Fundstücke aus dem Archiv: Hörer*innenpost an Monika Dietl

Diese Fundstücke hatten wir vor ein paar Wochen schon bei Facebook präsentiert, jetzt zeigen wir sie hier noch einmal, inklusive von ein paar weiteren Bildern:

Hörer*innenpost an Monika Dietl bzw. ihre Sendungen „S-F-Beat“ bei SFB 2 und „The Big Beat“ bei Radio 4U (dem kurzlebigen Jugendsender des SFB) von Ende der 1980er bis Anfang der 1990er Jahre. Monika Dietl war in den späten 80ern die erste Berliner Radiomoderatorin, die in ihren Sendungen auch House und Techno spielte und damit viele spätere DJs und Raver*innen zum ersten Mal in Kontakt mit dieser neuen Musik brachte. Für nicht wenige waren die Sendungen von „Moni D.“ die wichtigste Informationsquelle überhaupt, da es nicht gerade leicht war, an die Platten ranzukommen und zu erfahren, was es da eigentlich gerade alles so gibt. Die Playlists der Sendungen konnten sich die Hörer*innen auf Anfrage sogar zuschicken lassen. Dazu gab’s Hintergrundinformationen, Interviews mit den Künstler*innen und – auch ganz wichtig – Infos über die neusten Clubs und kommenden Partys.

Auch im Osten der Stadt wurde SFB gehört und auf Partys liefen Tapes mit Zusammenstellungen von Tracks aus Monika Dietls Sendungen. Die Fans aus dem Ostteil der Stadt waren also schon gut informiert darüber, was im Westen passierte. Der Legende nach parkten deshalb zur Überraschung der West-Berliner*innen schon direkt nach dem Mauerfall die ersten Trabbis vor dem UFO (dem ersten „Acid-House-Club“ Berlins).

Die Briefe drehen sich z.B. um die aktuellen Clubs und wichtigsten Plattenläden: Welche sind cool? Welche nicht? Wo gibt’s die neusten Maxis? Und wie schafft man es, im Plattenladen Hard Wax netter behandelt zu werden? Dazu Einsendungen zu Verlosungen, z.B. von Gästelistenplätzen. Viele liebevoll gestaltete Briefe und Postkarten sind dabei. Das Konvolut ist ein eindrückliches Zeugnis der frühen Technoszene und erzählt von der Bedeutung des Radios in der Zeit vor dem Internet.

PS: Übrigens gibt es in unserer Sammlung auch ein paar Mitschnitte von S-F-Beat und The Big Beat zum Nachhören.

Daniel Schneider

BITTE LEBN – Urbane Kunst und Subkultur in Berlin 2003-2021

Reclaim Your City
BITTE LEBN – Urbane Kunst und Subkultur in Berlin 2003–2021
Assoziation A 2022
480 Seiten
38,00 €

Was für ein Wälzer! Mit „BITTE LEBN – Urbane Kunst und Subkultur in Berlin 2003-2021“ hat das Reclaim-Your-City-Kollektiv einen fast 500 Seiten starken Band über Berliner Urban Art, Clubkultur und die Recht-auf-Stadt-Bewegung vorgelegt, der an dieser Stelle nur wärmstens empfohlen werden kann. Bebildert mit einer riesigen Menge an Fotos und illustriert mit einer Reihe an Karten, dokumentiert das Buch die Aktivitäten der Szenen seit Beginn der 2000er Jahre und zeigt, wie sehr sie das kulturelle Leben und die sozialen Proteste Berlins mitgeprägt haben. Ein Ausgangspunkt ist die Street-Art-Ausstellung Backjumps von 2003, die neue Formen von Kunst im öffentlichen Raum in Berlin populär gemacht hat. In dieser Zeit begannen auch Kollektive zunehmend unangemeldete Partys in Parks, auf Brachen oder leerstehenden Räumen zu veranstalten und etablierten alternative Formen der Clubkultur in Berlin. Und auch die Proteste gegen den Ausverkauf der Stadt nahmen in den 2000er Jahren zu, beispielsweise mit den Protesten gegen die Privatisierung des Spreeufers in Friedrichshain-Kreuzberg unter dem Motto „Mediaspree versenken“ sowie den später folgenden Mietenprotesten. Immer geht es um nicht-kommerzielle Kultur und das Schaffen und Bewahren von Freiräumen, um eine lebenswerte Stadt für alle. Zugleich können diese Aktivitäten aber auch dem Stadtmarketing in die Hände spielen und gelten als „weiche Standortfaktoren“, sie können Verdrängung und Verteuerung beschleunigen. All diese Themen werden in „BITTE LEBN“ behandelt und machen das Buch zu einer beeindruckenden Dokumentation der letzten 20 Jahre Berliner Subkultur und ihren überregionalen und internationalen Netzwerken.

Malaktionen von 1UP, ÜF und Paradox an einem Haus am Hermannplatz
Aus Protest gegen die Räumung der Kreuzberger Cuvry-Brache und den Investor, der das Gelände gekauft hat, werden die Wandbilder mit Einverständnis des Künstlers Blu übermalt.
Um neue Orte für Kunst und Partys zu finden, wird die Stadt erkundet.
Die Räuberhöhle auf dem Fusion-Festival (oben) und der Club Mensch Meier (unten).
Eine ganze Reihe an Karten verorten die Aktivitäten der Künstler*innen und Aktivist*innen, die Clubs und Hausprojekte in der Stadt.

Erhältlich ist das Buch im Buchhandel und bei Hitzerot. Bei uns im Archiv sind außerdem vielfältige Materialien aus den im Buch thematisierten Kontexten gesammelt.

Daniel Schneider

Fundstücke aus dem Archiv: Unterlagen aus dem Georg-von-Rauch-Haus

Unser Blog soll ja lebendiger werden, deshalb veröffentlichen wir hier ab jetzt auch unregelmäßig Beiträge über Fundstücke aus unserer Sammlung. Den Anfang machen Dokumente aus der Anfangszeit der Berliner Hausbesetzungs- und Jugendzentrumsbewegung: ein Bestand an Unterlagen aus dem Georg-von-Rauch-Haus in Kreuzberg, vorgestellt von unserer Praktikantin Laura Stoppkotte.

Anfang der 1970er gab es laut Schätzungen des Senats rund 1.200 Treber*innen in Westberlin, die unter 14 Jahre alt waren. Das waren Kinder und Jugendliche, die aus den damals sehr autoritär strukturierten Erziehungsheimen oder aus den problematischen Verhältnissen von zuhause abgehauen waren. Sie wurden meist von der Polizei gesucht, die sie sofort zurück ins Heim steckte, und hatten so keine Chance auf einen Schul- oder Ausbildungsplatz. Darum bildeten sich Gruppen, die sich der Probleme der Treber*innen annahmen. Am 2. Juli 1971 wurde ein Fabrikgelände in Kreuzberg besetzt, wo der Jugendzentrum e.V. einzog. Ein halbes Jahr später, am 8. Dezember 1971, wurde das nahegelegene Martha-Maria-Haus des ehemaligen Bethanien-Krankenhauses besetzt und über 60 Treber*innen, Lehrlinge und Jungarbeiter*innen zogen in das in „Georg-von-Rauch-Haus“ umbenannte Gebäude ein.

Im Rauch-Haus-Bestand lassen sich auch einige Unterlagen anderer Projekte der Jugendarbeit finden. Zum Beispiel eine Selbstdokumentation der Trebebambule, einem Projekt des SSB e.V. (Sozialpädagogische Sondermaßnahmen Berlin). Die Trebebambule bildete Wohngruppen, in denen 3-5 Jugendliche mit ebenso vielen Erwachsenen in einer Wohngruppe lebten und sie unterstützen, sodass sie größtenteils selbstbestimmt leben konnten. Sie stellte Trebeausweise für die Jugendlichen aus, damit sie die Zugehörigkeit zu der Gruppe nachweisen konnten.

In dem Bestand findet sich auch eine Selbstdokumentation des Tommy-Weisbecker-Haus (ebenfalls SSB e.V.) mit einem kleinen Comic zur Entstehung des Wohnprojektes. Dafür wurde nämlich im Februar 1973 zu Verhandlungszwecken zwei Wochen lang das Drugstore besetzt. Als Ergebnis wurde ein erster Mietvertrag bis Ende 1973 abgeschlossen.

Der Senat hat immer wieder Gründe gesucht um das Rauchhaus und Tommyhaus räumen zu lassen – beide Projekte existieren aber bis heute an ihren ursprünglichen Orten. Anders ist die Situation des selbstverwalteten Jugendzentrums Drugstore (auch SSB e.V.). Das Drugstore ist weiterhin auf der Suche nach geeignten neuen Räumen, seitdem es Ende 2018 seine Räume in der Potsdamer Straße 180 räumen musste, wo es seit 1972 sein Zuhause hatte.

Auf dem Klo habe ich noch nie einen Schwan gesehen

Conne Island (Hg.)
Auf dem Klo habe ich noch nie einen Schwan gesehen. Erinnerungen aus 30 Jahren Conne Island
Verbrecher Verlag 2021
280 Seiten
20 Euro

Das linke Zentrum Conne Island existierte 2021 in Leipzig seit 30 Jahren. In diesem größten, und vermutlich wichtigsten linken Ort in der Stadt, wenn nicht in ganz Sachsen, haben sich in diesem Zeitraum hunderte von Personen engagiert, im Moment sollen es 150 sein. Dieses Buch versucht anhand von 20 persönlichen, auf Interviews beruhenden Geschichten, deren Vielfalt an Motivationen, Zugängen und Perspektiven abzubilden.

Die Leser*innen erwartet in den Texten ein breites Spektrum an Erfahrungen und Hintergründen. Erlebten einige noch das Punk-Sein in der DDR vor 1989, wurde andere in diesem Zeitraum erst in der westdeutschen Provinz geboren und zogen erst sehr viel später nach Leipzig. Andere sind von der jahrelangen Nutzung und Gestaltung des Skate-Parks auf dem Gelände geprägt, wieder andere berichten von den ausdifferenzierten, aber oft umso schärfer mündlich und schriftlich ausgetragenen politischen Debatten (Stichwort: «Antideutsche»). Das Buch erzählt von den Anfangszeiten des «Conne Island» in den 90ern, als den Nazis auch mal «einen auf den Gong gegeben» wurde, wenn diese das Zentrum angriffen – oder wie es sich anfühlt, als einzige Schwarze auf einem Hardcore-Konzert zu sein. Eine DJ erzählt, dass sie ohne das Conne Island nie auf die Idee gekommen wäre, selbst aufzulegen, und was das mit aktuellem Feminismus zu tun hat; oder eine politische Aktivistin, warum sie dem Ort den Rücken gekehrt hat.

Es ist also kein objektiver Überblick. Das Buch zeichnet aus persönlicher Sicht Debatten und Diskussionen der letzten Jahre fragmentarisch nach, und blickt damit auf subkulturelle und linksradikale Lebensläufe und Prägungen in Ost- und Westdeutschland. es möchte auch den vieldiskutierten Dialog zwischen den Generationen anregen und fördern. Immer wieder kommt auch die sich wandelnde Rolle und kleiner werdende Bedeutung des Zentrums für den Stadtteil Connewitz und Leipzig insgesamt in den Blick. Die nicht zuletzt daherkommt, dass es nun, im Unterschied zu den 1990ern, viele andere Orte für Politik und Subkultur in Leipzig gibt.

Eher zwischen den Zeilen ist auch von Burnout zu lesen, und davon, dass viele qua Alter auch aus der von ihnen lange ausgefüllten Rolle oder gar dem Ort insgesamt herauswachsen.

Ein spannendes Buch, dem allerdings einige analytische Gedanken, etwa zur Aufwertung von Leipzig, gut getan hätten. 2011 erschien im Verbrecher Verlag mit 20 YRS. Noch lange nicht Geschichte bereits ein erster, mittlerweile vergriffener Band zum 20. Jubiläum des «Conne Island».

Bernd Hüttner

40 Jahre – Jubiläum der Hansa 48 in Kiel

Verein Hansastraße 48 e.V. (Hrsg.)
Hansa 48 seit 1981 – Aus den ersten 40 Jahren
bearbeitet von Hansjörg Buss und Andreas Langmaack
Hansa 48 2021
286 Seiten, gebunden
15 EUR

In diesem Jahr feiert das Kommunikationszentrum »Hansa 48« in Kiel 40 Jahre Selbstverwaltung. Am 27. März 1981 begann die Besetzung, die sich gegen den drohenden Abriss des ehemaligen Gewerbe- und Brauereigeländes in der Hansastraße 48 richtete. Bereits seit 1974 wohnten Menschen in einigen Wohnungen auf dem Gelände im Kieler Norden. 1979 kaufte es dann eine Wohnungsbaugenossenschaft das Gelände – das war der Startschuss für Proteste und  Verhandlungen. Überraschenderweise war die Wohnungsbaugenossenschaft sehr kooperativ und verkaufte Ende 1982 wiederum das Gelände an den Verein der Besetzer*innen.

Diese führten – nun auf sicherer Grundlage – das fort, was sie bereits machten bzw. als Ideal verfolgten: Gemeinsames Wohnen, Arbeiten in alternativen Betrieben und politische Projekte. Bis heute wird renoviert, saniert und gebaut – und letztlich, in der Rückschau, damit auch »aufgewertet«. Im Laufe der Jahre gab es ein Kneipenkollektiv und eine Fahrradselbsthilfewerkstatt, eine Druckerei, den Hansafilmpalast (ein Programmkino), einen Kinderladen, eine Arbeitsloseninitiative (bis zur Einführung von Hartz IV), einen Infoladen und eine Autoschrauberwerkstatt. Teilweise existieren die Projekte immer noch, einige sind an andere Orte umgezogen.

Die voluminöse Festschrift zum 40. Geburtstag stellt die einzelnen Bereiche und deren Entwicklung, wie auch einige BewohnerInnen vor, bettet das Projekt in die Geschichte Kiels ein, und schildert vor allem die Anfangsjahre sehr ausführlich. Sie verschweigt auch nicht, dass die Hansa 48 damals zur »Verhandlerfraktion« gehörte, und die politischen Ambitionen ab Mitte der 1990er doch deutlich nachließen und zum Beispiel nicht mehr zu Demonstrationen aufgerufen wurde. Das Kulturzentrum samt Kneipe und Veranstaltungsprogramm ist damals wie heute das Herz des Projektes; und es gibt von Anfang an auch bezahlte Stellen in den auf dem Gelände angesiedelten Betrieben und Vereinen.

Die beiden Autoren, Jahrgang 1971 und 1983, haben Fotos und Faksimiles zusammengetragen sowie Interviews mit Angehörigen verschiedener Generationen geführt. Unterstützt wurden sie dabei von  Jan-Hinnerk Witmershaus (geboren 1985), der in der Hansa 48 arbeitet. So ist ein buntes historisches Panorama über einen Ort entstanden, wie er damals in vielen Städten entstanden ist und heute, als meist relativ etablierte soziokulturelle Zentren, immer noch bestehen.

Bernd Hüttner

Dieses Haus ist besetzt!

Frankfurter Archiv der Revolte e.V., Offenes Haus der Kulturen e.V., Institut für Selbstorganisation e.V. (Hg.)
Dieses Haus ist besetzt! Frankfurter Häuserkampf 1970-1974
Selbstverlag Institut für Selbstorganisation e.V., Frankfurt am Main 2020
122 Seiten, Großformat mit zahlreichen farbigen Abbildungen
16 EUR

Im September 1970 besetzten migrantische Familien und Studierende erstmalig in der Geschichte der Bundesreplik ein Haus in Frankfurt am Main, um darin zu wohnen, und erklärten diese Hausbesetzung zur politischen Aktion. Sie wurde zum Auslöser für eine Welle von Haubesetzungen und Mietstreiks nicht nur im Stadtteil Westend, die bis 1974 andauerte und im sogenannten Frankfurter Häuserkampf kulminierte. Das Besondere dabei: Arbeitsmigrant*innen, Studierende und politische Gruppierungen aus der radikalen Linken, nicht nur der Bundesrepublik, sondern auch aus den Herkunftsländern der Arbeitsmigrant*innen fanden in diesem Kampfzyklus – durchaus konfliktbeladen – zusammen.

50 Jahre danach konnte die erste Ausstellung über den Frankfurter Häuserkampf eröffnet werden. Im September und Oktober 2020 wurde im Studierendenhaus an der Frankfurter Universität die Schau „Dieses Haus ist besetzt! Frankfurter Häuserkampf 1970-1974“ gezeigt, zusammengestellt von einem Team des Frankfurter Archivs der Revolte. Der nun vorliegende Ausstellungskatalog dokumentiert nicht nur die wandzeitungsartige Zeitreise durch den Gang der urbanen Kämpfe der frühen 1970er Jahre mit Texten, zeitgenössischen Fotografien, Abbildungen von Flugblättern, Plakaten und anderen Dokumenten aus der Ausstellung. Zahlreiche Fotografien von Jens Gerber vermitteln zudem einen Eindruck von Aufbau und Gestaltung der Präsentation, Michaela Filla-Raquin erläutert deren künstlerische Aspekte.

Interessant machen die Publikation darüber hinaus die weiterführenden Beiträge: Rolf Engelke gibt einen ereignisgeschichtlichen Überblick über die Jahre 1970 bis 1974. Es wird deutlich, dass in Frankfurt am Main die städtebauliche Entwicklung zur „Global City“ weit früher schon als anderswo in der Bundesrepublik unter der Ägide der Sozialdemokratie vorangetrieben wurde. Zudem steht der Häuserkampf für einen zentralen Wendepunkt in der Entwicklung der bundesdeutschen radikalen Linken nach 1968.

Freia Anders sorgt mit ihrer kommentieren Bibliografie zur historiografischen Auseinandersetzung mit Hausbesetzungen für die internationale Einbindung sowie die Kontextualisierung mit aktuellen Auseinandersetzungen. Schließlich macht der Katalog auch eine Analyse der Häuserkampfs von Richard Herding aus dem Jahr 2000 wieder zugänglich.

Somit ist der Ausstellungskatalog ein wichtiger Baustein in der Erforschung der noch lange nicht erschöpfend behandelten 1970er Jahre.

Gottfried Oy

Autonome in Bewegung

A.G. Grauwacke
Autonome in Bewegung. Aus den ersten 23 Jahren
5., erweiterte Auflage
Assoziation A, Berlin 2020
496 Seiten
26 EUR

Hausdurchsuchungen wegen des Verdachts auf „Bildung einer kriminellen Vereinigung“, ein gescheiterter Indizierungsversuch – seit seinem Erscheinen im Jahr 2003 sorgt der Lese-Bildband Autonome in Bewegung für Furore. Nach 17 Jahren ist 2020 nun die fünfte, erweiterte Neuauflage des Klassikers linksautonomer Selbsthistorisierung herausgekommen. Die Perspektiven der ursprünglichen Besetzung des fünfköpfigen Autorenkollektivs AG Grauwacke werden hier auf rund 100 Seiten von den Eindrücken einer Riege jüngerer Aktivist*innen ergänzt.

Ganz im Sinne einer Geschichtsschreibung von unten erhebt der Band keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Objektivität. Im Gegenteil – die Geschichte der kaum zu fassenden Fraktion (?), Strömung (?), Bewegung (?) wird in Oral-History-Manier als Sammlung von Zeitzeug*innenberichten erzählt. Wie auch sonst ließe sich die Diversität einer Szene abbilden, die sich doch gerade dadurch auszeichnet, kein zentrales Programm oder Manifest zu haben? Besonders prägende Ereignisse werden als persönliche Erfahrungen humoristisch und anekdotenreich widergegeben, von den „militanten Erweckungserlebnissen“ der in den frühen 1980er Jahren noch sehr theoretisch-akademisch lesekreisaffinen radikalen Linken, wie der legendären Schlacht am Fraenkelufer bis hin zu den Häuserkämpfen unter dem Hashtag #besetzen seit dem Jahr 2017. Es geht viel um Gefühle, wenig um Theorie, denn: „nicht Diskussionen über Autonomie-Thesen brachten die ersten Autonomen zusammen, sondern die Vorbereitung praktischer Aktionen“. Der strengen Subjektivität der Autor*innen geschuldet, liegt der Fokus auf Westberlin, allerdings werden darüber hinaus auch (inter-)nationle Debatten und Geschehnisse nachgezeichnet, die die lokale Szene beschäftigten. Ergänzt wird dies durch den sich über den gesamten Band ziehenden Zeitstrahl, der einen groben Überblick über gesellschaftspolitisch relevante Daten und Ereignisse abseits der Berliner Linken gibt – angefangen mit der Konstitution der Partei Die Grünen 1980 in Berlin, endend mit dem Brandanschlag im Zusammenhang mit dem Internationalen Tag der politischen Gefangenen 2020 in Sachsen.

Die ergänzte Neuauflage war überfällig – schreibt sie doch die Geschichte einer allzu oft wie aus grauer Vorzeit erscheinenden Bewegung weiter und beweist damit deren fortwährende Lebendigkeit und Relevanz. Zwar mutet die Möglichkeit, ganze Straßenzüge zu besetzen, aus heutiger Perspektive schier unvorstellbar an, dennoch zeigen die Bilder und Erzählungen von Gipfelprotesten, Klimaaktionen und Grenzcamps, dass die autonome Bewegung sehr wohl die „Verwirrung der 90er Jahre“ überlebt hat. Die gewachsene Relevanz von Netz- und Sicherheitspolitik, Professionalisierungstendenzen innerhalb der Bewegung, stetige Spaltungen und nicht zuletzt das Aufkommen von postautonomer Organisierung werfen neue, grundsätzliche Fragen auf, die Eingang in die Neuauflage gefunden haben, wobei autonome Handlungsräume nicht totgesagt werden. Anzumerken bleibt, dass das Glossar autonomer Schlagwörter, von „Barris“ bis „Besetzerrat“, am Ende des Bandes ebenfalls eine Aktualisierung hätte vertragen können – ob denn „Anti-Imp“-sein heutzutage zwingend die Lobpreisung der RAF bedeutet, bleibt beispielsweise zu hinterfragen. Dennoch ist dieses Register ein durchaus ehrenwertes Unterfangen, denn, so di*er Verfasser*in selbst, „[steht uns] unsere unverständliche Sprache […] oft im Weg“.

Ein Wermutstropfen ist sicherlich der fade Beigeschmack, den die Tatsache hinterlässt, dass der erste Teil des Buches von fünf (cis-)Männern geschrieben wurde, was nur allzu treffend das männliche Dominanzgebaren innerhalb der autonomen Szene widerspiegelt. Auch wenn die Autoren selbstkritisch anmerken, dass sie sich „schwergetan hätten mit der Darstellung der Geschlechterkonstruktion“ und die Beiträge hierzu dementsprechend unzufriedenstellend seien, finden diese dennoch statt. Eventuell wäre es von Beginn an einer Überlegung wert gewesen, in eine erfahrungsbasierte Chronik einer politischen Bewegung, die den Anspruch an sich selbst richtet, im emanzipatorischen Sinne an patriarchalen Verhältnissen zu rütteln, auch Perspektiven abseits männlicher (Helden-)erzählungen mit einzubeziehen. Dies hätte in der Neuauflage ruhig noch einmal kritischer in den Blick genommen werden können.

Dennoch, die AG Grauwacke – übrigens das Material, aus dem üblicherweise Pflastersteine gefertigt werden – liefert mit Autonome in Bewegung einen Gegenentwurf zu den oftmals bei Beschreibungen des Schwarzen Block endenden unglücklichen Versuchen einer historischen Fassung der Bewegung, beleuchtet die für sie wichtigsten Momente, lässt aber gleichzeitig bewusst Lücken. Anstatt einer bloßen Aneinanderreihung der größten Demos, Aktionen, Plena und Strukturen oder aber einer trocken-theoretischen Analyse, werden reich-bebilderte Einblicke in praktische historische Debatten gegeben. Ein Buch, welches nicht dazu gedacht ist, an einem Stück runtergelesen zu werden, sondern vielmehr dazu einlädt, immer mal wieder darin zu blättern, Daten nachzuschlagen oder es einfach wie ein Fotoalbum zu behandeln und Bilder aus 40 Jahren linksradikalem Aktionismus zu begutachten. Alt-Szeneangehörige vermag es in schön-schmerzlichen nostalgischen Erinnerungen an die bewegte Jugend schwelgen zu lassen, jüngere Aktivist*innen bringt es zum Staunen über Möglichkeiten und Handlungsräume autonomer Politik sowie die stetige Wiederkehr alter Debatten, Szene-Externen und Forschenden bietet es einen Quell an authentischen Berichten aus einer Bewegung, die sich im Sinne der Übereinkunft von „keine Namen, keine Strukturen“ nur allzu gerne in Schweigen hüllt.

Isabella Beck

Traum und Trauma

Christine Bartlitz, Hanno Hochmuth, Tom Koltermann, Jakob Saß und Sara Stammnitz (Hrsg.)
Traum und Trauma. Die Besetzung und Räumung der Mainzer Straße 1990 in Ost-Berlin
Christoph Links Verlag, Berlin 2020
144 Seiten
20 EUR

Am 14. November 1990 werden im Ostberliner Stadtteil Friedrichshain zwölf besetzte Häuser geräumt. Die sog. »Mainzer Straße« ist damit Geschichte, ein Versuch alternative Lebensweisen – zumindest ein Stück weit – gegen den kapitalistischen Markt zu realisieren, zerstört.

Dass diese zusammenhängende Besetzung von zwölf schon länger leerstehenden Häusern in einer Straße zustande kommt, hängt mit den Ereignissen und der rechtlich unklaren Lage 1989/90 zusammen. Die für den Abbruch vorgesehen Häuser werden im Mai 1990 besetzt, über den Sommer entwickelt sich ein reges Leben, das aber auch Angriffen von Neonazis ausgesetzt ist, gegen die sich die Bewohner*innen wehren. Es gibt ein weithin bekanntes »Tuntenhaus« mit der legendäre Kneipe »Forellenhof« und z.B. ein Antiquariat für DDR-Literatur.

Als am 3. Oktober 1990 die staatliche Einheit Deutschlands vollends vollzogen wird, übernimmt – letztendlich – die Westberliner Polizei das Regiment. Die Räumung fünf Wochen später gilt als einer der bis dahin größten und massiv rabiaten Polizeieinsätze in der westdeutschen Geschichte. Er hat weitreichende Folgen: Er markiert vorerst das Ende der Berliner Hausbesetzerbewegung, führt zum Bruch des rot-grünen Senats und hinterließ viele Beteiligte traumatisiert. Gerade über diese, durch den Polizeieinsatz verursachte Traumatisierung, die ja auch im Titel des Buches erwähnt wird, findet sich aber dort wenig zu lesen. In rahmenden Beiträgen oder in Interviews mit damals beteiligten, führenden Polizisten lässt sich gut nachvollziehen, wie die Besetzer*innen medial markiert wurden (»Chaoten«) und in »gute und friedliche Instandbesetzer Ost« und »böse, gewalttätige Autonome West« gespalten wurden. Andere zeigen die relative Ohnmacht der DDR-Bürgerbewegung oder die Beflissenheit gerade der Westberliner SPD, sich als »Partei für Law and Order« zu positionieren und den Schutz der vielzitierten »kleine Leute« zu garantieren; ganz so als ob diese von der Hausbesetzung gefährdet gewesen waren.

2015/16 haben nun Studierende, die meist in den Jahren um 1989 geboren sind, in einem Projekt im Rahmen des Masterstudienganges Public History die Ereignisse untersucht und dokumentiert, unter anderem auf der Website https://mainzerstrasse.berlin/. Mit der nun nachgeschobenen, populärwissenschaftlichen Publikation liegt eine vereinzelt oberflächliche Veröffentlichung vor, die 28 kurze Artikel und Interviews enthält, trotzdem einen gewissen Einblick verschafft und in der beeindruckende Fotos unter anderem von Harald Hauswald enthalten sind.

Insgesamt ein Band, der auf den ersten Blick wie einer wirkt, der in Berlin in den Abteilungen für Tourist*innen der Buchläden liegt, aber doch einige Aspekte dieses Sommers dokumentiert, die nicht vergessen werden sollten.

Bernd Hüttner

Stuttgart Kaputtgart

Simon Steiner (Hrsg.)
Wie der Punk nach Stuttgart kam & wo er hinging
EDITIONrandgruppe 2017
370 Seiten
65€

stuttgart punk.jpg

Es ist ein großer schwarz-gelber Block – Kantenlänge 24 x 34 cm, ein Schuber gefüllt mit einer CD und 11 schmalen Heften mit insgesamt 370 Seiten voller Texte, ergänzt um rund 700 Abbildungen. „Die gelben Seiten des Stuttgarter Punk“ – so nennt es der Verlag, und das ist es auch. Es sind Seiten voller Geschichten, Anekdoten, Namen, Bands, Orten und Beziehungen, die Geschichte der Stuttgarter Gegenkultur wird mit jedem Satz für die Leser*innen lebendiger. Das Kompendium ist im Herbst 2017 im Stuttgarter Kunstverlag Edition Randgruppe in einer Auflage von 1000 Exemplaren erschienen und nennt sich „Wie der Punk nach Stuttgart kam & wo er hinging… Punk/Wave/Neue Deutsche Welle in Stuttgart und der Region 1977 bis 1983. Entwicklungen bis heute.“

Der pensionierte Stuttgarter Lehrer Simon Steiner hat es mit umfassender Netzwerkarbeit in einem Wahnsinnsprojekt erschaffen. Er hat mehr als 100 Interviews mit Zeitzeug*innen geführt und akribisch unzählige Fanzines, Kassetten, Platten, Klamotten, Fotos, Flyer und Plakate gesammelt. Steiner selbst war nach eigenen Angaben nur am Rande Teil der Punkbewegung, er spielte 1981 in den lokalen New Wave Bands Mannschreck, Sissis Kinder und F.A.K. Unterstützt wurde Steiner von Norbert Prothmann, Mitglied der damaligen Stuttgarter Punkszene, und dem Plattensammler und Labelmacher von Incognito Records, Barney Schmidt. Schmidt war vor allem für die hörbare Geschichte zuständig: Die beigelegte CD trägt den Titel „Punk – Wave – Avantgarde in Stuttgart und Umgebung 1980-1983“. Das Projekt wurde 2017 mithilfe einer Crowdfunding-Aktion und dem Verlag Edition Randgruppe von Uli Schwinge realisiert. Der Verleger konnte sich zu seinem eigenen Leidwesen nicht zu einem einfachen Taschenbuch durchringen, es musste „fett“ werden, das hätten sich die Punks im Land der Kehrwoche verdient.

In den Texten wird Punk in Stuttgart und Umgebung erlebbar, die Leser*innen werden quasi am Nasenring durch die damaligen Orte und Szenen geführt. „Mir gehen diese Uniformierungen auf den Sack, alle laufen mit Lederjacke rum“, schreit es aus der Ecke und der Rentner, der seinen Pudel Gassi führt, flucht: „Die dackeln hier rum und feiern das ganze Jahr Fasching“. Treffpunkt der unangepassten Jugend war und ist der kleine Schloßplatz im Zentrum der Stadt. Dessen heutige Treppenkonstruktion geht auf die Vorliebe der Jugendlichen zurück, Treppen anstatt fertiger Bänke als Sitzmöbel im öffentlichen Raum zu nutzen. Wie verändert Musik und Mode das Denken? Werden wir durch einen unangepassten Haarschnitt politisch? Fragen, die sich 1980 von selbst beantworteten, wenn die Antwort auf das erste selbst besprühte T-Shirt und die blondierten und rasierten Haare eine Tracht Prügel war. Umfassend ergänzt werden die Berichte durch Auszüge aus den ca. 50 Stuttgarter Fanzines, die damals erschienen sind. Die Schreibmaschine war laut, getippt wurde zumeist im 2-Finger-Suchsystem und manch ein nächtlicher Kreativitätsschub wurde von lärmempfindlichen Eltern vorzeitig abgewürgt. Fanzines machen, das hieß nicht nur Texte zu fabrizieren, das war (und ist) auch die Gestaltung von Artwork, Layout und selbst gezeichneten Comics – immer haarscharf an Kunst und Trash vorbei. Attitüde, Politik und Identität – wer waren diese ersten Punks? Sie waren vor allem hedonistisch und wollten heraus aus dem engen Leben im schwäbischen Ländle. Linke Ideologien wurden erst nach und nach Thema – politische Endlosdiskussionen hatten die Punks satt. Hausbesetzungen stillten primär das Bedürfnis, umsonst wohnen zu können. Der Sprung ins Jahr 2017 zeigt dagegen eine Punk-Attitüde, die zumeist politisch und immer antifaschistisch ist. Auch die Aktiven von heute kommen zu Wort, z.B. Benjamin von Karies und Flavio von Human Abfall, und erzählen von ihren ersten Punk-Momenten in den 90er und 00er Jahren.

Die von Barney Schmidt zusammengestellte CD läuft durch und umfasst 37 Lieder mit illustren Titeln wie Eva Braun & Loki Schmidt von Autofick und Höfliche Terroristen von Frauen & Technik. Für Schmidt war die Zeit bis 1983 die kreativste und originellste Phase des Punk und seiner Subgenres. Es gab im Großraum Stuttgart zwischen 1977 und 1983 ca. 95 Bands mit existierenden Aufnahmen und etwa 85 ohne Veröffentlichungen – darunter mit Frauenklink übrigens nur eine einzige Band, die nur aus Frauen bestand. Entstanden sind in diesem Zeitraum 100 Kassetten und 30 LPs. Stilistisch grob eingeteilt in Punkrock, New Wave, Minimal Elektro, Noise, Experimental und Oi!. Vinyl produzieren war zu teuer und zu aufwändig, Kassetten ließen sich im Home-Taping leicht vervielfältigen und direkt bei Konzerten an das Publikum verteilen. Sie wurden in Heimarbeit zu kleinen Kunstwerken in Minimalauflagen. Jede noch so obskure Proberaumband konnte über die Kassettenvertriebe berühmt werden, ohne je ein einziges Konzert gespielt zu haben. Aus importierten Klängen aus London wurde Eigenes – „man konnte alles ausprobieren, weil es alles mögliche gleichzeitig gab“, beschreibt es der Punk-Musiker Sandro. Während Demo-Kassetten Kreisliga waren, eine eigene Platte war Champions League. Partner der Welt veröffentlichten 1980 ihre EP Moderne Zeiten: „Eine reine Studioproduktion“, erzählt Sänger Fritz. „Wir machten keine Gigs und verschenkten die Platte an Verwandte und Bekannte“. Attraktiv & Preiswert brachten ihre LP in der Auflage von 207 Stück in einer Original Plastiktüte der A&P Supermarktkette heraus, heute ein rares Sammlerobjekt. Vinyl-Veröffentlichungen waren Monumente für die Ewigkeit, die insbesondere durch Labels wie Mülleimer Records aus Stuttgart und Intoleranz aus Pforzheim vertrieben wurden. Voller Begeisterung über das vorhandene Material stellte Barney Schmidt eine separat erschienene Doppel-LP mit seltenen Aufnahmen zusammen. Auf der Doppel-LP und der CD sind zusammen 50 dieser Bands vertreten – kaputt, schräg, witzig aber auch ernst zu nehmen. In Stuttgart wurde 2017 das gesamte Oeuvre im Württembergischen Kunstverein gebührend mit einer Ausstellung gefeiert.

Ich hatte mehr als Spaß und kann euch nur empfehlen, dieses Kompendium im Shop der Edition Randgruppe zu erwerben – ein paar wenige Ausgaben sind noch erhältlich –  und tief in die Frühzeit des schwäbischen Punks einzutauchen.

Begleitend gibt es auf der Webseite Stuttgart Punk weitere Informationen und Berichte.

Jimi NoMore,  Berlin,  Juli 2020

Wildes Düsseldorf

ar/gee gleim / Xao Seffcheque & Edmund Labonté (Hrsg.)
Geschichte wird gemacht. Deutscher Underground in den Achtzigern
Heyne Hardcore 2019
244 Seiten, inklusive CD mit 7 Songs
30€

Prolog:
Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran!
Spacelabs fallen auf Inseln, vergessen macht sich breit, es geht voran!
Berge explodieren, Schuld hat der Präsident, es geht voran!
Graue B-Film-Helden regieren bald die Welt, es geht voran! 
(Fehlfarben – Ein Jahr, es geht voran)

Acover.jpgr/gee gleim wurde 1941 in Düsseldorf unter dem Namen Richard Gleim geboren, bekannt wurde der gelernte Gärtner vor allem für seine Fotografien, die ab Ende der 1970er Jahre im Umfeld der aufkeimenden deutschen Punk- und New-Wave-Szene entstanden.

„Ich habe mal eine Ausstellung namens ‚Wildes Düsseldorf’ gemacht, in der ich Bilder von ausschließlich wild vorkommenden Pflanzen in der Stadt gezeigt habe. Doch das Publikum hat nur Blümchen gesehen und dem Aussteller war das nicht politisch genug. Immer wieder dasselbe. (…) Als Gärtner steht man außerhalb dieses Schlachtfeldes und versucht, ein Verständnis für die Vielfalt und Größe des Daseins zu vermitteln. (…). Also bin ich nach wie vor Gärtner und das vor dem Fotografen.“

Die Herausgeber von Geschichte wird gemacht, Xao Seffcheque und Edmund Labonte,  waren selbst in den 1980er Jahren im und um den Düsseldorfer Ratinger Hof – dem Zentrum der Punk- und New-Wave-Szene der Modestadt – aktiv. Ein Besuch beim größten Bücherversand der Welt gibt uns erste Orientierung, um was es hier gehen könnte:

18. März 2019 2,0 von 5 Sternen Hier sehen die frühen 80er langweiliger aus, als sie waren!

8. März 2019 1,0 von 5 Sternen Gefällt mir nicht  Das Cover finde ich nicht ansprechend. Hätte mir mehr Farben gewünscht.

244 Seiten ermöglichen dem Rezensenten 122 mal umzublättern. Dabei begegnen ihm 200 imposante und teilweise zuvor unveröffentlichte Schwarzweiß-Fotos aus dem Ouevre von ar/gee. Er selbst unterstützt die Bilder mit kleinen Anekdoten. Er erinnert sich in kurzen, fotografisch anmutenden Blitzlichtern an seine nicht-heimlichen Aufnahmen der vermeintlichen Residents am Bahnhof in Frankfurt, an Aufnahmen von Nico, Julie Jigsaw und Johnny Thunders. Ar/gee war dabei nicht nur in seiner Heimatstadt Düsseldorf unterwegs, auch in Wuppertal, Hamburg und Berlin fungierte er als Kronzeuge des nahenden Untergangs – die Achtziger, No Future, der Rest ist Geschichte. Bilder von frühen Auftritten der Ärzte und der Toten Hosen wechseln mit wirklich eindrücklichen Bildern vom Auftritt der amerikanischen Skandal-Band The Plasmatics im Metropol Berlin 1982. Geschichte wird gemacht und schon geht es weiter mit Aufnahmen von Östro 430, Abwärts, S.Y.P.H. oder den Einstürzende Neubauten. Dazwischen zeigen Bilder vom gelangweilten oder erstaunten Publikum im Ratinger Hof oder beim Hagener New Wave Festival 1980, dass die Szene nicht nur aus den neuen Stars auf der Bühne bestand.

Zwischen den Fotographien Spalten voller Buchstaben: 15 Essays von Musiker*innen, Journalist*innen und Autor*innen erzählen ganz eigene Geschichten von einem jeweils ganz eigenen Universum. Zeitzeugen wie Peter Hein (Fehlfarben / Family*5) und Hans Nieswandt wechseln sich ab mit später geborenen wie Miriam Spies, Katja Kullmann und Hendrik Otremba (Messer). Der Blick wechselt mit jedem Essay, aber die Message bleibt gleich. Es ist immer eine Zeitreise ins eigene Ich, die die Autoren unternehmen. Eine sehr persönliche Reise zum Erweckungsmoment, dem Jahr der Kontaktaufnahme oder dem Culture-Clash mit der „normalen“ Welt.

„In Friedrichshafen kam der Punk so richtig im Jahr 1979 an. (…) Ohne die Fotos von ar/gee und anderen (…) hätten wir gar nicht gewusst was wir anziehen sollen“ beginnt Hans Nieswandt seinen Essay über Kleidungs- und Haarfragen. Wolfgang Zechner bringt es für sich so auf den Punkt: „DAF haben den Schalter in meinem Kopf umgelegt, haben mein Gehirn neu formatiert“. Hendrik Otremba, Mastermind der neu-modernen Münsteraner Band Messer widmet sich dagegen Genesis P-Orridges dunklen Künsten. P-Orridges Band Throbbing Gristle („pochender Knorpel“, in der Umgangssprache von Yorkshire die Bezeichnung für einen erigierten Penis) war stilbildend für das spätere Genre Industrial. Katja Kullmann wiederum geht in eine Art Gespräch mit sich, dem Auftraggeber Seffcheque und dem Publikum. Ganz anders wird es wieder bei Frank Spilker, Sänger von Die Sterne. Spilker erinnert sich an sein ganz eigenes 1982 und seine enttäuschende Feststellung zu spät geboren zu sein: „Wir sind die, die es nicht mehr genauso machen können, wie die, die uns fünf Jahre zuvorgekommen sind. Wir sind gezwungen etwas neues zu machen.“

Am Ende dieser Geschichte gibt es dann den Soundtrack unserer Vergangenheit. Die Ärzte, Family*5, Palais Schaumburg, Andreas Dorau, Östro 430, Der Plan und The Wirtschaftswunder finden sich mit jeweils einem Titel auf einer beiliegenden CD. Stilecht wäre dagegen wohl eine 7“Single gewesen.

Am 16. Juli diesen Jahres ist ar/gee in Düsseldorf gestorben und dieser Fotoband wirkt nun wie sein Vermächtnis. Ich danke Xao Seffcheque, Edmod Labonte und vor allem ar/gee für dieses Buch.

Aber lassen wir ar/gee doch selbst sprechen:

Gnogongo.de: Publiziert am 22. März 2019 von ar/gee: Mir fällt auf, dass in fast allen Rezensionen zum Buch der Ratinger Hof im Mittelpunkt steht. Dabei ist nicht mal ein Viertel der Bilder dort entstanden. Auch damals war die Welt größer.

Epilog:
Bilder von früher
Um ganz ehrlich zu sein
Bitte zeigt sie mir nicht mehr
Menschen machen Fotos gegenseitig
Zu beweisen dass sie wirklich existierten
Auf Nummer sicher zu gehen dass sie da sind

(Goldene Zitronen – Menschen machen Fotos gegenseitig)

Jimi NoMore

Hyper! A Journey into Art and Music

Es sind (zumindest für Berliner Clubgänger*innen) bekannte Gesichter, die die Besucher*innen gleich zu Beginn der Ausstellung Hyper! in den Hamburger Deichtorhallen begrüßen: auf großformatigen Portraits von Fotograf und Berghain-Türsteher Sven Marquardt sind seine Türsteherkolleg*innen zu sehen. Dieser Einstieg ist programmatisch, denn bei der Ausstellung spielt Clubkultur als Bezugspunkt für Kunst und Musik eine große Rolle. Das Berghain selbst verbindet schon seit Jahren unterschiedliche kulturelle Sphären miteinander – es ist nicht nur ein Technoclub, sondern Ort für experimentelle Musik, bildende Kunst, Tanztheater und vieles mehr. Auch deshalb finden sich wohl immer wieder Verbindungen zum Berghain: neben Marquardts Portraits ist ein Korkmodell des Berliner Clubs von Philip Topolavac ausgestellt, es sind Arbeiten der Fotografin Frederike von Rauch zu sehen, die in Zusammenarbeit mit dem Berghain-Resident Marcel Dettmann entstanden sind. Von Wolfgang Tillmanns, von dem auch Fotografien in den Räumen des Berliner Clubs zu sehen sind, wird eine breite Auswahl an Musiker*innenportraits gezeigt, darunter Techno-DJs genauso wie Mainstream-Popstars. Es sind viele weitere Bezüge zur Technoszene zu entdecken – von den von Scooter inspirierten Malereien von Albert Oehlen, Fotoarbeiten des Kölner Techno-Urgesteins Wolfgang Voigt (hier das erste Mal in einer Ausstellung zu sehen) bis zu einer großformatigen Fotographie von Andreas Gursky aus dem ehemaligen Frankfurter Technoclub Cocoon.

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Philip Topolovac: I’ve Never Been to Berghain, 2016 © Philip Topolovac/VG Bild-Kunst Bonn, 2019

Clubkultur und Techno sind allerdings nicht die einzigen Bezugspunkte, es findet sich eine große Breite an unterschiedlichen Stilen – u.a. Mainstream-Pop, (Post)-Punk, experimentelle Musik, Klassik und Noise. Sie repräsentieren die persönlichen Perspektiven des Kurators Max Dax, der in der Vergangenheit auch Chefredakteur der Spex und des von der Telekom herausgegebenen Electronic Beats Magazins war. Langjährige Leser*innen dieser (mittlerweile beide als Printmagazine eingestellten) Zeitschriften finden entsprechend vieles wieder, was in diesen diskurspoppigen Magazinen thematisiert wurde. Dazu gehören z. B. Arbeiten von Kim Gordon (Sonic Youth), Michaela Melián (FSK), Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris), Christof Schlingensief (Thema ist seine Beschäftigung mit Richard Wagner) oder K Foundation (The KLF). Auch Plattencover (bzw. Material, das für Plattencover genutzt wurde) von u.a. Daniel Richter (für die Goldenen Zitronen), Emil Schult (für Kraftwerk), Thomas Ruff (für Family*5), Cosima von Bonin (für Moritz von Oswald Trio) oder Rosemarie Trockel (für Kreidler) werden gezeigt. Auch wenn sehr unterschiedliche künstlerische und musikalische Kontexte nebeneinander stehen, beliebig wirkt die Auswahl nicht. Die Ausstellung verbindet Pop, sogenannte Hochkultur, Avantgarde und subkulturellen Untergrund und macht deutlich, wie sehr diese kulturellen Bereiche miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig bedingen – und wie produktiv es sein kann, die Grenzen zwischen solchen Kategorien auch in einer Ausstellung zu sprengen.

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Rutherford Chang: We Buy White Albums, 2013 – 2019 © Rutherford Chang

Zu den vielen Highlights der Ausstellung gehört z. B. das Werk „We Collect White Albums“, für das der Künstler Rutherford Chang mehr als 2.000 gebrauchte Exemplare des White Albums der Beatles zusammengetragen hat. Die Alben sind durch den Gebrauch durch die ehemaligen Besitzer*innen zu Einzelstücken geworden, das Kunstwerk spielt mit der Spannung der im Pop üblichen Massenproduktion von Tonträgern und dem in der Kunst zentralen Rolle des einzigartigen Originals. Beeindruckend sind mehrere Videoarbeiten – neben Cyprien Gaillards hypnotisierendem „Nightlife“  und Mark Leckeys Collage subkultureller Tanzstile „Fiorucci made me Hardcore“ insbesondere APEX von Arthur Jafa, in dem der afroamerikanische Künstler im Sekundentakt Hip-Hop-Plattencover, Bilder von Aliens oder auch schwer zu ertragene Bilder von gelynchten Schwarzen aneinander geschnitten hat. Jafa will eine alternative, afroamerikanische (Pop)Kulturgeschichte schreiben, als Soundtrack läuft der brachiale Minimal-Techno-Track „Minus“ des Detroiter Techno-Produzenten Robert Hood von 1994 – ein Track, der bis heute auch im Berghain gespielt wird und eine überraschende Verbindung zum Beginn der Ausstellung schlägt.

9783864422836_0.jpgDer bei Snoeck erschienene Katalog zur Ausstellung enthält Interviews, die Kurator Max Dax mit einem Großteil der vertretenen Künstler*innen geführt hat, und reichhaltiges Bildmaterial. Als Reader und Dokumentation der Ausstellung, die noch bis zum 4. August gezeigt wird, ist er wunderbar geeignet, tiefer in die Verbindungen zwischen Kunst und Musik einzutauchen.

Eine weitere Ausstellung, die sich an der Schnittstelle zwischen Musik und Kunst bewegt, ist im Augenblick in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main zu sehen. In „Big Orchestra“ werden Werke gezeigt, die auch als Musikinstrumente im weitesten Sinne funktionieren. Hier lohnt es sich, auf das Begleitprogramm zu schauen, da diese Werke erst dann wirklich verständlich sind, wenn sie auch genutzt werden können (was im regulären Ausstellungsbetrieb nur vereinzelt möglich ist). Deutlich weniger stark sind hier die Bezüge auf Pop und Subkultur, aber ein bisschen experimenteller Techno ist mit der Installation von Carsten Nicolai vertreten. Auf vier Plattenspieler können auf spezielle Platten gepresste Loops abgespielt und miteinander kombiniert werden. Im Berghain ist Nicolai übrigens auch schon einige Male aufgetreten.

Hyper! A Journey into Art and Music. Deichtorhallen, Hamburg. bis zum 4.8.2019

Big Orchestra. Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main, bis 8.9.2019

Max Dax und Dirk Luckow
Ausstellungskatalog Hyper! 
Snoeck 2019
288 Seiten
49,80€
In Deutsch und Englisch erhältlich.

Daniel Schneider

The future is female!

Scarlett Curtis (Hrsg.)
The future is female! Was Frauen über Feminismus denken
Goldmann, 2018
416 S.
12,00€

The future is female von

“the future is female! Was Frauen über Feminismus denken” ist die Anfang Oktober 2018 erschienene deutsche Übersetzung von “Feminists don’t wear pink (and other lies). Amazing women on what the F-word means to them“. Scarlett Curtis als Herausgeberin versammelt darin über 60 Beiträge von Autor*innen, hauptsächlich aus Großbritannien und den USA, die als Erzählungen, Erfahrungsberichte, Fiktionen, Gedichte, Ratschläge, Buch- und Playlist-Empfehlungen gelesen werden können. In der deutschen Ausgabe sind Artikel von Katrin Bauerfeind, Milena Glimbovski, Karla Paul, Fränzi Kühne, Tijen Onaran und Stefanie Lohaus hinzugenommen.

Eingeleitet wird die Sammlung von einem Beitrag der Mädchenrechtsorganisation „Girl up“ sowie einem Vorwort von Scarlett Curtis, in welchem sie ihren eigenen Weg zur Feministin beschreibt. Sie benennt dabei zwei wichtige Punkte, die sich in der Buchgestaltung wiederfinden: Zum Einen die Erkenntnis, wie viele unzutreffende Vorstellungen es bezüglich des Feminismus generell und des Handelns von Feminist*innen konkret gibt. In der englischsprachigen Originalausgabe entsteht hier der Bezug zum Titel – „feminists don‘t wear pink (and other lies)“. Zum Zweiten benennt Curtis die Relevanz literarischer Zugänge, um den eigenen Vorstellungshorizont zu erweitern, und stellt die Intention des vorliegenden Sammelbandes vor als „ein Buch über Gefühle die zu Gedanken werden die zu Taten werden.” So sind die im Buch gesammelten Essays in fünf Abschnitte unterteilt, die Curtis als „die fünf Stadien des Feminismus“ auffasst – Erleuchtung, Zorn, Freude, Aktion und Bildung.

Stadium 1 „Erleuchtung“

„Erleuchtung“ sammelt Erzählungen, wie die Autor*innen zur Auseinandersetzung und Identifikation mit Feminismus kamen und was „the F-word“ für sie persönlich bedeutet. Liv Little schreibt über die Vielfältigkeit von Vulven, Paranoia in Bezug auf den eigenen Körper und die Relevanz von angemessener Sprache. Charlie Craggs beschreibt ihre Chronologie des Aufwachsens als Trans*frau. Lolly Adefope beschreibt ein alptraumhaftes Quizshowszenario, das in der Unmöglichkeit gipfelt, die eigene Identität als a) Schwarz oder b) Frau  beschreiben zu sollen – Zuschreibung durch Publikumsjoker inklusive. Helen Fieding lässt unter dem Titel „Bridget Jones – Feminismus zum Frühstück“ ihre Romanfigur in den alten Tagebüchern von 1996 blättern und rückt Erlebnisse von damals in einen aktuellen Kontext.

Stadium 2 „Zorn“

Im  Kapitel „Zorn“ beschreibt Angela Lee, wie sie als Heranwachsende beim Wort „Feministin“ immer an „weiße Frauen ohne BH“ denken musste, „die demonstrierten und Forderungen stellten, die [ihr] fremd waren.“ Milena Glimbovksi thematisiert den Gedankengang, ob wir den Feminismus noch bräuchten, weil für Frauen doch eigentlich längst alle Hindernisse überwunden wären. Sie beantwortet die Frage mit einem Zitat aus einem Gespräch, dass sie mit Sookee geführt hat und nennt es den „Satz, der alles veränderte“: „Nur weil es dich nicht betrifft, heißt es nicht, dass es nicht stattfindet.“ Diese kritischen Gedankengänge fehlen bei anderen Beiträgen manchmal, wenn die Autor*innen von anscheinend längst überholten feministischen Kämpfen schreiben, ohne zu reflektieren, dass das für sie selbst in ihrer spezifischen zeitlichen, räumlichen und sozialen Positionierung gelten mag, aber kein generalisierter Zustand ist.

Stadium 3 „Freude“

Das Kapitel „Freude“ versammelt neben einem Artikel von Scarlett Curtis zu passenden  Erwiderungen auf Fragen wie, was denn Feminismus überhaupt sei und wozu man ihn heute noch bräuchte, eine Playlistempfehlung von Akilah Hughes sowie ein Interview von Jodie Whittaker mit ihrer Mutter. Im  Einschub „Poesie“ finden sich Gedichte und kurze Geschichten.

Stadium 4 „Aktion“

Im Kapitel „Aktion“ betont Alicia Garza mit Bezug auf die Feminismus-Definition von Marie Shear aus 1986 – „feminism is the radical notion that women are people“ –  dass es nicht reicht, „daran zu glauben, dass Frauen Menschen sind, wenn unser Handeln […] auf etwas anderes hindeutet“, und spricht damit gewaltvolle, ungerechte Verhältnisse an, wie sie aktuell in den USA existieren. Gemma Arterton entwirft ein alternatives Szenario für ihre Rolle der Strawberry Fields, die, anders als im Film von 2008, James Bond mit Hinweis auf sein chauvinistisches Verhalten einen Korb gibt. Beanie Feldstein betont die  Bereicherung, sich Geschichten anderer Frauen anzuhören, „um die beste Feministin zu sein, die ich sein kann“. Nimco Ali als FGM-Betroffene schreibt über die Auseinandersetzung darüber, ihre Mutter heute als feministisches Vorbild anerkennen zu können. Amika George macht sich in ihrem Beitrag daran, das Thema der Menstruation zu enttabuisieren, und Dolly Alderton leitet mit einer  treffend verfassten To-Do-Liste zur Demontage und Zerstörung verinnerlichter Misogynie an.

Stadium 5 „Bildung“

Im Kapitel  „Bildung“ macht Herstory UK-Gründerin Alice Wroe auf die Notwendigkeit der Sichtbarmachung marginalisierter Positionen in der Geschichtsschreibung und -vermittlung aufmerksam und stellt fünf historische, selbstorganisierte Zusammenhänge vor, in denen Frauen gekämpft und Gesellschaft verändert haben. Claire Horn gibt in ihrem Beitrag eine Übersicht zur Geschichte des Feminismus in Großbritannien, und Emma Watson versammelt in ihrem Beitrag feministische Buchempfehlungen des von ihr initiierten online-Buchclubs „our shared self“. Zum Abschluss verweist Curtis auf die Intention des Buches, den*die Leser*in zum feministischen Denken und Handeln ermutigt haben zu wollen, und verweist auf die abschließenden leeren Seiten mit Platz für eigene Geschichten.

Fazit

Insgesamt fällt auf, dass das Bild von „dem“ Feminismus, wie es viele Autor*innen zeichnen, ein zunächst negativ konnotiertes ist bzw. war, bis sie durch eigene Zugänge für sich entdeckten, dass das negative Bild wenig mit dem zu tun hat, wie Feminismen heute tatsächlich gelebt werden. Das wird auch in der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Beiträge sehr deutlich – von berührend, empowernd, sensibilisierend und wütend bis hin zu humorvoll und praktisch.

Im Großen und Ganzen liest sich “the future is female!” unter der formulierten Intention, durch das Erzählen von verschiedenen Perspektiven und einer positiven Besetzung des Begriffes, gerade für junge Frauen* Zugänge zum Feminismus schaffen zu wollen, sehr stimmig. Ausgesprochen problematisch ist jedoch die Form der deutschen Übersetzung. Der Begriff “Woman of Color” wird mehrfach als “farbige Frau” übersetzt, und die Verwendung des kolonialgeschichtlich-rassistisch geprägten Begriffs verunmöglicht es, das Buch uneingeschränkt weiterzuempfehlen.

Jana Sämann 

(Praktikantin von August bis Oktober 2018 beim Bildungsprojekt „Diversity Box“ zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, http://www.diversitybox.jugendkulturen.de)

A Typical Girl

Viv Albertine
A Typical Girl
[Clothes, clothes, clothes. Music, music, music. Boys, boys, boys: a memoir]
Suhrkamp, 2016
478 S.
18,00€

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Lektüreseminars „40 Jahre Punk“ an der Universität Oldenburg unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Binas-Preisendörfer enstanden.

Bild_Albertine„Wer seine Autobiografie schreibt, ist entweder bescheuert oder pleite. Bei mir ist es ein bisschen was von beidem“, schreibt Viv Albertine. Welch ein Glück, denn so erleben wir in ihren Memoiren „A Typical Girl“ mit, wie sie Gitarristin bei den Slits wird, in der Punk-Szene abhängt, welche Mode-Leidenschaften sie hat und in welche Beziehungsgeflechte sie gerät.

A Typical Girl dokumentiert das Lebensgefühl der frühen Punk-Bewegung. Ehrlich, authentisch, fesselnd, lustig und ernst – die Biografie ist nicht nur ein Bekenntnis einer Musikerin in einer bewegten Zeit. Sie ist auch ein Bericht versuchter Rebellion und neuer Lebensentwürfe. Schon der Name der Band The Slits war eine Provokation. „Die Schlitze“, waren in zweifacher Hinsicht Avantgardistinnen des Punk: als Musikerinnen und vor allem als Frauen.  Den Status als eine der einflussreichsten britischen Punkbands mussten sie sich aber hart erkämpfen. So durften sie auf der Tour mit The Clash zum Beispiel in keinem der Hotels übernachten. Sie reagierten auf diese Diskriminierung umso hemmungsloser. „Wir werden behandelt wie Außenseiter, also benehmen wir uns auch so“, beschreibt es die Slits-Gitarristin.

Wer sich für Punk interessiert, kann in der Autobiografie von Albertine, sicherlich noch Neues erfahren. Besonders ihre Wegbegleiter spielen eine wichtige Rolle. Ob die sprunghafte Beziehung zu Mick Jones von The Clash oder die Bekanntschaft mit Sid Vicious, Bassist der Sex Pistols. Doch auch Randfiguren gibt Albertine eine Bühne. Besonders, wenn es sich dabei um Frauen handelt. Sie nimmt fast jede Frau zur Kenntnis, die für sie in irgendeiner Art und Weise interessant erscheint.Die Geschichte von Viv Albertine ist nicht nur eine über Musik. Es ist eine Geschichte über Solidarität und Liebe zwischen Frauen, die sich gegenseitig stärken und inspirieren.

Mit dem Musikerleben und dem Rampenlicht ist es auf der B-Seite, dem zweiten Teil des Buches, aber bald vorbei. Sie hat nicht so viel Wirbel und Wumms wie die A-Seite, sondern schlägt ruhigere Töne an. Die Slits trennen sich im Jahr 1981. Der Verlust der Band trifft Viv Albertine schwer. Sie verschwindet nicht nur von der Bildfläche, sondern entfernt sich von sich selbst. Sie schreibt über eine Frau, die einen Mann heiratet, weil er technisch begabt ist und Geld verdient. Ihre Leidenschaft, die Musik, stellt sie zurück, damit die Ehe funktioniert. Die Frau, die Viv Albertine in der zweiten Hälfte ihrer Biografie beschreibt, ähnelt nicht mehr der kompromisslosen und leidenschaftlichen Musikerin der A-Seite. Es folgen etliche Tiefschläge: Fehlgeburten, Gebärmutterhalskrebs und zuletzt das Scheitern ihrer Ehe. Dennoch arbeitet Albertine mutig ihre Ängste auf und zeigt den langen, oft schmerzhaften Prozess zwischen Selbstverwirklichung und Selbstaufgabe. Es dauert viele Jahre, bis sie wieder auf die Bühne steht. Dennoch schafft sie es, sich selbst und ihrem Umfeld zu beweisen, welche Stärke in ihr steckt. Sie tritt mit den New Slits auf, nimmt sogar ein Solo-Album auf.

A Typical Girl ist ein schonungsloses, ehrliches und außerordentlich sympathisches Buch. Man kann lesend miterleben, wie aus einem unsicheren Mädchen eine reife Frau wird. Besonders außergewöhnlich ist auch die Aufteilung. In 95 kurzen, mal mehr und mal weniger ausführlichen Kapiteln, schreibt Viv Albertine assoziativ, persönlich und schreckt auch vor derber Sprache nicht zurück. Dabei wird sie nie ausfallend oder taktlos, sondern schafft es, ihre Geschichten ausdrucksstark zu erzählen. Die authentischen Geschichten und die erzählerische Kraft verleiht den Memoiren die besondere Stärke.

Laura Ranko

Punk Is Dead

Richard Cabut, Andrew Gallix (Hg.)
Punk Is Dead – Modernity Killed Every Night
Zero Books, 2017
337 S.
19,99 €

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Lektüreseminars „40 Jahre Punk“ an der Universität Oldenburg unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Binas-Preisendörfer enstanden.

Das Cover des Buchs "Punk is Dead"40 Jahre Punk! Anlässlich dieses Jubiläums im im letzten Jahr, sind wieder diverse Bücher erschienen. Dazu gehört auch die Anthologie „Punk is Dead – Modernity Killed Every Night“. Im Sammelband kommen Autor*innen zu Wort, die, wie die beiden Herausgeber, Richard Cabut und Andrew Gallix, selbst Teil der britischen Punk-Szene waren, noch bevor diese überhaupt „Punk“ genannt wurde. Sie vertreten die Position, dass Punk mit seiner Benennung gestorben sei. Es geht also weniger um die These, dass Punk heute tot ist, sondern eher darum, dass er einhergehend mit der begrifflichen Fixierung aufgehört habe zu existieren. Das Buch unternimmt den Versuch, Punk als Kaleidoskop verschiedener Perspektiven abzubilden, sich ihm also in seiner Multidimensionalität zu nähern.

Das Besondere an diesen Essays, Interviews und historischen Dokumenten ist, dass sie meist subjektive, persönliche und einander widersprechende Eindrücke des britischen Punk der 1970er Jahre schildern. Punk lässt sich, das legt der Sammelband nahe, nur in seinem vielfältigen Wirken und nicht durch eine einheitliche Charakterisierung greifen. Damit lässt sich erklären, warum beispielsweise Simon Reynolds 1986 von der Allgegenwärtigkeit des Punk in der Popmusik schreibt, Andy Blade hingegen bereits 1977 das Ende des Punks postuliert. Es kommen nicht nur Autor*innen zu Wort, die sich auf Malcom McLaren – Manager der Sex Pistols und Besitzer des Ladens SEX – und seinen Einfluss auf Mode, Musik und Punk als Kunst konzentrieren, sondern auch solche, für die dieser keinerlei Bedeutung hat. Für letztere, darunter Penny Rimbaud, ist Punk beispielsweise von Bedeutung, weil er totale Anarchie meint.

Es ist augenscheinlich, dass es in diesem Buch weniger um die Musik als vielmehr um die britische Szene der Punks in ihrer Gesamtheit geht. Dabei spielt Musik in den meisten Fällen eine Nebenrolle, ist eher ein Teil eines Ganzen, wie es zum Beispiel Rimbaud, ehemaliger Schlagzeuger der Band „Crass“, beschreibt:
Punk isn’t about music, it’s a way of life, a way of thought. Punk isn’t a fashion, it’s a way of being, it‘s anarchy in the UK, USA, wherever, and that isn’t tuned guitars and pretty lyrics (S. 178).
Weitere dargestellte, zentrale Bestandteile der Szene sind Mode, Medien, Kunst sowie der Raum (das Roxy, SEX, besetzte Häuser). Mal wird sich auf den Situationismus (Situationist International) und King Mob als Grundlage für die Ideen des ehemaligen Kunst-Studenten Malcom McLaren konzentriert, mal auf die politische Rebellion oder den Ruf nach Anarchie als Grundlage jugendlichen Handelns.

Die Anthologie ist nicht als eine weitere, neue Geschichtsschreibung zu lesen. Eher handelt es sich hier um eine, im wahrsten Sinne des Wortes, „eindrucksvolle“ Ergänzung der bisherigen Literatur über Punk. Zu den Autor*innen zählen neben den erwähnten Penny Rimbaud und Simon Reynolds, der 2005 ein Buch zum Post-Punk veröffentlichte, unter anderem auch der ehemalige Fanzine-Autor Jon Savage, der Autor des ersten Sex-Pistols-Interviews Jonh Ingham, der Journalist und Autor Barney Hoskyns und Paul Gorman, der 2019 eine Biographie über Malcom McLaren veröffentlichen wird. Unter den insgesamt 21 Autorinnen und Autoren befinden sich auch zwei Frauen: Judy Nylon, die 1970 aus Amerika nach London kam und dort unter anderem die Band „Snatch“ gründete, und Dorothy Max Prior, ehemalige Go-Go-Tänzerin, mittlerweile Performance-Künstlerin. Die Tatsache, dass lediglich zwei weibliche Ex-Punks zu Wort kommen, führt unweigerlich zu der Frage, ob Punk eine männlich dominierte Szene war, oder bisher meist aus männlicher Perspektive erzählt wurde.

Schließlich ist festzustellen, dass sich dieses Buch nur bedingt als Einstieg in die Beschäftigung mit dem weiten Feld Punk eignet, da sehr viel Hintergrundwissen über die britische Punk-Szene vorausgesetzt wird. So wird von Personen und Treffpunkten berichtet, die allerdings nicht weiter erläutert werden. Auch sind die Texte weniger wissenschaftlich als eher subjektiv und essayistisch gestaltet. Die dabei oftmals Verwendung findende Umgangssprache kann bei Nicht-Muttersprachlern durchaus zu Verwirrungen führen. Jedoch birgt dieser Sammelband auch die Chance, Themenfelder zu entdecken, die bisher noch nicht erschöpfend erforscht sind.

Veronika Volbers

„Alle mitgedacht?“ Vielfalt in der Bildungsarbeit thematisieren

Diversity Box- Vernetzungstreffen in Dessau

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Unser Projekt zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt „Diversity Box“ lädt ein zum Vernetzungstreffen nach Dessau/Sachsen-Anhalt am 12.November im Mehrgenerationenhaus (Erdmannsdorff Straße 3, 06844 Dessau) von 11.00 bis 17.00.

Gemeinsam wollen wir uns darüber austauschen, wie wir Rechtspopulismus entgegenwirken, Vielfalt stärken und LSBTI* in der Bildungsarbeit thematisieren können.

Unsere in Dessau gemachten Erfahrungen zu diesen Themenbereichen, möchten wir Ihnen gerne vorstellen sowie nach einem fachlichen Input von Jürgen Rausch vom LSVD Projekt „Mteinander stärken- gemeinsam Rechtspopulismus entgegenwirken“ mit Ihnen in drei thematischen AGs ins Gespräch kommen.

AG 1
Alles Inklusiv? Zum Wandel der Bildungsarbeit mit Jugendlichen
AG 2
Jugendkulturelle und medienpädagogische Workshops mit Jugendlichen: Was lernen für die eigene Praxis?
AG 3
Vielfalt in Stadt und Land – Was ist gleich? Was ist anders?

ABLAUF
11.00 Ankommen
11.15 Begrüßung und Ergebnis-Präsentation unserer Bildungsarbeit mit Jugendlichen in
Dessau (Giuseppina Lettieri, Projektleitung Diversity Box)
11.30 Einführungsvortrag zu “Bildungsarbeit zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in Stadt und Land unter Berücksichtigung von Vielfalt und Inklusion” (Jürgen Rausch/ LSVD)
12.30 Kaffee-Pause
12.45: 1. AG-Phase
AG 1: Alles Inklusiv? Zum Wandel der Bildungsarbeit mit Jugendlichen
AG 2: Jugendkulturelle und medienpädagogische Workshops mit Jugendlichen: Was lernen für die
eigene Praxis?
AG 3: Vielfalt in Stadt und Land: Was ist gleich? Was ist anders?
14.00: Imbiss und Getränke
15.00: Spoken Word Auftritt Tom Mars (Poetry Slam, Spoken Word Künstler)
15.30: 2. AG-Phase (Vertiefung und Bündelung der AG-Diskussion)
16.30: Kaffee-Pause
16.45: Abschlußrunde AG-Ergebnis-Präsentation
17.00: Ausklang

Anmeldungen bitte bis zum 08. November 2018 unter: diversitybox@jugendkulturen.de mit Angabe der gewünschten AG (Erst- und Zweitwunsch).

Die Teilnahme ist kostenlos. Für Getränke und Essen wird gesorgt. Bei der Anmeldung bitte mitangeben, ob vegetarische/ vegane Kost gewünscht ist und ob Lebensmittelallergien.

Das Vernetzungstreffen wird gefördert von

… und los geht’s!

Nach mehr als zwei Jahren ohne Förderung für den Archiv- und Bibliotheksbereich hat im August die Arbeit in unserem neuen Projekt „Pop- und Subkulturarchiv International“ begonnen – gefördert von der LOTTO-Stiftung Berlin. Seit dem 1. Oktober ist unser vierköpfiges Team nun auch komplett. Neben Projektleiter Daniel Schneider und wissenschaftlichem Bibliothekar Peter Auge Lorenz, die beide schon im Projekt „Berliner Pop- und Subkulturarchiv‘“ beschäftigt waren, stoßen nun auch Melanie Nagel als zweite wissenschaftliche Bibliothekarin und Lisa Schug als wissenschaftliche Mitarbeiterin hinzu. Bis Ende des Jahres wird das Team außerdem von Praktikant Felix Linke unterstützt.

Das Team des Projektes "Sub- und Popkulturarchiv International"

Das Team des Projektes „Pop- und Subkulturarchiv International“: Felix Linke, Daniel Schneider, Lisa Schug, Auge Lorenz & Melanie Nagel

Und wir haben einiges vor uns: Als erstes müssen wir das Material, das sich in der Zeit ohne Förderung angesammelt hat, sichten und erfassen – darunter befinden sich unzählige Kisten voller Fanzines (z. B. Ausgaben des legendären New York Rocker Fanzines aus den späten 1970er Jahren, deutsche Punkfanzines aus der bayrischen Provinz aus den 1980er Jahren, Comicfanzines aus den 1990ern oder queere Zines aus dem letzten Jahrzehnt), Musikzeitschriften aus aller Welt, Flyer- und Plakatsammlungen, Artefakte aus der Graffiti- und Street-Art-Szene und vieles mehr. Der Schwerpunkt des neuen Projektes liegt auf der Aufarbeitung und Erfassung unserer überregionalen und internationalen Bestände. Außerdem werden wir unsere Bibliothek und die Sammlung weiter ausbauen, regelmäßige Abendveranstaltungen organisieren und uns weiter mit anderen Archiven, mit Szeneakteur*innen, Museen und Forschungseinrichtungen vernetzen. Ziel ist es auch, das Archiv der Jugendkulturen als zentrale Berliner Ansprechpartner*in und Informationszentrum für Pop- und Subkultur mit globalem Fokus zu etablieren.

Auf dem Blog werden wir euch regelmäßig über unsere Arbeit berichten und interessante Fundstücke aus der Sammlung präsentieren. Außerdem wollen wir ihn auch wieder regelmäßiger mit Rezensionen befüllen. Den Anfang macht eine Reihe von Buchbesprechungen, die im Lektüreseminar „40 Jahre Punk “ an der Universität Oldenburg entstanden sind. Dazu nächste Woche mehr!

Unser Philan ist bunt – Diversity Box in Sachsen-Anhalt

Unser Philan ist bunt. Unter diesem Motto gestaltete unser Diversity Box-Team zwei Projekttage zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt am Philanthropinum Gymnasium in Dessau.

Wir waren nicht zum ersten Mal mit Workshops an dieser Schule. Ein Effekt, der sich in unserer Projektarbeit immer wieder einstellt. Viele Schulen, ob im urbanen oder ländlichen Raum brauchen vertrauensvolle Kooperationen und inhaltliche Unterstützung bei der Verankerungen dieser Themen an ihren Schulen. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt wird noch viel zu selten in der Schule thematisiert. Umso glücklicher sind wir jedes Mal über die Möglichkeit, langfristige Kooperationen mit Schulen eingehen zu können, um den engagierten Lehrer*innen vor Ort mit unseren Angeboten auf dem Weg zu einer diskriminierungsärmeren und inklusiveren Schule einen Schritt weiterzuhelfen.

Am „Philan“ in Dessau konnten wir am 13. und 14. Juni 2018 dazu zwei Projekttage mit Schüler*innen der 9. Stufe gestalten. Es fanden insgesamt vier Workshops parallel statt, die in Form von jugendkultureller oder medienbasierter Inhalte, Aufklärungs-und Sensibilisierungsarbeit zu LSBTI* Lebenswelten und Diskriminierungserfahrungen von Jugendlichen, Begrifflichkeiten, Geschlechterstereotype sowie queerer Repräsentation und Sichtbarkeit in Jugendkulturen geleistet haben. Neben der inhaltlichen Vermittlungsarbeit legt das Projekt in der Arbeit mit Jugendlichen immer einen großen Wert auf die kreative Praxis in den Workshops. Die Jugendlichen erfahren unter Anleitung, wie die Inhalte der Workshops in die praktische Umsetzung übertragen werden können und können sich selbst ausprobieren und kreativ ausdrücken.

YouTube, Coming Out und Hate Speech

Im Video-Workshop wurde ein YouTube-Clip gedreht, in dem eine Schülerin in die fiktive Rolle einer jungen, lesbischen YouTuberin schlüpft und Fragen zu ihrem Coming Out und den Reaktionen darauf aus Familie und Freundeskreis beantwortet.

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Ein Heft über Liebe und Diskriminierung: LGBTIQ* Magic Love Stories

Im Comic/ Kreatives Schreiben- Workshop entstand ein Heft aus Kurzgeschichten und Illustrationen, das eine große Bandbreite von Diskriminierungsaspekten für lesbische, schwule, bisexuelle und Trans*Menschen wiedergibt, ohne aber auch die schönen Aspekte des Verliebt seins außer Acht zu lassen.

[000034]Zine LGBTIQ Magic Love Stories

Ein Schriftzug für Akzeptanz: Love For All 

Im Graffiti/Streetart-Workshop entstanden viele Graffiti-Schriftzüge, die für die Akzeptanz und Anerkennung von gleichgeschlechtlicher Liebe plädieren.[000068][000030][000108][000102]

Last Night a DJ saved my Life: Music has no Gender

Der DJ/Musikworkshop befasste sich mit Geschlechterstereotypen und Sexismus in verschiedenen Musikszenen, hier vor allem im Hip Hop und Hardcore. Und im praktischen Teil konnten sich die Schüler*innen selbst an den Turntables ausprobieren und präsentierten ihre neu erlernten Skills bei der gemeinsamen Abschlusspräsentation.

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Für die Förderung des Projekts „Unser Philan ist bunt-Diversity Box goes Sachsen-Anhalt“ bedanken wir uns herzlich bei der Heidehof Stiftung.

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Das Archiv der Jugendkulturen auf der Feministischen Sommeruni 2018 am 15.09.

Das Archiv der Jugendkulturen wird bei der Feministischen Sommeruni 2018 am 15.09 in der Humboldt-Universitär mit einem Panel vertreten sein.

Das Panel „(Fan-)Zine: Medium zwischen Schutzraum und Öffentlichkeit“ wird aus unseren Mitarbeiter*innen aus den Bereichen Archiv/Bestand (Daniel Schneider), Forschung (Christian Schmidt) und Bildungsarbeit (Giuseppina Lettieri) bestehen. Wir freuen uns zudem sehr, dass Lisa Schug, freie Mitarbeiterin beim FFBIZ e.V. – feministisches Archiv, Zinemacherin und Mitglied des Sycamore Network mit uns über das Spannungsfeld Öffentlichkeit vs. Schutzraum diskutieren wird. Moderiert wird das Panel von Atlanta Athens.

Über das Panel:

(Fan-)Zines sind einer der Sammlungsschwerpunkte des Archivs der Jugendkulturen e. V. (AdJ) in Berlin. Ursprünglich wurden vor allem Zines aus verschiedenen sub- und jugendkulturellen Szenen, etwa von Science-Fiction-, Punk- und Hardcore- oder Fußballfans gesammelt. Neben diesen häufig als Fan-Magazine gedachten Heften erscheinen seit einigen Jahren immer mehr queere und queer-feministische Zines. Diese sind bei den jährlich stattfindenden Zine-Festen, auf denen sich Zinesters treffen und ihre Zines tauschen oder verkaufen, in großer Zahl und vielfältigen Formen zu finden. Ganz zu schweigen von dem eigenen Mini Queer Zine Fest in Berlin, dass sich bereits seit einigen Jahren diesen Zines und dem Austausch, Empowerment und der Vernetzung der queeren Zinesters widmet.

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(Queer-feministische Zines aus der Sammlung des AdJ)

Intersektionales Sammeln und Vermitteln

Als Archiv für subkulturelle Quellen sammelt das Archiv diese Zines bewusst und aktiv, um solchen Zeugnissen marginalisierter Gruppen ihren Platz in der Sammlung zu bieten. Diese Entwicklung wird auch im Bildungsprojekt zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt ,Diversity Box‘ aufgegriffen. Das Projekt arbeitet mit einem intersektionalen Ansatz in der Vermittlungsarbeit mit Jugendlichen. In der Sensibilisierungs- und Empowermentarbeit mit Jugendlichen bieten Zine-Workshops die Möglichkeit, die vielschichtigen Positionen zu bzw. Repräsentationen von Gender, Race, Sexualität und Körperpolitik aus der
queer(-feministischen) Zine-Macher*innen-Szene einzubinden. Die Zines sind ein Element der im Projekt mitverankerten Biografiearbeit, welche Jugendlichen die vielfältigen Lebenswelten und teils verwobenen Diskriminierungserfahrungen von LSBTI*, PoC und Schwarzen Menschen näherbringen soll. Dafür werden aktuelle Themen, Entwicklungen und Praxen der Repräsentationen in der queeren Community angesprochen, um der Mainstreamwahrnehmung von Jugendkulturen etwas entgegenzusetzen.

Intimität vs. Sichtbarkeit

In einem weiteren AdJ-Projekt – ,UnBoxing‘ – geht es um die Digitalisierung von Zines aller Art. Unter Zinesters und Zine Librarians gibt es dazu sehr unterschiedliche Haltungen, insbesondere zur Veröffentlichung von Digitalisaten im Netz. Während einige PoC und/oder queere Zinesters für eine möglichst hohe Sichtbarkeit von marginalisierten und unsichtbaren Identitäten und Erfahrungen plädieren und damit auch für eine möglichst umfassende Digitalisierung und Präsentation ihrer Zine-Digitalisate im Internet sind, gibt es auch solche, die das nicht wollen. Der Grund: Zines können sehr intime Medien sein und erst dadurch den Austausch über und die Auseinandersetzung mit ,schwierigen‘ Themen wie Traumata, Erfahrungen sexualisierter Gewalt, psychischen und physischen Erkrankungen, Essstörungen etc. ermöglichen. Diese Intimität schaffen die Herausgeber*innen dabei aus einer bewusst begrenzten Verbreitung und klein gehaltenen Auflage ihrer Zines, aber auch dadurch, dass sie ihre Zines sehr persönlich  – ähnlich wie  Briefe – gestalten.

Den Herausgeber*innen ist es wichtig, dass Ihre Zines nur einer begrenzten Teilöffentlichkeit zur Verfügung stehen. Diesem Umstand steht die Vorstellung von einer umfassenden Digitalisierung und unbegrenzten Online-Verfügbarkeit entgegen. Zine Librarians, die sich mit Fragen der Digitalisieriung auseinandersetzen, müssen deshalb – unseres Erachtens – nicht nur technische und rechtliche Fragen bei der Digitalisierung von Zines berücksichtigen, sondern auch ethische Aspekte. Im Projekt ,UnBoxing‘ haben wir ein Konzept zur Digitalisierung von Zines als kulturelle Artefakte entwickelt, welches auch ethische Gesichtspunkte bei der Digitalisierung von Zines berücksichtigt.

Queere Zines in der Debatte

Über diese unterschiedlichen Herangehensweisen im Umgang mit queeren Zines soll auf dem Panel am 15.9. gesprochen werden. Als Gast kommt Lisa Schug mit den Mitarbeiter*innen des AdJ ins Gespräch. Sie ist freie Mitarbeiterin beim feministischen Archiv FFBIZ und wirft einen feministisch-historischen, aber auch persönlichen Blick auf das Thema. U. a. berichtet sie von ihren Erfahrungen als Mitbegründerin von Sycamore, einem queer-feministischen Heavy-Metal-Fanzine. Das Heft bietet einerseits Schutzraum für den Austausch marginalisierter Metalfans, andererseits will es auch   Debatten innerhalb der Metal-Subkultur anstoßen. Das Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeit und Intimität eines Zines lässt sich an diesem Beispiel gut ablesen. Wir freuen uns auf den Austausch!

Also am 15.9 (Samstag) um 12.00 dabei sein.
Anmeldungen und weitere Infos zum Programm unter:

www.feministische-sommeruni.de

#frauenmachengeschichte

Zine of the Day: I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 (Kanada)

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Ist das noch ein Zine oder schon ein Buch? Ganze 220 Seiten umfasst diese aus Vancouver (Kanada) stammende 4. Ausgabe von I’m Johnny and I don’t give a fuck, die 1999 von Andy Healey herausgegeben wurde, der seinerzeit auch Bassist der Hardcore-Band Submission Hold war. Die Musikformation bestand von 1993 bis 2005 und tourte in dieser Zeit auch einmal durch Europa. Auf dieser Tour habe ich sie dann in irgendeinem AZ in irgendeiner Stadt auch mal selbst live gesehen. Bei diesem Konzert blieb mir vor allem mir die Sängerin von Submission Hold, Jen Thorpe, nachhaltig in Erinnerung – hochschwanger und mit dickem Bauch lieferte sie eine Performance ab, die an Kraft und Energie kaum zu überbieten war.

Ich weiß gar nicht mehr, ob ich mir I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 damals auf diesem Konzert kaufte oder ob ich das Zine schon vorher in meinem damaligen Zine Distro vertrieb. Jedenfalls habe ich damals Unmengen dieses Heftes über meinen Fanzine-Mailorder verkauft – und das vollkommen zurecht! Denn dieses Zine stellte zum Zeitpunkt seines Erscheinens eine absolute Ausnahmeerscheinung in der internationalen Zine-Landschaft dar und ist es bis heute auch geblieben. Und mit dieser Ansicht stehe ich nicht allein. Das kanadische Magazin Broken Pencil bezeichnete Andys Heft sogar als

„one of the great Canadian zine of all time“.

Im Johnny And I Dont Give A Fuck #4

I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 (Cover)

Andy verkaufte sein Zine (fast) ausschließlich auf den Konzerten von Submission Hold und war damit so erfolgreich, dass er nach der ersten Auflage von 1.000 Stück weitere 600 Exemplare nachdruckte. Solche erstaunlich hohen Verkaufszahlen für ein Zine sind bis heute eher eine Seltenheit – vor allem bei solchen Zines wie I’m Johnny and I don’t give, die die Genre-Grenzen klassischer Fanzines sprengen.

Von seiner Aufmachung ist I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 eher unscheinbar daher. Das gesamte Heft besteht aus einem handschriftlich verfassten Text, der in mehrere Kapitel gegliedert ist. Zeichnungen finden sich nur äußerst spärlich auf dem Cover und an den Kapitel-Anfängen. Die Geschichte startet zunächst mit einer Erzählung aus der Ich-Perspektive über eine kanadischen Punk/Hardcore-Band, die sich mitten im Winter mit einem vollkommen runtergerockten Kleinbus auf Tour begeben habt – dabei werden so ziemlich alle nur möglichen Stories voller Pleiten, Pech und Pannen, die man von eben solchen reisenden Musikgruppen kennt, in höchst amüsanter und ironischer Weise detailliert ausgebreitet. Das erweckt zunächst den Eindruck, als handele es sich bei I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 um das Perzine eines Band-Mitglieds von Submission Hold. Doch schon bald bekommt die Geschichte einen vollkommen anderen Spin. Eines der Bandmitglieder liest während der Fahrten im Tour-Van einen Roman über einen Fahrradkurier namens Henry O’Melin, der seit einer Kopfverletzung nicht mehr anders kann, als immer genau das sofort auszusprechen, was ihm gerade durch den Kopf geht – und was ihm natürlich im Zusammenleben mit den Menschen immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Beide Erzählstränge laufen zunächst parallel nebeneinander her, bis schließlich der real existierende Bassist der Band namens Andy tatsächlich auf die fiktive Person Henry trifft und das Drama seinen Lauf nimmt – in einer derart unterhaltsam absurden Weise, wie man es kaum erwarten würde. Spätestens an dieser Stelle des Zines wird klar: Das hier ist mehr als ein bloßes Perzine, aber auch mehr als eine reines Literatur-Zine. Hier verschränken sich fiction und non-fiction auf derart kurzweilige Art und Weise, dass man die 220 Seiten in einem Rutsch durchlesen mag.

Im Johnny And I Dont Give A Fuck #5

I’m Johnny and I don’t give a fuck #5 (Cover)

Leider erschien nach dieser herausragenden 4. Ausgabe mit I’m Johnny and I don’t give a fuck #5 einige Jahre später auch schon die letzte Ausgabe dieses Ausnahme-Zines von Andy Healey. Auch diese ist absolut empfehlenswert und greift den Grund-Plot mit Submission Hold wieder auf. Nur spielt die Geschichte diesmal vor allem in einem heruntergekommenen Punk-House in Vancouver. 2005 löste sich Submission Hold auf und Andy scheint seitdem auch kein weiteres Zine veröffentlicht zu haben, was ich sehr bedauere.

Immerhin erschien vor einigen Jahren unter dem Titel I’m Johnny and I don’t give a fuck noch ein Comic des französischen Zeichners Colonel Moutarde, der auf weiteren Geschichten von Andy Healey basiert. Das Heft gibt es als PDF hier zum Herunterladen.

Und wer sich die Original-Ausgaben von I’m Johnny and I don’t give a fuck #4 und #5 ansehen möchte, der kann dies im Archiv der Jugendkulturen tun. Nachdrucke der alten Ausgaben wird es laut Andy nicht geben, da sein Hund irgendwann mal alle Druckvorlagen zerfetzt hat.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2018 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Hardcore #Punk #DIY #Fiction #Non-Fiction

Zine of the Day: Shotgun Seamstress #4 (USA)

Der Juli ist wie immer International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch wieder, wie in den letzten Jahren, einige aus unserer Sicht interessante Zines aus der Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Osa Atoe ist die Herausgeberin von Shotgun Seamstress, eines Zines, dessen erste Ausgabe als „Black Punk Fanzine“ bereits 2006 erschien. Über acht Jahre lang gab sie zahlreiche weitere Nummern dieses und weiterer Zines heraus. Die vorerst (?) letzte Ausgabe, Shotgun Seamstress #8, erschien 2014. In all der Zeit war sie auch anderweitig in der US-amerikanischen Punk/Hardcore/Indie-Szene aktiv. Sie spielte in Bands wie New Bloods oder Negation, veranstaltete Konzerte und veröffentlichte Tapes. Außerdem schrieb sie regelmäßig Kolumnen im legendären Punk-Fanzine Maximum Rock’n’Roll (MRR).

Im Zentrum ihres Zines und ihrer MRR-Kolumnen standen ihre Erfahrung als eine unterrepräsentierte und marginalisierte Person innerhalb einer von vorwiegend weißen Hetero-Männern dominierten Punk/Hardcore-Szene. Aus ihrer Position als feministische „Black Punk“ beabsichtigte sie mit ihrem Zine zunächst eine Art Gegenstimme innerhalb der Szene sein. In einem Interview von 2015 sagte sie dazu:

„However, I definitely set out very intentionally to make a Black Punk Fanzine and it’s simply because I’m a black punk and didn’t know many black punks and wanted to create a world where that identity was normal.“

Stand in den ersten Ausgaben von Shotgun Seamstress die Musik feministischer und Schwarzer Punks im Fokus von Osas Interesse, so erweiterte sich dieser schon bald auf andere Ausdrucksformen „Black Outsider Art“.

Das wird auch anhand der folgenden Zeilen auf dem Cover von Shotgun Seamstress #4 deutlich, das unser heutiges „Zine of the Day“ ist:

„This zine is about art by black queers, black feminist punks and other black folks I admire.“

Shotgun Seamstress #4_Cover

Shotgun Seamstress #4 (Cover)

Im Gegensatz zu den vorhergehenden Ausgaben von Shotgun Seamstress dreht sich ihre vierte Nummer aber weniger um Musik als vielmehr um Visual Art – und zwar um „Sister Outsider Art“, wie sie die inhaltliche Ausrichtung von Shotgun Seamstress #8 benennt. Mit dieser Bezeichnung verbindet Osa den Titel des Buches „Sister Outsider“ der afro-amerikanischen Feministin Audre Lorde mit ihrer Vorstellung von „Outsider Art“, worunter sie „the creative work of self-taught artists that exists largely outside of the mainstream art world“ fasst. Sie widmet sich also in dieser Ausgabe der Verbindung eines dezidiert Schwarzen Feminismus mit künstlerischen Ausdrucksformen im Sinne einer Do-It-Yourself-Idee und -Haltung.

Den Auftakt macht in dieser Ausgabe ein Interview mit James Spooner, dem Produzenten und Regisseur des empfehlenswerten „Afro-Punk“-Dokumentarfilms. Einen Artikel in Brief-Form widmet sie der in Berlin lebenden queer-feministischen Drag Queen und Performance-Künstler_in Vaginal Davis. Anschließend stellt sie die Grafikerin, Illustratorin und Malerin Adee Roberson aus New Orleans in einem ausführlichen Porträt vor. Dem folgen Beiträge über die queeren Video-Künstler_innen Kalup Linzy und Jacob Gardens. Und den Abschluss macht schließlich das Gedicht „Madivinez“ aus der Feder der lesbischen Lyrikerin, Filme-Macherin und Dramaterikerin Lenelle Moise aus Haiti.

Auf den insgesamt 24 Seiten dieser Ausgabe von Shotgun Seamstress löst Osa das ein, was sie im bereits erwähnten Interview von 2015 zur Frage nach der Zielstellung ihres Zines erklärt:

„Shotgun Seamstress tries to show varied experiences of what it means to be an ‚alternative‘ black person. I mostly focus on the U.S., but some issues touch on experiences in England and Brazil. So, my experience has been getting to talk to people who represent many different facets of black outsider identity: black trans ex-punk, young Nigerian-American punks, a 60-year-old free jazz musician, biracial British art-punk, young Latino punks from LA, young black mother who makes zines in her precious spare time, black drag queen performance artists from places like New York and Berlin.“

Shotgun Seamstress ist für Osa in all der Zeit weitaus mehr als bloß ein Fanzine, in dem sie Künstler_innen featured, die sie gut findet und fördern möchte. Es hat vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrung als marginalisierte Schwarze Feministin abseits des kulturellen Mainstreams eben auch eine ganz spezifische Bedeutung, wie sie in diesem Interview weiter erklärt:

„it’s also been a mode of psychic liberation — maybe even decolonization — for me. Telling varied stories of varied black outsider experiences has proven to me the vastness of black self-expression.“

Shotgun Seamstress #4_Innen

Shotgun Seamstress #4 (Editorial)

Gerade ihr Blick über die eigentliche Punk-/Hardcore-Szene hinaus, fand ich persönlich bei der Lektüre von Shotgun Seamstress #4 besonders bereichernd. Nicht zuletzt erweiterte und schärfte das auch meinen eigenen Blick um und für die kreativen Ausdrucksformen von „Black Outsider Artists“, die sich eher an den Rändern der etablierten Kunst-Welt bewegen. Eine solche Horizont-Erweiterung ist mehr, als man von einem Zine normalerweise erwarten kann. Allein deshalb kann ich nur nachdrücklich und voller Begeisterung Shotgun Seamstress weiterempfehlen.

Leider sind inzwischen fast alle Ausgaben von Osas Zine vergriffen. Nur noch einige Exemplare von Shotgun Seamstress #8 gibt es bei Mend My Dress Press in den USA zu bestellen und hoffentlich bald auch beim Zineklatsch Distro über das Archiv der Jugendkulturen zu kaufen.

Bei Mend My Dress Press erschienen übrigens die ersten sechs Ausgaben von Shotgun Seamstress 2012 als Anthologie. Sie kann ebenfalls noch dort erworben werden. Außerdem können einige Beiträge aus Osas Zines – ebenso wie ihre MRR-Kolumnen – auf ihrem Shotgun Seamstress-Blog online nachgelesen werden.

Darüber hinaus gibt es einige Ausgaben auch komplett als PDFs zum Download und zur Online-Lektüre auf Osas Issuu-Account.

Das oben erwähnte Interview mit Osa aus dem Jahr 2015 kann übrigens hier nachgelesen werden.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2018 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Hardcore #Punk #Feminismus #Queer #Afropunk #Queercore #BlackOutsiderArt  #Kunst