Das Archiv der Jugendkulturen auf der Feministischen Sommeruni 2018 am 15.09.

Das Archiv der Jugendkulturen wird bei der Feministischen Sommeruni 2018 am 15.09 in der Humboldt-Universitär mit einem Panel vertreten sein.

Das Panel „(Fan-)Zine: Medium zwischen Schutzraum und Öffentlichkeit“ wird aus unseren Mitarbeiter*innen aus den Bereichen Archiv/Bestand (Daniel Schneider), Forschung (Christian Schmidt) und Bildungsarbeit (Giuseppina Lettieri) bestehen. Wir freuen uns zudem sehr, dass Lisa Schug, freie Mitarbeiterin beim FFBIZ e.V. – feministisches Archiv, Zinemacherin und Mitglied des Sycamore Network mit uns über das Spannungsfeld Öffentlichkeit vs. Schutzraum diskutieren wird. Moderiert wird das Panel von Atlanta Athens.

Über das Panel:

(Fan-)Zines sind einer der Sammlungsschwerpunkte des Archivs der Jugendkulturen e. V. (AdJ) in Berlin. Ursprünglich wurden vor allem Zines aus verschiedenen sub- und jugendkulturellen Szenen, etwa von Science-Fiction-, Punk- und Hardcore- oder Fußballfans gesammelt. Neben diesen häufig als Fan-Magazine gedachten Heften erscheinen seit einigen Jahren immer mehr queere und queer-feministische Zines. Diese sind bei den jährlich stattfindenden Zine-Festen, auf denen sich Zinesters treffen und ihre Zines tauschen oder verkaufen, in großer Zahl und vielfältigen Formen zu finden. Ganz zu schweigen von dem eigenen Mini Queer Zine Fest in Berlin, dass sich bereits seit einigen Jahren diesen Zines und dem Austausch, Empowerment und der Vernetzung der queeren Zinesters widmet.

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(Queer-feministische Zines aus der Sammlung des AdJ)

Intersektionales Sammeln und Vermitteln

Als Archiv für subkulturelle Quellen sammelt das Archiv diese Zines bewusst und aktiv, um solchen Zeugnissen marginalisierter Gruppen ihren Platz in der Sammlung zu bieten. Diese Entwicklung wird auch im Bildungsprojekt zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt ,Diversity Box‘ aufgegriffen. Das Projekt arbeitet mit einem intersektionalen Ansatz in der Vermittlungsarbeit mit Jugendlichen. In der Sensibilisierungs- und Empowermentarbeit mit Jugendlichen bieten Zine-Workshops die Möglichkeit, die vielschichtigen Positionen zu bzw. Repräsentationen von Gender, Race, Sexualität und Körperpolitik aus der
queer(-feministischen) Zine-Macher*innen-Szene einzubinden. Die Zines sind ein Element der im Projekt mitverankerten Biografiearbeit, welche Jugendlichen die vielfältigen Lebenswelten und teils verwobenen Diskriminierungserfahrungen von LSBTI*, PoC und Schwarzen Menschen näherbringen soll. Dafür werden aktuelle Themen, Entwicklungen und Praxen der Repräsentationen in der queeren Community angesprochen, um der Mainstreamwahrnehmung von Jugendkulturen etwas entgegenzusetzen.

Intimität vs. Sichtbarkeit

In einem weiteren AdJ-Projekt – ,UnBoxing‘ – geht es um die Digitalisierung von Zines aller Art. Unter Zinesters und Zine Librarians gibt es dazu sehr unterschiedliche Haltungen, insbesondere zur Veröffentlichung von Digitalisaten im Netz. Während einige PoC und/oder queere Zinesters für eine möglichst hohe Sichtbarkeit von marginalisierten und unsichtbaren Identitäten und Erfahrungen plädieren und damit auch für eine möglichst umfassende Digitalisierung und Präsentation ihrer Zine-Digitalisate im Internet sind, gibt es auch solche, die das nicht wollen. Der Grund: Zines können sehr intime Medien sein und erst dadurch den Austausch über und die Auseinandersetzung mit ,schwierigen‘ Themen wie Traumata, Erfahrungen sexualisierter Gewalt, psychischen und physischen Erkrankungen, Essstörungen etc. ermöglichen. Diese Intimität schaffen die Herausgeber*innen dabei aus einer bewusst begrenzten Verbreitung und klein gehaltenen Auflage ihrer Zines, aber auch dadurch, dass sie ihre Zines sehr persönlich  – ähnlich wie  Briefe – gestalten.

Den Herausgeber*innen ist es wichtig, dass Ihre Zines nur einer begrenzten Teilöffentlichkeit zur Verfügung stehen. Diesem Umstand steht die Vorstellung von einer umfassenden Digitalisierung und unbegrenzten Online-Verfügbarkeit entgegen. Zine Librarians, die sich mit Fragen der Digitalisieriung auseinandersetzen, müssen deshalb – unseres Erachtens – nicht nur technische und rechtliche Fragen bei der Digitalisierung von Zines berücksichtigen, sondern auch ethische Aspekte. Im Projekt ,UnBoxing‘ haben wir ein Konzept zur Digitalisierung von Zines als kulturelle Artefakte entwickelt, welches auch ethische Gesichtspunkte bei der Digitalisierung von Zines berücksichtigt.

Queere Zines in der Debatte

Über diese unterschiedlichen Herangehensweisen im Umgang mit queeren Zines soll auf dem Panel am 15.9. gesprochen werden. Als Gast kommt Lisa Schug mit den Mitarbeiter*innen des AdJ ins Gespräch. Sie ist freie Mitarbeiterin beim feministischen Archiv FFBIZ und wirft einen feministisch-historischen, aber auch persönlichen Blick auf das Thema. U. a. berichtet sie von ihren Erfahrungen als Mitbegründerin von Sycamore, einem queer-feministischen Heavy-Metal-Fanzine. Das Heft bietet einerseits Schutzraum für den Austausch marginalisierter Metalfans, andererseits will es auch   Debatten innerhalb der Metal-Subkultur anstoßen. Das Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeit und Intimität eines Zines lässt sich an diesem Beispiel gut ablesen. Wir freuen uns auf den Austausch!

Also am 15.9 (Samstag) um 12.00 dabei sein.
Anmeldungen und weitere Infos zum Programm unter:

www.feministische-sommeruni.de

#frauenmachengeschichte

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Zine of the Day: Sycamore #1 (Deutschland)

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Sycamore– Ein queerfeministisches Heavy Metal Fanzine. Zugegeben, nicht unbedingt zwei Dinge, die bei mir auf den ersten Blick zusammengehen: Queerfeminismus und Heavy Metal. Meine Assoziationen mit Heavy Metal sind eher: männlich dominiert, weiß und trotz bestimmter Spielarten im Bereich Gender (lange Haare, enge Lederkluft und Schminke) eher reaktionär in der Grundhaltung zu Sexualität und Geschlecht als offen für subversive Queerness.

Also nicht unbedingt die besten Grundvoraussetzungen für mich, um ein Zine aus diesem Bereich vorzustellen. Doch schon der erste Blick ins Heft verfängt. Das hier ist ein ambitioniertes Projekt. Schon im Editorial „Heavy Metal needs a Thunderstrike“ wird das mehr als deutlich. Die beiden Zinemacher*innen sind ganz schön angepisst von dem Status Quo im Metal, haben viel zu sagen und wollen vor allem an den Missständen in der Szene etwas ändern. Es geht um Sexismus, Misogynie und sexuelle Gewalt im Metal, aber auch um das Anprangern von bekannten Reflexen des Tabuisierens und Kleinredens dieser Probleme. Ein Call for Action #Kill the King, das durchaus Parallelen zu dem mittlerweile legendären Riot Grrrl Manifesto aufweist, soll die metaleigene #metoo Debatte befördern. Um das zu initiieren gibt es im Zine mehrere Berichte von Betroffenen, die sexuelle Gewalt oder Sexismus und Misogynie erfahren haben. 

Auch die Dominanz weißer, heterosexueller cis-Männer im Metal soll mit diesem Zine etwas entgegengebracht werden. So gibt es vordergründig Interviews mit Bands und Musiker*innen (Maggot Heart, Winds of Genocide) sowie Artikel von und über Frauen*, Queers und Trans*Menschen aus der Metal-Szene. Doch das Sycamore Kollektiv will nicht nur Fanzine sein. Das seit Mai 2017 gestartete internationale Netzwerk soll weiter wachsen und will in Zukunft auch eigene Veranstaltungen organisieren sowie eine Datenbank ins Leben rufen, in denen Frauen*/ queere Musiker*innen erfasst werden. 

Nun sind die hier angesprochenen Probleme sicher nicht das negative Alleinstellungsmerkmal der Metal-Szene. Schon die Riot Grrrls Anfang der 90er Jahre prangerten diese Themen im Punk und Hardcore an. Und auch female: pressure (Fokus: Techno/ elektronische Musik) arbeitet seit gut 20 Jahren an dem Abbau sexistischer Strukturen in der Musikindustrie durch Awareness Kampagnen, wie den VISIBILTY Blog sowie durch Festivals, Parties, Booking und eine eigene DJ/ Musiker*innen- Datenbank. 

Dennoch: Die Macher*innen des Sycamore- Zines schaffen hiermit einen ersten wichtigen Aufschlag, um die Sichtbarkeit von Frauen*, Queers und Trans* Menschen im Metal herzustellen, ihnen eine Plattform für ihre Meinungen und Veränderungswünsche zu bieten und um in die eigene Szene und ihre blinden Flecken hineinzuwirken. 

Fazit

Ein sehr politisches Zine, das fast alles richtig macht und von dem wir in Zukunft hoffentlich noch mehr lesen werden. Für das nächste Ausgabe wäre es aus meiner Sicht jedoch wünschenswert, mehr of Color-Perspektiven zu integrieren. Ein Anspruch, dem die erste Ausgabe leider nur bedingt gerecht wird. 

Das Sycamore- Kollektiv sucht übrigens noch nach Mitstreiter*innen.

Bei Interesse meldet euch gerne hier:

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Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

Giuseppina 

Projektleitung „Diversity Box“

Trau keinem über 30!

Trau keinem über 30! Schule und Jugendkultur 1960 bis 1975
Ausstellung des Schulmuseum Bremen in der Unteren Rathaushalle Bremen

Stolze 3 DM beträgt der Eintritt, als am 27. November 1967 Rudi Dutschke in Bremen im Jazzkeller „Lila Eule“ auftritt. In der Ausstellung „Trau keinem über 30!“ ist in Bremen nun das Einladungsflugblatt zu sehen. In der Ausstellung geht es erfreulicherweise sehr viel um Protest an Schulen und Protest von Schüler*innen. Genauso geht es um Schule und zwar aus der Sicht der Schüler*innen, Lehrer*innen und staatlichen Behörden. Eine Universität gibt es Ende der 1960er Jahre in Bremen ja noch nicht, nur eine kleine Pädagogische Hochschule, und so werden die Schüler*innen zum Motor des Aufbruchs.
Die grundsätzlich chronologisch aufgebaute Ausstellung beginnt Anfang der 1960er Jahre mit dem sich immer ausbreitenden Pop und Rock. Auch in den späteren Phasen zeigen sich Musik und Lifestyle als der Humus der Jugendkulturen. Inhaltlich geht es um Protest und Selbstbestimmung, Mode, Wohnen und Kommunikationsformen, Sexualkunde, Beatmusik und die Idole der 1960er Jahre. Hier funktioniert die Aura der Exponate: Schülerzeitungen, die oft verboten wurden, Schulbücher, die schon am Cover die Modernisierung erkennen lassen, Spielzeug, Illustrierte, Kleidung …

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Hörsaal im Gymnasium Hamburger Straße 1963. (Fotosammlung Schulmuseum Bremen)

Es ist verblüffend zu sehen, dass es 1967 schon Sprachlabore gibt. Sie wirken wie Science Fiction, gerade wenn man sie neben das Foto des überalterten Kollegiums einer Schule legt, das nur wenige Jahre zuvor entstand – und wie aus der Kaiserzeit wirkt. Das damals uneingeschränkt sozialdemokratisch geprägte Bremen erneuert und erweitert seinerzeit sowieso seine Infrastruktur, und reagiert damit auch auf den Protest. Aus der Revolte ist systemkonforme Mitbestimmung geworden, aus dem alten Schulsystem wurden die Gesamtschulen, bereits 1970 wird die erste eröffnet. Es entstehen die Lernfabriken, gegen die sich dann die Abneigung der No-Future-Generation und Punks einerseits und die eher romantische Kritik der Alternativbewegung der 1980er Jahre andererseits richten werden. Viele der damals Protestierenden werden selbst Lehrer*in, wenn nicht sogar Schulleiter*in oder gar Politiker*in. Größere Schüler*innenproteste gibt es in Bremen erst wieder, als die bis heute andauernde neoliberale Sparpolitik beginnt.

Integraler Teil der Ausstellung sind die Ergebnisse von Schulprojekten. Hier gingen Schüler*innen von heute in den Dialog mit dem Lebensgefühl (und der Protestkultur?) der Großeltern-Generation. Das Besondere daran ist, dass die Schulklassen selbstgewählte Themenschwerpunkte zu der Ausstellung zusammen mit dem Museum erarbeitet haben und kreativ präsentieren. In einem Schulhalbjahr sind auf der Basis vieler Zeitzeugengespräche und der Recherche historischer Quellen ganz unterschiedliche Präsentationen wie Filme, Podcasts oder Objektinszenierungen entstanden, die die Schulgeschichte von vor 50 Jahren lebendig werden lassen.

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Protest: Sit-In im Lehrerzimmer des Wirtschaftsgymnasiums, 1968. (Fotosammlung Staatsarchiv Bremen)

Die Schüler*innen in den Projektn erhielten, wie jetzt alle Besucher*innen dieser sehr sehenswerten Ausstellung, ein alltagsnahes Bild über diesen Aspekt der langen „Achtundsechziger Jahre“. Ein weiterer Pluspunkt der Ausstellung ist, dass sie unaufgeregt die oftmals nervige Selbststilisierung der 68er weitestgehend vermeidet.

Noch bis zum 1. Juli 2018, Untere Rathaushalle Bremen, Täglich geöffnet von 11 bis 17 Uhr, donnerstags von 11 bis 20 Uhr, Eintritt frei.

Gleichnamige Begleitpublikation für günstige 14,90 EUR (160 Seiten, 167 Abb, Verlag Edition Falkenberg Bremen, ISBN 9783954941544)

Bernd Hüttner

 

Wir Kinder der 90er

Johannes Engelke, Karin Weber, Maren Ziegler, Jacob Thomas
Wir Kinder der 90er.  Alles, was wir damals liebten (und was uns heute peinlich ist)
Goldmann Verlag 2017
206 Seiten
12,00 EUR

The Dream of the 90s is alive

Ob in der Arte-Dokureihe „Welcome to the 90s“, in der US-amerikanischen Comedyserie „Portlandia“ oder als Modetrend in den Berliner Clubs: „The 90s are back “ und sie haben ihren Platz in der popkulturellen Geschichtsschreibung eingenommen. Mit dem Buch „Wir Kinder der 90er“ wollen die Herausgeber*innen nun auch, dass wir einen Platz in unseren Bücherregalen für die 90er freimachen. Dabei geht es in diesem 90er-Lexikon über Musik, Mode(sünden), Technik und Alltagsgegenständen weniger um eine (pop-) kulturelle oder kulturkritische Kontextualisierung der 90er à la Spex oder testcard, als vielmehr um eine subjektive, scheinbar wahllose Aneinanderreihung von all jenen Dingen, die die Herausgeber*innen damals liebten und die ihnen heute peinlich sind.

Als erster Gegenstand wird der Game Boy beschrieben, gefolgt von dem Bum Bum Eis. Ein stringentes Lexikon von A-Z findet sich hier also nicht, was mich persönlich aber weniger stört und nach meiner Auffassung auch nicht unbedingt zu dem bunten und auch manchmal musikalisch und modisch etwas uneindeutigen Jahrzent der 90er passen würde. Stattdessen sind die ausgewählten Gegenstände der 90er eher nach Beliebheits- oder Bekanntheitsgrad sortiert, das legt jedenfalls der Auftakt mit dem Kultobjekt Game Boy nahe. Gerahmt werden die vorgestellten Gegenstände durch kurze, oft persönliche Texte der Herausgeber*innen, die dabei Einblicke in Familienleben, identitätstiftende Schul-Battles (Lamy vs. Pelikan und Scout vs. McNeill) und Freizeitaktivitäten (Freundschaftsbänder knüpfen, Stickeralben vervollständigen) dieser Kinder der 90er geben.

It was acceptable in the 90s?!

Für mich, ebenfalls ein Kind der 90er, bietet das Buch einen kurzweiligen nostalgischen Ausflug in ein Kaleidoskop verschiedener Kindheits-und Schulzeit-Erinnerungen. Vor allem bestimmte Modesünden von Mitschüler*innen erwachen zum Leben, wie die Kombination des Grauens schlechthin, bestehend aus Helly-Hansen-Jacke, Buffalo-Schuhen und abgerundet durch die berühmt-berüchtigte Schnellfickerhose. Aber auch damals innig geliebte Süßigkeiten, wie die Erdbeerschnüre und das Ed-von-Schleck-Eis sowie heutige technische Kultobjekte, wie die NES- Spielkonsole und das Nokia 3210 Handy mit dem legendären Snakespiel, finden ihren Platz in diesem Buch. Auch wieder in der Versenkung verschwundene Modetrends, wie Henna-Tattoos, Schnapparmbänder, Kangol-Caps und Miss-Sixty-Jeans oder technische (Weiter-)Entwicklungen der 90er, wie Mini-Discs, die Telefonkarte und die Showview-Funktion an Videorecordern werden einem beim Durchblättern wieder ins Gedächtnis gerufen. Vermeintliche technische Revolutionen, über die man in Zeiten von Spotify, Smartphones und Netflix nur noch müde lächeln kann.

Es kommt alles wieder

Am Ende gibt es vieles in diesem Buch, das zurecht in Vergessenheit geraten ist. Doch vor allem die Errungenschaften, die dem Zahn der Zeit getrotzt haben und auch heute noch Kultobjekte sind, sowie das Mantra, dass alle Modetrends irgendwann wieder ‚in‘ sind, machen dieses Buch zu einem amüsanten und kurzweiligen Lesevergnügen.  Vor allem die Menschen, die ihre Kindheit bzw. Jugend in den 90ern verbracht haben, erwartet hier eine nostalgische Achterbahnfahrt durch die Pop- und Trashkultur dieses Jahrzehnts.  Nostalgiker*innen, die ein Wechselbad der Gefühle von Freude bis Scham gut aushalten können, dürfen beherzt zugreifen, aber auch Trendsetter*innen können dieses Buch als Beweis heranziehen, dass jedes Jahrzehnt sein Mode-Revival bekommt. Vielleicht auch genau die Trends, die uns Kindern der 90er heute peinlich sind: Ich ganz persönlich hab schon wieder das ein oder andere Tattoo-Halsband an Jugendlichen entdecken können. 

Giuseppina Lettieri

Träume aus dem Untergrund

Christoph Wagner
Träume aus dem Untergrund. Als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten
Silberburg Verlag 2017
188 Seiten
24,90 EUR

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Der 1956 geborene Christoph Wagner berichtet in seinem Buch über die musikalischen Subkulturen in Baden-Württemberg; und hat unter anderem zu erzählen, dass die erste Deutschland-Tour von Black Sabbath nur aus Auftritten in der schwäbischen Provinz bestand.

In den 1960er und 1970er Jahren gibt es zwischen Bodensee, Main und Neckar, angefangen von avantgardistischen Jazz-Kneipen über Open-Air-Festivals bis hin zu linken Jugendzentren und größeren soziokulturellen Einrichtungen ein dichtes Netz von Orten einer dissidenten Gegen- und Jugendkultur. Wagner stellt zum einen diese Orte vor, an denen damals (später dann sehr bekannte) Bands wie z. B. Pink Floyd, oder auch The Who (1967 in Ludwisgshafen) das einheimische Publikum begeistern. Dies ist dann eine Zeitreise nach Oberschwaben, nach Franken oder an die Donau. Zum anderen geht es um Künstler, die aus Baden-Württemberg kommen, und da gibt es selbst für von dort kommende Leser*innen wie den Autor dieser Zeilen doch erstaunlich viele. Dass Wolle Kriwanek, Wolfgang Dauner, Schwoißfuaß oder Grachmusikoff dazu zählen, ist bekannt. Aber auch die Krautrocker von Guru GuruKraan und sogar die linksradikalen Polit-Rocker von Checkpoint Charlie sind im Süden beheimatet. Wagner nimmt alle in Frage kommenden Genres in den Blick: Von Jazz und Folk über Hardrock und Liedermacher bis zum Beat und Dialekt-Rock. Mitte der 1980er bricht dann der Berichtszeitraum des Buches ab, Wagner weist auf das schon vorher öfters thematisierte Ende von Musikkonjunkturen hin.

Die Texte sind gerade für Generationsgenoss*innen voller Nostalgie zu lesen, und haben (trotzdem) einen relativ hohen Informationsgehalt. Sie sind mit Zitaten und Anekdoten gespickt, die Wagner bei seinen Recherchen erzählt worden sind. So erfährt der oder erstaunte Leser*in schmunzelnd, dass Konzerte oft sonntags um 14 Uhr stattfanden, damit die zahlreichen Besucher*innen nach deren Ende noch per Anhalter zurück in ihre Dörfer trampen konnten.

Nach der Lektüre drängt sich wieder einmal die Frage auf, ob die Kneipenbetreiber*innen und Jugendzentrumsaktivist*innen im Grunde nur eine andere Art von Unternehmensgründer*innen waren als die damaligen konservativen, letztlich ja postfaschistischen Handwerks-Unternehmer*innen und Mittelständler*innen aus dem Umfeld der historischen CDU? Waren sie postfordistische Unternehmer*innen, die schon länger als Grüne geräuschlos mit einem modernisierten CDU-Milieu zusammenarbeiten konnten? Das steht zu vermuten, muss aber an dieser Stelle offen bleiben. Ein umfangreiches Register erleichtert die Nutzung dieses reichhaltig und durchgängig farbig illustrierten Werkes.

Bernd Hüttner

Sprengel für alle

Ute Wieners
Sprengel für alle. Autobiografische Erzählungen
Edition Region und Geschichte 2017
302 Seiten
18,80 Euro

U1_U4_Sprengel-194x300Ute Wieners berichtet in ihrem zweiten Buch über die ersten zehn Jahre des Geländes der ehemaligen Schokoladenfabrik Sprengel in Hannover. Dieses wird im Sommer 1987 besetzt. In einem mehr als desolaten Zustand vorgefunden, werden Fensterscheiben eingesetzt und in Eigeninitiative das notwendigste hergerichtet. Bald wohnen dort, wie heute noch, um die 50 Personen, es gibt auf dem 16.000 Quadratmeter großen Gelände mit mehreren Gebäuden Ateliers, Kneipen und Werkstätten. Die Bewohner*innen sind nach Häusern und nach Küchen organisiert, die dann auch schnell verschiedene, treffende Namen bekommen: Im Mittelbau wohnen die Trinkpunks, es gibt die Balkon- und die Kaderküche (dort treffen sich die Polit-Cracks) oder die Frauenküche.

Die 1962 geborene Wieners möchte mit ihrem Buch ihre Geschichte, bzw. die Geschichte der besetzten Fabrik aus ihrer Perspektive und ihrer Wahrnehmung erzählen: Detailliert zeichnet sie verschiedene Paradiesvögel, Polit-Leute, Schnorrer und auch Soziopath*innen und deren Verhalten nach. Der zweite Strang des Buches ist die politische Ebene: Verhandlungen mit der Stadt, Bündnispolitik im Stadtteil, Öffentlichkeitsarbeit und die Vorgänge um die Chaostage 1995 und 1996. In den ausführlich referierten Konflikten zwischen Autonomen und Punks (bzw. in der Bezeichnung der jeweiligen Gegenfraktion „Automaten“ und „Gorillas“) nimmt sie eher eine Mittel- bis vermittelnde Position ein  – und sitzt so schnell zwischen allen Lagern.

„Normale“ Linke, „normale“  Punker*innen oder „normale“ Autonome, wenn so ein Begriff verwendet werden soll, scheint es dort seinerzeit wenige gegeben zu haben. Dafür aber umso mehr Alkohol und andere Drogen, Faustrecht, Sexismus, Mackertum und kaputte Typen, Müll, Drohungen und Angst. So stellt sich schnell selbst für mit linkem oder anarchistischem Gedankengut sympathisierende Leser*innen die große Frage: Warum tut die Autorin sich solch ein Klima so lange an? Und ist es nicht eine Bankrotterklärung ersten Ranges, wenn Wieners, die bis heute auf dem Gelände lebt, bei einer Lesung erzählt, sie würde so eine Besetzung wegen der Konflikte mit der Polizei, der Stadtverwaltung oder Nazis jederzeit wieder machen. Wenn sie etwas davon abhalten würde, dann der Psychostress, dem sie durch die Binnenverhältnisse ausgesetzt war.

Das Buch ist sicher keine „packend und witzig erzählte Kultur- und Politikgeschichte der 1980er und 1990er Jahre“, wie der Verlag schreibt, das wäre ein zu hoher Anspruch. Es ist vielmehr eine subjektive Sicht auf einen Mikrokosmos und auf eine schon damals – und erst recht heute – sehr schräg bis destruktiv wirkende Dynamik, die sich Bahn bricht, wenn in Freiräumen keine von allen geteilten Verabredungen gelten.

„Zum Glück hab es Punk“ heißt das erste, 2012 erschienene Buch von Wieners. Es endet ungefähr da, wo „Sprengel für alle“ beginnt. Mehr dazu auf ihrer Website.

Bernd Hüttner

 

Begrabt mein Herz am Heinrichplatz

Sebastian Lotzer
Begrabt mein Herz am Heinrichplatz
bahoe books 2017
172 S.
14 EUR

begrabt_mein_herz_am_heinrichplatz.jpgLotzer beschreibt in seinem Roman das Leben seines Alter Ego Paul in der autonomen Szene Westberlins zwischen 1980 und 1995. Paul, über den Lotzer stets in der dritten Person schreibt („Paul holt sich noch ein Bier …“) ist in Berlin geboren und stößt als Schüler zur Hausbesetzerbewegung. Nach deren Zerfall beteiligt Paul sich an den weiteren Aktionen, Kampagnen und Debatten der Autonomen. Das Buch ist in 45 Szenen unterteilt, die in zwei große Blöcke gegliedert sind: Der erste („Nur Stämme werden überleben“) beschreibt die Zeit vor dem November 1989, der zweite („Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“) die danach.

Ein Großteil des Textes besteht aus auf die Dauer ermüdend wirkenden Schilderungen von Straßenmilitanz bzw. von Konfrontationen mit der Polizei. Für die autonome Bewegung jenseits von Berlin ikonografische Ereignisse wie etwa der Überfall der Polizei auf den Brokdorf-Konvoi bei Kleve im Juni 1986, die Hafenstraße im Dezember 1986 oder die Ereignisse in Rostock 1992 kommen ebenfalls vor. Wichtige szeneinterne Debatten, etwa der Fall Kaindl 1992/93, oder das Verhältnis zu den Revolutionären Zellen, werden angeschnitten, es muss aber offen bleiben, ob sie ohne genauere Kenntnis von Texten heute verständlich sind. Unter http://heinrichplatz.bahoebooks.net/ hat Lotzer (der laut Verlagswebsite eigentlich ganz anders heißt, und, wenn er Zeitzeuge ist, was zu vermuten ist, heute Mitte 50 sein dürfte) sehr hilfreiche Text und Videodokumente zu den 45 Abschnitten zusammengestellt.

Das Buch ist dort stark, wo Lotzer, bzw. Paul Unwissenheit und Unsicherheit zulässt, ja von Melancholie angesichts der eigenen „Niederlagen“ und des gesellschaftlichen Trends der postmoderner Individualisierung berichtet. Hier hätte wirklich Neues erzählt werden können. Oft gleiten diese Passagen dann aber in exotisierende Beschreibungen von Reisen nach Rom oder an die baskische Atlantikküste ab. Wie Paul seine nicht zuletzt durch politische Entwicklungen verursachten Krisen verarbeitet, und so oder dadurch dann seine politische Ethik und sein Engagement aufrechterhalten kann, wird nicht wirklich deutlich.

Zwei große, erst recht für das sich widerständig dünkende Leben grundlegende Bereiche fallen ebenfalls durch Abwesenheit auf: Da wäre zum einen die Ökonomie. Außer von einem relativ bequemen Job in Nachtschicht bei der Post zu Anfang der 1980er Jahre kommt die Einkommenssicherung jenseits von Ladendiebstahl nicht vor. Zweitens: Paul ist heterosexuell und außer einer wirren „Beziehung“ zu einer Frau namens Cora, über die der Leser und die Leserin kaum etwas erfährt, kommen Frauen im Roman im Grunde nicht vor. Freundschaften gibt es nur zu Männern; ob diese aber wirklich tragfähig und von Dauer sind, erschließt sich nicht.

In den Schilderungen der Straßenmilitanz und des Lebens in den besetzten Häusern ist das Buch stark, in der Zeichnung des Empfindens und der Motivation des Protagonisten in meinen Augen eher schwach. Der Roman ist aber eines der wenigen Beispiele, in denen das Leben in der radikalen Linken überhaupt literarisch verarbeitet wird, und schon alleine deswegen wichtig (1).

Bernd Hüttner

(1): Einige weitere Beispiele mit Stand 2007 (!) finden sich auf „Für eine ´Geschichte von unten` der radikalen Linken – Literaturempfehlungen“.

Techno Studies

Kim Feser / Matthias Pasdzierny (Hg.)
Techno Studies. Ästhetik und Geschichte elektronischer Tanzmusik
b_books 2017
248 Seiten
20 Euro
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In den 1990er Jahren schieden sich akademische und andere Geister an der seinerzeit immer populärer werdenden ,Maschinenmusik‘ Techno und den damit einhergehenden sozialen Praxen. Während die Musikwissenschaft die repetitiven Patterns und neuartigen popmusikalischen Sounds nur in Ausnahmefällen überhaupt einer näheren Betrachtung für wert befand, um sie dann etwa als „reizlos“ abzutun (Jerrentrup 1992), bot die Jugendkultur Techno der Kulturwissenschaft und Soziologie ein weiteres, offensichtlich willkommenes Untersuchungsfeld (u.a. Poschardt 1995, Klein 1999, Hitzler/Pfadenhauer 2001).

Auch die Technoszene selbst zeichnete sich in Teilen durch ein hohes Maß intellektueller Reflexion aus, die zunächst zumeist in diversen szeneinternen Magazinen ihren Niederschlag fand. Mit Techno (Anz/Walder 1995) lag darüber hinaus bereits recht früh ein bemerkenswertes Kompendium vor, in dem Szene-Protagonisten die Geschichte und den seinerzeitigen Status von Techno aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Zugängen darstellten.

Die unlängst erschienene Publikation Techno Studies: Ästhetik und Geschichte Elektronischer Musik (Feser/Pasdzierny 2016) greift nicht nur die Covergestaltung von Techno auf, sondern auch dessen zugrunde liegende Konzeption[1]. Allerdings beschäftigen sich viele der Beiträge in Techno Studies mit methodologischen Problemen bei der Erforschung und Darstellung des Phänomens Techno und stellen insofern Reflexionen bisheriger Reflexionen des Genres und seiner Protagonisten dar, was zu begrüßen ist.

Die wissenschaftliche Arbeit der Rekonstruktion und Interpretation lebensweltlicher Phänomene, aber auch die Reflexion so erarbeiteter Darstellungen, basiert notwendigerweise vielfach auf unterschiedlichsten Quellenmaterialien. Daniel Schneider, Mitarbeiter des Berliner Archivs der Jugendkulturen, erläutert in dem Artikel Party im Schuber (Schneider 2016) seine diesbezüglichen Aktivitäten. Dabei wird deutlich gemacht, dass einerseits eine Anbindung von Forschenden an die Technoszene sehr hilfreich ist, anderseits aber gerade bei kritischer Forschung eine neutrale Position gegenüber deren verschiedenen Fraktionen und entsprechenden Auseinandersetzungen geboten erscheint (92 f.).

Die akademische Beschäftigung mit Techno sowie den damit einhergehenden sozialen, kulturellen und körperlichen Praxen lassen sich unter dem Label ‚Electronic Dance Music Culture Studies‘ (EDMCS) subsumieren. Dieser Ansatz geht mit einem allgemeinen „practice turn“ der Humanwissenschaften einher, wie Rosa Reitsamer in ihrem Beitrag Die Praxis des Techno (Reitsamer 2016) betont. Die Nähe von Forschenden zum jeweils untersuchten Phänomen, etwa durch die Methode der teilnehmenden Beobachtung, bietet einerseits Chancen, immenses, teilweise internes Wissen zu erlangen, kann aber zu methodologischen und ethischen Problemen führen, was ein klassisches, aber wohl reflektiertes Dilemma der Ethnographie darstellt (Bernhard 2011: 256 ff.).

Mit Hilfe von vier Interviews mit Forschenden weist Luis-Manuel Garcia in seinem Artikel Anonym, verkörpert, anders (Garcia 2016) in Techno Studies auf weitere oder zumindest intensivierte Problematiken ethnographischer Feldarbeit in queeren Szenen hin. Deren spezifische Bedingungen erfordern teilweise neue Forschungsmethoden. Darüber hinaus plädiert Garcia, mit Bezug auf Eve Kosofsky Sedgwick (2003), überzeugend für die Anwendung eines Konzeptes der ,schwachen Theorie‘, das die jeweiligen lokalen und sozialen Kontexte beachtet und detailliert untersucht[2].

Die Oral History stellt ebenfalls die erwünschte Nähe zum Untersuchungsgegenstand durch Interviews mit Zeitzeugen her. Mehrere Veröffentlichungen der letzten Jahre (Teipel 2001, Denk/von Thülen 2012, Esch 2014) haben diesen Ansatz publikumswirksam auf die historische Darstellung populärer Musik übertragen, wurden allerdings auch kritisch betrachtet (Kaul 2015). Die TV-Dokumentation We Call It Techno!‘ rekonstruiert mit Hilfe einer Montage von Zeitzeugeninterviews den Beginn von Techno in Berlin. Julia Keilbach (2016) weist in ihrem Artikel in Techno Studies zurecht darauf hin, dass auch in diesem Film die Auswahl und Anordnung der Interviewausschnitte letztendlich lediglich ein bereits bestehendes Narrativ des ,versteckten‘ Autors illustrieren (Keilbach 2016: 97). Dieses blendet überdies die internationale Dimension von Techno und die Rolle homosexueller Akteure nahezu aus (101 f.). Durch die gewählte Form der Montage und die kurze Dauer der jeweiligen Passagen werden die methodischen Vorgaben der Oral History nicht erfüllt (97 f.), sodass eine durchaus gegebene Chance zu einer nüchterneren Rekonstruktion dieser immens wichtigen und spannenden Frühphase der Techno-Geschichte nicht genutzt worden ist.

Auch in Matthias Pasdziernys hervorragendem Artikel ‚Das Nachkriegstrauma abgetanzt‘? finden sich Hinweise auf bestehende Problematiken bezüglich der Aussagen von Zeitzeugen. Pasdzierny skizziert, wie zunächst Artikel in massenmedialen Formaten die hedonistische Techno-Bewegung und das Event der Loveparade als Absage an die Traumata der deutschen Geschichte und als Beginn einer neuen, ,gereinigten‘ deutschen Identität interpretierten (Pasdzierny 2016: 115 ff.). Dieses Narrativ scheint nachfolgend jedoch auch die Erinnerung von damaligen Protagonisten erheblich beeinflusst zu haben, was mit dazu beitrug, dass Techno ein, mittlerweile selbstverständlich wirkender Bestandteil des ,Soundtracks der Wende‘ werden konnte (siehe u.a. Denk/von Thülen 2012).

Neben Trance erwies sich Minimal als weiteres Technosubgenre in Deutschland als besonders wirkungsmächtig und erscheint dadurch zugleich vielfach als ,deutsch‘ konnotiert. Diese Entwicklung und Diskurse um ,Minimal‘, als Genre-Präfix oder auch ästhetisches Paradigma jeglicher elektronischer Populärmusik, werden von Sean Nye in seinem sehr interessanten Artikel Von ,Berlin Minimal‘ zu ,Maximal EDM‘ (Nye 2016) kritisch betrachtet. Der Film Fraktus (Germany 2012) erzählt einen offensichtlich ,gefaketen‘ Mythos vom Ursprung des Techno im Kontext der experimentelleren Varianten der Neuen Deutsche Welle (NDW). Trotz des fiktionalen Charakters des Films ist diese These nicht ganz so abwegig, wie sie zunächst vielleicht erscheinen mag, zumindest aus heutiger Perspektive betrachtet. Dies wird im Gespräch der Musiker Jacques Palminger and Carsten Meyer, aka Erobique in Fraktus – ein Techno-Mythos (N.N. 2017: 139 ff.) deutlich.

Barbara Volkwein legte 2003 mit What´s Techno eine erste umfassendere deutschsprachige musikwissenschaftliche Arbeit zu diesem Genre vor. In ihrem Beitrag Klangzeitgeschehen (Volkwein 2017) beschreibt sie nun im Rahmen von Techno Studies ihr heutiges musikwissenschaftliches Konzept. Angesichts der methodologischen Probleme bei der Analyse von Techno-Tracks schlägt sie eine Kombination von traditionellen und neuen Methoden vor, wobei zu den letzteren auch die teilnehmende Beobachtung und die Beschreibung von Sounds und klanglichen Texturen gehört[3].

Die Richtigkeit dieser Herangehensweise an das für Techno zentrale, aber für die Musikwissenschaft bisher analytisch problematisch bleibende Phänomen Sound wird von dem Artikel Boomende Bässe der Disco- und Clubkultur (Papenburg 2016) bestätigt und um zusätzliche Aspekte erweitert. Jens Gerrit Papenburg weist zunächst völlig zurecht auf die immense Bedeutung von Klub-Anlagen und anderen technische Aspekte, wie etwa das Schneiden von Maxi-Singles, für die Reproduktion und Rezeption von Dance Musik seit den 1970er Jahren hin, die sich auch in der Produktion von Tracks niederschlagen. Die,aus diesen technischen Spezifika resultierenden  körperlichen Aspekte des ,Klub-Erlebnisses‘ werden im Rahmen konventioneller musikwissenschaftlicher Analyse nicht wahrgenommen, wodurch zugleich ein zentraler ästhetischer Aspekt dieser Art von Musik ignoriert wird (195).

Bei der Produktion von Techno und anderen Stilen elektronischer Populärmusik spielten Sequenzer, die repetitive Pattern (,Loops‘) erzeugen, von Anbeginn an eine zentrale Rolle, woraus sich auch ästhetische Implikationen ergeben. Mitherausgeber Kim Feser weist in seinem Beitrag Ein Sequenzer kommt selten allein (Feser 2016) darauf hin, wie etwa Moog- Synthesizer oder die Drum-Machine Roland 808 und insbesondere deren Kombination die bestehenden Unterscheidungen zwischen Musikern, Instrumenten und Maschinen sowie zwischen Komposition und technisch generierten Prozessen oder zwischen digitaler Software und analoger Hardware in Form von elektronischen Instrumenten  verwischen. Die Stile der elektronischen Populärmusik sind gekennzeichnet durch ein komplexes Wechselspiel zwischen technischen Innovationen, ästhetischen Diskursen und einer musikalischen Praxis (235), die auch ,falsche‘ Verwendung von ,Geräten‘ impliziert (232).

Insofern kann dieser Art von Musikproduktion, zumindest teilweise, auch als experimentell bezeichnet werden, was im Artikel Kreuzmodulationen (Goldmann 2016: 162) deutlich wird. Goldmann unternimmt an dieser Stelle den höchst interessanten Versuch, eine Techno-Ästhetik zu skizzieren, die auf der auditiven Wahrnehmung des musikalischen Materials basiert. Dessen Ausgangsmaterial wird, im mittlerweile als ,klassisch‘ zu charakterisierenden Ansatz, vor allem durch ein jeweils gewähltes ,line-up‘ verschiedener elektronischer Instrumente erzeugt und mit Hilfe von Filtern, Effekten sowie mit Hilfe der FM-Synthese umfangreichen Sound-Manipulationen unterzogen.

Während Stefan Goldmann auf die theoretischen Konzeptionen des neuronalen Lernens Bezug nimmt, zieht Martha Brech in ihrem Beitrag Zwischen den Ohren (Brech 2016) erneut die mittlerweile wohl mehr als bekannte Verbindungslinie zwischen dem Musikstil Techno und der poststrukturalistischen Philosophie von Gilles Deleuze and Félix Guattari (Deleuze/ Guattari 1997), die explizit durch die Aktivitäten des Frankfurter Labels Mille Plateaux propagiert worden ist. Diese Art von höchst konzeptionell angelegtem Techno und die umfassende theoretische Reflexion seiner vorgeblich ,deterritorialisierenden‘ Effekte hatte ihre Hochzeit in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre. Heutzutage böten denn auch das Genre Glitch Hop und nachfolgende Entwicklungen sicherlich geeignetere Forschungsobjekte für derart basierte musikästhetische Überlegungen.

Diedrich Diederichsen verweist in seinem Beitrag Vom Ereignis erzählen (Diederichsen 2107) auf eine oft angenommene gegenkulturelle Dimension von Techno. Dabei sieht er insbesondere den Aspekt der körperlichen Erfahrung in einer psychedelischen, zumindest nicht explizit politischen Tradition der 1960er Jahre.

Der Kulturwissenschaftler Jochen Bonz geht in seinem Artikel Am Nullpunkt der Identifikation (Bonz 2017) der höchst interessanten Frage nach den ,Bedeutungen‘ der überwiegend instrumentalen Musik Techno nach. Dem bereits erwähnten poststrukturalistisch inspirierten Interpretationsansatz einer alternativen Identifikation des Subjektes und dessen potentieller Befreiung mittels Techno ( Gilbert/Pearson 1999) stellt er die These gegenüber, dass gerade Techno flüchtige Formen der Identifikationen anbietet, die mit seiner semantischen und semiotischen Offenheit korrespondieren (Bonz 2016: 47 ff.).

Demgegenüber ließe sich aus musiksoziologischer Sicht sicherlich einwenden, dass sich zahlreiche Protagonisten der Techno-Szene sehr wohl längerfristig mit bestimmten Künstlern, Tracks, Labels oder auch Klubs dieses Bereiches identifizieren. Dass Techno denn auch längst nicht so fernab genereller Konventionen Populärer Musik ist, wie gelegentlich behauptet und in Techno Studies teilweise wiederholt wird, macht der Artikel Kommunikative Strategien und Ideologien von Liveness bei Laptop-Performances (Butler 2016) deutlich. Dort analysiert der Musikwissenschaftler Mark Butler, wie durch die Performance von DJs die bekannte Kategorie ,Authentizität‘ auch im Bereich elektronischer Populärmusik reaktualisiert wird.

Rosa Reitsamer weist in ihrem Artikel, dies ergänzend, völlig zurecht darauf hin, dass das körperliche Agieren von DJs im Klub ebenso Teil ihres subkulturellen Kapitals (Thornton 1995) ist wie etwa ihr Wissen um das jeweilige Genre oder die ,Selection’ ihrer Sets. All dies muss im Kontext bestehender Szene-Hierarchien sicherlich kritisch gesehen werden, die insbesondere mit der Kategorie ‚Gender‘ einhergehen (Reitsamer 2016: 32 ff.).

Schon früh etablierte und gelegentlich noch immer anklingende ,Techno-Ideologien‘ einer egalitären und prinzipiell widerständigen Szene erscheinen als vor allem durch den jeweiligen politischen Standpunkt geprägte Projektionen von Protagonisten, die gerade durch szeneinterne Medien verbreitet worden sind (u.a. Laarmann 1994) und wohl auch von manchem Analysten allzu unkritisch aufgegriffen wurden. Des Weiteren führt eine leider ebenfalls nicht selten anzutreffende, unzureichende Wahrnehmung und Reflexion des afro-amerikanischen Ursprungs von House und Techno zu Fehlinterpretationen. Bei Beachtung dieser Traditionslinie erscheinen denn auch musikalische Charakteristika, wie repetitive Patterns oder intensive Soundmanipulationen, weder als reines Ergebnis neuer technischer Möglichkeiten oder gar als plötzlicher Bruch in der Musikgeschichte, sondern vielmehr als zentrale stilistische Merkmale, die auch in Genres wie etwa Rhythm’n’Blues, Funk, Disco oder Hip-Hop zu finden sind.

Trotz dieser kritischen Anmerkungen zur bisherigen Reflexion über Techno, stellt die Publikation Techno Studies: Ästhetik und Geschichte Elektronischer Musik (Feser/ Pasdzierny 2016) sicherlich einen sehr wichtigen neuen Beitrag zu einem kritischen Diskurs rund um Genres dar, die auch unter dem – mittlerweile nicht mehr unproblematischen (Rietvield 2013: 2 f.) – umbrella term EDM (Electronic Dance Music) subsumiert werden[4].
Anmerkungen

[1] Der DJ, Journalist und langjähriger Herausgeber der De:Bug Sascha Kösch ist überdies als Autor in beiden Veröffentlichungen vertreten.

[2] Dieser Ansatz erscheint allerdings nicht nur im Zusammenhang mit der ethnographischen Forschung in queeren Szenen sinnvoll.

[3] Irritierend wirkt allerdings, dass der Untertitel von Volkweins Artikel „Werkanalyse elektronischer Clubmusik“ (Volkwein 2016: 171) lautet. Hier mag der Begriff der Werkanalyse in rhetorischer Absicht verwendet worden sein, allerdings geht ja auch aus dem Beitrag hervor, dass die traditionellen Analysekriterien der Musikwissenschaft, die eben an ,Werke‘’ wie etwa Symphonien entwickelt wurden, unzureichend sind. Daher scheint es geboten, auch terminologisch die Eigenständigkeit popmusikalischer Analytik zu betonen und in diesem Zusammenhang den ideologisch überfrachteten Begriff des ,Werkes‘ außen vor zu lassen, zumal sowohl Produktion und Rezeption elektronischer Clubmusik denn auch erhebliche Unterschiede zu der von ,Werken‘ aufweist. Interessanterweise spricht dann auch Martha Brech im Untertitel ihres Artikels von „konzertante[m] und hörorientierte[m] Techno“ (Brech 2016: 183). Auch dies ist missverständlich, da Techno auch als ,reine’ Tanz- und Clubmusik zweifelsohne auditiv wahrgenommen wird. Darüber hinaus haben die Veröffentlichungen des Labels Mille Plateaux, auf die Brech sich bezieht, nur höchst bedingt jenen ,konzertanten‘ Charakter, den die Neue Musik von Karlheinz Stockhausen und anderen, in der europäischen Kunstmusiktradition stehenden Komponisten, auszeichnet.

[4] Hillegonda Rietvield weist völlig zurecht darauf hin, dass der Begriff EDM mittlerweile eine kommerziell motivierten stilistischen Verengung erfahren musste (Rietvield 2013: 2 f.).

Timor Kaul

Die Rezension erschien zuerst inklusive einer ausführlichen Literaturliste auf der Webseite der Pop-Zeitschrift.

Queer Classics Pt. II

Im Rahmen unseres Projekts DIVERSITY BOX geht es weiter mit unserer Veranstaltungsreihe Queer und Popkultur.

Wir freuen uns auf die zweite Runde zu queeren Büchern und vor allem freuen wir uns wieder auf einen Abend mit Elisabeth R. Hager und Tania Witte.

Diesmal mit dabei: Jugendbücher von David Levithan, die Biographie „Tranny“ von Laura Jane Grace, Klassiker von James Baldwin und Rita Mae Brown, heiß Diskutiertes von Hanya Yanagihara und ein Seitenblick in die griechische Antike – die Schrifstellerinnen Elisabeth R. Hager und Tania Witte machen sich auf die Suche nach queeren Momenten in der Literatur.

Datum // Zeit: 18.5.2017, 19 Uhr

Ort: Archiv der Jugendkulturen, Fidicinstr. 3 (Haus A), 10965 Berlin

Eintritt frei.

ÜBER DIE AUTORINNEN:

Elisabeth R. Hager, * im Herbst 1981 in Tirol, lebt als freie Autorin und Klangkünstlerin in Berlin, Neuseeland & Tirol. 2012 erschien ihr Romandebüt „Kometen“ (Milena Verlag). 2014 folgte das Hörspiel „Der Knochen“, bei dem sie auch Regie führte & sprach. In Kürze erscheint ein neuer Roman. Bis dahin organisiert sie Kulturfestivals wie die SPÄTI BIENNALE, formt auf ihrem Blog Wörter zu neuen Möglichkeiten und liest mit Vorliebe queere Literatur.

Tania Witte lebt in Berlin. Die Schriftstellerin, Journalistin und Spoken-Word-Performerin veröffentlichte bisher drei Romane, eine Anthologie sowie diverse Essays und Kurzgeschichten. Sie schreibt unter anderem für „taz“, „ZEITmagazin“ und „Missy Magazine“, leitet Workshops zu Poetry Slam / Spoken Word, Kreativem Schreiben und Identität und ist Teil diverser künstlerischer interdisziplinärer Kooperationen. Im kommenden Jahr erscheint ihr erstes Jugendbuch.

Gender and Black Revolutionaries – Queer History Month meets Black History Month

Eine Kooperation zwischen Diversity Box und der Nelson-Mandela-Schule

Queer History Month im Februar? Ist da nicht auch Black History Month? Für die Schüler*innen der Nelson-Mandela-Schule war daher klar: ein Projekt mit Ihnen soll beides berücksichtigen – schwarze und queere Geschichte in Berlin. Die Grundidee war geboren. Im Rahmen einer Kick-Off-Veranstaltung wurde in Zusammenarbeit mit Giuseppina Lettieri und Tino Kandal vom Projekt Diversity Box des Archiv der Jugendkulturen e. V. aus der Idee ein Projekt für den Queer History Month 2017.

Die Schüler*innen suchten sich nach dem ersten Treffen acht queere und/oder schwarze Personen aus, die sie für revolutionär in ihrem Denken und Handeln halten und recherchierten dazu Orte in Berlin, die mit den Personen in Verbindung stehen. Die Wahl der Schüler*innen fiel auf: Gertrude Sandmann, May Ayim, Klaus Wowereit, Magnus Hirschfeld, Marlene Dietrich, Christopher Isherwood, Audre Lorde und David Bowie. Zu allen Personen wurden daraufhin Portrait-Schablonen angefertigt. In einem Diversity Box Street-Art-Workshop im Januar lernten die Jugendlichen, wie die Schablonen ausgeschnitten und dann auf die Platten gesprüht werden.

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Street-Art-Workshop im Archiv der Jugendkulturen e. V.

Mit dem Street-Art-Kunstwerken im Gepäck ging es dann im Februar zum Videodreh nach Schöneberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte. An den acht ausgewählte Orten, die in Verbindung mit den jeweiligen Personen stehen – ob Geburtshaus, Wohnort oder Wirkungsstätte – trugen die Schüler*innen eigene Statements vor und führten darüber hinaus noch Passant*innen und Expert*innen-Interviews durch.

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Videodrehtage in Schöneberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte

Das Ergebnis dieser schönen Kooperation ist ein 30-minütiger Videofilm zu „Gender und Black Revolutionaries“ in Berlin.

Ein großer Dank geht an die Schüler*innen der GenderSexuality Alliance der Nelson-Mandela-Schule und deren Lehrer Christopher Langhans, an Vicky Kindl und Saskia Vinueza für die inhaltliche und organisatorische Unterstützung des Projekts sowie Conny-Hendrik Kempe-Schälicke von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft.

Giuseppina Lettieri  (Projektleitung„Diversity Box“; http://www.diversitybox.jugendkulturen.de)

Unter dem Radar

Jan-Frederik Bandel/Annette Gilbert/Tania Prill (Hrsg.)
Unter dem Radar. Underground- und Selbstpublikationen 1965-1975
Spector Verlag 2017
368 Seiten
38 €

unter-dem-radar_9783959050326_295.jpgAb Mitte der 1960er Jahre ermächtigen sich viele „Amateure“ zu AutorInnen, DruckerInnen, Grafiker- und VerlegerInnen. Beginnend im englischsprachigen Raum entsteht eine unübersichtliche, unübersehbare und jedenfalls bunte Landschaft an Undergroundpublikationen. In der Bundesrepublik werden sie schnell zum Vorbild.

Die in der Regel im Selbstverlag und –vertrieb erscheinenden Printprodukte sind Teil der ästhetischen und politisch-kulturellen Revolte dieses Jahrzehnts. Der Literaturwissenschaftler Jan-Frederik Bandel hat nun eine umfangreiche Publikation zusammengetragen, die keinen bibliografischen Anspruch hat, dieser wäre auch kaum umsetzbar. Er verfolgt in dem durchweg vierfarbigen und großformatigen Band (25 x 34 cm) auch keine thematische oder chronologische Sortierung der Titel, sondern illustriert 20 mit kurzen Texten versehene Stichworte mit Covern und Beispielseiten aus den Publikationen. Die Stichworte lauten z.B. Ikonen, Pornographie, Eindeutigkeit, Theorie oder Schneiden/Kleben und es ist nicht immer klar, warum gerade welche Quelle als Illustration in welchem Stichwort erscheint. Inhaltlich geht es von Esoterik über Literatur bis zu Themen radikaler Gesellschaftskritik oder gesunder Ernährung; um Pop und Politik, um den eigenen Bauch und die fundamentale Ablehnung des und den Überdruss am Bestehenden.

Bibliografisch sind diese Titel in Deutschland bisher nicht erschlossen. So finden sich auch in dem hier vorliegenden kaum Angaben zum Erscheinungszeitraum einzelner Titel, während in den USA oder Großbritannien, dies zeigt das eindrucksvolle und sehr hilfreiche Literaturverzeichnis, dieses Feld bereits erforscht ist und wird. Die HerausgeberInnen haben vor allem Publikationen aus Deutschland aufgenommen, aber auch aus den Niederlanden oder den USA.

Die Leserin bekommt einen sehr guten optischen Eindruck von diesem Jahrzehnt und den damals praktizierten Schreib- und Gestaltungsstilen. Eine quantitative Untersuchung steht aber weiterhin aus und ist bisher nur verstreut in damals in den Veröffentlichungen selbst abgedruckten Listen mit Titeln und Adressen möglich. Die sogenannte Alternativpresse bildet sich erst am Ende des hier untersuchten Zeitraums, nicht zuletzt aus dem Zerfall und Wandel der aus „1967/68“ resultierenden Bewegungen. Die Publikation entstand aus einer Ausstellung in Bremen (Oktober 2015-Februar 2016). (Link zum Bericht).

Bernd Hüttner

Dieser Text erschien zuerst auf der Webseite der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Wenn Pop Geschichte wird

Mittelweg 36 – Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung
Wenn Pop Geschichte wird
Heft 4-5 / Oktober/November 2016
204 Seiten
18 €

pop_m36_c.jpgPop- und Rock-Musik ist ein zentraler Faktor des politischen und kulturellen Umbruchs der 1960er Jahre gewesen. Mittelweg 36, die seit Ende 1992 erscheinende Hauszeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung hat nun einem Doppelheft sieben Artikel und ein Interview unter der Titelaussage Wenn Pop Geschichte wird zusammengestellt.

Der Beitrag von Detlef Siegfried ist mit 44 Seiten der umfangreichste. Er fragt anhand vieler Quellen nach dem Gebrauchswert der damals gängigen These, Rockmusik sei der (amerikanischen) Gegenkultur entsprungen oder historisch sonst irgendwie „von unten“ gekommen. Dies wird anhand der in den 1970er in deutschen linken Medien geführten grundsätzlichen und auch schon: Ausverkaufsdebatte und v. a. am Beispiel von Bob Dylan beispielhaft nachvollzogen. Der Bogen reicht bei Siegfried vom (angeblich besonders authentischen) Blues, Reggae und Folk über die „Umsonst und Draußen-“ oder „Rock gegen rechts“-Festivals bis zum Fremdeln der Sponti-Linken mit dem Punk am Ende des Jahrzehnts.

Diese Authentizitätsvorstellung und die damit verbundene Emanzipationserwartung wird auch in anderen Beiträgen kritisch aufgegriffen. Der Beitrag „Fliegende Klassenfeinde“ von Jens-Christian Rabe (Süddeutsche Zeitung) mit dem etwas sperrigen Untertitel Affirmation als Subversion oder die Geburt der deutschen Poptheorie aus dem Verdruss über linksalternativen Authentizitätskult und Schweinerock ist open access (PDF hier).  Klaus Nathaus unterzieht einige historiografische Annahmen über Popkultur einer Kritik. Isabel Richter untersucht das widersprüchliche Feld, in dem in den 1960er und 1970er Jahren Pop, Drogen und östliche spirituelle Lehren wie Zen oder Yoga im globalen Nordwesten in einer semi-religiösen Bricolage zusammengeführt wurden. Alexander Simmeth berichtet über Krautrock (Can, Amon Düül), während zwei detaillierte Lokalstudien die Perspektive nochmals weiten: Stefan Krankenhagen schreibt über popkulturelle Orte in Hildesheim, und Joachim Landkammer erzählt anhand einer Band von Rockmusik in der Provinz, im konkreten Fall der unterfränkischen zwischen Bamberg und Schweinfurt. Diese zwei Beiträge sind eine wirkliche Bereicherung, da sie Räume jenseits der urbanen Metropolen untersuchen.

Die Texte sind bis auf das banale Interview mit Wolfgang Kraushaar alle sehr lesenswert und werden durch  die von Kraushaar erstellte Protestchronik (die Rock gegen Rechts im Juni 1979 in Frankfurt/Main zum Thema hat) gut ergänzt. Sie liefern wichtige Impulse zum noch lange nicht auserforschten Verhältnis von „(Gegen-)Kultur“ und Linksradikalismus.

Der mit Heft April 2015 begonnene optische und personelle Relaunch von Mittelweg 36 hat die zwischen Politik-, Geschichts- und Kulturwissenschaften angesiedelte Zeitschrift wieder etwas spannender gemacht. Es bleibt zu hoffen, dass diese sanfte Repolitisierung sich fortsetzt. Notwendig in diesen (düsteren) Zeiten wäre es.

Bernd Hüttner

Dieser Text erschien zuerst auf der Webseite der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Ja, ich habe meine Tage! So What?

Clara Henry
Ja, ich habe meine Tage! So what?
Beltz 2016
196 Seiten
16,95 €

9783407864307.jpgMenstruieren, die Periode haben, bluten, die Tage haben, die rote Lampe leuchtet, Haiwoche haben – all diese Umschreibungen stehen für ein und dasselbe. Obwohl das Thema Menstruation etwa die Hälfte der Weltbevölkerung betrifft, wird darüber immer noch sehr zurückhaltend gesprochen. Auch Werbung übermittelt oft ein verzerrtes, beschönigtes Bild von Menstruation und wirbt für Produkte, die diskreten Schutz versprechen. Clara Henry (22), die erfolgreiche schwedische Bloggerin, hat es sich zum Ziel gesetzt, das Thema Menstruation von Scham und Stigma zu befreien und hat ein ganzes Buch dazu geschrieben. Sie wünscht sich, dass öffentlich nach einem Tampon zu fragen so normal ist, wie nach einem Pflaster zu fragen.

Ich würde das Buch super finden, wenn ich jünger wäre. Als heranwachsende 12- bis 18-Jährige hätte mir das Buch sicher großen Spaß gemacht. Clara Henrys ausschweifende Sprache macht das Lesen anfangs humorvoll, lenkt aber sehr ab und nervt schnell. Sie schreibt so, wie sie in den meisten ihrer YouTube-Videos spricht. Unglaublich gut gelungen sind die Illustrationen von Li Söderberg. Jede Seite ist individuell gestaltet und die Leser*innen werden mit ulkigen Zeichnungen unterhalten: eine blutende Vulva mit Superheld*innen-Umhang, dicke Bäuche und fast auf jeder Seite Bluttropfen. Heranwachsende erfahren, was im Körper während der Menstruation passiert und was Menschen in der Geschichte und in verschiedenen kulturellen Umfeldern gedacht haben, warum Frauen bluten und welche Zuschreibungen und Stigmata daraus entstanden sind. Clara Henry benennt diese ziemlich treffend und überwindet Scham und Ekel, um selbstbewusst und humorvoll mit „den Tagen“ umzugehen. Sie ermutigt Mädchen und Frauen zum Beispiel nicht nur dazu, so oft wie möglich (und nicht nur unter Frauen) offen über ihre Menstruation zu reden, sondern auch mal eine „Tages-Aktivistin“ zu sein. Der Tampon soll dazu auf dem Weg zur Toilette nicht etwa im Ärmel versteckt, sondern beim Gang durchs Klassenzimmer oder Restaurant locker in die Luft geworfen und gekonnt wieder aufgefangen werden. Neben den Fakten und Ratschlägen bekommen die Leser*innen auch eine ganze Menge andere praktische Tipps und Informationen, wie zum Beispiel schlagfertige Antworten auf sexistische Phrasen, wie Frau sich in Notsituationen eine Binde oder einen Tampon selbst basteln kann, wie mit Bluthosen umgegangen werden kann oder auch Lifehacks: also konkrete Methoden, die Frauen umsetzen können, um ein positives Verhältnis zu ihren Tagen zu entwickeln.

Vor allem für junge Frauen bzw. Mädchen ist dieses Buch daher sehr empfehlenswert, weil es erfrischend unverkrampft mit dem Thema Menstruation umgeht und mit so manchen Mythen aufräumt. Ich denke aber, dass auch erfahrenere Frauen in diesem Buch noch etwas für sie Neues erfahren und über die eine oder andere Formulierung der Autorin schmunzeln werden.

Kathrin Fleischmann

Affentanz!

André Bergelt
Affentanz! Sternenstunden eines schlechten Verlierers
Mitteldeutscher Verlag 2015
300 Seiten
12,95 €

Bergelt__Andr____55718977bd8c1.jpg„Ein guter Verlierer zu sein, ist eine Kunst. Eine, die ich ungewöhnlich schlecht beherrsche.“ Mit diesem Zitat beginnt der Autor André Bergelt sein Erstlingswerk „Affentanz!“. Und dieses Zitat steht, wie kein anderes, für das Leben des namenlosen Romanprotagonisten. Auch dieser ist Künstler. DJ um genau zu sein. Allerdings bisher kein sonderlich erfolgreicher. Doch er hat eine klare Vision vor Augen und ein klares Ziel. Ein Auftritt im bekanntesten Club Berlins: Dem Zoo. Dass es sich bei diesem fiktiven Club um eine Anlehnung an das legendäre Berghain handelt, wird auch dem Szenelaien schnell klar. Doch so klar die Visionen des durchaus talentierten  Protagonisten sind, kommt er doch kaum voran bei der Erfüllung seiner Träume. Schnell wird dem*r Leser*in klar, dass er selbst sein größter Feind ist. Denn statt sich auf seine Installation für seinen Durchbruch zu konzentrieren, verbringt er große Teile seiner Zeit als Feiernder in dem Club, in dem er eigentlich selber auftreten will. Er flüchtet sich von einer Beziehung zur nächsten, unfähig lange bei einer*m Partner*in zu bleiben. Dazu kommt sein stetig steigender Drogenkonsum. Doch während er einerseits kaum in der Lage ist, sein eigenes Leben zusammenzuhalten, besitzt er andererseits überraschende Kompetenzen und Durchhaltevermögen, wenn es darum geht, die Probleme seiner ebenfalls leicht verplanten Freund*innen zusammenzuhalten. Ihnen hilft er bei Steuererklärungen oder wenn sie mal wieder Ärger mit dem Gesetz haben. Auch als spontaner Fremdenführer in der Potsdamer Schlösserlandschaft überzeugt er auf ganzer Linie. Als Ausgleich für seine Hilfe pumpt er seine Freund*innen immer wieder um Geld für neues DJ-Equipment an. Selbst hat er keine geregelte Arbeit, sondern hangelt sich stattdessen von einem absurden Nebenjob zum nächsten. Doch während er am Alexanderplatz einem dieser Nebenjobs, Namentlich dem des Grillwalkers, nachgeht, kommt es zu einer Begebenheit, die sein ganzes Leben verändern könnte: Als Dank für eine kleine Gefälligkeit schenkt ihm eine alte Dame einen kleinen, gelben Affenanhänger. Zuerst denkt er sich nicht viel dabei, als er sich den Anhänger um den Hals hängt. Doch als ihm auf einmal Visionen eben dieses Affen erscheinen, ist er doch überrascht. Und der Affe ist nicht still. Stattdessen gibt er dem Protagonisten auf den ersten Blick überaus vernünftige Vorschläge, wie dieser sein Leben wieder auf die Reihe bekommen könnte …

Neben der Musik und den Freund*innen des Protagonisten steht der übertriebene Drogenkonsum in der Clubszene, gerade zum Ende des Buches, immer mehr im Mittelpunkt. Und genau so liest sich auch das Buch: zeitweise berauschend, aber auch nicht immer ganz verständlich. So bleiben vor allem die Motivationen der vielen Nebencharaktere großteils im Dunkeln. Auch ist die Handlung häufig abgehackt, was das Verständnis erschwert. So reihen sich meist unzusammenhängende, kurze Episoden aneinander, durch die sich nur bedingt ein roter Faden zieht. So bleibt auch der Protagonist schwer zu fassen. Was ihn genau in seiner Gesamtheit ausmacht, wird nicht ganz klar, was aber durchaus vom Autor gewollt sein könnte. So gelingt es ihm jedenfalls sehr gut die Stimmung eines kreativen Menschen zu vermitteln, der immer mehr die Kontrolle über sein Leben verliert. Was dem Autor meiner Meinung nach allerdings überhaupt nicht gelungen ist, ist die Rolle des Affen als imaginären Ratgeber. Dessen Ratschläge sind leider weder sonderlich witzig, noch haben sie einen erkennbaren Einfluss auf das Handeln des Protagonisten. Es wirkt fast so, als hätte sich der Autor gezwungen gefühlt, irgendwie noch eine Metapher für die tierische Seite des Protagonisten in die Handlung einzubauen. Genauso unmotiviert wirkt das Ende des Romans auf mich. Nachdem der Protagonist durch sein rücksichtsloses Verhalten nahezu alles verloren hat, an dem ihm irgendwas liegt, wendet sich auf den letzten zehn Seiten auf einmal alles ohne fundierte Erklärung wieder zum Guten.

Der Roman „Affentanz!“ wurde in gewissen Kreisen lange erwartet. Sollte es doch der erste authentische Roman über das Berghain sein. Und der Autor hat definitiv das dafür nötige Fachwissen. Schließlich hat er selbst jahrelang als Türsteher und Kassierer in der Berghain-Kantine, im Suicide Circus oder im Sisyphus gearbeitet. Er kennt sich aus in der Szene. Und es gelingt ihm durchaus das Lebensgefühl der vielen Clubbesucher*innen mit seinen Sonnen- und Schattenseiten zu vermitteln. Aber mehr eben auch nicht. Alles neben den von ihm beschriebenen Clubeindrücken wirkt irgendwie banal und wenig innovativ. Deswegen lautet mein Fazit, dass man nicht automatisch befähigt ist, eine interessante Geschichte zu erzählen, bloß weil man sich mit einem Thema gut auskennt.

Leon Seikat

Leon Seikat kommt aus Berlin und macht gerade sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Archiv der Jugendkulturen.

Play Gender

Fiona Sara Schmidt/Torsten Nagel/Jonas Engelmann (Hrsg.)
Play Gender. Linke Praxis – Feminismus – Kulturarbeit
Ventil Verlag 2016
246 Seiten
18 EUR

play_gender.jpgWer bist Du und wie und mit wem wirst Du sein (wollen)? Im Sammelband „Play Gender“ beschreiben linke Menschen ihre Pläne, Projekte, ihr Durchkommen und Scheitern im „Spiel“ mit dem Geschlecht und mit ihren Erfahrungen mit dem Geschlechterregime – und das ist und war nicht immer ein Vergnügen.

Sexismus ist eine alle Lebenssphären betreffende Ideologie und Praxis. Auch der kritische Kulturbereich ist davon betroffen. Die Herausgeber*innen wollen mit ihrem Buch zu „linker Praxis – Feminismus – Kulturarbeit“ (so der Band „Play Gender“ im Untertitel) historische und aktuelle Perspektiven von und Beispiele für Strategien gegen Sexismus und Diskriminierung aufzeigen.

Meist stehen die Situation und die Strategien von Frauen und Lesben im Mittelpunkt, aber auch queer-feministische Initiativen von Männern* kommen vor, was angesichts einer anhaltend aktuellen, auch gewaltförmigen Schwulenfeindlichkeit und der Tatsache, dass „sensibler Mann“ immer eher ein Schimpfwort ist, mehr als gerechtfertigt ist.

In Artikeln, Interviews, Dokumenten und mehreren Roundtable-Gesprächen geht es unter anderem um Netzfeminismus, (Musik-)Journalismus, Comic- und Dokumentarfilmproduktionen oder Theater und Tanz unter prekären Bedingungen. Weitere, mehr an einem Ereignis festzumachende Praktiken sind Ladyfeste, feministisches DJ-ing, Slutwalks oder das „Macker Massaker“ im Autonomen Zentrum Mülheim an der Ruhr. Ein wichtiger Beitrag schreibt die Geschichte der linksradikalen und profeministischen Männerbewegung der letzten 25 Jahre. Den historischen Blick greift auch ein Beitrag auf, in dem Teile des anonymen Herausgeber*innenkollektivs des 2013 erschienen Fantifa-Buches über die feministische Organisierung in der Antifa der 1990er Jahre berichten. Eine Autorin aus dem „Conne Island“ schreibt über die internen Strukturen und Debatten dieses über Leipzig hinaus relevanten linksradikalen Polit- und Kulturzentrums.

Sehr ernüchternde Erkenntnisse enthält ein Beitrag der AG Queerfeminismus der Interventionistischen Linken (IL) Berlin. Diese stellt in einer Selbstbefragung fest, dass auch in der (radikalen) Linken Erschöpfung, Krankheit (und Kinder) weiterhin individualisiert würden, viele sich mehr Kollektivität wünschen, diese aber nicht realisieren (können). Der Text stammt allerdings aus 2012/2013 und seitdem hat sich die Situation womöglich etwas gebessert, nicht zuletzt durch die stärkere Thematisierung von Care-Arbeit.

Engagiert und organisiert wird sich an vielen Orten und zu vielen Themen. Das zeigt diese Textsammlung. Und genau das motiviert, weiterzugehen, Allianzen zu schmieden und Neues zu entdecken. Ein Wort sei aber zum Titel des Buches ergänzt: „Play Gender“ – was bedeutet das? Für wen? Nun mag es zwar richtig sein, mit Geschlechterrollen zu spielen (und das ein solches Herangehen auch gut tut und voranbringend sein kann, zeigen einige Beiträge), aber ein „Spiel“ ist das Geschlechterregime definitiv nicht. Es weist jeden Tag Chancen zu, und nimmt sie anderen, nicht zuletzt auf dem Arbeitsmarkt, der im Hintergrund Thema des Buches ist.

Bernd Hüttner

(diese Rezension wurde zuerst unter der Überschrift „Feminismus, Kulturarbeit und Patriachat“auf terz.org veröffentlicht)

Oh Yeah! Popmusik in Deutschland

Das Focke-Museum in Bremen zeigt eine Ausstellung zur Geschichte der deutschen Popmusik. In fünf Abteilungen wird ein grober Überblick über die Entwicklung seit Mitte der 1920 Jahre gegeben. Wer dort beginnen und chronologisch vorgehen will, sollte hinten, am dem Eingang entfernt liegenden Teil der Ausstellung starten.

Ihr Kern sind die jeweiligen Hörstationen, über die 90 typisch deutsche Songbeispiele präsentiert werden. Neben den Textinformationen werden auf 450 Quadratmetern 200 Kostüme, technisches Equipment und andere Erinnerungsobjekte ausgestellt. Den Anfang bilden die wilden Jahre im Berlin der 1920er und die sog „wilden Cliquen“ der oppositionellen Jugendkulturen der Swing-Jugend und der Edelweißpiraten während des Nationalsozialismus. In der Zeit vor 1968 ist dann eher noch die heile Welt der Nachkriegszeit zu bestaunen: Freddy Quinn, Heintje (!), Caterina Valente und Peter Alexander werden hier unter Popmusik verhandelt, was im ersten Moment aus heutiger Sicht etwas komisch wirkt, aber wohl auch wahre Anteile hat.

Die mit reichlich Hörbeispielen und Filmschnipseln versehenen Stationen der jüngeren Vergangenheit behandeln unter anderem Gothic, New Wave und Neue Deutsche Welle, Punk und Rap im Westen und in der DDR, Open-Airs und Festivals oder Techno. So sind Rammstein, die Avantgardegruppe Einstürzende Neubauten und Text und Filmschnipsel aus 1970 der linksradikalen Polit-Rocker „Ton Steine Scherben“ in einem Kasten zusammengefasst. Seichteres wird ebenfalls präsentiert etwas Nena oder Markus („Ich geb Gas, ich will Spaß“). Eine Vertiefung informiert über den Beat-Club von Radio Bremen, der von 1965 bis 1972 gesendet wurde und erstmals (!) englische KünstlerInnen im Fernsehen präsentierte.

1586.jpg©Focke-Museum | Martin Luther

Die Ausstellung beruht auf einem Konzept des Berner Museum für Kommunikation und wurde von einem Bremer Team erstellt. Sie kann (unbeabsichtigt) jüngeren BesucherInnen vermitteln, wie spießig weiteste Teile der kulturellen Öffentlichkeit selbst Ende der 1960er Jahre noch waren, und ebenso, wie in Ost und West entschärfte und durchkommerzialisierte Formen auf den Markt kamen, wenn ein musikalischer Trend nicht mehr aufzuhalten war. Machte Peter Kraus im Westen einen auf Rock ‘n-Roll und Halbstarker, versuchte die DDR zeitgleich den dort erfundenen Lipsi als systemkonformen modernen Tanz gegen den Rock ‘n-Roll zu etablieren. Sie zeigt weiter anschaulich, dass ab den beginnenden 1960ern verschiedene Musikkulturen nebeneinander existierten – heute dürften es dutzende sein. Am auffälligsten ist aber, dass Pop hier anscheinend nichts mit Drogen oder Sexualität zu tun hat, Drogen werden nur für das wilde Berlin der Weimarer Zeit erwähnt. Dass Pop immer auch ein Projekt im Zuge sexueller Befreiung war, bleibt unerwähnt. Eine Befreiung, die freilich im Rahmen des Konsumkapitalismus stattfand und erst einmal den Männern zugutekam, in deren Windschatten aber auch Frauen neue Freiräume erstreiten konnten.

Pop hat neben der technischen Entwicklung (Fernsehen, Radio, Kassette, CD, Walkman) viel mit der Biographie des Betrachters zu tun, und so ist die Ausstellung an einem Sonntagnachmittag gut besucht. Das Altersspektrum reicht von sieben bis 77 und einige ältere Semester wippen an den Hörstationen verträumt mit den Füssen. Mir ging neben den unvergesslichen „Scherben“ ein Mitschnitt aus dem DDR-Fernsehen am besten rein, den ich vorher gar nicht kannte: Hier performt die Electric Beat Crew, die bekannteste HipHop-Band in der DDR, ihr Lied „go go“ (hier auf soundcloud).

In Bremen ist die Ausstellung so aufgebaut, dass die Besucherin direkt am Eingang in der Gegenwart beginnen muss und sich dann in die Vergangenheit vor- bzw. zurückarbeitet. Das ist gewöhnungsbedürftig. Ein Thema wie Popmusik in einer Museumsausstellung einzufangen, ist sicher eine Herausforderung. Hier ist es nur halb gelungen, insgesamt wirkt die Präsentation des Themas leicht steril, eher wie ein Gemeinschaftskundebuch mit Hörbeispielen, trotz des teilweisen wilden Inhalts. Neue Besucherschichten anzusprechen, die vielleicht sonst nicht in ein Museum gehen, dürfte dem Focke-Museum mit diesem Projekt aber gelungen sein.

Oh yeah! Popmusik in Deutschland, noch bis 16. Juli 2017
Focke-Museum – Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte
Schwachhauser Heerstraße 240
28213 Bremen
Di 10 bis 21 Uhr, Mi bis So 10-17 Uhr

Die Ausstellung wird ab August 2017 in Frankfurt, und danach noch in Berlin, Leipzig und Stuttgart zu sehen sein.

Bernd Hüttner (Bremen)

Zine of the Day: ALEX #9 – Privacy and Persona (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Vorderseite von Alex #9 - Privacy And Persona

Vorderseite von Alex #9 – Privacy And Persona

Alex #9 ist ein unglaublich persönliches Zine. Über Privatsphäre. Wie geht das zusammen: Verborgen bleiben wollen und fast intime Zines schreiben? Autor_in Alex/Anne tastet sich an eine Antwort heran, ob die Öffentlichkeit, in die ein Mensch mit seinem Zine tritt, mit dem Wunsch nach Privatsphäre vereinbar ist. Es liest sich wie lautes Denken, nimmt Familie, Freund_innen, Kolleg_innen, soziale Netzwerke mit in den Blick. Ebenso sezierend-beobachtend werden Alltagserlebnisse und Gedanken seines/ihres queeren Lebens durchbuchstabiert in dem Versuch, sich der eigenen Identität verbal zu nähern. Unbedingt lesenswert!

Anja

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2016 #Zines #Zineoftheday #Gender #Privacy #Perzine

Zine of the Day: Die Kunst ist, über’s Kind zu rotzen (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Cover von "Die Kunst ist, über's Kind zu rotzen"

Cover von „Die Kunst ist, über’s Kind zu rotzen“

„Die Kunst ist, über’s Kind zu rotzen. Lach- und Sachgeschichten über Schwangerschaft, Geburt und andere Körperfunktionen“ – Nein, dieses Zine ist kein Biologie-Ratgeber! Es enthält auch keine Schwangerschaftstipps und auch alle, die sich einen Erklärbär-Einspieler im „Sendung mit der Maus“-Stil erhofft haben, muss ich leider enttäuschen.

Clara mit Zine als Tarnung vor gewalthaltigen Büchern

Clara mit Zine als Tarnung vor gewalthaltigen Büchern

Stattdessen ist dieses Zine eine malerische, hemmungslos direkte Erzählung einer Schwangerschaft, die oft unverhofft, aber doch oft öfter als erhofft in das Leben vieler Menschen mit Gebärmutter tritt. Und wie der Titel schon sagt: Es geht – wie in so vielen Geschichten um Schwangerschaft – ums Kotzen, Rotzen und das, was das da mit dem Körper macht. Ich habe dieses Zine als eins der ersten in meinem Leben in meiner Hand gehabt und konnte es erstmal nicht loslassen. Vielleicht nicht nur, aber auch, weil die Komposition aus Worten und kleinen Zeichnungen am Rande, einfach authentisch rüberkommt.

Clara

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2016 #Zines #Zineoftheday #Schwangerschaft #Punk #Perzine

 

 

 

Geniale Dilletanten in Hamburg

00004034.jpgDie Sonderausstellung im altehrwürdigen Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Wer den Raum im zweiten Stock betritt, befindet sich in einer mit Musik unterlegten, begehbaren Installation. Diese kreist um acht bekanntere Bandprojekte der 1980er Jahre, u.a. D.A.F., Einstürzende Neubauten, Die tödliche Doris, Der Plan oder F.S.K. Geografisch spielt sich das meiste in Berlin, Düsseldorf, Hamburg und München ab. Die Bands und ihr Umfeld (Vertriebe, Fanzines, Buchhandlungen und andere Orte etc.) werden mit dokumentarischen Fotos und Filmen und durch künstlerische Bilder und andere Objekte, etwa selbstgebaute Möbel, vorgestellt. Die Ausstellung versteht sich nicht als Musik- oder als Punk-Ausstellung, sondern möchte einige avantgardistische Splitter herauslösen. Produziert wurde sie vom quasi-staatlichen Goethe-Institut. Sie wird vor allem als Tourneeausstellung im In- und Ausland eingesetzt, bisher war sie in Minsk und München zu sehen und ist aktuell auch in Melbourne zu Gast. In Hamburg wird sie in einer erweiterten Fassung mit zusätzlichem Material gezeigt.

Die musikalische und ästhetische Produktion jener Jahre beruhte auf billigen Mieten in Wohnungen mit Kohlenheizung und Außentoiletten, auf einem kreativen Umgang mit dem Urheberrecht und selbstverständlich auf auch heute wieder angesagten Prinzipien wie Kollaboration, Bricolage, DIY und Kreativität, befeuert vom Wunsch nach Selbstbestimmung und Freiheit. Diese Szene hatte mit der damaligen Alternativ- und auf Innerlichkeit abonnierten Ökopax-Bewegung wenig zu tun und mehr Schnittmengen mit Punk. Bevor aus der Neuen Deutschen Welle kommerziell erfolgreiche Popmusik wurde, war es diese Musik, die darunter zusammengefasst wurde.

Die Ausstellung zeigt nun Objekte und Dokumente, die in einer traditionellen Zuordnung der Musik, der Malerei, dem Design, der Videoproduktion entstammen. Sie vermag es, die Stimmung jener Zeit gut zu transportieren. Sie lädt dazu ein, nochmals über Dissidenz und ihre Rolle bei der Herausbildung des Postfordismus nachzudenken, sind doch die Topoi der Revolte jener Jahre, wie Kreativität, Expressivität, Individualität heute längst Bestandteil des neoliberalen Imperativs der Selbstverwirklichung, wie er im Coaching, im Management und anderswo common sense ist: Das klischeehafte Bild vom Künstler als Blaupause zeitgenössischer Arbeitsverhältnisse. Chapeau! Wem das alles zu viel ist, kann sich ja wiedermal „Tanz Debil“ von den Neubauten anhören oder in seinen/ihren alten Kassetten oder Platten stöbern! Oder vor Ort im MKG in der jetzt bis zum 28. Februar verlängerten Ausstellung zum Jugendstil nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten dieser Bewegungen fahnden.

Geniale Dilletanten – Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland
noch bis 30. April 2016
MKG Hamburg, Steintorplatz 1, 20099 Hamburg
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 10-18 Uhr, Donnerstag: 10-21 Uhr
Preise: 12 Euro, ermäßigt 8 Euro, Do ab 17 Uhr 8 Euro, bis 17 Jahre frei

Der gleichnamige Katalog ist bei Hatje Cantz erschienen (160 Seiten, 24,00 €)

Geniale Dilletanten in Hamburg bei Google Maps: Die laufend erweiterte Karte zeigt rund 60 Orte in Hamburg, die für die Subkultur der frühen 1980er Jahre von besonderer Bedeutung waren: ehemalige und noch existierende Konzert-Locations, Platten- und Buchläden, Kneipen und Cafés, Theater und Galerien, Musik-Studios und -Verlage werden verortet und ausführlich kommentiert.

Bernd Hüttner

Dieser Text ist zuerst auf der Webseite der Rosa-Luxemburg-Stiftung erschienen.

CTM: Seismographic Sounds / Rojava

Zwei Veranstaltungshinweise im Rahmen des diesjährigen CTM-Festivals:

seismobook300.jpgIm Kunstraum Kreuzberg/Bethanien wird heute (29.1.2016) die Ausstellung Seismographic Sounds- Visions of a New World eröffnet. Sie wurde von Norient, einem Netzwerk für lokale und globale Sounds und Medienkultur konzipiert und kuratiert, außerdem ist 2015 ein gleichnamiger Sammelband erschienen. In der Ausstellung geht es um die Auseinandersetzung mit Arbeiten von insgesamt 250 Künstler*innen, Musiker*innen, Akademiker*innen und Blogger*innen aus 50 Ländern. Die Arbeiten experimentieren mit den Möglichkeiten des Internets und rücken Globalisierung und Digitalisierung in ein konstruktives visionäres Licht. Sie stehen damit im Gegensatz zu verbreiteten pessimistischen Perspektiven, die auf kulturelle Homogenisierung fokussieren. Innerhalb der Themenbereiche Geld, Einsamkeit, Krieg, Zugehörigkeit, Exotika und Sehnsucht/Begehren (desire) setzen sie einen Gegenstandpunkt. Das gleichnamiges Buch kann laut Theresa Beyer, einer der Herausgeber*innen, auch als Ausstellungskatalog gelesen werden kann, beide funktionieren aber unabhängig voneinander. In einer Buchvorstellung, die 26.1.2015 im sympathischen und gut sortierten Buch- und Plattenladen Echo in Berlin-Wedding stattfand, stellte Thomas Burkhalter, ein weiterer Herausgeber, Tracks, Sounds und Videoclips aus Seismographic Sounds vor. Sie zeigen musikalische und künstlerische Praxen, die sich gesellschaftspolitische Themen aneignen und dabei mit neuen bzw. globalisierten Musikstilen und digitalen Medien experimentieren. Dabei ging es u. a. um die musikalische Auseinandersetzungen mit gender, z. B. TemiDollFace Pata Pata (Nigeria) oder Umlilo Magic Man (Südafrika). Kontrastierend zu diesen emanzipatorischen Praxen in afrikanischen Kontexten ist das Beispiel Bishi Bhattacharya (Queen Bishi) Albion Voice aus Großbritannien als Ausdruck von übertrieben inszenierten Anpassungs- und Zugehörigkeitswünschen an einen verstetigten Kolonialismus. Auch PC Music aus England werden thematisch eingebettet, die Anfang 2015 von Plattformen wie Fact Magazine oder der Zeitschrift The Wire als Phänomen der digitale Avantgarde gehandelt wurden, oder Vaporwave aus den USA, eine DIY-Sample-Praxis, die 2010 in Internet Communities wie Tumblr entstanden ist. Sie ist durch eine kritische oder ironische Faszination von Kapitalismus und Popkultur gekennzeichnet und drückt sich in einer Mischung aus gepitchten Retromania-Ästhetiken, abgehackter Fahrstuhlmusik, synthesiertem Jazz, Videospielen und Werbung aus. Aus dem scheinbar unendlich großen Spektrum an den im Netz verfügbaren Sounds, Ästhetiken, kulturellen Ausdrucksformen und politischen Positionen wurden mit Hilfe von Kollaborationen musikalische Praxen für das Norient-Buch ausgewählt: die Macher*innen baten Menschen aus 50 Ländern 24 ausgewählte Musikclips persönlich zu kommentieren, über aktuelle Trends und über Erfahrungen in der ethnografischen Feldforschung zu berichten oder einen Überblick über akademische Schlüsselkonzepte zur Musikforschung zu geben. Im Ergebnis zeigen die Songs, Tracks, Kompositionen und Videoclips, wie musikalische Visionen – teilweise mit lebensbedrohlichen Konsequenzen für die Künstler*innen – aussehen können, die „new spaces beyond the confines of commercialism, propaganda, fanatatism, racism, sexism and homophobia“ (vgl. Einleitung des Sammelbandes) schaffen.

Das Buch:
Theresa Beyer, Thomas Burkhalter, Hannes Liechti (Hrsg.)
Seismographic Sounds – Visions of a New World
Norient Books
 2015, 504 S., 31,00 €

Die Ausstellung:
Mo-Fr., im Rahmen von CTM bis 7.2.2016: 11-22h, danach bis zum 20.3.2016: 11-20h
KBB Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2, 10997 Berlin

rojava200.gifDen Visionen einer neuen Welt widmet sich auch das Panel Music, Awarness und Solidarity for #Rojava (6.2., 13:30, ebenfalls im KKB). Im Dezember 2015 startete das Netzwerk female:pressure eine Kampagne, um auf die Widerstandsbewegung in den Kantonen von Rojava (West-Kurdistan in Nord-Syrien) aufmerksam zu machen, in der sich Frauen vor Ort für eine staatenlose Demokratie bzw. Selbstverwaltungsstrukturen einsetzen. Die staatenlose Demokratie beinhaltet soziale und ethnische Gerechtigkeit, Religionsfreiheit, ökologische Nachhaltigkeit und Geschlechtergerechtigkeit. Im Rahmen des Panels wird der von female:pressure kuratierte Sampler präsentiert, mit Beiträgen von Musiker*innen und Künstler*innen als Auftakt einer Solidaritätskampagne mit den Frauen, Männern und Kindern für ihre Vision von einem demokratischen Rojava. Dabei sind folgende Akteur*innen: Hevî, die über den Hintergrund der gesellschaftlichen Umwälzung in den Kantonen informiert und die Rolle von Kunst in diesem Kontext einschätzt. Ipek Ipekcioglu stellt ihre Arbeit und ihren Beitrag für den Sampler vor, ein Kollaborationsprojekt mit der kurdischen Sängerin Sakina. Sky Deep spricht über ihren Beitrag und den dahinterstehenden Gedankenprozess. Außerdem zeigt das Panel eine Videoarbeit von Olivia Louvel, die sich mit kämpfenden Frauen auseinandersetzt.

Playlist 25 tracks auf Soundcloud:
soundcloud.com/femalepressure/sets/rojava-female-pressure
Kampagne auf female:pressure
www.femalepressure.net/rojava.html

Tanja Ehmann