Zine of the Week: Fleisch mit weißer Soße #August2016

Es ist International Zine Month! Zeit für einen Einblick in die Fanzinesammlung des Archivs der Jugendkulturen, in der sich inzwischen mehr als 20.000 Einzelhefte befinden. Heute rezensiert Giuseppina Lettieri aus dem Team Diversity Box.

Das Zine „Fleisch mit weißer Soße“ ist im August 2016 erschienen und eigentlich längst überfällig mal von unserer Seite rezensiert zu werden. Allein der Titel irritiert mich schon seit langem, weil er mehr Rätsel aufgibt als wirklich Hinweise zum Inhalt des Zines- jedenfalls für mich. Nach dem ersten Lesen ist immerhin das etwas klarer. Es geht um Sexarbeit oder besser gesagt um einen persönlichen, wenn auch sehr fragmentarischen Einblick in das Leben einer Person, die im Puff arbeitet.

Und was dann in diesem 14 Seiten dünnen Zine folgt, erinnert ein kleines bisschen an William S. Burroughs „Naked Lunch“ vom Stil, sprachlich jedoch ehrlicherweise eher an Tagebuch-Einträge. Gedanken, scheinbar wahllos aufeinanderfolgend, geben Einblicke in Lebensmomente aus dem August 2016: das konfliktive WG-Leben, unangenehme U-Bahn-Situationen, Migräneanfälle, depressive Phasen und ein erster Hinweis auf den ausgeübten Beruf als Sexworker. Immerhin ist das der längste Text in dem Zine und füllt eine ganze DIN A 6-Seite.

Vom Zine zum Buch

Da das Zine dahingehend nur diesen einen Vorgeschmack zum Thema Sexarbeit zu bieten hat, habe ich auch das gleichnamige Buch von Christian Schmacht, erschienen im Dezember 2017, gelesen. Cut and Paste als künstlerisches Stilmittel durchzieht auch die 105 Seiten des Buches. Auf dem Klappentext wird nun der Kontext geliefert, der dem Zine fehlte. Dort steht:

Christian Schmacht, durch seine Skandalkolumnen für das Missy Magazine bekannt geworden, schreibt in seiner autobiografisch inspierten Novelle über einen jungen transgender Mann, der als Frau verkleidet in den Bordellen Berlins anschafft.

Und sicherlich weiß auch ich durch die Kolumne in der Missy sowie durch die Social Media-Accounts von Christian Schmacht mehr über das Leben als Sexworker, über Körper-und Identitätsfragen, Konsum und das politisches Selbstverständnis des Autors. Mehr als mir manchmal lieb ist sogar, um ehrlich zu sein. In dem Buch beschreibt Christian Schmacht, warum Schreiben und sich der Welt mitteilen eine heilsame Wirkung hat und es nach dem eigenen Selbstverständnis nicht darauf ankommt, ob andere das hören oder lesen wollen:

Schreiben heißt: Ich existiere. Ich schreibe für mich, weil ich will und manchmal weil ich muss; um mich selbst zu erhalten. Oder zu halten. Ich habe mit meinen gedanken eine geschwindigkeit erreicht, mit der andere nur manchmal klarkommen.

Schreiben als Existenz- bzw. Daseinsberechtigung. Denn: Representation matters.

Sexarbeit ist Arbeit oder auch über die Banalität der Sexarbeit im Kapitalismus

Niemand hat sex außerhalb vom kapitalismus, aber darüber wollen viele gern hinwegsehen. bei liebe und sex denken sie, das ist so ursprünglich, das gehört mir, egal wie entfremdet ich sonst bin. Aber das ist nicht wahr und wir sexworker stoßen sie darauf, mit unserer bloßen existenz und das mögen sie nicht.

Das Sexarbeit Arbeit ist, ist in den queerfeminitischen Kontexten, in denen ich mich bewegen, nichts Neues, aber meine Berühungspunkte mit dem Thema waren bisher immer analytischer nicht persönlicher Natur. Ich habe keine Freund*innen, die Sexarbeit machen und beziehe meine Einblicke aus Aktivismus und Popkultur. Die Aktivistin Sylvia Rivera, Transfrau of Color, hat meinen Aktivismus vor einigen Jahren, als ich sie viel zu spät als zentrale Figur der Stonewall-Riots eher per Zufall entdeckte, seitdem stark geprägt. Und mit der Serie Pose stehen zum ersten Mal hauptsächlich BPoC Transfrauen im Mittelpunkt der Geschichte und geben Einblick in das New York der 80er und 90er Jahre, wo Sexarbeit einfach mit zum (Über-) Leben gehörte.

White Privilege

Geht es bei Pose und in den Interviews von Sylvia Rivera im STAR-Zine jedoch eher um die Adressierung struktureller Benachteilungen, wie Rassismus und Trans*feindlichkeit gegenüber BPoC Transfrauen und Queers, die oft einen sozio-ökonomischen Kosmos schufen, der die Sexarbeit bedingte, so anders ist der Einblick den Christian Schmacht als weiße Person in Deutschland aus den Jahren 2016 und 2017 schildert. Christian Schmacht reflektiert die eigenen Privilegien sehr gut und äußerst sich zudem politisch zu Rassismus, Klassismus, Misogynie und der kapitalistischen Verwertungslogik in der Gesellschaft an sich sowie zu Homo-und Transfeindlichkeit und rechter Gesinnung unter den Freiern und auch den Sexarbeiter*innen im Puff. Das blitzt aber immer wieder nur kurz auf. Zu kurz für mein Empfinden. Davon würde ich lieber mehr lesen. Stattdessen sind die Gedankensprünge und die wilde Aneinanderreihung von Themen (von Schernikau zum Dschungelcamp, von der Fashion Week zu Botox bis zum G20-Gipfel in Hamburg) das, was für mich am prägnantesten hängen bleibt. Das soll auch alles gar nicht kohärent sein, glaube ich, sondern Einblicke in die diffuse Gedankenwelt und das Seelenleben einer jungen weißen Trans*person geben, die zwischen Materialismus und Aktivismus schwankt:

Beispiel geld: Lieber wurde ich sexworker, als wenig geld zu haben und für oder gegen etwas zu kämpfen. Ich wollte teilhaben, am leben, mieten, konsumieren.

Fazit

Dieses Review ist eher ein ganz persönlicher Push aus meiner Komfortzone und lässt am Ende auch eher mehr Fragen offen, statt ein klareres Meinungsbild meinerseits erkennen. Die oft kontrovers geführten Debatten zum Thema Sexarbeit in feministischen Diskursen, lösen sich in meinem Kopf ab mit den kurzweilig verfassten Beiträgen von Christian Schmacht. Eines kann ich an dieser Stelle aber abschließend sagen: Nie habe ich vorher so ehrlich und banal über den Beruf Sexarbeiter*in gelesen, über die Langweile im Puff, wenn bei zu gutem oder zu schlechten Wetter die Freier wegbleiben. Davon geht sogar ein bisschen Faszination aus. Da ist die Frage nach dem Titel fast schon wieder vergessen.

Giuseppina Lettieri

Giuseppina schreibt aus einer cis-weiblichen, queerfeministischen, of Color-Perspektive. Sie leitet im Archiv ein queeres Bildungsprojekt und koordiniert seit 2019 den Queer History Month Berlin.

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Zine of the Week: Metal Maidens #31

Es ist International Zine Month! Zeit für einen Einblick in die Fanzinesammlung des Archivs der Jugendkulturen, in der sich inzwischen mehr als 20.000 Einzelhefte befinden. Heute rezensiert Lisa Schug aus dem Team PopSub.

Als ich „Metal Maidens“ auf der Suche nach einem ganz anderen Metal Fanzine das erste Mal in den Händen hielt, war ich ziemlich überrascht. “Metal Maidens – The Ultimate Magazine Dedicated to Women in Hard Rock & Heavy Metal“, wie konnte mir das als feministisch interessierter Metalfan bisher entgangen sein?

Ob das Metal Maidens Fanzine bei seinem erstmaligen Erscheinen 1995 wirklich “The Only Magazine with a Heart for Female Rockerz” war, wie es auf dem Cover steht, lässt sich heute nicht mehr sagen. Sicher ist aber, dass es eines der wenigen Zeugnisse des Kampfes für mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Metalszene im prä-Social-Media-Zeitalter ist. Denn während Initiativen wie #killtheking, #metaltoo oder das Sycamore Netzwerk heute andere Stimmen hörbar machen und in die Szene intervenieren, tat sich in Sachen Sichtbarkeit für marginalisierte Perspektiven im Metal in der Vergangenheit sehr lange sehr wenig.

Im Archiv der Jugendkulturen gibt es bisher nur eine Ausgabe des niederländischen englischsprachigen Fanzines, das von 1995 bis 2005 erschien und online bis heute als Webseite und Facebook-Seite weiterlebt – Nummer 31 aus dem Jahr 2003. Auf 46 Seiten gibt es das klassische Metal-Fanzine-Programm: Interviews, Plattenbesprechungen, Berichte von Konzerten und eine Übersicht über bevorstehende Tourneen – wohlgemerkt nur von Bands mit mindestens einer Musikerin. Was das genau heißt bleibt weit gefasst, teilweise werden auch Bands rezensiert, die „female guest appearences“ auf ihren Platten haben. Auch genremäßig geht es wild durcheinander von Heavy & Death Metal bis hin zur Punkband The Distillers und einem Album von Pop-Sängerin Shania Twain.

Spannend ist der Blick in die Metalgeschichte in der Kategorie „Back to the Past“. Dort werden Protagonistinnen der 80er Jahre Hard-Rock-Bands „Tough Love“ und „Romantic Fever“ interviewt und schildern ihre Erfahrungen:

„The better [bands] were all female. I played in a couple [of bands] where I was the only woman and in these bands, the guys tended to treat me like their little sister and they were very protective.“

Courtney Paige Wolfe in Metal Maidens #31

Einen kleinen Empowerment-Block hat das Fanzine auch: In der Rubrik „Marjo’s Guitar Techniques“ gibt Gitarristin Marjo Marinus praktische Tipps für’s Tapping: Eine Spielart der Gitarre bei der auf die Seiten getippt wird statt sie zu zupfen. Und nicht zuletzt hat Metal Maidens #31 auch eine Beilage: Zum Heraustrennen liegt ein Wandkalender für das Jahr 2003 mit Fotos der Bands Arch Enemy und Sinergy bei.

Soweit so gut. Tatsächlich macht das Fanzine Lust in einige der vorgestellten Bands reinzuhören und selbst weiter zu forschen. Und doch fehlt mir etwas: Was Metal Maidens #31 nicht thematisiert ist sind Erfahrungen von Ausgrenzung und Marginalisierung, die Frauen und Queers in der Metalszene machen. Generell ist die Ausgabe wenig politisch abgesehen von einigen klugen Antworten auf die obligatorische Frage: „Wie ist es in einer all-female Band zu spielen?“.

“ We wanted to change the idea of women in Metal: „Nice dolls in tight clothes with nice voices and at the utmost [sic] playing some bassguitar.“

Nienke von der Band „Autumn“ in Metal Maidens #31

Das Fanzine bietet zwar eine Plattform für Musikerinnen– stellt aber nicht die Frage danach, warum es in erster Linie an Sichtbarkeit mangelt oder es so wenig Metal Musikerinnen gibt. Auch scheint der Fokus der „Metal Maidens“ bis in die heutige Online-Ausgabe hinein ausschließlich auf Cis-Frauen zu liegen, die fehlende Sichtbarkeit für Trans*-, Inter-, nicht-binären Personen in der Metalszene ist kein Thema.

Und dennoch: das Metal Maidens Fanzine hat in über 10 Jahren und 40 Ausgaben ganz sicher dazu beigetragen Metal-Musikerinnen sichtbarer zu machen und das in einer Zeit, in der es im Metal denkbar wenig Unterstützung für solche Ansätze gab. ist Ein wichtiges Relikt der Metal-Geschichte!

Lisa Schug

Zine of the Week: Bullenpest #5

Es ist International Zine Month! Zeit für einen Einblick in die Fanzinesammlung des Archivs der Jugendkulturen, in der sich inzwischen mehr als 20.000 Einzelhefte befinden. Heute rezensiert Almut, Praktikantin im Team PopSub.

Unter dem programmatischen Namen „bullenpest“ erscheint in den 1980er Jahren ein linksautonomes Blättchen in Göttingen. Laut den Macher*innen handelt es sich um ein „ex-gö-punx-blatt“ und eine „zeitung zur billigung von straftaten“. Die anonymen Redakteur*innen „saustall“ und „radikalinski circus“ weisen im Impressum darauf hin, dass die „verkäufer der bullenpest […] mit an sicherheit grenzender wahrscheinlichkeit nicht der redaktion“ angehören.

Die fünfte Ausgabe der bullenpest beginnt mit einem Vorwort, das von den alltäglichen Schwierigkeiten des Zinemachens erzählt. Texte werden nicht oder erst kurz vor Redaktionsschluss eingereicht, beim Schneiden gehen wichtige Teile versehentlich verloren, der Hefter gibt den Geist auf und dann auch noch die Razzia im Jugendzentrum. Das Fazit: „ES HAT MAL WIEDER ALLES NICHT GEKLAPPT“. Optisch folgt das Zine dem Schnipsel-Look, wie wir ihn auch aus Punk-Fanzines kennen: Zeitungsartikel werden mit (ausgedachten) Überschriften, Bildern, Zeichnungen und eigenen Texten oder Kommentaren vermischt. Auffällig ist die extrem kleine Schriftgröße, für die sich die Macher*innen im Heft mehrmals entschuldigen.

Inhaltlich geht es zunächst um „Standardthemen“ der Autonomen. Es gibt Solidaritätsbekundungen mit der ETA, Berichte über Häuserkämpfe, Aktionen gegen das Sachleistungsprinzip für Geflüchtete und Aufrufe zum Umtausch von Wertgutscheinen in Bargeld. Neben einem Verriss des Films „Stammheim“ (mit einem Drehbuch von Stefan Aust) finden sich im Heft auch Bekennerschreiben unter anderem zu einem (Brand-)Anschlag auf das vorführende Kino in Göttingen.

Interessant sind aber vor allem die Artikel, die sich mit den Protesten gegen Atomkraft beschäftigen. Das vermutlich im Herbst 1986 erschienene Heft steht dabei noch im Zeichen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Einige Artikel behandeln das breite Protestbündnis vom bürgerlichen bis linksautonomen Spektrum gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf und die massive Gewalt von Seiten der eingesetzten Polizei. In anderen geht es um das AKW Brokdorf, dass im Oktober 1986 nur wenige Monate nach Tschernobyl in Betrieb genommen wird.

Zusätzlich enthält die Ausgabe einen Erlebnisbericht vom Anti-WAAhnsinns-Festival, das 1986 im bayrischen Burglengenfeld mit bis zu 100.000 Besuchenden stattfindet und auch als deutsches Woodstock Bekanntheit erlangt. Dort positionierten sich renommierte (internationale) Künstler*innen gegen die WAA in Wackersdorf. Der*die anonyme Autor*in übt jedoch scharfe Kritik an der fehlenden politischen Schärfe der dortigen Inhalte und den Abgrenzungsbemühungen vieler Künstler*innen zum militanten Protest und stellt darüber hinaus die Frage nach der Sinnhaftigkeit gewaltfreier Protestformen. Trotz allem trägt dieser Protest in seinen verschiedenen Formen dazu bei, dass der Bau in Wackersdorf drei Jahre später eingestellt wird, die Wiederaufbereitung abgebrannter Brennstäbe aus Kernreaktoren in Deutschland findet nun in Frankreich (La Hague) und Großbritannien (Windscale/Sellafield) statt.

Almut D.

Zine of the Week: Möbiusschleife Vorgestern

Es ist International Zine Month! Zeit für einen Einblick in die Fanzinesammlung des Archivs der Jugendkulturen, in der sich inzwischen mehr als 20.000 Einzelhefte befinden. Heute rezensiert Lisa Schug aus dem Team PopSub.

„Dieses Zine, gemacht von der ATO, die nicht mehr existent ist, da auch das T aus ATO nicht mehr existiert, heißt Möbisusschlaufe [sic], weil es (das Zine) mit Zeit und ihrer Vergangenheit zu tun hat.“ Alles klar? Was von außen anmutet wie ein klassisches Punkfanzine – Illustration, Collage, Xerox-Kopie – ist ein kleines Schmankerl aus der Science-Fiction-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen: „Möbiusschlaufe Vorgestern“.

Das nur 18-seitige Zine aus Denzlingen (in der Nähe von Freiburg im Breisgau) wurde von einer Gruppa namens ATO 1993/94 erstellt und redaktionell von Kurt Snietka betreut (der heute offenbar in Denzlingen expressionistische Ausstellungen macht). Es enthält zwei Kurzgeschichten und eine zynische Abrechnung mit dem Gerfandom, also der deutschsprachigen Science-Fiction-Fanszene und ist wegen seiner Auseinandersetzung mit Zeit, Logik und Zukunft auch dieser zuzurechnen.

Highlight ist eine Art absurd-experimentelles Frage-Antwort-Spiel mit dem Titel „Möbiusschleife vorgestern – Sanduntergänge“, in dem eine imaginäre Person in einer Prüfungssituation Fragen wie „Woraus besteht ein Schurwollepullover?“ beantwortet. Richtige Antwort, laut Möbiusschleife vorgestern: Aus Seegras. „[…] die Grenze zwischen tierischer (Schafswolle) und pflanzlicher (Seegras) Herkunft wurde als eine bloß mit dem zeitlichen Entwicklungsstand zugehörige erkannt. Es ist in der Tat eine Frage der zeitlichen Entwicklung, ob es sich um höher- oder niedrig entwickelte Organismen handelt, also eine Frage des zeitlichen Quantums. Quantitative Kriterien sind aber qualitativen Kriterien untergeordet – deshalb ist die Frage korrekt beantwortet.“

Ob die VHS-Version des Zines, die auf der letzten Seite beworben wird, tatsächlich jemals angefordert wurde, kann an dieser Stelle leider nicht beantwortet werden. Allerdings war „das Zine auf den Aufnahmen [auch] nicht lesbar, gezeigt werden die Seiten vor der Heftung als ein Bild.“

Im Rahmen unseres aktuellen Bibliotheks- und Archivprojektes „Pop- und Subkulturarchiv International“ können wir uns endlich intensiver mit unserer etwa 3.000 Hefte umfassenden Science-Fiction Sammlung beschäftigen und finden hoffentlich noch viel mehr solcher herrlich-skurriler Hefte.

Lisa Schug

Hyper! A Journey into Art and Music

Es sind (zumindest für Berliner Clubgänger*innen) bekannte Gesichter, die die Besucher*innen gleich zu Beginn der Ausstellung Hyper! in den Hamburger Deichtorhallen begrüßen: auf großformatigen Portraits von Fotograf und Berghain-Türsteher Sven Marquardt sind seine Türsteherkolleg*innen zu sehen. Dieser Einstieg ist programmatisch, denn bei der Ausstellung spielt Clubkultur als Bezugspunkt für Kunst und Musik eine große Rolle. Das Berghain selbst verbindet schon seit Jahren unterschiedliche kulturelle Sphären miteinander – es ist nicht nur ein Technoclub, sondern Ort für experimentelle Musik, bildende Kunst, Tanztheater und vieles mehr. Auch deshalb finden sich wohl immer wieder Verbindungen zum Berghain: neben Marquardts Portraits ist ein Korkmodell des Berliner Clubs von Philip Topolavac ausgestellt, es sind Arbeiten der Fotografin Frederike von Rauch zu sehen, die in Zusammenarbeit mit dem Berghain-Resident Marcel Dettmann entstanden sind. Von Wolfgang Tillmanns, von dem auch Fotografien in den Räumen des Berliner Clubs zu sehen sind, wird eine breite Auswahl an Musiker*innenportraits gezeigt, darunter Techno-DJs genauso wie Mainstream-Popstars. Es sind viele weitere Bezüge zur Technoszene zu entdecken – von den von Scooter inspirierten Malereien von Albert Oehlen, Fotoarbeiten des Kölner Techno-Urgesteins Wolfgang Voigt (hier das erste Mal in einer Ausstellung zu sehen) bis zu einer großformatigen Fotographie von Andreas Gursky aus dem ehemaligen Frankfurter Technoclub Cocoon.

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Philip Topolovac: I’ve Never Been to Berghain, 2016 © Philip Topolovac/VG Bild-Kunst Bonn, 2019

Clubkultur und Techno sind allerdings nicht die einzigen Bezugspunkte, es findet sich eine große Breite an unterschiedlichen Stilen – u.a. Mainstream-Pop, (Post)-Punk, experimentelle Musik, Klassik und Noise. Sie repräsentieren die persönlichen Perspektiven des Kurators Max Dax, der in der Vergangenheit auch Chefredakteur der Spex und des von der Telekom herausgegebenen Electronic Beats Magazins war. Langjährige Leser*innen dieser (mittlerweile beide als Printmagazine eingestellten) Zeitschriften finden entsprechend vieles wieder, was in diesen diskurspoppigen Magazinen thematisiert wurde. Dazu gehören z. B. Arbeiten von Kim Gordon (Sonic Youth), Michaela Melián (FSK), Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris), Christof Schlingensief (Thema ist seine Beschäftigung mit Richard Wagner) oder K Foundation (The KLF). Auch Plattencover (bzw. Material, das für Plattencover genutzt wurde) von u.a. Daniel Richter (für die Goldenen Zitronen), Emil Schult (für Kraftwerk), Thomas Ruff (für Family*5), Cosima von Bonin (für Moritz von Oswald Trio) oder Rosemarie Trockel (für Kreidler) werden gezeigt. Auch wenn sehr unterschiedliche künstlerische und musikalische Kontexte nebeneinander stehen, beliebig wirkt die Auswahl nicht. Die Ausstellung verbindet Pop, sogenannte Hochkultur, Avantgarde und subkulturellen Untergrund und macht deutlich, wie sehr diese kulturellen Bereiche miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig bedingen – und wie produktiv es sein kann, die Grenzen zwischen solchen Kategorien auch in einer Ausstellung zu sprengen.

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Rutherford Chang: We Buy White Albums, 2013 – 2019 © Rutherford Chang

Zu den vielen Highlights der Ausstellung gehört z. B. das Werk „We Collect White Albums“, für das der Künstler Rutherford Chang mehr als 2.000 gebrauchte Exemplare des White Albums der Beatles zusammengetragen hat. Die Alben sind durch den Gebrauch durch die ehemaligen Besitzer*innen zu Einzelstücken geworden, das Kunstwerk spielt mit der Spannung der im Pop üblichen Massenproduktion von Tonträgern und dem in der Kunst zentralen Rolle des einzigartigen Originals. Beeindruckend sind mehrere Videoarbeiten – neben Cyprien Gaillards hypnotisierendem „Nightlife“  und Mark Leckeys Collage subkultureller Tanzstile „Fiorucci made me Hardcore“ insbesondere APEX von Arthur Jafa, in dem der afroamerikanische Künstler im Sekundentakt Hip-Hop-Plattencover, Bilder von Aliens oder auch schwer zu ertragene Bilder von gelynchten Schwarzen aneinander geschnitten hat. Jafa will eine alternative, afroamerikanische (Pop)Kulturgeschichte schreiben, als Soundtrack läuft der brachiale Minimal-Techno-Track „Minus“ des Detroiter Techno-Produzenten Robert Hood von 1994 – ein Track, der bis heute auch im Berghain gespielt wird und eine überraschende Verbindung zum Beginn der Ausstellung schlägt.

9783864422836_0.jpgDer bei Snoeck erschienene Katalog zur Ausstellung enthält Interviews, die Kurator Max Dax mit einem Großteil der vertretenen Künstler*innen geführt hat, und reichhaltiges Bildmaterial. Als Reader und Dokumentation der Ausstellung, die noch bis zum 4. August gezeigt wird, ist er wunderbar geeignet, tiefer in die Verbindungen zwischen Kunst und Musik einzutauchen.

Eine weitere Ausstellung, die sich an der Schnittstelle zwischen Musik und Kunst bewegt, ist im Augenblick in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main zu sehen. In „Big Orchestra“ werden Werke gezeigt, die auch als Musikinstrumente im weitesten Sinne funktionieren. Hier lohnt es sich, auf das Begleitprogramm zu schauen, da diese Werke erst dann wirklich verständlich sind, wenn sie auch genutzt werden können (was im regulären Ausstellungsbetrieb nur vereinzelt möglich ist). Deutlich weniger stark sind hier die Bezüge auf Pop und Subkultur, aber ein bisschen experimenteller Techno ist mit der Installation von Carsten Nicolai vertreten. Auf vier Plattenspieler können auf spezielle Platten gepresste Loops abgespielt und miteinander kombiniert werden. Im Berghain ist Nicolai übrigens auch schon einige Male aufgetreten.

Hyper! A Journey into Art and Music. Deichtorhallen, Hamburg. bis zum 4.8.2019

Big Orchestra. Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main, bis 8.9.2019

Max Dax und Dirk Luckow
Ausstellungskatalog Hyper! 
Snoeck 2019
288 Seiten
49,80€
In Deutsch und Englisch erhältlich.

Daniel Schneider