #DIY #Fiction #Non-Fiction

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Zine of the Day: Shotgun Seamstress #4 (USA)

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Osa Atoe ist die Herausgeberin von Shotgun Seamstress, eines Zines, dessen erste Ausgabe als „Black Punk Fanzine“ bereits 2006 erschien. Über acht Jahre lang gab sie zahlreiche weitere Nummern dieses und weiterer Zines heraus. Die vorerst (?) letzte Ausgabe, Shotgun Seamstress #8, erschien 2014. In all der Zeit war sie auch anderweitig in der US-amerikanischen Punk/Hardcore/Indie-Szene aktiv. Sie spielte in Bands wie New Bloods oder Negation, veranstaltete Konzerte und veröffentlichte Tapes. Außerdem schrieb sie regelmäßig Kolumnen im legendären Punk-Fanzine Maximum Rock’n’Roll (MRR).

Im Zentrum ihres Zines und ihrer MRR-Kolumnen standen ihre Erfahrung als eine unterrepräsentierte und marginalisierte Person innerhalb einer von vorwiegend weißen Hetero-Männern dominierten Punk/Hardcore-Szene. Aus ihrer Position als feministische „Black Punk“ beabsichtigte sie mit ihrem Zine zunächst eine Art Gegenstimme innerhalb der Szene sein. In einem Interview von 2015 sagte sie dazu:

„However, I definitely set out very intentionally to make a Black Punk Fanzine and it’s simply because I’m a black punk and didn’t know many black punks and wanted to create a world where that identity was normal.“

Stand in den ersten Ausgaben von Shotgun Seamstress die Musik feministischer und Schwarzer Punks im Fokus von Osas Interesse, so erweiterte sich dieser schon bald auf andere Ausdrucksformen „Black Outsider Art“.

Das wird auch anhand der folgenden Zeilen auf dem Cover von Shotgun Seamstress #4 deutlich, das unser heutiges „Zine of the Day“ ist:

„This zine is about art by black queers, black feminist punks and other black folks I admire.“

Shotgun Seamstress #4_Cover

Shotgun Seamstress #4 (Cover)

Im Gegensatz zu den vorhergehenden Ausgaben von Shotgun Seamstress dreht sich ihre vierte Nummer aber weniger um Musik als vielmehr um Visual Art – und zwar um „Sister Outsider Art“, wie sie die inhaltliche Ausrichtung von Shotgun Seamstress #8 benennt. Mit dieser Bezeichnung verbindet Osa den Titel des Buches „Sister Outsider“ der afro-amerikanischen Feministin Audre Lorde mit ihrer Vorstellung von „Outsider Art“, worunter sie „the creative work of self-taught artists that exists largely outside of the mainstream art world“ fasst. Sie widmet sich also in dieser Ausgabe der Verbindung eines dezidiert Schwarzen Feminismus mit künstlerischen Ausdrucksformen im Sinne einer Do-It-Yourself-Idee und -Haltung.

Den Auftakt macht in dieser Ausgabe ein Interview mit James Spooner, dem Produzenten und Regisseur des empfehlenswerten „Afro-Punk“-Dokumentarfilms. Einen Artikel in Brief-Form widmet sie der in Berlin lebenden queer-feministischen Drag Queen und Performance-Künstler_in Vaginal Davis. Anschließend stellt sie die Grafikerin, Illustratorin und Malerin Adee Roberson aus New Orleans in einem ausführlichen Porträt vor. Dem folgen Beiträge über die queeren Video-Künstler_innen Kalup Linzy und Jacob Gardens. Und den Abschluss macht schließlich das Gedicht „Madivinez“ aus der Feder der lesbischen Lyrikerin, Filme-Macherin und Dramaterikerin Lenelle Moise aus Haiti.

Auf den insgesamt 24 Seiten dieser Ausgabe von Shotgun Seamstress löst Osa das ein, was sie im bereits erwähnten Interview von 2015 zur Frage nach der Zielstellung ihres Zines erklärt:

„Shotgun Seamstress tries to show varied experiences of what it means to be an ‚alternative‘ black person. I mostly focus on the U.S., but some issues touch on experiences in England and Brazil. So, my experience has been getting to talk to people who represent many different facets of black outsider identity: black trans ex-punk, young Nigerian-American punks, a 60-year-old free jazz musician, biracial British art-punk, young Latino punks from LA, young black mother who makes zines in her precious spare time, black drag queen performance artists from places like New York and Berlin.“

Shotgun Seamstress ist für Osa in all der Zeit weitaus mehr als bloß ein Fanzine, in dem sie Künstler_innen featured, die sie gut findet und fördern möchte. Es hat vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrung als marginalisierte Schwarze Feministin abseits des kulturellen Mainstreams eben auch eine ganz spezifische Bedeutung, wie sie in diesem Interview weiter erklärt:

„it’s also been a mode of psychic liberation — maybe even decolonization — for me. Telling varied stories of varied black outsider experiences has proven to me the vastness of black self-expression.“

Shotgun Seamstress #4_Innen

Shotgun Seamstress #4 (Editorial)

Gerade ihr Blick über die eigentliche Punk-/Hardcore-Szene hinaus, fand ich persönlich bei der Lektüre von Shotgun Seamstress #4 besonders bereichernd. Nicht zuletzt erweiterte und schärfte das auch meinen eigenen Blick um und für die kreativen Ausdrucksformen von „Black Outsider Artists“, die sich eher an den Rändern der etablierten Kunst-Welt bewegen. Eine solche Horizont-Erweiterung ist mehr, als man von einem Zine normalerweise erwarten kann. Allein deshalb kann ich nur nachdrücklich und voller Begeisterung Shotgun Seamstress weiterempfehlen.

Leider sind inzwischen fast alle Ausgaben von Osas Zine vergriffen. Nur noch einige Exemplare von Shotgun Seamstress #8 gibt es bei Mend My Dress Press in den USA zu bestellen und hoffentlich bald auch beim Zineklatsch Distro über das Archiv der Jugendkulturen zu kaufen.

Bei Mend My Dress Press erschienen übrigens die ersten sechs Ausgaben von Shotgun Seamstress 2012 als Anthologie. Sie kann ebenfalls noch dort erworben werden. Außerdem können einige Beiträge aus Osas Zines – ebenso wie ihre MRR-Kolumnen – auf ihrem Shotgun Seamstress-Blog online nachgelesen werden.

Darüber hinaus gibt es einige Ausgaben auch komplett als PDFs zum Download und zur Online-Lektüre auf Osas Issuu-Account.

Das oben erwähnte Interview mit Osa aus dem Jahr 2015 kann übrigens hier nachgelesen werden.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2018 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Hardcore #Punk #Feminismus #Queer #Afropunk #Queercore #BlackOutsiderArt  #Kunst

Zine of the Day: Pest & Kolera #1 (Deutschland)

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Gregor, einer der Mitorganisator_innen des vor wenigen Wochen erstmals stattgefundenen Bremer Zine Festivals, hatte mir eben dort schon mit großer Begeisterung und Inbrunst von der 1. Ausgabe des Pest & Kolera erzählt – eines Fanzines, das – wenn ich mich richtig daran erinnere – erst vor wenigen Monaten von Gregors Neffen oder irgendeinem anderem adoleszenten Mitglied aus seiner Verwandtschaft in Baden-Württemberg herausgegeben wurde. Als mir Gregor dann vor etwa zwei Wochen tatsächlich zwei Exemplare dieses Fanzines per Post schickte, war ich mehr als entzückt.

Pest & Kolera #1_Cover

Pest & Kolera #1 (Cover)

„Pest & Kolera“ – schon aufgrund seines Namens rennt dieses Zine bei mir offene Türen ein. Der Fanzine-Titel verweist nicht nur auf eine sympathisch selbst-ironische Grundhaltung des Herausgebers hin, sondern zeugt auch von einer grundsoliden Bereitschaft zur Anwendung schnoddriger Wortgewalt. Genau so mag ich das: Ohne Umschweife in Stakkato-haften Sätzen, die sich beim Lesen wie Maschinengewehr-Salven anfühlen und ohne Rücksicht auf Orthographie und Grammatik einfach mal direkt raushauen, was Sache ist – so wie im Epilog auf der Rückseite dieses schwarz-weiß kopierten DIN A5-Hefts:

„das pest und kolera fanzine
ist für alle punker metaler und grindcore
hier gibts konzert rewies, rewies und
gentlemetal updates.
lies es oder lass es
gute nacht“

Dass das ganze Heft in Cut’n’Paste-Manier mit Schreibmaschine, Zeitungsschnipseln, Schere und Klebstift layoutet wurde, liegt dabei ja wohl auf der Hand. Form und Inhalt gehen da Hand in Hand. Zusätzlich ist die Rückseite jedes Exemplars von Pest & Kolera #1 mit Edding handnummeriert und mit der handgestempelten E-Mail-Adresse des Zines. Dem Heft merkt man also seine Entstehung in Handarbeit auf jeder zusammengekleisterten Seite an.

So kurz und bündig wie im Epilog geht es auch im Innenteil des Hefts weiter: Der Herausgeber namens Kolera Krankheit schreibt in knappen Sätzen über seine Ansichten zu alternden und/oder überalterten (?) Bands wie Black Sabbath und Iron Maiden, rezensiert Platten von Darkthrone und Hellknife, berichtet über Konzerte von Napalm Death, Havok, Darkest Hour, Cephanic Carnage und seiner eigenen Band Gentlemetal (schon wieder: Was für ein Name!?!). Kolera Krankheits Berichterstattung ist dabei weit entfernt von jeglichen Maßstäben eines objektiv erscheinen wollenden Musikjournalismus. Seine radikal subjektiven Statements brechen mit solchen Erwartungen vielmehr von Beginn an. Und das ist auch gut so! Kaum etwas ist so langweilig und überflüssig wie ein Fanzine, das wie ein professionelles Musik-Magazin sein will!

Pest & Kolera #1_Innen

Pest & Kolera #1

Auch wenn ich Pest & Kolera #1 mit seinen sehr knappen Beiträgen auf nur 16 Seiten inhaltlich (noch) etwas dünn finde, so schmälert das die Begeisterung und Sympathie, die ich diesem Fanzine gegenüber empfinde, in keinem Maße. Das liegt nicht nur an der ästhetischen Grundhaltung dieses Zines, sondern sicherlich auch daran, dass mich das Pest &Kolera an meine ersten eigenen Fanzines erinnert – und vor allem an das berauschende Gefühl von damals, einfach mal ohne Rücksicht auf Regeln und Verluste, mit den einfachsten Mitteln und auf möglichst direktem Wege die eigenen Ansichten und Ideen zu Papier zu bringen und in die Öffentlichkeit hinaus zu blasen und einfach mal abzuwarten, was dann geschieht.

Schön, dass es im Jahr 2018 noch solche Fanzines wie Pest & Kolera gibt! Ich hoffe, dass es nicht nur bei dieser ersten Ausgabe bleibt, sondern dass noch viele weitere folgen.

Weitere Infos zum Pest & Kolera findet ihr hier.

Pest & Kolera #1 gibt es übrigens hoffentlich auch bald über den Zineklatsch-Distro zu kaufen. Wer Interesse daran hat, möge sich einfach per E-Mail ans Archiv der Jugendkulturen wenden.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2018 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Grindcore #Punk #Metal #DIY #Cut-and-Paste

Zine of the Day: Sycamore #1 (Deutschland)

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Sycamore– Ein queerfeministisches Heavy Metal Fanzine. Zugegeben, nicht unbedingt zwei Dinge, die bei mir auf den ersten Blick zusammengehen: Queerfeminismus und Heavy Metal. Meine Assoziationen mit Heavy Metal sind eher: männlich dominiert, weiß und trotz bestimmter Spielarten im Bereich Gender (lange Haare, enge Lederkluft und Schminke) eher reaktionär in der Grundhaltung zu Sexualität und Geschlecht als offen für subversive Queerness.

Also nicht unbedingt die besten Grundvoraussetzungen für mich, um ein Zine aus diesem Bereich vorzustellen. Doch schon der erste Blick ins Heft verfängt. Das hier ist ein ambitioniertes Projekt. Schon im Editorial „Heavy Metal needs a Thunderstrike“ wird das mehr als deutlich. Die beiden Zinemacher*innen sind ganz schön angepisst von dem Status Quo im Metal, haben viel zu sagen und wollen vor allem an den Missständen in der Szene etwas ändern. Es geht um Sexismus, Misogynie und sexuelle Gewalt im Metal, aber auch um das Anprangern von bekannten Reflexen des Tabuisierens und Kleinredens dieser Probleme. Ein Call for Action #Kill the King, das durchaus Parallelen zu dem mittlerweile legendären Riot Grrrl Manifesto aufweist, soll die metaleigene #metoo Debatte befördern. Um das zu initiieren gibt es im Zine mehrere Berichte von Betroffenen, die sexuelle Gewalt oder Sexismus und Misogynie erfahren haben. 

Auch die Dominanz weißer, heterosexueller cis-Männer im Metal soll mit diesem Zine etwas entgegengebracht werden. So gibt es vordergründig Interviews mit Bands und Musiker*innen (Maggot Heart, Winds of Genocide) sowie Artikel von und über Frauen*, Queers und Trans*Menschen aus der Metal-Szene. Doch das Sycamore Kollektiv will nicht nur Fanzine sein. Das seit Mai 2017 gestartete internationale Netzwerk soll weiter wachsen und will in Zukunft auch eigene Veranstaltungen organisieren sowie eine Datenbank ins Leben rufen, in denen Frauen*/ queere Musiker*innen erfasst werden. 

Nun sind die hier angesprochenen Probleme sicher nicht das negative Alleinstellungsmerkmal der Metal-Szene. Schon die Riot Grrrls Anfang der 90er Jahre prangerten diese Themen im Punk und Hardcore an. Und auch female: pressure (Fokus: Techno/ elektronische Musik) arbeitet seit gut 20 Jahren an dem Abbau sexistischer Strukturen in der Musikindustrie durch Awareness Kampagnen, wie den VISIBILTY Blog sowie durch Festivals, Parties, Booking und eine eigene DJ/ Musiker*innen- Datenbank. 

Dennoch: Die Macher*innen des Sycamore- Zines schaffen hiermit einen ersten wichtigen Aufschlag, um die Sichtbarkeit von Frauen*, Queers und Trans* Menschen im Metal herzustellen, ihnen eine Plattform für ihre Meinungen und Veränderungswünsche zu bieten und um in die eigene Szene und ihre blinden Flecken hineinzuwirken. 

Fazit

Ein sehr politisches Zine, das fast alles richtig macht und von dem wir in Zukunft hoffentlich noch mehr lesen werden. Für das nächste Ausgabe wäre es aus meiner Sicht jedoch wünschenswert, mehr of Color-Perspektiven zu integrieren. Ein Anspruch, dem die erste Ausgabe leider nur bedingt gerecht wird. 

Das Sycamore- Kollektiv sucht übrigens noch nach Mitstreiter*innen.

Bei Interesse meldet euch gerne hier:

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Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

Giuseppina 

Projektleitung „Diversity Box“

Zine of the Day: klops (Deutschland)

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Klops #1_Cover

klops #1 (Cover)

Ich mag Zines, die ein klares, eindeutiges und im Kern einfaches Konzept haben und sich auf den ersten Blick von selbst erklären – solche Zines eben, die sich nicht erst ausufernd und komplexartig selbst beschreiben müssen, um sich ihrer vermeintlichen Daseinsberechtigung selbst zu vergewissern, sondern die in ihrer Aufmachung und Form selbst schon ein eindeutiges Statement abgeben.

Das klops aus Leipzig ist ein solches Zine, das – bildlich gesprochen – wie ein Paukenschlag in Papier-Form daherkommt. Die erste Ausgabe dieses schwarz-weiß kopierten DIN A6-Fanzines fand ich irgendwann letztes Jahr überraschenderweise in meinem Postfach im Archiv der Jugendkulturen.

Ein Blick ins Editorial macht gleich zu Beginn kurz und bündig klar, um was es hier geht:

„a few years ago a friend gave me a self-made cd compilation with riot grrrl/female fronted bands (…). I was surprised how great those bands are and I wondered why I had never heard of many of them. This was the reason why I had the idea to compile a collection of riot grrrl/female fronted bands for my first edition of ‚klops‘ zine – so people who are interested in them can find easier access to those bands and their music“.

Klops #1_Innen

klops #1

Auf insgesamt 36 Seiten stellt Herausgeber_in Kimchi jeweils eine eben solche Band vor – und zwar in schlicht gehaltener Ästhetik mit einem kopierten Foto und ein paar wenigen Zeilen Text, so dass man beim Lesen und Betrachten gerade so viel Informationen bekommt, um neugierig zu werden und selbst weiter zu recherchieren. Und dafür gibt es auf der letzten Seite des Zines Hinweise auf Bücher und Filme zu den vorgestellten Bands, zu denen neben relativ bekannten und legendären Acts wie X-Ray Spex, Kleenex/Liliput, Bikini Kill oder Team Dresch auch weniger bekannte oder heutzutage in Vergessenheit geratene Gruppen und Künstler_innen zählen wie Bush Tetras, Autoclave, The Passions, Vulpess oder Lizzy Mercier Descloux. Und dafür, dass in dieser Vorstellungsrunde auch Spitboy nicht fehlt, bekommt Kimchi 1.000 Extra Bonus-Sympathiepunkte von mir.

Klops #2_Cover

klops #2 (Cover)

Wer eine Vorliebe für (Post-)Punk-, Indierock- und No Wave-Bands solcher Couleur und Haltung hat, wird sich bei der Lektüre von klops nicht nur darüber freuen, die ein oder andere Lieblingsband darin wiederzufinden, sondern beim Lesen auch Lust und Neugier bekommen, endlich wieder potenziell interessante und neue Musik entdecken zu können. Oder um es mit den Worten eines unserer Buddies von der Schikkimikki Zine Library in Berlin zu sagen, nachdem sie das Heft auf dem Bremer Zine Festival erstmals zu sehen bekam: „Wie geil ist das denn!?!“ Mehr als „Word!“ ist dem eigentlich nicht hinzuzufügen.

 

Klops #2_Innen

klops #2

klops #2, das übrigens im Dezember letzten Jahres erschien, fängt dort an, wo die erste Ausgabe des Zines aufhörte – nur dieses Mal mit noch mehr Seiten und noch mehr Riot Grrrl- bzw. female fronted Bands wie Ana Hausen, Lost Cherrees, Red Aunts oder Trabant. Die allermeisten davon kenne ich persönlich überhaupt nicht. Umso mehr gibt es für mich also auch hier wieder zu entdecken.

klops #1 und #2 können übrigens nicht nur im Archiv der Jugendkulturen eingesehen werden, sondern auch über den Zineklatsch Distro erworben werden. Bei Interesse einfach eine Mail ans Archiv schreiben!

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2018 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #RiotGrrrl #Post-Punk #Punk #NoWave #Queer-Feminismus #female-fronted-bands

Zine of the Day: Extreme Outsiders #1 (Spanien)

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Manche Zines lassen sich einfach nicht eindeutig kategorisieren oder einer bestimmten Szene zuordnen. Zu diesen Exemplaren gehört auch das Extreme Outsiders, das ich vor einigen Jahren für die Sammlung des Archivs auf dem Zinefest Berlin gekauft habe. Beatriz Lobo und Elara Elvira, die beiden Herausgeberinnen dieses Zines, kommen aus Spanien und arbeiten beide als professionelle Künstlerinnen und Designerinnen. Bei Extreme Outsiders scheint es sich um das erste und einzige Zine zu handeln, das die beiden bislang gemacht haben.

Extreme Outsiders

Extreme Outsiders #1

Das Konzept ihres Zines ist schnell erklärt: Aus der Masse an sich im Netz repräsentierenden kulturellen Außenseitern und künstlerischen Sonderlingen picken sie sich für jede Ausgabe ihres Zines eine Person heraus, die sie besonders kurios aber zugleich auch interessant und faszinierend finden und veröffentlichen von dieser Person ein kurzes Porträt. Dies könnte auf reißerische oder bloßstellende Art geschehen, was den Außenseiter-Status dieser Personen einfach bloß verdoppeln würde. Beatriz Lobo und Elara Elvira gelingt es vielmehr diese kulturellen und künstlerischen Außenseiter auf eine Weise zu beschreiben, die eher von einer Faszination für und einer Bewunderung gegenüber diesen Menschen zeugt. In diesem Sinne handelt es sich bei Extreme Outsiders in gewissem Sinne um ein Fanzine par excellence – einem Fandom für abseitige Künstler_innen abseits jeglichen nur denkbaren Mainstreams.

Die Debüt- Ausgabe dieses Zines besteht aus einem mehrmals gefalteten und schwarz-weiß kopierten DIN A3-Blatt und widmet sich der – im positiven Sinne – verrückten und wundervollen Welt von Randy Constan. Randy ist Musiker und Programmierer, vor allem aber der wohl radikalste und konsequenteste Peter-Pan-Selbstdarsteller, den man sich vorstellen kann. Auf seiner inzwischen nicht mehr ganz aktuellen Webpage finden sich unzählige Links zu zahlreichen Bildern von Randy im Peter Pan-Kostüm, zu seinen Songs und seinen weiteren Arbeiten. Selbst seine Frau scheint seine Begeisterung für seine Verkörperung dieser ewig Kind-bleiben-wollenden Kunst-Figur zu teilen. Beatriz Lobo und Elara Elvira schöpfen aus den unendlichen digitalen Bilder- und Text-Welt von Randy und haben daraus in ihrem Heft ein liebevolles und zugleich witziges Porträt dieses künstlerischen Ausnahmetalents geschaffen.

Leider liegt dem Archiv nur diese Ausgabe vor, aber offenbar scheint es weitere gegeben zu haben. Zumindest findet sich die Ankündigung für Extreme Outsider #2 mit einem Porträt über die Videokünstlerin Jan Terry und deren selbstproduzierten Musikclips in diesem Blog. Mehr als diese beiden Ausgaben scheint es jedoch nicht gegeben zu haben. Eigentlich schade! Ich hätte gerne noch mehr Extreme Outsiders kennengelernt.

Weitere Informationen zu Beatriz Lobo findet ihr hier sowie dort und zu Elara Elvira sowohl hier als auch dort.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2018 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Outsiders #Artzine #PeterPan

 

Trau keinem über 30!

Trau keinem über 30! Schule und Jugendkultur 1960 bis 1975
Ausstellung des Schulmuseum Bremen in der Unteren Rathaushalle Bremen

Stolze 3 DM beträgt der Eintritt, als am 27. November 1967 Rudi Dutschke in Bremen im Jazzkeller „Lila Eule“ auftritt. In der Ausstellung „Trau keinem über 30!“ ist in Bremen nun das Einladungsflugblatt zu sehen. In der Ausstellung geht es erfreulicherweise sehr viel um Protest an Schulen und Protest von Schüler*innen. Genauso geht es um Schule und zwar aus der Sicht der Schüler*innen, Lehrer*innen und staatlichen Behörden. Eine Universität gibt es Ende der 1960er Jahre in Bremen ja noch nicht, nur eine kleine Pädagogische Hochschule, und so werden die Schüler*innen zum Motor des Aufbruchs.
Die grundsätzlich chronologisch aufgebaute Ausstellung beginnt Anfang der 1960er Jahre mit dem sich immer ausbreitenden Pop und Rock. Auch in den späteren Phasen zeigen sich Musik und Lifestyle als der Humus der Jugendkulturen. Inhaltlich geht es um Protest und Selbstbestimmung, Mode, Wohnen und Kommunikationsformen, Sexualkunde, Beatmusik und die Idole der 1960er Jahre. Hier funktioniert die Aura der Exponate: Schülerzeitungen, die oft verboten wurden, Schulbücher, die schon am Cover die Modernisierung erkennen lassen, Spielzeug, Illustrierte, Kleidung …

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Hörsaal im Gymnasium Hamburger Straße 1963. (Fotosammlung Schulmuseum Bremen)

Es ist verblüffend zu sehen, dass es 1967 schon Sprachlabore gibt. Sie wirken wie Science Fiction, gerade wenn man sie neben das Foto des überalterten Kollegiums einer Schule legt, das nur wenige Jahre zuvor entstand – und wie aus der Kaiserzeit wirkt. Das damals uneingeschränkt sozialdemokratisch geprägte Bremen erneuert und erweitert seinerzeit sowieso seine Infrastruktur, und reagiert damit auch auf den Protest. Aus der Revolte ist systemkonforme Mitbestimmung geworden, aus dem alten Schulsystem wurden die Gesamtschulen, bereits 1970 wird die erste eröffnet. Es entstehen die Lernfabriken, gegen die sich dann die Abneigung der No-Future-Generation und Punks einerseits und die eher romantische Kritik der Alternativbewegung der 1980er Jahre andererseits richten werden. Viele der damals Protestierenden werden selbst Lehrer*in, wenn nicht sogar Schulleiter*in oder gar Politiker*in. Größere Schüler*innenproteste gibt es in Bremen erst wieder, als die bis heute andauernde neoliberale Sparpolitik beginnt.

Integraler Teil der Ausstellung sind die Ergebnisse von Schulprojekten. Hier gingen Schüler*innen von heute in den Dialog mit dem Lebensgefühl (und der Protestkultur?) der Großeltern-Generation. Das Besondere daran ist, dass die Schulklassen selbstgewählte Themenschwerpunkte zu der Ausstellung zusammen mit dem Museum erarbeitet haben und kreativ präsentieren. In einem Schulhalbjahr sind auf der Basis vieler Zeitzeugengespräche und der Recherche historischer Quellen ganz unterschiedliche Präsentationen wie Filme, Podcasts oder Objektinszenierungen entstanden, die die Schulgeschichte von vor 50 Jahren lebendig werden lassen.

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Protest: Sit-In im Lehrerzimmer des Wirtschaftsgymnasiums, 1968. (Fotosammlung Staatsarchiv Bremen)

Die Schüler*innen in den Projektn erhielten, wie jetzt alle Besucher*innen dieser sehr sehenswerten Ausstellung, ein alltagsnahes Bild über diesen Aspekt der langen „Achtundsechziger Jahre“. Ein weiterer Pluspunkt der Ausstellung ist, dass sie unaufgeregt die oftmals nervige Selbststilisierung der 68er weitestgehend vermeidet.

Noch bis zum 1. Juli 2018, Untere Rathaushalle Bremen, Täglich geöffnet von 11 bis 17 Uhr, donnerstags von 11 bis 20 Uhr, Eintritt frei.

Gleichnamige Begleitpublikation für günstige 14,90 EUR (160 Seiten, 167 Abb, Verlag Edition Falkenberg Bremen, ISBN 9783954941544)

Bernd Hüttner

 

Diversity Box goes Sachsen-Anhalt

Projekttage zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt am Philanthropinum Gymnasium in Dessau

Am 30. und 31.01.2018 Januar hatten wir mit unserem Projekt  „Diversity Box“ die Möglichkeit nach Dessau zu fahren, um dort mit Schüler*innen der 9. Klassen des Philanthropinum Gymnasiums zwei gemeinsame Projekttage zu gestalten.
Die Schüler*innen konnten zusammen mit unseren Diversity Box-Teamer*innen und Szeneexpert*innen im Video-, Rap-, Fotografie- und Comic-Workshop eigene Meinungen und Ideen zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt entwickeln und kreativ umsetzen.

Im Fotografie-Workshop wurden Geschlechterrollen und-stereotype aufgebrochen und irritiert. Dabei entstanden die Fotostrecken: „Der Winkel macht den Unterschied“, „ Break the Genderrules!“, „Klischees? Schon längst veraltet!“, „Andersrum ist nicht verkehrt“, „Show yourself, don’t be afraid“ und „Kleider machen (Mädchen) Leute“.

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Im Comic-Workshop entstand das Comic „City of Love“. Darin konnten die Schüler*innen eine eigene queere Liebesgeschichte in Zeichnungen und Text umzusetzen, die sich mit gleichgeschlechtlicher Liebe, Diskriminierung und Akzeptanz auseinandersetzt.

Der Kurzfilm „Who do you see in the mirror“ des Video-Workshops behandelt die Themen Geschlechterrrollen, Trans* Identität, Anerkennung von Vielfalt und Zusammenhalt in der Schule.Hier konnten die Schüler*innen entweder hinter der Kamera, u.A.  als Regisseur*in oder Kameraassistent*in stehen oder vor der Kamera als Schauspieler*innen agieren.

Im Rap-Workshop wurden viele Methoden des kreativen Schreibens ausprobiert und die Jugendlichen konnten ihre eigene Eindrücke und Erfahrungen zu den Aspekten Geschlecht, Identität und  Vielfalt in Rap-Texte transportieren. Die Teamer*innen stellten dafür Sprechgesangtechniken und eigene Rapsongs vor.

Die Projekttage in Dessau wurden durch die Förderung des LUSH-Charity Pot ermöglicht, wofür wir uns an dieser Stelle nochmal herzlich bedanken.

Mehr zum Projekt unter http://www.diversitybox.jugendkulturen.de

oder in diesem Clip

Euer Diversity Box-Team

Giuseppina, Saskia und Vicky

Wir Kinder der 90er

Johannes Engelke, Karin Weber, Maren Ziegler, Jacob Thomas
Wir Kinder der 90er.  Alles, was wir damals liebten (und was uns heute peinlich ist)
Goldmann Verlag 2017
206 Seiten
12,00 EUR

The Dream of the 90s is alive

Ob in der Arte-Dokureihe „Welcome to the 90s“, in der US-amerikanischen Comedyserie „Portlandia“ oder als Modetrend in den Berliner Clubs: „The 90s are back “ und sie haben ihren Platz in der popkulturellen Geschichtsschreibung eingenommen. Mit dem Buch „Wir Kinder der 90er“ wollen die Herausgeber*innen nun auch, dass wir einen Platz in unseren Bücherregalen für die 90er freimachen. Dabei geht es in diesem 90er-Lexikon über Musik, Mode(sünden), Technik und Alltagsgegenständen weniger um eine (pop-) kulturelle oder kulturkritische Kontextualisierung der 90er à la Spex oder testcard, als vielmehr um eine subjektive, scheinbar wahllose Aneinanderreihung von all jenen Dingen, die die Herausgeber*innen damals liebten und die ihnen heute peinlich sind.

Als erster Gegenstand wird der Game Boy beschrieben, gefolgt von dem Bum Bum Eis. Ein stringentes Lexikon von A-Z findet sich hier also nicht, was mich persönlich aber weniger stört und nach meiner Auffassung auch nicht unbedingt zu dem bunten und auch manchmal musikalisch und modisch etwas uneindeutigen Jahrzent der 90er passen würde. Stattdessen sind die ausgewählten Gegenstände der 90er eher nach Beliebheits- oder Bekanntheitsgrad sortiert, das legt jedenfalls der Auftakt mit dem Kultobjekt Game Boy nahe. Gerahmt werden die vorgestellten Gegenstände durch kurze, oft persönliche Texte der Herausgeber*innen, die dabei Einblicke in Familienleben, identitätstiftende Schul-Battles (Lamy vs. Pelikan und Scout vs. McNeill) und Freizeitaktivitäten (Freundschaftsbänder knüpfen, Stickeralben vervollständigen) dieser Kinder der 90er geben.

It was acceptable in the 90s?!

Für mich, ebenfalls ein Kind der 90er, bietet das Buch einen kurzweiligen nostalgischen Ausflug in ein Kaleidoskop verschiedener Kindheits-und Schulzeit-Erinnerungen. Vor allem bestimmte Modesünden von Mitschüler*innen erwachen zum Leben, wie die Kombination des Grauens schlechthin, bestehend aus Helly-Hansen-Jacke, Buffalo-Schuhen und abgerundet durch die berühmt-berüchtigte Schnellfickerhose. Aber auch damals innig geliebte Süßigkeiten, wie die Erdbeerschnüre und das Ed-von-Schleck-Eis sowie heutige technische Kultobjekte, wie die NES- Spielkonsole und das Nokia 3210 Handy mit dem legendären Snakespiel, finden ihren Platz in diesem Buch. Auch wieder in der Versenkung verschwundene Modetrends, wie Henna-Tattoos, Schnapparmbänder, Kangol-Caps und Miss-Sixty-Jeans oder technische (Weiter-)Entwicklungen der 90er, wie Mini-Discs, die Telefonkarte und die Showview-Funktion an Videorecordern werden einem beim Durchblättern wieder ins Gedächtnis gerufen. Vermeintliche technische Revolutionen, über die man in Zeiten von Spotify, Smartphones und Netflix nur noch müde lächeln kann.

Es kommt alles wieder

Am Ende gibt es vieles in diesem Buch, das zurecht in Vergessenheit geraten ist. Doch vor allem die Errungenschaften, die dem Zahn der Zeit getrotzt haben und auch heute noch Kultobjekte sind, sowie das Mantra, dass alle Modetrends irgendwann wieder ‚in‘ sind, machen dieses Buch zu einem amüsanten und kurzweiligen Lesevergnügen.  Vor allem die Menschen, die ihre Kindheit bzw. Jugend in den 90ern verbracht haben, erwartet hier eine nostalgische Achterbahnfahrt durch die Pop- und Trashkultur dieses Jahrzehnts.  Nostalgiker*innen, die ein Wechselbad der Gefühle von Freude bis Scham gut aushalten können, dürfen beherzt zugreifen, aber auch Trendsetter*innen können dieses Buch als Beweis heranziehen, dass jedes Jahrzehnt sein Mode-Revival bekommt. Vielleicht auch genau die Trends, die uns Kindern der 90er heute peinlich sind: Ich ganz persönlich hab schon wieder das ein oder andere Tattoo-Halsband an Jugendlichen entdecken können. 

Giuseppina Lettieri

Träume aus dem Untergrund

Christoph Wagner
Träume aus dem Untergrund. Als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten
Silberburg Verlag 2017
188 Seiten
24,90 EUR

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Der 1956 geborene Christoph Wagner berichtet in seinem Buch über die musikalischen Subkulturen in Baden-Württemberg; und hat unter anderem zu erzählen, dass die erste Deutschland-Tour von Black Sabbath nur aus Auftritten in der schwäbischen Provinz bestand.

In den 1960er und 1970er Jahren gibt es zwischen Bodensee, Main und Neckar, angefangen von avantgardistischen Jazz-Kneipen über Open-Air-Festivals bis hin zu linken Jugendzentren und größeren soziokulturellen Einrichtungen ein dichtes Netz von Orten einer dissidenten Gegen- und Jugendkultur. Wagner stellt zum einen diese Orte vor, an denen damals (später dann sehr bekannte) Bands wie z. B. Pink Floyd, oder auch The Who (1967 in Ludwisgshafen) das einheimische Publikum begeistern. Dies ist dann eine Zeitreise nach Oberschwaben, nach Franken oder an die Donau. Zum anderen geht es um Künstler, die aus Baden-Württemberg kommen, und da gibt es selbst für von dort kommende Leser*innen wie den Autor dieser Zeilen doch erstaunlich viele. Dass Wolle Kriwanek, Wolfgang Dauner, Schwoißfuaß oder Grachmusikoff dazu zählen, ist bekannt. Aber auch die Krautrocker von Guru GuruKraan und sogar die linksradikalen Polit-Rocker von Checkpoint Charlie sind im Süden beheimatet. Wagner nimmt alle in Frage kommenden Genres in den Blick: Von Jazz und Folk über Hardrock und Liedermacher bis zum Beat und Dialekt-Rock. Mitte der 1980er bricht dann der Berichtszeitraum des Buches ab, Wagner weist auf das schon vorher öfters thematisierte Ende von Musikkonjunkturen hin.

Die Texte sind gerade für Generationsgenoss*innen voller Nostalgie zu lesen, und haben (trotzdem) einen relativ hohen Informationsgehalt. Sie sind mit Zitaten und Anekdoten gespickt, die Wagner bei seinen Recherchen erzählt worden sind. So erfährt der oder erstaunte Leser*in schmunzelnd, dass Konzerte oft sonntags um 14 Uhr stattfanden, damit die zahlreichen Besucher*innen nach deren Ende noch per Anhalter zurück in ihre Dörfer trampen konnten.

Nach der Lektüre drängt sich wieder einmal die Frage auf, ob die Kneipenbetreiber*innen und Jugendzentrumsaktivist*innen im Grunde nur eine andere Art von Unternehmensgründer*innen waren als die damaligen konservativen, letztlich ja postfaschistischen Handwerks-Unternehmer*innen und Mittelständler*innen aus dem Umfeld der historischen CDU? Waren sie postfordistische Unternehmer*innen, die schon länger als Grüne geräuschlos mit einem modernisierten CDU-Milieu zusammenarbeiten konnten? Das steht zu vermuten, muss aber an dieser Stelle offen bleiben. Ein umfangreiches Register erleichtert die Nutzung dieses reichhaltig und durchgängig farbig illustrierten Werkes.

Bernd Hüttner

Soziale Medien und Diskriminierung

Für die Veranstaltung am 07. Dezember 2017 freuen wir uns sehr Tarik Tesfu („Tariks Genderkrise“, „Jäger& Sammler“/ Funk) als Referenten gewonnen zu haben. Es geht an diesem Fortbildungstag „Hate me Baby one more Time“ um Soziale Medien und Diskriminierungsformen und das Aufzeigen von Handlungsmöglichkeiten gegen Hate Speech zu Gender und Homo-und Transfeindlickeit im Netz.

Multiplikator*innen aus verschiedenen Bereichen, wie der Jugend-,Bildungs- und Sozialarbeit soll der Bildungstag eine Fortbildungsmöglichkeit bieten, um sich über Hate Speech und neue Formen der Ausgrenzung und Abwertung im Social Media Bereich zu informieren und sich über Handlungsmöglichkeiten dazu auszutauschen.

Referent*:
Tarik Tesfu. Tarik Tesfu betreibt seit 2015 einen eigenen YouTube-Kanal. „Tariks Genderkrise“ und ist zudem bei dem Online-Medienangebot „Funk“ der öffentlich rechtlichen Sender bei dem Format „Jäger&Sammler“ aktiv. Tarik Tesfu widmet sich aktuellen politischen und gesellschaftsrelevanten Themen in seinen Videos und kritisiert auf unterhaltsame Weise Rassismus, Rechtspopulismus oder Heteronormativität.

Teilnahmegebühr: 4,40 Euro

Die Veranstaltung ist offen für alle Interessierten.

Wir bitten um verbindliche Anmeldung bis zum 25.11.2017 bei saskia.vinueza@jugendkulturen.de

Die Teilnehmer*innenzahl ist auf 15 Personen begrenzt.

Hinweis:

Da wir nur 15 Teilnehmenden die Möglichkeit geben können die Fortbildung wahrzunehmen, möchten wir darauf hinweisen, dass die Anmeldung verpflichtend zu verstehen ist. Falls Sie verhindert sind, bitten wir darum mindestens 4 Tage vorher abzusagen, damit andere Interessierte nachrücken können.

Für einen Imbiss (vegetarisch/vegan) wird gesorgt.
Der Veranstaltungort ist barrierearm.

Eine Förderung ist bei der BpB beantragt.

„Wer war eigentlich Lili Elbe?“- Projektwoche zu LSBTI*-Identitäten in Berlin damals und heute

Eine Frage, die sich die Schüler*innen des Hermann-Hesse Gymnasiums während der Projektwoche „Auf den Spuren von Lili Elbe-LSBTI* Identitäten in Berlin damals und heute“ vom 10. bis 14. Juli 2017 gemeinsam mit dem Projekt „Diversity Box“ des Archiv der Jugendkulturen e.V. gestellt haben.

Es wurde eigenständig recherchiert und zudem bei der Expertin Niki Trauthwein des Lili Elbe Archivs nachgefragt. Sie gab den Schüler*innen in einem Vortrag Einblicke in die Vielfalt Berlins in den 1920er und beginnenden 1930er Jahre. Niki Trauthwein berichtete von Orten, wie dem Eldorado, einem beliebten Lokal für Schwule und Lesben in Berlin, vom Institut für Sexualwissenschaften sowie dem Forscher Magnus Hirschfeld, einem zentralen Vorreiterr in der Forschung zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, der selbst auch als Aktivist für die Gleichstellung von LSBTIQ*-Menschen von Bedeutung war.

Lili Elbe, eine dänische Inter*person suchte ärztlichen Rat bei Magnus Hirschfeld in Berlin im Jahr 1930, da die Forschung zu Trans*-und Inter*geschlechtlichkeit am Institut für Sexualwissenschaften, vor allem von Magnus Hirschfeld mit vorangetrieben wurde.

Mit diesen Informationen im Gepäck erforschten die Schüler*innen gemeinsam mit Diversity Box-Teamer*innen in zwei parallel gelaufenen Workshops, Video und Comic,  weitere Aspekte der Vielfalt, Akzeptanz und Sichtbarkeit queerer Menschen in Berlin damals und untersuchten Parallelen sowie Unterschiede zum Leben queerer Menschen heute in Berlin.

Die Schüler*innen im Video Workshop entschieden sich in der Kreativphase der Projektwoche für eine spannende Symbiose von Realität und Fiktion. Zuerst ging die Reise zurück ins Berlin der 1920er Jahre. Ein Abend im Lokal „Eldorado“ wurde im Stummfilm-Stil umgesetzt, die Schüler*innen konstümierten sich und versetzten sich in queere Menschen der damaligen Zeit.

Danach ging es an aktuelle Orte queerer Vielfalt in Berlin, wie den Nollendorfplatz in Schöneberg und in den Südblock am Kottbusser Tor in Kreuzberg.

Die Schüler*innen filmten und interviewten dabei Tülin Duman, die Geschäftsführerin des Südblocks sowie den Inhaber der queeren Buchhandlung Eisenherz am Nollendorfplatz. Heraus kam ein von den Schüler*innen selbst gestalteter 15-minütiger Film zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, der den Bogen zwischen dem Berlin damals und heute spannt.

Im Comic-Workshop entstand das Comicheft „Auf ins Gute“, in dem die Schüler*innen Zeichnungen und Texte zu einer Geschichte über gleichgeschlechtliche Liebe, Diskriminierung und Akzeptanz formten. Hauptprotagonistinnen der Geschichte sind zwei Mädchen, die sich über die gemeinsame Recherche zum Leben von Lili Elbe und dem Berlin der 20er und 30er Jahre, näher kommen und schließlich in einander verlieben.  In ihrer Heimatstadt Nürnberg stößt ihre Liebe auf viel Widerstand, weshalb sie sich entscheiden gemeinsam nach  Berlin zu gehen, wo sie auf eine offenere Gesellschaft hoffen und die vielfältige queere Szene kennenlernen wollen:  Ihr „Umzug ins Gute“.

 

Ein Dank geht an alle Projektbeteiligten: Den Schüler*innen des Hermann-Hesse Gymnasiums, den Lehrer*innen Fernando da Ponte, Andreas Beck und Sandra Christall, den Teamer*innen Sanni Cabral, Nina Kunz, Lili Loge, Tine Fetz und den Projektmitarbeiter*innen Saskia Vinueza und Vicky Kindl.

Gefördert wurde diese Projektwoche „Auf den Spuren von Lili Elbe-LSBTI*-Identitäten in Berlin damals und heute“  von der LPB Berlin, der unser herzlicher Dank gilt.

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Diversity Box goes Sachsen-Anhalt Spendenkampagne

Diversity Box goes Sachsen-Anhalt!

Dafür brauchen wir eure/ ihre Unterstützung.
Bereits eine kleine Spende kann im Schwarm viel bewirken.
In diesem Clip erklären wir unser Vorhaben und zeigen ein paar schöne Ergebnisse unserer Workshoparbeit mit Jugendlichen.

 

Mehr Infos zum Projekt:

http://www.diversitybox.jugendkulturen.de

http://www.diversitybox.tumblr.com

Zu unseren Workshopergebnissen:

http://diversitybox.jugendkulturen.de/ergebnisse.html

Spenden könnt ihr für uns über Betterplace:

https://www.betterplace.org/de/projects/4563-unterstutze-das-archiv-der-jugendkulturen-berlin

Giuseppina Lettieri

Projektleitung „Diversity Box“

Kurzmitteilung

„Alle Geschichten (er)zählen- Kreatives Schreiben in der Antidiskriminierungsarbeit“

Die von der BPB geförderte Veranstaltung am 30. November 2017 bieten wir zum Thema „Alle Geschichten (er)zählen- Kreatives Schreiben in der Antidiskriminierungsarbeit“ an.

Multiplikator*innen aus verschiedenen Bereichen der Jugend- und Sozialarbeit soll der Bildungstag eine Fortbildungsmöglichkeit bieten, um schreibpraktische Methoden aus der antirassistischen und antidiskriminierenden Bildungsarbeit kennenzulernen und diese Erkenntnisse praktisch umsetzen zu können. Der Bildungstag hat das Ziel eigenes Handeln zu reflektieren, eigene Wissensquellen zu erweitern und einen machtkritischen und intersektionalen Bildungsansatz zu vermitteln.

Termin:    30. November 2017

Uhrzeit:    10:00 – 17:00 Uhr (6 Std. plus 1 Stunde Mittagspause)

Veranstaltungsort:    Archiv der Jugendkulturen e. V., Fidicinstr. 3, 10965 Berlin

 Referent*in:

Claire Horst arbeitet als freie Bildungsreferentin in der politischen Bildungsarbeit, als Schreibtrainerin, als DAF Lehrerin und Autorin sowie als freie Journalistin.

Sie hat Neuere deutsche Literatur, Philosophie, Englische Philologie, Magister; Fernstudium DaF, Studium Biografisches und kreatives Schreiben, Master studiert.

Neben dem kreativen Schreiben hat Claire Horst Fortbildungen im Bereich der vorurteilsbewussten Erziehung absolviert.  Außerdem Tätigkeit für Vereine, Universitäten, freie Bildungsträger, Schreibberatung für Einzelpersonen.

Teilnahmegebühr: 4,40 Euro

Die Veranstaltung ist offen für alle Interessierten.

Wir bitten um verbindliche Anmeldung bis zum 15.11.2017 bei saskia.vinueza@jugendkulturen.de

Hinweis:

Da wir nur 15 Teilnehmenden die Möglichkeit geben können die Fortbildung wahrzunehmen, möchten wir darauf hinweisen, dass die Anmeldung verpflichtend zu verstehen ist. Falls Sie verhindert sich, bitten wir  darum mindestens 4 Tage vorher abzusagen, damit andere Interessierte nachrücken können.

Für einen Imbiss (vegetarisch/vegan) wird gesorgt.

Der Veranstaltungort ist barrierearm.

Sprengel für alle

Ute Wieners
Sprengel für alle. Autobiografische Erzählungen
Edition Region und Geschichte 2017
302 Seiten
18,80 Euro

U1_U4_Sprengel-194x300Ute Wieners berichtet in ihrem zweiten Buch über die ersten zehn Jahre des Geländes der ehemaligen Schokoladenfabrik Sprengel in Hannover. Dieses wird im Sommer 1987 besetzt. In einem mehr als desolaten Zustand vorgefunden, werden Fensterscheiben eingesetzt und in Eigeninitiative das notwendigste hergerichtet. Bald wohnen dort, wie heute noch, um die 50 Personen, es gibt auf dem 16.000 Quadratmeter großen Gelände mit mehreren Gebäuden Ateliers, Kneipen und Werkstätten. Die Bewohner*innen sind nach Häusern und nach Küchen organisiert, die dann auch schnell verschiedene, treffende Namen bekommen: Im Mittelbau wohnen die Trinkpunks, es gibt die Balkon- und die Kaderküche (dort treffen sich die Polit-Cracks) oder die Frauenküche.

Die 1962 geborene Wieners möchte mit ihrem Buch ihre Geschichte, bzw. die Geschichte der besetzten Fabrik aus ihrer Perspektive und ihrer Wahrnehmung erzählen: Detailliert zeichnet sie verschiedene Paradiesvögel, Polit-Leute, Schnorrer und auch Soziopath*innen und deren Verhalten nach. Der zweite Strang des Buches ist die politische Ebene: Verhandlungen mit der Stadt, Bündnispolitik im Stadtteil, Öffentlichkeitsarbeit und die Vorgänge um die Chaostage 1995 und 1996. In den ausführlich referierten Konflikten zwischen Autonomen und Punks (bzw. in der Bezeichnung der jeweiligen Gegenfraktion „Automaten“ und „Gorillas“) nimmt sie eher eine Mittel- bis vermittelnde Position ein  – und sitzt so schnell zwischen allen Lagern.

„Normale“ Linke, „normale“  Punker*innen oder „normale“ Autonome, wenn so ein Begriff verwendet werden soll, scheint es dort seinerzeit wenige gegeben zu haben. Dafür aber umso mehr Alkohol und andere Drogen, Faustrecht, Sexismus, Mackertum und kaputte Typen, Müll, Drohungen und Angst. So stellt sich schnell selbst für mit linkem oder anarchistischem Gedankengut sympathisierende Leser*innen die große Frage: Warum tut die Autorin sich solch ein Klima so lange an? Und ist es nicht eine Bankrotterklärung ersten Ranges, wenn Wieners, die bis heute auf dem Gelände lebt, bei einer Lesung erzählt, sie würde so eine Besetzung wegen der Konflikte mit der Polizei, der Stadtverwaltung oder Nazis jederzeit wieder machen. Wenn sie etwas davon abhalten würde, dann der Psychostress, dem sie durch die Binnenverhältnisse ausgesetzt war.

Das Buch ist sicher keine „packend und witzig erzählte Kultur- und Politikgeschichte der 1980er und 1990er Jahre“, wie der Verlag schreibt, das wäre ein zu hoher Anspruch. Es ist vielmehr eine subjektive Sicht auf einen Mikrokosmos und auf eine schon damals – und erst recht heute – sehr schräg bis destruktiv wirkende Dynamik, die sich Bahn bricht, wenn in Freiräumen keine von allen geteilten Verabredungen gelten.

„Zum Glück hab es Punk“ heißt das erste, 2012 erschienene Buch von Wieners. Es endet ungefähr da, wo „Sprengel für alle“ beginnt. Mehr dazu auf ihrer Website.

Bernd Hüttner

 

Begrabt mein Herz am Heinrichplatz

Sebastian Lotzer
Begrabt mein Herz am Heinrichplatz
bahoe books 2017
172 S.
14 EUR

begrabt_mein_herz_am_heinrichplatz.jpgLotzer beschreibt in seinem Roman das Leben seines Alter Ego Paul in der autonomen Szene Westberlins zwischen 1980 und 1995. Paul, über den Lotzer stets in der dritten Person schreibt („Paul holt sich noch ein Bier …“) ist in Berlin geboren und stößt als Schüler zur Hausbesetzerbewegung. Nach deren Zerfall beteiligt Paul sich an den weiteren Aktionen, Kampagnen und Debatten der Autonomen. Das Buch ist in 45 Szenen unterteilt, die in zwei große Blöcke gegliedert sind: Der erste („Nur Stämme werden überleben“) beschreibt die Zeit vor dem November 1989, der zweite („Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“) die danach.

Ein Großteil des Textes besteht aus auf die Dauer ermüdend wirkenden Schilderungen von Straßenmilitanz bzw. von Konfrontationen mit der Polizei. Für die autonome Bewegung jenseits von Berlin ikonografische Ereignisse wie etwa der Überfall der Polizei auf den Brokdorf-Konvoi bei Kleve im Juni 1986, die Hafenstraße im Dezember 1986 oder die Ereignisse in Rostock 1992 kommen ebenfalls vor. Wichtige szeneinterne Debatten, etwa der Fall Kaindl 1992/93, oder das Verhältnis zu den Revolutionären Zellen, werden angeschnitten, es muss aber offen bleiben, ob sie ohne genauere Kenntnis von Texten heute verständlich sind. Unter http://heinrichplatz.bahoebooks.net/ hat Lotzer (der laut Verlagswebsite eigentlich ganz anders heißt, und, wenn er Zeitzeuge ist, was zu vermuten ist, heute Mitte 50 sein dürfte) sehr hilfreiche Text und Videodokumente zu den 45 Abschnitten zusammengestellt.

Das Buch ist dort stark, wo Lotzer, bzw. Paul Unwissenheit und Unsicherheit zulässt, ja von Melancholie angesichts der eigenen „Niederlagen“ und des gesellschaftlichen Trends der postmoderner Individualisierung berichtet. Hier hätte wirklich Neues erzählt werden können. Oft gleiten diese Passagen dann aber in exotisierende Beschreibungen von Reisen nach Rom oder an die baskische Atlantikküste ab. Wie Paul seine nicht zuletzt durch politische Entwicklungen verursachten Krisen verarbeitet, und so oder dadurch dann seine politische Ethik und sein Engagement aufrechterhalten kann, wird nicht wirklich deutlich.

Zwei große, erst recht für das sich widerständig dünkende Leben grundlegende Bereiche fallen ebenfalls durch Abwesenheit auf: Da wäre zum einen die Ökonomie. Außer von einem relativ bequemen Job in Nachtschicht bei der Post zu Anfang der 1980er Jahre kommt die Einkommenssicherung jenseits von Ladendiebstahl nicht vor. Zweitens: Paul ist heterosexuell und außer einer wirren „Beziehung“ zu einer Frau namens Cora, über die der Leser und die Leserin kaum etwas erfährt, kommen Frauen im Roman im Grunde nicht vor. Freundschaften gibt es nur zu Männern; ob diese aber wirklich tragfähig und von Dauer sind, erschließt sich nicht.

In den Schilderungen der Straßenmilitanz und des Lebens in den besetzten Häusern ist das Buch stark, in der Zeichnung des Empfindens und der Motivation des Protagonisten in meinen Augen eher schwach. Der Roman ist aber eines der wenigen Beispiele, in denen das Leben in der radikalen Linken überhaupt literarisch verarbeitet wird, und schon alleine deswegen wichtig (1).

Bernd Hüttner

(1): Einige weitere Beispiele mit Stand 2007 (!) finden sich auf „Für eine ´Geschichte von unten` der radikalen Linken – Literaturempfehlungen“.

Techno Studies

Kim Feser / Matthias Pasdzierny (Hg.)
Techno Studies. Ästhetik und Geschichte elektronischer Tanzmusik
b_books 2017
248 Seiten
20 Euro
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In den 1990er Jahren schieden sich akademische und andere Geister an der seinerzeit immer populärer werdenden ,Maschinenmusik‘ Techno und den damit einhergehenden sozialen Praxen. Während die Musikwissenschaft die repetitiven Patterns und neuartigen popmusikalischen Sounds nur in Ausnahmefällen überhaupt einer näheren Betrachtung für wert befand, um sie dann etwa als „reizlos“ abzutun (Jerrentrup 1992), bot die Jugendkultur Techno der Kulturwissenschaft und Soziologie ein weiteres, offensichtlich willkommenes Untersuchungsfeld (u.a. Poschardt 1995, Klein 1999, Hitzler/Pfadenhauer 2001).

Auch die Technoszene selbst zeichnete sich in Teilen durch ein hohes Maß intellektueller Reflexion aus, die zunächst zumeist in diversen szeneinternen Magazinen ihren Niederschlag fand. Mit Techno (Anz/Walder 1995) lag darüber hinaus bereits recht früh ein bemerkenswertes Kompendium vor, in dem Szene-Protagonisten die Geschichte und den seinerzeitigen Status von Techno aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Zugängen darstellten.

Die unlängst erschienene Publikation Techno Studies: Ästhetik und Geschichte Elektronischer Musik (Feser/Pasdzierny 2016) greift nicht nur die Covergestaltung von Techno auf, sondern auch dessen zugrunde liegende Konzeption[1]. Allerdings beschäftigen sich viele der Beiträge in Techno Studies mit methodologischen Problemen bei der Erforschung und Darstellung des Phänomens Techno und stellen insofern Reflexionen bisheriger Reflexionen des Genres und seiner Protagonisten dar, was zu begrüßen ist.

Die wissenschaftliche Arbeit der Rekonstruktion und Interpretation lebensweltlicher Phänomene, aber auch die Reflexion so erarbeiteter Darstellungen, basiert notwendigerweise vielfach auf unterschiedlichsten Quellenmaterialien. Daniel Schneider, Mitarbeiter des Berliner Archivs der Jugendkulturen, erläutert in dem Artikel Party im Schuber (Schneider 2016) seine diesbezüglichen Aktivitäten. Dabei wird deutlich gemacht, dass einerseits eine Anbindung von Forschenden an die Technoszene sehr hilfreich ist, anderseits aber gerade bei kritischer Forschung eine neutrale Position gegenüber deren verschiedenen Fraktionen und entsprechenden Auseinandersetzungen geboten erscheint (92 f.).

Die akademische Beschäftigung mit Techno sowie den damit einhergehenden sozialen, kulturellen und körperlichen Praxen lassen sich unter dem Label ‚Electronic Dance Music Culture Studies‘ (EDMCS) subsumieren. Dieser Ansatz geht mit einem allgemeinen „practice turn“ der Humanwissenschaften einher, wie Rosa Reitsamer in ihrem Beitrag Die Praxis des Techno (Reitsamer 2016) betont. Die Nähe von Forschenden zum jeweils untersuchten Phänomen, etwa durch die Methode der teilnehmenden Beobachtung, bietet einerseits Chancen, immenses, teilweise internes Wissen zu erlangen, kann aber zu methodologischen und ethischen Problemen führen, was ein klassisches, aber wohl reflektiertes Dilemma der Ethnographie darstellt (Bernhard 2011: 256 ff.).

Mit Hilfe von vier Interviews mit Forschenden weist Luis-Manuel Garcia in seinem Artikel Anonym, verkörpert, anders (Garcia 2016) in Techno Studies auf weitere oder zumindest intensivierte Problematiken ethnographischer Feldarbeit in queeren Szenen hin. Deren spezifische Bedingungen erfordern teilweise neue Forschungsmethoden. Darüber hinaus plädiert Garcia, mit Bezug auf Eve Kosofsky Sedgwick (2003), überzeugend für die Anwendung eines Konzeptes der ,schwachen Theorie‘, das die jeweiligen lokalen und sozialen Kontexte beachtet und detailliert untersucht[2].

Die Oral History stellt ebenfalls die erwünschte Nähe zum Untersuchungsgegenstand durch Interviews mit Zeitzeugen her. Mehrere Veröffentlichungen der letzten Jahre (Teipel 2001, Denk/von Thülen 2012, Esch 2014) haben diesen Ansatz publikumswirksam auf die historische Darstellung populärer Musik übertragen, wurden allerdings auch kritisch betrachtet (Kaul 2015). Die TV-Dokumentation We Call It Techno!‘ rekonstruiert mit Hilfe einer Montage von Zeitzeugeninterviews den Beginn von Techno in Berlin. Julia Keilbach (2016) weist in ihrem Artikel in Techno Studies zurecht darauf hin, dass auch in diesem Film die Auswahl und Anordnung der Interviewausschnitte letztendlich lediglich ein bereits bestehendes Narrativ des ,versteckten‘ Autors illustrieren (Keilbach 2016: 97). Dieses blendet überdies die internationale Dimension von Techno und die Rolle homosexueller Akteure nahezu aus (101 f.). Durch die gewählte Form der Montage und die kurze Dauer der jeweiligen Passagen werden die methodischen Vorgaben der Oral History nicht erfüllt (97 f.), sodass eine durchaus gegebene Chance zu einer nüchterneren Rekonstruktion dieser immens wichtigen und spannenden Frühphase der Techno-Geschichte nicht genutzt worden ist.

Auch in Matthias Pasdziernys hervorragendem Artikel ‚Das Nachkriegstrauma abgetanzt‘? finden sich Hinweise auf bestehende Problematiken bezüglich der Aussagen von Zeitzeugen. Pasdzierny skizziert, wie zunächst Artikel in massenmedialen Formaten die hedonistische Techno-Bewegung und das Event der Loveparade als Absage an die Traumata der deutschen Geschichte und als Beginn einer neuen, ,gereinigten‘ deutschen Identität interpretierten (Pasdzierny 2016: 115 ff.). Dieses Narrativ scheint nachfolgend jedoch auch die Erinnerung von damaligen Protagonisten erheblich beeinflusst zu haben, was mit dazu beitrug, dass Techno ein, mittlerweile selbstverständlich wirkender Bestandteil des ,Soundtracks der Wende‘ werden konnte (siehe u.a. Denk/von Thülen 2012).

Neben Trance erwies sich Minimal als weiteres Technosubgenre in Deutschland als besonders wirkungsmächtig und erscheint dadurch zugleich vielfach als ,deutsch‘ konnotiert. Diese Entwicklung und Diskurse um ,Minimal‘, als Genre-Präfix oder auch ästhetisches Paradigma jeglicher elektronischer Populärmusik, werden von Sean Nye in seinem sehr interessanten Artikel Von ,Berlin Minimal‘ zu ,Maximal EDM‘ (Nye 2016) kritisch betrachtet. Der Film Fraktus (Germany 2012) erzählt einen offensichtlich ,gefaketen‘ Mythos vom Ursprung des Techno im Kontext der experimentelleren Varianten der Neuen Deutsche Welle (NDW). Trotz des fiktionalen Charakters des Films ist diese These nicht ganz so abwegig, wie sie zunächst vielleicht erscheinen mag, zumindest aus heutiger Perspektive betrachtet. Dies wird im Gespräch der Musiker Jacques Palminger and Carsten Meyer, aka Erobique in Fraktus – ein Techno-Mythos (N.N. 2017: 139 ff.) deutlich.

Barbara Volkwein legte 2003 mit What´s Techno eine erste umfassendere deutschsprachige musikwissenschaftliche Arbeit zu diesem Genre vor. In ihrem Beitrag Klangzeitgeschehen (Volkwein 2017) beschreibt sie nun im Rahmen von Techno Studies ihr heutiges musikwissenschaftliches Konzept. Angesichts der methodologischen Probleme bei der Analyse von Techno-Tracks schlägt sie eine Kombination von traditionellen und neuen Methoden vor, wobei zu den letzteren auch die teilnehmende Beobachtung und die Beschreibung von Sounds und klanglichen Texturen gehört[3].

Die Richtigkeit dieser Herangehensweise an das für Techno zentrale, aber für die Musikwissenschaft bisher analytisch problematisch bleibende Phänomen Sound wird von dem Artikel Boomende Bässe der Disco- und Clubkultur (Papenburg 2016) bestätigt und um zusätzliche Aspekte erweitert. Jens Gerrit Papenburg weist zunächst völlig zurecht auf die immense Bedeutung von Klub-Anlagen und anderen technische Aspekte, wie etwa das Schneiden von Maxi-Singles, für die Reproduktion und Rezeption von Dance Musik seit den 1970er Jahren hin, die sich auch in der Produktion von Tracks niederschlagen. Die,aus diesen technischen Spezifika resultierenden  körperlichen Aspekte des ,Klub-Erlebnisses‘ werden im Rahmen konventioneller musikwissenschaftlicher Analyse nicht wahrgenommen, wodurch zugleich ein zentraler ästhetischer Aspekt dieser Art von Musik ignoriert wird (195).

Bei der Produktion von Techno und anderen Stilen elektronischer Populärmusik spielten Sequenzer, die repetitive Pattern (,Loops‘) erzeugen, von Anbeginn an eine zentrale Rolle, woraus sich auch ästhetische Implikationen ergeben. Mitherausgeber Kim Feser weist in seinem Beitrag Ein Sequenzer kommt selten allein (Feser 2016) darauf hin, wie etwa Moog- Synthesizer oder die Drum-Machine Roland 808 und insbesondere deren Kombination die bestehenden Unterscheidungen zwischen Musikern, Instrumenten und Maschinen sowie zwischen Komposition und technisch generierten Prozessen oder zwischen digitaler Software und analoger Hardware in Form von elektronischen Instrumenten  verwischen. Die Stile der elektronischen Populärmusik sind gekennzeichnet durch ein komplexes Wechselspiel zwischen technischen Innovationen, ästhetischen Diskursen und einer musikalischen Praxis (235), die auch ,falsche‘ Verwendung von ,Geräten‘ impliziert (232).

Insofern kann dieser Art von Musikproduktion, zumindest teilweise, auch als experimentell bezeichnet werden, was im Artikel Kreuzmodulationen (Goldmann 2016: 162) deutlich wird. Goldmann unternimmt an dieser Stelle den höchst interessanten Versuch, eine Techno-Ästhetik zu skizzieren, die auf der auditiven Wahrnehmung des musikalischen Materials basiert. Dessen Ausgangsmaterial wird, im mittlerweile als ,klassisch‘ zu charakterisierenden Ansatz, vor allem durch ein jeweils gewähltes ,line-up‘ verschiedener elektronischer Instrumente erzeugt und mit Hilfe von Filtern, Effekten sowie mit Hilfe der FM-Synthese umfangreichen Sound-Manipulationen unterzogen.

Während Stefan Goldmann auf die theoretischen Konzeptionen des neuronalen Lernens Bezug nimmt, zieht Martha Brech in ihrem Beitrag Zwischen den Ohren (Brech 2016) erneut die mittlerweile wohl mehr als bekannte Verbindungslinie zwischen dem Musikstil Techno und der poststrukturalistischen Philosophie von Gilles Deleuze and Félix Guattari (Deleuze/ Guattari 1997), die explizit durch die Aktivitäten des Frankfurter Labels Mille Plateaux propagiert worden ist. Diese Art von höchst konzeptionell angelegtem Techno und die umfassende theoretische Reflexion seiner vorgeblich ,deterritorialisierenden‘ Effekte hatte ihre Hochzeit in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre. Heutzutage böten denn auch das Genre Glitch Hop und nachfolgende Entwicklungen sicherlich geeignetere Forschungsobjekte für derart basierte musikästhetische Überlegungen.

Diedrich Diederichsen verweist in seinem Beitrag Vom Ereignis erzählen (Diederichsen 2107) auf eine oft angenommene gegenkulturelle Dimension von Techno. Dabei sieht er insbesondere den Aspekt der körperlichen Erfahrung in einer psychedelischen, zumindest nicht explizit politischen Tradition der 1960er Jahre.

Der Kulturwissenschaftler Jochen Bonz geht in seinem Artikel Am Nullpunkt der Identifikation (Bonz 2017) der höchst interessanten Frage nach den ,Bedeutungen‘ der überwiegend instrumentalen Musik Techno nach. Dem bereits erwähnten poststrukturalistisch inspirierten Interpretationsansatz einer alternativen Identifikation des Subjektes und dessen potentieller Befreiung mittels Techno ( Gilbert/Pearson 1999) stellt er die These gegenüber, dass gerade Techno flüchtige Formen der Identifikationen anbietet, die mit seiner semantischen und semiotischen Offenheit korrespondieren (Bonz 2016: 47 ff.).

Demgegenüber ließe sich aus musiksoziologischer Sicht sicherlich einwenden, dass sich zahlreiche Protagonisten der Techno-Szene sehr wohl längerfristig mit bestimmten Künstlern, Tracks, Labels oder auch Klubs dieses Bereiches identifizieren. Dass Techno denn auch längst nicht so fernab genereller Konventionen Populärer Musik ist, wie gelegentlich behauptet und in Techno Studies teilweise wiederholt wird, macht der Artikel Kommunikative Strategien und Ideologien von Liveness bei Laptop-Performances (Butler 2016) deutlich. Dort analysiert der Musikwissenschaftler Mark Butler, wie durch die Performance von DJs die bekannte Kategorie ,Authentizität‘ auch im Bereich elektronischer Populärmusik reaktualisiert wird.

Rosa Reitsamer weist in ihrem Artikel, dies ergänzend, völlig zurecht darauf hin, dass das körperliche Agieren von DJs im Klub ebenso Teil ihres subkulturellen Kapitals (Thornton 1995) ist wie etwa ihr Wissen um das jeweilige Genre oder die ,Selection’ ihrer Sets. All dies muss im Kontext bestehender Szene-Hierarchien sicherlich kritisch gesehen werden, die insbesondere mit der Kategorie ‚Gender‘ einhergehen (Reitsamer 2016: 32 ff.).

Schon früh etablierte und gelegentlich noch immer anklingende ,Techno-Ideologien‘ einer egalitären und prinzipiell widerständigen Szene erscheinen als vor allem durch den jeweiligen politischen Standpunkt geprägte Projektionen von Protagonisten, die gerade durch szeneinterne Medien verbreitet worden sind (u.a. Laarmann 1994) und wohl auch von manchem Analysten allzu unkritisch aufgegriffen wurden. Des Weiteren führt eine leider ebenfalls nicht selten anzutreffende, unzureichende Wahrnehmung und Reflexion des afro-amerikanischen Ursprungs von House und Techno zu Fehlinterpretationen. Bei Beachtung dieser Traditionslinie erscheinen denn auch musikalische Charakteristika, wie repetitive Patterns oder intensive Soundmanipulationen, weder als reines Ergebnis neuer technischer Möglichkeiten oder gar als plötzlicher Bruch in der Musikgeschichte, sondern vielmehr als zentrale stilistische Merkmale, die auch in Genres wie etwa Rhythm’n’Blues, Funk, Disco oder Hip-Hop zu finden sind.

Trotz dieser kritischen Anmerkungen zur bisherigen Reflexion über Techno, stellt die Publikation Techno Studies: Ästhetik und Geschichte Elektronischer Musik (Feser/ Pasdzierny 2016) sicherlich einen sehr wichtigen neuen Beitrag zu einem kritischen Diskurs rund um Genres dar, die auch unter dem – mittlerweile nicht mehr unproblematischen (Rietvield 2013: 2 f.) – umbrella term EDM (Electronic Dance Music) subsumiert werden[4].
Anmerkungen

[1] Der DJ, Journalist und langjähriger Herausgeber der De:Bug Sascha Kösch ist überdies als Autor in beiden Veröffentlichungen vertreten.

[2] Dieser Ansatz erscheint allerdings nicht nur im Zusammenhang mit der ethnographischen Forschung in queeren Szenen sinnvoll.

[3] Irritierend wirkt allerdings, dass der Untertitel von Volkweins Artikel „Werkanalyse elektronischer Clubmusik“ (Volkwein 2016: 171) lautet. Hier mag der Begriff der Werkanalyse in rhetorischer Absicht verwendet worden sein, allerdings geht ja auch aus dem Beitrag hervor, dass die traditionellen Analysekriterien der Musikwissenschaft, die eben an ,Werke‘’ wie etwa Symphonien entwickelt wurden, unzureichend sind. Daher scheint es geboten, auch terminologisch die Eigenständigkeit popmusikalischer Analytik zu betonen und in diesem Zusammenhang den ideologisch überfrachteten Begriff des ,Werkes‘ außen vor zu lassen, zumal sowohl Produktion und Rezeption elektronischer Clubmusik denn auch erhebliche Unterschiede zu der von ,Werken‘ aufweist. Interessanterweise spricht dann auch Martha Brech im Untertitel ihres Artikels von „konzertante[m] und hörorientierte[m] Techno“ (Brech 2016: 183). Auch dies ist missverständlich, da Techno auch als ,reine’ Tanz- und Clubmusik zweifelsohne auditiv wahrgenommen wird. Darüber hinaus haben die Veröffentlichungen des Labels Mille Plateaux, auf die Brech sich bezieht, nur höchst bedingt jenen ,konzertanten‘ Charakter, den die Neue Musik von Karlheinz Stockhausen und anderen, in der europäischen Kunstmusiktradition stehenden Komponisten, auszeichnet.

[4] Hillegonda Rietvield weist völlig zurecht darauf hin, dass der Begriff EDM mittlerweile eine kommerziell motivierten stilistischen Verengung erfahren musste (Rietvield 2013: 2 f.).

Timor Kaul

Die Rezension erschien zuerst inklusive einer ausführlichen Literaturliste auf der Webseite der Pop-Zeitschrift.

Bibliographie zu wissenschaftlicher Literatur über Zines

Heute ist der letzte Tag des diesjährigen International Zine Month #IZM2017. Und weil wir im Archiv der Jugendkulturen nicht nur gerne Zines lesen und sammeln, sondern auch darüber forschen und die Ergebnisse dieser Forschung mit und über Zines öffentlich zugänglich machen, gibt es heute deshalb kein weiteres Zine of the Day wie in den letzten Tagen. Stattdessen erfolgt ein Hinweis in eigener Sache.

Wie wir selbst in der Vergangenheit immer wieder feststellen mussten, ist es nicht einfach, an wissenschaftliche Literatur über Zines zu gelangen. Die mehrheitlich englischsprachige Fachliteratur findet man hierzulande oft nur selten oder gar nicht in öffentlichen Bibliotheken und kann oft nur über einen teuren Zugang zu Online-Datenbanken beschafft werden. Einen  Überblick über den aktuellen Stand der Forschung mit und über Fanzines zu bekommen, ist deshalb oft kaum möglich, wenn die entsprechenden zeitlichen und finanziellen Ressourcen dafür  fehlen.

Im Rahmen eines im Archiv angesiedelten Teilprojektes des Forschungsverbundes JuBri – Techniken jugendlicher Bricolage ist vor kurzem eine solche umfassende und für den deutschsprachigen Raum bislang einzigartige Bibliographie mit wissenschaftlicher Literatur über (Fan-)Zines (v. a. auf Deutsch und Englisch) entstanden, die von mehreren MitarbeiterInnen des Archivs über mehrere Jahre sorgsam erarbeitet wurde und regelmäßig aktualisiert werden soll.

Die nach thematischen Bereichen und Szenen sortierte Literaturliste umfasst auf 36 DIN A4-Seiten weit über 600 Monographien, Sammelbänden, Aufsätzen und Online-Quellen zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit und über Zines. Sie bietet damit einen umfassenden und aktuellen Überblick über die bisherige Fanzine-Forschung und ist ein hervorragendes Hilfsmittel für alle, die sich wissenschaftlich, journalistisch oder einfach aus persönlichem Interesse mit der Geschichte und Gegenwart von Fanzines beschäftigen möchten.

Die Bibliographie (Stand: März 2017) kann als PDF kostenfrei hier heruntergeladen werden. Ein Teil der dort verzeichneten Publikationen kann kostenfrei in der Bibliothek des Archivs eingesehen werden.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2017 #zine-research #bibliography #punk-science #zine-literature #zine-history

Zine of the Day: Abgang #1 (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Im Rahmen unseres aktuellen Digitalisierungsprojektes UnBoxing haben wir uns mit Zines aus unserer Sammlung beschäftigt, die in Hinblick auf ihre Haptik und Materialität auffällig sind. Ein Zine, das bei mir einen besonders starken Eindruck hinterließ, ist ein Exemplar von Abgang #1, einem Heft, das sich um diverse Abgründe der menschlichen Existenz dreht – u. a. um Depressionen, Suizid, Drogensucht, Essstörungen, Leid, Schmerz, Zerrissenheit und Hass auf die Gesellschaft.

Der Inhalt ist also schon recht anstrengend und belastend, die Leseerfahrung wird aber durch die Materialität des Zines noch verstärkt, so stark, dass ich beim Lesen zunehmend Bauchschmerzen bekam. Das Zine ist an sich „nur“ ein düsteres s/w-Heft im A5-Format, allerdings hat diese Ausgabe einen Umschlag aus einem schweren, geölten und leicht rauchig riechenden Stoff. Wo dieser Stoff herkommt, ist nicht ganz klar. Er könnte aus einem militärischen Kontext stammen, vielleicht von einem Rucksack oder einem Zelt stammen.

Wenn man nun dieses Zine in den Händen hat, bekommt man beim Lesen zunehmend ölige, dreckige Finger und der Geruch des Stoffes steigt in die Nase – das Lesen hat also eine starke sinnliche Komponente, die durch das benutzte Material hervorgerufen wird und die düsteren und teilweise verstörenden Inhalte unterstreicht und verstärkt. Auch das Papier ist durch den Kontakt mit dem Stoff inzwischen etwas ölig geworden. Dadurch wirkt das Papier älter als es eigentlich ist (es erschien ca. 1999). Außerdem enthält das Zine einen kleinen Zettel, der mit einer extrem rostigen Büroklammer befestigt ist. All dies macht das Heft zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk, das starke Gefühle auslösen kann und beunruhigende Bilder von schwer depressiven, die Welt hassenden Menschen hervorruft.

Daniel

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2017 #Materialität #Zine #Perzine #Drogen #Suizid #Essstörungen

Zine of the Day: Xerography Debt (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Xerography Debt #40Xerography Debt gehört zu der heute äußerst rar gewordenen Spezies der sog. „Review Zines“. Unter der Bezeichnung versteht man Zines, die zum überwiegenden Teil aus den Besprechungen anderer Zines und Artikeln über Zine-relevante Themen bestehen.
Das wohl bekannteste Review Zine war Factsheet Five, das 1982 bis 1998 in den USA erschien und dieses Zine-Genre – wie kein anderes Review Zine – bis heute nachhaltig geprägt hat. Die Idee dahinter war folgende: Jedes Zine, das an dieses Review Zine geschickt wurde, wurde – so bizarr oder speziell es auch war – in einer Ausgabe von Factsheet Five rezensiert. Die Herausgeber*innen der eingesandten Zines erhielten im Gegenzug ein Belegexemplar dieser Ausgabe, die aber eben nicht nur die Besprechung ihres eigenen Hefts sondern auch das von hunderten anderen Zines enthielt. Auf diese Weise erfuhren Zine-Macher*innen aus allen möglichen lokalen und subkulturellen Kontexten, was es neben ihren Zines an weiteren aktuellen Publikationen gab. So trug Factsheet Five überhaupt erst zu einer szeneübergreifenden Vernetzung von Zinesters und der Herausbildung einer eigenständigen Zine-Kultur bei, wie wir sie heute kennen.

Im Kielwasser von Factsheet Five erschienen bis in die 2000er Jahre hinein diverse andere Review Zines wie beispielsweise Free Press Death Ship (USA), Zine Nation (USA), Zine World (USA) oder ZineZine (Deutschland). Mit der zunehmenden Verbreitung von Web 2.0-Technologien übernahmen Weblogs nach und nach die Funktion der bis dahin (fast) ausschließlich gedruckten oder kopierten Review Zines.

Das Xerography Debt ist eines der wenigen aktuellen Review Zines, die noch auf Papier erscheinen. Die langjährige Zine-Aktivistin Davida Gipsy Breyer aus Maryland (USA) veröffentlichte die Debütausgabe 1999. Über die Jahre gelang es ihr, weitere Mitstreiter*innen für Xerography Debt zu gewinnen, die regelmäßig nicht nur Artikel zu Zines-relevanten Themen, sondern vor allem auch eine beachtliche Menge an Zine-Besprechungen zu jeder Ausgabe beisteuern. Das Heft wird inzwischen von einer Vielzahl von erfahrenen und internationalen Zinesters geschultert, die zum Teil schon seit über 20 Jahren aktiv sind. Außer Davida, die neben Xerography Debt schon seit einer gefühlten Ewigkeit das Leeking Ink und The Glovebox Chronicles macht, sind unter anderem der in Japan lebende Mail Artist Gianna Simone, Joe Biel vom Zine-Distro Microcosm Publishing aus Portland (USA), die Comic-Zine-Zeichnerin Anne Thalheimer (USA), der seit den 1990er Jahren aktive Zine-Herausgeber und Gründer der Austin Zine Library, Josh Medsker sowie Stuart Stratu aus Marrickville (Australien) oder Carlo Palacios aus Frankfurt am Main. Jede*r dieser Mitautor*innen besitzt einen eigenen Schreib- und Besprechungsstil und bedient unterschiedliche Zine-relevante Themen – und zwar immer aus einer durchweg persönlichen und subjektiven Perspektive. Das macht Xerography Debt nicht nur zu einem inhaltlich umfangreichen, sondern auch zu einem durch und durch spannend zu lesenden Review Zine, das bisweilen sogar wie ein mehrstimmiges Perzine erscheint. Sein Untertitel lautet deshalb vollkommen zu Recht „The Review Zine With Perzine Tendencies!“

Xerography Debt #41

Xerography Debt erscheint aktuell zwei Mal im Jahr. Jede Ausgabe bietet dadurch einen kompakten Überblick über aktuelle Zines und Zine-relevante Themen der letzten sechs Monate. Vor wenigen Wochen erschien mit Xerography Debt #41 die neueste Ausgabe. Auf insgesamt 76 Seiten beinhaltet sie neben diversen Kolumnen, Interviews und Berichten zu Zines mehr als 150 Zine-Kritiken.

Weitere Informationen zu Xerography Debt gibt es auf der Zine-eigenen Webpage von Davida. Dort sind auch zahlreiche ältere Ausgaben als kostenfreie PDFs abrufbar. Und wem die Zeit zwischen den einzelnen Ausgaben zu lange ist, sollte hin und wieder einen Blick auf den Xerography Debt-Weblog oder die Facebook-Seite des Zines werfen. Dort werden regelmäßig weitere Zine Reviews, Nachrichten und Veranstaltungshinweise aus der Welt der Zines veröffentlicht.

Und selbstverständlich hat das Archiv der Jugendkulturen die Ausgaben der letzten Jahre ebenfalls in seinem Bestand. Interessierte können sie dort zu den Öffnungszeiten kostenfrei einsehen.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

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