Zine of the Day: Cometbus (USA)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch 2017 wieder einige aus unserer Sicht interessante Fanzines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Cometbus #57

Cometbus #57

Eigentlich erstaunlich, dass Cometbus nicht schon viel früher zum „Zine of the Day“ ernannt wurde. Dabei zählt es zu meinen persönlichen All-Time-Faves und gehört zu den wenigen Zines, von denen ich wirklich ALLE Ausgaben gelesen habe und tatsächlich auch JEDE ohne zu zögern vorbehaltlos weiterempfehlen kann. Und es gibt inzwischen eine Menge Ausgaben von Cometbus – nämlich insgesamt 57 an der Zahl! Dabei veröffentlicht Aaron Elliot sein Zine ziemlich unregelmäßig und teilweise im Abstand von 1-2 Jahren, aber eben kontinuierlich seit 1981. Cometbus ist damit eines der ältesten, noch existierenden Punk Zines und Aaron damit wohl auch einer der dienstältesten Zinesters weltweit.

Gerade den letzten Ausgaben von Cometbus merkt man diese jahrzehntelange Erfahrung des Zine-Schreibens von Aaron an. Keine*r schreibt so hinreißend, unterhaltsam, charmant und amüsant wie er. Man möge sich nur einmal seinen herzzerreißenden Text „Punk Rock Love Is…“ aus einer bereits Anfang der 1990er Jahre erschienenen Cometbus-Ausgabe durchlesen. Wen das nicht berührt, hat einfach kein Herz!

Kein Wunder, dass inzwischen schon einige Anthologien seiner Cometbus-Ausgaben und sogar Übersetzungen ins Französische und Deutsche erschienen sind! Ich empfehle jedoch, seine Zines im Original zu lesen. Zum Beispiel das zuletzt erschienene Cometbus #57, das ausschließlich aus Interviews mit mehr oder weniger bekannten Leuten aus dem Kontext der New Yorker Comic-Szene besteht. Aaron befragte nicht nur Zeichner*innen wie Julia Wertz, Gabrielle Bell, Gary Panter, Ben Katchor, Bill Kartalopoulos oder Drew Friedman über ihr Comic-Schaffen, sondern auch Leute wie Karen Green, die sich um die herausragende Comic-Sammlung an der Columbia University Library kümmert, Gabe Fowler, der den Comic-Buch-Laden Desert Island betreibt und das Comic Art Brooklyn-Festival organisiert oder Robin Enrico, der u. a. die Steve Ditko Zine Library ins Leben gerufen hat. Kein Interview ist dabei wie das andere, sondern jedes einzelne hebt jeweils unterschiedliche Aspekte der New Yorker Comic-Szene hervor. So entsteht ein faszinierender multiperspektivischer Blick auf die Geschichte und Gegenwart der Comic-Kultur New York Citys. Eine großartige Cometbus-Ausgabe, die man sich unbedingt besorgen sollte, bevor sie wieder ausverkauft ist – oder die man sich auch einfach im Archiv der Jugendkulturen zu Gemüte führen kann.

Über Cometbus und Aaron gäbe es noch viel mehr zu schreiben. Wer mehr wissen möchte, findet hier zusätzliche Informationen.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2017 #zines #zineoftheday #punk #comics #perzine

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Fahrradmod

Tobi Dahmen
Fahrradmod
Carlsen Verlag 2015
472 Seiten
29,99 €

9783551763082

Aufwachsen in Wesel, in der Provinz, weitab von allem, was irgendetwas mit Trends und Hip-Sein zu tun hat … So beginnt die eigentlich langweilige Jugend von Tobi. Durch eine Filmstunde in Sozialkunde wird der 15-Jährige auf eine coole Subkultur gestoßen: Die Mods.

Damals, in den Zeiten vor dem Internet, sind die Informationen eher schwer zu bekommen: auf der Party wird ein Fotoband aus London herumgereicht. Doch wie sollen sie diesen schicken Style leben? Woher kommen die Klamotten, woher die Schuhe? Statt mit dem Motorroller fahren die Freunde mit dem Fahrrad vor. Mit zunehmendem Auskennen wird auch der Aktionsradius größer, werden die Anzüge schicker …

Der Comiczeichner Tobi Dahmen hat ein dickes Buch verfasst über seine Jugend in der „Szene“, über die Entwicklungen der Mod-Kultur und ihre Verbindungen zu Ska, den Rude Boys, Northern Soul und Skinheads. Wendepunkte des Buches sind die Begegnungen mit rechten Skins, mit Drogen und mit Techno. Der Erzähler wendet sich verwandten Kulturen zu: Scooterism und Northern Soul.

Es ist diesem Buch nicht genug zu danken, dass bei der Lektüre Unklarheiten über diese speziellen Phänomene der Jugendszenen recht schnell ausgeräumt werden. Statt dessen folgen wir dem Protagonisten auf seinen verschlungenen Wegen in den Neunzigern durch die Stile und Szenen auf der Suche nach der besten Musik, dem richtigen Lebensgefühl, den wahren Freunden. Wie so viele andere ist er durch seine Jugend geprägt und immer noch neugierig auf noch unentdeckte Musik, hungrig nach schönen Weekendern und kann nicht aufhören zu seiner Lieblingsmusik zu tanzen.

Dies wird nicht als dramatischer Roman erzählt, sondern eher in Form einer epischen episodenhaften Erzählung, in etwa so wie auch ein Leben in der Realität abläuft. Unterbrochen wird diese immer wieder durch Einschübe über die Entstehung und Ursprünge der einzelnen Stile und Subkulturen.

Das Besondere der 470 Seiten dicken Erzählung sind die tiefen und persönlichen Einblicke in die den Meisten eher unbekannten Szenen und die enge Verknüpfung mit Musikbeispielen. Der Autor liebt diese Szene, die Musik, die Protagonistinnen und Protagonisten. Das alles drückt sich auch in den Zeichnungen aus: detailreiche Schaubilder, spektakuläre Innenansichten und Massenszenen wechseln sich ab mit den Dialogen und Betrachtungen von Tobi und seinen Freunden. Die Bilder sind in einem durchgängigem, aufgeräumten Stil gehalten, Grauschattierungen geben Licht und Atmosphäre.

Wann schenkt uns nun jemand aus der Szene der Beatniks, Punks, Raver_innen, Metalheads, Fußballfans oder Hiphopper_innnen eine eigene Odyssee durch ihre Subkultur und das Leben?

Peter Auge Lorenz

Zine of the Day: Mini-Comic

Mini ComicsDie Mini-Comics von Anna Heger sind jedes für sich eine Freude für Auge, Finger und Hirn. Auf einem kunstvoll gefalteten Blatt Papier illustriert die Autorin knapp und treffend große theoretische Zusammenhänge der Geschlechtertheorie, z. B. über die Allegorie mit Kürbissen und Spinat.

Mehr Infos zu den Mini-Comics: annaheger.wordpress.com

www.stolensharpierevolution.org/international-zine-month

#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Comic –

Almut Sülzle

Fahrradmod

So, wir sind wieder so halbwegs zurück und hoffen, ihr seid auch alle gut ins neue Jahr gekommen! Heute gibt es mal einen Tipp: Der Webcomic Fahrradmod von Tobi Dahmen. Es geht um das Aufwachsen in einer westdeutschen Kleinstadt, um Liebe zur Musik und, wie der Titel schon verrät, um die britische Jugendbewegung der Mods. Der Comic ist noch nicht abgeschlossen, aber schon bei Seite 319, also schon jetzt viel zu lesen. Viel Spaß damit!Skinhead0708_koloriert721

Gleisdreieck

Jörg Ulbert/Jörg Mailliet
Gleisdreieck – Berlin 1981
Berlin Story Verlag  2014
128 Seiten
19,95 €

9783957230294In Zeiten der zunehmenden Skepsis am Kapitalismus-Modell erinnert man sich an die Zeiten, als eine antikapitalistische, linke Haltung Teil des jugendkulturellen Mainstreams war. In den 70er und 80er Jahren konnten interessierte Leser_innen sich ihre Wände mit den Postern, Comics und Wimmelbildern Gerhard Seyfried dekorieren. Das waren reiche und phantasievolle Darstellungen aus der Innensicht der Berliner Szene, eines Biotops aus Bundeswehrflüchtigen, Langzeitstudent_innen, Hausbesetzer_innen und sonstigen Bohemians. Respektlos und unverstellt kamen diese Bilder aus der „Bewegung“ direkt aufs Papier.

Differenzierter und vor allem kritischer sehen die Autoren des Buches Gleisdreieck – Berlin 1981, Jörg Ulbert und Jörg Mailliet, diese Zeit. Aus der Sicht eines Mitarbeiters des Staatsschutzes, der einen Top-Terroristen aufspüren soll, erleben wir den Einstieg in die Linke Szene. Es gibt Demonstrationen, Kneipenabende, Diskussionen am Küchentisch und Kontakte mit der kriminellen Halbwelt. Wir lesen über Taxifahrer, politisch aktive WGs und abgetauchte Aktivist_innen der linksterroristischen Bewegung.

Beim Lesen hält sich eine gewisse Distanz, weder mit einem Spitzel noch mit gewissenlosen Terrorismus-Profis ist es leicht sich zu identifizieren, am ehesten noch mit den Leuten aus der Linken-WG, die so wie wahrscheinlich viele damals mit der Politik unzufrieden sind und einen individuellen Weg suchen, ihre Ideale vor sich und der Gesellschaft  zu verteidigen, eine moderne Darstellung des liebevollen Seyfried-Freak-Kosmos.

Das ganze Buch ist in einem skizzenhaften, leichten Stil gezeichnet, mit sehr schönen Referenzen an die Topographie des alten Westberlin. Lediglich die Farben scheinen in der vorliegenden Ausgabe etwas zu schwer geraten zu sein, was auf Kosten der Kontraste und somit der Lesefreundlichkeit geht.

Auf jeden Fall liegt hier endlich ein Buch vor, das eine wichtige Facette des Westberliner Lebens beleuchtet, die es in dieser Form kaum noch gibt, aber über viele Jahre und bis heute das Klima Berlins geprägt hat.

Peter Auge Lorenz

Superhelden

Grant Morrison
Superhelden – Was wir Menschen von Superman, Batman, Wonder Woman & Co lernen können
Hannibal 2013
496 Seiten
29,99 €

978-3-85445-418-2-20121221-194730Die Geschichte der amerikanischen Superhelden, z. B. Batman, Superman, X-Men oder Spiderman, wird in diesem Band von ihren Anfängen in den 1930er Jahren, als Superman und Batman ihre erste Heldentaten vollbrachten, bis zur heutigen Zeit, in der jedes Jahr aufwendige Blockbuster über die Abenteuer dieser Figuren ein Millionenpublikum in die Multiplex-Kinos der Welt ziehen, nacherzählt. Dabei bilden nicht nur die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, vor allem in den USA und der westlichen Welt, den Hintergrund dieser Geschichtserzählung, sondern auch die Biographie des Autors selbst. Grant Morrison gehört seit den 1990er Jahren zu den populärsten und erfolgreichsten Autoren von Superheldencomics und hat für die beiden Großverlage Marvel und DC eine Vielzahl an Abenteuern eigentlich aller bekannten Superheldenfiguren geschrieben. Er ist also nicht nur seit seiner Kindheit von Superheldencomics geprägt, sondern hat dieses Genre wiederum selbst entscheidend mitgeprägt. Mit dem vorliegenden Band hat er nun zusätzlich ein umfangreiches Sachbuch verfasst, welches nicht nur für Comicfans interessant ist, sondern für alle an Popkultur interessierte Leser_innen einen fundierten Überblick über dieses Genre darstellt.

Daniel Schneider

Gerahmter Diskurs

Jonas Engelmann
Gerahmter Diskurs – Gesellschaftsbilder im Independent-Comic
Ventil 2013
336 Seiten
24,90 €

BildEs ist heiß im Kongo. Ein junger Mann betritt mit geschultertem Gewehr und Tropenhelm eine Kirche, in der Afrikaner_innen mit riesigen, verzerrten, knallroten Mündern in gebrochenem Französisch ein Kirchenlied singen. An seiner Seite läuft ein kleiner, weißer Spitz. Comics zeichnen, nicht nur in Hergés Paradebeispiel kolonialistischer und rassistischer Darstellungsmuster (Tim im Kongo von 1931), Stimmungs- und Menschenbilder ihrer Zeit. Doch wie kann eine Comicanalyse aussehen, die über solche Erkenntnisse hinausgeht?

Die Antwort liefert Jonas Engelmann in seiner im Mai 2013 im Ventil Verlag veröffentlichten Dissertation, die bereits jetzt als neues Standartwerk der Comictheorie gefeiert wird. In Gerahmter Diskurs wird der Comic nicht nur als Zeitdokument behandelt, an dem rassistische und reaktionäre Tendenzen aufgezeigt werden können, sondern auch als ein Medium, das aktiv Gesellschaftskritik übt. Engelmann nimmt dabei das subversive Potential des Independent-Comics, der Missstände und Ausgrenzungsmechanismen offenlegt, in den Blick und spannt dabei ein weites Netz aus zeitgenössischen Comicerscheinungen und deren Traditionslinien auf. Die südafrikanischen Bittercomix, die sich die Ästhetik von Tim im Kongo aneignen und eine Reflexion in Manier der Critical Whiteness liefern, legen dabei beispielsweise ihren Finger auf die Wunde der Apartheidsgesellschaft.

Neben dieser Aneignungsstrategie präsentiert Engelmann in drei Themenkomplexen (Rassismus, Krankheit und Religion) ein ästhetisch wie narratologisch breites Spektrum an Verfahren, die von den Autor_innen genutzt werden, um ihre Kritik zu verpacken. Biographische Erzählungen (beispielsweise Marjane Satrapis systemkritischer Comic Persepolis) finden dabei genauso Beachtung wie Inhalte, die auf einer Metaebene thematisiert und zunächst dechiffriert werden müssen.Charles Burns Erzählung Black Hole, in der eine sexuell übertragene Teenageredepedemie zu absurden Mutationen und zum sozialen Ausschluss führt, ist zwar im Raum des Fantastischen angesiedelt, weist aber offensichtliche Parallelen zu dem real-gesellschaftlichen Umgang mit der Krankheit AIDS auf. Burns zitiert dabei zeichnerisch den Stil amerikanischer Horrorcomics der 50er Jahre. Diese griffen einerseits den gesellschaftlichen Diskurs um Moral und Normalität auf, können heute aber auch als Ausdruck einer stark verunsicherten Gesellschaft gelesen werden, die Burns wiederum auf den hysterischen AIDS-Diskurs der 80er Jahre überträgt.

Es sind dabei nicht nur diese interessanten Herleitungen und Bezüge, die Engelmanns Buch so lesenswert machen. Vielmehr arbeitet er akribisch und doch gut nachvollziehbar heraus, inwiefern sich gerade das Medium Comic so gut als Instrument für Gesellschaftskritik eignet. So funktionieren Comics in einem selbstreflexiven, ironischen Modus und reproduzieren gesellschaftlich generierte Bilder, die sie gleichzeitig hinterfragen. Wenn der jüdische Autor Joann Sfar mit stereotypisierten Darstellungen von Juden arbeitet oder die karikaturhafte Diffarmierung von Schwarzen in Tim im Kongo von den Bittercomix übernommen wird, verweist der Comic dabei nicht nur auf Rassismen und Sehgewohnheiten unserer Gesellschaft, sondern auch auf seine eigene, oft auch nicht sehr rosige Geschichte.

Die Comic-typische gegenseitige Durchdringung von Text und Bild liefert zudem vielschichtige Interpretationsmöglichkeiten. So wird im feministischen Comic Dirty Plotte der Kanadierin Julie Doucet, während diese über ihre Herkunft spricht, eine Karte von Quebec neben der eines weiblichen Körpers abgebildet. Dieser Verweis auf körperliche Zuschreibungen durch Schönheitsideale bildet eine “kulturelle Kartographie”, die sich in einer stark sexualisierten Gesellschaft in die Körper von Frauen einschreibt.

Die Liste an spannenden Themen und Diskursfäden, die in Engelmanns Buch aufgegriffen werden, lässt sich unendlich fortsetzen. Fast beiläufig wird dabei noch ein ziemlich guter Abriss über die Comicgeschichte, die in Deutschland ja erst relativ spät wissenschaftliche Beachtung fand, geliefert. Gerahmter Diskurs ist absolut lesenswert, und auch wenn Engelmann sicherlich in dieselbe Kerbe haut, die bereits Ole Frahm in Die Sprache des Comics bearbeitet hat, vertieft er diese jedoch deutlich.

Hannah Zipfel

Hip Hop Family Tree

Ed Piskor
Hip Hop Family Tree 1970s – 1981
Metrolit 2014
112 Seiten
22,99 €

9783849300906-1

Die Geschichte der Anfangszeit von Hip Hop in New York wurde schon vielfach erzählt, nun gibt es hierzu auch einen Comic, der chronologisch und berstend vor Informationen den Zeitraum ab Mitte der 1970er Jahre bis in das Jahr 1981 beleuchtet. Der Band ist eine Art gezeichnetes Lexikon, es fehlt keine_r der wichtigsten Protagonist_innen der ersten Jahre, wobei nicht nur die heute als Legenden bekannten DJs wie Grandmaster Flash, Kool Herc oder Africa Bambaataa vorkommen, sondern auch viele weniger bekannte und heute weitestgehend in Vergessenheit geratene Figuren. Auch das Umfeld der Hip-Hop-Szene, von Manager_innen und Produzent_innen wie Rick Rubin oder Sylvia Robinson, Künstler wie Jean-Michel Basquiat oder Keith Haring und Bands wie Blondie oder The Clash haben Auftritte. Die Masse an Namen kann teilweise erschlagen, aber trotzdem ist der Comic keine trockene Aneinanderreihung von Daten und Fakten, sondern bleibt durch die lebendigen Zeichnungen und auf den Punkt gebrachte Erzählweise immer unterhaltsam. Gehalten in einer Retroästhetik, die an alte Zeitungscomics erinnert, inklusive verblasster Farben und vergilbtem Hintergrund, erscheint „Hip Hop Family Tree“ wie ein Originaldokument aus den 1970er und 80er Jahren. Im Original ist der Comic aber in Form einer wöchentlichen Serie auf dem amerikanischen Entertainment- und Technologieblog Boing Boing erschienen, wo weiterhin regelmäßig neue Folgen veröffentlicht werden.

Daniel Schneider

Allmächtiger!

Andreas C. Knigge
Allmächtiger! – Hansrudi Wäscher. Pionier der deutschen Comics
Edition Comics 2011
496 Seiten
49,90 €

97ad9ab02000d01816dccdd07c33cc73_0042057Andreas C. Knigge, bekannt als Comicexperte seit den 1970er Jahren und Mitbegründer des legendären Comicmagazins „Comixene“, setzt sich auf 496 Seiten mit der deutschen Comiclegende schlechthin – Hansrudi Wäscher – auseinander. Um es vorweg zu sagen: Es ist ein großartiger Band über die Frühzeit des deutschen Comics geworden. Knigge ging auf Spurensuche, recherchierte eifrig die vorhandene Literatur und veranschaulicht neben dem Leben von Hansrudi Wäscher, der 1928 in St. Gallen in der Schweiz geboren wurde, gleich die Schwierigkeiten der „Heftchenliteratur“ in Form von Piccolos und Großbänden in den 1950er Jahren mit. Vieles erfahren wir von den Produktionsbedingungen, unter denen Hansrudi Wäscher beim Walter‑Lehning‑Verlag arbeitete und für diesen Serien schuf, die heute noch sehr beliebt sind. Helden wie Sigurd, Nick – der Weltraumfahrer, Tibor und Falk. Aber wir erfahren auch von den Schwierigkeiten, die Hansrudi Wäscher beim Konkurs des Verlages hatte. Letztendlich landete er beim Bastei‑Verlag und arbeitete hier bei den Serien Buffalo Bill und den Gespenstergeschichten mit. Zu großen Ehren führte ihn dann ein weiterer Verleger, Norbert Hethke, der ihn in der Fanszene bekannt machte und zahlreiche neue Projekt mit ihm auf den Weg brachte. Es ist aber mehr als die Geschichte eines Autors, die in dem Buch gewürdigt wird. Knigge hat innerhalb kürzester Zeit alle Wäschercomics gelesen und die Geschichten in ausführlichen Serienporträts und mit einer umfangreichen Bibliografie gewürdigt.

Werner Fleischer

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Überzeichnet

Inge Kirsner/Olaf Seydel/Harald Schroeter‑Wittke (Hg.):
Überzeichnet – Religion in Comics
(Reihe: POPKULT 9)
Garamond 2011
256 Seiten
24,90 €

215_0Für den Comicunkundigen eröffnet Jochen Wiedemann den Band mit einer Einführung in das Thema Comic anhand eines Definitionsversuches und einer historischen Einleitung, in der wir z. B. auf die Bildgeschichten von Heiligen oder die Passion Christi in Kirchen aufmerksam gemacht werden, die in den Definitionsbereich Comic fallen, und es werden einige grundlegende Fachbegriffen erklärt. Obwohl es im postmodernen Wissenschaftsbetrieb schon alltäglich ist, dass sich Geisteswissenschaftler mit Popkultur beschäftigen und Medientheoretiker erfolgreiche Romane, Musik oder Filmklassiker analysieren, bleiben Comics in diesem Kontext nach wie vor eine Seltenheit, da ihnen immer noch abgesprochen wird, eine ernstzunehmende Kunst zu sein. Dies gilt besonders, wenn sich Theologen mit Comics in Hinsicht auf Religion beschäftigen. So aber geschehen in dem Sammelband Überzeichnet – Religion in Comics, der das Ergebnis der Jahrestagung 2010 des Arbeitskreises Populäre Kultur und Religion ist. Hier kann man beobachten, was passiert, wenn Theologen Comics lesen.

Weitere Autoren betrachten anschließend einzelne Comicserien genauer. So werden die Qualitäten von Lucky Luke als Verkörperung mancher christlicher Tugenden betrachtet, in Superman die postmoderne Verkörperung von Moses‑ und Messiasvorstellungen der jüdisch‑christlichen Gesellschaft aufgedeckt und die bibelfeste Alltagstheologie der Peanuts (von Charles M. Schulz) analysiert. Aber auch jüngere Comics, wie die Hellsing Mangas und Animés (von Kouta Hirano), die Preacher Comics (Autor: Garth Ennis, Zeichner: Steve Dillon) oder das ungewöhnliche Cages (von Dave McKean) werden besprochen und dadurch eine große Bandbreite verschiedener Stile untersucht. Unterstützt wird dies durch zahlreiche z. T. farbige Abbildungen und ganze Comicstrips. Sie lockern die Texte auf und ermöglichen bei einigen Comics überhaupt erst das Verständnis des Besprochenen.

Abgeschlossen wird durch zwei zusammenfassende Beiträge, die das Vorangegangene noch einmal unter theologisch‑kulturhermeneutischer und religionspädagogischer Perspektive zu betrachten versuchen. Diese weisen wohl die größte wissenschaftliche Tiefe des Bandes auf, denn der Anspruch bzw. Tiefgang der einzelnen Beiträge schwankt. In manchen Aufsätzen, wie dem von Andrea Völkner über Dagobert Duck oder Olaf Seydels über den Preacher, nimmt die Darstellung der Story des behandelten Comics zu viel Platz ein, während die tatsächliche Analyse etwas knapp ausfällt. Andererseits könnten nichtakademische Leser die anspruchsvolleren Beiträge trocken oder langweilig finden. Ob dies beabsichtigt war, um eine breite Zielgruppe anzusprechen, oder es an dem ungewohnten Medium lag, ist schwer zu sagen, aber wahllos sind die einzelnen Beiträge nicht. Die Autoren beziehen sich in ihren Texten aufeinander und erzeugen dadurch eine Geschlossenheit und Zusammengehörigkeit, die nicht in jedem Sammelband zu finden ist.

Zu beachten ist beim Lesen des Bandes, dass die Autoren ausschließlich Theologen sind und die Comics daher aus einem rein christlichen Blickwinkel betrachtet werden. Es ist interessant zu sehen, wie Theologen, die alle ihre Leidenschaft für Comics nicht verbergen, die Verarbeitung der ihnen vertrauten Symbole und Inhalte in den Comics interpretieren oder bewerten. So werden in der Geschichte Supermans zwar christliche Grundmotive gefunden, aber beklagt, dass diese in dem Comic ihre ethische Verbindlichkeit verlieren, oder es werden die stark verzerrte Darstellung von christlichen Institutionen und Lehren in den Hellsing‑Geschichten bemängelt. Leider wird dadurch nur selten betrachtet, was dies über das Christentum und Religion generell in der Gesellschaft und deren Wahrnehmung aussagt. Nichtsdestotrotz können Comicfreunde ihren Spaß an diesem ungewöhnlichen Blickwinkel finden, ebenso wie Religionsinteressierte an diesem noch kaum bearbeiteten Medium.

Florian Klein

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)