„Interventionsmöglichkeiten einer rassismuskritischen Bildungsarbeit zu Geschlecht und Sexualität“

Als anerkannter Träger der politischen Bildung freuen wir uns sehr über unsere neue Veranstaltungsreihe, die wir bei der bpb beantragt haben.

Die 1. Veranstaltung im April 2017 bieten wir zum Thema „Interventionsmöglichkeiten einer rassismuskritischen Bildungsarbeit zu Geschlecht und Sexualität“ an.

Multiplikator*innen aus verschiedenen Bereichen der Jugend- und Sozialarbeit soll der Bildungstag eine Fortbildungsmöglichkeit bieten, um neue Erkenntnisse und Interventionsmöglichkeiten einer rassismuskritischen Bildungsarbeit zu Geschlecht und Sexualität gewinnen zu können. Der Bildungstag hat das Ziel eigenes Handeln zu reflektieren, eigene Wissensquellen zu erweitern und einen Einblick in dekoloniale und queere Bildungsansätze zu vermitteln.

Wir freuen uns, SchwarzRund als Referentin für die Veranstaltung gewonnen zu haben.

Die Veranstaltung ist offen für alle Interessierten. Wir bitten um verbindliche Anmeldung unter archiv@jugendkulturen.de

Teilnahmegebühr: 7,50 Euro.

Für Verpflegung (vegetarisch/vegan) sowie die Bereitstellung von Infomaterial wird gesorgt.

Veranstaltungsort: Archiv der Jugendkulturen e.V./ Haus A, Fidicinstr.3 in 10965 Berlin

Datum und Uhrzeit: 06. April 2017 von 10.00 bis 17.00

Der Veranstaltungsort ist barBPB#1_HEADERrierearm.

Zine of the Day: Masculinities (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Umschlag von Masculinities

Umschlag von Masculinities

Masculinities ist ein Interview-Zine. Zine-Schreiberin Cindy befragt sieben Männer zum Thema Männlichkeit, über ihr Aufwachsen als junge Männer und ihr Hineinwachsen in queere, schwule, feministische Männlichkeiten. Die Interviews lesen sich wie persönliche Gespräche zwischen Freund_innen, denen wir erfreulicherweise zuhören können und zugleich als sehr pointierte queertheoretische Diskussion unter Männlichkeitsexpert_innen. Das Zine entwirft auf gut 25 Seiten ein Kaleidoskop unterschiedlicher Männlichkeiten, vom Aufwachsen in eine Kinderreichen matriarchal organisierten Familie auf einer Farm bis zur städtischen Gay-Punk-Community. Insofern könnte es auch als Lehrbuch der Maskulinismusforschung dienen. Es liest sich nur weitaus schöner als ein Lehrbuch.

Masculinities ist zu bestellen über Doris Press, den Vertrieb der Autorin Cindy Crabb, die übrigens auch das sehr empfehlenswerte Zine Doris herausbringt.

Almut

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2016 #Zines #Zineoftheday #Gender #Männlichkeit #Perzine

Zine of the Day: ALEX #9 – Privacy and Persona (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Vorderseite von Alex #9 - Privacy And Persona

Vorderseite von Alex #9 – Privacy And Persona

Alex #9 ist ein unglaublich persönliches Zine. Über Privatsphäre. Wie geht das zusammen: Verborgen bleiben wollen und fast intime Zines schreiben? Autor_in Alex/Anne tastet sich an eine Antwort heran, ob die Öffentlichkeit, in die ein Mensch mit seinem Zine tritt, mit dem Wunsch nach Privatsphäre vereinbar ist. Es liest sich wie lautes Denken, nimmt Familie, Freund_innen, Kolleg_innen, soziale Netzwerke mit in den Blick. Ebenso sezierend-beobachtend werden Alltagserlebnisse und Gedanken seines/ihres queeren Lebens durchbuchstabiert in dem Versuch, sich der eigenen Identität verbal zu nähern. Unbedingt lesenswert!

Anja

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2016 #Zines #Zineoftheday #Gender #Privacy #Perzine

Zine of the Day: Mini-Comic

Mini ComicsDie Mini-Comics von Anna Heger sind jedes für sich eine Freude für Auge, Finger und Hirn. Auf einem kunstvoll gefalteten Blatt Papier illustriert die Autorin knapp und treffend große theoretische Zusammenhänge der Geschlechtertheorie, z. B. über die Allegorie mit Kürbissen und Spinat.

Mehr Infos zu den Mini-Comics: annaheger.wordpress.com

www.stolensharpierevolution.org/international-zine-month

#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Comic –

Almut Sülzle

Ein Mixtape von Kurt Cobain

Kurt Cobain. Montage of Heck

USA 2015

Der amerikanische Privatsender HBO ist vielen Serienfans vor allem durch so großartige und komplexe Fernsehproduktionen wie The Sopranos, The Wire oder True Detective bekannt. Doch auch im Feld der Dokumentationen hat sich HBO bereits einen Namen gemacht und zeichnet in einer ihrer aktuellen Produktionen das Leben des Nirvana-Sängers Kurt Cobain nach. Kurt Cobain. Montage of Heck wurde auf der schon etwas hinter uns liegenden Berlinale gezeigt und ist die erste voll autorisierte Dokumentation über das Nirvana-Mastermind. Sie verwebt original Super-8-Aufnahmen aus Cobains Kindheit und intime Filmaufnahmen aus seinem Familienleben mit Ehefrau Courtney Love und Tochter Frances Bean mit persönlichen Aufzeichnungen und Zeichnungen Cobains, die hauptsächlich seinen Tagebüchern entnommen sind. Durch Interviews mit Familienangehörigen und Freunden sowie animierten Filmsequenzen à la Waltz with Bashir wird dem Publikum zudem ein intimer Einblick in das Gefühlsleben, die Gedankenwelt und die Zerrissenheit dieses Sprachrohrs einer Generation geliefert – ein Sprachrohr, dass er bekanntlich nie sein wollte, zu dem er aber vor allem durch die Medien immer wieder gemacht wurde.

Der Titel dieser Dokumentation – Montage of Heck – geht zurück auf ein Mixtape Cobains aus dem Jahr 1986. Leider versäumt es die Dokumentation im späteren Verlauf näher auf dieses Mixtape einzugehen und aus ihm Rückschlüsse in Bezug auf Cobains musikalischer Sozialisation zu ziehen, so dass die Titelgebung doch etwas kontextlos wirkt. Stattdessen stellt der Regisseur Brett Morgan die Privatperson und das musikalische Genie Cobains und seine Punkrocksozialisation in den Vordergrund. Worin liegt jedoch der Mehrwert dieser Dokumentation, mehr als 20 Jahre nach seinem Tod? Denn über Kurt Cobain und Nirvana wurde schon viel geschrieben, gesagt und auch in Filmen wiedergegeben: sei es in Gus Van Sants fiktivem Spielfilm Last Days oder in Dokumenationen wie About A Son und Kurt & Courtney, um nur ein paar der vielen zu nennen.

Die Dokumentation wählt die chronlogische Erzählweise und zeigt neben den Etappen seines Privatlebens – Kindheit, Jugend und Familienleben – vor allem auch den Rockstar Cobain, von den Anfängen seiner musikalischen Karriere bis zum Durchbruch mit Nirvana. Nach dem Durchbruch geriet wiederum sein Privatleben in die Schlagzeilen, seine Drogensucht, die turbulente Ehe mit Courtney Love und der Sorgerechtsstreit mit der Stadt San Francisco nach der Geburt von Frances Bean Cobain schlugen sich enorm in den Medien nieder. Alles Facetten seines kurzen Lebens, die die Ambivalenz zwischen seinem Wunsch, auf der Bühne zu stehen und Musik zu machen, und dem verzweifelten Kampf darum, sein Privatleben vor sensationsgierigen Medien zu schützen, widergespiegelt.

Der Film beginnt mit fragmentarischen Interviewpassagen seiner Eltern und seiner Schwester. Die Kindheit und Jugend von Kurt Cobain wird als glücklich, aber auch sehr schwierig beschrieben. Durch seine Hyperaktivität und Unangepassheit wird er innerhalb der Familie herumgereicht, lebt abwechselnd bei seiner Mutter und seinem Vater, die sich früh trennen, sowie verschiedenen Tanten und Onkeln. Doch ein wirkliches Zuhause findet er nicht. Die Musik wird zu seinem einzigen Zufluchtsort und bildet eine der wenigen Konstanten seines Lebens. Über sie findet er sein Medium, um seine Gefühle der Ablehnung, Zurückweisung und Entwurzelung zu verarbeiten. Viele seiner Songs sind davon durchgezogen, wie u. a. „Heart Shaped Box“ oder „Something in the Way“:

Neben der Musik ist es vor allem das Kiffen, dass Kurt in seiner Jugend, sicher nicht untypisch für einen Jugendlichen, runterbringt. Visualisiert wird diese Phase durch Tagebucheinträge und Skizzen Cobains. Durch die vom Regisseur gewählte Machart, diese Einträge und Bilder zu animieren, wird das Gefühl vermittelt, direkt bei dem Aufschreiben der teilweise verqueren Gedanken und Gefühle Cobains dabei zu sein. Drogen, vor allem sein  selbstzerstörerischer Heroinkonsum, spielen auch im weiteren Verlauf eine entscheidende Rolle in dieser Dokumentation.

Viele Weggefährten kommen zu Wort. Seine Exfreundin Tracy Marander aus seinen Aberdeen-Tagen, Krist Novoselic, der früh mit Kurt in der Band spielte, die später als Nirvana berühmt werden sollte, und natürlich auch Courtney Love, seine Witwe und Frontfrau der Band Hole. Dave Grohl, der spätere Drummer von Nirvana und seit vielen Jahren Frontmann der Foo Fighters, taucht erstaunlicherweise nicht auf, und auch Frances Bean, die immerhin die Dokumentation mitproduziert hat, will anscheinend immer noch nicht vor die Kamera, um etwas über ihren Vater zu sagen. Verständlich, sowohl von Grohl, der sich vor Jahren mit Courtney Love überworfen hat, als auch von Frances Bean, die das Schicksal vieler teilt, die als Kind berühmter Eltern von Geburt an im Interesse der Öffentlichkeit stehen. Das Verhältnis von Grohl und Love hat sich jedoch kürzlich wieder etwas entspannt, was bei der Aufnahme von Nirvana in die Rock and Roll Hall of Fame im Oktober 2014 einem breiten Publikum deutlich wurde. 

Obwohl nicht wirklich neue Dinge ans Tageslicht kommen, berührt diese Dokumentation doch auf eine ganz eigene Weise. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich, wie sicher viele andere auch, an die 1990er Jahre erinnere, in denen Grunge regelrecht explodierte und über alles in der Musikwelt hinwegfegte. Eine riesige Hypeblase entstand. Seattle wurde zum Mekka der Grungebewegung. Nirvana wurden zum „The next big thing“ erklärt und Kurt Cobain und Courtney Love waren für die Klatschpresse die Grungeversion von John Lennon und Yoko Ono. Kombiniert mit dem frühen Tod Cobains mit 27 Jahren, ergibt sich ein höchst explosiver Stoff, aus dem schon viel gestrickt wurde. Doch Brett Morgan schafft es, sich nicht mit Verschwörungstheorien um den Tod Cobains aufzuhalten, verpasst es allerdings einen wichtigen Aspekt seiner Persönlichkeit stärker herauszustellen, denn nur in wenigen Momenten scheint in dieser Dokumentation Cobains feministische Grundhaltung durch.

Die gegenseitige Beeinflussung von Grunge und der Riot-Grrrl-Bewegung sowie die Freundschaft zwischen Kurt Cobain und der Riot-Grrrl-Ikone Kathleen Hanna wird mit keinem Wort erwähnt. Der Grund dürfte darin liegen, dass Courtney Love neben anderen Familienmitgliedern sicher Einfluss auf die Auswahl der Inhalte und Schwerpunkte dieser Dokumentation genommen hat. Und es ist durchaus bekannt, dass sich Kathleen Hanna und Courtney Love nicht unbedingt gut verstehen. Legendär ist das Zusammentreffen von Love und Hanna bei dem Musikfestival Lollapalozza 1995.  Wer wissen möchte, wie eng Kurt Cobain mit der Riot-Grrrl-Bewegung sowohl ideell als auch persönlich verbunden war und welche Rolle Kathleen Hanna bei Nirvanas Meilenstein „Smells like teen spirit gespielt hat, sollte sich daher die Kathleen Hanna Dokumentation The Punk Singer anschauen.

Kurt Cobain. Montage of Heck läuft ab dem 09. April in den deutschen Kinos.

Offizieller Trailer zum Film:

Giuseppina Lettieri

Popkultur in Trans*formation

Schwule oder lesbische Charaktere in Serien und Filmen sind mittlerweile nichts Neues mehr. Schwule oder lesbische Paare oder generell homosexuelles Begehren sind in die Plots vieler hochwertiger Formate eingeflossen, findet sich aber auch schon seit längerem in Mainstream-Soap-Operas. Auch im Bereich der explizit queeren Filme und Serien ließe sich hier eine lange Liste anführen. Ganz zu schweigen von schwulen, lesbischen oder queeren Musiker*innen im Pop- und Subkulturbereich. Und auch wenn Homofeindlichkeit, sei es in Form von verbalen Anfeindungen, lückenhafter rechtlicher Gleichstellung oder gewaltsamen Übergriffen, immer noch ein mehr als ernst zu nehmendes Thema in der Gesellschaft ist, ist es für Politiker*innen, Fernsehmoderator*innen oder Musiker*innen heutzutage kein wirklicher Karrierebruch mehr, sich als homosexuell zu „outen“.

Im Bereich der Sichtbarkeit und Wahrnehmung von transsexuellen Menschen in der Popkultur wie auch in der Gesamtgesellschaft sieht die Sache dahingehend noch ganz anders aus. Auch die Bekämpfung von Transfeindlichkeit steht oftmals im Schatten ihres „großen Bruders“, dem Kampf gegen Homofeindlichkeit. Das Anliegen dieses Textes ist aber sicher nicht diese beiden Formen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit gegeneinander auszuspielen. Vielmehr ist es momentan sehr spannend zu beobachten, wie das Thema Transsexualität und Transgender in verschiedene Bereiche der Popkultur Einzug hält.

Sicherlich kann dahingehend angemerkt werden, dass es schon einige Filme gibt, die sich mit den Themenfeld Geschlechteridenität generell bzw. Trans- oder auch Intersexualität beschäftigen. XXY, Transamerica, Boys don’t cry sind dafür zum Teil preisgekrönte Beispiele, allerdings der auch nicht mehr ganz neuen Art.

Trailer Transamerica:

Neue Serien, die Trans zum Thema machen

Der größte Entwicklungssprung findet sich da eher bei Fernsehserien der vergangenen beiden Jahre, jedenfalls bezogen aus den US-amerikanischen Markt. Mit Orange is the New Black und Transparent wurden gleich zwei Serien zu Überraschungserfolgen, die sich dem Thema Transsexualität/Transgender auf unterschiedlichen Ebenen widmen. In dem Netflix-Serienhit Orange is the New Black verkörpert die Schauspielerin Laverne Cox die Rolle der Sophia Burset, eine transsexuelle Figur, die als Gefangene in einem New Yorker Frauengefängnis ihre Strafe verbüßt.

Laverne Cox über ihre Rolle und generell über die komplexen Figuren in Orange is the New Black:

Jenji Kohan besetzte die transsexuelle Figur der Sophia Burset in Orange is the New Black bewusst mit einer transsexuellen Person und setzte damit ein Zeichen für die Transcommunity. Denn es wurde immer mal wieder Kritik laut, auch in Bezug auf einige der oben genannten Filme, dass die Rollen in der Regel mit Schaupieler*innen besetzt werden, die nicht selbst transsexuell/transgender sind. Ähnliche Kritik gab es auch bei der Besetzung von Jared Leto in dem Film Dallas Buyers Club, in dem Leto die HIV-erkrankte Transfrau Rayon verkörpert. Die Kritik verstärkte sich noch, nachdem Leto 2015 für diese Rolle den Oscar gewonnen hat.

Auch bei der preisgekrönten Serie Transparent ist es der Fall, dass die transsexuelle Hauptfigur nicht durch eine*n wirkliche*n transsexuelle*n Schauspieler*in portraitiert wird. Im Mittelpunkt von Transparent steht die Transformation von Mort zu Maura Pfeffermann. Gespielt wird die Figur der Maura Pfeffermann von dem Schauspieler Jeffrey Tambor, der bereits durch die Comedyserie Arrested Development einer eingeschworenen Fangemeinde bekannt ist. Die Serienschöpferin Jill Soloway hat diese Kritik an der 1. Staffel positiv aufgenommen und engagierte für die kommende 2. Staffel von Transparent als Co-Drehbuchautorin die transsexuelle Performerin Our Lady J. Sicher noch nicht ausreichend, aber ein Schritt in die richtige Richtung.

Bei allen berechtigten Kritikpunkten und den Leerstellen bei der Repräsentation von Transmenschen in diesen neuen Serien, ist es wichtig zu sehen, dass Drehbuchautor*innen und auch Sender (in diesem Fall nicht klassische Kabel- oder Privatsender, sondern Internetstreamingdienste wie Netflix und Amazon Prime) überhaupt solche Serien konzipieren und in Produktion geben. Sie tragen dadurch dazu bei, dass der Tabuisierung von Transsexualität und Transgender in der Gesellschaft entgegengewirkt wird, und sorgen für mehr Sichtbarkeit von Transmenschen und ihren auch ganz alltäglichen Problemen.

In Transparent entscheidet sich die Serienfigur nach vielen Jahren „in the closet“ fortan als Frau zu leben. Dort setzt die Serie an und begleitet Moira Pfefferman bei ihren ersten Alltagshandlungen und -situationen als Frau in der Öffentlichkeit, inklusive der damit verbundenen Diskriminierungen. In einer Szene steht Moira mit ihren beiden Töchtern in einem Kaufhaus vor den Toiletten, die nur zwischen Männer und Frauen unterscheiden. Die Unsicherheit von Moira, welche Toilette sie in diesem frühen Stadium der Transformation nehmen soll, ist sicher ein gut nachvollziehbarer Moment. Neben solchen Situationen und den Reaktionen der Öffentlichkeit geht es in Transparent aber auch um die persönliche Ebene, sprich zeigt sie den Umgang der Familie mit Moiras Entscheidung, als Frau zu leben, in all ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit. Mit Verwunderung, Irritation und Unsicherheit und erst langsam wachsender Akzeptanz reagieren vor allem Moiras drei Kinder. Das die gesamte Familie von Dysfunktionalität und charmanten Egozentrismen geprägt ist und diese Aspekte durch den großartigen Cast mit viel Witz transportiert werden, hat sicherlich dazu beigetragen, das Transparent eine so breite Öffentlichkeit erreicht und bereits viele Preise (Golden Globe Award, GLAAD Award) gewonnen hat.

Trailer der ersten Staffel Transparent (deutsche Version):

Musik und Trans

Auch in der Musikwelt ist das Thema Transsexualität und Transgender eher eine Randnotiz. Umso schöner ist es, dass ausgerechnet im doch stark männerdominierten und heteronormativen Punk- und Hardcore-Bereich diesbezüglich Bewegung reinkommt. Denn mit Mina Caputo, den meisten sicherlich eher als Keith Caputo von Life of Agony bekannt, und Laura Jane Grace von der Punkrockband Against Me! gibt es aktuell gleich zwei Beispiele, die Vorbildcharakter haben und die Sichtbarkeit von transsexuellen Menschen in der Musikwelt erhöhen. Laura Jane Grace ist außerdem die Hauptprotagonistin der Webserie True Trans. Dort werden nicht nur die Etappen, wie sie von Tom Gable zu Laura Jane Grace wurde, gezeigt, sondern es geht auch um die Geschichten von mehreren anderen transsexuellen Menschen, die in kurzen Episoden über Liebe, Familie, Akezptanz und Ablehnung, Suizidgedanken, Geschlechtsumwandlung, Diskriminierung und Empowerment sprechen.

Die erste Episode von True Trans „Growing Up“:

Interview mit Mina Caputo:

Trailer zu The T-Word auf MTV, moderiert von Laverne Cox:

Giuseppina Lettieri

The Grrrls are back in town

2015 ist ein gutes Jahr für Fans der Riot Grrrls. Denn mit The Julie Ruin und Sleater Kinney haben einige der zentralen Bands und Protagonist_innen der Riot-Grrrl-Bewegung Tourneen angekündigt und neue Platten im Gepäck. Sleater Kinney sind mit ihrem achten Album „No Cities to Love“ nach ihrer vorläufigen Auflösung 2006 wieder in Originalbesetzung unterwegs und mit The Julie Ruin betritt nach langer Krankheit auch endlich wieder Kathleen Hanna, die große Riot-Grrrl-Ikone (auch wenn sie das selbst nicht gerne hört), die Konzertbühnen.

Neues von den Riot Grrrls der ersten Stunde

Sleater Kinney – A New Wave

The Julie Ruin – Oh Come On

Bereits 2014 wurde das selbst betitelte Album „The Julie Ruin“ veröffentlicht und war nach vielen Jahren das erste musikalische Lebenszeichen Hannas, die 2004/2005 mit ihrer Band Le Tigre eine Abschiedstour gab. Die Gründe für das damals abrupt wirkende und für Fans mehr als überraschende Ende von Le Tigre wurden erst jetzt durch die autorisierte Dokumentation „The Punk Singer“ von Siri Anderson offen kommuniziert. Unter Tränen erzählt Hanna darin, dass sie seit vielen Jahren unter der chronischen Krankheit Lyme-Borreliose leidet, die durch einen Zeckenbiss ausgelöst und jahrelang falsch behandelt bzw. erst sehr spät erkannt wurde. Die körperlichen und seelischen Folgen haben Hanna dazu gezwungen, schweren Herzens von der Bildfläche verschwinden zu müssen. Doch für viele blieb sie auch weiterhin ein wichtiger Referenzpunkt. Legendär ist mittlerweile vor allem die Anfangszeit der Riot-Grrrl-Bewegung Anfang der 1990er Jahre, in denen Hanna mit der Band Bikini Kill eine zentrale Rolle spielte und sich das Netzwerk feministischer Riot-Grrrl-Bands wie Bratmobile, Babes in Toyland, Heavens to Betsy, Excuse 17, 7 Year Bitch, Sleater Kinney, Erase Errata, Huggy Bear, Team Dresch und vielen anderen immer weiter verzweigte.

Girls to the front

Mit der Riot-Grrrl-Bewegung, die in den US-Städten Olympia, Portland und Seattle aufblühte und vor allem mit Olympia als „girls town“ ihr musikalisches und kulturelles Epizentrum hatte, entstand eine feministische Bewegung von jungen Frauen*, die inspiriert von der DIY-Attitüde des Punk ihre eigenen Bands gründeten, eigene Zines heraus brachten und vor allem junge Frauen in Amerika im gemeinsamen Kampf gegen Sexismus, Misogynie und die patriarchalen Strukturen in der Mehrheitsgesellschaft vernetzen wollten. Darüber hinaus wollten sie tradierte Geschlechterrollen und -muster durchbrechen und eigneten sich negativ besetzte Begriffe wie Bitch und Slut an, die sie als Form ihrer Widerständigkeit stolz in großen Buchstaben auf ihre Körper schrieben und sie damit als positive Selbstzuschreibungen umwerteten, jedenfalls innerhalb der Riot-Grrrl-Szene.

Anfeindungen von außen musste vor allem Kathleen Hanna in ihren Bikini-Kill-Zeiten ertragen, sowohl auf Konzerten, auf denen sie beschimpft, bespuckt und mit Schuhen beworfen wurde, aber auch in den Massenmedien, die zwar über die Riot Grrrls berichteten, aber ohne dabei ihre Forderungen und Grundhaltungen zu verstehen oder gar ernst zu nehmen. Das führte letztlich zu einem kollektiven Medienboykott, auf das sich die Riot Grrrls verständigten, was zur Folge hatte, dass Journalist_innen und anderen Medienvertreter_innen keine Interviews mehr gegeben wurden.

Das Riot-Grrrl-Manifest  „Revolution Girl Style Now!“

Die Grundhaltung, das Verständnis und die wichtigsten Forderungen der Riot Grrrls sind in dem Riot Grrrl Manifest festgehalten. Auch oft tabuisierte Themen wie sexuelle Belästigung, Vergewaltigung, Gewalt gegen Frauen sowie Homosexualität fanden sich darin und in den Songtexten wieder. Mit dem Slogan „Revolution Girl Style Now!“ forderten sie ihren Platz auf der Bühne ein, der sonst nur Jungs und Männern vorbehalten schien, und schärften bei viele Musikerinnen, die nach ihnen kamen, ein feministisches Bewusstsein im immer noch stark männerdominierten Musikgeschäft. Davon profitieren heute Künstlerinnen wie Peaches, Beth Ditto (Gossip), Kate Nash, Grimes oder auch Beyoncé, die bei den letzten MTV Music Awards vor einem großen „Feminist“-Schriftzug performte.

Doch viel kam von der Subversivität und den politischen Forderungen der Riot Grrrls im Mainstream natürlich nicht an. Vor allem die von den Spice Girls verkörperte weich gespülte „Girl Power“ verbinden die meisten mit dem Bild der selbstbewußten Frau in der Musikwelt. Feminismus light, hübsch verpackt und inhaltsleer. Und aus dem widerständigen Grrrl wurde das auf Massenkonformität getrimmte Girlie, dass sich dann auch in der BRAVO  wiederfand, vordergründig mit Mode- und Stylingtipps nach dem Motto „So siehst du wie ein Girlie aus“. Und auch heute können nur sehr wenige etwas mit den Riot Grrrls in Verbindung bringen und denken bei der Kombination von Riot und Feminismus zuallererst an die russische Punkband und Aktivistinnengruppe Pussy Riot und nicht an die Riot Grrrls, was ziemlich schade ist, auch wenn Pussy Riot in vielen Interviews immer wieder bekunden, wie stark sie durch die Riot-Grrrl-Bewegung geprägt wurden.

Was tun gegen Sexismus in der Musik? Female Pressure, Girls Rock Camps und Ladyfeste

Viele der Forderungen aus dem Riot-Grrrl-Manifest sind auch heute noch mehr als aktuell und zeigen, wie wenig Fortschritte in der Musikwelt, aber auch in der Gesamtgesellschaft in den Bereichen der Gleichstellung der Geschlechter und Dekonstruktion tradierter Vorstellungen von Weiblichkeit und Frau-sein gemacht wurden. Eine einzelne feministische Jugendkultur reichte da leider nicht aus. Daher ist es umso besser, dass sich Netzwerke wie female pressure gegründet haben, die vor allem in der Technoszene eine Vernetzungsstelle für weibliche DJs darstellt und den Sexismus in der Technokultur offen anprangert. Ein weiteres aktuelles Zeugnis ist das vor kurzem von Björk gegebene Pitchfork-Interview im Zuge ihres neuen Albums „Vulnicura“, in dem sie zum ersten Mal in ihrer langen Karriere über den von ihr erlebten Sexismus in der Musikindustrie spricht.

Positive und ermutigende Beispiele gegen den immer noch stark vorherrschenden männderdominierten und heteronormativen Mainstream sind da die Girls Rock Camps und vor allem die Ladyfeste, die es mittlerweile weltweit gibt und aus der Riot-Grrrl-Bewegung entstanden sind. Die Ladyfeste zeugen von dem immer noch vorhandenen Geist dieser Bewegung und dem Willen, praktische feministische Politik voranzutreiben und junge Mädchen* und Frauen* zum Selbermachen zu ermutigen und es den Riot Grrrls nachzumachen. Denn eins steht auch 2015 fest: Es bleibt unter feministischen Gesichtspunkten weiterhin viel zu tun und zu kritisieren. Eine neue Generation an Riot Grrrls wäre da wünschenswert. Bis dahin ist es jedoch ein schönes Gefühl, wenn die Heldinnen von damals auch heute wieder aktiv sind und ihre Forderungen leidenschaftlich und laut auf der Bühne artikulieren.

Touren:

Sleater Kinney’s einziger Deutschlandtermin:

18. März 2015 im Huxleys

The Julie Ruin’s  einiziger bisher bestätigter Deutschlandtermin:

10. August 2015 im Lido

Und noch bis Samstag ist eine sehenswerte Riot Grrrrls-Dokumenation auf Arte+7 online:

http://www.arte.tv/guide/de/053426-000/riot-grrrl

Giuseppina Lettieri

Genderflux. Warum Hana zu Mark wird und wieder zurück

Vergine Giurata
Italien / Schweiz / Deutschland / Albanien / Republik Kosovo 2015

Ein Leben ohne Sex. Eine Entscheidung, die Hana, gespielt von der großartigen Alba Rohrwacher, schon früh in ihrem Leben trifft. In Vergine Giurata, was so viel heißt wie „geschworene Jungfräulichkeit“, wächst Hana in den Bergen Albaniens auf. In dem archaischen Dorf ist das alltägliche Leben nicht nur einfach und hart, sondern auch durch tradierte Geschlechterrollen bestimmt. Als Mädchen wird Hana früh mit allen möglichen Regeln, oder besser gesagt Verboten, konfrontiert, die ihren Freiraum und ihr Handeln enorm limitieren. So droht ihr zum einen eine frühe Zwangsverheiratung. Zum anderen darf sie als Mädchen nicht alleine raus gehen, kein Pferd reiten, nicht mit auf die Jagd gehen und keine Waffe tragen. Das und vieles mehr ist nur den Jungen und Männern vorbehalten. Hana versucht zu rebellieren und entgeht dabei nur knapp einer Gruppenvergewaltigung.

Da Hana nicht aus ihrem gewohnten Umfeld fliehen will, wie es ihre Schwester plant, die es mit ihrem heimlichen Geliebten nach Mailand zieht, bleibt ihr nur ein Ausweg: Der Schwur der ewigen Jungfräulichkeit. Das Phänomen der „Eingeschworenen Jungfrauen“ gibt es in Albanien tatsächlich. Legen die Frauen diesen Schwur ab, werden sie fortan als Männer angesehen, mit allen damit verbundenen Privilegien und Freiheiten. Die Fotografin Pepa Histrova hat in einer Portraitserie namens „Sworn Virgins“ einige dieser Frauen, die als Männer im albanischen Hochgebirge leben, festgehalten. Im Film lebt Hana danach als Mark weiter und erfährt Anerkennung und gewinnt auch an Macht. Spielräume eröffnen sich, die Mark als Frau in dieser patriarchalischen Gesellschaft sonst nie offen gestanden hätten.

Doch mit dem Tod der Zieheltern verliert Mark den Halt in der Dorfgemeinschaft und beschließt das unwirtliche Dorf in Richtung Mailand zu verlassen. Angekommen in der Großstadt beginnt in Mark ein innerer Prozess und vor allem eine Neuentdeckung seiner bzw. ihrer Geschlechtsidentität. Die Konfrontation mit der eigenen Körperlichkeit sowie der Darstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit geschieht im Film hauptsächlich durch Szenen, die in einem Schwimmbad spielen. Mark begleitet seine Nichte zu ihrem Schwimmunterricht und wird dadurch in einem noch nicht gekannten Ausmaß mit nackter Haut und der Unterschiedlichkeit von menschlichen Körpern konfrontiert. Durch den Bademeister erwacht zudem sexuelles Verlangen in Mark, gekoppelt mit der Sehnsucht nach Nähe und Körperlichkeit. Dieser Findungs- und Anpassungsprozess wird vor allem durch Rohrwachers reduziertes, sehr sensibles Spiel ausgedrückt, weniger durch Worte, sondern eher durch behutsame zwischenmenschliche Berührungen und Gesten.

Die Androgynität einer Alba Rohrwacher, ganz in der Tradition von Tilda Swinton, erleichtert das Hineinversetzen in den Genderswitch von Hana zu Mark und auch das Einfühlen in die Neuentdeckung der eigenen, nie ausgelebten Sexualität, die Mark in Mailand ganz langsam wieder zu Hana zu machen scheint. Jedoch bleibt genau diese Frage am Ende des Films bewusst offen. Klar wird nur, dass die bestimmenden Regeln des albanischen Dorflebens in einer Großstadt wie Mailand ihre Berechtigung verlieren. Freiheit, Handlungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen werden zwar auch in modernen Gesellschaften immer noch nicht in dem Maße, wie es wünschenswert wäre, geschlechtergerecht verteilt, aber bewegen sich doch meilenweit entfernt von den starren und mittelalterlichen Gesetzen der hier porträtierten albanischen Dorfgemeinschaft.

Vergine Giurata ist ein stiller, unprätentiöser Film, der nicht vordergründig politisch oder gar feministisch anmutet. Denn Hanas Entscheidung, in sexueller Enthaltsamkeit zu leben und damit innerhalb der Dorfgemeinschaft als Mann Akzeptanz zu finden, ist wenig emanzipatorisch, da die traditionellen Geschlechterrollen an keinem Punkt in Frage gestellt werden. Doch der Film zeigt, dass im Jahr 2015 in vielen (oft dörflichen) Formen des Zusammenlebens eine Frau zu sein noch immer stark den Handlungs- und Entfaltungsspielraum begrenzt und ein selbstbestimmtes Leben fast unmöglich macht. Durch die Darstellung der sich im ständigen Wandel befindenden, uneindeutigen Geschlechtsidentitätsentwicklung von Hana/Mark thematisiert die Regisseurin Laura Bispuri die Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne sowie das Verhältnis zwischen persönlicher Freiheit und Akzeptanz in einer noch stark von Traditionen geprägten Gemeinschaft.

Der Film feierte auf der 65. Berlinale seine Deutschlandpremiere. Der offizielle Kinostart ist der 12. März 2015.

Vergine Giurata auf Facebook

Trailer zum Film

Saskia Vinueza und Giuseppina Lettieri

Tropes vs. Women in Video Games

Das Computerspiele ein problematisches Feld sein können, ist keine Neuigkeit. Gerade die Diskussionen über die mögliche Gefahr von Ego-Shootern flammen alle paar Jahre auf, teilweise geprägt von Alarmismus und Hysterie. Darüber soll es hier aber nicht gehen, sondern um das Thema Sexismus. Auch das ist kein neues Thema, aber ein deutlich weniger beachtetes als der Vorwurf der Gewaltverherrlichung, dafür aber ein ebenso wichtiger und tatsächlich äußerst problematischer Aspekt von einerseits manchen Computerspielen selbst und andererseits von der Gamer_innen-Szene im Allgemeinen.

Zum ephoto-mainrsten Thema gibt es die sehr aufschlussreiche YouTube-Videoserie Tropes vs. Women in Video Games der US-amerikanischen Popkulturkritikerin Anita Sarkeesian, in der sie sich mit wiederkehrenden Darstellungen und Rollen von Frauen in Computerspielen auseinandersetzt. Bisher sind sechs Folgen online, weitere sind für die kommenden Monate geplant. Es geht dabei u. a. um das Motiv „Damsel in Distress„, also in etwa „Jungfrau in Gefahr“, welches seit dem Beginn der Super-Mario-Serie bekannt ist: Eine Frau, in diesem Fall eine Prinzessin, wird entführt, und muss vom Helden gerettet werden. Dieses Motiv findet sich in unzähligen Spielen wieder und folgt immer dem Muster „Mann rettet Frau“, d. h. der Mann ist aktiv, die Frau passiv. Sarkeesian beschreibt dies sehr treffend als ein Spiel, in dem die Männer die Spieler sind und die Frau der Ball. Ein anderer Aspekt von einer Reihe an Spielen ist das Motiv von Frauen als Hintergrunddekoration. Hier finden sich einige krasse Beispiele, in denen Frauen in Rollen wie der Prostituierten oder auch des Opfers von (teilweise sexueller) Gewalt als Dekoration einer möglichst verruchten und verkommenen Welt im Spiel vorkommen. Alle Folgen der Videoserie sind sehr sehenswert, genauso wie ältere Videos z. B. über typische Frauenrollen in Filmen und Fernsehserien oder auch die ziemlich furchtbaren LEGO-Bausets, die der Spielzeughersteller vor ein paar Jahren extra für Mädchen eingeführt hat. Alle Videos sind auf Sarkeesians Webseite Feminist Frequency zu finden.

Das es Sexismus auch in der Gamer_innen-Szene gibt, ist nicht überraschend, aber das Ausmaß und die Heftigkeit dagegen schon. So müssen sich in der Welt der Onlinespiele Frauen, die sich als Frauen zu erkennen geben, andauernd mit sexistischen Bemerkungen und Belästigungen herumschlagen. Der Sexismus zeigt sich auch an der Reaktion auf Sarkeesians Videos und ist der Anlass, warum wir auf das Thema aufmerksam geworden sind. Die Videoserie wurde über eine Kickstarter-Kampagne finanziert und schon zu Beginn der Kampagne im Sommer 2012 wurde Sarkeesian mit sexistischen Kommentaren überflutet, darunter auch unzählige Vergewaltigungs- und Morddrohungen. Die Hasskampagne ging soweit, dass der Wikipedia-Beitrag über sie gehackt und mit Pornobildern verunstaltet wurde und ein „Spiel“ auftauchte, in dem man Sarkeesian „verprügeln“ konnte, indem man ein Bild von ihr anklickte. So erschreckend und abstoßend diese Vorfälle sind – mit dieser Art von Frauenhass müssen sich leider auch andere Frauen, die sich im Netz beispielsweise als Bloggerinnen betätigen, herumschlagen – hatten sie für Sarkeesian dann immerhin die Folge, dass sich viele Menschen mit ihr solidarisierten und sie das Ziel ihrer Kickstarter-Kampagne um ein Vielfaches übererfüllte und nun tatsächlich von ihrer Arbeit leben kann (worauf sich viele Kommentatoren nicht erblödeten, ihr zu unterstellen, dass sie das alles genau so geplant hätte, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken). Ganz aktuell gab es nun den Vorfall, dass einer dieser Spinner die Anschrift von Sarkeesian herausgefunden hatte, diese veröffentlicht hat und ihr drohte, sie zu vergewaltigen und ihre Eltern zu ermorden, weshalb sie zu Freunden ziehen musste. (Vielen Dank an Sascha Kösch, der auf der Webseite der DE:Bug über das Thema berichtet hat).

Daniel Schneider

_Mind the Gap

Marie-Christina Latsch (Hrsg.)
_Mind the Gap – Einblicke in die Geschichte und Gegenwart queerer (Lebens)Welten
Unrast 2013
160 Seiten
19,80 €

mindthegap

„Ein Buch über Bitches, Butches, Divas, Drags, Kings, Queens, Trans*, Lesben, Boys, Schwule, Homos, Bis, Pans, Heten, Girls, Männer, Dykes, Femmes, Tomboys, Frauen, Sissyboys und alle Anderen.”

Von Audrey Lorde über Magnus Hirschfeld, Marlene Dietrich bis hin zu J.D. Sampson – Mind the Gap vereint (historische) Persönlichkeiten der letzten 142 Jahre, die in queerer Lesart durch ihre Lebens- und Denkweisen gehörig an der heterosexuellen Matrix kratzten oder dies noch heute tun. Dabei wird in Marie-Christina Latschs Buch nicht nur auf inhaltlicher Ebene an den scheinbar so starren Kategorien von Mann und Frau, Homo und Hetero gerüttelt.

Während die Personenportraits Einblicke in queere Lebenswelten zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Geschichte geben, spiegeln die gebrochene Typografie und die im Buch enthaltenen Collagen eine dynamische Auffassung von (Text-)Körper und Geschlecht wider.

Latsch, die das Projekt als Diplomarbeit im Fach Grafikdesign realisierte, knüpft dabei an die Theorie des „Gender-Copylefts” an, nach der die Auffassung von einer als natürlich vorausgesetzten Geschlechtidentität dekonstruiert wird, indem der Prozess ihrer Herstellung in den Fokus gerückt wird. Dabei treten fließende Geschlechtergrenzen und (un-)mögliche Körper auf den Plan, die ständig neu erzeugt werden, nur um anschließend wieder verzerrt zu werden. In zusammenkopierter Zine-Optik wird dabei das Verhältnis von Original und Reproduktion grundsätzlich in Frage gestellt und Geschlecht von seiner Aura des vermeintlich Natürlichen gelöst.

Die chronologische Abfolge der in schwarz-weiß gedruckten Portraits wird immer wieder von bunten, assoziativen und subjektiven Definitionsversuchen von Queer durchbrochen, die Nischen innerhalb der linearen Ordnung des Textes besetzen und damit auf symbolischer Ebene das schwarz-weiß-Schema der binären Zweigeschlechtlichkeit sichtbar machen und sabotieren. _Mind the Gap bildet eine Leerstelle für Vorstellungen von Identität jenseits heteronormativer Denkweisen, erzählt von Menschen, die radikale und unerhörte Lebensweisen gelebt und erkämpft haben und beschreibt schließlich die Offenheit und das weite Feld der Möglichkeiten von queerer Politik und queerem Handeln.

Hannah Zipfel

Queer?! – ein schräges Fremdwort

Was ist eigentlich queer? Kann ein Mensch „queer sein“ und wenn ja, dann wie? Und was soll das Ganze überhaupt? Im Deutschen erinnert es bestenfalls an quer, was weder sonderlich negativ noch positiv besetzt ist, ein bisschen sperrig vielleicht, aber nicht weiter schlimm.
Queer ist ein Modebegriff, ein Schlagwort, eins dieser unzähligen Anglizismen, von denen kaum jemand zu wissen scheint, was konkret dahinter steckt. Queer macht es uns aber auch besonders schwer. Denn es verweigert sich einer klaren Definition. Was fangen wir also damit an?
Eins schon mal vorneweg: Um der sprachliche Monstrosität LSBTI… zu entgehen, die so unaussprechlich wie verzweifelt um politische Korrektheit bemüht ist, wird queer im Deutschen immer häufiger als eine Art Platzhalter eingesetzt, für lesbisch, schwul, bi-, trans-, intersexuell, neuerdings auch ein A für die Asexuellen, die vielleicht überhaupt nichts mit Sex zu tun haben wollen, ein P für die polyamore Fraktion, für die Zweierbeziehungen kaum attraktiv sind, oder ein K für jene aus dem „kinky“ Spektrum, sprich: SM- und Fetisch-Bereich. Aber letztlich geht es gar nicht um das Aufzählen der 43 046 721 unterschiedlichen Sexualtypen, wie sie Magnus Hirschfeld zu Beginn des 20. Jahrhunderts errechnet hat, als vielmehr darum, einen Begriff zu finden für all diejenigen, die sich den normierenden Zwängen unserer Gesellschaft – in diesem Fall der heterosexuellen Matrix – nicht einfügen können oder wollen.
Sich den normativen gesellschaftlichen Zwängen entziehen? Das klingt doch vertraut für alle, die sich mit Jugendkulturen und Subkulturen jeglicher Art beschäftigen. Aber dazu kommen wir später noch. Zuerst stellt sich die Frage, wo der Begriff queer sprachlich und kulturell hergekommen ist. Queer war nämlich ursprünglich eine nicht gerade freundliche Bezeichnung aus dem englischen bzw. amerikanischen Sprachraum.
Schimpfwörter umzudrehen und als Selbstbezeichnung zum identitätstragenden Kampfbegriff zu erheben – das funktioniert gelegentlich im Englischen, so geschehen mit „Punk“ als Subkultur oder dem „Slut-Walk“ als Protestform. Im Deutschen war das bislang weniger erfolgreich. Würde hier eine sagen, dass sie zum „Schlampenspaziergang“ geht? Oder sich ein Irokesenträger stolz als „Quatsch“ bezeichnen? Ebenso hat der Begriff „schwul“ eine eher zwiespältige Karriere hinter sich – bis in die 1990er Jahre außerhalb von Bewegungskontexten eher diskret geflüstert, ist er seit der letzten Entkriminalisierung (männlicher) Homosexualität im Jahr 1994 zwar alltäglich geworden, zugleich aber auch immer weiter in dem alltäglichen Beleidigungskanon von Jugendlichen, ja selbst von Grundschülern aufgestiegen.
Mit „queer“ ist das etwas anderes. Befragen wir leo.org, erhalten wir für „queer“ als Adjektiv „eigenartig, komisch, seltsam, sonderbar“, danach noch „suspekt, verdächtig, verrückt, verschroben, wunderlich, zweifelhaft“ und mittlerweile auch, jedoch erst an 11. Stelle: „homosexuell“. Als Substantiv, allerdings mit der Notiz „slang“, bekommen wir immerhin umgehend die simple Übersetzung „der Schwule“ oder „die Tunte“. Da wir Online-Übersetzungen aber nie so ganz trauen, können wir queer auch noch googeln – und werden dann gleich mit hochkomplexen Ergebnissen erschlagen, mit Queer Theory und Queer Studies, Feminismus und Dekonstruktivismus, Teresa die Lauretis und Judith Butler. Und eben mit der Feststellung, dass der Begriff „queer“ so offen ist, dass er sich im Grunde genommen jeder Definition verweigert.
Wie lässt sich „queer“ also erklären? Um mit einem kurzen Blick in die Bewegungsgeschichte zu beginnen: Die Gay Liberation, also die Schwulenbewegung der 1960/70er Jahre, wurde ebenso wie die damalige lesbisch-feministische Bewegung dahingehend kritisiert, sie würden nur für „ihre Leute“ kämpfen, also wieder die eine oder andere Art von „Wir“-Kategorie bilden und andere Menschen, wie Transidente oder Bisexuelle, ausgrenzen. Also im Prinzip demselben Mechanismus folgen, mit dem der heterosexuelle Mainstream nonkonforme Menschen degradiert. Zudem würden „Nebenwidersprüche“, wie der auch in Bewegungskontexten existierende Rassismus oder Antisemitismus, ausgeblendet. Genau hier setzt die Queer Theory an und bringt dekonstruktivistische Denkansätze ins Spiel: Wenn wir uns scheinbar grundlegenden, angeblich natürlichen Kategorien wie „Frau/Mann“, „homosexuell/heterosexuell“, „schwarz/weiß“ verweigern, diese als sozial oder kulturell konstruiert und damit als künstlich entlarven (und das bestätigen all die transidenten, intersexuellen oder bisexuellen Menschen jeglicher Hautfarbe), dann brauchen wir dafür auch einen neuen Begriff: Hallo, queer.
Das könnte alles ganz einfach und entspannt sein, ist es aber für die meisten Menschen nicht, da sie gewohnt sind, in Kategorien zu denken und damit eine Sicherheit in der Wahrnehmung ihrer Umwelt zu erhalten. Nur so als Beispiel: Küssen sich zwei langhaarige Menschen in Kleidchen und Stöckel auf offener Straße, so löst das bei manch einem heterosexuellen Mann vielleicht noch erotische „Flotter-Dreier“-Fantasien aus, solange er die beiden für Frauen hält. Stellen sich die zwei Küssenden jedoch als Männer in Drag heraus, möchte der Hetero schon nicht mehr so gerne in der Mitte liegen. Sind es aber womöglich zwei Transsexuelle, sind die dann jetzt schwul oder lesbisch? Stöckelt einer dieser beiden Menschen später nach Hause zu Frau und Kind, ist es dann doch ein bisexueller, polygamer Transvestit oder gar eine untreue Femme mit per Bechermethode gezeugtem Kind und toleranter Partnerin? Und sollte diese dann Hosen und Kurzhaarschnitt tragen? Und, für den Vertreter der hegemonialen Männlichkeit vielleicht am allerschlimmsten: Wie kommt das Kind damit zurecht? Das womöglich aufgrund der Samenspende eines hilfsbereiten schwarzen schwulen Freundes auch noch eine dunklere Hautfarbe hat? Oder hat sich bei der oben beschriebenen Szenerie jemand eine_n der Küssenden als schwarz vorgestellt? Und überlegt, dass dann noch mal ganz andere normative Maßstäbe angelegt werden? Wäre der Mainstream queer, wäre das alles nicht weiter hinterfragenswürdig: Sollen sich doch alle lieben, wie sie wollen.
Wer sich jetzt zurücklehnt mit dem Gedanken: „DAS ist doch alles total konstruiert! Flirten jetzt schwarze Transen mit weißen Skinheads oder wie? Das gibt es doch alles gar nicht, das hab ich ja noch nie gesehen?“ Doch, natürlich gibt es das. Auch außerhalb der CSD-Paraden, dann aber vielleicht eher nicht auf offener Straße, weil die Reaktionen von stumpfem Anstarren über dumme Sprüche bis hin zu handfester Gewalt praktisch schon vorprogrammiert sind. In unserer „westlichen“ Gesellschaft (und nicht nur in dieser) ist schnell die Kategorie „unnormal“ oder „krank“ zur Hand, um Unbekanntes in stigmatisierender und diskriminierender Weise abzufertigen.
Also treffen sich Queers in ihrer eigenen Subkultur, so wie Punks beim Slime-Konzert oder Skinheads beim Ska-Nighter? Ganz so einfach, sorgfältig getrennt und kategorisierbar ist das wieder nicht – sonst hätten Subkulturforschende auch nichts mehr zu forschen.
Die Idee von einer queeren Subkultur ist eine Konstruktion, die auf den ersten Blick nicht viel mit altbekannten Subkulturformationen zu hat. Queere Menschen haben nicht unbedingt einen durchgängig erkennbaren Kleidungsstil, einheitlichen Musikgeschmack oder gemeinsamen sozialen Hintergrund. Es handelt sich auch nicht um eine klassische Jugendkultur, wenngleich die Präsenz in der Öffentlichkeit – sei es auf dem CSD oder im Nachtleben – häufig von Menschen bestimmt wird, die relativ jung sind oder zumindest versuchen, jugendlich zu wirken.
Es existiert also keine singuläre und uniforme queere Subkultur. Stattdessen gibt es zahlreiche und vielfältige queere Szenen, die sich vor allem in größeren Städten konzentrieren. Sie bewegen sich im Umfeld von Veranstaltungen und Orten, von denen manche auch widerständigen politischen Ansätzen verpflichtet sind, und können dann als alternativ oder subversiv bezeichnet werden. Oft gehen sie aber auch mit den Normen und Werten der Mainstream-Kultur konform, und so kann ein homosexueller Szene-Lebensstil auch mit einer neoliberalen oder konservativen politischen Grundeinstellung vereinbar sein.
Aber ganz abgesehen davon, dass die queeren Szenen so vielfältig sind wie die Geschlechter und Orientierungen ihrer Vertreter_innen, kommt es auch zu Überschneidungen, mit denen auf Anhieb vielleicht nicht zu rechnen war. Postsubkulturelle Ansätze berücksichtigen unter dem Stichwort „Lifestyle“ oder „Szene“ eher die fließenden Übergänge und flexiblen Identitäten der queeren Gruppierungen, ohne eine Subkulturzugehörigkeit als oberflächlich oder beliebig abzuwerten. Idee und Begriff von Subkultur sind damit jedoch nicht ganz hinfällig. Deren bisher begrenzter Rahmen kann weniger eng gefasst werden, und so lässt sich Subkultur in erweiterter Form auch mit Szene oder Bewegung gleichsetzen.
In der Abkehr vom alten, starren Subkulturmodell und ganz besonders im Hinblick auf Gender und sexuelle Identität kann dieses zeitgemäßere Modell zudem unter dem Aspekt der Performativität, wie ihn Judith Butler eingeführt hat, betrachtet werden. Demnach sind alle – auch subkulturelle – Identitäten zutiefst instabil, und die Parodie dient als Mittel zur Unterwanderung vermeintlich stabiler Strukturen, wie die Beispiele des Gay Skinhead als hypermaskuline und der Lipstick Lesbian als hyperfeminine Parodie heterosexueller Stile zeigen. Diesem Denkansatz folgend stehen subkulturelle Identitäten nicht in vorgefertigter Form zur Verfügung, sondern sind als Konstruktionen zu betrachten, die durch stete Wiederholung alltäglicher Handlungen immer wieder reproduziert werden.
Wenn Subkulturzugehörigkeiten heute nicht mehr als voneinander abgegrenzt angesehen werden können, sondern als fließend und untereinander kompatibel, dann ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass sich der Gay Skinhead und die Lipstick Lesbian zum Beispiel auf einem Ska-Konzert treffen, ohne deplatziert oder gar verfeindet zu wirken. Abgesehen vom gemeinsamen Musikgeschmack – wer jemals im TV-Vorabendprogramm durch Kochshows gezappt hat, kennt diesen eingängigen Musikstil, er wird am häufigsten als Hintergrundbeschallung eingesetzt – können beide, auch in Bezug auf Stil und Konsumverhalten, nicht als widerständig in Bezug auf die dominante Kultur bezeichnet werden. So kann die Schuhsammlung eines Gay Skinhead vom Umfang her schon mal mit der einer Lipstick Lesbian mithalten. Ebenso wird die erwartete Abgrenzung zum anderen subkulturellen oder zum dominantkulturellen Stil nicht erfüllt, was die Auswahl der Marken und Modelle angeht. Beider Schuhschränke enthalten ganz ähnliche Produkte von Modemarken, die sowohl im Mainstream als auch subkulturell anerkannt sind – schicke Doc Martens-Stiefel für das Konzert, sportliche Chucks für die restliche Freizeit und die bequemen trendy Birkenstöcker für die Entspannung zu Hause.
Trotz aller Begeisterung für Musikkonsum und Shopping können sich queere Szenen auch als politische Gegenkulturen erweisen. In postsubkulturellen Ansätzen erscheinen Szenen zwar oft als hedonistisch und apolitisch, allein in der offenen und konsequenten Widerständigkeit zur heterosexuellen Matrix des Mainstream liegt bei Angehörigen queerer Szenen jedoch bereits genug politischer Sprengstoff. Es ist also legitim, queere Szenen als Formen von Subkultur zu betrachten, auch wenn die Ebene des Widerstands sich nicht in erster Linie auf die Kategorien Musik, Kleidung oder Klasse, sondern auf die der Geschlechtszugehörigkeit bzw. der sexuellen Orientierung bezieht. Und genau darin liegt die Herausforderung, der sich nicht-queere Menschen stellen müssen: Wer queer verstehen will, muss Uneindeutigkeit aushalten können.

Gabriele Vogel

Biologie & Homosexualität

Heinz-Jürgen Voß
Biologie & Homosexualität – Theorie und Anwendung im gesellschaftlichen Kontext
Unrast-Verlag 2013
88 Seiten
7,80 €

Schon lange suchen Forscher_innen nach einer biologischen Erklärung für Homosexualität. Das Buch Biologie und Homosexualität von Heinz-Jürgen Voß, welches im Februar 2013 im Unrast-Verlag erschien, berichtet über die Entstehung der zentrale Begrifflichkeiten und stellt verschiedene Theorien vor. Man erfährt dabei zum Beispiel, wer als „der erste Schwule“ gilt, und dass die starren Kategorisierungen „Homosexualität“ und „Heterosexualität“ erst während der Moderne aufkamen, sprich, dass sie neuer sind, als man vielleicht vermutet hat.

Da Voß selbst Biologe ist, schafft er es, die verschiedenen Theorien, welche sich mit der Wirkung und Ausprägung von Keimdrüsen, Hormonen und Genen befassen, auch für Laien anschaulich darzustellen. Dabei geht er auch auf die zum Teil gruseligen Biografien und Karrieren der Forschenden ein. Generell gewinnt man beim Lesen den Eindruck, dass vielerorts in der Biologie gleichgeschlechtliche Liebe noch immer als Abweichung von der Norm begriffen wird und nach einer Heilung bzw. Ursache gesucht werden soll.

Abgerundet wird das Ganze noch einmal mit einer kürzeren Darstellung der zentralen biologischen Studien weiblicher und männlicher Sexualität sowie einer Liste mit empfohlener, weiterführender Literatur.

Ein absolut lesenswertes Buch, welches viele Infos in sich birgt und einen phasenweise sprachlos macht.

Christian Ganske

Revolutionäre Frauen

Queen of the Neighbourhood Collective
Revolutionäre Frauen – Biografien und Stencils
Edition assemblage 2011
128 Seiten
12,80 €

queen_revolutionaere_frauen_rgb_web-189x300Sie sind Aktivistinnen, Anarchistinnen, Feministinnen, Freiheitskämpferinnen, Visionärinnen: Dreißig Frauen, deren Geschichten mehr oder weniger – eher weniger – bekannt sind, werden in diesem Buch in kurzen Porträts vorgestellt und anhand von so genannten Stencils optisch präsentiert. Stencils, das sind die in der Streetart bekannten Schablonen zum Sprühen von Graffitibildern. Praktisch könnte man sie hier direkt ausschneiden, um selbst aktiv zu werden, wäre dieses Buch nicht viel zu schön zum Zerschneiden.

Ausgangspunkt dieser Zusammenstellung war die Feststellung, dass revolutionäre Ikonen eigentlich immer ein männliches Antlitz haben. Ches verträumter Rebellenblick prangt ohne Ende auf schwarz‑roten T‑Shirts alternativer oder auch nur trendbewusster Jugendlicher und an künstlerisch umgestalteten Hauswänden. Aber Frauenköpfe? – Fehlanzeige. Ihre Bilder und ihre Geschichten bleiben meist im Verborgenen. Das Queen of the Neighbourhood Collective, ein Frauenkollektiv aus Autorinnen, Forscherinnen und Künstlerinnen in Aotearoa, Neuseeland, hat sich mit der vorliegenden Publikation zum Ziel gesetzt, dies zu ändern, den Che‑Glamour zu entlarven und gleichzeitig einen Kommentar zur Pop‑Kultur abzugeben. Stellvertretend für die Kollektiv‑Autorinnen (u. a. Hoyden, Melissa Steiner, Anna Kelliher, Rachel Bell, Anna‑Claire Hunter, Janet McAllister) schreibt Tui Gordon im Vorwort:

In Revolutionen geht es um Umkehr, um Umbruch, darum, einen radikalen Wandel in unserem Denken und Handeln zu initiieren. […] Alle Frauen dieses Buches handelten – bzw. wurden zum Handeln gezwungen – aufgrund eines tiefgehenden Gespürs für Ungerechtigkeiten und dem Drang, diese anzugehen oder ihnen zu entfliehen. Alle vorgestellten Frauen sind radikale, außergewöhnliche und nonkonformistische Freidenkerinnen; Menschen, die die Regeln der Gesellschaft zwar kennen, aber nicht nach ihnen leben; „Outlaws“, die sich nicht notwendigerweise selbst für ein Leben außerhalb der Konventionen entschieden haben, die aber in ihrem Sein schlichtweg unkonventionell sind.

Auf der Grundlage des ursprünglichen Zines Revolutionary Women Stencil Book werden sie vorgestellt: Harriet Tubman, Louise Michel, Vera Zasulich, Emma Goldman, Qui Jin, Nora Connolly O’Brien, Lucia Sanchez Saornil, Angela Davis, Leila Khaled, Comandante Ramona, Phoolan Devi, Ani Pachen, Anna Mae Aquash, Hannie Schaft, Rosa Luxemburg, Brigitte Mohnhaupt, Lolita Lebron, Djamila Bouhired, Malalai Joya, Vandana Shiva, Olive Morris, Assata Shakur, Sylvia Rivera, Haydée Santamaría, Marie Equi, Mother Jones, Doaria Shafik, Ondina Peteani, Whina Cooper und Luci Parsons. Es sind Frauen mit unterschiedlichsten Anliegen, Philosophien und Handlungsmaximen. Einige anerkannt, andere höchst umstritten. Das Buch versteht sich auch nicht als Mittel, Heldinnen zu schaffen. Die Intention des vorliegenden Bandes ist vielmehr, ein „satirisches Spiel mit dem Konzept von Ikonen und Held_innenverehrung“ anzubieten.

Klargestellt wird zu Beginn auch, dass die Mitwirkenden nicht unreflektiert an ihr Projekt herangegangen sind. Zunächst wurde kritisch hinterfragt, ob es überhaupt im Sinne aller Porträtierten sei, in einem Buch, das unvermeidbar auch dem Konsum der Kaufkräftigen dient und anteilmäßig trotz globaler Perspektive tendenziell mehr Geschichten weißer Frauen beinhaltet, vereint zu werden. Weitere Aspekte waren die Frage nach dem unterschiedlichen Stellenwert von Militanz und Pazifismus unter den Rebellinnen ebenso wie ihre divergierenden kulturellen Hintergründe, die deren Auffassungen von Feminismus durchaus ambivalent erscheinen lassen. Letztlich bleiben, so Tui Gordon, „zwei zentrale Punkte: Erstens der tief verankerten patriarchalen Geschichte eine Tritt in die Eier zu verpassen und zweitens die Freude über starke Frauen zu verbreiten und Lust auf Revolution zu machen“.

Herausgekommen ist ein wunderbares Stöber‑ und Lesebuch für alle Altersklassen und Gender. Die einzelnen Geschichten sind spannend und informativ geschrieben und die beigefügten Stencils kleine Kunstwerke – hervorragend dazu geeignet, kopiert zu werden und damit, wie augenzwinkernd im Buch empfohlen wird, „Aufnäher, T‑Shirts, Geschirrtücher“ zu gestalten oder den Schlafzimmerwänden „eine schicke revolutionäre Ästhetik“ zu verleihen. Schön zu sehen, dass Feminismus nicht immer spaßfrei sein muss und so originelle Projekte und gelungene Umsetzungen hervorbringen kann.

Gabriele Vogel 

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Gender und Häuserkampf

amantine
Gender und Häuserkampf
Unrast 2011
232 Seiten
14,00 €

978-3-89771-508-0Amantine stellt unter dem schlagwortartigen Titel Gender und Häuserkampf nun explizit die Frauen ins Zentrum der Hausbesetzer_innenszene. Einführend wird ein informativer Rückblick auf die Geschichte alternativer Wohnformen gegeben. Diese reicht in Berlin historisch bis ins 19. Jahrhundert, da die Wohnungsnot und die daraus erwachsenen überhöhten Mietpreise hier bereits 1871 derart katastrophal waren, dass Menschen sich zu unkonventionellen Formen des Wohnens in Hütten und Baracken gezwungen sahen, Protestmärsche organisierten und auch damals schon Sanktionen in Form von Polizeigewalt zu spüren bekamen. In den 1970er Jahren begannen dann die Hausbesetzungen in der bekannteren Form des eigenmächtigen Beziehens leerstehenden Wohnraums aus sowohl finanziellen als auch politisch-ideologisch motivierten Beweggründen. Diese Besetzungen verliefen in Schüben um 1970, 1980/81, 1989/90 und dann auch wieder von den 1990er Jahren bis heute auch außerhalb Berlins, in mehreren größeren westdeutschen Städten und in enger Verbindung zu Häuserbewegungen in der Zürich und in Amsterdam. Dazu kam in den 1980er Jahren die Entstehung von Wagenplätzen auf ungenutzten Stadtflächen, oft auch außerhalb der Zentren.Auch in linken Gegenbewegungen ist die Auseinandersetzung mit Gender‑Aspekten, womöglich gar mit Feminismus, leider nicht selbstverständlich und muss mit enervierender Hartnäckigkeit immer und immer wieder eingefordert werden. Das zeigt dieses Buch und gehört damit selbst in die Reihe der Publikationen, die ihren Teil zu einer gelungenen Herangehensweise an eine patriarchatskritische Thematik beitragen. Denn auch die aktuell wieder vermehrt im Fokus historischen Interesses stehende Häuserkampfbewegung erscheint zumeist als eine der autonomen Fighter und Straßenkämpfer, die allgemein als männlich gedacht werden. Dass bei dieser Bewegung auch Frauen ihre eigenen Forderungen durchgesetzt und Freiräume erkämpft hatten, rückt oft in den Hintergrund der Aufmerksamkeit.

Die erste Besetzungswelle begann fast parallel zur zweiten Frauen‑Bewegung in den späten 1960er Jahren. Auch der Wohnraum wurde zum Feld politischer Auseinandersetzungen. Die Kontroversen unter dem Motto „Politisierung des Privaten“ innerhalb der neuen sozialen Bewegungen führten dazu, dass Frauen sich zunehmend separierten und eigenständig organisierten, in eigenen Wohngemeinschaften, Frauen‑Kommunen und selbstständig besetzten Häusern. Die Konflikte und Debatten hörten damit jedoch nicht auf, da es trotz augenscheinlicher Veränderungen immer wieder zu patriarchalen „Rollbacks“ kam. Als Reaktion auf Sexismus und Homophobie formierte sich eine von staatlichen Institutionen unabhängige autonome Frauen/Lesben‑Bewegung, die bis heute aktiv an den Geschlechterdiskursen beteiligt ist.

Im vorliegenden Band werden einzelne Häuser skizziert, konkrete Konflikte aufgegriffen, Diskurse und Debatten nachgezeichnet. Anhand zahlreicher Zitate aus Szenepublikationen und Interviews werden authentische Einblicke in die einzelnen Phasen von 1969 bis 2010 gegeben und migrantinnenspezifische ebenso wie heteronormativitätskritische bzw. queere Standpunkte miteinbezogen. Der flüssige Schreibstil bleibt sachlich und ist gut zu lesen. Absolut empfehlenswert für alle, die sich für die Geschichte des Häuserkampfes interessieren und sich umfassend informieren wollen.

Gabriele Vogel

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Mädelsache!

Andrea Röpke/Andreas Speit
Mädelsache! – Frauen in der Neonazi-Szene
Ch. Links Verlag 2011
240 Seiten
16,90 €

615 Maedelsache US.inddDie Rolle der Frauen in der Neonazi Szene hat sich verändert. Sie sind keineswegs nur noch Ehefrauen und Mütter, sondern treten als aktive Parteimitglieder auf, sind in Kameradschaften organisiert oder unterstützen tatkräftig ihre Ehemänner. Die Veränderungen des weiblichen Engagements werden in dem Buch Mädelsache! Frauen in der Neonazi-Szene ausführlich dargestellt. Andrea Röpke und Andreas Speit recherchierten detailliert über Frauen in der NPD sowie über Gruppierungen wie den Ring Nationaler Frauen (RNF), die Gemeinschaft Deutscher Frauen (GDF), die Frauengruppen der Freien Kräfte und die Autonomen Nationalistinnen.

„Die NPD will die Frau zeigen – vorzeigen, um bürgernah, frauenfreundlich und wählbar zu erscheinen.“ Die Rede ist hier von der sächsischen Landtagsabgeordneten Gitta Schüßler. Sie steht – gemeinsam mit den anderen Frauen der Szene – für den Strategiewandel der NPD, in der immer mehr Frauen in die Parteiarbeit einbezogen werden. Frauen übernehmen in der Politik Bereiche wie Familie und Bildung mit dem Ziel, soziale Themen mit nationalen Forderungen zu besetzen. Sie sprechen mit den Themen Arbeitslosigkeit, Altersarmut oder einem geforderten Müttergehalt gezielt die Ängste und Wünsche der Menschen an. Das Buch macht deutlich: Die Partei hat das politische Potential von Mädchen und Frauen für die gesellschaftliche Akzeptanzgewinnung erkannt.

Aufgrund der fortschreitenden kommunalen Unterwanderung durch die NPD kommt der Rolle der Frau eine neue, wichtigere Bedeutung zu. Die AutorInnen sprechen sogar davon, dass das Vorhaben der Neonazis, sich kommunal zu verankern, nur mit weiblicher Unterstützung stattfinden kann. Neben der Strategie, über soziale Berufe menschenverachtendes Gedankengut in die Erziehung von Kindern mit einfließen zu lassen, engagieren sich Frauen beispielsweise ehrenamtlich in Elternvertretungen oder Sportvereinen. So können sie soziale Kontakte knüpfen und sich als engagierte, hilfsbereite Mütter präsentieren. Da Frauen meist im Hintergrund der NPD oder anderen extrem rechten Organisationen agieren, sind die politischen Ansichten im sozialen Umfeld meist nicht bekannt. Die Mitmenschen wissen nichts von den Einstellungen der freundlichen Nachbarin, Kollegin oder Sportlehrerin des Kindes. Wird aber der politische Hintergrund der Frauen bekannt, reagieren die Menschen aus dem Umfeld geschockt und fassungslos. So engagierte sich auch beispielsweise Stella Hähnel, RNF Mitgründerin, ehrenamtlich in einem Familiencafé und ließ die MitarbeiterInnen im Bezug auf ihre Überzeugungen im Dunkeln.

Das Buch weist außerdem auf die Gefahr der Verharmlosung menschenverachtender Einstellungen durch das Auftreten der extrem rechten Frauen hin. Dies wird beispielsweise beim Gründungstreffen des RNF im Jahr 2006 deutlich. Frauen wirken aufgrund ihres Erscheinungsbildes auf die Bewohner des Ortes Sotterhausen in Sachsen Anhalt eher konservativ als radikal. Nachbarn verkennen die Gefahr und treffen Aussagen wie „die sind doch nett“, oder „die Frau ist höflich und die Kinder gut erzogen“.

Die AutorInnen berichten auch über die größere kulturelle Freiheit innerhalb der Partei, die durch den seit 1996 aktiven Parteivorsitzenden Udo Voigt vorangetrieben wurde. So feiern „völkische Familien in Trachten neben Glatzköpfen, ehrgeizige Studentinnen neben Frauen in Lack und Leder“. Die Toleranz in Bezug auf die Kleidung der Szeneangehörigen sowie das vermehrte Auftreten von Frauen in der Öffentlichkeit könnte den Anschein erwecken, dass sich auch das traditionelle Geschlechterverständnis der NPD gelockert hat. Doch keineswegs ist von einer Gleichstellung zwischen Frauen und Männern innerhalb der Partei und den außerparteilichen Organisationen zu sprechen. Immer wieder kritisieren Frauen die Dominanz der Männer und die Ungleichbehandlung der Geschlechter in der NPD. Diese Kritik ist aber in den eigenen Reihen weder gern gesehen noch wird sie geduldet. Einen stetigen Konflikt zwischen Emanzipation und einem traditionellem Rollenbild gibt es nicht nur innerhalb der Partei, sondern auch bei den Autonomen Nationalisten. Diese erscheinen zwar aufgrund der Übernahme von aktuellen Modetrends modern, Sexismus und Gewalt gegenüber Frauen gibt es nach Insiderberichten aber auch hier.

Einen Teil des Buches widmen die AutorInnen der Gemeinschaft Deutscher Frauen (GDF), die sich am traditionellen Frauenbild des Dritten Reiches orientiert. So sollen die Frauen Mütter von möglichst vielen Kindern werden. Andrea Röpke und Andreas Speit tragen auch Einzelheiten über die ideologischen Ziele der Kindererziehung und der Schaffung einer nationalen Gegenkultur der GDF zusammen.

Der Leser oder die Leserin wird zusätzlich über die Freizeitaktivitäten der Rechtsextremen informiert. Es gibt nicht nur neonazistische Ausflüge oder Zeltlager für den Nachwuchs, sondern auch Familien Überlebenscamps. Dort treffen Frauen gemeinsam mit ihren Familien Vorbereitungen, um die Zeit nach dem Zusammenbruch des Landes zu überstehen. Die TeilnehmerInnen verzichten während des Camps auf moderne Technologien. „So kann das deutsche Volk, dank den Frauen, überleben“. Nach den ausführlichen Recherchen über die in den Medien viel zu lange nicht beachteten nationalistischen Frauenorganisationen und Frauen innerhalb der NPD wird deutlich, was die Frauen der Szenen schon seit langem kundtun: Nationalismus ist auch „Mädlsache“. Aufgrund dessen widmet sich das letzte Kapitel ganz dem Umgang mit rechten Frauen im Alltag. Dabei können die AutorInnen selbstverständlich keine ausgearbeitete Handlungsanweisung liefern, aber Erfahrungen und Auseinandersetzungen von Betroffenen aufführen. Was haben andere BürgerInnen gegen die Unterwanderung lokaler Strukturen getan? Und wie haben sie sich beispielsweise gegenüber nationalistischen Erzieherinnen verhalten?

Das AutorInnenduo kommt zu dem Ergebnis: Frauen der extrem rechten Szene weichen der Zivilcourage. Deshalb muss die Gesellschaft aufmerksamer werden und sich bewusst machen, dass ein höfliches Auftreten der Frauen nicht die menschenverachtenden Einstellungen ändert. Auch eine Frau kann radikal sein. Nur so können die Aktivitäten aufgedeckt und die Handlungsfelder eingeschränkt werden. Dabei fordern die AutorInnen bereits ein Einschreiten, wenn Diskriminierungen beginnen und nicht erst bei Bekanntwerden einer NPD-Mitgliedschaft. Denn die Abgrenzungen zwischen Autonomen Nationalisten, Kameradschaften und der NPD sind aufgeweicht und eine offizielle Mitgliedschaft in der NPD ist längst nicht mehr notwendig.

Luisa Wingerter

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)