Geschichte wird gemacht – welche eigentlich?

Dietrich Helms, Thomas Phleps (Hrsg.)
Geschichte wird gemacht – Zur Historiographie populärer Musik
Beiträge zur Populärmusikforschung 40
transcript 2014
128 Seiten
18,99 €

geschichtewirdDie Beiträge des kleinen Tagungsbandes stellen Fragen, die eigentlich in jeder Sparte der Kulturwissenschaften gestellt werden sollten: Was und wer ist geschichts-, forschungs- oder gar klassikwürdig? Wer entscheidet, was in einen wie auch immer definierten Kanon gehört?

Während sich Schallplattensammlerinnen, Musikfreunde, die Kritik und die Populärmusikforschung einig sind über die Bedeutung einer Band wie Velvet Underground, mit ihren wenigen, schlecht verkauften LPs und kurzer Schaffensperiode, sind deutsche Bands mit Millionenverkäufen und weltweiter Fangemeinde wie Boney M in keinster Weise Forschungsgegenstand. Ein Musiker spielte jeden Abend stundenlang in New Orleans zum Tanz und entwickelte dabei einen eigenen, besonderen Stil. Zwischendurch nahm er mit einer Band, die es nie live zu hören gab, einige Schallplatten auf, mit Songs, die er damals nie live spielte. Diese Louis-Armstrong-Scheiben gelten heute als Dokumente für frühen Jazz. Was gespielt bzw. gehört wird ist noch lange nicht das, was aufgenommen wird, und diese Aufnahmen werden durch die öffentliche Wahrnehmung und Expertenmeinungen nochmals gefiltert. Diese Mechanismen zu hinterfragen und das damit verbundene Dillemma zu benennen ist das Verdienst dieses Buches.

Peter Auge Lorenz

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Nachtleben Berlin Wonderland

Wolfgang Farkas, Stefanie Seidl, Heiko Zwirner (Hrsg.)
Nachtleben Berlin – 1974 bis heute
metrolit 2013
304 Seiten
36,00 €

Anke Fesel, Chris Keller (Hrsg.)
Berlin Wonderland – Wild Years Revisited, 1990–1996
bobsairport / gestalten 2014
240 Seiten
29,90 €

nachtlebencoverhpBerlin ist weltweit bekannt für die verrückten Leute, die Flut an kreativen Versuchen, relativ niedrige Lebenshaltungskosten, eine entspannte Atmosphäre und seine tollen Clubs mit wilden Parties. Wenigstens für die Zeit seit 1974 haben wir das jetzt schriftlich: Nachtleben Berlin in Coffee-Table-Book-Format, dick mit vielen Fotos ausgestattet, können wir jetzt nachlesen, wie es war im Chez Romy Haag, im Dschungel, Café M oder der Paris-Bar. Wir erfahren wer so alles im Exil ein- und ausgegangen ist, wie ein schwuler Ausgeh-Abend aussehen könnte, warum das Berhain der beste Club der Welt ist oder wie man ein unangemeldetes Open Air aufzieht. Auch in Ost-Berlin soll man nachts unterwegs gewesen sein. Wir erfahren, dass der Broken Hearts Club nach Basel und Miami exportiert wurde und wie eine linke Haltung und Party zusammen funktionieren können.

Unheimlich viele Fotos versuchen die Stimmung wiederzugeben, Interviews und protokollierte Gespräche mit Macher_innen, DJs und Dabeigewesenen sollen Fakten und Geschichten liefern. Leider sind längst nicht alle Befragten so uneitel wie Gindullis vom Cookies, sondern feiern sich mit selbstgeschriebenen Heldenerzählungen und aufdringlichem Namedropping. So als würde eine berühmte Person, die von ihrer Entourage in einen Laden geschleust wird, diesen erst richtig perfektionieren. Auch ein großer Teil der Fotos ist nach diesem Prinzip ausgewählt. Wohltuend heben sich da die stimmungsvolleren Beiträge zur Bar 25 oder zu Electroclash-Parties – glücklicherweise ohne Promi-Aufzählungen – sowie der Text zum schwulen Ausgehen von Walter Kaul vom Rest ab.

berlin_wonderland_front_04Weniger selbstbegeisterte Berichterstattung und dafür mehr Melancholie ist in dem Fotoband Berlin Wonderland zu finden. Hier wird gar nicht erst versucht, einen allumfassenden Überblick zu geben. Statt dessen beschränken sich die Herausgeber_innen auf den Teil Berlins, der auch ein Teil ihrer eigenen Geschichte ist. Anke Fesel und Chris Keller waren mittendrin als nach dem Mauerfall Träumer, Zauberinnen, Phantasten und sonstige Menschen, hier kurz als Künstlerinnen und Künstler bezeichnet, in die vom Sozialismus leergelassenen Häuser und Stadträume einfielen. Binnen kurzem wurde die Stadt zum Club, zur Theaterbühne, zur Weltgalerie. Wir sehen ein Land des Sich-Ausprobierens, der Visionen, des Zusammenseins, der Offenheit und – heute wohl am unfassbarsten – des kreativen Müßigganges.
Die Schwarz-Weiß-Photos wirken dabei wie Grafiken von Träumen, Botschaften aus einer leider längst vergangenen Zeit. Einige wenige Zitate von Akteuren sind dazwischengestreut, manchmal mit kleinen Geschichten die Motive erhellend, manchmal fast poetische Reflexionen über das Verschwinden und Bewahren. Dieses Buch bewegt sich meist um die Szene in Berlin-Mitte, rund ums Tacheles und die Gegend um den Rosenthaler Platz, den Eimer und das RA.M.M.-Theater.
Für weitere Werke über den Underground der 90er Jahre hat dieses Buch auf jeden Fall hohe Maßstäbe gesetzt.

Peter Auge Lorenz

Punk in Deutschland

Philipp Meinert, Martin Seeliger (Hg.)
Punk in Deutschland – Sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven 
transcript 2013
300 Seiten
26,99 €

9783837621624_216x1000Nachdem sich die mediale Aufregung über Punk-Kultur, -protagonist_innen und -musik schon seit geraumer Zeit gelegt hat und einige einführende und grundlegende Werke erschienen sind, thematisiert hier nun ein Sammelband diesen zeitlichen und mittlerweile auch emotionalen Abstand. Viele der in diesem Band vertretenen Wissenschaftler_innen haben einen persönlichen Bezug zum Gegenstand, sie sind oder waren Punks, haben in Bands gespielt, Konzerte organisiert, Fanzines herausgegeben.

Nach einem einführenden Artikel der Herausgeber über Vorgeschichte, Entstehung und Entwicklung von Punk in Großbritannien und den USA und der Auswirkung und Entwicklung in Deutschland bis heute wird auf Einzelaspekte des Punk-Phänomens eingegangen. So schreibt Peter Seyferth über die Beziehungen zwischen Punk als Praxis und Anarchismus als Theorie. Die Geschichte der „Organisation“ der Chaostage in Hannover wird von Oliver Herbertz unter dem Aspekt der derzeitigen Einladungs- und Benachrichtigungsmöglichkeiten von z. B. Facebook aufgerollt – die heutigen Möglichkeiten unterscheiden sich stark von denen der 90er Jahre, wo kopierte Zettelchen das Medium der Wahl waren. Angesichts des Booms von Spaß-Parteien wird von Philipp Meinert noch einmal auf die Geschichte der APPD (Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands) eingegangen. Punk in der DDR als „abgeschlossenes Sammelgebiet“ hatte einen starken Rückhalt in der Kirche, auf die heutige Quellen- und Forschungslage geht Anne Hahn in ihrem Beitrag ein. Ein eher privates Problem der Auseinandersetzung mit der Punk-Ethik beschreibt Nejc M. Jakopin in dem Beitrag über die (Un)vereinbarkeit von Punk und Unternehmertum.

Der zweite Teil des Buches stellt seine Fragen eher auf die Gegenwart abzielend. Martin Seeliger untersucht die Adaption von US-amerikanische Skatepunkelementen in der deutschen Szene und stellt im Ergebnis die Internationalisierung dieser Kultur fest. Der interessanteste Artikel dieser Sammlung untersucht die Entstehung eines neuen Stils, des Elektropunk. Julia Lück, Mihaela Davidkova und Bianca Willhauck haben Expert_inneninterviews durchgeführt, Musikvideos analysiert und Texte mittels Feinstrukturanalyse ausgewertet. Elektropunk-Anhänger_innen sind keine Punks, keine Techno-Fans und keine Antifas, haben aber jeweils Elemente oder Attribute übernommen und zu etwas Neuem zusammengesetzt. So konnte eine neue, bislang unerforschte Szene identifiziert werden.

Das Buch ist somit eine Sammlung von Rück- und Ausblicken die sich zwischen Insideransichten und spannenden Neuentdeckungen bewegen (wenn nicht so eklatant viele Druckfehler enthalten wären …).

Peter Auge Lorenz

Superhelden

Grant Morrison
Superhelden – Was wir Menschen von Superman, Batman, Wonder Woman & Co lernen können
Hannibal 2013
496 Seiten
29,99 €

978-3-85445-418-2-20121221-194730Die Geschichte der amerikanischen Superhelden, z. B. Batman, Superman, X-Men oder Spiderman, wird in diesem Band von ihren Anfängen in den 1930er Jahren, als Superman und Batman ihre erste Heldentaten vollbrachten, bis zur heutigen Zeit, in der jedes Jahr aufwendige Blockbuster über die Abenteuer dieser Figuren ein Millionenpublikum in die Multiplex-Kinos der Welt ziehen, nacherzählt. Dabei bilden nicht nur die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, vor allem in den USA und der westlichen Welt, den Hintergrund dieser Geschichtserzählung, sondern auch die Biographie des Autors selbst. Grant Morrison gehört seit den 1990er Jahren zu den populärsten und erfolgreichsten Autoren von Superheldencomics und hat für die beiden Großverlage Marvel und DC eine Vielzahl an Abenteuern eigentlich aller bekannten Superheldenfiguren geschrieben. Er ist also nicht nur seit seiner Kindheit von Superheldencomics geprägt, sondern hat dieses Genre wiederum selbst entscheidend mitgeprägt. Mit dem vorliegenden Band hat er nun zusätzlich ein umfangreiches Sachbuch verfasst, welches nicht nur für Comicfans interessant ist, sondern für alle an Popkultur interessierte Leser_innen einen fundierten Überblick über dieses Genre darstellt.

Daniel Schneider