Techno Studies

Kim Feser / Matthias Pasdzierny (Hg.)
Techno Studies. Ästhetik und Geschichte elektronischer Tanzmusik
b_books 2017
248 Seiten
20 Euro
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In den 1990er Jahren schieden sich akademische und andere Geister an der seinerzeit immer populärer werdenden ,Maschinenmusik‘ Techno und den damit einhergehenden sozialen Praxen. Während die Musikwissenschaft die repetitiven Patterns und neuartigen popmusikalischen Sounds nur in Ausnahmefällen überhaupt einer näheren Betrachtung für wert befand, um sie dann etwa als „reizlos“ abzutun (Jerrentrup 1992), bot die Jugendkultur Techno der Kulturwissenschaft und Soziologie ein weiteres, offensichtlich willkommenes Untersuchungsfeld (u.a. Poschardt 1995, Klein 1999, Hitzler/Pfadenhauer 2001).

Auch die Technoszene selbst zeichnete sich in Teilen durch ein hohes Maß intellektueller Reflexion aus, die zunächst zumeist in diversen szeneinternen Magazinen ihren Niederschlag fand. Mit Techno (Anz/Walder 1995) lag darüber hinaus bereits recht früh ein bemerkenswertes Kompendium vor, in dem Szene-Protagonisten die Geschichte und den seinerzeitigen Status von Techno aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Zugängen darstellten.

Die unlängst erschienene Publikation Techno Studies: Ästhetik und Geschichte Elektronischer Musik (Feser/Pasdzierny 2016) greift nicht nur die Covergestaltung von Techno auf, sondern auch dessen zugrunde liegende Konzeption[1]. Allerdings beschäftigen sich viele der Beiträge in Techno Studies mit methodologischen Problemen bei der Erforschung und Darstellung des Phänomens Techno und stellen insofern Reflexionen bisheriger Reflexionen des Genres und seiner Protagonisten dar, was zu begrüßen ist.

Die wissenschaftliche Arbeit der Rekonstruktion und Interpretation lebensweltlicher Phänomene, aber auch die Reflexion so erarbeiteter Darstellungen, basiert notwendigerweise vielfach auf unterschiedlichsten Quellenmaterialien. Daniel Schneider, Mitarbeiter des Berliner Archivs der Jugendkulturen, erläutert in dem Artikel Party im Schuber (Schneider 2016) seine diesbezüglichen Aktivitäten. Dabei wird deutlich gemacht, dass einerseits eine Anbindung von Forschenden an die Technoszene sehr hilfreich ist, anderseits aber gerade bei kritischer Forschung eine neutrale Position gegenüber deren verschiedenen Fraktionen und entsprechenden Auseinandersetzungen geboten erscheint (92 f.).

Die akademische Beschäftigung mit Techno sowie den damit einhergehenden sozialen, kulturellen und körperlichen Praxen lassen sich unter dem Label ‚Electronic Dance Music Culture Studies‘ (EDMCS) subsumieren. Dieser Ansatz geht mit einem allgemeinen „practice turn“ der Humanwissenschaften einher, wie Rosa Reitsamer in ihrem Beitrag Die Praxis des Techno (Reitsamer 2016) betont. Die Nähe von Forschenden zum jeweils untersuchten Phänomen, etwa durch die Methode der teilnehmenden Beobachtung, bietet einerseits Chancen, immenses, teilweise internes Wissen zu erlangen, kann aber zu methodologischen und ethischen Problemen führen, was ein klassisches, aber wohl reflektiertes Dilemma der Ethnographie darstellt (Bernhard 2011: 256 ff.).

Mit Hilfe von vier Interviews mit Forschenden weist Luis-Manuel Garcia in seinem Artikel Anonym, verkörpert, anders (Garcia 2016) in Techno Studies auf weitere oder zumindest intensivierte Problematiken ethnographischer Feldarbeit in queeren Szenen hin. Deren spezifische Bedingungen erfordern teilweise neue Forschungsmethoden. Darüber hinaus plädiert Garcia, mit Bezug auf Eve Kosofsky Sedgwick (2003), überzeugend für die Anwendung eines Konzeptes der ,schwachen Theorie‘, das die jeweiligen lokalen und sozialen Kontexte beachtet und detailliert untersucht[2].

Die Oral History stellt ebenfalls die erwünschte Nähe zum Untersuchungsgegenstand durch Interviews mit Zeitzeugen her. Mehrere Veröffentlichungen der letzten Jahre (Teipel 2001, Denk/von Thülen 2012, Esch 2014) haben diesen Ansatz publikumswirksam auf die historische Darstellung populärer Musik übertragen, wurden allerdings auch kritisch betrachtet (Kaul 2015). Die TV-Dokumentation We Call It Techno!‘ rekonstruiert mit Hilfe einer Montage von Zeitzeugeninterviews den Beginn von Techno in Berlin. Julia Keilbach (2016) weist in ihrem Artikel in Techno Studies zurecht darauf hin, dass auch in diesem Film die Auswahl und Anordnung der Interviewausschnitte letztendlich lediglich ein bereits bestehendes Narrativ des ,versteckten‘ Autors illustrieren (Keilbach 2016: 97). Dieses blendet überdies die internationale Dimension von Techno und die Rolle homosexueller Akteure nahezu aus (101 f.). Durch die gewählte Form der Montage und die kurze Dauer der jeweiligen Passagen werden die methodischen Vorgaben der Oral History nicht erfüllt (97 f.), sodass eine durchaus gegebene Chance zu einer nüchterneren Rekonstruktion dieser immens wichtigen und spannenden Frühphase der Techno-Geschichte nicht genutzt worden ist.

Auch in Matthias Pasdziernys hervorragendem Artikel ‚Das Nachkriegstrauma abgetanzt‘? finden sich Hinweise auf bestehende Problematiken bezüglich der Aussagen von Zeitzeugen. Pasdzierny skizziert, wie zunächst Artikel in massenmedialen Formaten die hedonistische Techno-Bewegung und das Event der Loveparade als Absage an die Traumata der deutschen Geschichte und als Beginn einer neuen, ,gereinigten‘ deutschen Identität interpretierten (Pasdzierny 2016: 115 ff.). Dieses Narrativ scheint nachfolgend jedoch auch die Erinnerung von damaligen Protagonisten erheblich beeinflusst zu haben, was mit dazu beitrug, dass Techno ein, mittlerweile selbstverständlich wirkender Bestandteil des ,Soundtracks der Wende‘ werden konnte (siehe u.a. Denk/von Thülen 2012).

Neben Trance erwies sich Minimal als weiteres Technosubgenre in Deutschland als besonders wirkungsmächtig und erscheint dadurch zugleich vielfach als ,deutsch‘ konnotiert. Diese Entwicklung und Diskurse um ,Minimal‘, als Genre-Präfix oder auch ästhetisches Paradigma jeglicher elektronischer Populärmusik, werden von Sean Nye in seinem sehr interessanten Artikel Von ,Berlin Minimal‘ zu ,Maximal EDM‘ (Nye 2016) kritisch betrachtet. Der Film Fraktus (Germany 2012) erzählt einen offensichtlich ,gefaketen‘ Mythos vom Ursprung des Techno im Kontext der experimentelleren Varianten der Neuen Deutsche Welle (NDW). Trotz des fiktionalen Charakters des Films ist diese These nicht ganz so abwegig, wie sie zunächst vielleicht erscheinen mag, zumindest aus heutiger Perspektive betrachtet. Dies wird im Gespräch der Musiker Jacques Palminger and Carsten Meyer, aka Erobique in Fraktus – ein Techno-Mythos (N.N. 2017: 139 ff.) deutlich.

Barbara Volkwein legte 2003 mit What´s Techno eine erste umfassendere deutschsprachige musikwissenschaftliche Arbeit zu diesem Genre vor. In ihrem Beitrag Klangzeitgeschehen (Volkwein 2017) beschreibt sie nun im Rahmen von Techno Studies ihr heutiges musikwissenschaftliches Konzept. Angesichts der methodologischen Probleme bei der Analyse von Techno-Tracks schlägt sie eine Kombination von traditionellen und neuen Methoden vor, wobei zu den letzteren auch die teilnehmende Beobachtung und die Beschreibung von Sounds und klanglichen Texturen gehört[3].

Die Richtigkeit dieser Herangehensweise an das für Techno zentrale, aber für die Musikwissenschaft bisher analytisch problematisch bleibende Phänomen Sound wird von dem Artikel Boomende Bässe der Disco- und Clubkultur (Papenburg 2016) bestätigt und um zusätzliche Aspekte erweitert. Jens Gerrit Papenburg weist zunächst völlig zurecht auf die immense Bedeutung von Klub-Anlagen und anderen technische Aspekte, wie etwa das Schneiden von Maxi-Singles, für die Reproduktion und Rezeption von Dance Musik seit den 1970er Jahren hin, die sich auch in der Produktion von Tracks niederschlagen. Die,aus diesen technischen Spezifika resultierenden  körperlichen Aspekte des ,Klub-Erlebnisses‘ werden im Rahmen konventioneller musikwissenschaftlicher Analyse nicht wahrgenommen, wodurch zugleich ein zentraler ästhetischer Aspekt dieser Art von Musik ignoriert wird (195).

Bei der Produktion von Techno und anderen Stilen elektronischer Populärmusik spielten Sequenzer, die repetitive Pattern (,Loops‘) erzeugen, von Anbeginn an eine zentrale Rolle, woraus sich auch ästhetische Implikationen ergeben. Mitherausgeber Kim Feser weist in seinem Beitrag Ein Sequenzer kommt selten allein (Feser 2016) darauf hin, wie etwa Moog- Synthesizer oder die Drum-Machine Roland 808 und insbesondere deren Kombination die bestehenden Unterscheidungen zwischen Musikern, Instrumenten und Maschinen sowie zwischen Komposition und technisch generierten Prozessen oder zwischen digitaler Software und analoger Hardware in Form von elektronischen Instrumenten  verwischen. Die Stile der elektronischen Populärmusik sind gekennzeichnet durch ein komplexes Wechselspiel zwischen technischen Innovationen, ästhetischen Diskursen und einer musikalischen Praxis (235), die auch ,falsche‘ Verwendung von ,Geräten‘ impliziert (232).

Insofern kann dieser Art von Musikproduktion, zumindest teilweise, auch als experimentell bezeichnet werden, was im Artikel Kreuzmodulationen (Goldmann 2016: 162) deutlich wird. Goldmann unternimmt an dieser Stelle den höchst interessanten Versuch, eine Techno-Ästhetik zu skizzieren, die auf der auditiven Wahrnehmung des musikalischen Materials basiert. Dessen Ausgangsmaterial wird, im mittlerweile als ,klassisch‘ zu charakterisierenden Ansatz, vor allem durch ein jeweils gewähltes ,line-up‘ verschiedener elektronischer Instrumente erzeugt und mit Hilfe von Filtern, Effekten sowie mit Hilfe der FM-Synthese umfangreichen Sound-Manipulationen unterzogen.

Während Stefan Goldmann auf die theoretischen Konzeptionen des neuronalen Lernens Bezug nimmt, zieht Martha Brech in ihrem Beitrag Zwischen den Ohren (Brech 2016) erneut die mittlerweile wohl mehr als bekannte Verbindungslinie zwischen dem Musikstil Techno und der poststrukturalistischen Philosophie von Gilles Deleuze and Félix Guattari (Deleuze/ Guattari 1997), die explizit durch die Aktivitäten des Frankfurter Labels Mille Plateaux propagiert worden ist. Diese Art von höchst konzeptionell angelegtem Techno und die umfassende theoretische Reflexion seiner vorgeblich ,deterritorialisierenden‘ Effekte hatte ihre Hochzeit in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre. Heutzutage böten denn auch das Genre Glitch Hop und nachfolgende Entwicklungen sicherlich geeignetere Forschungsobjekte für derart basierte musikästhetische Überlegungen.

Diedrich Diederichsen verweist in seinem Beitrag Vom Ereignis erzählen (Diederichsen 2107) auf eine oft angenommene gegenkulturelle Dimension von Techno. Dabei sieht er insbesondere den Aspekt der körperlichen Erfahrung in einer psychedelischen, zumindest nicht explizit politischen Tradition der 1960er Jahre.

Der Kulturwissenschaftler Jochen Bonz geht in seinem Artikel Am Nullpunkt der Identifikation (Bonz 2017) der höchst interessanten Frage nach den ,Bedeutungen‘ der überwiegend instrumentalen Musik Techno nach. Dem bereits erwähnten poststrukturalistisch inspirierten Interpretationsansatz einer alternativen Identifikation des Subjektes und dessen potentieller Befreiung mittels Techno ( Gilbert/Pearson 1999) stellt er die These gegenüber, dass gerade Techno flüchtige Formen der Identifikationen anbietet, die mit seiner semantischen und semiotischen Offenheit korrespondieren (Bonz 2016: 47 ff.).

Demgegenüber ließe sich aus musiksoziologischer Sicht sicherlich einwenden, dass sich zahlreiche Protagonisten der Techno-Szene sehr wohl längerfristig mit bestimmten Künstlern, Tracks, Labels oder auch Klubs dieses Bereiches identifizieren. Dass Techno denn auch längst nicht so fernab genereller Konventionen Populärer Musik ist, wie gelegentlich behauptet und in Techno Studies teilweise wiederholt wird, macht der Artikel Kommunikative Strategien und Ideologien von Liveness bei Laptop-Performances (Butler 2016) deutlich. Dort analysiert der Musikwissenschaftler Mark Butler, wie durch die Performance von DJs die bekannte Kategorie ,Authentizität‘ auch im Bereich elektronischer Populärmusik reaktualisiert wird.

Rosa Reitsamer weist in ihrem Artikel, dies ergänzend, völlig zurecht darauf hin, dass das körperliche Agieren von DJs im Klub ebenso Teil ihres subkulturellen Kapitals (Thornton 1995) ist wie etwa ihr Wissen um das jeweilige Genre oder die ,Selection’ ihrer Sets. All dies muss im Kontext bestehender Szene-Hierarchien sicherlich kritisch gesehen werden, die insbesondere mit der Kategorie ‚Gender‘ einhergehen (Reitsamer 2016: 32 ff.).

Schon früh etablierte und gelegentlich noch immer anklingende ,Techno-Ideologien‘ einer egalitären und prinzipiell widerständigen Szene erscheinen als vor allem durch den jeweiligen politischen Standpunkt geprägte Projektionen von Protagonisten, die gerade durch szeneinterne Medien verbreitet worden sind (u.a. Laarmann 1994) und wohl auch von manchem Analysten allzu unkritisch aufgegriffen wurden. Des Weiteren führt eine leider ebenfalls nicht selten anzutreffende, unzureichende Wahrnehmung und Reflexion des afro-amerikanischen Ursprungs von House und Techno zu Fehlinterpretationen. Bei Beachtung dieser Traditionslinie erscheinen denn auch musikalische Charakteristika, wie repetitive Patterns oder intensive Soundmanipulationen, weder als reines Ergebnis neuer technischer Möglichkeiten oder gar als plötzlicher Bruch in der Musikgeschichte, sondern vielmehr als zentrale stilistische Merkmale, die auch in Genres wie etwa Rhythm’n’Blues, Funk, Disco oder Hip-Hop zu finden sind.

Trotz dieser kritischen Anmerkungen zur bisherigen Reflexion über Techno, stellt die Publikation Techno Studies: Ästhetik und Geschichte Elektronischer Musik (Feser/ Pasdzierny 2016) sicherlich einen sehr wichtigen neuen Beitrag zu einem kritischen Diskurs rund um Genres dar, die auch unter dem – mittlerweile nicht mehr unproblematischen (Rietvield 2013: 2 f.) – umbrella term EDM (Electronic Dance Music) subsumiert werden[4].
Anmerkungen

[1] Der DJ, Journalist und langjähriger Herausgeber der De:Bug Sascha Kösch ist überdies als Autor in beiden Veröffentlichungen vertreten.

[2] Dieser Ansatz erscheint allerdings nicht nur im Zusammenhang mit der ethnographischen Forschung in queeren Szenen sinnvoll.

[3] Irritierend wirkt allerdings, dass der Untertitel von Volkweins Artikel „Werkanalyse elektronischer Clubmusik“ (Volkwein 2016: 171) lautet. Hier mag der Begriff der Werkanalyse in rhetorischer Absicht verwendet worden sein, allerdings geht ja auch aus dem Beitrag hervor, dass die traditionellen Analysekriterien der Musikwissenschaft, die eben an ,Werke‘’ wie etwa Symphonien entwickelt wurden, unzureichend sind. Daher scheint es geboten, auch terminologisch die Eigenständigkeit popmusikalischer Analytik zu betonen und in diesem Zusammenhang den ideologisch überfrachteten Begriff des ,Werkes‘ außen vor zu lassen, zumal sowohl Produktion und Rezeption elektronischer Clubmusik denn auch erhebliche Unterschiede zu der von ,Werken‘ aufweist. Interessanterweise spricht dann auch Martha Brech im Untertitel ihres Artikels von „konzertante[m] und hörorientierte[m] Techno“ (Brech 2016: 183). Auch dies ist missverständlich, da Techno auch als ,reine’ Tanz- und Clubmusik zweifelsohne auditiv wahrgenommen wird. Darüber hinaus haben die Veröffentlichungen des Labels Mille Plateaux, auf die Brech sich bezieht, nur höchst bedingt jenen ,konzertanten‘ Charakter, den die Neue Musik von Karlheinz Stockhausen und anderen, in der europäischen Kunstmusiktradition stehenden Komponisten, auszeichnet.

[4] Hillegonda Rietvield weist völlig zurecht darauf hin, dass der Begriff EDM mittlerweile eine kommerziell motivierten stilistischen Verengung erfahren musste (Rietvield 2013: 2 f.).

Timor Kaul

Die Rezension erschien zuerst inklusive einer ausführlichen Literaturliste auf der Webseite der Pop-Zeitschrift.

Queer Classics Pt. II

Im Rahmen unseres Projekts DIVERSITY BOX geht es weiter mit unserer Veranstaltungsreihe Queer und Popkultur.

Wir freuen uns auf die zweite Runde zu queeren Büchern und vor allem freuen wir uns wieder auf einen Abend mit Elisabeth R. Hager und Tania Witte.

Diesmal mit dabei: Jugendbücher von David Levithan, die Biographie „Tranny“ von Laura Jane Grace, Klassiker von James Baldwin und Rita Mae Brown, heiß Diskutiertes von Hanya Yanagihara und ein Seitenblick in die griechische Antike – die Schrifstellerinnen Elisabeth R. Hager und Tania Witte machen sich auf die Suche nach queeren Momenten in der Literatur.

Datum // Zeit: 18.5.2017, 19 Uhr

Ort: Archiv der Jugendkulturen, Fidicinstr. 3 (Haus A), 10965 Berlin

Eintritt frei.

ÜBER DIE AUTORINNEN:

Elisabeth R. Hager, * im Herbst 1981 in Tirol, lebt als freie Autorin und Klangkünstlerin in Berlin, Neuseeland & Tirol. 2012 erschien ihr Romandebüt „Kometen“ (Milena Verlag). 2014 folgte das Hörspiel „Der Knochen“, bei dem sie auch Regie führte & sprach. In Kürze erscheint ein neuer Roman. Bis dahin organisiert sie Kulturfestivals wie die SPÄTI BIENNALE, formt auf ihrem Blog Wörter zu neuen Möglichkeiten und liest mit Vorliebe queere Literatur.

Tania Witte lebt in Berlin. Die Schriftstellerin, Journalistin und Spoken-Word-Performerin veröffentlichte bisher drei Romane, eine Anthologie sowie diverse Essays und Kurzgeschichten. Sie schreibt unter anderem für „taz“, „ZEITmagazin“ und „Missy Magazine“, leitet Workshops zu Poetry Slam / Spoken Word, Kreativem Schreiben und Identität und ist Teil diverser künstlerischer interdisziplinärer Kooperationen. Im kommenden Jahr erscheint ihr erstes Jugendbuch.

Gender and Black Revolutionaries – Queer History Month meets Black History Month

Eine Kooperation zwischen Diversity Box und der Nelson-Mandela-Schule

Queer History Month im Februar? Ist da nicht auch Black History Month? Für die Schüler*innen der Nelson-Mandela-Schule war daher klar: ein Projekt mit Ihnen soll beides berücksichtigen – schwarze und queere Geschichte in Berlin. Die Grundidee war geboren. Im Rahmen einer Kick-Off-Veranstaltung wurde in Zusammenarbeit mit Giuseppina Lettieri und Tino Kandal vom Projekt Diversity Box des Archiv der Jugendkulturen e. V. aus der Idee ein Projekt für den Queer History Month 2017.

Die Schüler*innen suchten sich nach dem ersten Treffen acht queere und/oder schwarze Personen aus, die sie für revolutionär in ihrem Denken und Handeln halten und recherchierten dazu Orte in Berlin, die mit den Personen in Verbindung stehen. Die Wahl der Schüler*innen fiel auf: Gertrude Sandmann, May Ayim, Klaus Wowereit, Magnus Hirschfeld, Marlene Dietrich, Christopher Isherwood, Audre Lorde und David Bowie. Zu allen Personen wurden daraufhin Portrait-Schablonen angefertigt. In einem Diversity Box Street-Art-Workshop im Januar lernten die Jugendlichen, wie die Schablonen ausgeschnitten und dann auf die Platten gesprüht werden.

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Street-Art-Workshop im Archiv der Jugendkulturen e. V.

Mit dem Street-Art-Kunstwerken im Gepäck ging es dann im Februar zum Videodreh nach Schöneberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte. An den acht ausgewählte Orten, die in Verbindung mit den jeweiligen Personen stehen – ob Geburtshaus, Wohnort oder Wirkungsstätte – trugen die Schüler*innen eigene Statements vor und führten darüber hinaus noch Passant*innen und Expert*innen-Interviews durch.

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Videodrehtage in Schöneberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte

Das Ergebnis dieser schönen Kooperation ist ein 30-minütiger Videofilm zu „Gender und Black Revolutionaries“ in Berlin.

Ein großer Dank geht an die Schüler*innen der GenderSexuality Alliance der Nelson-Mandela-Schule und deren Lehrer Christopher Langhans, an Vicky Kindl und Saskia Vinueza für die inhaltliche und organisatorische Unterstützung des Projekts sowie Conny-Hendrik Kempe-Schälicke von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft.

Giuseppina Lettieri  (Projektleitung„Diversity Box“; http://www.diversitybox.jugendkulturen.de)

Unter dem Radar

Jan-Frederik Bandel/Annette Gilbert/Tania Prill (Hrsg.)
Unter dem Radar. Underground- und Selbstpublikationen 1965-1975
Spector Verlag 2017
368 Seiten
38 €

unter-dem-radar_9783959050326_295.jpgAb Mitte der 1960er Jahre ermächtigen sich viele „Amateure“ zu AutorInnen, DruckerInnen, Grafiker- und VerlegerInnen. Beginnend im englischsprachigen Raum entsteht eine unübersichtliche, unübersehbare und jedenfalls bunte Landschaft an Undergroundpublikationen. In der Bundesrepublik werden sie schnell zum Vorbild.

Die in der Regel im Selbstverlag und –vertrieb erscheinenden Printprodukte sind Teil der ästhetischen und politisch-kulturellen Revolte dieses Jahrzehnts. Der Literaturwissenschaftler Jan-Frederik Bandel hat nun eine umfangreiche Publikation zusammengetragen, die keinen bibliografischen Anspruch hat, dieser wäre auch kaum umsetzbar. Er verfolgt in dem durchweg vierfarbigen und großformatigen Band (25 x 34 cm) auch keine thematische oder chronologische Sortierung der Titel, sondern illustriert 20 mit kurzen Texten versehene Stichworte mit Covern und Beispielseiten aus den Publikationen. Die Stichworte lauten z.B. Ikonen, Pornographie, Eindeutigkeit, Theorie oder Schneiden/Kleben und es ist nicht immer klar, warum gerade welche Quelle als Illustration in welchem Stichwort erscheint. Inhaltlich geht es von Esoterik über Literatur bis zu Themen radikaler Gesellschaftskritik oder gesunder Ernährung; um Pop und Politik, um den eigenen Bauch und die fundamentale Ablehnung des und den Überdruss am Bestehenden.

Bibliografisch sind diese Titel in Deutschland bisher nicht erschlossen. So finden sich auch in dem hier vorliegenden kaum Angaben zum Erscheinungszeitraum einzelner Titel, während in den USA oder Großbritannien, dies zeigt das eindrucksvolle und sehr hilfreiche Literaturverzeichnis, dieses Feld bereits erforscht ist und wird. Die HerausgeberInnen haben vor allem Publikationen aus Deutschland aufgenommen, aber auch aus den Niederlanden oder den USA.

Die Leserin bekommt einen sehr guten optischen Eindruck von diesem Jahrzehnt und den damals praktizierten Schreib- und Gestaltungsstilen. Eine quantitative Untersuchung steht aber weiterhin aus und ist bisher nur verstreut in damals in den Veröffentlichungen selbst abgedruckten Listen mit Titeln und Adressen möglich. Die sogenannte Alternativpresse bildet sich erst am Ende des hier untersuchten Zeitraums, nicht zuletzt aus dem Zerfall und Wandel der aus „1967/68“ resultierenden Bewegungen. Die Publikation entstand aus einer Ausstellung in Bremen (Oktober 2015-Februar 2016). (Link zum Bericht).

Bernd Hüttner

Dieser Text erschien zuerst auf der Webseite der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Wenn Pop Geschichte wird

Mittelweg 36 – Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung
Wenn Pop Geschichte wird
Heft 4-5 / Oktober/November 2016
204 Seiten
18 €

pop_m36_c.jpgPop- und Rock-Musik ist ein zentraler Faktor des politischen und kulturellen Umbruchs der 1960er Jahre gewesen. Mittelweg 36, die seit Ende 1992 erscheinende Hauszeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung hat nun einem Doppelheft sieben Artikel und ein Interview unter der Titelaussage Wenn Pop Geschichte wird zusammengestellt.

Der Beitrag von Detlef Siegfried ist mit 44 Seiten der umfangreichste. Er fragt anhand vieler Quellen nach dem Gebrauchswert der damals gängigen These, Rockmusik sei der (amerikanischen) Gegenkultur entsprungen oder historisch sonst irgendwie „von unten“ gekommen. Dies wird anhand der in den 1970er in deutschen linken Medien geführten grundsätzlichen und auch schon: Ausverkaufsdebatte und v. a. am Beispiel von Bob Dylan beispielhaft nachvollzogen. Der Bogen reicht bei Siegfried vom (angeblich besonders authentischen) Blues, Reggae und Folk über die „Umsonst und Draußen-“ oder „Rock gegen rechts“-Festivals bis zum Fremdeln der Sponti-Linken mit dem Punk am Ende des Jahrzehnts.

Diese Authentizitätsvorstellung und die damit verbundene Emanzipationserwartung wird auch in anderen Beiträgen kritisch aufgegriffen. Der Beitrag „Fliegende Klassenfeinde“ von Jens-Christian Rabe (Süddeutsche Zeitung) mit dem etwas sperrigen Untertitel Affirmation als Subversion oder die Geburt der deutschen Poptheorie aus dem Verdruss über linksalternativen Authentizitätskult und Schweinerock ist open access (PDF hier).  Klaus Nathaus unterzieht einige historiografische Annahmen über Popkultur einer Kritik. Isabel Richter untersucht das widersprüchliche Feld, in dem in den 1960er und 1970er Jahren Pop, Drogen und östliche spirituelle Lehren wie Zen oder Yoga im globalen Nordwesten in einer semi-religiösen Bricolage zusammengeführt wurden. Alexander Simmeth berichtet über Krautrock (Can, Amon Düül), während zwei detaillierte Lokalstudien die Perspektive nochmals weiten: Stefan Krankenhagen schreibt über popkulturelle Orte in Hildesheim, und Joachim Landkammer erzählt anhand einer Band von Rockmusik in der Provinz, im konkreten Fall der unterfränkischen zwischen Bamberg und Schweinfurt. Diese zwei Beiträge sind eine wirkliche Bereicherung, da sie Räume jenseits der urbanen Metropolen untersuchen.

Die Texte sind bis auf das banale Interview mit Wolfgang Kraushaar alle sehr lesenswert und werden durch  die von Kraushaar erstellte Protestchronik (die Rock gegen Rechts im Juni 1979 in Frankfurt/Main zum Thema hat) gut ergänzt. Sie liefern wichtige Impulse zum noch lange nicht auserforschten Verhältnis von „(Gegen-)Kultur“ und Linksradikalismus.

Der mit Heft April 2015 begonnene optische und personelle Relaunch von Mittelweg 36 hat die zwischen Politik-, Geschichts- und Kulturwissenschaften angesiedelte Zeitschrift wieder etwas spannender gemacht. Es bleibt zu hoffen, dass diese sanfte Repolitisierung sich fortsetzt. Notwendig in diesen (düsteren) Zeiten wäre es.

Bernd Hüttner

Dieser Text erschien zuerst auf der Webseite der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Ja, ich habe meine Tage! So What?

Clara Henry
Ja, ich habe meine Tage! So what?
Beltz 2016
196 Seiten
16,95 €

9783407864307.jpgMenstruieren, die Periode haben, bluten, die Tage haben, die rote Lampe leuchtet, Haiwoche haben – all diese Umschreibungen stehen für ein und dasselbe. Obwohl das Thema Menstruation etwa die Hälfte der Weltbevölkerung betrifft, wird darüber immer noch sehr zurückhaltend gesprochen. Auch Werbung übermittelt oft ein verzerrtes, beschönigtes Bild von Menstruation und wirbt für Produkte, die diskreten Schutz versprechen. Clara Henry (22), die erfolgreiche schwedische Bloggerin, hat es sich zum Ziel gesetzt, das Thema Menstruation von Scham und Stigma zu befreien und hat ein ganzes Buch dazu geschrieben. Sie wünscht sich, dass öffentlich nach einem Tampon zu fragen so normal ist, wie nach einem Pflaster zu fragen.

Ich würde das Buch super finden, wenn ich jünger wäre. Als heranwachsende 12- bis 18-Jährige hätte mir das Buch sicher großen Spaß gemacht. Clara Henrys ausschweifende Sprache macht das Lesen anfangs humorvoll, lenkt aber sehr ab und nervt schnell. Sie schreibt so, wie sie in den meisten ihrer YouTube-Videos spricht. Unglaublich gut gelungen sind die Illustrationen von Li Söderberg. Jede Seite ist individuell gestaltet und die Leser*innen werden mit ulkigen Zeichnungen unterhalten: eine blutende Vulva mit Superheld*innen-Umhang, dicke Bäuche und fast auf jeder Seite Bluttropfen. Heranwachsende erfahren, was im Körper während der Menstruation passiert und was Menschen in der Geschichte und in verschiedenen kulturellen Umfeldern gedacht haben, warum Frauen bluten und welche Zuschreibungen und Stigmata daraus entstanden sind. Clara Henry benennt diese ziemlich treffend und überwindet Scham und Ekel, um selbstbewusst und humorvoll mit „den Tagen“ umzugehen. Sie ermutigt Mädchen und Frauen zum Beispiel nicht nur dazu, so oft wie möglich (und nicht nur unter Frauen) offen über ihre Menstruation zu reden, sondern auch mal eine „Tages-Aktivistin“ zu sein. Der Tampon soll dazu auf dem Weg zur Toilette nicht etwa im Ärmel versteckt, sondern beim Gang durchs Klassenzimmer oder Restaurant locker in die Luft geworfen und gekonnt wieder aufgefangen werden. Neben den Fakten und Ratschlägen bekommen die Leser*innen auch eine ganze Menge andere praktische Tipps und Informationen, wie zum Beispiel schlagfertige Antworten auf sexistische Phrasen, wie Frau sich in Notsituationen eine Binde oder einen Tampon selbst basteln kann, wie mit Bluthosen umgegangen werden kann oder auch Lifehacks: also konkrete Methoden, die Frauen umsetzen können, um ein positives Verhältnis zu ihren Tagen zu entwickeln.

Vor allem für junge Frauen bzw. Mädchen ist dieses Buch daher sehr empfehlenswert, weil es erfrischend unverkrampft mit dem Thema Menstruation umgeht und mit so manchen Mythen aufräumt. Ich denke aber, dass auch erfahrenere Frauen in diesem Buch noch etwas für sie Neues erfahren und über die eine oder andere Formulierung der Autorin schmunzeln werden.

Kathrin Fleischmann

Affentanz!

André Bergelt
Affentanz! Sternenstunden eines schlechten Verlierers
Mitteldeutscher Verlag 2015
300 Seiten
12,95 €

Bergelt__Andr____55718977bd8c1.jpg„Ein guter Verlierer zu sein, ist eine Kunst. Eine, die ich ungewöhnlich schlecht beherrsche.“ Mit diesem Zitat beginnt der Autor André Bergelt sein Erstlingswerk „Affentanz!“. Und dieses Zitat steht, wie kein anderes, für das Leben des namenlosen Romanprotagonisten. Auch dieser ist Künstler. DJ um genau zu sein. Allerdings bisher kein sonderlich erfolgreicher. Doch er hat eine klare Vision vor Augen und ein klares Ziel. Ein Auftritt im bekanntesten Club Berlins: Dem Zoo. Dass es sich bei diesem fiktiven Club um eine Anlehnung an das legendäre Berghain handelt, wird auch dem Szenelaien schnell klar. Doch so klar die Visionen des durchaus talentierten  Protagonisten sind, kommt er doch kaum voran bei der Erfüllung seiner Träume. Schnell wird dem*r Leser*in klar, dass er selbst sein größter Feind ist. Denn statt sich auf seine Installation für seinen Durchbruch zu konzentrieren, verbringt er große Teile seiner Zeit als Feiernder in dem Club, in dem er eigentlich selber auftreten will. Er flüchtet sich von einer Beziehung zur nächsten, unfähig lange bei einer*m Partner*in zu bleiben. Dazu kommt sein stetig steigender Drogenkonsum. Doch während er einerseits kaum in der Lage ist, sein eigenes Leben zusammenzuhalten, besitzt er andererseits überraschende Kompetenzen und Durchhaltevermögen, wenn es darum geht, die Probleme seiner ebenfalls leicht verplanten Freund*innen zusammenzuhalten. Ihnen hilft er bei Steuererklärungen oder wenn sie mal wieder Ärger mit dem Gesetz haben. Auch als spontaner Fremdenführer in der Potsdamer Schlösserlandschaft überzeugt er auf ganzer Linie. Als Ausgleich für seine Hilfe pumpt er seine Freund*innen immer wieder um Geld für neues DJ-Equipment an. Selbst hat er keine geregelte Arbeit, sondern hangelt sich stattdessen von einem absurden Nebenjob zum nächsten. Doch während er am Alexanderplatz einem dieser Nebenjobs, Namentlich dem des Grillwalkers, nachgeht, kommt es zu einer Begebenheit, die sein ganzes Leben verändern könnte: Als Dank für eine kleine Gefälligkeit schenkt ihm eine alte Dame einen kleinen, gelben Affenanhänger. Zuerst denkt er sich nicht viel dabei, als er sich den Anhänger um den Hals hängt. Doch als ihm auf einmal Visionen eben dieses Affen erscheinen, ist er doch überrascht. Und der Affe ist nicht still. Stattdessen gibt er dem Protagonisten auf den ersten Blick überaus vernünftige Vorschläge, wie dieser sein Leben wieder auf die Reihe bekommen könnte …

Neben der Musik und den Freund*innen des Protagonisten steht der übertriebene Drogenkonsum in der Clubszene, gerade zum Ende des Buches, immer mehr im Mittelpunkt. Und genau so liest sich auch das Buch: zeitweise berauschend, aber auch nicht immer ganz verständlich. So bleiben vor allem die Motivationen der vielen Nebencharaktere großteils im Dunkeln. Auch ist die Handlung häufig abgehackt, was das Verständnis erschwert. So reihen sich meist unzusammenhängende, kurze Episoden aneinander, durch die sich nur bedingt ein roter Faden zieht. So bleibt auch der Protagonist schwer zu fassen. Was ihn genau in seiner Gesamtheit ausmacht, wird nicht ganz klar, was aber durchaus vom Autor gewollt sein könnte. So gelingt es ihm jedenfalls sehr gut die Stimmung eines kreativen Menschen zu vermitteln, der immer mehr die Kontrolle über sein Leben verliert. Was dem Autor meiner Meinung nach allerdings überhaupt nicht gelungen ist, ist die Rolle des Affen als imaginären Ratgeber. Dessen Ratschläge sind leider weder sonderlich witzig, noch haben sie einen erkennbaren Einfluss auf das Handeln des Protagonisten. Es wirkt fast so, als hätte sich der Autor gezwungen gefühlt, irgendwie noch eine Metapher für die tierische Seite des Protagonisten in die Handlung einzubauen. Genauso unmotiviert wirkt das Ende des Romans auf mich. Nachdem der Protagonist durch sein rücksichtsloses Verhalten nahezu alles verloren hat, an dem ihm irgendwas liegt, wendet sich auf den letzten zehn Seiten auf einmal alles ohne fundierte Erklärung wieder zum Guten.

Der Roman „Affentanz!“ wurde in gewissen Kreisen lange erwartet. Sollte es doch der erste authentische Roman über das Berghain sein. Und der Autor hat definitiv das dafür nötige Fachwissen. Schließlich hat er selbst jahrelang als Türsteher und Kassierer in der Berghain-Kantine, im Suicide Circus oder im Sisyphus gearbeitet. Er kennt sich aus in der Szene. Und es gelingt ihm durchaus das Lebensgefühl der vielen Clubbesucher*innen mit seinen Sonnen- und Schattenseiten zu vermitteln. Aber mehr eben auch nicht. Alles neben den von ihm beschriebenen Clubeindrücken wirkt irgendwie banal und wenig innovativ. Deswegen lautet mein Fazit, dass man nicht automatisch befähigt ist, eine interessante Geschichte zu erzählen, bloß weil man sich mit einem Thema gut auskennt.

Leon Seikat

Leon Seikat kommt aus Berlin und macht gerade sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Archiv der Jugendkulturen.

Play Gender

Fiona Sara Schmidt/Torsten Nagel/Jonas Engelmann (Hrsg.)
Play Gender. Linke Praxis – Feminismus – Kulturarbeit
Ventil Verlag 2016
246 Seiten
18 EUR

play_gender.jpgWer bist Du und wie und mit wem wirst Du sein (wollen)? Im Sammelband „Play Gender“ beschreiben linke Menschen ihre Pläne, Projekte, ihr Durchkommen und Scheitern im „Spiel“ mit dem Geschlecht und mit ihren Erfahrungen mit dem Geschlechterregime – und das ist und war nicht immer ein Vergnügen.

Sexismus ist eine alle Lebenssphären betreffende Ideologie und Praxis. Auch der kritische Kulturbereich ist davon betroffen. Die Herausgeber*innen wollen mit ihrem Buch zu „linker Praxis – Feminismus – Kulturarbeit“ (so der Band „Play Gender“ im Untertitel) historische und aktuelle Perspektiven von und Beispiele für Strategien gegen Sexismus und Diskriminierung aufzeigen.

Meist stehen die Situation und die Strategien von Frauen und Lesben im Mittelpunkt, aber auch queer-feministische Initiativen von Männern* kommen vor, was angesichts einer anhaltend aktuellen, auch gewaltförmigen Schwulenfeindlichkeit und der Tatsache, dass „sensibler Mann“ immer eher ein Schimpfwort ist, mehr als gerechtfertigt ist.

In Artikeln, Interviews, Dokumenten und mehreren Roundtable-Gesprächen geht es unter anderem um Netzfeminismus, (Musik-)Journalismus, Comic- und Dokumentarfilmproduktionen oder Theater und Tanz unter prekären Bedingungen. Weitere, mehr an einem Ereignis festzumachende Praktiken sind Ladyfeste, feministisches DJ-ing, Slutwalks oder das „Macker Massaker“ im Autonomen Zentrum Mülheim an der Ruhr. Ein wichtiger Beitrag schreibt die Geschichte der linksradikalen und profeministischen Männerbewegung der letzten 25 Jahre. Den historischen Blick greift auch ein Beitrag auf, in dem Teile des anonymen Herausgeber*innenkollektivs des 2013 erschienen Fantifa-Buches über die feministische Organisierung in der Antifa der 1990er Jahre berichten. Eine Autorin aus dem „Conne Island“ schreibt über die internen Strukturen und Debatten dieses über Leipzig hinaus relevanten linksradikalen Polit- und Kulturzentrums.

Sehr ernüchternde Erkenntnisse enthält ein Beitrag der AG Queerfeminismus der Interventionistischen Linken (IL) Berlin. Diese stellt in einer Selbstbefragung fest, dass auch in der (radikalen) Linken Erschöpfung, Krankheit (und Kinder) weiterhin individualisiert würden, viele sich mehr Kollektivität wünschen, diese aber nicht realisieren (können). Der Text stammt allerdings aus 2012/2013 und seitdem hat sich die Situation womöglich etwas gebessert, nicht zuletzt durch die stärkere Thematisierung von Care-Arbeit.

Engagiert und organisiert wird sich an vielen Orten und zu vielen Themen. Das zeigt diese Textsammlung. Und genau das motiviert, weiterzugehen, Allianzen zu schmieden und Neues zu entdecken. Ein Wort sei aber zum Titel des Buches ergänzt: „Play Gender“ – was bedeutet das? Für wen? Nun mag es zwar richtig sein, mit Geschlechterrollen zu spielen (und das ein solches Herangehen auch gut tut und voranbringend sein kann, zeigen einige Beiträge), aber ein „Spiel“ ist das Geschlechterregime definitiv nicht. Es weist jeden Tag Chancen zu, und nimmt sie anderen, nicht zuletzt auf dem Arbeitsmarkt, der im Hintergrund Thema des Buches ist.

Bernd Hüttner

(diese Rezension wurde zuerst unter der Überschrift „Feminismus, Kulturarbeit und Patriachat“auf terz.org veröffentlicht)

Oh Yeah! Popmusik in Deutschland

Das Focke-Museum in Bremen zeigt eine Ausstellung zur Geschichte der deutschen Popmusik. In fünf Abteilungen wird ein grober Überblick über die Entwicklung seit Mitte der 1920 Jahre gegeben. Wer dort beginnen und chronologisch vorgehen will, sollte hinten, am dem Eingang entfernt liegenden Teil der Ausstellung starten.

Ihr Kern sind die jeweiligen Hörstationen, über die 90 typisch deutsche Songbeispiele präsentiert werden. Neben den Textinformationen werden auf 450 Quadratmetern 200 Kostüme, technisches Equipment und andere Erinnerungsobjekte ausgestellt. Den Anfang bilden die wilden Jahre im Berlin der 1920er und die sog „wilden Cliquen“ der oppositionellen Jugendkulturen der Swing-Jugend und der Edelweißpiraten während des Nationalsozialismus. In der Zeit vor 1968 ist dann eher noch die heile Welt der Nachkriegszeit zu bestaunen: Freddy Quinn, Heintje (!), Caterina Valente und Peter Alexander werden hier unter Popmusik verhandelt, was im ersten Moment aus heutiger Sicht etwas komisch wirkt, aber wohl auch wahre Anteile hat.

Die mit reichlich Hörbeispielen und Filmschnipseln versehenen Stationen der jüngeren Vergangenheit behandeln unter anderem Gothic, New Wave und Neue Deutsche Welle, Punk und Rap im Westen und in der DDR, Open-Airs und Festivals oder Techno. So sind Rammstein, die Avantgardegruppe Einstürzende Neubauten und Text und Filmschnipsel aus 1970 der linksradikalen Polit-Rocker „Ton Steine Scherben“ in einem Kasten zusammengefasst. Seichteres wird ebenfalls präsentiert etwas Nena oder Markus („Ich geb Gas, ich will Spaß“). Eine Vertiefung informiert über den Beat-Club von Radio Bremen, der von 1965 bis 1972 gesendet wurde und erstmals (!) englische KünstlerInnen im Fernsehen präsentierte.

1586.jpg©Focke-Museum | Martin Luther

Die Ausstellung beruht auf einem Konzept des Berner Museum für Kommunikation und wurde von einem Bremer Team erstellt. Sie kann (unbeabsichtigt) jüngeren BesucherInnen vermitteln, wie spießig weiteste Teile der kulturellen Öffentlichkeit selbst Ende der 1960er Jahre noch waren, und ebenso, wie in Ost und West entschärfte und durchkommerzialisierte Formen auf den Markt kamen, wenn ein musikalischer Trend nicht mehr aufzuhalten war. Machte Peter Kraus im Westen einen auf Rock ‘n-Roll und Halbstarker, versuchte die DDR zeitgleich den dort erfundenen Lipsi als systemkonformen modernen Tanz gegen den Rock ‘n-Roll zu etablieren. Sie zeigt weiter anschaulich, dass ab den beginnenden 1960ern verschiedene Musikkulturen nebeneinander existierten – heute dürften es dutzende sein. Am auffälligsten ist aber, dass Pop hier anscheinend nichts mit Drogen oder Sexualität zu tun hat, Drogen werden nur für das wilde Berlin der Weimarer Zeit erwähnt. Dass Pop immer auch ein Projekt im Zuge sexueller Befreiung war, bleibt unerwähnt. Eine Befreiung, die freilich im Rahmen des Konsumkapitalismus stattfand und erst einmal den Männern zugutekam, in deren Windschatten aber auch Frauen neue Freiräume erstreiten konnten.

Pop hat neben der technischen Entwicklung (Fernsehen, Radio, Kassette, CD, Walkman) viel mit der Biographie des Betrachters zu tun, und so ist die Ausstellung an einem Sonntagnachmittag gut besucht. Das Altersspektrum reicht von sieben bis 77 und einige ältere Semester wippen an den Hörstationen verträumt mit den Füssen. Mir ging neben den unvergesslichen „Scherben“ ein Mitschnitt aus dem DDR-Fernsehen am besten rein, den ich vorher gar nicht kannte: Hier performt die Electric Beat Crew, die bekannteste HipHop-Band in der DDR, ihr Lied „go go“ (hier auf soundcloud).

In Bremen ist die Ausstellung so aufgebaut, dass die Besucherin direkt am Eingang in der Gegenwart beginnen muss und sich dann in die Vergangenheit vor- bzw. zurückarbeitet. Das ist gewöhnungsbedürftig. Ein Thema wie Popmusik in einer Museumsausstellung einzufangen, ist sicher eine Herausforderung. Hier ist es nur halb gelungen, insgesamt wirkt die Präsentation des Themas leicht steril, eher wie ein Gemeinschaftskundebuch mit Hörbeispielen, trotz des teilweisen wilden Inhalts. Neue Besucherschichten anzusprechen, die vielleicht sonst nicht in ein Museum gehen, dürfte dem Focke-Museum mit diesem Projekt aber gelungen sein.

Oh yeah! Popmusik in Deutschland, noch bis 16. Juli 2017
Focke-Museum – Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte
Schwachhauser Heerstraße 240
28213 Bremen
Di 10 bis 21 Uhr, Mi bis So 10-17 Uhr

Die Ausstellung wird ab August 2017 in Frankfurt, und danach noch in Berlin, Leipzig und Stuttgart zu sehen sein.

Bernd Hüttner (Bremen)

Zine of the Day: ALEX #9 – Privacy and Persona (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Vorderseite von Alex #9 - Privacy And Persona

Vorderseite von Alex #9 – Privacy And Persona

Alex #9 ist ein unglaublich persönliches Zine. Über Privatsphäre. Wie geht das zusammen: Verborgen bleiben wollen und fast intime Zines schreiben? Autor_in Alex/Anne tastet sich an eine Antwort heran, ob die Öffentlichkeit, in die ein Mensch mit seinem Zine tritt, mit dem Wunsch nach Privatsphäre vereinbar ist. Es liest sich wie lautes Denken, nimmt Familie, Freund_innen, Kolleg_innen, soziale Netzwerke mit in den Blick. Ebenso sezierend-beobachtend werden Alltagserlebnisse und Gedanken seines/ihres queeren Lebens durchbuchstabiert in dem Versuch, sich der eigenen Identität verbal zu nähern. Unbedingt lesenswert!

Anja

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2016 #Zines #Zineoftheday #Gender #Privacy #Perzine

Zine of the Day: Die Kunst ist, über’s Kind zu rotzen (Deutschland)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Cover von "Die Kunst ist, über's Kind zu rotzen"

Cover von „Die Kunst ist, über’s Kind zu rotzen“

„Die Kunst ist, über’s Kind zu rotzen. Lach- und Sachgeschichten über Schwangerschaft, Geburt und andere Körperfunktionen“ – Nein, dieses Zine ist kein Biologie-Ratgeber! Es enthält auch keine Schwangerschaftstipps und auch alle, die sich einen Erklärbär-Einspieler im „Sendung mit der Maus“-Stil erhofft haben, muss ich leider enttäuschen.

Clara mit Zine als Tarnung vor gewalthaltigen Büchern

Clara mit Zine als Tarnung vor gewalthaltigen Büchern

Stattdessen ist dieses Zine eine malerische, hemmungslos direkte Erzählung einer Schwangerschaft, die oft unverhofft, aber doch oft öfter als erhofft in das Leben vieler Menschen mit Gebärmutter tritt. Und wie der Titel schon sagt: Es geht – wie in so vielen Geschichten um Schwangerschaft – ums Kotzen, Rotzen und das, was das da mit dem Körper macht. Ich habe dieses Zine als eins der ersten in meinem Leben in meiner Hand gehabt und konnte es erstmal nicht loslassen. Vielleicht nicht nur, aber auch, weil die Komposition aus Worten und kleinen Zeichnungen am Rande, einfach authentisch rüberkommt.

Clara

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2016 #Zines #Zineoftheday #Schwangerschaft #Punk #Perzine

 

 

 

Geniale Dilletanten in Hamburg

00004034.jpgDie Sonderausstellung im altehrwürdigen Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Wer den Raum im zweiten Stock betritt, befindet sich in einer mit Musik unterlegten, begehbaren Installation. Diese kreist um acht bekanntere Bandprojekte der 1980er Jahre, u.a. D.A.F., Einstürzende Neubauten, Die tödliche Doris, Der Plan oder F.S.K. Geografisch spielt sich das meiste in Berlin, Düsseldorf, Hamburg und München ab. Die Bands und ihr Umfeld (Vertriebe, Fanzines, Buchhandlungen und andere Orte etc.) werden mit dokumentarischen Fotos und Filmen und durch künstlerische Bilder und andere Objekte, etwa selbstgebaute Möbel, vorgestellt. Die Ausstellung versteht sich nicht als Musik- oder als Punk-Ausstellung, sondern möchte einige avantgardistische Splitter herauslösen. Produziert wurde sie vom quasi-staatlichen Goethe-Institut. Sie wird vor allem als Tourneeausstellung im In- und Ausland eingesetzt, bisher war sie in Minsk und München zu sehen und ist aktuell auch in Melbourne zu Gast. In Hamburg wird sie in einer erweiterten Fassung mit zusätzlichem Material gezeigt.

Die musikalische und ästhetische Produktion jener Jahre beruhte auf billigen Mieten in Wohnungen mit Kohlenheizung und Außentoiletten, auf einem kreativen Umgang mit dem Urheberrecht und selbstverständlich auf auch heute wieder angesagten Prinzipien wie Kollaboration, Bricolage, DIY und Kreativität, befeuert vom Wunsch nach Selbstbestimmung und Freiheit. Diese Szene hatte mit der damaligen Alternativ- und auf Innerlichkeit abonnierten Ökopax-Bewegung wenig zu tun und mehr Schnittmengen mit Punk. Bevor aus der Neuen Deutschen Welle kommerziell erfolgreiche Popmusik wurde, war es diese Musik, die darunter zusammengefasst wurde.

Die Ausstellung zeigt nun Objekte und Dokumente, die in einer traditionellen Zuordnung der Musik, der Malerei, dem Design, der Videoproduktion entstammen. Sie vermag es, die Stimmung jener Zeit gut zu transportieren. Sie lädt dazu ein, nochmals über Dissidenz und ihre Rolle bei der Herausbildung des Postfordismus nachzudenken, sind doch die Topoi der Revolte jener Jahre, wie Kreativität, Expressivität, Individualität heute längst Bestandteil des neoliberalen Imperativs der Selbstverwirklichung, wie er im Coaching, im Management und anderswo common sense ist: Das klischeehafte Bild vom Künstler als Blaupause zeitgenössischer Arbeitsverhältnisse. Chapeau! Wem das alles zu viel ist, kann sich ja wiedermal „Tanz Debil“ von den Neubauten anhören oder in seinen/ihren alten Kassetten oder Platten stöbern! Oder vor Ort im MKG in der jetzt bis zum 28. Februar verlängerten Ausstellung zum Jugendstil nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten dieser Bewegungen fahnden.

Geniale Dilletanten – Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland
noch bis 30. April 2016
MKG Hamburg, Steintorplatz 1, 20099 Hamburg
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 10-18 Uhr, Donnerstag: 10-21 Uhr
Preise: 12 Euro, ermäßigt 8 Euro, Do ab 17 Uhr 8 Euro, bis 17 Jahre frei

Der gleichnamige Katalog ist bei Hatje Cantz erschienen (160 Seiten, 24,00 €)

Geniale Dilletanten in Hamburg bei Google Maps: Die laufend erweiterte Karte zeigt rund 60 Orte in Hamburg, die für die Subkultur der frühen 1980er Jahre von besonderer Bedeutung waren: ehemalige und noch existierende Konzert-Locations, Platten- und Buchläden, Kneipen und Cafés, Theater und Galerien, Musik-Studios und -Verlage werden verortet und ausführlich kommentiert.

Bernd Hüttner

Dieser Text ist zuerst auf der Webseite der Rosa-Luxemburg-Stiftung erschienen.

CTM: Seismographic Sounds / Rojava

Zwei Veranstaltungshinweise im Rahmen des diesjährigen CTM-Festivals:

seismobook300.jpgIm Kunstraum Kreuzberg/Bethanien wird heute (29.1.2016) die Ausstellung Seismographic Sounds- Visions of a New World eröffnet. Sie wurde von Norient, einem Netzwerk für lokale und globale Sounds und Medienkultur konzipiert und kuratiert, außerdem ist 2015 ein gleichnamiger Sammelband erschienen. In der Ausstellung geht es um die Auseinandersetzung mit Arbeiten von insgesamt 250 Künstler*innen, Musiker*innen, Akademiker*innen und Blogger*innen aus 50 Ländern. Die Arbeiten experimentieren mit den Möglichkeiten des Internets und rücken Globalisierung und Digitalisierung in ein konstruktives visionäres Licht. Sie stehen damit im Gegensatz zu verbreiteten pessimistischen Perspektiven, die auf kulturelle Homogenisierung fokussieren. Innerhalb der Themenbereiche Geld, Einsamkeit, Krieg, Zugehörigkeit, Exotika und Sehnsucht/Begehren (desire) setzen sie einen Gegenstandpunkt. Das gleichnamiges Buch kann laut Theresa Beyer, einer der Herausgeber*innen, auch als Ausstellungskatalog gelesen werden kann, beide funktionieren aber unabhängig voneinander. In einer Buchvorstellung, die 26.1.2015 im sympathischen und gut sortierten Buch- und Plattenladen Echo in Berlin-Wedding stattfand, stellte Thomas Burkhalter, ein weiterer Herausgeber, Tracks, Sounds und Videoclips aus Seismographic Sounds vor. Sie zeigen musikalische und künstlerische Praxen, die sich gesellschaftspolitische Themen aneignen und dabei mit neuen bzw. globalisierten Musikstilen und digitalen Medien experimentieren. Dabei ging es u. a. um die musikalische Auseinandersetzungen mit gender, z. B. TemiDollFace Pata Pata (Nigeria) oder Umlilo Magic Man (Südafrika). Kontrastierend zu diesen emanzipatorischen Praxen in afrikanischen Kontexten ist das Beispiel Bishi Bhattacharya (Queen Bishi) Albion Voice aus Großbritannien als Ausdruck von übertrieben inszenierten Anpassungs- und Zugehörigkeitswünschen an einen verstetigten Kolonialismus. Auch PC Music aus England werden thematisch eingebettet, die Anfang 2015 von Plattformen wie Fact Magazine oder der Zeitschrift The Wire als Phänomen der digitale Avantgarde gehandelt wurden, oder Vaporwave aus den USA, eine DIY-Sample-Praxis, die 2010 in Internet Communities wie Tumblr entstanden ist. Sie ist durch eine kritische oder ironische Faszination von Kapitalismus und Popkultur gekennzeichnet und drückt sich in einer Mischung aus gepitchten Retromania-Ästhetiken, abgehackter Fahrstuhlmusik, synthesiertem Jazz, Videospielen und Werbung aus. Aus dem scheinbar unendlich großen Spektrum an den im Netz verfügbaren Sounds, Ästhetiken, kulturellen Ausdrucksformen und politischen Positionen wurden mit Hilfe von Kollaborationen musikalische Praxen für das Norient-Buch ausgewählt: die Macher*innen baten Menschen aus 50 Ländern 24 ausgewählte Musikclips persönlich zu kommentieren, über aktuelle Trends und über Erfahrungen in der ethnografischen Feldforschung zu berichten oder einen Überblick über akademische Schlüsselkonzepte zur Musikforschung zu geben. Im Ergebnis zeigen die Songs, Tracks, Kompositionen und Videoclips, wie musikalische Visionen – teilweise mit lebensbedrohlichen Konsequenzen für die Künstler*innen – aussehen können, die „new spaces beyond the confines of commercialism, propaganda, fanatatism, racism, sexism and homophobia“ (vgl. Einleitung des Sammelbandes) schaffen.

Das Buch:
Theresa Beyer, Thomas Burkhalter, Hannes Liechti (Hrsg.)
Seismographic Sounds – Visions of a New World
Norient Books
 2015, 504 S., 31,00 €

Die Ausstellung:
Mo-Fr., im Rahmen von CTM bis 7.2.2016: 11-22h, danach bis zum 20.3.2016: 11-20h
KBB Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2, 10997 Berlin

rojava200.gifDen Visionen einer neuen Welt widmet sich auch das Panel Music, Awarness und Solidarity for #Rojava (6.2., 13:30, ebenfalls im KKB). Im Dezember 2015 startete das Netzwerk female:pressure eine Kampagne, um auf die Widerstandsbewegung in den Kantonen von Rojava (West-Kurdistan in Nord-Syrien) aufmerksam zu machen, in der sich Frauen vor Ort für eine staatenlose Demokratie bzw. Selbstverwaltungsstrukturen einsetzen. Die staatenlose Demokratie beinhaltet soziale und ethnische Gerechtigkeit, Religionsfreiheit, ökologische Nachhaltigkeit und Geschlechtergerechtigkeit. Im Rahmen des Panels wird der von female:pressure kuratierte Sampler präsentiert, mit Beiträgen von Musiker*innen und Künstler*innen als Auftakt einer Solidaritätskampagne mit den Frauen, Männern und Kindern für ihre Vision von einem demokratischen Rojava. Dabei sind folgende Akteur*innen: Hevî, die über den Hintergrund der gesellschaftlichen Umwälzung in den Kantonen informiert und die Rolle von Kunst in diesem Kontext einschätzt. Ipek Ipekcioglu stellt ihre Arbeit und ihren Beitrag für den Sampler vor, ein Kollaborationsprojekt mit der kurdischen Sängerin Sakina. Sky Deep spricht über ihren Beitrag und den dahinterstehenden Gedankenprozess. Außerdem zeigt das Panel eine Videoarbeit von Olivia Louvel, die sich mit kämpfenden Frauen auseinandersetzt.

Playlist 25 tracks auf Soundcloud:
soundcloud.com/femalepressure/sets/rojava-female-pressure
Kampagne auf female:pressure
www.femalepressure.net/rojava.html

Tanja Ehmann

Das Ende von Eddy

Édouard Louis
Das Ende von Eddy
S. Fischer 2015
208 Seiten
18,99 €

u1_978-3-10-002277-6.38011915.jpg„Das Ende von Eddy“ ist der Debutroman des jungen Franzosen Édouard Louis, der gebürtig Eddy Bellegueule heißt und um dessen Autobiografie es sich bei diesem Werk eigentlich handelt. Das Buch erzählt die tragische und schockierende Geschichte des jungen Franzosen, der in seinem Heimatort diffamiert und auf grausamste Weise misshandelt und gedemütigt wird. Es behandelt jedoch nicht nur die Homosexualität des Protagonisten bzw. Autors, sondern auch den Umgang mit den im Norden Frankreichs immer noch erstaunlich konservativen Geschlechterrollen. Eddys Leidensweg  beginnt damit, dass er anders geht als die anderen Jungs im Ort, anders als seine doch so „männlichen“ Brüder, und damit, dass er eine hohe Stimme hat. All diese Äußerlichkeiten lassen ihn von klein auf zum Gespött der Leute im Ort werden, die ihn auslachen und mit seinen Eltern über ihn reden. Als er das alles mitbekommt, versucht er krampfhaft seine äußere Erscheinung zu ändern. Als wäre all das nicht schon schlimm und traumatisierend genug, so wird es noch schlimmer, als herauskommt, dass er schwul ist und zwei Klassenkameraden anfangen, ihm aufzulauern und ihn zu misshandeln. Sie treten ihm in den Bauch, bespucken ihn und zwingen ihn die Rotze abzulecken, beschimpfen ihn aufs derbste und lachen ihn aus. Und das an jedem Tag seiner Schulzeit. Diese Misshandlungen finden statt, nur weil Eddy anders liebt, anders als sie es tun wollen, von Können kann nicht die  Rede sein. Zu tief sitzt der Hass auf Schwule, auf alles was nicht so ist wie sie, also wie die „echten, harten Kerle“ im Ort. Nach Jahren der Unterdrückung und der Misshandlung gelingt es ihm irgendwann aus diesem Kaff zu verschwinden, er geht auf eine weiterführende Schule in einer anderen Stadt. Er lässt sein Leben als Eddy hinter sich und beginnt ein neues Leben, sein Leben als Édouard Louis.

Soviel zu dem Roman, welcher mich zutiefst erschüttert, aber auch gleichzeitig aufgrund seiner schonungslosen Ehrlichkeit sehr berührt hat. Schockierend ist, dass selbst in den 90er Jahren und dem 21. Jahrhundert Homosexualität in Frankreich, wenn auch im Hinterland, so sehr missbilligt wird. „Das Ende von Eddy“ ist gewiss keine Coming-Out-Story, es ist auch kein Ratgeber oder etwas dergleichen, sondern ein Buch voller Gefühl über den Mut, der zu sein, der man sein will. Ich habe in letzter Zeit viel Literatur zu diesem Thema gelesen und frage mich, ob es in unserer heutigen Gesellschaft, wo Homosexualität in vielen Ländern akzeptiert oder zumindest toleriert wird, ob es dort überhaupt noch nötig ist, sich zu outen. Warum soll die Frage danach, ob jemand Homo-, Hetero-, A-, Bi-, Trans- oder sonst wie sexuell ist, im Alltag überhaupt noch eine Rolle spielen? „Das Ende von Eddy“ gibt einen schockierenden, aber höchst authentischen Einblick in die Welt der jungen Homosexuellen in Frankreich und regt zum Nachdenken darüber an, was noch getan werden muss, damit alle Menschen, egal welche Sexualität sie leben oder welchem Geschlecht sie angehöre, so leben können, wie sie es wollen.

Crimeflair

Crimeflair ist Praktikantin im Archiv und betreibt einen eigenen Blog

Fahrradmod

Tobi Dahmen
Fahrradmod
Carlsen Verlag 2015
472 Seiten
29,99 €

9783551763082

Aufwachsen in Wesel, in der Provinz, weitab von allem, was irgendetwas mit Trends und Hip-Sein zu tun hat … So beginnt die eigentlich langweilige Jugend von Tobi. Durch eine Filmstunde in Sozialkunde wird der 15-Jährige auf eine coole Subkultur gestoßen: Die Mods.

Damals, in den Zeiten vor dem Internet, sind die Informationen eher schwer zu bekommen: auf der Party wird ein Fotoband aus London herumgereicht. Doch wie sollen sie diesen schicken Style leben? Woher kommen die Klamotten, woher die Schuhe? Statt mit dem Motorroller fahren die Freunde mit dem Fahrrad vor. Mit zunehmendem Auskennen wird auch der Aktionsradius größer, werden die Anzüge schicker …

Der Comiczeichner Tobi Dahmen hat ein dickes Buch verfasst über seine Jugend in der „Szene“, über die Entwicklungen der Mod-Kultur und ihre Verbindungen zu Ska, den Rude Boys, Northern Soul und Skinheads. Wendepunkte des Buches sind die Begegnungen mit rechten Skins, mit Drogen und mit Techno. Der Erzähler wendet sich verwandten Kulturen zu: Scooterism und Northern Soul.

Es ist diesem Buch nicht genug zu danken, dass bei der Lektüre Unklarheiten über diese speziellen Phänomene der Jugendszenen recht schnell ausgeräumt werden. Statt dessen folgen wir dem Protagonisten auf seinen verschlungenen Wegen in den Neunzigern durch die Stile und Szenen auf der Suche nach der besten Musik, dem richtigen Lebensgefühl, den wahren Freunden. Wie so viele andere ist er durch seine Jugend geprägt und immer noch neugierig auf noch unentdeckte Musik, hungrig nach schönen Weekendern und kann nicht aufhören zu seiner Lieblingsmusik zu tanzen.

Dies wird nicht als dramatischer Roman erzählt, sondern eher in Form einer epischen episodenhaften Erzählung, in etwa so wie auch ein Leben in der Realität abläuft. Unterbrochen wird diese immer wieder durch Einschübe über die Entstehung und Ursprünge der einzelnen Stile und Subkulturen.

Das Besondere der 470 Seiten dicken Erzählung sind die tiefen und persönlichen Einblicke in die den Meisten eher unbekannten Szenen und die enge Verknüpfung mit Musikbeispielen. Der Autor liebt diese Szene, die Musik, die Protagonistinnen und Protagonisten. Das alles drückt sich auch in den Zeichnungen aus: detailreiche Schaubilder, spektakuläre Innenansichten und Massenszenen wechseln sich ab mit den Dialogen und Betrachtungen von Tobi und seinen Freunden. Die Bilder sind in einem durchgängigem, aufgeräumten Stil gehalten, Grauschattierungen geben Licht und Atmosphäre.

Wann schenkt uns nun jemand aus der Szene der Beatniks, Punks, Raver_innen, Metalheads, Fußballfans oder Hiphopper_innnen eine eigene Odyssee durch ihre Subkultur und das Leben?

Peter Auge Lorenz

Zurück am Tatort Stadium

Martin Endemann / Robert Claus / Gerd Dembowski / Jonas Gabler (Hrsg.)
Zurück am Tatort Stadion – Diskriminierung und Antidiskriminierung in Fußball-Fankulturen
Verlag die Werkstatt 2015
384 Seiten
19,90 €

9783730701317_coverDas Bündnis Aktiver Fußball-Fans (BAFF) ist ein seit 1993 bestehender vereinsübergreifender Zusammenschluss von Fußballfans, der sich für Fanrechte und den Erhalt einer ursprünglichen Fußballfankultur einsetzt. Das BAFF nennt dies den „Erhalt der historisch gewachsenen Fankultur als Stadion-Live-Ereignis mit hohem Unterhaltungs- und sozialem Integrationswert“ (s. hier) – dazu gehört neben einer kritischen Betrachtung von Kommerzialisierung und Repression auch der Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung. Zu diesem Thema machte das BAFF besonders mit der Ausstellung „Tatort Stadion“ auf sich aufmerksam, die seit 2001 an über 200 Orten gezeigt wurde. Nachdem im Jahr 2002 schon der 216 Seiten starke Sammelband „Tatort Stadion“ erschienen ist, ist nun ein zweiter Sammelband zum Thema erhältlich.

Zurück am Tatort Stadion“ liefert ähnlich wie die Broschüre „Fairplay statt Hass“ eine Bestandsaufnahme zu Rassismus und Diskriminierung in Fußball-Fankulturen. Als Herausgeber treten die „Stars“ der kritischen Fußballliteratur auf – Martin Endemann, Robert Claus, Gerd Dembowski und Jonas Gabler – alles Namen, die man in den letzten Jahren häufiger im Zusammenhang mit (qualitativ hochwertigen) Publikationen zu Ultras, Hooligans und Diskriminierung gelesen hat.

Bevor der Sammelband sich Kapitel für Kapitel durch die verschiedenen Aspekte von Diskriminierung und Antidiskriminierung im Fußballsport arbeitet, müssen sich im ersten Beitrag „Wir sind besser als die anderen“ erstmal alle Ultras und begeisterten Fußballfans der Frage stellen, inwiefern ihre Leidenschaft auch ausgrenzend ist. Die Mär vom „in die Wiege gelegten“ Dasein als bedingungsloser Fußballfan wird in Frage gestellt und die unter Fans verbreitete Selbstgerechtigkeit, Erhöhung und Mystifizierung thematisiert – hier sollten sich wohl auch antirassistische Fans und Ultras (berechtigterweise) angesprochen fühlen.

Danach wird im ersten Kapitel in unterschiedlichen Formaten, vom Essay bis zum Interview, auf die Themen Rassismus, Vorurteile, Diskriminierung, die Marginalisierung von Frauenfußball, Frauen in der Ultraszene, Homophobie, Männlichkeit, Fans mit Behinderung, Antisemitismus, Antiziganismus, Ethnizität, Weißsein und die Identitätsfrage von deutschen MigrantInnen im deutschsprachigen Fußballsport eingegangen. Besonders die Interviews bewegen sich nah am Geschehen, z. B. wenn ein aus Indien stammender Kölner Ultra seine Erfahrungen reflektiert und facettenreich darstellt, ergeben sich sowohl für Insider als auch für Außenstehende aufschlussreiche Einblicke.

Das zweite Kapitel „Kampfort Stadion“ führt von der Sammlung an Fakten und Eindrücken des ersten Teils zur eingehenden Analyse. Besonders die Essays „Rechtsextremismus und Fanszenen – ein analytischer Blick auf die gesellschaftlichen Strukturen“ (Pavel Brunßen / Robert Claus) und „Patriotisches Menschenmaterial“ (Markus Ragusch / Michael Weiss) gehen angenehm in die Tiefe. Gerade zweiterer Artikel, der sich mit der Entwicklung von der Facebook Gruppe „Weil Deutsche sich’s noch trauen“ hin zu einer HoGeSa-Demonstration in Köln mit 5000 Teilnehmern beschäftigt, deckt die gefährlichen Vernetzungen zwischen Alt-Hooligans und rechtsoffenem Nachwuchs und der Rolle von sozialen Netzwerken auf. Eine längst überfällige Recherchearbeit zu den „nationalen Fußballjungs“, die auf ganzer Linie überzeugt.

Im dritten Teil „Tatort Europa“ geht es nach Italien, Frankreich, das ehemalige Jugoslawien, England und die Türkei. Gerade der Blick nach Zagreb und Belgrad (Holger Raschke: Football with a lot of Politics – Die Fankultur im ehemaligen Jugoslawien), wo die Politik eine bedeutende Rolle im Stadion spielt und es als Fan nicht im Frage käme, sich als „unpolitisch“ zu bezeichnen, oder „Von den Tribünen zum Gezipark – Fußballfans in der Türkei zwischen Nationalismus und Protest“ (Harald Aumeier / Robert Claus) sind von so großer Aktualität und Brisanz, dass die Themen jeweils eigene Bücher füllen könnten. Oder zumindest hätte der „Tatort Europa“ die Berechtigung auf eine eigene, umfassende Publikation – ein Kapitel zur Rolle von Ultras auf dem Maidan sowie den verheerenden Problemen mit Rassismus und Diskriminierung im ukrainischen und russischen Fußball sucht man zum Beispiel vergebens, obwohl dies ebenfalls wichtige und aktuelle Themen gewesen wären.

Mit den „Gegenorten“ wird im vierten Teil der Kreis dann geschlossen – jetzt kommt nach drei Kapiteln, die einen mitunter fassungslos und wütend zurücklassen, ein wenig Hoffnung ins Geschehen, wenn es um Antidiskriminierungsarbeit, Fanprojekte und Initiativen wie den „Fußballfans gegen Homophobie“ geht.

Alles in allem ist „Zurück am Tatort Stadion“ mit seinen 29 Beiträgen aktuell die umfassendste Publikation zum Thema Rassismus, Diskriminierung und Antidiskriminierung im Fußball. Dass der Sammelband mit seinem Umfang von 400 Seiten teilweise noch Wünsche nach tiefer gehenden Auseinandersetzungen offen lässt, verdeutlicht die Vielseitigkeit und Brisanz dieses Themas – dass er ohne Längen auskommt und sich auch theoretischere Beiträge durchwegs gut und flüssig lesen lassen, spricht für seine Qualität. Eine längst überfällige Publikation, die die Arbeit des BAFF hoffentlich weiterhin vorantreibt und andere ermutigt, sich in das Thema einzulesen oder die eigene Rolle im Fußballstadion zu hinterfragen.

Pavel Brunßen, Chefredakteur des Transparent Magazins, stellt in Kooperation mit dem Werkstatt-Verlag das Buch noch an folgenden Terminen vor:

20.10.2015 – Darmstadt, Fanprojekt Darmstadt
21.10.2015 – Fürth, Fanprojekt Fürth
22.10.2015 – Duisburg, Wedaustadion, Presseraum
24.10.2015 – München, Fanheim am Louisoder-Spielplatz
30.10.2015 – Oldenburg, Fanprojekt
18.11.2015 – Freiburg, Fanprojekt Freiburg

Wer sich für die Wanderausstellung interessiert, wird noch etwas warten müssen, da sie gerade überarbeitet und aktualisiert wird. Mehr Infos unter: https://www.facebook.com/TatortStadion

Florian Hofbauer

Die Macht der Nacht

Westbam
Die Macht der Nacht
Ullstein 2015
320 Seiten
18 €

51JARG28CDL._SX312_BO1,204,203,200_Westbam überall. Bücher, Filme, Podiumsgespräche. Es passt allerdings auch alles sehr gut zusammen – zu seinem 50. Geburtstag ist dieses Jahr seine Biographie „Die Macht der Nacht“ erschienen, die wiederum perfekt zum ganzen Westberlin-Subkultur-Mauerfall-Einheit-Techno-Rummel der letzten Jahre passt, in dessen Kontext er auch schon regelmäßig auftauchte. Denn Maximilian Lenz, so Westbams bürgerlicher Name, war irgendwie immer mitten drin in diesen Szenen und kannte anscheinend alle, die wichtig waren. Und zwar schon ab Ende der 70er Jahre, als er Punk entdeckte und selber zu einem wurde – und in den darauffolgenden Jahren verschiedene wichtige Protagonist_innen der deutschen Szene, von den Toten Hosen über DAF, Mania D/Malaria! bis zu den Einstürzenden Neubauten, kennenlernte. Das lag u. a. auch an seinem gut vernetztem Freund und späteren Manager William Röttger, der schon früh davon überzeugt war, dass Maximilian ein großes Talent sei. Dieser nannte sich als Punk „Frank Xerox“ und spielte dann auch schon 1981 mit seiner Band „Kriegsschauplatz Tempodrom“ beim „Festival Genialer Dilletanten“ in Berlin, das als eine Art Startpunkt für die Westberliner Szene gilt.

Nachdem Lenz 1982 schon ein halbes Jahr in Berlin zur Schule gegangen war (als eine Art „Auslandsaufenthalt“ und erstaunliche „Bildungsreise ins Nachtleben“) zog er nach seinem Abitur endgültig von Münster nach Berlin und fing an, im Metropol aufzulegen. Es folgen turbulente Jahre, in denen Lenz ein Pionier der elektronischen Tanzmusik wird, nicht nur als DJ, sondern auch als Theoretiker – 1984 verfasste er den Artikel „Was ist Record Art?“, der der erste deutschsprachige Text zum neuen Phänomen des DJings war.

In die „Macht der Nacht“ – benannt nach einer Partyreihe in einem Zirkuszelt, einer Art Rave, bevor es Raves gab – erzählt Lenz seine Geschichte von seiner Kindheit in den 1970ern bis Mitte der 1990er Jahre, als Techno zur größten deutschen Jugendkultur wurde. Die Biografie ist eine unterhaltsame, manchmal sogar äußerst komische Lektüre, in einzelnen Momenten aber auch schrecklich traurig (tragische Todesfälle gehören zu solch einer Geschichte dazu), und sie zeigt sehr anschaulich, wie sich Techno in Berlin u. a. aus der Punk- und New Wave-Szene und der schwulen Partykultur heraus entwickelt hat. Das alles ist also auch ein lesenswertes Stück Musikgeschichte und eine Dokument über den Aufstieg von Techno zur Massenkultur, zu dem Westbam mit seiner Beteiligung an Veranstaltungen wie der Loveparade und der Mayday sowie durch die chartstaugliche Musik seines Plattenlabels Low Spirit einen bedeutenden Beitrag geleistet hat. Dafür wurde er oft angefeindet, da ihn Techno als reine Untergrundkultur nicht interessierte, und hat ihm teilweise das Image eines rein kommerziell denkenden Großraumdisko-DJs einbrachte – was so nicht stimmt, das Buch ist auch von einer überzeugenden Liebe zur Musik geprägt und voll nerdigem Wissen über tolle Platten.

Nach dem Größenwahn Mitte der 1990er, als Westbam, Dr. Motte und Jürgen Laarmann (Frontpage) von der Raving Society träumten und die Loveparade jedes Jahr größer wurde, kommt aber leider nur noch sehr wenig. All das, was ab Ende der 1990er passierte, hat bis auf ein paar wenige Episoden anscheinend nicht mehr ins Buch gepasst. Es wäre bestimmt spannend gewesen, wie z. B. der Aufstieg von Minimaltechno (kurz bringt er das mit 9/11 in Verbindung, der seiner Meinung auch in der Technoszene zu einer neuen Zurückhaltung geführt habe) oder die Bedeutung des Berghains (auf einem Podiumsgespräch bei der Heinrich-Böll-Stiftung sprach er diesbezüglich von der Suche nach der Hochkultur) aus Westbams Sicht einzuschätzen sind. Vielleicht fehlen diese Themen auch deshalb, weil sich Westbam hier nicht mehr wohl gefühlt hat, er deutet das an, in dem er darüber schreibt, dass er sich in dieser Zeit manchmal „unpassend“ gefühlt habe. Aber auch die weitere Karriere von Westbam selbst, von seiner erfolgreichen Zusammenarbeit mit Nena (Oldschool, Baby 2002) bis zur Katastrophe auf der Loveparade in Duisburg 2010, auf der er sein letztes Set auf einer Loveparade überhaupt spielen wollte, fehlt fast komplett.

mailEin klein wenig mehr über Westbams Sicht auf die Gegenwart erfährt man im neu verfassten Nachwort zur vor kurzem erschienen Neuauflage von Ulf Porscharts „DJ Culture“, das gerne als Standartwerk zum Thema bezeichnet wird. Hier schreibt Westbam u. a. über Laptop-DJs und digitale Musikkultur, oder auch den Aufstieg der Superstar-DJs, die vor riesigen Menschenmassen auftreten und Millionen verdienen, aber teilweise gar nicht selber mixen können. Er selbst hat nie diesen Status des absoluten Superstar-DJs erreicht – ein Phänomen, das vor allem im Kontext von EDM in den USA ganz neue Blüten treibt – vielleicht, weil er doch trotz allem irgendwie immer mit einem Fuß im Untergrund verwurzelt geblieben ist und am totalen Ausverkauf kein Interesse hatte.

Als gute Ergänzung zu „Die Macht der Nacht“ läuft im Moment in der Mediathek von Arte die Dokumentation „Bäm Bäm Westbam!“, in der noch einmal wesentliche Episoden der Biografie thematisiert werden und auch einige der Protagonisten zu Wort kommen. Westbam unterhält sich hier mit Gabi Delgado von DAF, der Berliner DJ-Legende Fetisch und seinem Kollegen Hardy Hard. Seltsamerweise taucht auch Sven Regner auf, der die elektronische Tanzmusik als Rache der Keyboarder am Rock’n’Roll bezeichnet (weil nun endlich nicht mehr die Leute mit den Gitarren im Mittelpunkt stehen). Das ist alles durchaus sehenswert und ebenfalls ziemlich unterhaltsam, allerdings teilweise großspuriger erzählt als es notwendig gewesen wäre, z. B. wenn in den Kommentaren Westbams Rolle auf übertriebene Weise gepriesen wird, nervt das ziemlich – Westbam ist zwar kein bescheidener Mensch und hat auch keinen Grund dazu, seine Biografie liest sich aber auch deshalb so angenehm, weil er mit einer gewissen ironischen Distanz auf seine Karriere blickt.

Aktuell ist neben „Bäm Bäm Westbam!“ auch „B-Movie“ bei Arte +7 zu sehen, die Dokumentation über die Westberliner Subkultur – selbstverständlich ebenfalls mit Westbam.

Daniel Schneider

Fairplay statt Hass

Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.)
Fairplay statt Hass –  Was wir gegen Menschenverachtung und rechtsextreme Ideologien im Fußball machen können
Amadeu Antonio Stiftung 2015
44 Seiten
kostenlos

Broschüre FußballAmadeu Antonio war eines der ersten Opfer rechtsextremer Gewalt im wiedervereinigten Deutschland. Die nach ihm benannte Stiftung wurde 1998 ins Leben gerufen und unterstützt Projekte und Initiativen, die sich gegen rechte Alltagskultur, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung einsetzen. Da in diesem Kontext Fußballfans immer noch eine große Rolle spielen, hat die Stiftung unter dem Namen Fairplay statt Hass eine kostenfreie Broschüre veröffentlicht, die einen Bericht über die gegenwärtige Lage von Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Homophobie, Sexismus und menschenverachtendem Verhalten im deutschen und internationalen Fußball gibt. Neben dem eher allgemein gehaltenen Abschnitt über den Status quo von rechten Ideologien im Fußball inklusive derer Geschichte und aktuellen Phänomenen wie Hooligans gegen Salafisten werden auch gegenseitige Projekte behandelt. Besonders die Situation von weiblichen Ultras wird durch die Vorstellung der Ultragruppe Frauen*Mädchen*Trans*Babelsberg und dem Bericht eines weiblichen Mitglieds der antifaschistischen Bremer Ultraszene sehr informativ und differenziert dargestellt. Auch die Kapitel zu den Initiativen Show Racism the Red Card, Fußballfans gegen Antisemitismus, Fußballfans gegen Homophobie, Discover Football, und dem Geflüchteten-Verein Welcome United 03 in Babelsberg geben einen guten Überblick und machen Hoffnung, dass sich antirassistische und antidiskriminierende Projekte im Fußball weiter durchsetzen. Einzig die Rolle der Deutschen Fußball Liga (DFL), die neben dem Pool zur Förderung innovativer Fußball- und Fankultur als Finanzier der Broschüre auftritt, wird ebenso wie der DFB eher unkritisch behandelt. Dass auf Anweisung des DFB sowohl in Hamburg („Kein Fußball den Faschisten“) als auch in Hannover („96-Fans gegen Rassismus“) im vergangenen Jahr bei Länderspielen offenbar unpassende Transparente überklebt wurden, findet nämlich an keiner Stelle Erwähnung. Ein Zufall? Wie dem auch sei, die überwiegend gut recherchierte und vielseitige Broschüre ist als Einstieg in das Thema zu empfehlen. Sie kann kostenlos unter info@amadeu-antonio-stiftung.de bestellt oder hier heruntergeladen werden.

Florian Hofbauer

Deutschpop halt’s Maul!

Frank Apunkt Schneider
Deutschpop halt’s Maul! – Für eine Ästhetik der Verkrampfung
Ventil Verlag 2015
112 Seiten
10 €

deutschland_maul_layDass es deutschsprachigen Pop gibt, ist heute nichts mehr, was irgendjemanden wirklich überraschen würde – im Gegenteil, Bands wie Wir sind Helden, Juli, Kettcar, Revolverheld, Mia., Sportfreunde Stiller, Silbermond und so weiter sind fester Bestandteil der deutschen Musiklandschaft. Irgendwie ja auch logisch, dass in Deutschland deutschsprachige Popmusik gemacht und gehört wird – aber dann doch nicht ganz so selbstverständlich, wie es heutzutage erscheint. Denn „deutschsprachige Popmusik war lange Zeit undenkbar“, wie es im Klappentext von Frank Apunkt Schneiders Deutschpop halt’s Maul! heißt. Pop war, als er in den 1950er Jahren seinen Weg nach Deutschland (oder besser gesagt: Westdeutschland) fand, eine Befreiung von der bedrückenden deutschen Geschichte und Fluchtmöglichkeit vor der miefigen deutschen Kultur der damaligen Zeit. Er war aufregend und neu, eine Provokation gegenüber der Elterngeneration und dank seiner konnten neue, nicht-nationale Identitätskonzepte entworfen werden. Denn Pop war explizit nicht deutsch, sondern englisch. Auch deutsche Bands sangen auf Englisch, selbst wenn sie nicht so genau wussten, was sie da sangen – aber das war egal, denn es ging ja nicht um einen festen Sinn, sondern um Freiheit. Und wenn deutsche Künstler_innen dann doch auf deutsch sangen, war das oftmals kein Pop, sondern Schlager – eine Unterscheidung, die dem Autoren des Buches wichtig ist, denn die deutsche Sprache führte dazu, dass das befreiende Fremde (und eine positiv gedeutete Entfremdung) des englischen Pops in diesen Liedern wieder verschwand.

Das Buch ist – und das sagt der Autor auch gleich zu Beginn – vor allem eine polemische, antideutsche Gegengeschichte des Deutschpop, die „ebenso konstruiert ist wie die offizielle.“ Mit der offiziellen Geschichtsschreibung ist das gemeint, was heute oftmals in Bezug auf z. B. Krautrock, deutschem Postpunk oder Techno geschrieben wird oder auch in Ausstellungen zu diesem Thema behandelt wird. Da werden dann Kraftwerk zu den „Urvätern von Techno, House und Hip Hop“ (und Deutschland wird ein unverzichtbarer Teil der internationalen Popgeschichte), die Neue Deutsche Welle zur eigenständigen deutschen Jugendkultur oder Techno zum Sound der Wiedervereinigung – es findet eine Art Renationalisierung von Musiken statt, die gar nicht unbedingt deutsch sein wollten oder sogar eine Flucht vor diesem Deutschsein darstellten.

Der heutige Deutschpop, der kein Problem mehr mit dem Deutschen hat und „mit sich selbst einverstanden ist“, ist erst nach 1989 entstanden und Teil einer Bewegung hin zu einem entspannten, unverkrampften Deutschsein. Das ist dann aber laut Schneider kein Pop mehr, zumindest nicht im eigentlichen Sinne, da Pop keine nationale Identität hat. Gemeint ist mit Deutschpop allerdings nicht der deutschsprachige Diskurspop von Bands wie Tocotronic oder Blumfeld (zumindest nicht den frühen Blumfeld), sondern das, was danach kam – und an dem eine Band wie Tocotronic verhängnisvollerweise mit Schuld sein sollen, da sie ein Vorbild vieler der o. g. Deutschpopbands sind. Diese sind harmlos und stellen nichts in Frage – und ein positiver Bezug zur deutschen Heimat ist für sie oftmals kein Problem mehr. Auch gehört die Sprechweise von einem „Wir“ zum festen Repertoire vieler Deutschpopbands, was von Schneider im Sinne von „wir Deutschen“ verstanden wird und oft auch so gemeint ist. Schneider sieht deshalb eine Verbindung zu einer DeutschROCKband wie Frei.wild, die seiner Meinung ganz ähnliche Inhalte transportiert wie die DeutschPOPbands, im Gegensatz zu diesen aber als eindeutig eklig erkennbar ist (Schneider nennt Frei.Wilds Musik „strukturellen Rechtsrock“). Deshalb gibt diese Band ein wunderbares Feindbild ab, von dem sich die anderen Bands dann distanzieren und sich als die „Guten“ fühlen können.

Frank Apunkt Schneider zu folgen fällt manchmal schwer, da er ein umfangreiches Vorwissen über die behandelten Bands und Künstler_innen voraussetzt und man als Leser_in ganz viel Musik – also auch ganz viel schlechte und langweilige Musik – gehört haben muss, um zu wissen, worum es an manchen Stellen eigentlich geht – zum Beispiel scheint Tangerine Dream im Gegensatz zu anderen Krautrock-Bands irgendwie doof zu sein, warum bleibt aber unklar. Deutschpop halt’s Maul! ist insgesamt aber ein unterhaltsames und immer wieder wunderbar böses Buch, dass ein Gegengift gegen Wohlfühlpatriotismus und Vereinnahmung von Popmusik in irgendwie nationalem Sinne darstellt. Das ist nämlich, ganz platt ausgedrückt und abgesehen von irgendwelchen anderen relevanten Argumenten: uncool, einfach nicht schön, total langweilig. Und Popmusik, die damit kein Problem hat, ist – auch das ein Fazit des Buches – dann einfach keine gute Popmusik.

Daniel Schneider

Grauzonen

Agentur für soziale Perspektiven (Hrsg.)
Grauzonen – Rechte jugendliche Lebenswelten in Musikkulturen
ASP 2015
48 Seiten
2,50 € (Schutzgebühr)

grauzonenDie kleine Broschüre zum Bereich der „rechten jugendlichen Lebenswelten“ ist eine gute Handreichung, wenn es darum geht, problematische Einstellungen in Jugendkulturen jenseits der rechtsextremen Szenen zu erkennen und einzuordnen. An erster Stelle geht es hier um die Band Frei.Wild, die vor kurzem mit ihrem aktuellen Album auf Platz Eins in die deutschen Albumcharts eingestiegen sind. Aber auch andere Deutschrockbands sowie die Rapper Bushido und Fler werden thematisiert und Songtexte und Aussagen analysiert. Es geht als um kein Randphänomen wie Rechtsrock, sondern um Acts aus dem popmusikalischen Mainstream.

Vor allem das Kapitel über die „zentralen Bezugspunkte“ ist lesenswert, da hier verschiedenen Aspekte, die auf eine rechte Einstellung hinweisen können, genannt und aufgeschlüsselt werden. An erster Stelle werden hier unter der Überschrift „Das soll nicht rassistisch klingen, aber …“ wenig überraschend „Ungleichheitsideologien“ – also rassistische, sexistische, chauvinistische Einstellungen und ähnliches – genannt. Danach finden sich aber eine Reihe an Punkten, die teilweise harmlos erscheinen mögen, aber häufig im Zusammenhang mit rechten Einstellungen zu finden sind – und nicht nur bei einer Bewegung wie PEGIDA, sondern auch bei Frei.Wild allesamt nachweisbar sind. Dazu gehören Größen- und Verfolgungswahn inklusive der Selbststilisierung als Opfer, Heimatbezogenheit mit völkischen Elementen, Naturalisierung des Sozialen und Anti-Intellektualismus, ein reaktionäres Bild von Männlichkeit, Betonung des Wertes von „Ehre“, ein rebellisches Selbstbild, Ruf nach Meinungsfreiheit und Einordnung von Kritik als „Zensur“ sowie ein sehr eingeschränkter Politikbegriff inklusive eines oftmals „unpolitischen“ Selbstverständnisses.

So wird durch diese Broschüre deutlich, dass auch Gruppen, die sich gegen „Rassismus und Extremismus“ aussprechen und sich klar von der Neonaziszene abgrenzen, noch lange nicht zu denjenigen gehören müssen, die tatsächlich etwas gegen Diskriminierungen und Ungleichheit tun und hier reaktionäre Einstellungen transportiert werden, die alles andere als harmlos sind.

Daniel Schneider