#IZM2021: Zine of the Day: Radical vulnerability and mental health #2

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Heute rezensiert Sora, Praktikantin im Team „Pop-und Subkulturarchiv International.“

In dem im September 2018 in Berlin erschienenen englischsprachigen Perzine Radical Vulnerability and Mental Health #2 REVISITED reflektiert Queer Marshmallow auf 12 Seiten zwei Jahre nach der Erstauflage deren erstes Zine und blickt zurück, was sich bei them in Sachen mentaler Gesundheit seitdem getan hat.

Dabei unterscheidet they in radical vulerability und radical softness. Eine neue Erkenntnis, die them in radikale Offenheit, Verletzlichkeit und Ehrlichkeit nach Außen und radikalem Sanftmut, radikaler Milde aber auch radikaler Härte gegenüber toxischen Einflüssen und der Einhaltung von Grenzen nach Innen unterscheidet und in harter Arbeit ausgelebt.

„There isn’t really one conclusion – be kind to yourself & dare to show your true self, if you feel safe enough to do so!”

Soviel zur Theorie. Denn Queer Marshmallow merkt an, dass noch viele Fragen offen bleiben, wie etwa „Why do people talk about boundaries all the time but can’t handle when they are stated?”, “Why is showing emotions still seen as weak, when it’s the strongest thing I know?” oder “Why are there still emotions I barely allow myself to feel? (anger, envy, guilt).” Antworten gibt es keine, aber dafür eine weitere Erkenntnis, dass es beim Ausleben von radical vulerability und radical softness nicht selten zu Wachstumsschmerzen kommt. Und so zeigt sich Queer Marshmallow auf der letzten Seite in fünf Selfies mal emotional verletzt, mal weinend oder mal enttäuscht, mit der liebevollen sowie gleichermaßen mutigen Beschriftung „still taking selfies of my breakdowns – crybaby, forever & ever.“

Was dieses Perzine so besonders und liebenswert macht sind neben der durch die handschriftlich verfassten Texte und Collagen als Hintergrund, vor allem die ebenso persönlich und ohne große Umschweife festgehaltenen Gedanken, in denen sich jede*r wiederfinden kann und die darüber hinaus als kleine Rückbesinnung wirken. Sei lieb und nett – nicht nur zu den dir wichtigen Menschen in deinem Leben, sondern allen voran auch zu dir selbst! Auch wenn es manchmal weh tut.

Sora

#IZM2021: Zine of the Day: a disability MANIFESTO

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Heute rezensiert Sora, Praktikantin im Team „Pop-und Subkulturarchiv International.“

Was im letzten Jahr auf Grund von Corona in allen Lebenslagen zur Notlösung wurde ist mittlerweile weltweit zum neuen Alltag geworden. Für Menschen mit Behinderung ist dieser neue Alltag jedoch mehr als nur anstrengend und frustrieren, denn sie werden mal wieder nicht mitbedacht.

Diesem ganzen erdrückend ableistischen Chaos stellt sich – als wenn auch kleine Rückbesinnung – das 16 Seiten handliche Zine a disability MANIFESTO, THOUGHTS ON CRIP VALUE IN A CAPITALI$T LAND (2nd edition) der Reihe „IMPOSTER MONSTER“ aus dem Jahr 2020 von Mick Moran entgegen. Ursprünglich auf Facebook veröffentlicht, hat sich Moran im Zuge des in den USA unter Trump strammen Abbaus des Affordable Care Acts dazu entschieden dieses Manifest nun auch als Zine herauszubringen.

Auf jeder Seite finden sich kurz und bündig, in schwarz-weiß und digitalem Handlettering-Stil gehaltene englischsprachige Affirmationen. Diese wiederholen nicht nur grundlegende Menschenrechte, wie sie Menschen mit Behinderung oftmals abgesprochen bekommen, sondern sollen vor allem als kleine Rückbesinnung und Empowerment dienen, ehe Moran auf den letzten Seiten mit Nachdruck für die (US-amerikanische) Behindertenbewegung einsteht und dazu einlädt selbst ein Manifest zu verfassen.

„If you need a reminder, that you are important, that you are valued, and that you are not a burden because you have needs – just like all humans have needs – feel free to read this zine again and repeat some of the phrases to yourself as affirmations, if you find that helpful.”

In Anbetracht der immer noch weltweit bestehenden pandemischen Lage mögen Affirmationen wie „I deserve dignity“, „My body is not fundamentally broken“ oder „I am not disposable because I am disabled“ vielleicht mehr als kitschig anmuten. Doch wie Moran selbst anmerkt, bedarf es manchmal einer kleinen Erinnerung, die sich gegen diesen willkürlich neuen Alltag oder aber auch den daraus resultierenden, internalisierten Ableismus stemmt und somit einen zumindest für weinige Moment weiterträgt.

Ich habe dieses kleine, aber feine Zine als kleinen Lichtblick empfunden, der mir aufzeigt, dass es auch andere Menschen in ähnlichen Umständen gibt und darüber hinaus mich ganz praktisch dazu anleitet einige pessimistische Gewitterwolken aus meinem Kopf zu pusten, was in der aktuellen Lage mehr als gut tun kann.

Sora

Emergent Bass Veranstaltungsreihe

Wir freuen uns sehr über die großartige Kooperation!

Am Samstag, den 17.7.2021 findet die erste Ausgabe der interdisziplinären Veranstaltungsreihe „Emergent Bass“ im Berliner Club Mensch Meier statt. Teil des vom Kulturpumpe e.V. organisierten Projektes sind Clubnächte (bzw. Open Air Veranstaltungen) mit Musik, Performances, Live-Acts und Panels, ein Workshop-Programm und Archivarbeit. Ziel ist es, marginalisierte und unterrepräsentierte Schwarze, Indigene, People of Colour und Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund als Künstler*innen und Akteur*innen in der Berliner Clubkultur sichtbar zu machen und so den Clubraum als einen sichereren Raum für marginalisierte Gemeinschaften neu zu gestalten.

Artwork Credit: Nelson Kinalele

Am 17.7. geht es unter dem Titlel Past, Present, Future – Wie Schwarze Musikkultur die Berliner Clubkultur geprägt hat um die Frage, inwiefern Schwarze Deutsche und People of Color in den Anfangstagen der Berliner Technokultur involviert waren – und ob die Clubs wirklich so offen und inklusiv waren, wie oft behauptet wird. Außerdem geht es um den meist vergessenen Einfluss der von US-amerikanischen Soldat*innen besuchten G.I. Clubs auf die Berliner Clubkultur.

Mit dabei sind MINCO (DJ), Michael Mueller (Booker und Promoter) und Kalle Kuts (DJ und Musikaktivist), moderiert von der Sängerin, Songwriterin und Aktivistin Malonda. Musik gibt es von Freak De L’Afrique, Juba, Sarah Farina und BFAN.

Neben Transmission.net ist das Archiv der Jugendkulturen eine der Partnerorganisationen im Rahmen der Panels und der geplanten Archivarbeit.

Mehr Infos gibt’s bei Facebook und Instagram.

Artwork: Nelson Kinalele

Der Blick in eine Kiste…

 …kann ein Blick in ein Leben sein!

Ende letzten Jahres haben wir einen Teilnachlass des im Juni 2020 verstorbenen Lord Knud übernommen. 


Knud war Gründungsmitglied der Berliner Beat-Band „The Lords“, die auch als die ‚deutschen Beatles‘ bezeichnet wurden. 1965 verlor er bei einem schweren Autounfall mit dem Tourbus ein Bein und musste die Band verlassen. Darauf begann er als DJ in Berliner Diskotheken zu arbeiten und wurde 1968 Radiomoderator beim Berliner Sender RIAS. Dort moderierte er bis 1985 die Sendung „Schlager der Woche“, die eine der beliebtesten Radiosendungen sowohl in West- wie auch Ost-Berlin wurde. Allerdings stand Knud immer wieder für seine heftigen Sprüche und sexistischen Witze in der Kritik – was wohl auch zu seiner Entlassung beigetragen hat. Er arbeitete außerdem u.a. als Schauspieler oder als Stadionsprecher bei Hertha BSC. Nach dem Fall der Mauer entdeckte er dann die Berliner Technoszene für sich und tauchte in die neue Partykultur der Stadt ein.


(Foto: Kathrin Windhorst / http://www.kwikwi.org


Unser Kollege Auge hat in den letzten Monaten mit viel Herzblut den Nachlass gesichtet und archivgerecht verpackt. Enthalten sind viele Zeugnisse aus Knuds ereignisreichem Leben von seiner Zeit bei „The Lords“ bis zu seinen Aktivitäten in der Technoszene: darunter Witzesammlungen und anderes Material, das er zur Vorbereitung seiner Radiosendungen nutzte, viele Jahrgänge seiner Plattenkolumne „Lord Knuds Popshop“ aus der B.Z., Zeitungsausschnitte mit Artikeln über „The Lords“ und Knud, Fanpost, Fotos, eine goldene Schallplatte, Mitschnitte von privaten Jams mit Techno-DJs und diverse Merchandising-Artikel aus „Lord Knuds Rainbow Shop“ (den Regenbogen verstand er als Symbol für Frieden und Zusammengehörigkeit). Ein außergewöhnlicher Nachlass, der rund 50 Jahre Berliner Popgeschichte abdeckt. 

Wir haben schöne und traurige Nachrichten

Erst die schöne Nachricht:

Die Broschüre ist da! Zum Projektabschluss von „Pop-und Subkulturarchiv International

Liebe Alle,

wie schnell die Zeit voranschreitet. Wir sind auf der Zielgeraden unseres dreijährigen Archivs-und Bibliotheksprojekts „Pop-und Subkulturarchiv International“

Und endlich ist es soweit! Unsere neue Broschüre über Bibliothek und Sammlung ist angekommen!



Auf 40 Seiten, großartig designt von Judith Fehlau und mit Illustrationen von Tine Fetz, haben wir für euch Infos rund um unseren Bestand gesammelt. Zu welchen Themen gibt es bei uns Bücher und Fanzines? Welche Arten von Videos findet ihr in unserer Sammlung und welche digitalen Materialien haben wir archiviert? Find out!



Die Broschüre auf Deutsch oder Englisch findet ihr hier zum Download: https://jugendkulturen.de/broschuere-bibliothek-sammlung.html


Ihr wollt sie gerne in gedruckter Form lesen oder in eurer Einrichtung auslegen? Dann schreibt uns gerne eine Mail an bibliothek@jugendkulturen.de und wir schicken euch einige Exemplare zu.

Nun die traurige Nachricht:

Lisa Schug nimmt Abschied vom Archiv der Jugendkulturen

Kurz vor Ende unseres dreijährigen Archiv-und Bibliotheksprojekts „Pop-und Subkulturarchiv International“ hat uns letzten Freitag Lisa Schug, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projekts, vorzeitig Richtung FFBIZ- Das feministische Archiv, verlassen.

Hier auf englisch die Abschiedsnotiz an Lisa ❤

Today is a very sad day for us because it’s lisas last day at our archive.
She worked with us for about three years and yeah, what a (sometimes) bumpy but also joyful ride it was. A lot has changed in these years. The old building where our archive was located in for many years got recently teared down (as you can see in the second picture) and lisas hair grew much longer. Those curls 💓
Her work ethos is astonishing, always helpful and equipped with many skills (we were and still are lacking), super accurate and so many times miles ahead of us when it comes to archival knowledge. She has a strong political stance (in the best way), is sometimes stubborn (in the sweetest way) and super smart (in the most humble way). Patiently she listened to a lot of silly ideas and when she laid hands on it often something very professional came out of it.
But what is even more important, she is such a beautiful human being who loves what she does and what makes her very passionate about it. Mark our words, she will grow into one of the coolest archivists in Germany.
The @ffbiz_das_feministische_archiv is so lucky to have her back. She will be missed dearly but we are pretty sure she will continue to shine and that our roads will cross again. Thank you for all your patience and for bearing with us. We are forever thankful for the time you spent with us, for all the possibilities to learn from you and so sorry for being less professional than you expected us to be

Lots of Love and take good care!

Der Queer History Month 2021 geht los

Dieses Jahr begehen wir in Berlin den Queer History Month (QHM) unter dem Motto „Queer History Spring“.

Wie jedes Jahr finden sich in unserem Programm eine Vielzahl an kostenlosen Angebot für Schulen , Jugendeinrichtungen und queere Community. In Kooperation mit LSBTIQ*-Projekten sowie Kultureinrichtungen, wie Theatern und Museen sowie Archiven sind Jugendliche und Multiplikator:innen eingeladen eigene Projekte zu queerer Geschichte, zu den vielfältigen Lebensweisen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTI*) und Anti-Diskriminierung durchzuführen.

Hier das komplette Programm für Mai und Juni 2021:

Angepasst an die pandemische Lage bieten wir Angebote analog und digital an – diesmal beginnend Ende April bis in den Herbst hinein. Es gibt Workshops, Filmvorführungen, Empowerment-Workshops, Stadtführungen, Theateraufführungen und Schul-AG-Vernetzung.  

Bitte beachten Sie, dass für unsere Veranstaltungen die Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gelten: Abstand * Hände waschen * FFP2-Maske tragen * Lüften * Testen. Aktuelle Hinweise zu den Verordnungen an Schulen finden sich hier: www.berlin.de/sen/bjf/corona/schule

Für mehr Informationen zu den einzelnen Veranstaltungen und den jeweiligen Anmeldungen finden sich unter: https://queerhistory.de/queer-history-spring-2021-veranstaltungskalender/

Oder auf unseren Social Media Kanälen:

https://www.facebook.com/queerhistorymonth

https://www.instagram.com/queer_history_month/

Dieses Haus ist besetzt!

Frankfurter Archiv der Revolte e.V., Offenes Haus der Kulturen e.V., Institut für Selbstorganisation e.V. (Hg.)
Dieses Haus ist besetzt! Frankfurter Häuserkampf 1970-1974
Selbstverlag Institut für Selbstorganisation e.V., Frankfurt am Main 2020
122 Seiten, Großformat mit zahlreichen farbigen Abbildungen
16 EUR

Im September 1970 besetzten migrantische Familien und Studierende erstmalig in der Geschichte der Bundesreplik ein Haus in Frankfurt am Main, um darin zu wohnen, und erklärten diese Hausbesetzung zur politischen Aktion. Sie wurde zum Auslöser für eine Welle von Haubesetzungen und Mietstreiks nicht nur im Stadtteil Westend, die bis 1974 andauerte und im sogenannten Frankfurter Häuserkampf kulminierte. Das Besondere dabei: Arbeitsmigrant*innen, Studierende und politische Gruppierungen aus der radikalen Linken, nicht nur der Bundesrepublik, sondern auch aus den Herkunftsländern der Arbeitsmigrant*innen fanden in diesem Kampfzyklus – durchaus konfliktbeladen – zusammen.

50 Jahre danach konnte die erste Ausstellung über den Frankfurter Häuserkampf eröffnet werden. Im September und Oktober 2020 wurde im Studierendenhaus an der Frankfurter Universität die Schau „Dieses Haus ist besetzt! Frankfurter Häuserkampf 1970-1974“ gezeigt, zusammengestellt von einem Team des Frankfurter Archivs der Revolte. Der nun vorliegende Ausstellungskatalog dokumentiert nicht nur die wandzeitungsartige Zeitreise durch den Gang der urbanen Kämpfe der frühen 1970er Jahre mit Texten, zeitgenössischen Fotografien, Abbildungen von Flugblättern, Plakaten und anderen Dokumenten aus der Ausstellung. Zahlreiche Fotografien von Jens Gerber vermitteln zudem einen Eindruck von Aufbau und Gestaltung der Präsentation, Michaela Filla-Raquin erläutert deren künstlerische Aspekte.

Interessant machen die Publikation darüber hinaus die weiterführenden Beiträge: Rolf Engelke gibt einen ereignisgeschichtlichen Überblick über die Jahre 1970 bis 1974. Es wird deutlich, dass in Frankfurt am Main die städtebauliche Entwicklung zur „Global City“ weit früher schon als anderswo in der Bundesrepublik unter der Ägide der Sozialdemokratie vorangetrieben wurde. Zudem steht der Häuserkampf für einen zentralen Wendepunkt in der Entwicklung der bundesdeutschen radikalen Linken nach 1968.

Freia Anders sorgt mit ihrer kommentieren Bibliografie zur historiografischen Auseinandersetzung mit Hausbesetzungen für die internationale Einbindung sowie die Kontextualisierung mit aktuellen Auseinandersetzungen. Schließlich macht der Katalog auch eine Analyse der Häuserkampfs von Richard Herding aus dem Jahr 2000 wieder zugänglich.

Somit ist der Ausstellungskatalog ein wichtiger Baustein in der Erforschung der noch lange nicht erschöpfend behandelten 1970er Jahre.

Gottfried Oy

We know everything sucks right now but here’s our 2020 recap

Dear Reader,

es zeigt sich ja leider gerade, dass wir auch 2021 wohl mit keinen sonderlichen Verbesserungen rechnen können. In Bezug auf Konzerte und Parties geht die Club Commission sogar davon aus, dass es erst Ende 2022 sowas wie einen Normalbetrieb in den Clubs wieder geben wird.

Daher hier ein kleiner Zeitvertreib für euch. Bisschen was zum lesen.

Unser Rückblick auf unser 2020 inklusive einiger kleiner Ausblicke auf 2021.

Puh, ohne Untertreibung…Ein wirklich ereignisreiches Jahr liegt hinter uns allen. Das alles dominierende Thema Corona und die damit verbundenen Einschränkungen haben unsere Leben im Privaten stark beeinflusst und auch vieles zum Stillstand gebracht, was wir in unserem Archiv sammeln und bewahren. Musik- und Clubkultur zum Beispiel oder auch die so wichtigen Kulturangebote von selbstverwalteten DIY Orten.

Dennoch ist 2020 viel bei uns passiert. Ein Grund gemeinsam mit euch zurückzublicken.

Unser Großereignis 2020 war ganz klar unser Umzug in neue Räumlichkeiten. Quer über den Hof ging es im Sommer 2020 in größere und vor allem archivgerechtere Räume. Das bedeutet eine enorme Verbesserung für unsere Bibliothek und Sammlung, da es nun deutlich mehr Platz gibt für den Bestand und endlich alles an einem Ort gelagert werden kann.

Hier ein Blick in unsere Bibliothek in den neuen Räumlichkeiten

Fotocredit: Stefanie Loos

Insgesamt sind etwa ein dreiviertel Kilometer Archiv- und Bibliotheksbestand umgezogen. Dafür wurden viele dieser Kisten immer wieder ein- und ausgepackt.


Das Herzstück in den neuen Räumen ist unser professionelles Magazin, in dem unsere Sammlung lagert. Also ein neues Zuhause für all unsere Zines und Zeitschriften. Dort herrschen endlich die klimatischen Bedingungen, um den Ansprüchen eines Archivs gerecht werden zu können. Dank einer Förderung durch PS Sparen konnten auch ausreichend Archivregale gekauft werden.



Wir haben nun mehr als 500 Regalmeter zusätzlichen Platz. Einige Bestände können wir dadurch das erste Mal überhaupt nutzbar machen, da sie nun nicht mehr unter Kartonstapeln vergraben sind, sondern gut zugänglich und in säurefreie Archivkartons verpackt im Magazin stehen.


Fotocredit: Stefanie Loos

Unsere Kolleg*innen Lisa und Daniel aus dem Projekt „Pop-und Subkulturarchiv International“ bieten euch hier einen virtuellen Rundgang durch unser Magazin an und präsentieren wahre Schätze aus unserer Sammlung. 

https://www.youtube.com/embed/FwwkjBCDF6o?feature=oembed


Neben diesen vielen und vor allem schönen Veränderungen im Archiv- und Bibliotheksbereich, gab es auch im Bildungsbereich einige Neuigkeiten. Gleich zwei neue Projekte gingen 2020 an den Start.

Das neue Modellprojekt „sUPpress – Medienkompetenz für Engagement und Selbstwirksamkeit“ zu Jugendkulturen im Kontext von Verschwörungsphantasien, Hate Speech, Fake News, Influencer*innen und Demokratieförderung  ging am 01. Januar 2020 an den Start. Trotz Corona haben unsere Kolleg*innen aus dem sUPpress-Team das Projekt, gefördert bis Ende 2024 vom BMFSFJ und u.a. der bpb im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“, konzipiert und ein pädagogisches Langzeitprogramm an zwei Berliner (Berufs-)schulen und einer Brandenburger Berufsschule sowie Fortbildungen für Multiplikator*innen gestartet und realisiert. In 2021 geht es weiter nach Sachsen. Mehr Infos zum Projekt, in dem u.a. mit der Berghof Foundation und der Deutschen Journalistenschule kooperiert wird, gibt es über die Homepage http://www.stand-up-participate.de und die dazugehörigem Social-Media-Kanäle auf Facebook, Instagram und Twitter.

Das zweite neue Projekt in 2020 mit einer Laufzeit bis Ende 2021, ist das Verbundprojekt „Macht-und rassismukritische Perspektiven auf Strukturen der politischen Bildungsarbeit“ in Kooperation mit der Berliner BIPoC-Selbstorganisation GLADT e.V. Dabei geht es um eine machtkritische Analyse zur Organisationsentwicklung des Archivs der Jugendkulturen als Träger der politischen Bildung in Bezug auf Diversität und Critial Whiteness. Zudem geht es um die gemeinsame Entwicklung und Erprobung von intersektionalen Empowerment-Angeboten für bisher selten erreichte Zielgruppen in der Bildungsarbeit beider Einrichtungen. Gefördert wird das Projekt von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).

Neben diesen beiden neuen Projekten, waren wir natürlich auch 2020 weiterhin mit „Culture on the Road“ aktiv.  Auch wenn die Finanzierung für unser bewährtes Bildungsprogramm wegen mangelnder Förderung seit 2020 und wegen Corona leider prekär ist, haben wir trotzdem einige Veranstaltungen in Berlin und Sachsen mit Jugendlichen und Multiplikator*Innen realisiert – und im Rahmen unserer Anerkennung als Träger der politischen Bildung Online-Veranstaltungen zu Fußballfanszenen und zu Verschwörungsphantasien. Im Rahmen von Culture on the Road haben wir außerdem zusammen mit weiteren europäischen Partner*innen aus Italien, Zypern, Griechenland, Spanien und Großbritannien 2020 das Projekt „HIt – Hate Interrupter Teams“ realisiert und abgeschlossen. Mehr Infos unter http://www.culture-on-the-road.de

Die Wanderausstellung „Der z/weite Blick“ über Jugendkulturen und Diskriminierungen“  mussten wir in 2020 ebenfalls stark runterfahren. Zahlreiche Stationen wurden wegen Corona abgesagt, zudem gib es keine Förderung mehr für die Koordination. Trotzdem hatten wir Stationen in Löbau, Paderborn und Altach/Österreich und haben einige Offline- und Online-Guide-Schulungen für Menschen aus der Jugendhilfe und Jugendliche in Vorarlberg und Salzburg angeboten. Mehr Infos zur Ausstellung unter http://www.der-zweite-blick.de. Dort gibt es auch unseren Ausstellungskatalog und eine begleitende Interviewbroschüre zum kostenlosen Download. Als Print ist beides direkt bei uns gratis erhältlich.

Auch der Queer History Month wurde 2020 wieder von unseren Kolleginnen Giuseppina und Saskia organisiert. Coronabedingt fanden die vielfältigen Kultur- und Workshopangebote zu queerer Geschichte und Gegenwart im September 2020 statt. Es gab Empowermentworkshops an Schulen, Zeitzeuginnen-Gespräche zu lesbischer Sichtbarkeit in der DDR, Lesungen, Filmvorführungen, Theaterstücke, eine digitale queere Jugenddisco sowie die Erprobung digitaler Formate der politischen Bildung in Form von Instagram-Erklärvideos zu u.a. „Queerer Elternschaft“ und „OTBIPoC Selbstorganisation“ von dem postmigrantischen BIPoC-Kollektiv „Erklär mir mal“. Für 2021 stehen die Kolleginnen Giuseppina und Vicky auch wieder in den Startlöchern. Diesmal gibt es ein mehrmonatiges Veranstaltungsangebot unter dem Motto „Queer History Spring“. 

Ihr seht, da war einiges bei uns los im letzten Jahr.  

Wir hoffen euch irgendwann endlich wieder IRL sehen zu können, bis dahin, bleibt achtsam und solidarisch miteinander.

Und am Ende noch ganz in eigener Sache. Wir haben eine Spendenkampagne am laufen, da wir ab 2022 durch Mietsteigerungen in großen Schwierigkeiten sind. Verdängung droht. Wenn du uns helfen kannst, jede Spende zählt.

https://www.gofundme.com/f/jugendkulturen

Autonome in Bewegung

A.G. Grauwacke
Autonome in Bewegung. Aus den ersten 23 Jahren
5., erweiterte Auflage
Assoziation A, Berlin 2020
496 Seiten
26 EUR

Hausdurchsuchungen wegen des Verdachts auf „Bildung einer kriminellen Vereinigung“, ein gescheiterter Indizierungsversuch – seit seinem Erscheinen im Jahr 2003 sorgt der Lese-Bildband Autonome in Bewegung für Furore. Nach 17 Jahren ist 2020 nun die fünfte, erweiterte Neuauflage des Klassikers linksautonomer Selbsthistorisierung herausgekommen. Die Perspektiven der ursprünglichen Besetzung des fünfköpfigen Autorenkollektivs AG Grauwacke werden hier auf rund 100 Seiten von den Eindrücken einer Riege jüngerer Aktivist*innen ergänzt.

Ganz im Sinne einer Geschichtsschreibung von unten erhebt der Band keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Objektivität. Im Gegenteil – die Geschichte der kaum zu fassenden Fraktion (?), Strömung (?), Bewegung (?) wird in Oral-History-Manier als Sammlung von Zeitzeug*innenberichten erzählt. Wie auch sonst ließe sich die Diversität einer Szene abbilden, die sich doch gerade dadurch auszeichnet, kein zentrales Programm oder Manifest zu haben? Besonders prägende Ereignisse werden als persönliche Erfahrungen humoristisch und anekdotenreich widergegeben, von den „militanten Erweckungserlebnissen“ der in den frühen 1980er Jahren noch sehr theoretisch-akademisch lesekreisaffinen radikalen Linken, wie der legendären Schlacht am Fraenkelufer bis hin zu den Häuserkämpfen unter dem Hashtag #besetzen seit dem Jahr 2017. Es geht viel um Gefühle, wenig um Theorie, denn: „nicht Diskussionen über Autonomie-Thesen brachten die ersten Autonomen zusammen, sondern die Vorbereitung praktischer Aktionen“. Der strengen Subjektivität der Autor*innen geschuldet, liegt der Fokus auf Westberlin, allerdings werden darüber hinaus auch (inter-)nationle Debatten und Geschehnisse nachgezeichnet, die die lokale Szene beschäftigten. Ergänzt wird dies durch den sich über den gesamten Band ziehenden Zeitstrahl, der einen groben Überblick über gesellschaftspolitisch relevante Daten und Ereignisse abseits der Berliner Linken gibt – angefangen mit der Konstitution der Partei Die Grünen 1980 in Berlin, endend mit dem Brandanschlag im Zusammenhang mit dem Internationalen Tag der politischen Gefangenen 2020 in Sachsen.

Die ergänzte Neuauflage war überfällig – schreibt sie doch die Geschichte einer allzu oft wie aus grauer Vorzeit erscheinenden Bewegung weiter und beweist damit deren fortwährende Lebendigkeit und Relevanz. Zwar mutet die Möglichkeit, ganze Straßenzüge zu besetzen, aus heutiger Perspektive schier unvorstellbar an, dennoch zeigen die Bilder und Erzählungen von Gipfelprotesten, Klimaaktionen und Grenzcamps, dass die autonome Bewegung sehr wohl die „Verwirrung der 90er Jahre“ überlebt hat. Die gewachsene Relevanz von Netz- und Sicherheitspolitik, Professionalisierungstendenzen innerhalb der Bewegung, stetige Spaltungen und nicht zuletzt das Aufkommen von postautonomer Organisierung werfen neue, grundsätzliche Fragen auf, die Eingang in die Neuauflage gefunden haben, wobei autonome Handlungsräume nicht totgesagt werden. Anzumerken bleibt, dass das Glossar autonomer Schlagwörter, von „Barris“ bis „Besetzerrat“, am Ende des Bandes ebenfalls eine Aktualisierung hätte vertragen können – ob denn „Anti-Imp“-sein heutzutage zwingend die Lobpreisung der RAF bedeutet, bleibt beispielsweise zu hinterfragen. Dennoch ist dieses Register ein durchaus ehrenwertes Unterfangen, denn, so di*er Verfasser*in selbst, „[steht uns] unsere unverständliche Sprache […] oft im Weg“.

Ein Wermutstropfen ist sicherlich der fade Beigeschmack, den die Tatsache hinterlässt, dass der erste Teil des Buches von fünf (cis-)Männern geschrieben wurde, was nur allzu treffend das männliche Dominanzgebaren innerhalb der autonomen Szene widerspiegelt. Auch wenn die Autoren selbstkritisch anmerken, dass sie sich „schwergetan hätten mit der Darstellung der Geschlechterkonstruktion“ und die Beiträge hierzu dementsprechend unzufriedenstellend seien, finden diese dennoch statt. Eventuell wäre es von Beginn an einer Überlegung wert gewesen, in eine erfahrungsbasierte Chronik einer politischen Bewegung, die den Anspruch an sich selbst richtet, im emanzipatorischen Sinne an patriarchalen Verhältnissen zu rütteln, auch Perspektiven abseits männlicher (Helden-)erzählungen mit einzubeziehen. Dies hätte in der Neuauflage ruhig noch einmal kritischer in den Blick genommen werden können.

Dennoch, die AG Grauwacke – übrigens das Material, aus dem üblicherweise Pflastersteine gefertigt werden – liefert mit Autonome in Bewegung einen Gegenentwurf zu den oftmals bei Beschreibungen des Schwarzen Block endenden unglücklichen Versuchen einer historischen Fassung der Bewegung, beleuchtet die für sie wichtigsten Momente, lässt aber gleichzeitig bewusst Lücken. Anstatt einer bloßen Aneinanderreihung der größten Demos, Aktionen, Plena und Strukturen oder aber einer trocken-theoretischen Analyse, werden reich-bebilderte Einblicke in praktische historische Debatten gegeben. Ein Buch, welches nicht dazu gedacht ist, an einem Stück runtergelesen zu werden, sondern vielmehr dazu einlädt, immer mal wieder darin zu blättern, Daten nachzuschlagen oder es einfach wie ein Fotoalbum zu behandeln und Bilder aus 40 Jahren linksradikalem Aktionismus zu begutachten. Alt-Szeneangehörige vermag es in schön-schmerzlichen nostalgischen Erinnerungen an die bewegte Jugend schwelgen zu lassen, jüngere Aktivist*innen bringt es zum Staunen über Möglichkeiten und Handlungsräume autonomer Politik sowie die stetige Wiederkehr alter Debatten, Szene-Externen und Forschenden bietet es einen Quell an authentischen Berichten aus einer Bewegung, die sich im Sinne der Übereinkunft von „keine Namen, keine Strukturen“ nur allzu gerne in Schweigen hüllt.

Isabella Beck

Traum und Trauma

Christine Bartlitz, Hanno Hochmuth, Tom Koltermann, Jakob Saß und Sara Stammnitz (Hrsg.)
Traum und Trauma. Die Besetzung und Räumung der Mainzer Straße 1990 in Ost-Berlin
Christoph Links Verlag, Berlin 2020
144 Seiten
20 EUR

Am 14. November 1990 werden im Ostberliner Stadtteil Friedrichshain zwölf besetzte Häuser geräumt. Die sog. »Mainzer Straße« ist damit Geschichte, ein Versuch alternative Lebensweisen – zumindest ein Stück weit – gegen den kapitalistischen Markt zu realisieren, zerstört.

Dass diese zusammenhängende Besetzung von zwölf schon länger leerstehenden Häusern in einer Straße zustande kommt, hängt mit den Ereignissen und der rechtlich unklaren Lage 1989/90 zusammen. Die für den Abbruch vorgesehen Häuser werden im Mai 1990 besetzt, über den Sommer entwickelt sich ein reges Leben, das aber auch Angriffen von Neonazis ausgesetzt ist, gegen die sich die Bewohner*innen wehren. Es gibt ein weithin bekanntes »Tuntenhaus« mit der legendäre Kneipe »Forellenhof« und z.B. ein Antiquariat für DDR-Literatur.

Als am 3. Oktober 1990 die staatliche Einheit Deutschlands vollends vollzogen wird, übernimmt – letztendlich – die Westberliner Polizei das Regiment. Die Räumung fünf Wochen später gilt als einer der bis dahin größten und massiv rabiaten Polizeieinsätze in der westdeutschen Geschichte. Er hat weitreichende Folgen: Er markiert vorerst das Ende der Berliner Hausbesetzerbewegung, führt zum Bruch des rot-grünen Senats und hinterließ viele Beteiligte traumatisiert. Gerade über diese, durch den Polizeieinsatz verursachte Traumatisierung, die ja auch im Titel des Buches erwähnt wird, findet sich aber dort wenig zu lesen. In rahmenden Beiträgen oder in Interviews mit damals beteiligten, führenden Polizisten lässt sich gut nachvollziehen, wie die Besetzer*innen medial markiert wurden (»Chaoten«) und in »gute und friedliche Instandbesetzer Ost« und »böse, gewalttätige Autonome West« gespalten wurden. Andere zeigen die relative Ohnmacht der DDR-Bürgerbewegung oder die Beflissenheit gerade der Westberliner SPD, sich als »Partei für Law and Order« zu positionieren und den Schutz der vielzitierten »kleine Leute« zu garantieren; ganz so als ob diese von der Hausbesetzung gefährdet gewesen waren.

2015/16 haben nun Studierende, die meist in den Jahren um 1989 geboren sind, in einem Projekt im Rahmen des Masterstudienganges Public History die Ereignisse untersucht und dokumentiert, unter anderem auf der Website https://mainzerstrasse.berlin/. Mit der nun nachgeschobenen, populärwissenschaftlichen Publikation liegt eine vereinzelt oberflächliche Veröffentlichung vor, die 28 kurze Artikel und Interviews enthält, trotzdem einen gewissen Einblick verschafft und in der beeindruckende Fotos unter anderem von Harald Hauswald enthalten sind.

Insgesamt ein Band, der auf den ersten Blick wie einer wirkt, der in Berlin in den Abteilungen für Tourist*innen der Buchläden liegt, aber doch einige Aspekte dieses Sommers dokumentiert, die nicht vergessen werden sollten.

Bernd Hüttner

SickTimePress Workshop: Intro to Riso Printing with Romily Alice Walden and Clay AD of SICK TIME PRESS

We are happy to announce and promote the next Sick Time Press Workshops that will take place in October.

WORKSHOP DESCRIPTION 

Clay AD and Romily Alice Walden of SICK TIME PRESS invite you to come to an introductory risograph printing workshop. During these 2 hour workshops we will introduce small groups of 1-3 people to the risograph printing process, inviting you to experiment with drawing, collaging and copying and leave with 15 A3 prints of your own design. 

Why Riso?

Risograph printing is a Japanese printing technique developed in the 1950s. It is an eco-friendly printing process using plant-based inks that allows you to produce beautiful prints very quickly and relatively cheaply. This means its great for sharing DIY zines, publications, posters, protest materials, instructional information etc.

What will we do in the workshop?

We will introduce you to the riso machine, its different parts, how to print, how to load paper and load the colour drums. 

We will introduce you to various riso printing techniques, zine making and folding techniques and show you examples of home-made/activist/DIY zines and publications that we love. 

We will give you time to play with collage materials and pen and paper supplies to create your own one colour A3 print. 

We will help you to print 15 copies of your design from a choice of ink colours and paper stocks.

Who is this workshop for?

Anyone who wants to learn a new skill and have fun experimenting with print. 

You don’t have to have published anything before, and you don’t have to be an artist to join in. A lot of riso prints are TEXT only, a lot are purely experimental, you can really bring whatever you’d like to the session.

What about corona?

We will be hosting 3 workshops, each with a very small number of 1-3 participants. 

The workshops will be hosted in a 30sqm studio space.

We will be distancing as much as possible within the limitations of the workshop format and the studio space. 

Everyone will be asked to wear masks for the duration of the workshop (unless you have a medical exemption).

We will disinfect the riso and supplies as far as possible between workshops.

We encourage you to come to a workshop in a pod of friends (up to 3 people per workshop) if you would like to. Or to specify on the registration form that you would like to take the workshop alone. If you don’t specify either of these things we will match individual participants into groups of 3.

What about access needs? 

When registering for the workshop, please let us know your access needs. We will then do everything we can to make the session accessible for you. As chronically ill / disabled workshop leaders, we are committed to creating a comfortable and accessible experience for our participants. 

We look forward to meeting and printing with you!

You can specify in the registration form about access needs. Find the form at:  http://tiny.cc/dbytsz

October 5th 12-14h

October 5th 15-17h

October 6th 12-14h

WORKSHOPBESCHREIBUNG:

Clay AD und Romily Alice Walden von SICK TIME PRESS laden euch zu einem Einführungs-Workshop über Risographendruck ein. Während dieses 2-stündigen Workshops werden wir in kleinen Gruppen von 1-3 Personen in den Risographen-Druckprozess einführen und euch einladen, mit Zeichnen, Collagieren und Kopieren zu experimentieren. Ihr erhaltet am Ende 15 A3-Drucke Ihres eigenen Entwurfs.

Warum Riso?

Der Risographendruck ist eine japanische Drucktechnik, die in den 1950er Jahren entwickelt wurde. Es handelt sich dabei um ein umweltfreundliches Druckverfahren mit Druckfarben auf pflanzlicher Basis, das es Ihnen ermöglicht, sehr schnell und relativ kostengünstig schöne Drucke herzustellen. Das bedeutet, dass es sich hervorragend für die gemeinsame Nutzung von Heimwerkerzeitschriften, Publikationen, Plakaten, Protestmaterialien, Unterrichtsinformationen usw. eignet.

Was werden wir in der Werkstatt machen?

Wir werden euch die Riso-Maschine und deren Aufbau, das Drucken, das Einlegen von Papier und das Laden der Farbtrommeln erklären

Wir werden euch zudem in die verschiedenen Riso-Drucktechniken, die Herstellung von Zines und Falztechniken einführen und euch Beispiele von selbstgemachten/aktivistischen/DIY-Zines und Publikationen zeigen, die wir lieben.

Wir werden euch ausreichend Zeit geben, mit Collage-Materialien und Stift- und Papiermaterial zu experimentieren, um einen eigenen einfarbigen A3-Druck zu erstellen.

Wir helfen euch, 15 Exemplare eures Entwurfs aus einer Auswahl von Tintenfarben und Papiervorräten zu drucken.

Für wen ist dieser Workshop gedacht?

Alle, die eine neue Fertigkeit erlernen und Spaß am Experimentieren mit dem Drucken haben möchten.

Ihr müsst vorher noch nichts veröffentlicht haben, und ihr müsst auch kein Künstler_in sein, um mitzumachen. Viele Riso-Drucke sind nur TEXT, viele sind rein experimentell, man kann wirklich alles mitbringen, was man möchte.

Was ist mit Corona?

Wir werden 3 Workshops veranstalten, jeder mit einer sehr kleinen Anzahl von 1-3 Teilnehmer_innen.

Die Workshops werden in einem 30 Quadratmeter grossen Atelierraum stattfinden.

Wir werden uns so weit wie möglich distanzieren, innerhalb der Grenzen des Workshop-Formats und des Atelierraums.

Alle werden gebeten, für die Dauer des Workshops Masken zu tragen (es sei denn, Sie haben eine medizinische Ausnahmegenehmigung).

Wir werden den Risodrucker und das Zubehör zwischen den Workshops desinfizieren.

Wir ermutigen euch, in einer Gruppe von Freund_innen zu unsere Workshop zu kommen (bis zu 3 Personen pro Workshop). Oder gebt in dem Anmeldeformular an, dass du den Workshop allein besuchen möchtest. Wenn du nichts von beidem angibts, werden wir die einzelnen Teilnehmer_innen in 3er-Gruppen einteilen.

Wie sieht es mit den Zugangsvoraussetzungen aus?

Wenn du dich für den Workshop anmeldest, teile uns bitte deine Teilnahmebedingungen mit. Wir werden dann alles tun, um die Sitzung für dich zugänglich zu machen. Als Leiter_innen von Workshops für chronisch Kranke/Behinderte sind wir darin bestrebt, für unsere Teilnehmer_innen ein angenehmes und zugängliches Erlebnis zu schaffen.

Wir freuen uns auf das Treffen und das Drucken mit euch!

Hier findet ihr das Formular: 

http://tiny.cc/dbytsz

Oktober 5. 12-14h

October 5. 15-17h

October 6. 12-14h

Mehr zur Workshopreihe und zum SickTimePress-Kollektiv erfahrt ihr hier:

https://www.kubinaut.de/de/termine/intro-to-risograph-printing

www.sicktimepress.com

Stuttgart Kaputtgart

Simon Steiner (Hrsg.)
Wie der Punk nach Stuttgart kam & wo er hinging
EDITIONrandgruppe 2017
370 Seiten
65€

stuttgart punk.jpg

Es ist ein großer schwarz-gelber Block – Kantenlänge 24 x 34 cm, ein Schuber gefüllt mit einer CD und 11 schmalen Heften mit insgesamt 370 Seiten voller Texte, ergänzt um rund 700 Abbildungen. „Die gelben Seiten des Stuttgarter Punk“ – so nennt es der Verlag, und das ist es auch. Es sind Seiten voller Geschichten, Anekdoten, Namen, Bands, Orten und Beziehungen, die Geschichte der Stuttgarter Gegenkultur wird mit jedem Satz für die Leser*innen lebendiger. Das Kompendium ist im Herbst 2017 im Stuttgarter Kunstverlag Edition Randgruppe in einer Auflage von 1000 Exemplaren erschienen und nennt sich „Wie der Punk nach Stuttgart kam & wo er hinging… Punk/Wave/Neue Deutsche Welle in Stuttgart und der Region 1977 bis 1983. Entwicklungen bis heute.“

Der pensionierte Stuttgarter Lehrer Simon Steiner hat es mit umfassender Netzwerkarbeit in einem Wahnsinnsprojekt erschaffen. Er hat mehr als 100 Interviews mit Zeitzeug*innen geführt und akribisch unzählige Fanzines, Kassetten, Platten, Klamotten, Fotos, Flyer und Plakate gesammelt. Steiner selbst war nach eigenen Angaben nur am Rande Teil der Punkbewegung, er spielte 1981 in den lokalen New Wave Bands Mannschreck, Sissis Kinder und F.A.K. Unterstützt wurde Steiner von Norbert Prothmann, Mitglied der damaligen Stuttgarter Punkszene, und dem Plattensammler und Labelmacher von Incognito Records, Barney Schmidt. Schmidt war vor allem für die hörbare Geschichte zuständig: Die beigelegte CD trägt den Titel „Punk – Wave – Avantgarde in Stuttgart und Umgebung 1980-1983“. Das Projekt wurde 2017 mithilfe einer Crowdfunding-Aktion und dem Verlag Edition Randgruppe von Uli Schwinge realisiert. Der Verleger konnte sich zu seinem eigenen Leidwesen nicht zu einem einfachen Taschenbuch durchringen, es musste „fett“ werden, das hätten sich die Punks im Land der Kehrwoche verdient.

In den Texten wird Punk in Stuttgart und Umgebung erlebbar, die Leser*innen werden quasi am Nasenring durch die damaligen Orte und Szenen geführt. „Mir gehen diese Uniformierungen auf den Sack, alle laufen mit Lederjacke rum“, schreit es aus der Ecke und der Rentner, der seinen Pudel Gassi führt, flucht: „Die dackeln hier rum und feiern das ganze Jahr Fasching“. Treffpunkt der unangepassten Jugend war und ist der kleine Schloßplatz im Zentrum der Stadt. Dessen heutige Treppenkonstruktion geht auf die Vorliebe der Jugendlichen zurück, Treppen anstatt fertiger Bänke als Sitzmöbel im öffentlichen Raum zu nutzen. Wie verändert Musik und Mode das Denken? Werden wir durch einen unangepassten Haarschnitt politisch? Fragen, die sich 1980 von selbst beantworteten, wenn die Antwort auf das erste selbst besprühte T-Shirt und die blondierten und rasierten Haare eine Tracht Prügel war. Umfassend ergänzt werden die Berichte durch Auszüge aus den ca. 50 Stuttgarter Fanzines, die damals erschienen sind. Die Schreibmaschine war laut, getippt wurde zumeist im 2-Finger-Suchsystem und manch ein nächtlicher Kreativitätsschub wurde von lärmempfindlichen Eltern vorzeitig abgewürgt. Fanzines machen, das hieß nicht nur Texte zu fabrizieren, das war (und ist) auch die Gestaltung von Artwork, Layout und selbst gezeichneten Comics – immer haarscharf an Kunst und Trash vorbei. Attitüde, Politik und Identität – wer waren diese ersten Punks? Sie waren vor allem hedonistisch und wollten heraus aus dem engen Leben im schwäbischen Ländle. Linke Ideologien wurden erst nach und nach Thema – politische Endlosdiskussionen hatten die Punks satt. Hausbesetzungen stillten primär das Bedürfnis, umsonst wohnen zu können. Der Sprung ins Jahr 2017 zeigt dagegen eine Punk-Attitüde, die zumeist politisch und immer antifaschistisch ist. Auch die Aktiven von heute kommen zu Wort, z.B. Benjamin von Karies und Flavio von Human Abfall, und erzählen von ihren ersten Punk-Momenten in den 90er und 00er Jahren.

Die von Barney Schmidt zusammengestellte CD läuft durch und umfasst 37 Lieder mit illustren Titeln wie Eva Braun & Loki Schmidt von Autofick und Höfliche Terroristen von Frauen & Technik. Für Schmidt war die Zeit bis 1983 die kreativste und originellste Phase des Punk und seiner Subgenres. Es gab im Großraum Stuttgart zwischen 1977 und 1983 ca. 95 Bands mit existierenden Aufnahmen und etwa 85 ohne Veröffentlichungen – darunter mit Frauenklink übrigens nur eine einzige Band, die nur aus Frauen bestand. Entstanden sind in diesem Zeitraum 100 Kassetten und 30 LPs. Stilistisch grob eingeteilt in Punkrock, New Wave, Minimal Elektro, Noise, Experimental und Oi!. Vinyl produzieren war zu teuer und zu aufwändig, Kassetten ließen sich im Home-Taping leicht vervielfältigen und direkt bei Konzerten an das Publikum verteilen. Sie wurden in Heimarbeit zu kleinen Kunstwerken in Minimalauflagen. Jede noch so obskure Proberaumband konnte über die Kassettenvertriebe berühmt werden, ohne je ein einziges Konzert gespielt zu haben. Aus importierten Klängen aus London wurde Eigenes – „man konnte alles ausprobieren, weil es alles mögliche gleichzeitig gab“, beschreibt es der Punk-Musiker Sandro. Während Demo-Kassetten Kreisliga waren, eine eigene Platte war Champions League. Partner der Welt veröffentlichten 1980 ihre EP Moderne Zeiten: „Eine reine Studioproduktion“, erzählt Sänger Fritz. „Wir machten keine Gigs und verschenkten die Platte an Verwandte und Bekannte“. Attraktiv & Preiswert brachten ihre LP in der Auflage von 207 Stück in einer Original Plastiktüte der A&P Supermarktkette heraus, heute ein rares Sammlerobjekt. Vinyl-Veröffentlichungen waren Monumente für die Ewigkeit, die insbesondere durch Labels wie Mülleimer Records aus Stuttgart und Intoleranz aus Pforzheim vertrieben wurden. Voller Begeisterung über das vorhandene Material stellte Barney Schmidt eine separat erschienene Doppel-LP mit seltenen Aufnahmen zusammen. Auf der Doppel-LP und der CD sind zusammen 50 dieser Bands vertreten – kaputt, schräg, witzig aber auch ernst zu nehmen. In Stuttgart wurde 2017 das gesamte Oeuvre im Württembergischen Kunstverein gebührend mit einer Ausstellung gefeiert.

Ich hatte mehr als Spaß und kann euch nur empfehlen, dieses Kompendium im Shop der Edition Randgruppe zu erwerben – ein paar wenige Ausgaben sind noch erhältlich –  und tief in die Frühzeit des schwäbischen Punks einzutauchen.

Begleitend gibt es auf der Webseite Stuttgart Punk weitere Informationen und Berichte.

Jimi NoMore,  Berlin,  Juli 2020

Das Archiv kooperiert mit Sick Time Press- Workshopreihe 2020

Wir freuen uns sehr über eine großartige Kooperation mit Sick Time Press bzw. der Sickness Affinity Group, die für ihre tolle Workshopreihe dieses Jahr eine Förderung von Durchstarten -dem Förderprogramm für neue Expert*innen der Kulturellen Bildung Berlin- erhalten hat.

„Sickness Affinity Group (SAG) (Krankheitsbezugsgruppe) ist eine Gruppe von Kulturarbeiter*innen und Aktivist*innen, die zu Krankheit/Behinderung arbeiten und/oder von Krankheit/Behinderung betroffen sind. Sickness Affinity Group funktioniert als unterstützende Gruppe, die den wettbewerbsorientierten und behinderten-feindlichen Arbeitsbedingungen in der Kunst entgegenwirken will. In SAG teilen Gruppenmitglieder Erfahrungen und Informationen, wobei für uns Wohlbefinden und die Zugangsbedürfnisse der Teilnehmer*innen besonders wichtig sind“

Der 1. Workshop FemmeFitness x Sickness Affinity Group findet online statt am 30.August. Der Workshop ist kostenlos.

FEMMEFITNESS X SICKNESS AFFINITY GROUPBewegung teilen durch Collage und Printmedien: Laura Lulika & Anisha Müller

In einer Zeit des anstrengenden performativen Aktivismus veranstalten Laura Lulika und Anisha Müller einen kreativen Empowerment Workshop…

Wir werden unsere Praktiken mit Ihnen zusammenbringen; tanzen, uns bewegen und kreativ sein auf eine Art und Weise, die sich um Femme, Queer, Trans, Behinderte und/oder BIPoC-Leute kümmert. Als Künstler*innen und Aktivist*innen haben wir uns in die Praxis der Zugänglichkeit in den Künsten investiert und einen zweistündigen Workshop entwickelt, an dem Menschen je nach ihren eigenen Kapazitäten teilnehmen können.

Der Workshop wird (unsere eigenen) Körper thematisieren und Bewegung durch verschiedene künstlerische Formen wie Collage, Illustration und Text vermitteln. Die Idee besteht darin, körperliche Ausdrucksformen von Tanz und Bewegung auf Druckmaterial zu übertragen. Wir wollen Möglichkeiten suchen, persönliche Bewegungs- oder Tanzsequenzen, die wir hilfreich finden, aufzuzeichnen und weiterzugeben.

Im Bewusstsein, wie schwer es für die Menschen in unseren Communities sein kann, sich auf bestimmte Zeiten festzulegen oder sogar die Energie für kreative Ruhezeiten zu haben, werden wir verschiedene Optionen für die Teilnahme anbieten. Wir werden den Teilnehmer*innen per Post oder E-Mail* Collage-Materialien schicken, die dann dem aufgezeichneten Tanzmaterial folgen oder am Online-Workshop teilnehmen können. Am Ende werden alle Werke, die die Teilnehmer*innen teilen möchten, in ein gemeinsames Zine gestellt. Alle Werke, die während des Workshops an verschiedenen Orten von Teilnehmer*innen entstanden sind, werden dabei zusammengestellt. Wir werden dieses endgültige Zine an alle Teilnehmer*innen schicken, um es anschließend aufzubewahren!

Es gibt keinen Druck, im Workshop produktiv oder überhaupt sichtbar zu sein (Video aus ist immer eine Option), da wir wissen, wie einschüchternd und nervenaufreibend Tanz und bildende Kunst sein können! Wir hoffen, den Workshop mit der Fürsorge anzugehen, die in künstlerischen Institutionen allzu oft fehlt, und einen sichereren Raum für den Ausdruck zu schaffen. Zur Teilnahme ist keine vorherige Erfahrung in Tanz oder Kunst erforderlich.

*Wenn Sie außerhalb Großbritanniens oder Deutschlands leben, senden wir Ihnen die Materialien per E-Mail und nicht per Post, damit Sie sie rechtzeitig vor dem Workshop erhalten.

Priorität haben Femme, Trans, Queer, Be*hinderte und BIPoCs, aber es ist für alle offen.

Melden Sie sich mit Ihren Daten vor dem 9. August an
https://us02web.zoom.us/meeting/register/tZwkc-ytqjstHtIyWzXKTVimtHBZM4kcVak-
um Collagenmaterial zu erhalten und an den Aktivitäten in dem von Ihnen bevorzugten Format teilzunehmen.

https://www.facebook.com/events/314851702980255

Gefördert von Durchstarten
www.durchstarten.berlin


BESONDERHEITEN

Informationen zur Barrierefreiheit:
Sie benötigen einen Computer oder ein Gerät mit Internetzugang. Wenn die Live-Teilnahme für Sie nicht klappt oder Sie sich nicht wohl fühlen, können Sie sich ein aufgezeichnetes Video der Gastgeber ansehen, das wir nach dem Workshop senden können (nur die Gastgeber*innen werden aufgezeichnet, keine Teilnehmer*innen werden während dieses Workshops aufgenommen). Wir werden den Workshop auf Zoom auf Englisch durchführen, aber wir sind offen für andere Sprachen und Kommunikationsformen. Sie müssen Ihr Video oder Ihren Ton nicht eingeschaltet haben, und es gibt eine Funktion zur Freigabe von Namen und Pronomen. Der Workshop kann live transkribiert werden, und wir senden die Videos mit Untertiteln und separaten Transkriptionen, falls benötigt. Bei den Tanz- und Bewegungsteilen können Sie so viel oder so wenig mitmachen, wie es Ihnen passt; es wird Steh-, Stuhl- und Bodenchoreographien geben. Für den Collage-/Aufnahmeteil können Sie Schere, Kleber und Stifte verwenden, was immer Sie an kreativen Materialien haben! Bitte teilen Sie uns Ihre Bedürfnisse bezüglich der vollständigen Zugänglichkeit mit, damit wir unser Bestes tun können, um uns entsprechend vorzubereiten.

Bitte teilen Sie uns Ihre vollständigen Zugänglichkeitsinformationen mit, damit wir unser Bestes tun können, um uns angemessen vorzubereiten. Wir haben Geld und Zeit zur Verfügung gestellt, um den Zugangsanforderungen zu entsprechen. Bitte zögern Sie nicht, uns um Folgendes zu bitten: Übersetzung, Transkription, Gebärdensprache, Anpassungen an Zeit und Format, Kinderbetreuung und alles andere!

#IZM2020 „Who’s that Zinester?“

Seit einigen Jahren beteiligen wir uns am International Zine Month, so auch in diesem Jahr. Die Beiträge bündeln wir unter dem Hashtag #IZM2020. Bisher haben wir als Mitarbeiter*innen hauptsächlich Zines vorgestellt, die uns wichtig sind oder die wir neu in der Sammlung haben. Für dieses Jahr haben wir uns eine neue Rubrik überlegt: „Whos that Zinester?“

Wir stellen euch in den kommenden Wochen Zinemacher*innen vor, deren Zines wir toll finden und in der Sammlung haben, mit denen wir arbeiten oder einfach so in einem engen Austausch sind. Wir haben eine kleine Auswahl an Menschen unsere Fragen geschickt und hier sind ihre Antworten.

Heute stellen wir euch die Künstlerin Lilli Loge vor.

Lilli kennen wir schon sehr lange, da sie neben ihrer großartigen Kunst auch in der politischen Vermittlungsarbeit für uns tätig ist. Neben dem Weitergeben von Zeichenskills ist Lilli auch als politische Bildnerin zu queeren und genderrelevanten Themen für unser Projekt Diversity Box aktiv gewesen und leitet auch aktuell npch Comicworkshops für Culture on the Road.

Tell us about your zine/project!

I’m doing  art- and comic-zines – technically since 2003, but more serious since 2008. I like to use zines to try out different things. For example I did several modern queer versions of  “Tijuana Bibles” ( a mixture of satire and sex,  popular in 1920’s – 40’s  USA). I also did a zine about menstrual cups, one about trauma and one about perfectionism.

What was the reason to start your own zine? Did someone or something inspire you?

I could say that I like to experiment with printing and binding-techniques, that I love crafting and that the zine-szene is lovely. I really feel that way, but to be honest, the main reason I started self-publishing was, because I was too shy to take the steps that are needed to get a publisher.

A zine you would recommend because it deals with issues you care about

“These things might help, a self-care-zine” by Lois de Silva.

Zine related places  you visited or want to visit in the future? Tell us why!

I would love to visit all the stores and Distros that sell or sold my zines, that I haven’t visited yet: Microcosm Publishing (Portand), Quimbys Bookstore (Chicago), Disparate (Bordeaux), Fatbottombooks (Barcelona), Taco Che (Tokyo), Boismu (Bejing)

What projects are you involved in besides publishing zines?

I just published the mini-zine  “Aubrey Beardsley on Emotional Violence” with “2Bongoût“.
During the Corona-crisis  I did several  funny instructional comics ( “Motto-days”) on instagram. If we experience a second wave , there might be new “episodes”.
Since 2016 I  am working on a graphic novel which will be published by Avant Verlag. Looks like it might be finished next year..
And I just started a new comic on instagram together with Stef (@underwaterowl).  So, stay tuned!

A collaboration you are dreaming about?

I would like  to work with publishers  from around the world.

What would you be more interested in? A zine about cats or dogs?

I had a cat, so I’m more interested in the weird behaviors of cats.

Which fellow zinester would you rob a bank with and why?

Karla Paloma, because I hope that she would transform into one of the fierce bitches from her zines  when we are in  trouble.

Your life motto or a message you want to share:

All these tacky inspirational quotes spreading over instagram and Facebook are actually  true!







#IZM2020//Zine of the day: WEIRDO (2019,First Issue/UK)

During International Zine Month (#IZM2020) we will highlight zines that we like and that show how diverse, political and complex zine and subcultural communities are and always have been.

We start with the WEIRDO Zine from UK. 

The pictures are high quality but even more impressive are the honest interviews adressing many relatable questions about identity and the feeling of not fitting in #culturallimbo

„Viva Boumann‘s, Boumann‘s viva viva“

Jakob Warnecke
„Wir können auch anders“.  Entstehung, Wandel und Niedergang der Hausbesetzungen in Potsdam in den 1980er und 1990er Jahren
Be.bra 2019
286 Seiten
34€

Wann immer sich die legendäre und mittlerweile aufgelöste Potsdamer Band „Lex Barker Experience“ für eines ihrer seltenen Revival-Konzerte noch einmal zusammentut, macht sich im Publikum eine nostalgische Stimmung breit, die vor allem beim Song „Viva Boumanns“ ihren Höhepunkt erreicht. „‚Wir können auch anders‘ – Entstehung, Wandel und Niedergang der Hausbesetzungen in Potsdam in den 1980er und 1990er Jahren“ von Jakob Warnecke hilft zu verstehen, was es damit auf sich hat.

In seiner in Buchform erschienenen Dissertation geht Jakob Warnecke den Hintergründen und Entwicklungen der Hausbesetzer*innenszene in Potsdam von seinen Anfängen in den 1980er Jahren bis zum Niedergang ab den 1990er Jahren nach. Dafür hat er unter anderem auch im Archiv der Jugendkulturen recherchiert. Die Wurzeln der Bewegung sieht er in schon zu DDR-Zeiten illegal genutzten Wohnungen und in der alternativen und oppositionellen Szene der DDR. Besonders spannend sind dabei unter anderem die Überschneidungen mit politischen und jugendkulturellen Gruppen und (Sub-)Kulturen: So wurde die erste öffentliche Hausbesetzung im Dezember 1989 von der Antifa Potsdam initiiert. Diese hatte sich bereits 1987 als Reaktion auf den Überfall von Neonazis auf ein Konzert in der Berliner Zionskirche gegründet. Überscheidungen ergaben sich aber auch mit der örtlichen Punk- und Gothicszene, Fußballfans des Vereins Babelsberg 03 und der „Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär“. Die Hausbesetzer*innenszene war darüber hinaus aber auch Spiegel gesellschaftlicher Problemlagen, beschreibt Warnecke: Die Zusammenarbeit zwischen den ost- und westdeutschen Besetzer*innen war nicht immer konfliktfrei, das Geschlechterverhältnis unausgewogen. Als Reaktion auf den szeneinternen Sexismus versuchte im Juni 1995 eine „Lesben/Frauen-Gruppe“ ein reines Frauenprojekt zu gründen, scheiterte jedoch an der städtischen Politik und einem Angriff von Neonazis.

Insgesamt zeigt Warnecke, dass die Hausbesetzungen immer auch Ausdruck und Mittel einer Auseinandersetzung um Raumaneignung und -definition darstellten. Die besetzen Häuser waren dabei einerseits Zielobjekte von und Schutzräume vor Neonazis, die vor allem zu Beginn der 1990er Jahre versuchten die Potsdamer Innenstadt zu dominieren. Gleichzeitig stießen die Besetzer*innen immer wieder Diskussion rund um die Frage an, wem eigentlich die Stadt gehöre. Da große Teile der Verantwortlichen in der Politik vor allem daran interessiert waren die „Barockstadt“ Potsdam für Investor*innen attraktiv zu machen. Es kam zu einer systematischen Verdrängung alternativer Kultur- und Wohnprojekte aus der Innenstadt. Gleichzeitig galt Potsdam in den 1990er Jahren mit über 70 Hausbesetzungen seit 1989 und zeitweise bis zu 30 besetzen Häusern gleichzeitig als „Hauptstadt der Hausbesetzer*innen“.

Und doch: Als die Bewohner*innen des „Boumann’s“ im Juni 2000 wegen eines Zimmerbrandes ihr Haus verließen, hinderte die Polizei sie daran das Objekt nach der Löschung wieder zu betreten. Mit dem Boumann’s verschwand damit nicht nur ein seit 16 Jahren existierendes Projekt, sondern auch das letzte öffentliche Hausprojekt mit Kneipe und Konzertbetrieb aus der Innenstadt. Noch einmal kam es zu einer großen Protestwelle, in dessen Folge bis zu 150.000 DM Sachschaden entstanden und „Lex Barker Experience“ ihren Protest mit „Viva Boumann’s“ vertonte. Doch der Protest scheiterte genauso wie die Bemühungen der Besetzer*innen das Haus zu kaufen. Ein Kapitel der alternativen Szene Potsdams schloss sich.

Jakob Warneckes Buch zeichnet kenntnisreich und detailliert die Geschichte der Potsdamer Hausbesetzer*innen nach. Einzig der akademische Sprachstil und der, für eine wissenschaftliche Arbeit obligatorische Theorieteil zu Beginn des Buches erschweren den Lesefluss an einigen Stellen. Übrigens: Auch heute lassen sich in Potsdam noch Spuren der „Hauptstadt der Hausbesetzer*innen“ finden: Einstige Ausweichprojekte brechen bis heute in ihrer Fassadengestaltung mit dem barocken Pastellgelb der sie umgebenen Häuser oder tragen über Transparente politische Botschaften in den Stadtraum. Im „Archiv“ finden bis heute Punk-Konzerte statt, auch wenn die angrenzende Speicherstadt Luxus-Eigentumswohnungen beherbergt. Das „Waschhaus“ hat sich von einem besetzen Haus zu einem etablierten Kulturstandort entwickelt. Und auch heute noch werden in Potsdam (größtenteils erfolglos) Häuser besetzt. An vielen anderen Stellen finden sich jedoch keine Erinnerungen mehr an die bewegte Geschichte der Häuser: Wo einst buntes Chaos blühte, herrscht heute barockes Pastellgelb.

Almut D.

Bild

Kurz vorm Jahresende und keine Ahnung, wohin mit deiner Spende???



Du siehst die Bibliothek vor lauter Büchern nicht? Spende für den Erhalt von sub-und popkulturellen Erzeugnissen und hilf uns zudem in Kreuzberg zu bleiben.
Spenden kannst du entweder über Paypal: archiv@jugendkulturen.de, per Kontoverbindung an: Archiv der Jugendkulturen, IBAN: De46430609671124071201 oder über unsere GoFundMe-Kampagne https://www.gofundme.com/f/jugendkulturen

Wildes Düsseldorf

ar/gee gleim / Xao Seffcheque & Edmund Labonté (Hrsg.)
Geschichte wird gemacht. Deutscher Underground in den Achtzigern
Heyne Hardcore 2019
244 Seiten, inklusive CD mit 7 Songs
30€

Prolog:
Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran!
Spacelabs fallen auf Inseln, vergessen macht sich breit, es geht voran!
Berge explodieren, Schuld hat der Präsident, es geht voran!
Graue B-Film-Helden regieren bald die Welt, es geht voran! 
(Fehlfarben – Ein Jahr, es geht voran)

Acover.jpgr/gee gleim wurde 1941 in Düsseldorf unter dem Namen Richard Gleim geboren, bekannt wurde der gelernte Gärtner vor allem für seine Fotografien, die ab Ende der 1970er Jahre im Umfeld der aufkeimenden deutschen Punk- und New-Wave-Szene entstanden.

„Ich habe mal eine Ausstellung namens ‚Wildes Düsseldorf’ gemacht, in der ich Bilder von ausschließlich wild vorkommenden Pflanzen in der Stadt gezeigt habe. Doch das Publikum hat nur Blümchen gesehen und dem Aussteller war das nicht politisch genug. Immer wieder dasselbe. (…) Als Gärtner steht man außerhalb dieses Schlachtfeldes und versucht, ein Verständnis für die Vielfalt und Größe des Daseins zu vermitteln. (…). Also bin ich nach wie vor Gärtner und das vor dem Fotografen.“

Die Herausgeber von Geschichte wird gemacht, Xao Seffcheque und Edmund Labonte,  waren selbst in den 1980er Jahren im und um den Düsseldorfer Ratinger Hof – dem Zentrum der Punk- und New-Wave-Szene der Modestadt – aktiv. Ein Besuch beim größten Bücherversand der Welt gibt uns erste Orientierung, um was es hier gehen könnte:

18. März 2019 2,0 von 5 Sternen Hier sehen die frühen 80er langweiliger aus, als sie waren!

8. März 2019 1,0 von 5 Sternen Gefällt mir nicht  Das Cover finde ich nicht ansprechend. Hätte mir mehr Farben gewünscht.

244 Seiten ermöglichen dem Rezensenten 122 mal umzublättern. Dabei begegnen ihm 200 imposante und teilweise zuvor unveröffentlichte Schwarzweiß-Fotos aus dem Ouevre von ar/gee. Er selbst unterstützt die Bilder mit kleinen Anekdoten. Er erinnert sich in kurzen, fotografisch anmutenden Blitzlichtern an seine nicht-heimlichen Aufnahmen der vermeintlichen Residents am Bahnhof in Frankfurt, an Aufnahmen von Nico, Julie Jigsaw und Johnny Thunders. Ar/gee war dabei nicht nur in seiner Heimatstadt Düsseldorf unterwegs, auch in Wuppertal, Hamburg und Berlin fungierte er als Kronzeuge des nahenden Untergangs – die Achtziger, No Future, der Rest ist Geschichte. Bilder von frühen Auftritten der Ärzte und der Toten Hosen wechseln mit wirklich eindrücklichen Bildern vom Auftritt der amerikanischen Skandal-Band The Plasmatics im Metropol Berlin 1982. Geschichte wird gemacht und schon geht es weiter mit Aufnahmen von Östro 430, Abwärts, S.Y.P.H. oder den Einstürzende Neubauten. Dazwischen zeigen Bilder vom gelangweilten oder erstaunten Publikum im Ratinger Hof oder beim Hagener New Wave Festival 1980, dass die Szene nicht nur aus den neuen Stars auf der Bühne bestand.

Zwischen den Fotographien Spalten voller Buchstaben: 15 Essays von Musiker*innen, Journalist*innen und Autor*innen erzählen ganz eigene Geschichten von einem jeweils ganz eigenen Universum. Zeitzeugen wie Peter Hein (Fehlfarben / Family*5) und Hans Nieswandt wechseln sich ab mit später geborenen wie Miriam Spies, Katja Kullmann und Hendrik Otremba (Messer). Der Blick wechselt mit jedem Essay, aber die Message bleibt gleich. Es ist immer eine Zeitreise ins eigene Ich, die die Autoren unternehmen. Eine sehr persönliche Reise zum Erweckungsmoment, dem Jahr der Kontaktaufnahme oder dem Culture-Clash mit der „normalen“ Welt.

„In Friedrichshafen kam der Punk so richtig im Jahr 1979 an. (…) Ohne die Fotos von ar/gee und anderen (…) hätten wir gar nicht gewusst was wir anziehen sollen“ beginnt Hans Nieswandt seinen Essay über Kleidungs- und Haarfragen. Wolfgang Zechner bringt es für sich so auf den Punkt: „DAF haben den Schalter in meinem Kopf umgelegt, haben mein Gehirn neu formatiert“. Hendrik Otremba, Mastermind der neu-modernen Münsteraner Band Messer widmet sich dagegen Genesis P-Orridges dunklen Künsten. P-Orridges Band Throbbing Gristle („pochender Knorpel“, in der Umgangssprache von Yorkshire die Bezeichnung für einen erigierten Penis) war stilbildend für das spätere Genre Industrial. Katja Kullmann wiederum geht in eine Art Gespräch mit sich, dem Auftraggeber Seffcheque und dem Publikum. Ganz anders wird es wieder bei Frank Spilker, Sänger von Die Sterne. Spilker erinnert sich an sein ganz eigenes 1982 und seine enttäuschende Feststellung zu spät geboren zu sein: „Wir sind die, die es nicht mehr genauso machen können, wie die, die uns fünf Jahre zuvorgekommen sind. Wir sind gezwungen etwas neues zu machen.“

Am Ende dieser Geschichte gibt es dann den Soundtrack unserer Vergangenheit. Die Ärzte, Family*5, Palais Schaumburg, Andreas Dorau, Östro 430, Der Plan und The Wirtschaftswunder finden sich mit jeweils einem Titel auf einer beiliegenden CD. Stilecht wäre dagegen wohl eine 7“Single gewesen.

Am 16. Juli diesen Jahres ist ar/gee in Düsseldorf gestorben und dieser Fotoband wirkt nun wie sein Vermächtnis. Ich danke Xao Seffcheque, Edmod Labonte und vor allem ar/gee für dieses Buch.

Aber lassen wir ar/gee doch selbst sprechen:

Gnogongo.de: Publiziert am 22. März 2019 von ar/gee: Mir fällt auf, dass in fast allen Rezensionen zum Buch der Ratinger Hof im Mittelpunkt steht. Dabei ist nicht mal ein Viertel der Bilder dort entstanden. Auch damals war die Welt größer.

Epilog:
Bilder von früher
Um ganz ehrlich zu sein
Bitte zeigt sie mir nicht mehr
Menschen machen Fotos gegenseitig
Zu beweisen dass sie wirklich existierten
Auf Nummer sicher zu gehen dass sie da sind

(Goldene Zitronen – Menschen machen Fotos gegenseitig)

Jimi NoMore

Zine of the Week: Fleisch mit weißer Soße #August2016

Es ist International Zine Month! Zeit für einen Einblick in die Fanzinesammlung des Archivs der Jugendkulturen, in der sich inzwischen mehr als 20.000 Einzelhefte befinden. Heute rezensiert Giuseppina Lettieri aus dem Team Diversity Box.

Das Zine „Fleisch mit weißer Soße“ ist im August 2016 erschienen und eigentlich längst überfällig mal von unserer Seite rezensiert zu werden. Allein der Titel irritiert mich schon seit langem, weil er mehr Rätsel aufgibt als wirklich Hinweise zum Inhalt des Zines- jedenfalls für mich. Nach dem ersten Lesen ist immerhin das etwas klarer. Es geht um Sexarbeit oder besser gesagt um einen persönlichen, wenn auch sehr fragmentarischen Einblick in das Leben einer Person, die im Puff arbeitet.

Und was dann in diesem 14 Seiten dünnen Zine folgt, erinnert ein kleines bisschen an William S. Burroughs „Naked Lunch“ vom Stil, sprachlich jedoch ehrlicherweise eher an Tagebuch-Einträge. Gedanken, scheinbar wahllos aufeinanderfolgend, geben Einblicke in Lebensmomente aus dem August 2016: das konfliktive WG-Leben, unangenehme U-Bahn-Situationen, Migräneanfälle, depressive Phasen und ein erster Hinweis auf den ausgeübten Beruf als Sexworker. Immerhin ist das der längste Text in dem Zine und füllt eine ganze DIN A 6-Seite.

Vom Zine zum Buch

Da das Zine dahingehend nur diesen einen Vorgeschmack zum Thema Sexarbeit zu bieten hat, habe ich auch das gleichnamige Buch von Christian Schmacht, erschienen im Dezember 2017, gelesen. Cut and Paste als künstlerisches Stilmittel durchzieht auch die 105 Seiten des Buches. Auf dem Klappentext wird nun der Kontext geliefert, der dem Zine fehlte. Dort steht:

Christian Schmacht, durch seine Skandalkolumnen für das Missy Magazine bekannt geworden, schreibt in seiner autobiografisch inspierten Novelle über einen jungen transgender Mann, der als Frau verkleidet in den Bordellen Berlins anschafft.

Und sicherlich weiß auch ich durch die Kolumne in der Missy sowie durch die Social Media-Accounts von Christian Schmacht mehr über das Leben als Sexworker, über Körper-und Identitätsfragen, Konsum und das politisches Selbstverständnis des Autors. Mehr als mir manchmal lieb ist sogar, um ehrlich zu sein. In dem Buch beschreibt Christian Schmacht, warum Schreiben und sich der Welt mitteilen eine heilsame Wirkung hat und es nach dem eigenen Selbstverständnis nicht darauf ankommt, ob andere das hören oder lesen wollen:

Schreiben heißt: Ich existiere. Ich schreibe für mich, weil ich will und manchmal weil ich muss; um mich selbst zu erhalten. Oder zu halten. Ich habe mit meinen gedanken eine geschwindigkeit erreicht, mit der andere nur manchmal klarkommen.

Schreiben als Existenz- bzw. Daseinsberechtigung. Denn: Representation matters.

Sexarbeit ist Arbeit oder auch über die Banalität der Sexarbeit im Kapitalismus

Niemand hat sex außerhalb vom kapitalismus, aber darüber wollen viele gern hinwegsehen. bei liebe und sex denken sie, das ist so ursprünglich, das gehört mir, egal wie entfremdet ich sonst bin. Aber das ist nicht wahr und wir sexworker stoßen sie darauf, mit unserer bloßen existenz und das mögen sie nicht.

Das Sexarbeit Arbeit ist, ist in den queerfeminitischen Kontexten, in denen ich mich bewegen, nichts Neues, aber meine Berühungspunkte mit dem Thema waren bisher immer analytischer nicht persönlicher Natur. Ich habe keine Freund*innen, die Sexarbeit machen und beziehe meine Einblicke aus Aktivismus und Popkultur. Die Aktivistin Sylvia Rivera, Transfrau of Color, hat meinen Aktivismus vor einigen Jahren, als ich sie viel zu spät als zentrale Figur der Stonewall-Riots eher per Zufall entdeckte, seitdem stark geprägt. Und mit der Serie Pose stehen zum ersten Mal hauptsächlich BPoC Transfrauen im Mittelpunkt der Geschichte und geben Einblick in das New York der 80er und 90er Jahre, wo Sexarbeit einfach mit zum (Über-) Leben gehörte.

White Privilege

Geht es bei Pose und in den Interviews von Sylvia Rivera im STAR-Zine jedoch eher um die Adressierung struktureller Benachteilungen, wie Rassismus und Trans*feindlichkeit gegenüber BPoC Transfrauen und Queers, die oft einen sozio-ökonomischen Kosmos schufen, der die Sexarbeit bedingte, so anders ist der Einblick den Christian Schmacht als weiße Person in Deutschland aus den Jahren 2016 und 2017 schildert. Christian Schmacht reflektiert die eigenen Privilegien sehr gut und äußerst sich zudem politisch zu Rassismus, Klassismus, Misogynie und der kapitalistischen Verwertungslogik in der Gesellschaft an sich sowie zu Homo-und Transfeindlichkeit und rechter Gesinnung unter den Freiern und auch den Sexarbeiter*innen im Puff. Das blitzt aber immer wieder nur kurz auf. Zu kurz für mein Empfinden. Davon würde ich lieber mehr lesen. Stattdessen sind die Gedankensprünge und die wilde Aneinanderreihung von Themen (von Schernikau zum Dschungelcamp, von der Fashion Week zu Botox bis zum G20-Gipfel in Hamburg) das, was für mich am prägnantesten hängen bleibt. Das soll auch alles gar nicht kohärent sein, glaube ich, sondern Einblicke in die diffuse Gedankenwelt und das Seelenleben einer jungen weißen Trans*person geben, die zwischen Materialismus und Aktivismus schwankt:

Beispiel geld: Lieber wurde ich sexworker, als wenig geld zu haben und für oder gegen etwas zu kämpfen. Ich wollte teilhaben, am leben, mieten, konsumieren.

Fazit

Dieses Review ist eher ein ganz persönlicher Push aus meiner Komfortzone und lässt am Ende auch eher mehr Fragen offen, statt ein klareres Meinungsbild meinerseits erkennen. Die oft kontrovers geführten Debatten zum Thema Sexarbeit in feministischen Diskursen, lösen sich in meinem Kopf ab mit den kurzweilig verfassten Beiträgen von Christian Schmacht. Eines kann ich an dieser Stelle aber abschließend sagen: Nie habe ich vorher so ehrlich und banal über den Beruf Sexarbeiter*in gelesen, über die Langweile im Puff, wenn bei zu gutem oder zu schlechten Wetter die Freier wegbleiben. Davon geht sogar ein bisschen Faszination aus. Da ist die Frage nach dem Titel fast schon wieder vergessen.

Giuseppina Lettieri

Giuseppina schreibt aus einer cis-weiblichen, queerfeministischen, of Color-Perspektive. Sie leitet im Archiv ein queeres Bildungsprojekt und koordiniert seit 2019 den Queer History Month Berlin.

Zine of the Week: Metal Maidens #31

Es ist International Zine Month! Zeit für einen Einblick in die Fanzinesammlung des Archivs der Jugendkulturen, in der sich inzwischen mehr als 20.000 Einzelhefte befinden. Heute rezensiert Lisa Schug aus dem Team PopSub.

Als ich „Metal Maidens“ auf der Suche nach einem ganz anderen Metal Fanzine das erste Mal in den Händen hielt, war ich baff. “Metal Maidens – The Ultimate Magazine Dedicated to Women in Hard Rock & Heavy Metal“, wie konnte mir das als feministisch interessierter Metalfan bisher entgangen sein?

Ob das Metal Maidens Fanzine bei seinem erstmaligen Erscheinen 1995 wirklich “The Only Magazine with a Heart for Female Rockerz” war, wie es auf dem Cover steht, lässt sich heute nicht mehr sagen. Sicher ist aber, dass es eines der wenigen Zeugnisse des Kampfes für mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Metalszene im prä-Social-Media-Zeitalter ist. Denn während Initiativen wie #killtheking, #metaltoo oder das Sycamore Netzwerk heute andere Stimmen hörbar machen und in die Szene intervenieren, tat sich in Sachen Sichtbarkeit für marginalisierte Perspektiven im Metal in der Vergangenheit sehr lange sehr wenig.

Im Archiv der Jugendkulturen gibt es bisher nur eine Ausgabe des niederländischen englischsprachigen Fanzines, das von 1995 bis 2005 erschien und online bis heute als Webseite und Facebook-Seite weiterlebt – Nummer 31 aus dem Jahr 2003. Auf 46 Seiten gibt es das klassische Metal-Fanzine-Programm: Interviews, Plattenbesprechungen, Berichte von Konzerten und eine Übersicht über bevorstehende Tourneen – wohlgemerkt nur von Bands mit mindestens einer Musikerin. Was das genau heißt bleibt weit gefasst, teilweise werden auch Bands rezensiert, die „female guest appearences“ auf ihren Platten haben. Auch genremäßig geht es wild durcheinander von Heavy & Death Metal bis hin zur Punkband The Distillers und einem Album von Pop-Sängerin Shania Twain.

Spannend ist der Blick in die Metalgeschichte in der Kategorie „Back to the Past“. Dort werden Protagonistinnen der 80er Jahre Hard-Rock-Bands „Tough Love“ und „Romantic Fever“ interviewt und schildern ihre Erfahrungen:

„The better [bands] were all female. I played in a couple [of bands] where I was the only woman and in these bands, the guys tended to treat me like their little sister and they were very protective.“

Courtney Paige Wolfe in Metal Maidens #31

Einen kleinen Empowerment-Block hat das Fanzine auch: In der Rubrik „Marjo’s Guitar Techniques“ gibt Gitarristin Marjo Marinus praktische Tipps für’s Tapping: Eine Spielart der Gitarre bei der auf die Seiten getippt wird statt sie zu zupfen. Und nicht zuletzt hat Metal Maidens #31 auch eine Beilage: Zum Heraustrennen liegt ein Wandkalender für das Jahr 2003 mit Fotos der Bands Arch Enemy und Sinergy bei.

Soweit so gut. Tatsächlich macht das Fanzine Lust in einige der vorgestellten Bands reinzuhören und selbst weiter zu forschen. Und doch fehlt mir etwas: Was Metal Maidens #31 nicht thematisiert ist sind Erfahrungen von Ausgrenzung und Marginalisierung, die Frauen und Queers in der Metalszene machen. Generell ist die Ausgabe wenig politisch abgesehen von einigen klugen Antworten auf die obligatorische Frage: „Wie ist es in einer all-female Band zu spielen?“.

“ We wanted to change the idea of women in Metal: „Nice dolls in tight clothes with nice voices and at the utmost [sic] playing some bassguitar.“

Nienke von der Band „Autumn“ in Metal Maidens #31

Das Fanzine bietet zwar eine Plattform für Musikerinnen– stellt aber nicht die Frage danach, warum es in erster Linie an Sichtbarkeit mangelt oder es so wenig Metal Musikerinnen gibt. Auch scheint der Fokus der „Metal Maidens“ bis in die heutige Online-Ausgabe hinein ausschließlich auf Cis-Frauen zu liegen, die fehlende Sichtbarkeit für Trans*-, Inter-, nicht-binären Personen in der Metalszene ist kein Thema.

Und dennoch: das Metal Maidens Fanzine hat in über 10 Jahren und 40 Ausgaben ganz sicher dazu beigetragen Metal-Musikerinnen sichtbarer zu machen und das in einer Zeit, in der es im Metal denkbar wenig Unterstützung für solche Ansätze gab. ist Ein wichtiges Relikt der Metal-Geschichte!

Lisa Schug