Zine of the Day: Zine Librarian Zine

Zine Librarian Zine #2 (2003)

Zine Librarian Zine #2 (2003)

Weltweit gibt es mittlerweile weit über hundert Fanzine-Bibliotheken und –Archive, in denen Zines gesammelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Eine aktuelle Liste mit Adressen und Links zu einigen dieser Bibliotheken und Archive gibt es hier.

Dass irgendwann mal jemand auf die Idee kommen würde, auch ein Zine von und für die Mitarbeiter_innen dieser Fanzine-Bibliotheken und –Archive zu veröffentlichen, lag eigentlich auf der Hand, als 2002 die erste Ausgabe des Zine Librarian Zine im Umfeld des Independent Publishing Resource Centers (IPRC) in Portland, Oregon veröffentlicht wurde.

Das IPRC ist seit 1998 das Zentrum der sehr aktiven Zine Community von Portland. Hier treffen sich lokale Zine-Macher_innen, um in alten und neuen Heften aus der eigenen Zine-Bibliothek zu schmökern, um Lesungen und Zine-Workshops zu besuchen und zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch. Das IPRC ist aus der Szene selbst entstanden und sieht sich in erster Linie als einen Ort für diese. Der Anspruch des Zentrums ist, die Zine-Kultur zu fördern.

Im Bestand des Archivs der Jugendkulturen gibt es die 2003 erschienene zweite Ausgabe des Zine Librarian Zine. Sie diente vor allem der Vernetzung internationaler Zine Libraries und Zine Archives in englischsprachigen Ländern. So besteht der überwiegende Teil des Hefts aus Vorstellungen verschiedener Fanzine-Bibliotheken und –Archive in den USA, England und Neuseeland. Dabei geht es nicht nur um die Entstehung und das Selbstverständnis dieser unterschiedlichen Einrichtungen, sondern vor allem darum, sich über die Katalogisierung von Zines, Möglichkeiten der Finanzierung, den Umgang mit Nutzer_innen oder den Erwerb von neuen Zines auszutauschen.

Wer sich darunter einen trockenen Newsletter von Nerds für Nerds vorstellt, liegt völlig falsch. Gerade die Comic-Strips von Greig aka „Clutch McBastard“ (Clutch Zine) über die Absurditäten im Arbeitsalltag eines Zine Librarians im IPRC lassen eine_n immer wieder lauthals loslachen. Und so manches kommt einem als Mitarbeiter des Archivs der Jugendkulturen nur allzu bekannt vor.

Mit dem Zine Librarian Zine #3 erschien 2009 die vorerst letzte Ausgabe dieses wundervollen Zines. Leider fehlen darin die fulminanten Comic-Strips von Greig. Dafür kann man sich diese Ausgabe aber noch als PDF-Version zum Selbst-Ausdrucken und Selbst-Zusammenlegen hier downloaden.

Warum danach keine weiteren Ausgaben des Zine Librarian Zines erschienen, ist mir leider nicht bekannt. Es kann sein, dass sich die Kommunikation einfach immer mehr in Mailinglisten, auf Konferenzen, Blogs und vor allem die sehr informative Website ZineLibrarian.info verlagert hat.

An der fehlenden Nerdigkeit oder Kreativität von Zine Librarians liegt das aber sicherlich nicht. Davon zeugen andere Hefte wie das von Kelly McElroy veröffentlichte Zine Librarian Pets von 2014: ein Zine, das sich nur und ausschließlich um die Haustiere von Zine Librarians dreht und von dem aktuell bereits eine 2. Ausgabe in Arbeit ist. Geek-hafter gehts wohl kaum noch! 😉

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #ZineLibrary #ZineArchive #ZineLibrarian

– Christian (Zine Nerd)

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Zine of the Day: Indulgence

Indulgence #7 (ca. 2002)

Indulgence #7 (ca. 2002)

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich auf Indulgence gestoßen war. Es muss jedenfalls um 2002/2003 gewesen sein, als Eleanor aus New York City und ich zum ersten Mal Kontakt aufnahmen. Sie hatte bereits 1997 die Debüt-Nummer ihres Zines veröffentlicht, aber die erste Ausgabe, die ich in die Hände bekam, war Indulgence #7. Eleanor gelang mit ihrem Heft den Spagat zwischen einem Art Zine und einem Perzine mit queer-feministischem Standpunkt. Indulgence beinhaltete damit nicht nur interessante Artikel, sondern stach auch durch eine interessante Gestaltung aus der Masse der Zines dieser Zeit heraus.

Sie verwendete verschiedene Papierarten, Pappen und Folien innerhalb einer Ausgabe (u. a. Tapetenpapier), stellte eigene Stofftaschen für eine Ausgabe her und nutzte ungewöhnliche Fadenbindungen, Falzarten, Stempeldrucke, Letter Presses und andere Techniken, um jede Ausgabe von Indulgence zu einer besonderen zu machen. Man merkte diesem Zine einfach an, dass es jedes Mal mit viel Herzblut und Liebe zum Detail hergestellt worden war.

Innenteil von Indulgence #7 (ca. 2002)

Innenteil von Indulgence #7 (ca. 2002)

Dieser Enthusiasmus beeindruckte mich so sehr, dass ich den Kontakt mit Eleanor weiter aufrecht erhielt. Über die Jahre entstand daraus eine transatlantische Freundschaft und ein intensiver Austausch über Zine-Kultur. 2005 trafen wir uns zum ersten Mal in Berlin und die Jahre danach machte Eleanor während ihrer Europa-Trips immer wieder Abstecher in die Stadt. Sie half mir bei der englischen Übersetzung eines Artikels über ost- und westdeutsche Punk-Fanzines und ich war ganz gerührt, als sie sich im Vorwort ihrer Master-Arbeit über Zines für die Inspiration in Sachen Zine-Kultur und den gegenseitigen Austausch bei mir bedankte.

Auch wenn sie 2008 mit Indulgence #10 die Herausgabe ihres Zines vorerst eingestellt hat, ist Eleanor kulturell und künstlerisch bis heute sehr umtriebig. 2013 veröffentlichte sie ihr erstes Buch mit dem wundervollen Titel Grow: How to Take Your Do It Yourself Project and Passion to the Next Level and Quit Your Job!, das man hier erwerben kann. Sie veröffentlicht regelmäßig Beiträge in ihrem Blog Killerfemme und spielt in den Indie Rock-Bands Corita und Rules.

Indulgence #8 (2002/03)

Indulgence #8 (2002/03)

Auch wenn wir uns in den letzten Jahren leider nicht mehr gesehen haben, so stehen wir doch bis heute miteinander in Kontakt und schreiben uns in regelmäßigen Abständen. Es fasziniert mich bis heute, wie sehr das Interesse an so einer eigentlich banalen Sache wie Zines zum Ausgangspunkt einer Freundschaft werden konnte, die über einen ganzen Ozean hinweg und mittlerweile seit über zehn Jahre besteht. Allein aus diesem Grund bin ich froh, irgendwann einmal mit Fanzines in Kontakt gekommen zu sein.

Weitere Informationen über Eleanor und ihre Projekte sind auf ihrer Website zu finden.

Indulgence #9 (ca. 2005)

Indulgence #9 (ca. 2005)

Innenteil von Indulgence #9 (ca. 2005)

Innenteil von Indulgence #9 (ca. 2005)

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#IZM2015 #Zines #Artzine #Zineoftheday #Perzine #Queer #Feminismus #Kunst

– Christian (Zine Nerd)

Zine of the Day: Rave Signal / Signal Plus

Rave Signal #1 (1992)

Rave Signal #1 (1992)

Es gibt Dinge, die können in ihrer ganz eigenen Form manchmal einfach nur abseits der Hot Spots popkultureller Metropolen und in der jugendkulturellen Einöde der Provinz entstehen. Nur dort sind Koalitionen zwischen Szenen möglich, die sich in der Großstadt nicht mal mit Arsch anschauen würden. Und nur dort bringen solche Koalitionen Dinge hervor, die es nirgendwo anders geben würde…

In diesem Fall handelt es sich um ein sog. „Split-Fanzine“, ein Fanzine, dass die Herausgeber_innen von zwei unterschiedlichen Fanzines als Gemeinschaftsprojekt veröffentlichen. Das allein wäre kaum der Rede wert. Solche Gemeinschaftsproduktionen verschiedener Zine-Macher_innen gab es in der Fanzine-Geschichte schon sehr früh. Beim Rave Signal #3/ Signal Plus #1 aus Weilheim handelt es sich aber um ein Split-Fanzine der ganz besonderen Art, das eng mit meiner eigenen subkulturellen Sozialisation in der oberbayerischen Provinz verbunden ist.

Rave Signal #2 (1992/93)

Rave Signal #2 (1992/93)

Aber der Reihe nach… Als Techno und House ab 1991 auch jenseits der Großstädte immer mehr Anhänger_innen fand, wurde mein „Sandkastenfreund“ Marco zum enthusiastischen Raver, der unser beschauliches Weilheim im oberbayerischen Voralpenland fast jeden Freitag verließ, um das ganze Wochenende auf Raves in der gesamten Republik teilzunehmen. Er war von diesem neuen Sound so angesteckt, dass er ab 1992 damit begann, sein eigenes Heft darüber zu veröffentlichen – mit Party-Berichten, Platten-Kritiken, bescheuerten Kolumnen, dämlichen Witzen und allem anderen Drum und Dran. Das ganze wurde per Schnippel-Layout zu einer Kopiervorlage zusammengebastelt und vom Vater eines anderen Freundes heimlich auf dem Kopierer seiner Arbeitsstelle vervielfältigt.

Der Name Rave Signal war bereits Programm. Schließlich ging es darum, die neue Rave-Kultur in Weilheim und Umgebung bekannter zu machen. Ob das wirklich was gebracht hat, kann ich nicht sagen. Immerhin hat Marco bis 1993 mindestens drei Ausgaben seines Heftes veröffentlicht. Das Wort „Fanzine“ kannte er zu dieser Zeit noch gar nicht.

Rave Signal #3 / Signal Plus #1 (1993)

Rave Signal #3 / Signal Plus #1 (1993)

Im gleichen Zeitraum, in dem sich Marco zu Stroboskop-Gewittern und geraden Beats in irgendwelchen Lagerhäusern und Industriebrachen herumtrieb, entstand in Weilheim selbst eine ganz eigene Subkultur um Bands wie The Notwist, Die Schweisser, Brainjam oder Dilirium, die ihre Wurzeln in der Punk/Hardcore-Szene hatten, sich aber musikalisch bereits darüber hinaus zu entwickeln begannen.

Mein Freund Greydl und ich waren an dieser Entwicklung beteiligt. 1990 hatten wir in guter DIY-Manier unsere eigene Punk/Hardcore-Band gegründet, ohne auch nur einen einzigen Akkord zu können. Nicht das Können stand zu dieser Zeit an erster Stelle, sondern das Machen. Und wie Marco, so waren auch wir begeistert von der neuen Subkultur, deren Teil wir geworden waren und über die auch wir nun unser eigenes Heft veröffentlichen wollten. Erste Fanzines hatten wir damals bereits gelesen.

Signal Plus #1 im Rave Signal #3  (1993)

Signal Plus #1 im Rave Signal #3 (1993)

Und weil Greydl und ich erst einmal sehen wollten, ob so ein Fanzine überhaupt was für uns ist, habe ich meinen Sandkastenfreund Marco einfach gefragt, ob wir zum Rave Signal nicht noch ein paar Seiten über Gitarrenmusik hinzufügen sollten. Er fand die Idee nicht schlecht und so entstand die erste Ausgabe das Signal Plus, wir zusammen mit der dritten Ausgabe des Rave Signal 1993 als ein Gemeinschaftsheft herausgaben.

Bei der nächsten Nummer trennten sich aber auch schon wieder die Wege von Marco und uns. Wir hatten dafür bald so viele Interviews, Plattenkritiken und andere Artikel zusammen, dass wir unser eigenes Heft im selben Jahr unter dem Titel Signal Plus Extra veröffentlichten, das wenige Monate später zum Fanzine Flatline wurde, aus dem schließlich mein eigener Fanzine-Mailorder namens Flatline-Imperium entstand, durch den ich u. a. meinen Weg in das Berliner Archiv der Jugendkulturen fand.

Seinen Ausgangspunkt hat mein Werdegang als Zine Nerd aber in diesem Split-Fanzine mit komischem Namen, in dem Techno-Beats und Hardcore-Lärm eine Koalition eingingen, wie man sie bis heute wohl kaum ein zweites Mal erlebt hat…

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Techno #Punk #Hardcore #Provinz

– Christian (Zine Nerd)

Zine of the Day: Ich und mein Staubsauger

Ich und mein Staubsauger #5 1987

Ich und mein Staubsauger #5 1987

Am Ich und mein Staubsauger #5 gefällt mir vor allem das Layout, der Artikel über die Jacob Sisters und der Comic zum 1. Internationalen kleinen Fischkongress. Und weil überhaupt viele Frauen in dieser Ausgabe vertreten sind.

 

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Musik #DIY

– Tanja

Bericht vom 1. Internationalen Fischkongress

Bericht vom 1. Internationalen Fischkongress

Zine of the Day: Orange Agenten

Mein Liebling ist das Berliner Punk-Fanzine Orange Agenten nicht gerade. Meine Beziehung zu dem Fanzine ist eine ganz andere, die aber mindestens genau so emotional ist.

Orange Agenten #2x45 min.

Orange Agenten #2×45 min.

Orange Agenten #0,8%

Orange Agenten #0,8%

Orange Agenten # Next

Orange Agenten # Next

Während meines Praktikums im Archiv der Jugendkulturen e. V. habe ich mich u. a. um die Sortierung der Fanzine-Sammlung und die Aufnahme von Fanzines in die Archiv-Datenbank gekümmert.

Das Orange Agenten machte dabei ständig „Probleme“. Dank seines DIN A3-Formats passte es nicht in die Archivkartons. Es nahm jedes Mal zu viel Platz auf meinem ohnehin schon vollen Schreibtisch in Beschlag. Es hatte komische Untertitel wie „Zeitschrift für Passivsportler & Kettenraucher“, die auch noch ständig wechselten. Vor allem hatte es aber völlig unverständliche Nummerierung der einzelnen Ausgaben. Ich habe geschlagene vier Tage mit dem Versuch verbracht, die Ausgaben chronologisch zu ordnen, denn keine einzige Abfolge der einzelnen Ausgaben ergab einen logischen Zusammenhang.

Mit dem Orange Agenten assoziiere ich seitdem vor allem eine Achterbahnfahrt der Gefühle: In einem Moment dachte ich, ich hätte es geschafft, hätte das Konzept hinter solchen „Nummerierungsspäßchen“ wie „Heft # NEXT“, „NR. 0,8 ÷“ oder „# 2×45 min.“ begriffen, merkte aber bereits im nächsten Moment, dass das alles irgendwie doch nicht so recht zusammenpassen wollte.

Letzten Endes habe ich dann aufgegeben, eine sinnvolle Ordnung in etwas zu bringen, hinter dem von Anfang an gar kein Sinn angelegt war.

Die Macher_innen werden sich jetzt vielleicht kichernd auf dem Boden wälzen, aber obgleich leider ohne Ergebnis hat die „Detektivarbeit“ doch auch irgendwie Spaß gemacht.
Trotzdem: Falls jemand eine Lösung hat, bitte melden!

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Punk

– Svenja

Zine of the Day: Virus

Virus - The Voice of the Underground (ca. 1994 )

Virus – The Voice of the Underground (ca. 1994 )

Virus ist ein Augsburger Techno-Fanzine aus den 90er Jahren. Hier geht es viel um mögliche Definitionen des Genres, künstlerische Arbeit sowie die Vermarktung von Techno. Das Fanzine ähnelt in seinem Aufbau stark einer Musikzeitschrift und weist die dort üblichen Rubriken auf: Plattenkritik, Tech-Review (hier: Roland 101 und Oberheim 5HE), Interview, Chart, Labelprofil und Plattenladennewsletter. Die Plattenkritik zu Maurizio 03 kommt von Electric Indigo, der female:pressure-Gründerin und ehemaligen Hard Wax-Mitarbeiterin. Die hotwenty Charts enthalten sowohl Künstler, Labels als auch Katalognummern. Hier herrscht keine einheitliche Vorgehensweise. Mal steht da Aphex Twin (Platz 14) oder Säkhö ohne Nummer und Artist auf Platz 1. Dann wird wohl alles von Säkhö gut sein? Die Interviews werden mit Szenegrößen geführt, u.a. mit Jeff Mills, Mike Banks von Underground Resistance oder Luke Slater. Die Interviews stellen ein gutes Quellenmaterial für den klassischen Techno und seine Inszenierungsformen dar. Zum Beispiel sagt Mike Banks auf die Frage ob er immer hinter Hard Wax- oder Red Planet- Veröffentlichungen steht: „I cannot answer those questions“. Diese Aussage kann wohl als szenetypisch bezeichnet werden und ist für manche Künstler*innen immer noch wichtiger Bestandteil bei der Veröffentlichung ihrer Werke. Nostalgisch stimmt mich dieses Fanzine beim Lesen der Profile von Force Inc. und Mille Plateaux. Diese Labels waren für mich damals wichtig für meine Elektronika- Sozialisation.

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Techno #Fanzine #Electro

– Tanja

Heimatliebe

Als Mitarbeiterin im Archiv der Jugendkulturen e. V. bin ich bei der Beschäftigung mit Pop- und Subkulturen und in der bildungspolitischen Arbeit mit der Band Frei.Wild konfrontiert. Zugespitzt hat sich diese Auseinandersetzung in jüngster Zeit durch die Veröffentlichung und die damit einhergehende Diskussion um das Buch von Klaus Farin über diese Band. Frei.Wild wurde daneben aktuell auch in der Broschüre Grauzonen – Rechte jugendliche Lebenswelten in Musikkulturen
 (ASP, 2015) in vielen Facetten beleuchtet (siehe dazu auch die Rezension von Daniel Schneider in diesem Blog). Die Broschüre macht deutlich, dass Frei.Wild als Grauzonen-Band gelesen werden kann, während Farin genau dieser Argumentation widerspricht.

Allgemein scheint für ihn entscheidend zu sein, dass die Fans der Band – die die zentrale Zielgruppe der Veröffentlichung sind – eine journalistisch recherchierte Informationsquelle an die Hand bekommen, um sich selbst ein umfassendes Bild von ihren Helden zu machen. Ich kritisiere diese Herangehensweise. So werden etwa Aussagen der Band und ihrer Fans nur mangelhaft kontextualisiert und so gut wie gar nicht kritisch hinterfragt. Tatsache ist, dass es in einigen Texten von Frei.Wild um Heimatliebe, Patriotismus, vermeintlich natürliche Ordnungen, Tradition, konservative Werteinstellungen geht und auch Ausgrenzungsrethoriken Anwendung finden. Die im Buch gezeigten Fotos zur Band präsentieren überwiegend hegemoniale Männlichkeitsbilder und Körperkult. Gegen Ende des Südtirol-Kapitels wird gesagt, dass Frei.Wild eine „sehr authentische Visitenkarte ihrer Heimat“ darstellen. Hier wäre auch im Hinblick auf den Titel zu fragen, welche Tradition von Frei.Wild transportiert wird und ob die Authenzität darin besteht sich als Opfer der sogenannten Gutmenschen zu stilisieren?

Kritische und differenzierte Artikel zu Farins Buch sind z.B. bei Publikative.org und in der taz erschienen. Im Folgenden konzentriere ich mich auf die im Buch enthaltenen Unterrichtsanregungen und hinterfrage, ob diese Anregungen relevant sind für die Bildungsarbeit mit Jugendlichen und welche Gefahren mit dieser Art von Auseinandersetzung möglicherweise verbunden sind.

Die „Unterrichtsanregungen zum Thema Heimat“ werden mit Interviewausschnitten von Schüler*innen und Lehrkräften eingeleitet. Die Ausschnitte beziehen sich in der Mehrzahl darauf, dass Frei.Wild hörende Jugendliche diskriminiert werden, weil sie sich als Fans outen. Wie an anderen Stellen des Buches auch scheint es hier so, als wolle Farin aufzeigen, dass alle Kritiker*innen Unwissende seien, die reflexartig und ungeschickt mit Identifikationsfiguren und -angeboten im musikalischen Grauzonenbereich umgehen. Der Fokus der Bildungsarbeit wird auf die Auseinandersetzung im Unterricht mit der Wahrnehmung von Heimat gelegt. Warum? Liegt es wirklich daran, dass für viele Schüler*innen Heimat eine so zentrale Rolle spielt wie behauptet wird? Das wäre wissenschaftlich zu prüfen. Generell wäre zu hinterfragen, ob Heimat einen so wichtigen Bezugspunkt für Jugendliche darstellt, wenn es um Identität und weltanschauliche Orientierungen geht. Konkret auf Frei.Wild bezogen könnten an dieser Stelle im Buch auch Anregungen vermittelt werden, sich mit Identifikationsangeboten und Mythen von Bands wie Frei.Wild auseinanderzusetzen oder es könnten Ideen für Bildungsarbeit angeboten werden, die sich an dem „Eigenen“ und dem „Fremden“ orientieren (vgl. Hufer, 2007: 139; DJI online, 2005).

Die Unterrichtsanregungen beziehen sich stattdessen auf das Thema Heimat, das in Gruppen bearbeitet werden soll. Inhaltlich beschäftigen sich die Anregungen mit (1) der Frage: „Was verbinde ich mit dem Begriff Heimat?“, (2) einem Vergleich zwischen dem Stück Heimat von Herbert Grönemeyer und Heimat bzw. Wahre Werte von Frei.Wild, (3) der Entwicklung von Rap-Songtexten zu Heimat (3), der Recherche nach Begriffen wie nationalistisch, rechtsextrem, patriotisch und konservativ mit dem Ziel diese zu definieren (4), einem Austausch, einem Vergleich und einer Visualisierung der einzelnen Begriffsdefinitionen (5), einer Dokumentenanalyse zum Echo 2013 (6), einer Diskussion über die Frage des Ausschlusses von Frei.Wild vom Echo 2013 (7) und einer Analyse der Diskussion auf Facebook zu einer Definition von den Schüler*innen platzierten Definition von Heimat sowie (8) der Produktion eines Videos, ausgerechnet in Anlehnung an 100 Sekunden Heimat der Konrad Adenauer Stiftung.

Die genannten Methoden sind gängige Werkzeuge der politischen Bildungsarbeit. Selten jedoch werden sie so unsystematisiert in einer Veröffentlichung angeboten. Mir fallen hier folgende Punkte auf: Erstens: wenn die Aufgaben nicht zeitintensiv und individuell reflektiert angeleitet werden, können die Methoden dazu führen, dass sie auch Einstellungen und Meinungen, die am rechten Rand zu verorten sind, verstärken. Zweitens fehlen Methoden, die Aufschluss darüber geben, was gegen extreme Einstellungen und Meinungen im Kontext dieses Themenkomplexes getan werden kann. Drittens fehlen Anregungen zu Strategien, die dazu beitragen, sowohl diejenigen zu stärken, die Heimat mehrperspektivisch beleuchten, also z.B. sozial, kulturell, räumlich und historisch als auch Perspektiven einer multikulturellen Demokratie ohne Nationalstaaten eröffnen wollen (vgl. Oberndörfer, 2006:229 ff). Viertens: die Anregungen enthalten weder Lernziele noch beziehen sie Erfahrungen ein, die in anderen Bildungskontexten bereits zum Thema Heimat gemacht wurden. Selbst für skizzenhafte Projektbeschreibungen, wie sie häufig am Ende von Broschüren oder Handreichungen stehen, ist dies Standard. Fünftens findet sich keine Methode, die Handlungsanweisungen für eine kritische Auseinandersetzung mit solchen Lebenswelten anbietet, in denen Heimat einen der wichtigsten Aspekte ausmacht (vgl. Glaser, 2007: 179ff). Sechstens fehlen Hinweise darauf, wie Identitätskonstruktionen gestärkt werden können, die sich nicht auf eine Dimension – nämlich Heimat – reduzieren lassen wollen (vgl. Radvan, 2009: 59ff). Siebtens werden keine Aussagen darüber getroffen, in welchem Zusammenhang Heimat und Lebenswelten stehen, wenn für die Beteiligten damit biografische Aspekte wie Flucht und Vertreibung verbunden sind. Eine interkulturelle Methode fehlt völlig. Achtens fehlen Reflexionsangebote und Handlungsstrategien für Lehrkräfte hinsichtlich ihrer Argumentation gegen rechte Einstellungen. Sie vermitteln Schüler*innen gegenüber häufig, sie hätten als Lehrende das richtige Wissen (vgl. Radvan, 2009: 114ff) und damit in diesem Fall auch die Beurteilungshoheit über die Einschätzung einer Lieblingsband. Fehlt den Lehrkräften eine weniger emotionale, dafür aber argumentative und dialogische Diskussionsgrundlage für die Auseinandersetzung mit Jugendlichen, die Fans von Grauzonen-Bands sind, so wird eine Sensibilisierung für Diskriminierung eher nicht stattfinden.

Im Zusammenhang der Kritik an der Band im Kontext meiner eigenen Positionierung möchte ich abschließend sagen, dass ich mich als weiße privilegierte Frau mit Jugendlichen und Jugendkulturen beschäftige und u.a. versuche für Mythen der Ungleichwertigkeit zu sensibilisieren. Frei.Wild ist eine Band, die solche Mythen (re-)produziert und gleichzeitig davon profitiert, dass sich auch die Mehrheitsgesellschaft von solchen Mythen nicht distanziert, sie häufig sogar hofiert. In Zeiten, in denen die Angst vor dem sozialen Abstieg zunehmend dazu führt, dass Menschen das Eigene gegenüber vermeintlich „fremden Welten“ zu verteidigen versuchen -z.B. in Form von Islam- bzw. Muslimfeindlichkeit-, ist es umso wichtiger, sich gegen die Herabsetzung von Menschen zu stellen. Eine in diesem Sinne kritische Auseinandersetzung mit Frei.Wild sucht man in Farins Buch leider vergeblich.

Tanja Ehmann

Zine of the Day: Wedgie

Wedgie #1 (ca. 1994)

Wedgie #1 (ca. 1994)

Wedgie bedeutet so viel wie „Hosenzieher“. Es bezeichnet einen Streich, der verschiedene Varianten und Schwierigkeitsgrade kennt, wie hier nachzulesen ist.

Warum sich dieses Fanzine ausgerechnet so genannt hat, weiß ich nicht. Ich kann mich nur daran erinnern, dass die beiden Herausgeber des Hefts, Tom und Marc, großen Spaß dabei hatten, anderen Leuten Wedgies zu verpassen…

Wenn ich mich recht erinnere, bin ich das erste mal auf das Wedgie 1995 bei einem Fanzine-Treffen in Neuss gestoßen, auf dem vor allem Macher_innen von Punk/Hardcore- und Indie-Zines zusammenkamen, um sich kennenzulernen, Konzerte zu besuchen und das eigene Fanzine mit anderen zu tauschen. Jedenfalls lernte ich dort Tom und Marc kennen, die aus Tübingen und Umgebung kamen.

Wedgie #2 (ca. 1994)

Wedgie #2 (ca. 1994)

Das Wedgie stach vor allem durch die Comic-artigen Zeichnungen von Tom hervor, der anstatt Fotos von Konzerten abzudrucken, eben lieber die selbstgemachten Fotos auf Hardcore-Shows mit der Hand abpauste und so einen ganz eigenen Stil schuf. Das Wedgie hatte alle Inhaltsstoffe, die ein gutes Fanzine in dieser Zeit brauchte: Ein paar persönlich gefärbte und politisch angehauchte Reflexionen, einen guten Musikgeschmack und die richtige Portion Humor und Selbstironie. Das Heft hatte mein Herz gleich mit der ersten Ausgabe, die ich in die Hände bekam, im Sturm erobert.

Und wie das damals so üblich war, hielten Marc, Tom und ich auch noch nach dem Fanzine-Treffen in Neuss Kontakt. Wir schrieben uns, trafen uns auf Konzerten, besuchten uns gegenseitig und schließlich entwickelte sich vor allem zu Marc eine richtige Freundschaft. Auf dem zweiten Fanzine-Treffen in Neuss im darauf folgenden Jahr sind wir dann schon zusammen dorthin gefahren und kurz darauf bin ich nach Tübingen gezogen und habe mit ihm meine erste WG gegründet. Wir haben zusammen Konzerte und Veranstaltungen organisiert, waren politisch aktiv und haben viel voneinander gelernt.

Wedgie #3 (1995)

Wedgie #3 (1995)

Das Wedgie erinnert mich daran, wieviele Leute ich damals durch das Fanzine-Machen in ganz Deutschland und sogar darüber hinaus kennengelernt habe. Einige haben eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt und tun es sogar noch heute. Das macht mir wieder einmal klar, welche Bedeutung Fanzines für meine eigene Biografie bis heute haben.

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Hardcore #DIY #Emocore

– Christian (Zine Nerd)

Zine of the Day: La Moustache

La Moustache #1, 2013

La Moustache #1, 2013

La Moustache ist das Zine eines gleichnamigen Kollektivs, das schwerpunktmäßig queer-feministische Konzerte und Veranstaltungen in Berlin organisiert (http://lamoustache.org/). Die (bisher einzige) Ausgabe #1 gefällt mir sowohl stilistisch als auch inhaltlich ausgesprochen gut. Auf 38 Seiten sind überwiegend englischsprachige Texte, Kurzgeschichten und Interviews aus dem Themenspektrum der (queer-feministischen) DIY-Musikszene versammelt. Besonders schön ist der Auszug aus dem Interview-Magazin 13 Questions (www.13-questions.com), bei dem Musiker*innen 13 von 130 möglichen Fragen beantworten und dem Fragenpool jeweils eine neue Frage hinzufügen.

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Queer #DIY #Feminismus

– Julia (Bibliothekarin/JuBri)

Zine of the Day: Her Name is Boxcar

Her Name Is Boxcar #2

Her Name Is Boxcar #2

Her Name Is Boxcar #2 ist ein schönes Zine mit tollem aufgeklebtem Coverfoto zum Thema Skateboard-fahrende Mädchen und Frauen (nur diese Ausgabe). Interviews z. B. mit Suck My Trucks und Sabrina „Puse“ Göggel, Fotostrecken (leider nur in s/w) und Künstler_innenportraits.

http://www.stolensharpierevolution.org/international-zine-month

#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Skateboard #Skategrrrls

– Daniel

Zine of the Day: scripti / buzz

scripti #7

scripti #7

buzz

buzz

Während die seit 1980 erscheinende Spex als vorbildlichin Sachen Poptheorie gilt, erschien ca. zeitgleich in Hagen das Magazin scripti (später buzz).

Die Mischung aus Bandinterviews, Musikanalysen, kunsttheoretischen Abhandlungen und politischen Artikeln bewegt sich auf gleichbleibend hohem Niveau.

Eine Lektüre dieser Hefte zeigt deutlich, dass intellektuelles Vergnügen (Artikel über Surrealismus), Lebensart (Aborte – Begegnungsstätte, Kulturträger oder Kultstätte?) und Genuss (der große Imbissbudentest) sich nicht ausschließen.

In New-Wave-Grafik gesetzt und trotzdem sachlich anmutend und vor allem: lesbar.

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Popkultur #Poptheorie

– Peter Auge Lorenz

Zine of the Day: Dröhnbütel

Dröhnbütel #34 (2015)

Dröhnbütel #34 (2015)

Der Dröhnbütel ist ein Fanzine aus Hamburg. Hierbei dreht es sich insbesondere um Reiseberichte von diversen Fussballtouren quer über den Erdball. Die Schreiberlinge sind allesamt aus der HSV-Fanszene und berichten neben den besuchten Spielen des Hamburger SVs auch diverse andere Kicks aus z.B. Argentinien, Brasilien, Marokko, Serbien, der Türkei, Israel, Usbekistan, Thailand, Japan und Australien. Und das ist nur eine kleine Übersicht der bereisten Länder. Es gibt den Dröhnbütel seit August 2005 und mittlerweile steht man kurz vor der Veröffentlichung der 35ten Ausgabe. Mit diesem Heft sollen Fußballbegeisterte, Groundhopper und andere mehr oder weniger marginale Existenzen erreicht werden, Hauptsache keiner nimmt sich selbst zu ernst!. Es geht in den einzelnen Spielberichten auch gar nicht wirklich um das Geschehen auf dem Fußballplatz sondern eher um das Drumherum auf den Fanrängen und den Randerscheinungen während der An- und Rückfahrt. Die Texte sind meist mit bissigem Hamburger Humor untermalt und sorgen für eine ausgezeichnete Unterhaltung auf Zug, Toilette, oder Zugtoilette. Insgesamt neun ehrenamtliche Redakteure gestalten die Berichte in unterschiedlichen Schreibstilen. Sie tun dies aus Laune und ohne Bezahlung, ihnen gebührt nur der zweifelhafte Ruhm und die Teilhabe von diversen Lesern, wenn mal wieder ein Anschlussflug verpasst wurde, man das Hostelzimmer mit acht müffelnden Backpackern teilen muss, oder sich die Liebschaft aus fernen Ländern am nächsten Morgen doch nicht als das entpuppt, was man sich erhofft hatte.

Ein „Dröhnbütel“ ist auf Plattdeutsch übrigens ein wenig auskunftsfreudiger, etwas dröger Zeitgenosse, wie es ihn im hohen Norden zu Haufe gibt.

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#IZ2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Fußball #Groundhopper #Fußballfans

– Flo

Zine of the Day: Kids in Misery

Kids in Misery #2 (2008)

Kids in Misery #2 (2008)

„wir sind uns darüber bewusst, dass DIY nicht zur abschaffung des kapitalismus führt, eher zu einer süßen kleinen szenenische. Aber es ist einfach zu schön…“

Mit diesen Worten beginnt das Kids in Misery Zine #2. Sehr treffende Worte, wie ich finde. Denn dieses Zine ist wirklich zu schön! Der liebevoll gebastelte Umschlag fällt schon im flüchtigen Vorbeigehen ins Auge (so ist es mir übrigens auch in die Hände gefallen) und trotz teilweise schlecht kopierter Seiten ist es von Innen nicht weniger großartig:
Viele tolle Zeichnungen, Collagen, Gedichte, ein Aufnäher, und alles nicht nur herzallerliebst schön, sondern mindestens genauso kantig: radikal und wütend, nachdenklich und auch ein wenig bedrückend.

Am tollsten finde ich die praktischen „smalltalk-must-die“-Kärtchen zum Weiterverbreiten, die Fragensammlung „schön genug für deine szene?“, die den Anstoß geben kann über die eigene Identitätskonstruktion nachzudenken und den sehr persönlichen Text „helfersyndrom-safari“, eine Reflexion über Erlebnisse des Autors oder der Autorin in Indien.

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Perzine #DIY #Punk #Emo

– Svenja

Zine of the Day: Assassin

Assassin - kassettenorgan #5, 1983

Assassin – kassettenorgan #5, 1983

Assasin – kassettenorgan Nr. 5 aus dem Jahre 1983 ist ein Westberliner Fanzine. Es erschien alle zwei Monate, abwechselnd als Heft und als Audiokassette. Die Reviewschreibe (ODER LIEBER: den Rezensionsstil) mag ich und die Ahnentafel. Bei der Tafel vor allem die Legende, sie besagt u. a. „Notwendigerweise ist diese Ahnentafel Berliner Bands seit dem 13. August 1978 unvollständig“.

Die Hefte 0-3 sind auch online hier einsehbar.

Ahnentafel aus Assassin - kassettenorgan #5, 1983

Ahnentafel aus Assassin – kassettenorgan #5, 1983

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Audiotape #Punk

– Tanja

Zine of the Day: Willkürakt

Willkürakt #16

Willkürakt #16

Der überwiegende Teilder Punk-Fanzines, die zwischen 1977 und 1983 in der BRD veröffentlicht wurden, scheinen sich auf den ersten Blick an bestehenden Musikzeitschriften ihrer Zeit orientiert zu haben. Erst auf den zweiten Blick entpuppen sie sich aber in vielen Fällen als eine ironische Simulation des damaligen Rockjournalismus. Und einige dieser Fanzines erschienen in Formen und Formaten, bei denen sich kaum noch stilistische oder formale Bezüge zu bisherigen Printmedien feststellen ließen.

Das Willkürakt, das um 1980 in Hamburg herausgegeben wurde, war einer dieser medialen Grenzgänger. Kaum eine Ausgabe glich einer anderen. Selbst solche, die in Form und Format klassischen Zeitschriften ähnelten, waren doch immer auf völlig unterschiedliche Weise vervielfältigt und in wechselnden Formaten von DIN A5 bis DIN A3 in einer Auflage von ca. 150 bis 300 Exemplaren veröffentlicht worden.Aber es gab auch Ausgaben von Willkürakt, die eher an Kunst-Objekte als an Printerzeugnisse erinnerten: Ein zusammengefaltetes Blechband, das ursprünglich zur Verpackung von Baustoffen gedient hatte, wurde zum Objet trouvé und ergänzt um einen Zettel mit der Aufschrift „Willkürakt“ zu einer Ausgabe des Fanzines erklärt. Weitere Nummern erschienen als durchsichtiger Plastikhandschuh, in dem kleine, zusammengefaltete Notizzettelchen steckten oder als Plastikteller mit Plastikbesteck und Plastik-Nudeln, abgepackt in einer Plastiktüte. Gerade diese Ausgaben von Willkürakt hatten oft nur Kleinstauflagen von 30-60 Exemplaren und sind heute teuer gehandelte Sammlerstücke.

Inhaltsvezeichnis von Willkürakt #16

Inhaltsvezeichnis von Willkürakt #16

Eine besondere Ausgabe dieses enorm wandlungsfähigen Fanzines ist Willkürakt #16, das sich im Bestand des Archivs der Jugendkulturen befindet. Es erschien in Form einer Schriftrolle, die mit einer Banderole fixiert wurde, auf der das Inhaltsverzeichnis nicht mit Seitenzahlen sondern mit entsprechenden Zentimeter-Angaben gedruckt wurde.

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Punk #Kunstobjekt #DIY

– Christian (Zine Nerd)

Zine of the Day: Erwin – Unabhängiges OFC-Fan-Magazin

Erwin #32, 1998

Erwin #32, 1998

Der Erwin ist ein antirassistisches Fußballfanzine aus Offenbach – benannt nach dem ersten schwarzen Bundesligaspieler Erwin Kostedde – mit Tradition, Humor und Kultstatus. Vermutlich hat kein anderes Fanzine so oft Kinder auf dem Cover (der Ball fehlt selten) und das Tagebuch eines Kickersfans ist eine Meisterleistung des Multiplen-Ich-Erzählstils.

Mehr zum Erwin hier.

„Damals war es schon schlimm, wenn Du sonntags in Jeans herumliefst. Aber ich trug tagaus, tagein die falsche Hautfarbe“ (Erwin Kostedde).

Erinnerungen an einen lebenslangen Kampf gegen den Rassismus hier.

In dem Buch Sitzschale Nr. 15 lebt versammeln Volker Goll vom Fanzine Erwin und Jörg Heinisch vom Fanzine Fan geht vor eine Auswahl der besten Beiträge aus deutschsprachigen Fußball-Fanzines. Mehr dazu hier.

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Fußball #Fan

– Almut (Projektleiterin/JuBri)

Zine of the Day: Schandtat

Schandtat #3, 1983

Schandtat #3, 1983

Wenn man mich fragen würde, welcher Gegenstand die Haltung von Punk am besten repräsentiert, würde ich sagen: Das Schandtat #3 aus Hamburg. Dieses Punk-Fanzine verbindet auf charmante Weise den Dosenbier-Proll-Faktor von Street Punk mit dem Drang nach künstlerisch-publizistischem Ausdruck von Post-Punk. Hier trifft Hirn auf Bauch, DIY auf Art School, Flaschenpost auf Dosenbier, Intellekt auf Stumpfsinn und lässt sich dabei nie eindeutig einer Kategorie zuweisen. Ich gebe zu, ich habe noch keine einzige Zeile in diesem Fanzine gelesen. Brauche ich aber auch gar nicht. Die Verpackung ist schon Botschaft genug: Das Spiel mit der eindeutigen Uneindeutigkeit.

Falls übrigens jemand noch mehr über das Schandtat weiß, so melde sich die Person bitte bei Gelegenheit mal bei mir. Ich würde gerne wissen, ob es sich bei diesem Exemplar um ein Unikat handelt, das wir in unserer Sammlung haben oder ob mehrere Exemplare in dieser Form erschienen sind. Außerdem würde ich gerne wissen, wie Schandtat #1 und #2 eigentlich gestaltet waren…

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Christian (Zine Nerd)

Zine of the Day: Bikini Kill

Bikini Kill #2, 1991

Bikini Kill #2, 1991

Für mich ist das Bikini Kill-Fanzine ein ganz besonderes Riot Grrrl-Fanzine. Ich liebe die gleichnamige Band Bikini Kill einfach bis heute für Songs wie „Rebel Girl“ oder „Suck my left one“ und drei der Bandmitglieder sind auch für dieses Fanzine verantwortlich. Allein deshalb bin ich schon ein Fan dieses Zines. Mir bedeutet dieses Heft aber auch deshalb so viel, weil ich mich als Feministin mit den dort vertretenen Riot Grrrls-Forderungen und –Idealen, nämlich den Feminismus aus den Hörsälen der Universitäten auf die Bühnen in den Clubs zu holen, auch persönlich identifizieren kann.

Neben der Musik waren die Zines das zentrale Kommunikationsmedium zur Vernetzung und zum Austausch der Riot Grrrls untereinander. Auch wenn die Hochphase der Bewegung Anfang der 1990er Jahre in der kleinen nordamerikanischen Stadt Olympia bereits längst vorüber ist, so bleiben die Themen, die im Bikini Kill #2 behandelt werden, bis heute (leider!) aktuell. Das Heft beschäftigt sich auf kritische Weise mit brisanten Themen wie Geschlechterrollen, Homophobie, sexuellem Missbrauch/Belästigung, Vergewaltigung, Fatshaming oder Sexismus in der Musikwelt. Das sind Themen, die sich auch in Zeiten von #aufschrei und antifeministischen Backlashs in den Medien und der Gesellschaft unschöner Kontinuitäten erfreuen. Umso mehr freut es mich, dass bedeutende Riot Grrrls wie Kathleen Hanna und Kathi Wilcox auch heute noch aktiv sind und weiterhin gegen gesellschaftliche Missstände anschreien. Revolution Grrrl Style Now!

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Giuseppina Lettieri

Zine of the Day: Ring of Fire

Ring of Fire #2, 1997

Ring of Fire #2, 1997

Zu diesem Zine namens Ring of Fire mit dem etwas unscheinbar schnoddrig aussehenden Cover habe ich eine ganz besondere Beziehung. Es muss der Sommer im Jahr 2000 oder 2001 gewesen sein, als ich mit einem Freund einen kleinen Trip nach England gemacht habe, da stolperte ich mehr aus Zufall in einem Infoshop in London über dieses kleine Heft. Die Rückseite zog mich gleich in den Bann. Dort war in Großbuchstaben zu lesen: „THIS ZINE PROMOTES QUEER SEX, GENDERFUCK, AND THE ADVANCEMENT OF AMPUTEES EVERYWHERE.“

Noch im Infoshop las ich das Vorwort des Zines von Hellery Homosex und musste erstmal schlucken: „On September 14, 1996 I was trainhopping for the first time with some friends and when I jumped off the train it ran over my legs and they were both amputated below the knee. (…) It’s really a freaky thing to deal with, but I figure the only way to make it through is to be a tough ass bitch.“

Ich kaufte also das offenbar letzte Exemplar dieses Zines und verschlang es regelrecht auf dem Rest der Reise. Hellery schrieb so mitreißend, bewegend, witzig, charmant, offenherzig und schmutzig über Themen wie „cripple sex“, Nagellack, S/M, Traumabewältigung, Phantomschmerzen, Masturbationstechniken und Queerness, durch die ich vollkommen neue Perspektiven kennengelernt habe. Etwas verstörend, aber auch so sympathisch „tough ass bitch“-mäßig ist die „List Of Reasons Why It Sucks To Be An Amputee“, der sie eine „List of Reasons Why It’s Better To Be An Amputee“, auf der z. B. Punkte aufgeführt sind wie „I always have plenty of leg room“ oder „My feet never stink“

Zurück in Deutschland wollte ich das Zine unbedingt in das Programm meines Fanzine-Mailorders aufnehmen. Ich schrieb Hellery einen Brief an die im Heft angegebene Adresse, aber die war bereits nicht mehr aktuell und mein Brief kam nach einigen Wochen mit dem Vermerk „Unbekannt verzogen“ wieder retour.

Ich habe damals lange hin und her überlegt, ob ich das Zine einfach auf eigene Faust nachkopieren und vertreiben soll, habe mich dann aber ganz bewusst dafür entschieden. Ring of Fire #2 war einfach eines der besten Zines, die ich bis dahin gelesen hatte. Und auch bis heute gehört es zu den Top 5 meiner All-Time-Zine-Faves.

Ich habe keine Ahnung, ob es an meiner überschwänglichen Werbung für das Zine lag oder einfach daran, dass Queer Politics und Gender Studies in dieser Zeit einfach brandaktuelle Debatten ausgelöst haben und sich die Leute deshalb so sehr für Ring of Fire interessierten. Jedenfalls verkaufte ich bestimmt an die 100 Kopien des Zines.

Einige Jahre später brachte mir übrigens eine Bekannte ein Exemplar von Ring of Fire #3 von ihrer USA-Reise mit. Auch das war wieder absolut umwerfend. Auch an die in diesem Heft angegebene Post-Adresse schickte ich wieder einen Brief. Und auch diese Adresse war nach zwei Jahren schon wieder veraltet und meine Post wurde ebenfalls wieder an mich zurückgeschickt.

Auch Ring of Fire #3 kopierte ich nach und davon verkaufte ich sicherlich ebenso viele Exemplare wie von der 2. Ausgabe.

Bis heute weiß Hellery Homosex sicherlich nicht, dass sie einen riesen Fan in Europa hat, dem es ein persönliches Anliegen war, ihre Hefte unter die Leute zu bringen. Aber wer weiß, vielleicht treffe ich sie ja in ein paar Jahren doch noch mal durch Zufall irgendwo und dann kann ich ihr hoffentlich eine kleine Geschichte erzählen, die ihr gefällt.

Übrigens: Ring of Fire #2 und #3 sowie weitere Veröffentlichungen von Hellery Homosex, die sich jetzt auch ET Russian nennt, erschienen letztes Jahr als Anthologie bei Left Bank Books. Die Paperback-Ausgabe kann hier bestellt werden.

Die Anschaffung lohnt sich mit Sicherheit!

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Queer #Amputee

Christian (Zine Nerd)

Zine of the Day: Wer A sagt, muss nicht B sagen

Wer A sagt

Wer A sagt, muss nicht B sagen #3, 2014

Das Zine Wer A sagt, muss nicht B sagen ist ein „sexpositives Zine über A_sexualität“. Darin findet sich viel lesenswertes zu Sexualität und Asexualität, Freundschaft und Liebe, das viele unserer oft sehr schematischen Vorstellungen von all diesen Dingen hinterfragt und Raum für neue Perspektiven schafft.

Das Blog zum Zine: asexyqueer.blogsport.de

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen

Daniel Schneider