CTM & Transmediale 2015

Jedes Jahr finden Ende Januar in Berlin die beiden Festivals Transmediale und CTM (Club Transmediale) statt. Während die Transmediale, die 1988 das erste Mal unter dem Titel VideoFilmFest stattfand, ein Festival für Medienkunst und digitale Kultur ist, ist das seit 1999 stattfindende CTM ein Festival „for adventurous music and related arts“, also der musikalische Ableger der Transmediale. Beide laufen noch bis kommenden Sonntag, den 1. Februar.

Die im Haus der Kulturen der Welt (HKW) stattfindende Transmediale hat dieses Jahr das Thema „Capture All“, es geht um das umfangreiche Sammeln von Daten jeglicher Art und die Auswirkungen dieser Sammelwut auf unser Leben. Neben einer Ausstellung gibt es eine Konferenz und ein ausführliches Begleitprogramm mit Performances, Workshops und Filmvorführungen.

Auch CTM ist ein unglaublicher Veranstaltungsmarathon mit Konzerten, Partys, Vorträgen, Workshops und einer Ausstellung. CTM findet an verschiedenen Orten Berlins statt – u. a. im Kunstquartier Bethanien, im Hebbel am Ufer (HAU) oder im Berghain und anderen Clubs. Es läuft zwar auch tanzbare Musik bei CTM, das musikalische Spektrum geht aber weit über Techno und andere Formen elektronischer Tanzmusik hinaus. Das Thema des diesjährigen Festivals – Un-Tune – bezieht sich darauf, was Klänge mit uns machen können. Es treten viele Künstler_innen auf, die Soundforschung betreiben und teilweise eine fast wissenschaftliche Herangehensweise haben – z. B. die Aufführung des Sirenenprojekts von The Bug (Kevin Martin) am Dienstag, das nur mit Ohrstöpseln zu ertragen war und vor allem aus massiven, den ganzen Körper zum beben bringenden Drones und eben Sirenengeräuschen bestand. Auch historische Aspekte spielen eine Rolle – so gab es ebenfalls am Dienstag eine Vorführung eines historischen Synthesizers – der „Höllenmaschine“ von 1957 – und gestern ein Konzert von Alec Empire (u. a. bekannt durch die Elektropunk-Band Atari Teenage Riot), der sein Album „Low on Ice“ von 1995 aufführte. Am weitesten in die Vergangenheit zurück ging es aber bei dem Sänger, Musikwissenschaftler und Archäologen Iegor Reznikoff, der im Kunstquartier Bethanien in einem ehemaligen Kirchenraum frühe christliche Gesänge sang.

Reznikoff war auch einer der Redner des Vortragsprogrammes, bei dem es gestern um Archaeoacoustics ging – also Klangarchäologie, das Aufspüren von Spuren der Bedeutung von Klängen in vorgeschichtlichen Zeiten. Dort sprachen Archäologen, Musikwissenschaftler und Anthropologen über Themen wie den Zusammenhang von Höhlenmalerei und Echos, die Bedeutung von klingenden Steinen und anderen natürlichen Klangphänomenen für die Menschen der Frühzeit, oder die wichtige Rolle, die gemeinsamer Tanz und Musik und das Erzeugen von Trancezuständen für die Entwicklung menschlicher Gemeinschaften hatte und – als Beispiel wurde hier der Technoclub genannt – bis heute hat.

Weitere abenteuerliche Konzerte und Vorträge sind heute und in den kommenden Tagen zu erwarten – besonders gespannt bin ich auf den morgigen Vortrag zu „The Hum“, einem mysteriösem Klangphänomen, das immer wieder an verschiedensten Orten auf der Erde auftritt, und dem Abschlusskonzert am kommenden Sonntag im Astra.

Daniel Schneider

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Gravitationsfeld Pop

Uwe Breitenborn, Thomas Düllo, Sören Birke (Hg.)
Gravitationsfeld Pop – Was kann Pop? Was will Popkulturwirtschaft? Konstellationen in Berlin und anderswo
Transcript Verlag 2014
463 Seiten
34,99 €

Bild Gravitationsfeld Pop

„No escaping gravity“ singt Brian Molko von Placebo im Song „Special K“. Kein Entkommen. Gravitation ist Kraft, wirkt anziehend, ist unausweichlich. Neben Placebo wählen die Herausgeber zum Einstieg noch weitere Musiker (James Brown, Eminem …) und Bands (Type O Negative, Yo La Tengo …), die sich musikalisch an der Gravitationsmethapher abgearbeitet haben. Als Fan der ersten Stunde bleibe ich jedoch unweigerlich bei Placebo hängen. Als wäre es gestern gewesen kommt mir Brian Molkos Stimme in den Kopf und das sich im Refrain immer wiederholende und in die Länge gezogene „Gravi(iiii)ty“. Das dazugehörige Video, in dem die Band auf Miniaturgröße geschrumpft in einem Raumschiff durch den menschlichen Körper fliegt, und auch so einige Konzerterinnerungen wechseln sich in meinem Kopf ab. No escaping pop memories.

Änhlich der Gravitationskraft kann man sich, jedenfalls geht es mir so, auch popkulturellen Einflüssen nur schwer entziehen. Ob im Alltag oder der Freizeit: Popkultur, und vor allem Popmusik, prägt und ist aus dem Leben vieler Menschen nicht wegzudenken. Pop schafft Erinnerungen und Emotionen. Und das auch viel stärker als jeder (minutiös) geplante Ausflug in die Hochkultur. Sprich: Man trifft mich definitiv öfter in Clubs, auf Konzerten oder Parties als in der Oper oder im Museum. Diese Aussage findet sich auch in einem Interview mit Olaf „Gemse“ Kretschmar (Vorstandsvorsitzender Berliner Club Commission) wieder, der den Club, neben Familie und Freunden, immer mehr zur Zivilisationsinstanz für Jugendliche erhebt. Doch obwohl Pop und Popkultur im Leben vieler Menschen einen größeren Einfluss und emotionalen Wert haben als Hochkultur, schwankt das Image und die Anerkennung von Popkultur immer noch sehr stark. Pop bewegt sich in der Wahrnehmung in einem Spannungsfeld. Für einige ist es „Avantgarde“ in der Tradition der Pop Art, für andere einfach nur „Mainstream“, also ein auf Massengeschmack ausgerichtetes und oftmals inhaltsleeres Produkt. Auch im Bereich der Kulturförderung fristet alles, was sich im Gravitationsfeld Pop bewegt, immer noch ein Schattendasein, da Popkultur nicht oder nur selten in die vorhandene Förderungslogik der Kulturpolitik passt.

Doch seit einigen Jahren bewegt sich etwas. Die Richtung und Auswirkung ist noch nicht genau erkennbar, aber die stetig wachsende Anerkennung von Pop und Popkultur im Bereich der Kulturförderung, aber auch die Wirkung und Impulse auf Stadtentwicklung, Club- und Musiklandschaft sowie die Ausformung neuer kreativer Ausdrucksformen schlagen sich in diesem Band nieder. Denn Gravitationsfeld Pop bietet auf über 400 Seiten Interviews und Beiträge, die sich in unterschiedlichen Facetten den Anziehungskräften und Sogwirkungen von Pop(-musik) und Popkultur widmen.

Fragen, die sich dabei stellen, sind: Welche Kräfte wirken im Bereich Pop? Welche Wechselbeziehungen gibt es zwischen Akteur_innen aus der Club- und Musiklandschaft und denjenigen aus der Kulturförderungspolitik und in welcher Konstellation stehen diese zueinander? Wie funktioniert und verändert sich Popkultur oder auch die mittlerweile in Berlin etablierte Szenewirtschaft unter sich immer mehr verschärfenden ökonomischen Aspekten wie der Gentrifizierung, die sich auf die Clublandschaft, Kreativwirtschaft und generell urbane Lebensstile auswirken? Diesen und vielen weiteren Fragen widmet sich der Band Gravitationsfeld Pop. Neben Interviewbeiträgen, in denen vordergründig Akteur_innen aus der Musik- und Clublandschaft zu Wort kommen und alltagspraktische Fragen beantwortet werden, gibt es auch Beiträge, die sich unter kulturwissenschaftlichen Gesichtspunkten mit den verschiedenen Aneignungspraxen von Pop und Popkultur beschäftigen.

Pop, so wird auch hier klar, scheint allgegenwärtig ohne dabei aber in festen Laufbahnen zu zirkulieren. Die einzelnen Beiträge umkreisen die mal mehr mal weniger scharfen Begriffe Pop, Popmusik, Popkultur und Populärkultur. Das macht zum einen die Fülle an Bezügen und Assoziationen deutlich, die man im Kopf hat, wenn das Wort Pop fällt, lässt mich als Leserin aber auch ab und an den Überblick verlieren, wovon denn gerade die Rede ist. Generell fällt der Band weniger durch Definitionsschärfe der verwendeten Begriffe auf, als mehr durch deren Kontextualisierung.

Und der Kontext lautet Berlin. Wer sich mit dem endlosen Treiben Berlins als „24- Stunden-Stadt“ und coole Musik- bzw. Technometropole auf einer analytischeren Ebene annähern will, kann bei Gravitationsfeld Pop beruhigt zugreifen. Der Vielfalt an Clubs (Berghain, Kesselhaus, Astra etc.), Kulturevents (Karneval der Kulturen, Fete de la musique etc. ) und Musikveranstaltungen (Balkan Beats Partyreihen etc.) bis hin zur Heterogenität der Musikinitiativen, wie der Berliner Club Commission, dem Berlin Music Board oder auch dem Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT), wird in den Beiträgen viel Platz eingeräumt oder aber die jeweiligen Akteur_innen kommen selbst in Interviews zu Wort. Berlin zu wählen erscheint aber auch nachvollziehbar, da Pop in der wirtschaftlich schwachen Hauptstadt zunehmend zum Motor der Stadtentwicklung wird, also als attraktives kulturelles und wirtschaftliches Gut immer stärker wahrgenommen wird.

Über die Anziehungskraft des Buches bin ich am Ende geteilter Meinung. Es gibt fundierten, kulturwissenschaftlich unterfütterten Einblick in die Club-, Musik-, Akteurs- und Förderungslandschaft Berlins. Da ist auch schon der Haken. Es ist (fast) alles auf dem scheinbaren Pop-Gravitationskern Berlin bezogen. Nach den „Konstellationen anderswo“, wie im Untertitel angekündigt, sucht man in diesem über 400 Seiten starken Band eher vergebens. Wer also gerne auch einen Blick auf die Entwicklung der Pop-Peripheriegebiete werfen möchte, wird leider eher enttäuscht sein. Für alle anderen, vor allem den an Berlin interessierten, werden Innenansichten in die vielfältige Party- und Clubkultur Berlins geliefert.

Giuseppina Lettieri

Handbuch Aggression, Gewalt und Kriminalität bei Kindern und Jugendlichen

Melzer, Hermann, Sandfuchs, Schäfer, Schubarth, Daschner (Hrsg.)
Handbuch Aggression, Gewalt und Kriminalität bei Kindern und Jugendlichen
UTB / Klinkhardt 2014
640 Seiten
39,99 €

9783825285807_1Einen sehr facettenreichen Einblick in eine mitunter aufgeregt diskutierte, manchmal jedoch auch tabuisierte Thematik ermöglicht dieses Handbuch in 125 Beiträgen, gegliedert in fünf große Abschnitte. Dabei werden aktuelle Ergebnisse aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen kritisch reflektiert, bisherige Versäumnisse der Forschung klar benannt, und Verantwortung an alle Menschen delegiert, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben.

Die Gliederung macht Sinn, die beiden größten Abschnitte zu „Formen, Ursachen, Akteure(n)“ sowie „Prävention und Intervention“ umfassen rund 400 Seiten. Thematische Überschneidungen und inhaltliche Widersprüche lassen sich bei 125 Beiträgen weder vermeiden, noch stören sie. Vielmehr spiegeln sie die Vielzahl der interdisziplinären Ansätze und Sichtweisen, sowie die Tatsache, dass wir auf hilfreiche Wissensbestände zurückgreifen könnten, wenn wir nur wollen. Dies gilt für alltägliche Formen von Aggression und Gewalt ebenso wie für außergewöhnliche Handlungen, z. B. in Form von Amokläufen an Schulen. Dabei stellen die Autor_innen unmissverständlich klar, dass die Mehrzahl der Schüler_innen Aggression und Gewalt als gängiges Mittel zur Auseinandersetzung einerseits ablehnt, dass jedoch andererseits (Cyber-)Mobbing oder scheinbar „weiche“ Formen von Gewalt von vielen Schüler_innen nicht unbedingt als solche wahrgenommen werden.

In der Entwicklung männlicher Identität spielt Gewalt und Gewaltakzeptanz eine deutlich größere Rolle als bei der Entwicklung weiblicher Identität. Für genderspezifische Herausforderungen gilt dasselbe wie für die gesellschaftlichen Aufgaben angesichts politisch motivierter Gewalt oder der Angst bzw. Ignoranz gegenüber Gewalt an Schwachen: Es gibt derweil zahlreiche evaluierte Programme und Trainings, von denen viele in der Schule angeboten werden könnten. Studien der letzten Jahrzehnte rücken Aggression und Gewalt fördernde Ursachen ebenso klar in den Blickpunkt wie Möglichkeiten der Prävention oder der Nachbearbeitung. Relativ neue Ansätze wie z. B. konfrontative Verfahren werden dabei auf wenigen Seiten verhältnismäßig kritisch und differenziert skizziert.

An klaren Empfehlungen und Positionierungen mangelt es nicht von Seiten der Expert_innen, deren kleinster gemeinsamer Nenner vielleicht darin liegt, dass insbesondere Professionelle bei Aggression und Gewalt nicht wegschauen dürfen, sondern entschieden und vorbildhaft eingreifen sollten. Dass der Mangel an tragfähigen wie vertrauensvollen Bindungen in der frühen Kindheit in der Familie nicht allein in der Schule ausgeglichen werden kann, leitet sich aus verschiedenen Beobachtungen ab. Die Vielzahl der Ansätze – hier seien Medien-, Sport-, Musik-, Theater- und Demokratiepädagogik beispielhaft für eine von mehreren Disziplinen genannt – spannt einen weiten Horizont an Handlungsmöglichkeiten auf, um sowohl subtiler Aggression als auch heftiger Gewalt nicht planlos gegenüberstehen zu müssen. Hier sind nicht zuletzt die Politik und die Gesellschaft gefordert, vor allem pädagogische Einrichtungen entsprechend auszustatten.

Ob sexuelle Gewalt in der Familie oder in der Schule, fremdenfeindliche Gewalt, oder Gewalt im Umfeld des Fußballs, ob Förderung der Zivilcourage oder Peer-Mediation: Dieses Handbuch erweist sich durch seine inhaltliche Breite, seinen besonnen-kritischen Tonfall und die Literaturhinweise als nahezu unerlässliches Nachschlagewerk für Professionelle wie thematisch Interessierte. Zahlreichen Autor_innen gelingt es, den aktuellen Forschungsstand prägnant zusammenzufassen, sowie Kernthesen und Handlungsbedarfe klar zu formulieren. Hier findet sich auf 640 Seiten wahrlich kompaktes Wissen.

Thor Joakimsson

Fahrradmod

So, wir sind wieder so halbwegs zurück und hoffen, ihr seid auch alle gut ins neue Jahr gekommen! Heute gibt es mal einen Tipp: Der Webcomic Fahrradmod von Tobi Dahmen. Es geht um das Aufwachsen in einer westdeutschen Kleinstadt, um Liebe zur Musik und, wie der Titel schon verrät, um die britische Jugendbewegung der Mods. Der Comic ist noch nicht abgeschlossen, aber schon bei Seite 319, also schon jetzt viel zu lesen. Viel Spaß damit!Skinhead0708_koloriert721