Ein toter Lehrer

Simon Lelic
Ein toter Lehrer
Knaur 2012
348 Seiten
9,99 €

Ein Amoklauf in einer Londoner Eliteschule bildet den Fokus dieser Geschichte – ausgerechnet während einer Rede des Direktors bei einer Veranstaltung zum Thema Gewalt in der Aula. Der Täter ist jedoch hier kein Schüler, sondern ein von seinen Schüler_innen und Kolleg_innen gemobbter junger Geschichtslehrer. Kaum besser ergeht es der ermittelnden Polizistin, die zudem gezwungen wird, den Fall möglichst schnell abzuschließen, ohne die Hintergründe – die Gewaltverhältnisse an der Schule, das Wegsehen der Schulleitung – zu ermitteln, um den Ruf der Schule und der staatlichen Bildungspolitik nicht zu gefährden.

Ich mag „Amok“-Literatur eigentlich grundsätzlich nicht; fast alles, was ich dazu bisher gelesen habe, ist sensationsheischend, stellt „die Jugend“ oft unter Generalverdacht als asoziale, gewalttätige Generation und dient nicht zuletzt in zynischer Weise vor allem dem Geschäft der AutorInnen – wer über solch grausame Taten schreibt, gilt pauschal als mutig, kritisch, aufklärerisch, von hehren Motiven – „Betroffenheit“ – getrieben, die Qualität der Arbeit und die pekuniären Motive der Autor_innen werden da gar nicht erst hinterfragt. Der hier ist potentiell anders. Keine Sensationsmache, die Täter-Opfer-Verhältnisse sind auf alle beteiligten Generationen gleichermaßen verteilt. Die ruhige Erzählweise, hauptsächlich aus der Perspektive der ermittelnden Polizistin bzw. den Ich-Erzählungen der von ihr befragten ZeugInnen, die in Krimimanier nach und nach den Hintergrund der Tat aufblättern und den Täter auch als Opfer präsentieren, ohne die Tat zu verharmlosen, konterkariert angenehm die Aufgeregtheit des Themas. Nur ihr eigenes sexistisches Mobbing bis hin zur Fast-Vergewaltigung durch einen Kollegen in der Parkgarage der Polizei wirkt in seiner Offenheit – fast alles findet quasi unter den Augen und mit Billigung des Vorgesetzten statt – ein wenig aufgesetzt und unglaubwürdig, selbst für die britische Polizei, die bis in die 1990er Jahre hinein in der Tat pausenlos durch Mobbingskandale und interne wie externe Gewalttätigkeiten für Aufregung sorgte. Insgesamt zum Glück kein „Jugendbuch“, dieses literarische Debüt des Ex-Journalisten, aber sehr geeignet als Diskussionsanregung in der Schule und natürlich auch für individuelle Leser_innen.

Klaus Farin

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Hidden Tracks

Thorsten Schüller & Seiler Sascha (Hrsg.)
Hidden Tracks – Das Verborgene, Vergessene und Verschwundene in der Popmusik
Königshausen & Neumann 2012
220 Seiten
29,80 Euro

Hidden Tracks. Das Verborgene, Vergessene und Verschwundene in der Popmusik. € 29,80Auf die Suche nach den versteckten Perlen der Popkultur gehen in diesem Band: Jonas Engelmann, Till Huber, Jakob Christoph Heller, Benjamin Specht, Thorsten Schüller, Magnus Wieland, Ralf Dombrowski&Andreas Schumann, Johannes G. Pankau, Sascha Seiler, Jörg Pottbeckers, Torsten Hoffmann, Timo Obergöker, und Tom Liwa führt mit seinem Beitrag „Auszug aus Alcatraz“ auf poetische Weise den Reigen an.

Wer jemals eine CD bis zum Ende gehört hat und dann nach minutenlanger Stille über die plötzlich wieder einsetzende Musik erschrocken ist, der weiß, was ein „hidden track“ ist – kleine Zugaben, oft auch ganze Songs, die nicht auf dem Cover gelistet und auch in der Nummerierung nicht erkennbar sind. Um diese geht es in dem vorliegenden Band aber nur am Rande – erklärt werden sie erst im Beitrag von Wieland, der sich in erster Linie mit den B-Seiten von Singles auseinandersetzt.

Im ersten großen Abschnitt „Photos of Ghosts“ stehen Musikschaffende im Vordergrund, die sonst eher zu den „verborgenen, vergessenen und verschwundenen Künstlern“ zählen: Engelmann spürt dem mysteriösen Musiker Jandek nach und Huber analysiert das Werk Holger Hillers im Kontext der Neuen Deutschen Welle. Die immer ein bisschen jenseits von schlichtem Punk und hoher Kunst rangierenden unberechenbaren Projekte der Band Die tödliche Doris stehen im Fokus des Beitrags von Heller, bei Specht ist es die Kunstfigur PeterLicht und dessen utopische Texte. Schüller erweitert den Horizont mit seinem Blick auf afrikanische Popsongs und subversive afrikanische Musiker, die „Musik gegen das Vergessen“ kreieren.

Zu Beginn des zweiten großen Abschnitts „Vanishing Act“ erzählt Wieland seine bereits erwähnte „B-Side Story“ von den oft vernachlässigten Songs der Rückseiten alter Single-Vinyl-Schallplatten, die aber auch zum Ort musikalischer Experimente werden konnten. Dombrowski und Schumann beschäftigen sich mit einem weiteren verschwundenen Medium aus der popkulturellen Vergangenheit: In ihrer Auseinandersetzung mit den kurzlebigen artrockigen Konzeptalben der 1970er Jahre schreiben sie diesen letztlich eine konservative und systemerhaltende Haltung zu, die durch Punk attackiert wurde. Und im Anschluss forscht Pankau nach der „verborgenen Gesellschaftskritik in den Songs von Ray Davies und den Kinks“.

Mit dem ersten Beitrag „The Wilderness Downtown“ im dritten großen Abschnitt unter dem Titel „Into the Unknown“ richtet Seiler den Blick auch noch einmal auf ein Konzeptalbum, allerdings der untypischen Art, nämlich The Suburbs von der Band Arcade Fire aus dem Jahr 2010. Zentrale Aspekte sind hier Raum und Erinnerung, konkret bezogen auf das Aufwachsen in einem namenlosen Vorort von Houston und die verdrängte Vergangenheit. Weiter im Band geht es mit den Mutmaßungen über das Liebesleben von Morrissey, die selbst vor dem Hintergrund der kürzlich erschienenen Autobiografie des ehemaligen The Smiths-Sängers nichts an Spannung verlieren, forciert doch der Beitrag „Asexualität und Fetisch“ von Pottbeckers eine Betrachtung des Musikers im Spannungsfeld zwischen Selbstinszenierung und der Inszenierung des lyrischen Ichs. Nachfolgend nimmt Hoffmann sich mit „Du fehlst“ des großen Tabuthemas Tod und der verschiedenen Herangehensweisen in Popsongs an und den Abschluss bildet Obergökers Analyse zur „Darstellung der Shoah im französischen Chanson“ mit der „Songs als Orte kollektiver Erinnerung, Sichtbarmachung“ vorgestellt werden.

Die verschiedenen Beiträge sind, wie einzelne Songs auf einer Compilation-CD, unterschiedlich eingängig und für jede_n Lesende_n wohl auch unterschiedlich interessant. In ihrer gesamten Zusammenstellung bieten sie jedoch vielfältige Einblicke in die Seiten der Popkultur, die, im Gegensatz zur deren offensichtlicher Alltäglichkeit, Facetten aufzeigen, auf die man sonst vielleicht nie gestoßen wäre. Das macht den Reiz dieses Bandes aus und hält die Neugier auf jeden einzelnen Beitrag aufrecht, auch wenn auf den ersten Blick möglicherweise nur ein bestimmtes Thema ins Auge gefallen ist. Wer sich also nicht mit dem allseits Bekannten in den gängigen Musikzeitschriften zufriedengibt und auch seine Plattenkäufe nicht nur anhand der aktuellen Charts tätigt, sollte auch bei diesem Buch zugreifen.

Gabriele Vogel

Jugendbewegt geprägt

Barbara Stambolis (Hrsg.)
Jugendbewegt geprägt. Essays zu autobiographischen Texten von Werner Heisenberg, Robert Jungk und vielen anderen
Vandenhoeck & Ruprecht 2013
819 Seiten
74,99 €

978-3-8471-0004-1Pünktlich zum hundertjährigen Jubiläum der Jugendbewegung legen Barbara Stambolis und ihre zahlreichen MitautorInnen eine akribische Spurensuche zur historischen Jugendbewegung vor. Und Spuren hat sie offenbar hinterlassen, zahlreiche unbekannte und bekannte Menschen in ihrer Persönlichkeiten stark geprägt. Um nur ein paar Beispiel der mehr als 60 in diesem Band Porträtierten zu nennen: Willy Brandt und Wolfgang Abendroth, Norbert Elias und Helmut Gollwitzer, Ernst Jünger und Robert Jungk, Johannes Rau und Helmut Schelsky, Peter Suhrkamp und Heinz Westphal – sie alle gehörten der Jugendbewegung an. Die Autoren fragen anhand zahlreicher Dokumente der Porträtierten, literarischer Werke ebenso wie Interviews und Autobiographien: Inwiefern haben jugendbewegte Erfahrungen ein Menschenbild beeinflusst, das lebensprägend war? Inwiefern gingen von der Jugendbewegung nachhaltige Orientierungen im Sinne einer Verpflichtung zu gesellschaftlicher Verantwortung und sozialem Engagement aus? Wie spiegeln diese Impulse sich in Lebensentwürfen und Selbstbildern bekannter Politiker, Pädagogen, Theologen, Soziologen oder Philosophen wider?

Klaus Farin

Extrem is mus(s)?

Veranstaltungsreihe zu Jugend, Protest und Politik

Diese Woche startet der zweite Teil unserer Veranstaltungsreihe „Extrem is mus(s)“. Am Freitag findet als Auftakt eine Veranstaltung zum Thema Populismus in Europa statt, ab 15 Uhr im Jugendkulturzentrum Linse in der Parkaue 25 in Berlin-Lichtenberg. Anmeldung gerne an linse@sozdia.de.

Weitere Veranstaltungen drehen sich um die Aneignung des öffentlichen Raumes, um politische Satire und um radikalen Protest. Ergänzend gibt es Workshop-Angebote für Jugendliche ab 12 Jahren zu den Themen Graffiti, Poetry Slam und Rap. Diese Veranstaltungen und Workshops finden im Archiv der Jugendkulturen, Haus A, in der Fidicinstr. 3 in Berlin-Kreuzberg statt. Alle Veranstaltungen sind kostenfrei, Anmeldungen bitte an archiv@jugendkulturen.de.

Ausführliche Informationen zu allen Veranstaltungen und Workshops finden Sie hier.

Bild

Hip Hop Family Tree

Ed Piskor
Hip Hop Family Tree 1970s – 1981
Metrolit 2014
112 Seiten
22,99 €

9783849300906-1

Die Geschichte der Anfangszeit von Hip Hop in New York wurde schon vielfach erzählt, nun gibt es hierzu auch einen Comic, der chronologisch und berstend vor Informationen den Zeitraum ab Mitte der 1970er Jahre bis in das Jahr 1981 beleuchtet. Der Band ist eine Art gezeichnetes Lexikon, es fehlt keine_r der wichtigsten Protagonist_innen der ersten Jahre, wobei nicht nur die heute als Legenden bekannten DJs wie Grandmaster Flash, Kool Herc oder Africa Bambaataa vorkommen, sondern auch viele weniger bekannte und heute weitestgehend in Vergessenheit geratene Figuren. Auch das Umfeld der Hip-Hop-Szene, von Manager_innen und Produzent_innen wie Rick Rubin oder Sylvia Robinson, Künstler wie Jean-Michel Basquiat oder Keith Haring und Bands wie Blondie oder The Clash haben Auftritte. Die Masse an Namen kann teilweise erschlagen, aber trotzdem ist der Comic keine trockene Aneinanderreihung von Daten und Fakten, sondern bleibt durch die lebendigen Zeichnungen und auf den Punkt gebrachte Erzählweise immer unterhaltsam. Gehalten in einer Retroästhetik, die an alte Zeitungscomics erinnert, inklusive verblasster Farben und vergilbtem Hintergrund, erscheint „Hip Hop Family Tree“ wie ein Originaldokument aus den 1970er und 80er Jahren. Im Original ist der Comic aber in Form einer wöchentlichen Serie auf dem amerikanischen Entertainment- und Technologieblog Boing Boing erschienen, wo weiterhin regelmäßig neue Folgen veröffentlicht werden.

Daniel Schneider

Blutsbrüder

Ernst Haffner
Blutsbrüder – Ein Berliner Cliquenroman
Metrolit 2013
260 Seiten
19,99 €

Um die 50.000 arbeitslose Jugendliche lebten Anfang der 1930er Jahre in Berlin, darunter 15.000 obdachlose, meist aus „Fürsorgeanstalten“ entlaufene Jungen. Sie hielten sich als Tagelöhner und Laufburschen über Wasser, aber häufig führte ihr Weg sie auch in die Kriminalität oder Prostitution. Zuflucht fanden sie in selbstorganisierten Cliquen. Davon erzählt der 1932 unter dem Titel „Jugend auf der Landstraße Berlin“ erschienene Roman von Ernst Haffner. Von den Nationalsozialisten 1938 zu den „schädlichen und unerwünschten Büchern“ gezählt, verboten und öffentlich verbrannt, wurde das Buch vergessen und nun, gut 80 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, erneut publiziert.

Ernst Haffner arbeitete zwischen 1925 und 1933 als Journalist und Sozialarbeiter in Berlin. Mit der Machtergreifung der NSDAP verliert sich seine Spur. Der hier vorgestellte Roman blieb seine einzige Buchpublikation. Der Feuilletonist Siegfried Kracauer nannte Haffners Buch in der Frankfurter Zeitung eine „Roman-Reportage“ und trifft damit das Besondere des Textes, der zwischen Milieuschilderung und Abenteuerroman changiert.

Haffner beschreibt darin den Überlebenskampf der „Blutsbrüder“-Gang in einer Welt zwischen Wärmehalle und billigen Schlafquartieren, Kneipen und Bahnhofswartesälen, Flucht und drohendem Gefängnis oder erneute Einweisung in die Fürsorgeanstalt. Es ist die Welt der Arbeitslosen und Prostituierten, der Stricherjungen und Kleinkriminellen, die im Berlin der zweiten und dritten Hinterhöfe zu Hause sind. Der Kampf der „Blutsbrüder“ ums Überleben hat wenig Heroisches. Der Roman schildert Machtkämpfe innerhalb der Clique und Rivalitäten unter ihren Anführern, den „Cliquenbullen“, er beschreibt blutige Rachefeldzüge und dunkle Rituale des Zusammenlebens, doch der Kontrast zu den kleinen Freuden des Alltags, von denen der Roman auch erzählt, könnte nicht größer sein: Sie bestehen in einem Teller warmer Suppe, einem Sitzplatz in der Wärmehalle, genug Geld für Zigaretten oder einen Tag mit einem Mädchen auf dem Rummelplatz. Haffner beobachtet präzise.

Die Blutsbrüder sind das proletarische Gegenbild zu Erich Kästners Emil und die Detektive. Während diese nach bestandenem Abenteuer zum Abendbrot in die (klein-)bürgerlichen Wohnungen ihrer Eltern kehren, erwartet jene ein feuchter Strohsack in einer Kellerabsteige – aber auch das nur, wenn es ihnen tagsüber gelungen ist, die 50 Pfennig Miete dafür aufzutreiben. Emils Detektive stammen aus Wilmersdorf, die Blutsbrüder sind in Mitte zu Hause. West gegen Ost: Schon lange vor dem Bau der Mauer war Berlin gespalten in einen reichen West- und einen proletarischen Ostteil. Und in Haffners Roman wird klar, dass die Kluft zwischen Arm und Reich eine fast ebenso unüberwindliche Grenze darstellte wie später die Mauer. Einmal geraten Ludwig und Wilhelm, die eigentlichen Helden des Romans, nach ihrem Ausstieg bei den Blutsbrüdern in den Westen: „Ihnen ist, als seien sie in einer fremden Stadt. Berlin. Nie war ihnen der Einfall gekommen, einmal in den Berliner Westen zu gehen. Die grauen Straßen mit ihren ersten und zweiten und noch mehr Hinterhöfen, das war ihre Heimat. Hier sind sie, ja wirklich, hier sind sie in der Fremde. In einer reichen, heiteren Fremde, wie es den Anschein hat. Die Menschen haben alle funkelnagelneue Kleider an, als sei heute ein hoher Feiertag und nicht irgendein Mittwoch. Die Läden gleichen Palästen, in denen seine Majestät, der Kunde, gelangweilt nach irgendeiner kostbaren Kleinigkeit sucht. Und die Frauen. Die Damen. Jede, aber auch jede ist so reich gekleidet, riecht so gut, ist so schön.“ In dieser Welt werden Ludwig und Wilhelm schon bald zum Objekt der Begierde pelzbemäntelter Herren, die, „müde der gebadeten und siebenmal gesalbten Körper, flackern nach der weniger sauberen, aber derberen Kost der Proletarierjungen“.

Die beiden waren der Hölle der Fürsorgeanstalten entlaufen, in denen Machtmissbrauch und schwarze Pädagogik an der Tagesordnung waren. Auch darin erweist sich der Roman als erschreckend aktuell: Schon in den 1920er Jahren waren die Missstände in den Erziehungsheimen ein großes Thema, nicht zuletzt, weil es mehrere Aufstände von Zöglingen gegeben hat, die bis zur Schließung ganzer Einrichtungen führten. Ohne Papiere aber haben Jungen wie Ludwig und Wilhelm keine Chance auf legale Arbeit – werden sie von der Polizei aufgegriffen, droht ihnen die Rücküberweisung in die Fürsorgeanstalt. Das einzige Ziel, das diese Jungen vor Augen haben, ist der 21. Geburtstag und damit der Eintritt in die Volljährigkeit, die sie der Zuständigkeit der Fürsorgeanstalten für immer entzieht.

Klaus Farin

_Mind the Gap

Marie-Christina Latsch (Hrsg.)
_Mind the Gap – Einblicke in die Geschichte und Gegenwart queerer (Lebens)Welten
Unrast 2013
160 Seiten
19,80 €

mindthegap

„Ein Buch über Bitches, Butches, Divas, Drags, Kings, Queens, Trans*, Lesben, Boys, Schwule, Homos, Bis, Pans, Heten, Girls, Männer, Dykes, Femmes, Tomboys, Frauen, Sissyboys und alle Anderen.”

Von Audrey Lorde über Magnus Hirschfeld, Marlene Dietrich bis hin zu J.D. Sampson – Mind the Gap vereint (historische) Persönlichkeiten der letzten 142 Jahre, die in queerer Lesart durch ihre Lebens- und Denkweisen gehörig an der heterosexuellen Matrix kratzten oder dies noch heute tun. Dabei wird in Marie-Christina Latschs Buch nicht nur auf inhaltlicher Ebene an den scheinbar so starren Kategorien von Mann und Frau, Homo und Hetero gerüttelt.

Während die Personenportraits Einblicke in queere Lebenswelten zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Geschichte geben, spiegeln die gebrochene Typografie und die im Buch enthaltenen Collagen eine dynamische Auffassung von (Text-)Körper und Geschlecht wider.

Latsch, die das Projekt als Diplomarbeit im Fach Grafikdesign realisierte, knüpft dabei an die Theorie des „Gender-Copylefts” an, nach der die Auffassung von einer als natürlich vorausgesetzten Geschlechtidentität dekonstruiert wird, indem der Prozess ihrer Herstellung in den Fokus gerückt wird. Dabei treten fließende Geschlechtergrenzen und (un-)mögliche Körper auf den Plan, die ständig neu erzeugt werden, nur um anschließend wieder verzerrt zu werden. In zusammenkopierter Zine-Optik wird dabei das Verhältnis von Original und Reproduktion grundsätzlich in Frage gestellt und Geschlecht von seiner Aura des vermeintlich Natürlichen gelöst.

Die chronologische Abfolge der in schwarz-weiß gedruckten Portraits wird immer wieder von bunten, assoziativen und subjektiven Definitionsversuchen von Queer durchbrochen, die Nischen innerhalb der linearen Ordnung des Textes besetzen und damit auf symbolischer Ebene das schwarz-weiß-Schema der binären Zweigeschlechtlichkeit sichtbar machen und sabotieren. _Mind the Gap bildet eine Leerstelle für Vorstellungen von Identität jenseits heteronormativer Denkweisen, erzählt von Menschen, die radikale und unerhörte Lebensweisen gelebt und erkämpft haben und beschreibt schließlich die Offenheit und das weite Feld der Möglichkeiten von queerer Politik und queerem Handeln.

Hannah Zipfel