Geniale Dilletanten in Hamburg

00004034.jpgDie Sonderausstellung im altehrwürdigen Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Wer den Raum im zweiten Stock betritt, befindet sich in einer mit Musik unterlegten, begehbaren Installation. Diese kreist um acht bekanntere Bandprojekte der 1980er Jahre, u.a. D.A.F., Einstürzende Neubauten, Die tödliche Doris, Der Plan oder F.S.K. Geografisch spielt sich das meiste in Berlin, Düsseldorf, Hamburg und München ab. Die Bands und ihr Umfeld (Vertriebe, Fanzines, Buchhandlungen und andere Orte etc.) werden mit dokumentarischen Fotos und Filmen und durch künstlerische Bilder und andere Objekte, etwa selbstgebaute Möbel, vorgestellt. Die Ausstellung versteht sich nicht als Musik- oder als Punk-Ausstellung, sondern möchte einige avantgardistische Splitter herauslösen. Produziert wurde sie vom quasi-staatlichen Goethe-Institut. Sie wird vor allem als Tourneeausstellung im In- und Ausland eingesetzt, bisher war sie in Minsk und München zu sehen und ist aktuell auch in Melbourne zu Gast. In Hamburg wird sie in einer erweiterten Fassung mit zusätzlichem Material gezeigt.

Die musikalische und ästhetische Produktion jener Jahre beruhte auf billigen Mieten in Wohnungen mit Kohlenheizung und Außentoiletten, auf einem kreativen Umgang mit dem Urheberrecht und selbstverständlich auf auch heute wieder angesagten Prinzipien wie Kollaboration, Bricolage, DIY und Kreativität, befeuert vom Wunsch nach Selbstbestimmung und Freiheit. Diese Szene hatte mit der damaligen Alternativ- und auf Innerlichkeit abonnierten Ökopax-Bewegung wenig zu tun und mehr Schnittmengen mit Punk. Bevor aus der Neuen Deutschen Welle kommerziell erfolgreiche Popmusik wurde, war es diese Musik, die darunter zusammengefasst wurde.

Die Ausstellung zeigt nun Objekte und Dokumente, die in einer traditionellen Zuordnung der Musik, der Malerei, dem Design, der Videoproduktion entstammen. Sie vermag es, die Stimmung jener Zeit gut zu transportieren. Sie lädt dazu ein, nochmals über Dissidenz und ihre Rolle bei der Herausbildung des Postfordismus nachzudenken, sind doch die Topoi der Revolte jener Jahre, wie Kreativität, Expressivität, Individualität heute längst Bestandteil des neoliberalen Imperativs der Selbstverwirklichung, wie er im Coaching, im Management und anderswo common sense ist: Das klischeehafte Bild vom Künstler als Blaupause zeitgenössischer Arbeitsverhältnisse. Chapeau! Wem das alles zu viel ist, kann sich ja wiedermal „Tanz Debil“ von den Neubauten anhören oder in seinen/ihren alten Kassetten oder Platten stöbern! Oder vor Ort im MKG in der jetzt bis zum 28. Februar verlängerten Ausstellung zum Jugendstil nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten dieser Bewegungen fahnden.

Geniale Dilletanten – Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland
noch bis 30. April 2016
MKG Hamburg, Steintorplatz 1, 20099 Hamburg
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 10-18 Uhr, Donnerstag: 10-21 Uhr
Preise: 12 Euro, ermäßigt 8 Euro, Do ab 17 Uhr 8 Euro, bis 17 Jahre frei

Der gleichnamige Katalog ist bei Hatje Cantz erschienen (160 Seiten, 24,00 €)

Geniale Dilletanten in Hamburg bei Google Maps: Die laufend erweiterte Karte zeigt rund 60 Orte in Hamburg, die für die Subkultur der frühen 1980er Jahre von besonderer Bedeutung waren: ehemalige und noch existierende Konzert-Locations, Platten- und Buchläden, Kneipen und Cafés, Theater und Galerien, Musik-Studios und -Verlage werden verortet und ausführlich kommentiert.

Bernd Hüttner

Dieser Text ist zuerst auf der Webseite der Rosa-Luxemburg-Stiftung erschienen.

ein paar Geschenketipps …

In unserer Bibliothek sind dieses Jahr viele tolle neue Bücher angekommen, die wir gar nicht schaffen, alle vorzustellen – deshalb hier eine kleine Auswahl an schicken Veröffentlichungen, die sich auch gut als Weihnachtsgeschenke eignen.

Tabita Hub / Michal Matlak / Florian Anwander
R is for Roland
Electronic Beats 2015
384 Seiten
54,90 €

www.roland-book.com

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Ein außergewöhnlicher Prachtband, der den Maschinen des japanischen Musiktechnologieherstellers Roland huldigt. Ohne die hier vorgestellten Maschinen, ganz besonders die Drumcomputer TR-808 und TR-909 sowie der Basssynthesizer TB-303, sind Techno und andere modernen elektronische Musikstile eigentlich undenkbar oder würden sich zumindest anders anhören. Das Buch ist allerdings keine musikwissenschaftliche Veröffentlichung, zumindest nicht im engeren Sinne, sondern zuerst einmal ein Fotoband, mit einer Vielzahl an tollen Aufnahmen der zwischen 1973 und 1987 produzierten Geräte. Das ist dann zuerst einmal etwas für Techniknerds und Design-Liebhaber_innen, denn hier steht die Schönheit dieser alten Maschinen im Vordergrund. Dazu gibt es Hintergrundinformationen zu jedem Gerät und Interviews mit namenhaften Musiker_innen (u. a. Lee „Scratch“ Perry, Portishead, Mark Ernestus, Nightmares on Wax, Jeff Mills, Modeselektor und Legowelt), die über die Bedeutung von Roland für ihre eigene musikalische Entwicklung sprechen, wodurch die musikhistorische Bedeutung dieser Geräte deutlich wird.

Mark Reeder
B-Book – Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989
Edel Books 2015
224 Seiten
39,95 €

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Ja, der Hype um die 1980er Jahre in West-Berlin und den dieses Jahr erschienen Dokumentarfilm B-Movie wird hier noch einmal auf allen Ebenen ausgeschlachtet – neben diesem Buch gibt es auch noch eine CD- bzw. LP-Edition mit dem Soundtrack oder auch alles zusammen in der großen „B-Box“ mit „vielen kultigen B-Goodies als Überraschung“ für knapp 90 €. Da wird es dann irgendwann nur noch albern – was zwar an der Qualität des Filmes nichts ändert, aber doch irgendwie einen etwas schalen Beigeschmack hinterlässt. Trotzdem ist das Buch für alle an der Geschichte deutscher Pop- und Subkultur Interessierte empfehlenswert, es enthält im Prinzip den aufbereiteten und unterhaltsamen Erzählertext des Filmes (von Mark Reeder) in gedruckter Form plus eine große Menge an Fotografien aus dem West-Berlin der 1980er Jahre.

Berghain (Hrsg.)
Kunst im Klub
Hatje Cantz 2015
208 Seiten
37,00 €

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Das Berghain, gerne als der wichtigste Technoclub der Welt bezeichnet, ist seit einigen Jahren sehr aktiv darin, sich als seriöse Kulturinstition jenseits der Partykultur zu etablieren. Dieser Band, der bezeichnenderweise im Kunstbuchverlag Hatje Cantz erschienen ist, dokumentiert diese Tätigkeiten, vor allem im Kontext der bildenden Kunst. Einige der in diesem Buch gezeigten Kunstwerke – z. B. Piotr Nathans „Rituale des Verschwindens“ oder die Installation „Together“ von Joseph Marr gehören zum festen Inventar des Clubs und sind wahrscheinlich allen Besucher_innen bekannt, andere Kunstwerke wurden letztes Jahr in der Ausstellung „10“ in der Halle am Berghain gezeigt. Zu den vertretenen Künstler_innen gehören Stars der deutschen Kunstszene wie Wolfgang Tillmans, Carsten Nicolai, Norbert Bisky und Marc Brandenburg, das Buch enthält neben Fotografien der Kunstwerke auch Interviews und Essays.

Daniel Schneider

Clubkultour Berlin

Clubkultour-BerlinEine Projektgruppe der Berliner Clubcommission bietet ab diesem Monat eine Stadtführung zur Technoszene und Clubkultur ab 1990 an. Wir waren letzte Woche bei der Pressetour dabei und haben uns von Eberhard Elfert, dem Sprecher der Gruppe, zeigen lassen, wie nach dem Mauerfall Räume angeeignet wurden, um Clubs für Liebhaber*innen elektronischer Musik zu eröffnen. Wie man bei der Tour, die entlang des ehemaligen Mauerstreifens vom Potsdamer Platz bis zur Arena am Ufer der Spree führt, gut nachvollziehen kann, ist Clubkultur in Berlin stark von Wanderungsbewegungen geprägt, da die Clubs in Temporären Autonomen Zonen entstanden sind, die sie im Laufe der Zeit verlassen mussten, um weiterzumachen zu können. So geschehen zum Beispiel im Fall der Maria am Ostbahnhof, dem WMF, dem Tresor oder dem Ostgut (heute Berghain).

Für die Clubs war in der Anfangszeit die Hausbesetzerszene nicht unwichtig. Das Wissen und die Erfahrung in Bezug auf Strategien der Aneignung als auch über die Inbetriebnahme verlassener Orte spielte eine wichtige Rolle. Die neuen Orte des Nachtlebens befanden sich überwiegend entlang des ehemaligen Mauerstreifens, weil dort leerstehende Gebäude und ungenutzte Flächen aus Zeiten der DDR (z. B. das 2000 abgerissene Ahornblatt in der Gertraudenstraße), Gebäude der Grenzinfrastruktur an der Spree (z. B. ein Bootshaus  für Patrouillenboote, in dem sich der Club Kiki Blofeld befand) und Gebäude und Ruinen im Bereich des ehemaligen Todesstreifens (z. B. der Tresorraum des ehemaligen Wertheim-Kaufhauses in der Leipzigerstraße) besetzt bzw. zwischengenutzt werden konnten.

Die Tour hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur über die Geschichte der Berliner Clubkultur zu informieren, sondern sie auch in den Kontext der Berliner Stadtgeschichte einzubinden und die Hintergründe der Orte zu beleuchten. Es wird diesbezüglich beispielsweise kritisch hinterfragt, warum im Bereich der Schillingbrücke (Nähe Ostbahnhof), wo sich Clubs wie u. a. die Maria befanden und heute das Yaam zu Hause ist, bis heute keine Hinweise auf die häufig tödlich geendeten Fluchtversuche zu finden sind. Andererseits steht auch der Wandel der Stadt seit den 1990er Jahren im Fokus der Tour, also Gentrifizierung und Verdrängung genauso wie die Institutionalisierung und Professionalisierung ehemals improvisierter Orte zu anerkannten Kultureinrichtungen. Das dieser Wandel allerdings noch nicht alle Freiräume zum Verschwinden gebracht hat, zeigt das Kultur- und Nachbarschaftsprojekt Teepeeland an der Spree, durch das die Tour ebenfalls führt.

Elfert macht auf der Tour deutlich, dass bestimmte Faktoren oder spezifische Wandlungsprozesse wie die Entwicklung vom Analogen zum Digitalen, die Anknüpfung an die Subkulturen West-Berlins als auch die Wanderungsbewegungen innerhalb der Szene eine wichtige Rolle auch bei der Betrachtung und Verortung der Clubs spielt. Auch wenn es noch Widerstand gegen eine Historisierung von Clubkultur von Seiten der Technoszene selbst gibt, ist diese mittlerweile massiv in Gang gesetzt worden, nicht zuletzt aufgrund des 25-jährigen Jubiläums des Mauerfalls. Hier ist ein Angebot wie die „Clubkultour“ eine so naheliegendes wie wichtiges Angebot, gerade wenn es nicht alleine um eine oberflächliche Betrachtung oder gar Verklärung der Berliner Clubszene geht.

Die Tour setzt allerdings, zumindest in der Form, wie wir sie erfahren haben, viel Wissen über die Berliner Szene voraus. Auch wenn Elfert zu vermeiden versucht, über die effektvollen Inszenierungen der Geschichte an Jahrestagen zu sprechen oder die Geschichten einzelner Protagonist*innen der Szenen zu erzählen, so wäre dies an manchen Stellen vielleicht doch sinnvoll. Für weniger involvierte Personen können sie Bezugspunkte darstellen, um einen Zugang zur spannenden Geschichte Berlins zwischen Todesstreifen und Technopartys zu erleichtern.

Die erste Tour findet am kommenden Samstag, dem 05.09. statt, weitere Termine für dieses Jahr sind 19.09., 03.10. und 17.10. Die Tour startet jeweils um 14:00h Ecke Wilhelmstr./Leipziger Straße. Die Tour findet per Fahrrad statt (bitte mitbringen). Kosten: 13 bzw. ermäßigt 11€. www.clubkultour.de

Tanja Ehmann & Daniel Schneider

Pop-Kultur

Seit zwei Tagen findet zurzeit im Berliner Berghain das neue Festival „Pop-Kultur“ statt. Die Nachfolgeveranstaltung der Berlin Music Week wird nun vom Berlin Music Board organisiert (und nicht mehr von den Kulturprojekten Berlin), es soll etwas ganz anderes und neues sein – und auch als Festival anders als andere Festivals. Von der Berlin Music Week unterscheidet es sich entsprechend sehr deutlich – während die BMW eigentlich eine Konferenz für Akteure der Musikwirtschaft war, scheint dieser Aspekt nun gar keine Rolle mehr zu spielen. Katja Lucker, die Chefin des Music Boards, betonte zu Beginn des Festivals auch, dass es um die Künstler geht und Björn Böhning, Chef der Senatskanzlei, wünscht sich, dass das Festival im Laufe der Jahre vielleicht zu so etwas wie die „Berlinale der Musik“ werden könnte.

Mit dem Berghain als Veranstaltungsort findet das Festival zumindest schon einmal vor beeindruckender Kulisse statt, es wird beispielsweise auch die Halle hinter dem Berghain genutzt, die bisher nur für die Zusammenarbeit von Berghain und Staatsoper („Masse“) und die Kunstausstellung von Berghain-affinen Künstlern („10“) genutzt wurde. Diese beiden Veranstaltungen deuten interessanterweise schon stark in die Richtung, in die sich auch „Pop-Kultur“ bewegt: die Verbindung von Pop und sogenannter Hochkultur, oder vielleicht auch eine bestimmte Form von Pop als neue Hochkultur. Denn Charts-Pop findet sich auf dem Festival nicht, sondern das, was auch in einer Zeitschrift wie der SPEX stattfindet. Und das Berghain arbeitet weiter an seiner Etablierung als Kultur-Institution im Sinne von Orten wie dem HAU oder der Volksbühne.

Das Programm des Festivals ist entsprechend anspruchsvoll und experimentierfreudig – es gibt neben einer großen Anzahl an Konzerten von ganz unterschiedlichen Bands und Künstler_innen sowie DJ-Sets auch Formate, die zwar „Talk“ oder „Lesung“ heißen, bei denen aber immer wieder der Hang zum Performativen spürbar ist. Die Lesung von Andreas Dorau und Sven Regener, die als Eröffnungsveranstaltung fungierte, bei der Doraus Biografie „Ärger mit der Unsterblichkeit“ vorgestellt wurde, war mehr als eine einfache Lesung: Während Regner aus der Biographie las (und dadurch zum Andreas-Dorau-Darsteller wurde) zeigte Dorau im Anschluss an die gelesenen Passagen Fotos und Filme, beispielsweise einen absurden Kurzfilm namens „Die kleine Frau“, den er an der Filmhochschule gedreht hatte, oder das Musikvideo zu „So ist das nunmal“. Eine ganz außergewöhnliche Veranstaltung war der „Talk“ von Sebastian Schipper, der die letzten 60 Minuten seines preisgekrönten Films „Viktoria“ zeigte, dabei meist ohne Ton, und dazu Platten auflegte, über die Dreharbeiten sprach und auf Fehler im Film aufmerksam machte. Außerdem rief er zwischendurch bei dem sich gerade in Island aufhaltenden Kameramann sowie einem der Schauspieler an, um ihm zu sagen, wie wichtig er für den Film gewesen sei. Das Ganze fand in der Halle am Berghain statt, einem riesigen Raum, wodurch die Situation noch außergewöhnlicher wurde. Ein Experiment war auch die Veranstaltung mit dem twitternden Philosophen Eric Jarosinski und der Musikerin Michaela Meise am Donnerstag, bei der zwei komplett unterschiedliche Dinge miteinander kombiniert wurden – ein Vortrag über Twitter und Philosophie mit trauriger Akkordeonmusik. So spannend diese Programmpunkte auch waren und auch die Auswahl der Gäste überraschend ist (z. B. waren auch der Neurologe Tom Fritz und der Maler Norbert Bisky zu Gast), ein wenig mehr Diskussion und Austausch über einzelne Aspekte von Pop wäre manchmal wünschenswert gewesen.

Ebenfalls auffällig „anders“ war der zeitliche Ablauf des Festivals, zumindest teilweise: Am Mittwoch war ich nach der Lesung von Dorau und Regner bei dem Technoliveact von Pantha du Prince (feat. Triad), das aus relativ hartem, okkultistisch angehauchtem Techno bestand (um 19:20), danach das eher experimentelle Konzert von Bianca Cassadys (CocoRosie) Soloprojekt mit Tanzperformance, danach eine Talkrunde zu Bühnenshows und zuletzt, um 12h nachts, die Veranstaltung mit Sebastian Schipper. Da man sich das Programm aus einzelnen Modulen zusammenstellen konnte, wäre allerdings auch ein weniger außergewöhnlicher Ablauf möglich gewesen.

Die Module – z. B. waren die Auftritte von Pantha du Prince und Bianca Cassady ein Modul, wodurch auch wieder eine außergewöhnliche Kombination von zwei sehr unterschiedlichen musikalischen Projekten entstand – müssen einzeln gekauft werden, was für Besucher_innen, die z. B. nur eine einzelne Lesung sehen wollen, wunderbar ist. Wer allerdings das Festival wie ein Festival besuchen möchte und entsprechend drei Tage lang viele verschiedene Sachen sehen will, muss dann unter Umständen ziemlich tief in die Tasche greifen.

Insgesamt kann man sagen, dass Pop-Kultur (vor allem wegen des nerdigen Programms) nicht Pop im Sinne von „populär“ ist. Das hat auch der wunderbare Auftritt von Neneh Cherry am Donnerstag unterstrichen – im Sinne von „fuck nostalgia“, wie Cherry dies ausdrückte, spielte sie ihre größten Hits – u. a. Buffalo Stance – in kaum wiedererkennbaren Versionen. So war auch der Auftritt des wahrscheinlich bekanntesten Popstars des Festivals ein Statement gegen Pop als Musik aus und für die Popmusikcharts. Deshalb stellt sich die Frage, was hier eigentlich mit Pop gemeint ist, das Programm ist zwar wunderbar, aber das Festival wirkt auch ein wenig elitär – was Pop doch eigentlich nicht sein sollte.

Daniel Schneider

Zine of the Day: Orange Agenten

Mein Liebling ist das Berliner Punk-Fanzine Orange Agenten nicht gerade. Meine Beziehung zu dem Fanzine ist eine ganz andere, die aber mindestens genau so emotional ist.

Orange Agenten #2x45 min.

Orange Agenten #2×45 min.

Orange Agenten #0,8%

Orange Agenten #0,8%

Orange Agenten # Next

Orange Agenten # Next

Während meines Praktikums im Archiv der Jugendkulturen e. V. habe ich mich u. a. um die Sortierung der Fanzine-Sammlung und die Aufnahme von Fanzines in die Archiv-Datenbank gekümmert.

Das Orange Agenten machte dabei ständig „Probleme“. Dank seines DIN A3-Formats passte es nicht in die Archivkartons. Es nahm jedes Mal zu viel Platz auf meinem ohnehin schon vollen Schreibtisch in Beschlag. Es hatte komische Untertitel wie „Zeitschrift für Passivsportler & Kettenraucher“, die auch noch ständig wechselten. Vor allem hatte es aber völlig unverständliche Nummerierung der einzelnen Ausgaben. Ich habe geschlagene vier Tage mit dem Versuch verbracht, die Ausgaben chronologisch zu ordnen, denn keine einzige Abfolge der einzelnen Ausgaben ergab einen logischen Zusammenhang.

Mit dem Orange Agenten assoziiere ich seitdem vor allem eine Achterbahnfahrt der Gefühle: In einem Moment dachte ich, ich hätte es geschafft, hätte das Konzept hinter solchen „Nummerierungsspäßchen“ wie „Heft # NEXT“, „NR. 0,8 ÷“ oder „# 2×45 min.“ begriffen, merkte aber bereits im nächsten Moment, dass das alles irgendwie doch nicht so recht zusammenpassen wollte.

Letzten Endes habe ich dann aufgegeben, eine sinnvolle Ordnung in etwas zu bringen, hinter dem von Anfang an gar kein Sinn angelegt war.

Die Macher_innen werden sich jetzt vielleicht kichernd auf dem Boden wälzen, aber obgleich leider ohne Ergebnis hat die „Detektivarbeit“ doch auch irgendwie Spaß gemacht.
Trotzdem: Falls jemand eine Lösung hat, bitte melden!

http://www.stolensharpierevolution.org/international-zine-month

#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Punk

– Svenja

Zine of the Day: Kalpa Vrikscha

Der Juli ist International Zine Month. Das Archiv der Jugendkulturen zeigt aus diesem Anlass ausgewählte Objekte aus seiner Fanzine-Sammlung.

Heutiges Zine of the Day: Kalpa Vrikscha (BRD 1996)

Vorgestellt von: Tanja

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Kalpa Vrikscha #4, 1996

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Kalpa Vrikscha #5, 1996

Das Kalpa Vrikscha #4/5 (zwei Ausgaben als Splitzine) vom Sommer 1996 ist mir in unserem Bestand von Berliner Punkfanzines besonders aufgefallen. Wir haben noch ein paar mehr Ausgaben dieses „Spiritual Search for the Truth Fanzines“, wie es sich selbst im Untertitel bezeichnet. Es erschien als vierte Veröffentlichung des MALOLA Publishers Verlags und beschäftigt sich inhaltlich vollkommen Punk-untypisch mit Krishna Halsketten, Bhagadvad Gita Lectures, Bhakti, aber auch mit Hardcore-Bands aus Argentinien und Italien sowie Veganismus. Was ich an diesem Zine so besonders finde? Mir war bis dahin gar nicht bewusst, dass es mal eine Szene gab, in der Hare Krishna, Hardcore und Straight Edge miteinander kombiniert wurden. In meiner Welt der Schubladen hätte ich indische Spiritualitäts- und Identitätskonzepte und Hardcore nie zusammengebracht.

Wer selbst einmal in diesem oder anderen Fanzines blättern und lesen will, ist herzlich eingeladen, uns in den Archiv-Räumlichkeiten in Berlin-Kreuzberg zu besuchen.

Mehr Infos zum Archiv der Jugendkulturen unter: www.jugendkulturen.de

Mehr Infos zur Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen unter: jugendkulturen.de/fanzines.html

Mehr Infos zum International Zine Month unter: www.stolensharpierevolution.org/international-zine-month

#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Harekrishna #Hardcore

Tanja Ehmann

West:Berlin

Mal wieder West-Berlin: wir waren endlich in der Ausstellung des Berliner Stadtmuseums „West:Berlin – Eine Insel auf der Suche nach Festland“ im Ephraim-Palais, die dort schon seit November letzten Jahres zu sehen ist und noch bis zum 28. Juni gezeigt wird. Die Ausstellung gibt einen facettenreichen Einblick in die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und vor allem auch kulturellen Aspekte und Phänomene des von der Mauer umgebenen West-Berlins bis 1989. Gezeigt werden Dokumente, Fotos, Filme, Kunstwerke, Alltagsgegenstände und z. B. auch ausgestopfte Tiere aus dem Berliner Zoo (der Panda Bao Bao und das Nilpferd Knautschke, die ein wenig kontextlos in der Gegend herumstehen), es entsteht ein umfassendes Bild von der Stimmung und dem Leben in der Stadt. Gerade die Bilder sind beeindruckend, beispielsweise das komplett durch den Krieg zerstörte Kreuzberg oder der Alltag im Schatten der Mauer in den 1980er Jahren. Wunderbar sind auch die vielen Plakate von kulturellen Veranstaltungen – selbst die Theaterszene hat einen eigenen Raum und die vielfältige Kulturszene wird immer wieder thematisiert. Kultur diente in dieser „Frontstadt“ auch dazu, die Stadt attraktiver zu machen (neben vielen anderen Vergünstigungen, die Menschen aus Westdeutschland dazu bewegen sollten, in die Stadt zu ziehen) und sie als lebendigen und freien Ort, als Repräsentantin des westlichen Lebensstils zu präsentieren. Sowieso Freiheit – der Begriff findet sich überall: Freie Universität, Freie Volksbühne, Sender Freies Berlin und so weiter. Und auch das Fehlen der polizeilichen Sperrstunde und die ausgesetzten Wehrpflicht gehört hier dazu – West:Berlin erscheint als ein Labor, in dem sich die Menschen ausprobieren konnten, vielleicht sogar in gewisser Hinsicht sollten – sie wurden ja tatsächlich staatlich unterstützt (eben durch die Vergünstigungen und die Freiheiten). So konnte sich ein hedonistisches Nachtleben entwickeln und ein breiter kultureller und politischer Untergrund fand hier sein Zuhause – trotz der unübersehbaren Präsenz des Militärs der Westalliierten und einer immer wieder repressiven Polizeipolitik.

Die Ausstellung ist nicht chronolgisch aufgebaut, sondern thematisch; es gibt einzelne Räume zur Wirtschaft, zur Student_innenbewegung, den Hausbesetzer_innen, dem Stadtumbau etc. Dadurch wirkt die Ausstellung leider etwas unübersichtlich, vor allem auch dadurch, dass bestimmte Aspekte in vielen verschiedenen Räumen vorkommen. Gerade in Bezug auf den vielfältigen politischen und kulturellen Untergrund bzw. die grob als „links“ zu verortenden Bewegungen fand ich das besonders auffällig. All die Szenen und Akteure, die in diesem Kontext eine Rolle spielten – von der Student_innenbewegung bis zur Punk- und New-Wave-Szene (die aufkeimende Technoszene und die erste Loveparade von 1989 fehlen allerdings) – sind über die ganze Ausstellung verteilt, die Zusammenhänge muss man sich als Besucher_in dazudenken, wobei ein gewisses Vorwissen nützlich ist. Dann wird es aber auffällig, wie sehr diese gesellschaftlichen und kulturellen Bereiche die Stadt durchdrungen haben und die einzelnen Themen miteinander vernetzt sind. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn es zur Ausstellung einen umfassenden, reich bebilderten Katalog gäbe, aber leider gibt es nur ein kleines Büchlein als Begleitband – das es aber immerhin kostenlos zum Ticket dazu gibt. Und, parallel zur Ausstellung im Ephraim Palais gibt es noch die Fotoausstellung „Bühne West-Berlin“ im Märkischen Museum, zu der ein schöner Katalog erschienen ist.

Was ich außerdem noch erwähnen muss: Auch ein Exponat aus dem Archiv der Jugendkulturen findet sich in der Ausstellung: Das Punkfanzine „Die Berliner Ghettoratte“ aus den 1980er Jahren.

West:Berlin – Eine Insel auf der Suche nach Festland
Ephraim Palais Poststr. 16 (im Nikolaiviertel in der Nähe vom Roten Rathaus)
10178 Berlin
Öffnungszeiten: Di, Do – So 10 – 18h, Mi 12 – 20h
Eintritt: 7 €, ermäßigt 5 €, bis 18 Jahre freier Eintritt
1. Mittwoch im Monat Eintritt frei

Daniel Schneider

Bar 25

Britta Nischner, Nana Yuriko
Bar 25 – Tage außerhalb der Zeit
Movinet Film
Deutschland 2012

Carolin Saage
25/7
Seltmann+Söhne 2013
208 Seiten
39,90 €

2Q==Der per Crowdfunding finanzierte Dokumentarfilm Bar 25 – Tage ausserhalb der Zeit über die Geschichte der Bar 25 und der ebenfalls diesen Berliner Club dokumentierende Fotoband 25/7 von Carolin Saage thematisieren den Aufstieg und Fall eines Wohn- und Freizeit-Projektes von im Kern vier Leuten. Der Film zeigt mit einigen Längen, wie sie es schafften, mitten in Berlin an der East Side Gallery – gegenüber vom Kiki Blofeld, unweit vom Tresor und auf der Straße Richtung Berghain – ein freiräumliches Partyufo zu erfinden und sieben Jahre lang zu erhalten. Anfangs zeigen Bilder und Interviews im Film eher elitär wirkende Inszenierungen von Kreativität und ein Leben außerhalb des vermeintlich „normalen“ Lebens und dessen ritualisierten Alltags. Allerdings wirkt die Welt im Freiraum der Bar 25 auf mich ebenfalls häufig ritualisiert, so als würde den meisten der gezeigten Party-Szenen eine Wiederholung innewohnen, die immer nur um ein oder zwei neue Aspekte wie z. B. eine neue Verkleidung, Geste oder ein neues Party-Gadget ergänzt wird. Die Filmausschnitte werden unterbrochen bzw. strukturiert durch collagierte Bildereinschübe (die man auch vom Design der Homepage kennt) mit Zitaten von z. B. Albert Hofmann, dem Entdecker von LSD, oder dem Autor Aldous Huxley (Schöne Neue Welt). Im zweiten und dritten Teil des Films zeigen Bilder und Interviews mit den Bar-Lebenskünstler_innen wie die Kommune durch die Auswirkungen der Ökonomisierung der Stadt politisiert wird, sie sich an der Petition Spreeufer für alle beteiligen und sich ein bisschen über das Bündnis Mediaspree versenken radikalisieren. Für mich wird die Bar erst jetzt Avantgarde: trotz oder möglicherweise gerade wegen der zunehmenden breiteren öffentlichen Wahrnehmung, mit der auch eine vermeintliche Öffnung zur Normalität einhergeht, wird die Bar in den letzten drei Monate ihres Bestehens zum Symbol einer Bewegung, die für Freiräume kämpft und sich mit anderen Betroffenen solidarisiert. Dabei wird dann die eigene Mystifizierung ein Stück zurückschraubt, wenn auch vor allem aus dem Bedürfnis, die eigenen Freiräume zu erhalten.

Im Fotoband werden diese Bilder aus der Zeit der Politisierung nicht gezeigt, was ich schade finde. Im Bildband stehen ausschließlich das burleseke Feierleben, der künstlerische Exzess und die Überhöhung des eigenen kreativen Outputs im Vordergrund. Bilder vom Alltag, von den problematischen Aspekten des Feierns oder dem Niedergang des Clubs fehlen. So oder so, der Mythos der Bar 25 ist entstanden und wird durch diese beiden Veröffentlichungen für die Nachwelt erhalten.

Tanja Ehmann

Berlin Sampler

Théo Lessour
Berlin Sampler – From Cabaret to Techno: 1904-2012, a century of Berlin music
Ollendorff Verlag 2012
350 Seiten
18 €

9k=Der Klang der Familie, Nachtleben Berlin, Subkultur Westberlin, Die ersten Tage von Berlin, Berlin Wonderland – diese Veröffentlichungen zu subkulturellen Aspekten der Berliner Kultur, vor allem der Westberliner Szene vor dem Mauerfall und der Technoszene sind wahrscheinlich allen Leser_innen dieses Blogs zumindest schon einmal begegnet (wir haben sie und einige andere zu diesem Thema hier besprochen) und haben auch im deutschen Feuilleton genügend Aufmerksamkeit genossen. Es sind seit einigen Jahren Trendthemen, nicht zuletzt auch wegen des 25-jährigen Jubiläums des Mauerfalls – auch Ausstellungen und Filme, Konferenzen und Diskussionsrunden häufen sich (und führen eventuell bei manchen schon zu starken Ermüdungserscheinungen). Eine Veröffentlichung, die vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit bekommen hat, ist Berlin Sampler von dem französischen Journalisten Théo Lessour. In gut sortierten Buchläden steht dieses Buch manchmal neben den o. g. Titeln, ansonsten ist es aber eher selten zu finden. Woran das liegt? Auch wenn es im Berliner Ollendorff Verlag erschienen ist, gibt es nur Ausgaben in Französisch und Englisch, es wird in Deutschland über den Exberliner vertrieben, der englischsprachigen Zeitschrift für Expats in Berlin. Es richtet sich also nicht unbedingt an ein deutsches Publikum, sondern zuerst an diejenigen, die aus dem Ausland auf Berlin schauen bzw. nach Berlin ziehen und sich für die Musik und Kultur dieser Stadt interessieren. So gesehen ist es eine Art Reiseführer durch die Musik Berlins.

Während die o. g. Titel sich auf die letzten Jahrzehnte der Berliner (Musik-)Geschichte beschränken, reicht Berlin Sampler viel weiter in die Vergangenheit zurück – es beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts mit Cabaret, Revue, Dada und anderen wichtigen kulturellen Phänomenen, mit Arnold Schönberg und Kurt Tucholsky. Eingeteilt in die vier Kapitel „E-Musik“, „U-Musik“, „A-Musik“ und „Techno“ gibt es einen Überblick über spannende musikalische Entwicklungen und Phänomene, die das kulturelle Bild Berlins geprägt haben: Die Comedian Harmonists, Alban Berg, die Swingjugend, The Lords, Wolfgang Biermann, David Bowie, Einstürzende Neubauten, Westbam, etc. Grob wird hier ein (subjektiv geprägter und entsprechend lückenhafter) Kanon Berliner Musik entworfen, es gibt ausführliche Kontextualisierungen und Hintergrundinformationen und prägende Veröffentlichungen werden vorgestellt. Auffällig ist dabei, dass neben den großen Stars wie Marlene Dietrich, Nena oder Paul Van Dyk oftmals experimentelle Musik im Mittelpunkt steht, auch politische Musik (z. B. Hanns Eisler, Ton Steine Scherben oder Atari Teenage Riot) spielt eine große Rolle. Politische und gesellschaftliche Entwicklungen haben die Musik aus Berlin entscheidend geprägt, dem Buch gelingt es gut, diese Zusammenhänge immer wieder aufzugreifen und so durch die Musik auch die Geschichte Berlins zu erzählen. Eigentlich also ein empfehlenswertes Buch nicht nur für Zugezogene, da hier viel zu entdecken ist, was auch Einheimischen fremd sein dürfte.

Was mich allerdings misstrauisch gemacht hat, waren die vielen Fehler, die mir an den Stellen aufgefallen sind, an denen es um Musik geht, mit der ich mich auskenne, also vor allem im Kapitel über Techno. Es sind meistens Kleinigkeiten – Moritz von Oswald heißt häufig (aber nicht immer) Maurizio von Oswald, das Frankfurter Label Playhouse ist angeblich nach Berlin gezogen, Ricardo Villalobos zweites Album wird als sein erstes ausgegeben, Dr. Motte hat Stücke produziert, mit denen er gar nichts zu tun hatte etc. Für sich alleine genommen wären das jeweils vernachlässigenswerte Fehler, aber die Häufigkeit, mit der sie zumindest in diesem Kapitel vorkommen (auf manchen Seiten sind es drei oder vier) zeigt, dass Lessour ziemlich schlampig gearbeitet hat (auch die häufigen Fehler in den Schreibweisen von Namen oder Songtiteln sowie Übersetzungsfehler sind Indizien dafür). Zusätzlich ruft die durch den persönlichen Fokus und das anscheinend selektiv angelesene Wissen geprägte Sicht auf Techno Stirnrunzeln hervor – z. B. wenn der heterogene und hybride ursprüngliche Techno aus Detroit (einem wichtigen Einfluss auf Berliner Techno) als „pure from the start“ („rein von Anfang an“) beschrieben wird oder wenn mit der Gründung von Ellen Aliens Label Bpitch Control 1999 der angebliche „Return of Techno“ eingeläutet wird. Durch die Fehler und die manchmal irritierenden Darstellungen und Bewertungen habe ich angefangen, alles, was ich in den vorherigen Kapiteln gelesen habe, zu hinterfragen – gibt es da auch Ungereimtheiten? Gibt es andere Fehler, die mir nicht aufgefallen sind, da ich kein ausreichendes Vorwissen habe? Ja, die gibt es (ich habe stichprobenartig Fakten aus den vorherigen Kapiteln überprüft und bin recht schnell auf weitere Fehler und Verfälschungen gestoßen) und es ist zu befürchten, dass es viele sind. Dadurch schwingt immer der Zweifel mit, ob das wirklich so war, wie es Lessour darstellt. So wird der zuerst positive Eindruck, den das Buch gemacht hat, doch massiv getrübt und ich kann Berlin Sampler nur sehr eingeschränkt empfehlen: Als Übersicht über hörenswerte Musik aus Berlin (bzw. irgendwie mit Berlin verbundene Musik) aus den letzten 100 Jahren ist es brauchbar und kann auch durchaus neugierig auf bisher unbekannte oder ignorierte Künstler_innen machen. Eine verlässliche Quelle ist es aber ganz offensichtlich nicht und die vielen Details und Anekdoten (die ich eigentlich als große Qualität des Buches hervorheben wollte) müssen leider mit großer Vorsicht genossen werden – der Reiseführer durch die Musik Berlins führt den Leser bzw. die Leserin vielleicht in die Irre.

Daniel Schneider

B-Movie

B-Movie – Lust and Sound in West-Berlin
Deutschland 2015

www.b-movie-der-film.de

Nun gibt es endlich auch einen Film zum Thema Subkultur West-Berlin – und es ist auch noch ein ziemlich gelungener Film geworden. Zeitraum und Szeneumfeld ist ganz ähnlich wie in Wolfgang Müllers Subkultur Berlin, der Film ist aber keine Verfilmung dieses Buches des Mitglieds von Die Tödliche Doris. Die Band kommt zwar auch vor, aber nur ganz am Rande, im Mittelpunkt stehen hier vor allem die Einstürzenden Neubauten, Nick Cave, Gudrun Gut & ihre Bands Malaria! und Mania D, Die Ärzte und die Toten Hosen, Nena und Westbam. Nicht alle dieser Künstler_innen kamen aus Berlin, alle haben aber mindestens viel Zeit hier verbracht und waren in die Berliner Szene involviert. Der Film besteht ausschließlich aus Originalaufnahmen aus der Zeit von 1979 bis 1990, insgesamt wurden Ausschnitte aus 75 Filmen (von Fernsehdokus bis zu Privataufnahmen) benutzt, die ein eindrückliches Bild von West-Berlin – vor allem von Kreuzberg und Schöneberg – vor dem Mauerfall zeichnen. Beeindruckend ist beispielsweise die extreme Kaputtheit mancher Häuserblocks in Kreuzberg, die Präsenz der Mauer an für mich als Bewohner Kreuzbergs bekannten Ecken des Bezirks und die riesige Menge an bunthaarigen Menschen eigentlich fast überall (also zumindest an den Orten, die in diesem Film gezeigt werden). Die Regisseure des Films, Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange, haben dafür über mehrere Jahre Materialien zusammengetragen und aus vielen Ausschnitten eine sehr runde und liebevoll gemachte Dokumentation zusammengesetzt.

Als äußerst sympathischer Erzähler des Films fungiert Marc Reeder, der als gebürtiger Brite 1979 u. a. aus Interesse an deutscher Musik nach Berlin zog. Reeder kam aus dem Umfeld des Plattenlabels Factory Records und der Band Joy Division aus Manchester und war in der Anfangszeit in Berlin der Repräsentant von Factory in Deutschland. Er hat selbst viele Filmaufnahmen gemacht bzw. von sich machen lassen (u. a. im Auftrag der BBC) – so durchziehen B-Movie Aufnahmen von Reeder, wie er fast immer in irgendeiner Uniform inklusive passender Soldatenmütze in Berlin unterwegs ist, z. B. in kurzen Hosen an der Mauer entlangradelt oder für BBC-Fernsehbeiträge Berliner_innen wie Farin Urlaub, Christiane F. oder Blixa Bargeld trifft. Reeders Leben und Karriere bilden den roten Faden des Filmes – er war Manager von Malaria!, hat Nick Cave bei sich wohnen lassen, heimlich Konzerte für die Toten Hosen in Ost-Berlin organisiert, in Jörg Buttgereits Splatter-Filmen mitgespielt und vieles mehr. Hier ist wichtig zu wissen, dass der Film nicht die gesamte Berliner Szene abbildet (was wohl auch gar nicht möglich wäre), sondern vor allem das Umfeld von Reeder gezeigt wird – auch wenn er mit erstaunlich vielen heute als einflussreich angesehenen Akteur_innen zu tun hatte, fehlen z. B. Thomas Fehlmann und Palais Schaumburg oder auch die Szene aus dem Umfeld der G.I.-Discos. Der Film endet mit den ersten Vorwehen von Techno und dem Mauerfall – zu sehen sind die erste Loveparade im Sommer 1989, David Hasselhoff am Brandenburger Tor und frühe Aufnahmen von Westbam. Auch Reeder spielt hier wieder eine wichtige Rolle – er gründete 1990 das in den folgenden Jahren einflussreiche Techno- bzw. Trancelabel MFS, benannt nach dem Ministerium für Staatssicherheit.

Es ist zu hoffen, dass dieser Film, der am Sonntag im Rahmen der Berlinale Premiere hatte, einen Verleih findet und in die Kinos kommt – falls das (wider Erwarten) nicht klappen sollte, so wird er zumindest irgendwann im Sommer auf Arte gezeigt. (Er läuft diese Woche auch noch ein paar Mal bei der Berlinale, alle Termine sind hier zu finden.)

Daniel Schneider

CTM in 3D – Düsternis, Dunst und Drones

Berlin im Winterschlaf? Nicht mal im Januar kann das behauptet werden. Vor allem die Clubs sind durchgängig auf Betriebstemperatur. Und das CTM Festival (Festival for Adventurous Music and Art) erhöht dabei den hektischen Puls dieser Stadt noch weiter und bringt den Tag-Nacht-Rhythmus auch unter der Woche durcheinander. Neben Ausstellung und Panels im Kunstraum Bethanien wird mit Konzerten, Performances, Live-Auftritten und DJ-Sets im Berghain, HAU, YAAM und Astra Kulturhaus die Fülle an Angeboten fast schon wieder zu einer Überforderung oder, besser gesagt, zu einer Navigierleistung, was und wem die Aufmerksamkeit geschenkt werden soll.

Die 16. Edition der CTM widmet sich traditionell eher den experimentellen Klanglaboren und akustischen Grenzgebieten elektronischer Musik. Das ist auch nur bedingt tanzbar und oft eher eine dem inneren Monlog ähnliche Körperselbsterfahrung. Als Besucher_in begibt man sich dabei auf eine akustische Autobahn, in der in diesem Jahr vor allem Drones dominieren und teilweise gewohnte musikalische Grenzen erreicht bzw. diese um strapaziöse Ausfahrten erweitert werden.

Ästhetisch bewegen sich vor allem die CTM-Abende im Berghain in dem Dreiklang von wabernden, den Körper einhüllenden, düsteren Drones, massiven sichtnehmenden Nebelschwaden und Dunkelheit, die immer mal wieder punktuell durch Lichtinstallationen oder Stroboskop und Flutlicht aufgebrochen wird. Vor allem die Auftritte am Dienstag und Mittwoch mit u. a. The Bug, J.K. Flesh und Alec Empire bestachen hierdurch und zeigten darüber hinaus auch wieder eine Dominanz männlicher, weißer DJs und Künstler auf der Bühne.

Über Musik zu schreiben oder besser gesagt, die schwer in Worte zu fassenden musikalischen Klangwelten zu sezieren, um die avantgardistische Grundausrichtung dieses etwas anderen Musikfestivals zu beschreiben, werde ich an dieser Stelle allen ersparen. Aus ganz persönlichen Gründen. Ich finde das meistens langweilig und selbstdarstellerisch. Aber vor allem: Jede noch so detaillierte und referenzverliebte Beschreibung eine Livemusik-Erfahrung kann doch nie das wirklich entscheidende solcher Momente einfangen: Das Wirken auf den eigenen Körper, das Gefühl der körperdurchflutenden Sounds, die von den Füßen bis zum Brustkorb alles zum vibrieren bringen, das Hören und Verarbeiten von Frequenzen, die in den Ohren schmerzen, das Verschwinden des Ichs in einer diffusen Masse, die wie ein einziger Körper wirkt und alles um einen herum vergessen lässt. Akustik meets Körper. Resonanzkörper Club. Bewegungsaskese.

Dieses Leitmotiv wurde am ehesten am Donnerstag Abend im Berghain mit Auftritten von We Will Fail, Gazelle Twins, Evan Christ, Suidiceyears und die DJ-Sets in der Panorama Bar u.a. von Rroxymoore durchbrochen. Vor allem das Set der Musikerin We Will Fail hatte so rein gar nichts mit Versagen am Hut, sondern bewies viel mehr, dass sich auch warme und tanzbare Klänge ihren Weg in den Dunstkreis dieses Festivals bahnen können.

Neben den bereits genannten Events stachen vor allem folgende Auftritte für mich heraus:

Ansonsten galt oft die Devise: Ohrstöpsel nicht vergessen! Wir werden es uns für das nächste Jahr vormerken.

Giuseppina Lettieri

CTM & Transmediale 2015

Jedes Jahr finden Ende Januar in Berlin die beiden Festivals Transmediale und CTM (Club Transmediale) statt. Während die Transmediale, die 1988 das erste Mal unter dem Titel VideoFilmFest stattfand, ein Festival für Medienkunst und digitale Kultur ist, ist das seit 1999 stattfindende CTM ein Festival „for adventurous music and related arts“, also der musikalische Ableger der Transmediale. Beide laufen noch bis kommenden Sonntag, den 1. Februar.

Die im Haus der Kulturen der Welt (HKW) stattfindende Transmediale hat dieses Jahr das Thema „Capture All“, es geht um das umfangreiche Sammeln von Daten jeglicher Art und die Auswirkungen dieser Sammelwut auf unser Leben. Neben einer Ausstellung gibt es eine Konferenz und ein ausführliches Begleitprogramm mit Performances, Workshops und Filmvorführungen.

Auch CTM ist ein unglaublicher Veranstaltungsmarathon mit Konzerten, Partys, Vorträgen, Workshops und einer Ausstellung. CTM findet an verschiedenen Orten Berlins statt – u. a. im Kunstquartier Bethanien, im Hebbel am Ufer (HAU) oder im Berghain und anderen Clubs. Es läuft zwar auch tanzbare Musik bei CTM, das musikalische Spektrum geht aber weit über Techno und andere Formen elektronischer Tanzmusik hinaus. Das Thema des diesjährigen Festivals – Un-Tune – bezieht sich darauf, was Klänge mit uns machen können. Es treten viele Künstler_innen auf, die Soundforschung betreiben und teilweise eine fast wissenschaftliche Herangehensweise haben – z. B. die Aufführung des Sirenenprojekts von The Bug (Kevin Martin) am Dienstag, das nur mit Ohrstöpseln zu ertragen war und vor allem aus massiven, den ganzen Körper zum beben bringenden Drones und eben Sirenengeräuschen bestand. Auch historische Aspekte spielen eine Rolle – so gab es ebenfalls am Dienstag eine Vorführung eines historischen Synthesizers – der „Höllenmaschine“ von 1957 – und gestern ein Konzert von Alec Empire (u. a. bekannt durch die Elektropunk-Band Atari Teenage Riot), der sein Album „Low on Ice“ von 1995 aufführte. Am weitesten in die Vergangenheit zurück ging es aber bei dem Sänger, Musikwissenschaftler und Archäologen Iegor Reznikoff, der im Kunstquartier Bethanien in einem ehemaligen Kirchenraum frühe christliche Gesänge sang.

Reznikoff war auch einer der Redner des Vortragsprogrammes, bei dem es gestern um Archaeoacoustics ging – also Klangarchäologie, das Aufspüren von Spuren der Bedeutung von Klängen in vorgeschichtlichen Zeiten. Dort sprachen Archäologen, Musikwissenschaftler und Anthropologen über Themen wie den Zusammenhang von Höhlenmalerei und Echos, die Bedeutung von klingenden Steinen und anderen natürlichen Klangphänomenen für die Menschen der Frühzeit, oder die wichtige Rolle, die gemeinsamer Tanz und Musik und das Erzeugen von Trancezuständen für die Entwicklung menschlicher Gemeinschaften hatte und – als Beispiel wurde hier der Technoclub genannt – bis heute hat.

Weitere abenteuerliche Konzerte und Vorträge sind heute und in den kommenden Tagen zu erwarten – besonders gespannt bin ich auf den morgigen Vortrag zu „The Hum“, einem mysteriösem Klangphänomen, das immer wieder an verschiedensten Orten auf der Erde auftritt, und dem Abschlusskonzert am kommenden Sonntag im Astra.

Daniel Schneider

Gravitationsfeld Pop

Uwe Breitenborn, Thomas Düllo, Sören Birke (Hg.)
Gravitationsfeld Pop – Was kann Pop? Was will Popkulturwirtschaft? Konstellationen in Berlin und anderswo
Transcript Verlag 2014
463 Seiten
34,99 €

Bild Gravitationsfeld Pop

„No escaping gravity“ singt Brian Molko von Placebo im Song „Special K“. Kein Entkommen. Gravitation ist Kraft, wirkt anziehend, ist unausweichlich. Neben Placebo wählen die Herausgeber zum Einstieg noch weitere Musiker (James Brown, Eminem …) und Bands (Type O Negative, Yo La Tengo …), die sich musikalisch an der Gravitationsmethapher abgearbeitet haben. Als Fan der ersten Stunde bleibe ich jedoch unweigerlich bei Placebo hängen. Als wäre es gestern gewesen kommt mir Brian Molkos Stimme in den Kopf und das sich im Refrain immer wiederholende und in die Länge gezogene „Gravi(iiii)ty“. Das dazugehörige Video, in dem die Band auf Miniaturgröße geschrumpft in einem Raumschiff durch den menschlichen Körper fliegt, und auch so einige Konzerterinnerungen wechseln sich in meinem Kopf ab. No escaping pop memories.

Änhlich der Gravitationskraft kann man sich, jedenfalls geht es mir so, auch popkulturellen Einflüssen nur schwer entziehen. Ob im Alltag oder der Freizeit: Popkultur, und vor allem Popmusik, prägt und ist aus dem Leben vieler Menschen nicht wegzudenken. Pop schafft Erinnerungen und Emotionen. Und das auch viel stärker als jeder (minutiös) geplante Ausflug in die Hochkultur. Sprich: Man trifft mich definitiv öfter in Clubs, auf Konzerten oder Parties als in der Oper oder im Museum. Diese Aussage findet sich auch in einem Interview mit Olaf „Gemse“ Kretschmar (Vorstandsvorsitzender Berliner Club Commission) wieder, der den Club, neben Familie und Freunden, immer mehr zur Zivilisationsinstanz für Jugendliche erhebt. Doch obwohl Pop und Popkultur im Leben vieler Menschen einen größeren Einfluss und emotionalen Wert haben als Hochkultur, schwankt das Image und die Anerkennung von Popkultur immer noch sehr stark. Pop bewegt sich in der Wahrnehmung in einem Spannungsfeld. Für einige ist es „Avantgarde“ in der Tradition der Pop Art, für andere einfach nur „Mainstream“, also ein auf Massengeschmack ausgerichtetes und oftmals inhaltsleeres Produkt. Auch im Bereich der Kulturförderung fristet alles, was sich im Gravitationsfeld Pop bewegt, immer noch ein Schattendasein, da Popkultur nicht oder nur selten in die vorhandene Förderungslogik der Kulturpolitik passt.

Doch seit einigen Jahren bewegt sich etwas. Die Richtung und Auswirkung ist noch nicht genau erkennbar, aber die stetig wachsende Anerkennung von Pop und Popkultur im Bereich der Kulturförderung, aber auch die Wirkung und Impulse auf Stadtentwicklung, Club- und Musiklandschaft sowie die Ausformung neuer kreativer Ausdrucksformen schlagen sich in diesem Band nieder. Denn Gravitationsfeld Pop bietet auf über 400 Seiten Interviews und Beiträge, die sich in unterschiedlichen Facetten den Anziehungskräften und Sogwirkungen von Pop(-musik) und Popkultur widmen.

Fragen, die sich dabei stellen, sind: Welche Kräfte wirken im Bereich Pop? Welche Wechselbeziehungen gibt es zwischen Akteur_innen aus der Club- und Musiklandschaft und denjenigen aus der Kulturförderungspolitik und in welcher Konstellation stehen diese zueinander? Wie funktioniert und verändert sich Popkultur oder auch die mittlerweile in Berlin etablierte Szenewirtschaft unter sich immer mehr verschärfenden ökonomischen Aspekten wie der Gentrifizierung, die sich auf die Clublandschaft, Kreativwirtschaft und generell urbane Lebensstile auswirken? Diesen und vielen weiteren Fragen widmet sich der Band Gravitationsfeld Pop. Neben Interviewbeiträgen, in denen vordergründig Akteur_innen aus der Musik- und Clublandschaft zu Wort kommen und alltagspraktische Fragen beantwortet werden, gibt es auch Beiträge, die sich unter kulturwissenschaftlichen Gesichtspunkten mit den verschiedenen Aneignungspraxen von Pop und Popkultur beschäftigen.

Pop, so wird auch hier klar, scheint allgegenwärtig ohne dabei aber in festen Laufbahnen zu zirkulieren. Die einzelnen Beiträge umkreisen die mal mehr mal weniger scharfen Begriffe Pop, Popmusik, Popkultur und Populärkultur. Das macht zum einen die Fülle an Bezügen und Assoziationen deutlich, die man im Kopf hat, wenn das Wort Pop fällt, lässt mich als Leserin aber auch ab und an den Überblick verlieren, wovon denn gerade die Rede ist. Generell fällt der Band weniger durch Definitionsschärfe der verwendeten Begriffe auf, als mehr durch deren Kontextualisierung.

Und der Kontext lautet Berlin. Wer sich mit dem endlosen Treiben Berlins als „24- Stunden-Stadt“ und coole Musik- bzw. Technometropole auf einer analytischeren Ebene annähern will, kann bei Gravitationsfeld Pop beruhigt zugreifen. Der Vielfalt an Clubs (Berghain, Kesselhaus, Astra etc.), Kulturevents (Karneval der Kulturen, Fete de la musique etc. ) und Musikveranstaltungen (Balkan Beats Partyreihen etc.) bis hin zur Heterogenität der Musikinitiativen, wie der Berliner Club Commission, dem Berlin Music Board oder auch dem Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT), wird in den Beiträgen viel Platz eingeräumt oder aber die jeweiligen Akteur_innen kommen selbst in Interviews zu Wort. Berlin zu wählen erscheint aber auch nachvollziehbar, da Pop in der wirtschaftlich schwachen Hauptstadt zunehmend zum Motor der Stadtentwicklung wird, also als attraktives kulturelles und wirtschaftliches Gut immer stärker wahrgenommen wird.

Über die Anziehungskraft des Buches bin ich am Ende geteilter Meinung. Es gibt fundierten, kulturwissenschaftlich unterfütterten Einblick in die Club-, Musik-, Akteurs- und Förderungslandschaft Berlins. Da ist auch schon der Haken. Es ist (fast) alles auf dem scheinbaren Pop-Gravitationskern Berlin bezogen. Nach den „Konstellationen anderswo“, wie im Untertitel angekündigt, sucht man in diesem über 400 Seiten starken Band eher vergebens. Wer also gerne auch einen Blick auf die Entwicklung der Pop-Peripheriegebiete werfen möchte, wird leider eher enttäuscht sein. Für alle anderen, vor allem den an Berlin interessierten, werden Innenansichten in die vielfältige Party- und Clubkultur Berlins geliefert.

Giuseppina Lettieri

UdK- Ringvorlesung TECHNO STUDIES

Morgen treffen sich Felix Denk von der zitty, Ulrich Gutmair von der taz und Sven von Thülen zum Gespräch. Gegenstand des Gesprächs: Berlin Techno – „Der Sound der Wende“, „Der Klang der Familie“, „Party auf dem Todesstreifen“.

Alles Bücher bzw. Dokumentationen, die sich mit Techno, dem Berlin der Wendezeit und der daraus entstandenen Club-und Partykultur befassen, die mittlerweile fester Bestandteil des Berlin-Hype und Mythos ist und diese Stadt zur derzeit angesagtesten Musik-und Partymetropole macht.

Das Gespräch mit den Protagonisten dieser Veröffentlichungen findet im Rahmen der UdK- Ringvorlesung „TECHNO STUDIES.ÄSTHETIK UND GESCHICHTSSCHREIBUNG ELEKTRONISCHER TANZMUSIK“ statt, die bereits seit dem 11.11.2014 immer dienstags Vorträge rund ums Thema Techno von 19.00-21.00 c.t. in der Fasanenstr. 1b, Raum 322, 10623 Berlin anbietet.

Darüber hinaus findet zudem am 12. und 13. Dezember eine internationale Tagung statt, bei der u.a. Jochen Bonz, Diedrich Diederichsen, Gabriele Klein, Sascha Kösch und Rosa Reitsamer über Techno referieren. Aber auch das Archiv der Jugendkulturen ist mit dabei. Genauer gesagt wird Daniel Schneider (wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Berliner Pop-und Subkulturarchiv) am Samstag (13. Dezember) einen Vortrag zum Thema „Party im Schuber. Über die Archivierbarkeit der Technoszene“ halten.

Wann: 12.+13.Dezember 2014 von 10.00- 21.00

Wo:  Hardenbergstr. 33, Raum 102, 10623 Berlin

Teilnahme kostenlos, Anmeldung erwünscht (keine Platz-Garantie möglich).

Kontakt: techno@udk-berlin.de

Reclaim Your City

Tobias Morawski
Reclaim Your City
Assoziation A 2014
168 Seiten
16 Euro

www.reclaimyourcity.net

Reclaim Your City_CoverIn den letzten Jahren ist die Forderung nach einem Recht auf Stadt zentral für eine radikale Gesellschafts- und Systemkritik urbaner Protestbewegungen geworden. Innerstädtische Kämpfe gegen Gentrifizierung und die kollektiven wie individuellen Folgen dieser sind derzeit ein Hauptbetätigungsfeld der außerparlamentarischen Linken, die besonders in den wachsenden Städten wie Berlin, Hamburg und Köln aktiv ist. Das Buch Reclaim Your City schließt daran an und dokumentiert ausführlich die unterschiedlichen Praxen urbaner Protestformen, wobei es sich fast ausschließlich auf Berlin bezieht. Wie eignen sich Protestakteure das „Recht auf Stadt“ im Konkreten an? Welche Methoden und Strategien kommen zur Anwendung?

Das Buch ist in drei Haupteile untergliedert. Der erste Teil behandelt die Stadt im neoliberalen Wandel, es werden die Themenkomplexe „Stadt als Unternehmen“, die Privatisierung des öffentlichen Raums und verschiedene Verdrängungsdynamiken thematisiert. Der zweite Teil liefert einen knappen Einblick in die von Lefebvre etablierte Theorie von der Produktion des sozialen Raumes. Daran anschließend wird dargestellt, wie seitens der Protestbewegung Einfluss auf die Produktion von öffentlichem Raum genommen werden kann. Im darauf folgenden und umfangreichsten Teil des Buches werden dann reichlich bebildert die Strategien der Stadtaneignung erläutert und in sinnvolle Kategorien überführt. Zu den dargestellten Mitteln gehören Besetzungen im weiteren Sinne, also die physische Aneignung öffentlichen Raumes, die von Hausbesetzungen über Blockaden bis zu temporären Besetzungen wie den „Free Partys“ oder „Reclaim the streets“-Aktionen reichen. Das kritische Kartieren wird als Aneignung der Repräsentation von Raum vorgestellt, hier werden alternative Sichtweisen auf Raum den herrschenden gegenübergestellt. Herausragend ist der Abschnitt über die Aneignung der symbolischen Bedeutung des öffentlichen Raums und den Möglichkeiten diesen zu gestalten. Wandbilder, Graffiti, Street Art, Transparente und vieles mehr zeugen von der Vielseitigkeit kreativer Protestmöglichkeiten.

Reclaim Your City hat damit auch den Charakter eines Handbuchs und liefert Informationen und Inspirationen aus der Protestbewegung für die Protestbewegung und für alle, die sich im Sinne einer Praxis für ein „Recht auf Stadt“ angesprochen fühlen.

Jakob Warnecke

Berlin Bromley

Bertie Marshall
Berlin Bromley
Aus dem Englischen von Conny Lösch
Mit einem Vorwort von Boy George
Ventil Verlag 2008
220 Seiten
10 Euro

berlin_bromleyLondon, Mitte der 1970er Jahre: Eine Gruppe Teenager aus Bromley, einem Vorort im Südosten der Stadt, bringt den Punkrock mit ins Rollen. Sie bewegen sich im Dunstkreis von Vivian Westwood, Malcolm McLaren und den Sex Pistols. Einer von ihnen ist der 15-jährige Berlin Bromley, selbstbenannt nach diesem Vorort und Berlin, der Stadt seiner Träume. Seine Vorstellungen von der Stadt Berlin speisen sich aus den Legenden um das 20er-Jahre-Musical „Cabaret“ und seiner Verehrung für David Bowie, der einen seiner Songs nach dem Stadtteil Neukölln benannte. Berlin Bromleys Traumwelt ist ohne Grenzen: Androgynie ist chic, Drogen sind quasi Grundnahrungsmittel und Musik ist allgegenwärtig wie die Luft zum Atmen.

Eine der zentralen Gestalten des „Bromley Contingent“, wie eine Journalistin die Gruppe nennt, ist Siouxsie Sioux, mit der Berlin durch das Londoner Szeneleben schwirrt wie bizarre Nachtfalter auf Speed. Während sie jedoch mit Freund Steve Severin die Band Siouxsie and the Banshees gründet und zur Kultfigur aufsteigt, schlägt der schwule Berlin sich später mehr recht als schlecht als Stricher durch. Von der Schule ist er früh abgegangen, an einen geregelten Job ist nicht zu denken, und für das Nötigste reichte damals noch das Arbeitslosengeld. Und so erzählt er in autobiografischer Manier allerlei skurrile Anekdoten aus seiner Jugendzeit. Beispielsweise wie er, von Siouxsie an eine Leine gelegt und ihr Hündchen spielend, in einem Vorort-Pub aufläuft und letztendlich vom Kneipenbesitzer hinausgeworfen wird. Oder von der Fetisch-Party, die er in seinem biederen Elternhaus veranstaltet, und auf der die Gäste – unter anderem die Sex Pistols – sich nach allen Regeln der Kunst daneben benehmen und die Nachbarn in Angst und Schrecken versetzen. Überhaupt kreuzen viele sonderbare Gestalten seinen Weg und Berlin erlebt die seltsamsten Sex- und Liebesgeschichten, die er offenherzig zum Besten gibt und deren Protagonisten aus einem Buch Jean Genets entsprungen sein könnten. Dabei bleibt Berlin jedoch immer auf eine schüchtern-verträumte und selbstverliebte Art weltfremd, reguliert seine schwankenden Seelenzustände durch abwechselndes Einwerfen von Aufputsch- und Beruhigungsmitteln und weiß seine Chancen einfach nicht zu nutzen.

Mit all seinem extravaganten Make-up, dem eigenwilligen androgynen Styling und seinem Posertum hätte er eine Galionsfigur des aufkommenden New Romantic werden können – eben das schlugen ihm Steve Strange und Rusty Eagan Ende der 1970er vor, als Punk schon nicht mehr neu und aufregend war. Berlin Bromleys lapidare Reaktion dazu: „Ich war in den vorangegangenen drei Jahren jeden Abend aus gewesen … ich dachte, da wird bestimmt nichts draus.“ Seine beiden Freunde sind kurz darauf mit ihrer Band Visage und dem Hit „Fade to grey“ weltberühmt geworden.

Kurz vor Ende des Buches vollzieht der Autor einen unerwarteten Zeitsprung: 25 Jahre später, im Winter 2001, fährt Bertie Marshall (von seinem Pseudonym hatte er sich bereits 1979 verabschiedet) dann doch noch in die Stadt seiner Träume – Berlin. Was er in der Zwischenzeit gemacht hat, bleibt unklar. Gesagt wird nur, dass Marshall zuletzt Texte für Pornos schrieb, eine Zeit lang in New York lebte, dann wieder in London, inzwischen obdachlos geworden war und sich in Berlin einen Neustart erhoffte.

Mit ein paar Dollar in der Tasche und bar jeder Sprachkenntnisse kommt er in Deutschland an, doch Berlin ist kalt und so sperrig, wie es nun mal ist. Kein Glamour, keine schillernde Dekadenz, lediglich ein Friedrichshainer Hausbesetzer erweist sich als hilfreich und nimmt Marshall für eine Weile in seinem schmuddeligen Zimmer mit auf. Schließlich trifft er auf einer Lesung Jon Savage, der ihn auffordert, seine Memoiren zu schreiben, und die Übersetzerin Conny, in deren Wohnung er bleiben kann, und er findet einen Job als Englischlehrer. Aber all das tröstet Marshall nicht über seine zerstörte Illusion hinweg. Er geht wieder nach London zurück und stellt fest. „Ich will nie wieder nach Berlin. Es ist eine kalte, triste und unglamouröse Stadt. Ihr fehlt jedes Charisma und sie ist entsetzlich provinziell.“

Was dieses Buch lesenswert macht, ist seine Glaubwürdigkeit (ohne dass hier über den tatsächlichen Wahrheitsgehalt spekuliert werden soll). Marshall beschreibt sein Leben als Berlin Bromley authentisch und ungekünstelt und doch stellenweise so poetisch, dass man sich beim Lesen genau den stillen, in Musik und alten Büchern aufgehenden und gleichzeitig maßlos exzentrischen Teenager vorstellen kann, der Berlin Bromley war und Bertie Marshall vielleicht bis heute ist. Das Buch beruht, so der Autor, auf seinen damaligen Tagebucheinträgen, und so liest es sich auch weniger wie ein autobiografischer Roman als vielmehr episodenhaft und mit Verweisen auf subkulturelle Ereignisse, von denen die meisten, die mit Punk groß geworden sind, schon einmal gehört haben – wie das berüchtigte Interview der Sex Pistols bei Bill Grundy –, jedoch aus der Perspektive eines Jungen dieser Zeit, der fast immer dabei oder zumindest ganz nah dran war, an den britischen Punk- und New-Wave-Größen. Dass dies aber auch die Geschichte einer von Drogen und Prostitution zerfressenen Jugend ist, sorgt dafür, dass die Erzählung einen etwas bitteren Beigeschmack behält und nie ins Glorifizierende abdriftet. Und eine kleine Warnung zum Abschluss: Aufgrund der expliziten und zum Teil recht drastischen Schilderungen von Sexualpraktiken ist das Buch – wenn auch größtenteils aus der Sicht eines Fünfzehnjährigen geschrieben – nicht uneingeschränkt für Jugendliche und Zartbesaitete zu empfehlen.

Gabi Vogel 

Alexanderplatz

Göran Gnaudschun
Alexanderplatz
Fotohof edition 2014
216 Seiten
39 €

size_200_image4258Der Fernsehturm am Alexanderplatz ist das markanteste Wahrzeichen Berlins, er ist von fast überall in Berlin sichtbar. Er gibt Orientierung und bedeutet für mich immer, wenn ich von woanders nach Berlin zurückkehre und ihn sehe, dass ich wieder daheim bin. Der Platz darunter, das Gebiet zwischen rotem Rathaus und dem Park-Inn-Hotel ist dagegen kein Ort, an dem ich mich wohl fühle – es ist ein Ort des Durchgangs, hier steige ich um, fahre mit dem Rad drüber, aber verweilen möchte ich hier meistens nicht. Für viele Menschen ist diese Gegend aber sowas wie ein Zuhause oder zumindest ein zentraler Treffpunkt, an dem sie Freund_innen treffen und rumhängen können. Punks, Skins, Emos, Skater_innen und Anhänger_innen anderer Szenen halten sich hier auf. Darunter ist auch eine Gruppe an Punks und anderen Straßenkindern, die hier zumindest zeitweise leben – manche sind obdachlos, andere haben zwar eine Wohnung, verbringen aber fast ihre gesamte Zeit hier, wieder andere reisen regelmäßig durch Deutschland und landen zwischen den Reisen immer wieder an diesem Ort.

Der Fotograf Göran Gnaudschun hat diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen mehrere Jahre lang begleitet, er ist jede Woche einmal an den Alex gefahren, hat sich mit ihnen unterhalten, mit ihnen Bier getrunken und sie fotografiert. Der Fotoband Alexanderplatz ist als Ergebnis dieses beeindruckenden, schon ethnographisch zu nennenden Projekts entstanden. Er enthält Portraits der jungen Menschen, Fotografien von alltäglichen Szenen und „Landschafts-“ und Himmelsaufnahmen der Gegend um den Fernsehturm. Am eindrücklichsten sind hierbei die Portraits – sie zeigen die jungen Punks, Skins und andere Protagonist_innen der Alexanderplatzszene in meist stolzer, selbstbewusster Haltung. Die Bilder wirken nicht unbedingt authentisch, man merkt ihnen die Inszenierung sowohl von Seiten der Fotografierten als auch des Fotografen deutlich an. Das beschreibt Gnaudschun auch selbst: „Oft wirken die Menschen auf meinen Portraits völlig anders, als sie mir gegenübertreten.“ Die Portraits sind eine Fiktion, vielleicht auch sowas wie eine Wunschvorstellung der Portraitierten. Ganz anders dagegen die alltäglichen Szenen – hier sind die Punks beim Rumhängen, Schlafen, Saufen, Küssen oder Schnorren zu sehen, hier wird der manchmal sehr triste, manchmal aber auch ganz offensichtlich schöne Alltag der jungen Menschen sichtbar. Die Bilder sind dokumentarischer als die Portraits und bilden einen spannenden Gegensatz zu diesen.

Die Fotografien werden durch Interviews und Tagebucheinträge ergänzt, in denen sich dann Abgründe auftun, die in den Bildern kaum sichtbar sind. In den Interviews erzählen die jungen Menschen von Gewalt, zerrütteten Familien, Leben in Heimen, Gefängnisaufenthalten, psychischen Problemen, Alkohol- und Drogensucht – es sind Geschichten dabei, die kaum auszuhalten sind. Aber es geht auch immer wieder um Liebe, Freundschaft und den Zusammenhalt der Gemeinschaft am Alexanderplatz. Die teilweise sehr kurzen Tagebucheinträge von Gnaudschun beschreiben dagegen Momente, die er am Alex erlebt hat, manche ergänzen die Bilder, andere beschreiben Momente, die nicht fotografierbar gewesen wären, ohne dass die Fotos ins Voyeuristische umgeschlagen wären – Augenblicke krasser Gewalt oder tiefster Verzweiflung genauso wie intime Momente der Freundschaft.

Alexanderplatz bietet einen tiefen, manchmal bestürzenden Einblick in eine Lebenswelt, die die meisten nur durch das Vorbeilaufen kennen und für die sich normalerweise kaum jemand interessiert. Dabei lenkt er nicht nur den Blick auf Menschen, die zu den Verlierern unserer Gesellschaft gehören, sondern auch auf weniger beachtete Bereiche von Jugendkulturen.

Daniel Schneider

Die Nacht ist Leben

Sven Marquardt
Die Nacht ist Leben
Ullstein 2014
14,99 €
224 Seiten

9783864930256_coverSven Marquardt ist vielen bekannt als der Mann mit dem tätowierten Gesicht und der gepiercten Unterlippe, der die Tür des Berliner Clubs Berghain bewacht. Nun hat er im besten Alter von 52 Jahren seine Autobiographie vorgelegt, die unter Mitarbeit der Berliner Autorin Judka Strittmatter, einer Enkelin des Schriftstellers Erwin Strittmatter, entstanden ist. Der größte Teil des Buchs handelt von Marquardts Leben in der DDR und zu einem Drittel von der Zeit ab 1990 bis zur Gegenwart. Mit „wir lebten in ´Grenzen frei´“ charakterisiert Marquardt ziemlich am Anfang des Buches sein Außenseiterdasein in der DDR. Seine Anekdoten gewähren nicht nur einen Einblick in seine persönliche Geschichte, sondern auch in die Nischen und Freiräume, die sich in der DDR von den jugendlichen Unangepassten aneignen ließen. Die Erzählung setzt im Kindesalter an, als die Scheidung seiner Eltern ihm den ersten „dramatischen Einschnitt“ bescherte. Sie berichtet auf den folgenden Seiten vom Umherschweifen in der Stadt und Altstoffe sammeln, von jugendlichen Erfahrungen als „Frischfleisch auf dem Schwulenmarkt“ und als Punk und Wohnungsbesetzer im Prenzlauer Berg, von Psychatrieaufenthalten und einigem mehr. Ein Großteil der im Buch abgebildeten Fotos stammen von Marquardt selbst. Die Kamera hat den gelernten Fotograf schon seit seiner Jugend begleitet und wesentliche Momente seines Lebens festgehalten.

In der ersten Hälfte der 90er spielt sich sein Leben in der boomenden Berliner Clubszene ab. Es geht um Drogen, Techno und wie zu erwarten: Tattoos und Piercings. Man erfährt wie er zu seinen Gesichtstätowierungen gekommen ist und merkt, dass der wirklich spannende Teil des Buches schon hinter einem liegt. Ab Mitte der Neunziger beginnt Marquardts Arbeit als Einlasser, die ihn bis an die Tür des Berghains führt.

Die Stimmung dieser Autobiographie ist wie seine Bilder eher melancholisch, jedoch ohne schwarz-weiß daherzukommen. Sie hält viel Interessantes bereit und lebt eindeutig von den Beschreibungen der DDR und ihrem Untergrund, worüber man noch so viel mehr erfahren möchte. Mitunter, besonders gegen Ende, hat es seine Längen. Trotzdem: An Sven Marquardt kommt keiner so leicht vorbei. Wer etwas über dessen Herkunft und den subkulturellen DDR-Alltag der 80er erfahren möchte, sollte dieses Buch zur Hand nehmen und lesen.

Jakob Warnecke

Gleisdreieck

Jörg Ulbert/Jörg Mailliet
Gleisdreieck – Berlin 1981
Berlin Story Verlag  2014
128 Seiten
19,95 €

9783957230294In Zeiten der zunehmenden Skepsis am Kapitalismus-Modell erinnert man sich an die Zeiten, als eine antikapitalistische, linke Haltung Teil des jugendkulturellen Mainstreams war. In den 70er und 80er Jahren konnten interessierte Leser_innen sich ihre Wände mit den Postern, Comics und Wimmelbildern Gerhard Seyfried dekorieren. Das waren reiche und phantasievolle Darstellungen aus der Innensicht der Berliner Szene, eines Biotops aus Bundeswehrflüchtigen, Langzeitstudent_innen, Hausbesetzer_innen und sonstigen Bohemians. Respektlos und unverstellt kamen diese Bilder aus der „Bewegung“ direkt aufs Papier.

Differenzierter und vor allem kritischer sehen die Autoren des Buches Gleisdreieck – Berlin 1981, Jörg Ulbert und Jörg Mailliet, diese Zeit. Aus der Sicht eines Mitarbeiters des Staatsschutzes, der einen Top-Terroristen aufspüren soll, erleben wir den Einstieg in die Linke Szene. Es gibt Demonstrationen, Kneipenabende, Diskussionen am Küchentisch und Kontakte mit der kriminellen Halbwelt. Wir lesen über Taxifahrer, politisch aktive WGs und abgetauchte Aktivist_innen der linksterroristischen Bewegung.

Beim Lesen hält sich eine gewisse Distanz, weder mit einem Spitzel noch mit gewissenlosen Terrorismus-Profis ist es leicht sich zu identifizieren, am ehesten noch mit den Leuten aus der Linken-WG, die so wie wahrscheinlich viele damals mit der Politik unzufrieden sind und einen individuellen Weg suchen, ihre Ideale vor sich und der Gesellschaft  zu verteidigen, eine moderne Darstellung des liebevollen Seyfried-Freak-Kosmos.

Das ganze Buch ist in einem skizzenhaften, leichten Stil gezeichnet, mit sehr schönen Referenzen an die Topographie des alten Westberlin. Lediglich die Farben scheinen in der vorliegenden Ausgabe etwas zu schwer geraten zu sein, was auf Kosten der Kontraste und somit der Lesefreundlichkeit geht.

Auf jeden Fall liegt hier endlich ein Buch vor, das eine wichtige Facette des Westberliner Lebens beleuchtet, die es in dieser Form kaum noch gibt, aber über viele Jahre und bis heute das Klima Berlins geprägt hat.

Peter Auge Lorenz

Die ersten Tage von Berlin

Ulrich Gutmair
Die ersten Tage von Berlin – Der Sound der Wende
Tropen 2013
256 Seiten
17,95 €

1027_01_SU_Gutmair_TageVonBerlin.inddUnter dem ein wenig großspurigen Titel „Die ersten Tage von Berlin – Der Sound der Wende“ ist im letzten Jahr ein weiteres Buch über die Nachwendezeit und die Ausbreitung subkultureller Szenen im damaligen Berlin erschienen. Der Autor Ulrich Gutmair beschränkt sich dabei nur auf einen recht kleinen, wenn auch durchaus relevanten Teil der damaligen Berliner Szene, stark geprägt von seinen persönlichen Erfahrungen und Sympathien. Er liefert also keinen umfassenden Überblick über möglichst viele Orte und Geschehnisse, was in Anbetracht des mehr versprechenden Titels  einen falschen Eindruck hervorrufen kann, wenn man sich als Leser_in dessen nicht bewusst ist. Ähnlich wie in der Ausstellung „Wir sind hier nicht zum Spaß“, die 2013 im Kunstquartier Bethanien in Berlin-Kreuzberg gezeigt wurde, geht es um den Teil der Szene, der sich um Orte wie das Elektro oder den Tacheles gruppierte. Andere bekannte Clubs wie Tresor oder E-Werk, einflussreiche Personen wie Dimitri Hegemann oder Dr. Motte spielen kaum eine Rolle.

Und auch wenn Gutmair seine Erzählungen in historische Kontexte einbettet, vor allem mit Exkursen zur Stadtteilgeschichte, werden viele Aspekte, die mir beim Lesen als besonders spannend erschienen, nur angerissen – z. B. die Aktivitäten von Investor_innen und Immobilienfirmen, die Rolle der Politik in Bezug auf die Planung der Stadt, die Situation der alteingesessenen Bevölkerung in Ostberlin oder die Präsenz von Neonazis im unmittelbarem Umfeld der hier beschrieben Szene. Es ist zwar sehr angenehm, dass sich das Buch nicht alleine um die Technoszene dreht, sondern durchaus öfters mal über deren Tellerrand schaut, aber hier wären mehr Hintergrundinformationen oder auch ein paar weitere Anekdoten wünschenswert gewesen.

Trotzdem gibt das Buch einen guten Einblick in das Berlin Anfang der 1990er Jahre, ohne dabei allzu verklärend und romantisierend zu sein. Klar, es wird von der Freiheit und den unendlichen Möglichkeiten geschwärmt, davon, dass Menschen aus aller Welt nach Berlin kamen, nur auf Durchreise oder für einen kurzen Besuch, dann aber fasziniert von der Stadt dageblieben sind und etwas aufgebaut haben. Davon, dass viele Menschen einfach so ihr Ding machen konnten, dass die finanziellen Zwänge fehlten und in Bars der Schnaps verschenkt wurde. Die Stadt wird aber auch teilweise als sehr kaputt und ungesund beschrieben und Probleme und Konflikte werden nicht verschwiegen. Immer wieder wird deutlich, dass hier zwar in manchen Augenblicken eine utopische Gesellschaft zu existieren schien, diese aber bei genauerer Betrachtung weder klassenlos noch zukunftsträchtig war. Vielen Akteur_innen war von Anfang an bewusst, dass es sich nur um eine temporäre Situation handelte. Manche hatten wahrscheinlich von Anfang an einen Business-Plan und konnten in dieser Zeit den Grundstein für eine erfolgreiche Karriere legen, wobei die Ausgangslage von Mittelschichtkids eine ganz andere war als die von weniger abgesicherten Menschen. Es dauerte nicht lange, bis die ersten besetzten Häuser wieder geräumt waren, die ersten Clubs wieder verschwanden und historische Gebäude über Nacht demoliert wurden, damit sie nicht mehr unter Denkmalschutz standen und abgerissen werden konnten, um Platz für neue Bürogebäude zu schaffen. Es wird deutlich, wie schnell das legendäre „wilde“ Berlin der Nachwendezeit schon nach kurzer Zeit am verschwinden war, auch wenn es bis heute das Image der Stadt prägt.

Daniel Schneider