Generation Ego

Bernhard Heinzlmaier & Philipp Ikrath
Generation Ego – Die Werte der Jugend im 21. Jahrhundert
Promedia 2013
208 Seiten
17,90 €

Der andauernden Diskussion über den Werteverfall der Jugend, ihre Politikverdrossenheit und ihren übertriebenen Egoismus wird mit diesem Buch eine wissenschaftlich fundierte und umfassende Argumentationsgrundlage gegenübergestellt. Die beiden österreichischen Autoren bedienen sich dabei soziologischer Theorien, philosophischer und psychologischer Ansätze sowie der Analyse geschichtlicher Entwicklungen, um nicht nur den tatsächlichen Ist-Zustand abseits der medialen Aufschreie zu beschreiben, sondern auch um herzuleiten, wie es zu der aktuellen Situation kommen konnte. Unter Zuhilfenahme aktueller wissenschaftlicher Studien sowie Klassiker der Theorie wie Marx, Weber, Mead, Bourdieu oder Elias (um nur einige zu nennen) wird so ein kompetentes Bild der jugendlichen Gegenwart gezeichnet, welches sich trotz der Orientierung auf österreichische Jugendliche gleichwohl auch auf die Situation in Deutschland, wenn nicht sogar in Teilen auf ganz Westeuropa beziehen lässt.

Das Buch beginnt mit einer Erläuterung des  Phänomens Jugend, ihres Stellenwerts in der Gesellschaft sowie mit der Entwicklung und Bedeutung von Werten. Jugend ist dabei ein dehnbarer Begriff und wird im Folgenden sowohl für die klassische Jugend der Teens als auch für die Generation der jungen Erwachsenen gebraucht. In Kapitel 2 geben die Autoren eine Einführung in die jugendliche Alltagskultur und den gegenwärtigen Trend zur Individualisierung, welcher vor allem geschichtlich nachvollzogen wird. Es folgt eine Skizzierung der Gegenwart, in welcher dargelegt wird, wie Medien, Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und gesellschaftliche Bedingungen der Beschleunigung sowie der Marktwirtschaft auf die Jugendlichen und jungen Erwachsenen einwirken und ihre moralischen Auffassungen, ihre religiösen Orientierungen sowie ihre Werteorientierungen beeinflussen. Eine umfassende Diskussion über politische Partizipation und Wahrnehmung, eine veränderten Protestkultur und die zunehmende Differenzierung der großen politischen Strömungen umfasst Kapitel 5. Anschließend bearbeiten die Autoren den großen Komplex Bildung, Ausbildung und Arbeitswelt und beschreiben, wie sich die Auffassungen von Arbeit und Freizeit verändern und welche Auswirkungen das neue Dogma des lebenslangen Lernens auf die Arbeitsmarktsituation der Jugend hat. Insbesondere dem Einfluss des Marktes  wird hier umfassend Rechnung getragen. Zudem wird die Rolle des Internets dargelegt, welche den Stellenwert des Egos und der Selbstdarstellung betont und damit die Individualisierung vorantreibt. Doch auch dem Phänomen der digitalen Gemeinschaft und der sozialen Netzwerke wird auf den Grund gegangen. Im abschließenden Kapitel wagen die Autoren einen vorsichtigen Blick in eine mögliche Zukunft, welcher momentane Entwicklungen weiterspinnt und stellenweise als Warnung gelesen werden kann.

Leser_innen zwischen 20 und 35 werden bei der Lektüre sicher oft ihre eigene arbeitsmarktunsichere und strukturell instabile Situation wiedererkennen und zumindest dahingehend getröstet werden, mit diesen Problemen nicht alleine dazustehen, sondern einer systematischen und scheinbar unaufhaltsamen gesellschaftlichen Entwicklung ausgeliefert zu sein. Jüngere Leser_innen werden vor der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung gewarnt und können das Buch als Offenlegung ihrer Handlungsoptionen und –grenzen begreifen. Ältere Leser_innen werden demgegenüber erkennen müssen, dass alles Schimpfen über die heutige Jugend nichts nützt: die Vorherrschaft von Kapitalismus und Marktwirtschaft wurde durch die Lebensweise ihrer Generation weiter vorangetrieben, wobei die Konsequenzen nun von der Jugend getragen werden müssen. Zudem wird ihnen klar werden, dass sie viele Phänomene durch die Allgegenwärtigkeit der neuen Medien und der veränderten Lebensorganisation nicht mehr begreifen können und gut daran täten, die Jugend nicht von Vornherein zu verurteilen. Mit der Lektüre dieses Buches zweier kompetenter Jugendkulturforscher hätten sie jedoch eine große Chance auf Verständnis und Toleranz gegenüber der alltäglichen Realität der nachwachsenden Generation.

Ute Groschoff

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Das Graffiti-Team unterwegs

Aktuelle Informationen zu den Aktivitäten des Graffitiarchivs im Archiv der Jugendkulturen finden Sie hier: www.graffitiarchiv.org und hier: www.facebook.com/graffitiarchiv

Spass am Widerstand

Paul Willis
Spaß am Widerstand – Learning to Labour
Argument 2013
312 Seiten
18 €

Der Klassiker der Cultural-Studies-Forschung von 1977 in einer Neuauflage mit einem aktuellen Vorwort von Albert Scherr. Willis erforschte damals mit Interviews, Gruppendiskussionen, teilnehmenden Beobachtungen und vertiefenden Fallstudien die letzten zwei Schuljahre und ersten Monate im Job von Arbeiterjungen. Entstanden ist nicht nur ein Lehrbeispiel für die Jugendkulturforschung, sondern auch eine Ethnografie der Schule, die bis heute Ungleichheiten reproduziert und mit dem widerständigen „destruktiven“ Oppositionsverhalten von „bildungsfernen“ Jugendlichen, wie es ja heute heißt, nicht umgehen kann.

Klaus Farin

Queer?! – ein schräges Fremdwort

Was ist eigentlich queer? Kann ein Mensch „queer sein“ und wenn ja, dann wie? Und was soll das Ganze überhaupt? Im Deutschen erinnert es bestenfalls an quer, was weder sonderlich negativ noch positiv besetzt ist, ein bisschen sperrig vielleicht, aber nicht weiter schlimm.
Queer ist ein Modebegriff, ein Schlagwort, eins dieser unzähligen Anglizismen, von denen kaum jemand zu wissen scheint, was konkret dahinter steckt. Queer macht es uns aber auch besonders schwer. Denn es verweigert sich einer klaren Definition. Was fangen wir also damit an?
Eins schon mal vorneweg: Um der sprachliche Monstrosität LSBTI… zu entgehen, die so unaussprechlich wie verzweifelt um politische Korrektheit bemüht ist, wird queer im Deutschen immer häufiger als eine Art Platzhalter eingesetzt, für lesbisch, schwul, bi-, trans-, intersexuell, neuerdings auch ein A für die Asexuellen, die vielleicht überhaupt nichts mit Sex zu tun haben wollen, ein P für die polyamore Fraktion, für die Zweierbeziehungen kaum attraktiv sind, oder ein K für jene aus dem „kinky“ Spektrum, sprich: SM- und Fetisch-Bereich. Aber letztlich geht es gar nicht um das Aufzählen der 43 046 721 unterschiedlichen Sexualtypen, wie sie Magnus Hirschfeld zu Beginn des 20. Jahrhunderts errechnet hat, als vielmehr darum, einen Begriff zu finden für all diejenigen, die sich den normierenden Zwängen unserer Gesellschaft – in diesem Fall der heterosexuellen Matrix – nicht einfügen können oder wollen.
Sich den normativen gesellschaftlichen Zwängen entziehen? Das klingt doch vertraut für alle, die sich mit Jugendkulturen und Subkulturen jeglicher Art beschäftigen. Aber dazu kommen wir später noch. Zuerst stellt sich die Frage, wo der Begriff queer sprachlich und kulturell hergekommen ist. Queer war nämlich ursprünglich eine nicht gerade freundliche Bezeichnung aus dem englischen bzw. amerikanischen Sprachraum.
Schimpfwörter umzudrehen und als Selbstbezeichnung zum identitätstragenden Kampfbegriff zu erheben – das funktioniert gelegentlich im Englischen, so geschehen mit „Punk“ als Subkultur oder dem „Slut-Walk“ als Protestform. Im Deutschen war das bislang weniger erfolgreich. Würde hier eine sagen, dass sie zum „Schlampenspaziergang“ geht? Oder sich ein Irokesenträger stolz als „Quatsch“ bezeichnen? Ebenso hat der Begriff „schwul“ eine eher zwiespältige Karriere hinter sich – bis in die 1990er Jahre außerhalb von Bewegungskontexten eher diskret geflüstert, ist er seit der letzten Entkriminalisierung (männlicher) Homosexualität im Jahr 1994 zwar alltäglich geworden, zugleich aber auch immer weiter in dem alltäglichen Beleidigungskanon von Jugendlichen, ja selbst von Grundschülern aufgestiegen.
Mit „queer“ ist das etwas anderes. Befragen wir leo.org, erhalten wir für „queer“ als Adjektiv „eigenartig, komisch, seltsam, sonderbar“, danach noch „suspekt, verdächtig, verrückt, verschroben, wunderlich, zweifelhaft“ und mittlerweile auch, jedoch erst an 11. Stelle: „homosexuell“. Als Substantiv, allerdings mit der Notiz „slang“, bekommen wir immerhin umgehend die simple Übersetzung „der Schwule“ oder „die Tunte“. Da wir Online-Übersetzungen aber nie so ganz trauen, können wir queer auch noch googeln – und werden dann gleich mit hochkomplexen Ergebnissen erschlagen, mit Queer Theory und Queer Studies, Feminismus und Dekonstruktivismus, Teresa die Lauretis und Judith Butler. Und eben mit der Feststellung, dass der Begriff „queer“ so offen ist, dass er sich im Grunde genommen jeder Definition verweigert.
Wie lässt sich „queer“ also erklären? Um mit einem kurzen Blick in die Bewegungsgeschichte zu beginnen: Die Gay Liberation, also die Schwulenbewegung der 1960/70er Jahre, wurde ebenso wie die damalige lesbisch-feministische Bewegung dahingehend kritisiert, sie würden nur für „ihre Leute“ kämpfen, also wieder die eine oder andere Art von „Wir“-Kategorie bilden und andere Menschen, wie Transidente oder Bisexuelle, ausgrenzen. Also im Prinzip demselben Mechanismus folgen, mit dem der heterosexuelle Mainstream nonkonforme Menschen degradiert. Zudem würden „Nebenwidersprüche“, wie der auch in Bewegungskontexten existierende Rassismus oder Antisemitismus, ausgeblendet. Genau hier setzt die Queer Theory an und bringt dekonstruktivistische Denkansätze ins Spiel: Wenn wir uns scheinbar grundlegenden, angeblich natürlichen Kategorien wie „Frau/Mann“, „homosexuell/heterosexuell“, „schwarz/weiß“ verweigern, diese als sozial oder kulturell konstruiert und damit als künstlich entlarven (und das bestätigen all die transidenten, intersexuellen oder bisexuellen Menschen jeglicher Hautfarbe), dann brauchen wir dafür auch einen neuen Begriff: Hallo, queer.
Das könnte alles ganz einfach und entspannt sein, ist es aber für die meisten Menschen nicht, da sie gewohnt sind, in Kategorien zu denken und damit eine Sicherheit in der Wahrnehmung ihrer Umwelt zu erhalten. Nur so als Beispiel: Küssen sich zwei langhaarige Menschen in Kleidchen und Stöckel auf offener Straße, so löst das bei manch einem heterosexuellen Mann vielleicht noch erotische „Flotter-Dreier“-Fantasien aus, solange er die beiden für Frauen hält. Stellen sich die zwei Küssenden jedoch als Männer in Drag heraus, möchte der Hetero schon nicht mehr so gerne in der Mitte liegen. Sind es aber womöglich zwei Transsexuelle, sind die dann jetzt schwul oder lesbisch? Stöckelt einer dieser beiden Menschen später nach Hause zu Frau und Kind, ist es dann doch ein bisexueller, polygamer Transvestit oder gar eine untreue Femme mit per Bechermethode gezeugtem Kind und toleranter Partnerin? Und sollte diese dann Hosen und Kurzhaarschnitt tragen? Und, für den Vertreter der hegemonialen Männlichkeit vielleicht am allerschlimmsten: Wie kommt das Kind damit zurecht? Das womöglich aufgrund der Samenspende eines hilfsbereiten schwarzen schwulen Freundes auch noch eine dunklere Hautfarbe hat? Oder hat sich bei der oben beschriebenen Szenerie jemand eine_n der Küssenden als schwarz vorgestellt? Und überlegt, dass dann noch mal ganz andere normative Maßstäbe angelegt werden? Wäre der Mainstream queer, wäre das alles nicht weiter hinterfragenswürdig: Sollen sich doch alle lieben, wie sie wollen.
Wer sich jetzt zurücklehnt mit dem Gedanken: „DAS ist doch alles total konstruiert! Flirten jetzt schwarze Transen mit weißen Skinheads oder wie? Das gibt es doch alles gar nicht, das hab ich ja noch nie gesehen?“ Doch, natürlich gibt es das. Auch außerhalb der CSD-Paraden, dann aber vielleicht eher nicht auf offener Straße, weil die Reaktionen von stumpfem Anstarren über dumme Sprüche bis hin zu handfester Gewalt praktisch schon vorprogrammiert sind. In unserer „westlichen“ Gesellschaft (und nicht nur in dieser) ist schnell die Kategorie „unnormal“ oder „krank“ zur Hand, um Unbekanntes in stigmatisierender und diskriminierender Weise abzufertigen.
Also treffen sich Queers in ihrer eigenen Subkultur, so wie Punks beim Slime-Konzert oder Skinheads beim Ska-Nighter? Ganz so einfach, sorgfältig getrennt und kategorisierbar ist das wieder nicht – sonst hätten Subkulturforschende auch nichts mehr zu forschen.
Die Idee von einer queeren Subkultur ist eine Konstruktion, die auf den ersten Blick nicht viel mit altbekannten Subkulturformationen zu hat. Queere Menschen haben nicht unbedingt einen durchgängig erkennbaren Kleidungsstil, einheitlichen Musikgeschmack oder gemeinsamen sozialen Hintergrund. Es handelt sich auch nicht um eine klassische Jugendkultur, wenngleich die Präsenz in der Öffentlichkeit – sei es auf dem CSD oder im Nachtleben – häufig von Menschen bestimmt wird, die relativ jung sind oder zumindest versuchen, jugendlich zu wirken.
Es existiert also keine singuläre und uniforme queere Subkultur. Stattdessen gibt es zahlreiche und vielfältige queere Szenen, die sich vor allem in größeren Städten konzentrieren. Sie bewegen sich im Umfeld von Veranstaltungen und Orten, von denen manche auch widerständigen politischen Ansätzen verpflichtet sind, und können dann als alternativ oder subversiv bezeichnet werden. Oft gehen sie aber auch mit den Normen und Werten der Mainstream-Kultur konform, und so kann ein homosexueller Szene-Lebensstil auch mit einer neoliberalen oder konservativen politischen Grundeinstellung vereinbar sein.
Aber ganz abgesehen davon, dass die queeren Szenen so vielfältig sind wie die Geschlechter und Orientierungen ihrer Vertreter_innen, kommt es auch zu Überschneidungen, mit denen auf Anhieb vielleicht nicht zu rechnen war. Postsubkulturelle Ansätze berücksichtigen unter dem Stichwort „Lifestyle“ oder „Szene“ eher die fließenden Übergänge und flexiblen Identitäten der queeren Gruppierungen, ohne eine Subkulturzugehörigkeit als oberflächlich oder beliebig abzuwerten. Idee und Begriff von Subkultur sind damit jedoch nicht ganz hinfällig. Deren bisher begrenzter Rahmen kann weniger eng gefasst werden, und so lässt sich Subkultur in erweiterter Form auch mit Szene oder Bewegung gleichsetzen.
In der Abkehr vom alten, starren Subkulturmodell und ganz besonders im Hinblick auf Gender und sexuelle Identität kann dieses zeitgemäßere Modell zudem unter dem Aspekt der Performativität, wie ihn Judith Butler eingeführt hat, betrachtet werden. Demnach sind alle – auch subkulturelle – Identitäten zutiefst instabil, und die Parodie dient als Mittel zur Unterwanderung vermeintlich stabiler Strukturen, wie die Beispiele des Gay Skinhead als hypermaskuline und der Lipstick Lesbian als hyperfeminine Parodie heterosexueller Stile zeigen. Diesem Denkansatz folgend stehen subkulturelle Identitäten nicht in vorgefertigter Form zur Verfügung, sondern sind als Konstruktionen zu betrachten, die durch stete Wiederholung alltäglicher Handlungen immer wieder reproduziert werden.
Wenn Subkulturzugehörigkeiten heute nicht mehr als voneinander abgegrenzt angesehen werden können, sondern als fließend und untereinander kompatibel, dann ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass sich der Gay Skinhead und die Lipstick Lesbian zum Beispiel auf einem Ska-Konzert treffen, ohne deplatziert oder gar verfeindet zu wirken. Abgesehen vom gemeinsamen Musikgeschmack – wer jemals im TV-Vorabendprogramm durch Kochshows gezappt hat, kennt diesen eingängigen Musikstil, er wird am häufigsten als Hintergrundbeschallung eingesetzt – können beide, auch in Bezug auf Stil und Konsumverhalten, nicht als widerständig in Bezug auf die dominante Kultur bezeichnet werden. So kann die Schuhsammlung eines Gay Skinhead vom Umfang her schon mal mit der einer Lipstick Lesbian mithalten. Ebenso wird die erwartete Abgrenzung zum anderen subkulturellen oder zum dominantkulturellen Stil nicht erfüllt, was die Auswahl der Marken und Modelle angeht. Beider Schuhschränke enthalten ganz ähnliche Produkte von Modemarken, die sowohl im Mainstream als auch subkulturell anerkannt sind – schicke Doc Martens-Stiefel für das Konzert, sportliche Chucks für die restliche Freizeit und die bequemen trendy Birkenstöcker für die Entspannung zu Hause.
Trotz aller Begeisterung für Musikkonsum und Shopping können sich queere Szenen auch als politische Gegenkulturen erweisen. In postsubkulturellen Ansätzen erscheinen Szenen zwar oft als hedonistisch und apolitisch, allein in der offenen und konsequenten Widerständigkeit zur heterosexuellen Matrix des Mainstream liegt bei Angehörigen queerer Szenen jedoch bereits genug politischer Sprengstoff. Es ist also legitim, queere Szenen als Formen von Subkultur zu betrachten, auch wenn die Ebene des Widerstands sich nicht in erster Linie auf die Kategorien Musik, Kleidung oder Klasse, sondern auf die der Geschlechtszugehörigkeit bzw. der sexuellen Orientierung bezieht. Und genau darin liegt die Herausforderung, der sich nicht-queere Menschen stellen müssen: Wer queer verstehen will, muss Uneindeutigkeit aushalten können.

Gabriele Vogel

Mit Schmackes!

Dennis Rebmann & Philip Stratmann
Mit Schmackes! – Punk im Ruhrgebiet
Henselowsky Boschmann 2013
269 Seiten
18,90 €

Ich erinnere mich sehr gut, wie mir das Ruhrgebiet Mitte der 1990er-Jahre als das Mekka des Punkrocks galt. Selbst aktiv in die Fanzine- und Tape-Tausch-Szene involviert, erschien es mir unglaublich, wie viele Fanzines, Labels, Bands und Radiosendungen es seinerzeit im Ruhrgebiet gab, und ich stellte mir vor, wie sich die Szene bei den zahlreichen Konzerten zu „Familien-Treffen“ versammelte. Es mag schon sein, dass das eher eine PunkROCK-Szene war, also eine, die den musikalischen Aspekt von Punk betonte, und dass die Politik eher an den Rand geriet. Dennoch: In jener Zeit betrachtete ich das Ruhrgebiet als die entscheidende Punkrock-Hochburg in Deutschland.

Die Zeit der 1990er und 2000er Jahre rückt das vorliegende Buch, das nach Selbstauskunft durch den Band Kumpels in Kutten – Heavy Metal im Ruhrgebiet angeregt wurde, in den Vordergrund. Als Grund dafür wird genannt, der Fokus werde auf die bis heute noch aktive Szene gelegt. Die späten 1970er Jahre bleiben fast ganz ausgespart (hierüber würde sich sicher ein eigenes Buch lohnen), über die 1980er Jahre erfährt man einiges im interessanten Überblicksartikel von Helge Schreiber (ein Name, der für Qualität steht) und im Interview mit einem frühen Aktivisten der Zeche Carl in Essen sowie in Stories über die Upright Citizens und die Vorgruppe.

Gegliedert nach Themen reihen sich Interviews und Artikel aneinander, immer wieder bebildert mit ausgesuchten dokumentierten Flyern und in aller Regel qualitativ hochwertigen Fotos sowie veranschaulicht durch Songtexte. Thematisiert werden dabei unter anderem Bands (Lokalmatadore, Kassierer und Eisenpimmel bilden dabei einen gewissen Schwerpunkt, aber es werden auch zahlreiche andere zumindest kurz vorgestellt), Labels (u. a. Dirty Faces, Impact, People Like You Records), Fanzines (u. a. Ox, Plastic Bomb, Scumfuck, Moloko Plus), Konzertorte (u. a. Druckluft Oberhausen, Zwischenfall Bochum, AZ Mülheim), Festivals und Plattenläden (u. a. Idiots Records und New Liveshark). Bemerkenswert auch der „Blick von außen“ auf die Bedeutung von Punk im Ruhrgebiet aus der Perspektive von Rüdiger Thomas aus Düsseldorf und Schlaffke Wolff aus Haminkeln am Niederrhein.

Das Buch überzeugte mich vom ersten Blättern an und war mir sofort sympathisch. Rein inhaltlich könnte es auch ein gut gemachtes Fanzine sein, mit seiner Themenwahl und auch der Vielseitigkeit der Äußerungen und Meinungen. Auch kommt es stilistisch angenehm unakademisch, vielmehr erzählend daher. In der Form eines (bunt) gedruckten Buches entfalten dann aber die Übersichtlichkeit und vor allem der sehr gute Druck insbesondere bei Fotos und Abbildungen eine zusätzliche Qualität.

Es fällt auf, dass die befragten Protagonisten weitgehend sich selbst darstellen und eigentlich sagen können, was sie wollen, ohne dass das Gesagte groß hinterfragt wird. Das ist der einzige kleine Schwachpunkt dieses Buches, denn an manchen Stellen wäre ein bisschen „Quer-Bürsten“, also ein kritisches Nachfragen durchaus angebracht gewesen. Denn natürlich stellt sich die Frage, inwieweit das Ox noch ein Fanzine ist, und inwieweit ein normales Musik-Magazin. Auch beim Interview mit Impact Records hätte mehr thematisiert werden können, warum dieser Mailorder in manchen aktiven Szene-Kreisen nicht für voll genommen wurde. Dieser kritische Blick fehlt. Das schmälert aber nicht wirklich den rundum positiven Gesamteindruck dieses feinen Buches.

„Punkrock und Ruhrgebiet – wie passt das zusammen?“ ist eine der Fragen, die sich durch das ganze Buch ziehen. Neben aller Erdigkeit und Urbanität erscheint mir „Fünfe gerade sein zu lassen“ eine Maxime zu sein, die für Punkrock und auch die Menschen im Ruhrgebiet, wie sie von den einschlägigen Bands besungen werden, wichtig ist. In diesem Sinne: Nieder mit den Betreibern des neoliberal gefärbten Strukturwandels, die das Ruhrgebiet aufhübschen wollen („All das, was Stadtplaner, Werbefachleute und andere stets als Problem betrachten, wird in den hier vorgestellten Texten explizit positiv verstanden und soll gefälligst auch so bleiben.“ S. 265) – und hoch die Punkrock- und Ruhrpott-Fahne!

Andreas Kuttner

Leck mich am Leben

Frank Willmann (Hrsg.)
Leck mich am Leben – Punk im Osten
Neues Leben 2012
272 Seiten
19,95 €

Braucht es ein weiteres Buch über Punk in der DDR? Diese Frage stellte ich mir, als ich von diesem Buch-Projekt erfuhr. Mit Wir wollen immer artig sein, Auch im Osten trägt man Westen, Punk in der DDR: Too much future? sowie dem 2011 erschienenen Macht aus dem Staat Gurkensalat liegen vier hervorragende und – wie man meinen sollte – erschöpfende Bücher über diesen Themenbereich vor.
Aufhorchen lässt allerdings der Herausgeber. Frank Willmann ist auf jeden Fall einer vom Fach, der in der Vergangenheit bereits – zusammen mit Anne Hahn – ein Buch über den Sänger der sicher herausragendsten DDR-Punk-Band Schleimkeim veröffentlichte und sich auch sonst eingehend mit Subkulturen der DDR (u. a. Fußball-Fans) publizistisch beschäftigte. Weiterhin einen guten ersten Eindruck hinterließen die gelungene Umschlaggestaltung und auch die abgebildeten, bisher zumeist unbekannten Fotos. Frank Willmann gelang es auch, Autorinnen und Autoren zu gewinnen, die sich bereits um die Geschichtsschreibung zu Punk in der DDR einen Namen gemacht haben: Zu nennen sind dabei u. a. Ronald Galenza und Heinz Havemeister, Matthias Baader Holst, Anne Hahn, Henrick Gericke, Dirk Teschner, Bert Papenfuß und Dirk Moldt. Dazu kommt, aus der West-Perspektive, Jan Off.

Aber auch wenn diese Namen „Leck mich am LEben“ adeln, so bringen ihre Artikel letztendlich nichts wirklich Neues. Sicher gibt es auch Lichtblicke in diesem Buch, wie Veit Pätzungs Schilderung aus Sachsen „Moses und The Fickschnitzels“, die Anekdoten-Sammlung „Bankerte“ von Montezuma Sauerbier und persönliche Nachrufe von Frank Willmann und Dirk Moldt. Die reinen Erlebnisgeschichten hat man allerdings schon zu oft in der einen oder anderen Form gelesen. Und es stört nicht einmal groß, dass der (eigentlich ja essentielle!) Themen-Bereich „Sicherheitsorgane“-Repressionen-Gefängnis nur am Rande vorkommt, denn: Man kennt ihn einfach! Und wahrscheinlich sollte man sich einfach damit abfinden, dass die etwas mehr als ein Dutzend Jahre, in denen es Punk in der DDR gab, irgendwann ausgereizt sind und es dazu nichts mehr zu sagen gibt, das nicht schon gesagt wurde.

Hervorragend ist allerdings der sehr gut abrundende Artikel von Anne Hahn am Ende des Buches, der den Forschungsstand zu Punk in der DDR zusammenfasst. Und da blitzt dann auch doch noch ein Thema auf, das bisher unterrepräsentiert scheint: und zwar Punk in der untergehenden und untergegangenen DDR 1989-90. Inwiefern waren Punks an der friedlichen Revolution beteiligt? Wie veränderte sich ihr Leben mit der Öffnung der Grenzen und mit dem Machtverfall der bisherigen Machthaber? Inwiefern taten sich neue Freiräume, aber auch neue Gegner auf? Begrüßten sie „den Westen“, den neuen Staat? Es gibt einzelne Aussagen zu diesen Themen, die aber noch nicht zu einer Gesamtuntersuchung gebündelt wurden. Es besteht also doch noch Forschungsbedarf. Leck mich am LEben begnügt sich leider damit, ein neuer Aufguss von längst Bekanntem zu sein.

Andreas Kuttner

(Diese Rezension erschien erstmals in TRUST Nr. 158, Februar 2013)

Nirgendwohin. Irgendwohin.

Anja Tuckermann
Nirgendwohin. Irgendwohin. Erzählungen
KLAK Verlag 2013
190 Seiten
12,90 €

Anja Tuckermann erzählt in 22 Geschichten von jungen Erwachsenen in Städten, von Gefahren, Abenteuern, Auswegen, Glück. Von jungen Menschen, die ihren Weg finden. Ihr Alleinsein, ihre Suche und das Zusammenfinden. Von Zweien, die sich nur von ihren Balkonen über die Berliner Mauer hinweg gesehen hatten. Von einem Liebespaar, das nach dem Mauerfall erstmals zusammen sein kann, ohne auf die Uhr zu achten. Über Weihnachten im Mieterkeller. Über den Hunger nach Leben.

Klaus Farin

Slime

Daniel Ryser
Slime – Deutschland muss sterben
Heyne 2013
288 Seiten
19,90 €

Eine Band-Biographie über Slime? Für Fans ein Muss, sollte man meinen. Der spontane Eindruck beim ersten Durchblättern war jedoch gleich etwas enttäuschend. Es ist sehr groß geschrieben, enthält wenige Abbildungen und in der Band-Diskographie sind nicht alle Scheiben mit Cover abgebildet.

Dennoch habe ich es natürlich gelesen. Der Text erinnert an einen Spiegel-Artikel: Er ist faktenreich, journalistisch gut aufgearbeitet und sehr gut lesbar verfasst. Weitgehend chronologisch arbeitet der Autor, ein Journalist aus St. Gallen in der Schweiz, Jahrgang 1979, die ebenfalls 1979 beginnende Band-Geschichte von Slime auf. Er stützt sich dabei vor allem auf nachträglich getätigte Aussagen der (ehemaligen oder immer noch aktiven) Band-Mitglieder sowie von Menschen, die im Laufe ihres Lebens mit Slime in Berührung gekommen waren. Und es ist durchaus reizvoll, Beobachtungen von Musikern wie Schorsch Kamerun, Rocko Schamoni, Jan Delay und zahlreichen anderen zu hören: prominente Musiker, die man nicht automatisch mit Slime in Verbindung gebracht hätte.

Weiterhin interessant ist der Hintergrund zum „Deutschland muss sterben“-Text. Dieser spielt auf das Kriegerdenkmal aus der Nazizeit an, das immer noch in Hamburg steht, obwohl es nach dem Krieg eigentlich hätte geschleift werden sollen. Ebenfalls spannend natürlich die Geschichten zum frühen Punk in Hamburg, der Hamburger Hafenstraße und zum FC St. Pauli: alles Entwicklungen im direkten Umfeld von Slime. Und die Band-Entwicklungsgeschichte selbst: die Ur-Besetzung (zu der weder Dirk Jura noch Stephan Mahler gehörten), die Umbesetzungen, die Indizierungen und darauf folgenden (Selbst-) Zensierungen, der Kommerz-Vorwurf (thematisiert mit dem Album Alle gegen Alle), Hintergründe zur ersten Auflösung 1984 und der legendären „Ansage“ zum Konzert in Berlin/Pankehallen 1984: Mit dieser war also eine Gruppe Nazis gemeint, die sich eingeschlichen hatte. Die Reunion 1992 mit den beiden LPs Viva La Muerte und Schweineherbst und der erneute Split danach. Die erneute Reunion-Tour 2010, bis zur neuen LP mit Texten von Erich Mühsam. Diese Erzählungen bringen interessante Hintergründe zutage, und die Lektüre lässt einen neu überlegen, für was die Band stand.

Daniel Ryser hat die geführten Interviews in einer ansprechenden Form zusammengetragen. Deutlich wird jedoch eine spürbare Distanz zur Band und zu ihrem Umfeld, er dürfte sich keineswegs als Punk oder Linksradikaler begreifen. Ein Satz von ihm mag das auf den Punkt bringen: „Es gibt ein Konzept, man kann es bürgerlich nennen oder einfach nur vernünftig: zuerst eine Ausbildung abschließen und sich dann ordentlich austoben. Dieses Konzept hatte Dirk nicht verinnerlicht.“ (S. 23)

Letztendlich bleibt eine Schwäche des Buches, dass ein außenstehender, deutlich jüngerer Autor die Band-Geschichte von Slime zu schreiben versucht. Es ist nicht zu spüren, dass der Autor ein Gefühl für die Bedeutung der Band in der Punk- sowie der linksradikalen Szene und für die Umstände der Zeit hat. Er schreibt seinen Text aus heutiger Sicht und mit heutigen (bürgerlichen?) Wertungen.

Dieser Blick von außen gibt ihm natürlich auch etwas Besonderes. Interessant sind unter anderem seine Charakterisierungen der Band-Mitglieder (u. a. Dirk Jura als das proletarische Element der Band und Elf als der ewige Rock’n’Roller – schlechter kommt der als unbeständig und selbstherrlich charakterisierte Stephan Mahler weg). Dennoch hätte man sich als Fan einen Band-Biographen gewünscht, der näher an der Zeit und mehr Teil des Geschehens war.

Rein punkhistorisch wäre es auch interessant gewesen, der Frage nachzugehen, wie Slime ihre besondere Stellung in der Punk-Szene erreichen konnte, es gab um 1982 (DER klassischen Deutschpunk-Ära) viele weitere Bands mit radikalen, eindeutigen Texten: Warum wurden Slime bedeutender als Toxoplasma oder Canal Terror? Auch bleibt die direkte Nachfolgeband von Slime, Targets, völlig unerwähnt.

Vor allem auch formal hätte dem Buch eine gute Prise mehr Punk-Spirit gut getan. In den letzten Jahren boomte die Punk-Rückblicksliteratur, deren herausragende Exemplare gerade dadurch bestechen, dass sie Originaldokumente wie Zeitungs- und Fanzineartikel, Flyer, Poster u. ä. dokumentieren. Dies alles fehlt schlicht. Bei genauer Betrachtung fallen auch in der Diskographie schwerwiegende Lücken auf.

So bleibt der Eindruck, dass das Buch etwas schnellfertig abgeschlossen wurde. Die Band (außer Stephan Mahler) scheint mit dem Buch aber zufrieden zu sein, schließlich tourte sie im April mit dem Autor und führte eine Lesereise incl. Akkustik-Set durch. Vorgelesen (übrigens in einem durchaus passenden, da Distanziertheit ausdrückenden, monotonen, aber forschen Ton) entwickeln manche Anekdoten doch einen neuen Reiz.

Im Ganzen bleibt jedoch der Eindruck, es wäre deutlich mehr drin gewesen, bei einer Biographie über die bis heute wichtigste deutsche Punk-Band. Insbesondere stört mich weiterhin die recht lieblose Aufmachung. Und vielleicht ist da in einer eventuellen Neuauflage mehr möglich.

Andreas Kuttner

Streetart in Germany

Timo Schaal
Streetart in Germany
Riva Verlag 2013
192 Seiten
14,99 €

Eine besonders interessante Veröffentlichung stellt Streetart in Germany dar. Während viele die These vertreten, dass das Internet mit seinen Blogs & Foren und bildlichen Darstellungen zum Tod des Buches/Fotobandes beigetragen habe, könnte man diese Veröffentlichung als Gegenargument anführen. Das 192 Seiten lange Werk ist die Zusammenfassung der besten Bilder einer Facebook-Gruppe mit selbigem Namen. Die im April 2011 gegründete Gruppe hat mittlerweile 946.626 Likes (Stand 12.11.2013) erzielt. Der RIVA-Verlag hat offensichtlich als Erster das Potenzial dieses Phänomens begriffen.

Autor Timo Schaal aka „Polypix“ ist selbst Streetart-Spotter und begann seine bildlichen Jagdtrophäen in der Gruppe zu posten. Mittlerweile kommen jeden Tag hunderte Bilder hinzu, die ihm von anderen Nutzer_innen geschickt werden. Einige ausgewählte Bilder, allesamt aus Deutschland, finden sich nun in Streetart in Germany. Hinzu kommen aber auch bisher unveröffentlichte Fotos. Soweit vorhanden, wurden die Bilder im Buch mit Infos zu Künstler_in, Fotograf_in und Fundort ergänzt. Geboten wird ein breiter und unterhaltsamer optischer Querschnitt in das Phänomen Streetart. Nicht mehr, nicht weniger. Von Schablonen/Stencils, Urban Knitting über Poster bis hin zu Guerilla Gardening und Ad Busting, von legalen Auftragsarbeiten bis zu illegalen Werken, vom legendären OZ bis zu unbekannten Künstlern. Volle Packung Streetart, aber ohne weitere Unterteilungen oder Kapitel.

Die Zweisprachigkeit des Werkes (deutsch/englisch) bleibt zweitrangig, da hier der Fokus klar auf den Fotos liegt. Trotzdem nett: Deutsche Sprüche und Sätze, die sich in den Bildern finden lassen, werden auf den letzten Seiten extra fürs englischsprachige Publikum übersetzt. Das Buch kann die (meist) illegalen Werke ihrer Vergänglichkeit entreißen und in gewisser Weise ein Denkmal setzen. Einziges wirkliches Manko: Das DIN A5-Format. Beinahe die meisten der Werke hätten ein DIN A4-Ganzformat verdient. Wünschenswert wäre auch noch eine etwas kritischere Auseinandersetzung mit der Plattform Facebook gewesen. Zwar kritisiert der Autor die Zensurpraxis des sozialen Netzwerkes, erwähnt aber zum Beispiel leider nicht, dass, laut der aktuellen FB-Geschäftsbedingungen, Nutzer_innen, die Bilder uploaden, Facebook die Nutzungsrechte daran abtreten. Und dies gilt nicht nur für fotografierte Streetart, sondern auch für private Bilder jeglicher Art.

Martin Gegenheimer

Biologie & Homosexualität

Heinz-Jürgen Voß
Biologie & Homosexualität – Theorie und Anwendung im gesellschaftlichen Kontext
Unrast-Verlag 2013
88 Seiten
7,80 €

Schon lange suchen Forscher_innen nach einer biologischen Erklärung für Homosexualität. Das Buch Biologie und Homosexualität von Heinz-Jürgen Voß, welches im Februar 2013 im Unrast-Verlag erschien, berichtet über die Entstehung der zentrale Begrifflichkeiten und stellt verschiedene Theorien vor. Man erfährt dabei zum Beispiel, wer als „der erste Schwule“ gilt, und dass die starren Kategorisierungen „Homosexualität“ und „Heterosexualität“ erst während der Moderne aufkamen, sprich, dass sie neuer sind, als man vielleicht vermutet hat.

Da Voß selbst Biologe ist, schafft er es, die verschiedenen Theorien, welche sich mit der Wirkung und Ausprägung von Keimdrüsen, Hormonen und Genen befassen, auch für Laien anschaulich darzustellen. Dabei geht er auch auf die zum Teil gruseligen Biografien und Karrieren der Forschenden ein. Generell gewinnt man beim Lesen den Eindruck, dass vielerorts in der Biologie gleichgeschlechtliche Liebe noch immer als Abweichung von der Norm begriffen wird und nach einer Heilung bzw. Ursache gesucht werden soll.

Abgerundet wird das Ganze noch einmal mit einer kürzeren Darstellung der zentralen biologischen Studien weiblicher und männlicher Sexualität sowie einer Liste mit empfohlener, weiterführender Literatur.

Ein absolut lesenswertes Buch, welches viele Infos in sich birgt und einen phasenweise sprachlos macht.

Christian Ganske