Zine of the Day: Sideburns #8 (Österreich)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

Sideburns #8_1

Sideburns #8 mit Filmdose als „Umschlag“

Manche Zines sind mehr als bloße Medien. Ihre Gestaltung macht sie zu regelrechten Kleinoden. Das Sideburns #8 von Andi Dvorak aus Wien ist für mich ein solches Schmuckstück. Dieses „Heft“ erschien irgendwann Mitte der 2000er Jahre und ist streng genommen gar kein Heft, sondern sprengt das typische Zeitschriften-Format, das die allermeisten Fanzines adaptieren. Im Gegensatz dazu erschien Sideburns #8 als Papierrolle in der Größe einer Filmrolle, die zusammen mit einem jeweils unterschiedlichen Gimmick (z. B. der Kugel einer hölzernen Perlen-Kette oder dem Säbel einer Lego–Piratenfigur) in einer entsprechenden Plastik-Filmdose mit Deckel. Die etwas mehr als eineinhalb Meter lange Papierrolle besteht aus acht beidseitig kopierten und mit Tesafilm aneinander gefügten Papierstreifen. Auf der Filmdose befinden sich zwei schmale Klebestreifen, einer mit dem Titel und der Nummer des Zines und ein anderer mit dem Zusatz: „The past can’t be undone“. Ich frage mich, wie lange Andi wohl gebraucht hat, um ein Exemplar von Sideburns #8 fertigzustellen, wie hoch wohl die Auflage dieser Ausgabe war und wie viel Arbeit es gemacht hat, die Filmdosen zu organisieren und sie zu bekleben, die Gimmicks in der passenden Größe zusammen zu tragen, die Kopiervorlagen für die Papierrolle herzustellen, sie beidseitig auf ein DIN A4-Blatt zu kopieren, sie zurechtzuschneiden, zu sortieren, in der richtigen Reihenfolge aneinanderzukleben und aufzurollen und das fertige Zine dann schließlich in diesem ungewöhnlichen Format zu verschicken. Sofort wird klar: Hier steckt enorm viel Herzblut und Leidenschaft drin! Das hier unterscheidet sich von den Kiosk-Magazinen und selbst den allermeisten Fanzines. Das hier ist augenscheinlich etwas sehr Persönliches.

Sideburns #8_2

Sideburns #8 – gerollt und nicht geheftet!

Inhaltlich geht es in Sideburns #8 auch tatsächlich um etwas sehr Persönliches: um zwischenmenschliche Beziehungen, um Liebe, Freundschaft und Vertrauen, aber auch um Enttäuschung, Herzschmerz und Trennung. Andi verarbeitet seine kürzlich gemachten Erfahrungen mit all dem in knappen handschriftlichen Notizen und kurzen Comic-Strip-artigen Zeichnungen. Seine in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder und Texte sind wie blitzlichtartige Moment-Aufnahmen aus dem Leben eines Unbekannten. Auch wenn sie sich auf konkrete Erlebnisse beziehen, deuten sie vieles bloß an, bleiben unscharf, uneindeutig und unvollständig. Gerade dadurch provozieren sie, die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse mit den Höhen und Tiefen zwischenmenschlicher Beziehungen mit denen von Andi abzugleichen. Im Sideburns #8 zu lesen ist, als würde man durch das Fotoalbum eines unbekannten Menschen blättern und sich auf manchen Bildern selbst zu erkennen.

Insofern ist die Aufmachung dieses Zines mit seiner Analogie zu einer Filmrolle nicht bloß Spielerei. Der Inhalt findet hier auch seine Entsprechung in der Form und das Medium selbst wird Mittel des Ausdrucks. Im Gegensatz zu vielen Art Zines, denen das ebenfalls gelingt, fehlt Sideburns #8 allerdings jegliche Zurschaustellung eines arty farty-Unterbaus. Stattdessen kommt es völlig unspektakulär im Gestus von D.I.Y. daher und wirkt gerade deshalb extrem sympathisch. All das macht das Sideburns #8 für mich zu einem tatsächlichen Kleinod in unserer Zine-Sammlung.

Andi ist heute immer noch in Sachen D.I.Y. aktiv. Mit seinem Label Fettkakao veröffentlicht er neben Platten auch weiterhin eigene Fanzines.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

#IZM2016 #Zines #Zineoftheday #Perzine #Beziehungen #Artefakt

Zine of the Day: Zine Librarian Zine

Zine Librarian Zine #2 (2003)

Zine Librarian Zine #2 (2003)

Weltweit gibt es mittlerweile weit über hundert Fanzine-Bibliotheken und –Archive, in denen Zines gesammelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Eine aktuelle Liste mit Adressen und Links zu einigen dieser Bibliotheken und Archive gibt es hier.

Dass irgendwann mal jemand auf die Idee kommen würde, auch ein Zine von und für die Mitarbeiter_innen dieser Fanzine-Bibliotheken und –Archive zu veröffentlichen, lag eigentlich auf der Hand, als 2002 die erste Ausgabe des Zine Librarian Zine im Umfeld des Independent Publishing Resource Centers (IPRC) in Portland, Oregon veröffentlicht wurde.

Das IPRC ist seit 1998 das Zentrum der sehr aktiven Zine Community von Portland. Hier treffen sich lokale Zine-Macher_innen, um in alten und neuen Heften aus der eigenen Zine-Bibliothek zu schmökern, um Lesungen und Zine-Workshops zu besuchen und zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch. Das IPRC ist aus der Szene selbst entstanden und sieht sich in erster Linie als einen Ort für diese. Der Anspruch des Zentrums ist, die Zine-Kultur zu fördern.

Im Bestand des Archivs der Jugendkulturen gibt es die 2003 erschienene zweite Ausgabe des Zine Librarian Zine. Sie diente vor allem der Vernetzung internationaler Zine Libraries und Zine Archives in englischsprachigen Ländern. So besteht der überwiegende Teil des Hefts aus Vorstellungen verschiedener Fanzine-Bibliotheken und –Archive in den USA, England und Neuseeland. Dabei geht es nicht nur um die Entstehung und das Selbstverständnis dieser unterschiedlichen Einrichtungen, sondern vor allem darum, sich über die Katalogisierung von Zines, Möglichkeiten der Finanzierung, den Umgang mit Nutzer_innen oder den Erwerb von neuen Zines auszutauschen.

Wer sich darunter einen trockenen Newsletter von Nerds für Nerds vorstellt, liegt völlig falsch. Gerade die Comic-Strips von Greig aka „Clutch McBastard“ (Clutch Zine) über die Absurditäten im Arbeitsalltag eines Zine Librarians im IPRC lassen eine_n immer wieder lauthals loslachen. Und so manches kommt einem als Mitarbeiter des Archivs der Jugendkulturen nur allzu bekannt vor.

Mit dem Zine Librarian Zine #3 erschien 2009 die vorerst letzte Ausgabe dieses wundervollen Zines. Leider fehlen darin die fulminanten Comic-Strips von Greig. Dafür kann man sich diese Ausgabe aber noch als PDF-Version zum Selbst-Ausdrucken und Selbst-Zusammenlegen hier downloaden.

Warum danach keine weiteren Ausgaben des Zine Librarian Zines erschienen, ist mir leider nicht bekannt. Es kann sein, dass sich die Kommunikation einfach immer mehr in Mailinglisten, auf Konferenzen, Blogs und vor allem die sehr informative Website ZineLibrarian.info verlagert hat.

An der fehlenden Nerdigkeit oder Kreativität von Zine Librarians liegt das aber sicherlich nicht. Davon zeugen andere Hefte wie das von Kelly McElroy veröffentlichte Zine Librarian Pets von 2014: ein Zine, das sich nur und ausschließlich um die Haustiere von Zine Librarians dreht und von dem aktuell bereits eine 2. Ausgabe in Arbeit ist. Geek-hafter gehts wohl kaum noch! 😉

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #ZineLibrary #ZineArchive #ZineLibrarian

– Christian (Zine Nerd)

Zine of the Day: Wedgie

Wedgie #1 (ca. 1994)

Wedgie #1 (ca. 1994)

Wedgie bedeutet so viel wie „Hosenzieher“. Es bezeichnet einen Streich, der verschiedene Varianten und Schwierigkeitsgrade kennt, wie hier nachzulesen ist.

Warum sich dieses Fanzine ausgerechnet so genannt hat, weiß ich nicht. Ich kann mich nur daran erinnern, dass die beiden Herausgeber des Hefts, Tom und Marc, großen Spaß dabei hatten, anderen Leuten Wedgies zu verpassen…

Wenn ich mich recht erinnere, bin ich das erste mal auf das Wedgie 1995 bei einem Fanzine-Treffen in Neuss gestoßen, auf dem vor allem Macher_innen von Punk/Hardcore- und Indie-Zines zusammenkamen, um sich kennenzulernen, Konzerte zu besuchen und das eigene Fanzine mit anderen zu tauschen. Jedenfalls lernte ich dort Tom und Marc kennen, die aus Tübingen und Umgebung kamen.

Wedgie #2 (ca. 1994)

Wedgie #2 (ca. 1994)

Das Wedgie stach vor allem durch die Comic-artigen Zeichnungen von Tom hervor, der anstatt Fotos von Konzerten abzudrucken, eben lieber die selbstgemachten Fotos auf Hardcore-Shows mit der Hand abpauste und so einen ganz eigenen Stil schuf. Das Wedgie hatte alle Inhaltsstoffe, die ein gutes Fanzine in dieser Zeit brauchte: Ein paar persönlich gefärbte und politisch angehauchte Reflexionen, einen guten Musikgeschmack und die richtige Portion Humor und Selbstironie. Das Heft hatte mein Herz gleich mit der ersten Ausgabe, die ich in die Hände bekam, im Sturm erobert.

Und wie das damals so üblich war, hielten Marc, Tom und ich auch noch nach dem Fanzine-Treffen in Neuss Kontakt. Wir schrieben uns, trafen uns auf Konzerten, besuchten uns gegenseitig und schließlich entwickelte sich vor allem zu Marc eine richtige Freundschaft. Auf dem zweiten Fanzine-Treffen in Neuss im darauf folgenden Jahr sind wir dann schon zusammen dorthin gefahren und kurz darauf bin ich nach Tübingen gezogen und habe mit ihm meine erste WG gegründet. Wir haben zusammen Konzerte und Veranstaltungen organisiert, waren politisch aktiv und haben viel voneinander gelernt.

Wedgie #3 (1995)

Wedgie #3 (1995)

Das Wedgie erinnert mich daran, wieviele Leute ich damals durch das Fanzine-Machen in ganz Deutschland und sogar darüber hinaus kennengelernt habe. Einige haben eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt und tun es sogar noch heute. Das macht mir wieder einmal klar, welche Bedeutung Fanzines für meine eigene Biografie bis heute haben.

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Hardcore #DIY #Emocore

– Christian (Zine Nerd)

Zine of the Day: La Moustache

La Moustache #1, 2013

La Moustache #1, 2013

La Moustache ist das Zine eines gleichnamigen Kollektivs, das schwerpunktmäßig queer-feministische Konzerte und Veranstaltungen in Berlin organisiert (http://lamoustache.org/). Die (bisher einzige) Ausgabe #1 gefällt mir sowohl stilistisch als auch inhaltlich ausgesprochen gut. Auf 38 Seiten sind überwiegend englischsprachige Texte, Kurzgeschichten und Interviews aus dem Themenspektrum der (queer-feministischen) DIY-Musikszene versammelt. Besonders schön ist der Auszug aus dem Interview-Magazin 13 Questions (www.13-questions.com), bei dem Musiker*innen 13 von 130 möglichen Fragen beantworten und dem Fragenpool jeweils eine neue Frage hinzufügen.

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Queer #DIY #Feminismus

– Julia (Bibliothekarin/JuBri)

Zine of the Day: Kids in Misery

Kids in Misery #2 (2008)

Kids in Misery #2 (2008)

„wir sind uns darüber bewusst, dass DIY nicht zur abschaffung des kapitalismus führt, eher zu einer süßen kleinen szenenische. Aber es ist einfach zu schön…“

Mit diesen Worten beginnt das Kids in Misery Zine #2. Sehr treffende Worte, wie ich finde. Denn dieses Zine ist wirklich zu schön! Der liebevoll gebastelte Umschlag fällt schon im flüchtigen Vorbeigehen ins Auge (so ist es mir übrigens auch in die Hände gefallen) und trotz teilweise schlecht kopierter Seiten ist es von Innen nicht weniger großartig:
Viele tolle Zeichnungen, Collagen, Gedichte, ein Aufnäher, und alles nicht nur herzallerliebst schön, sondern mindestens genauso kantig: radikal und wütend, nachdenklich und auch ein wenig bedrückend.

Am tollsten finde ich die praktischen „smalltalk-must-die“-Kärtchen zum Weiterverbreiten, die Fragensammlung „schön genug für deine szene?“, die den Anstoß geben kann über die eigene Identitätskonstruktion nachzudenken und den sehr persönlichen Text „helfersyndrom-safari“, eine Reflexion über Erlebnisse des Autors oder der Autorin in Indien.

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Perzine #DIY #Punk #Emo

– Svenja

Zine of the Day: Willkürakt

Willkürakt #16

Willkürakt #16

Der überwiegende Teilder Punk-Fanzines, die zwischen 1977 und 1983 in der BRD veröffentlicht wurden, scheinen sich auf den ersten Blick an bestehenden Musikzeitschriften ihrer Zeit orientiert zu haben. Erst auf den zweiten Blick entpuppen sie sich aber in vielen Fällen als eine ironische Simulation des damaligen Rockjournalismus. Und einige dieser Fanzines erschienen in Formen und Formaten, bei denen sich kaum noch stilistische oder formale Bezüge zu bisherigen Printmedien feststellen ließen.

Das Willkürakt, das um 1980 in Hamburg herausgegeben wurde, war einer dieser medialen Grenzgänger. Kaum eine Ausgabe glich einer anderen. Selbst solche, die in Form und Format klassischen Zeitschriften ähnelten, waren doch immer auf völlig unterschiedliche Weise vervielfältigt und in wechselnden Formaten von DIN A5 bis DIN A3 in einer Auflage von ca. 150 bis 300 Exemplaren veröffentlicht worden.Aber es gab auch Ausgaben von Willkürakt, die eher an Kunst-Objekte als an Printerzeugnisse erinnerten: Ein zusammengefaltetes Blechband, das ursprünglich zur Verpackung von Baustoffen gedient hatte, wurde zum Objet trouvé und ergänzt um einen Zettel mit der Aufschrift „Willkürakt“ zu einer Ausgabe des Fanzines erklärt. Weitere Nummern erschienen als durchsichtiger Plastikhandschuh, in dem kleine, zusammengefaltete Notizzettelchen steckten oder als Plastikteller mit Plastikbesteck und Plastik-Nudeln, abgepackt in einer Plastiktüte. Gerade diese Ausgaben von Willkürakt hatten oft nur Kleinstauflagen von 30-60 Exemplaren und sind heute teuer gehandelte Sammlerstücke.

Inhaltsvezeichnis von Willkürakt #16

Inhaltsvezeichnis von Willkürakt #16

Eine besondere Ausgabe dieses enorm wandlungsfähigen Fanzines ist Willkürakt #16, das sich im Bestand des Archivs der Jugendkulturen befindet. Es erschien in Form einer Schriftrolle, die mit einer Banderole fixiert wurde, auf der das Inhaltsverzeichnis nicht mit Seitenzahlen sondern mit entsprechenden Zentimeter-Angaben gedruckt wurde.

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Punk #Kunstobjekt #DIY

– Christian (Zine Nerd)

Zine of the Day: Schandtat

Schandtat #3, 1983

Schandtat #3, 1983

Wenn man mich fragen würde, welcher Gegenstand die Haltung von Punk am besten repräsentiert, würde ich sagen: Das Schandtat #3 aus Hamburg. Dieses Punk-Fanzine verbindet auf charmante Weise den Dosenbier-Proll-Faktor von Street Punk mit dem Drang nach künstlerisch-publizistischem Ausdruck von Post-Punk. Hier trifft Hirn auf Bauch, DIY auf Art School, Flaschenpost auf Dosenbier, Intellekt auf Stumpfsinn und lässt sich dabei nie eindeutig einer Kategorie zuweisen. Ich gebe zu, ich habe noch keine einzige Zeile in diesem Fanzine gelesen. Brauche ich aber auch gar nicht. Die Verpackung ist schon Botschaft genug: Das Spiel mit der eindeutigen Uneindeutigkeit.

Falls übrigens jemand noch mehr über das Schandtat weiß, so melde sich die Person bitte bei Gelegenheit mal bei mir. Ich würde gerne wissen, ob es sich bei diesem Exemplar um ein Unikat handelt, das wir in unserer Sammlung haben oder ob mehrere Exemplare in dieser Form erschienen sind. Außerdem würde ich gerne wissen, wie Schandtat #1 und #2 eigentlich gestaltet waren…

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#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Punk #DIY

Christian (Zine Nerd)

Don’t Spotify your Life – Die Nischen auf der Berlin Music Week

„Betrug“ und „Skandal“, so hallt es am 1. Konferenztag der Berlin Music Week (BMW) durch den Postbahnhof. Dieter Meier (Yello) sitzt auf dem Eröffnungspodium der WORD! -Konferenz und macht erst mal alle Anwesenden richtig wach. Streaming, der neuer Streif am Horizont des sich jahrelang immer mehr verdüsternden Musikindustriehimmels? Sind Musikstreamingportale wie Spotify eine neue Möglichkeit für Künstler_innen endlich wieder Geld mit ihrer Musik zu verdienen? Nicht für Dieter Meier. Denn auch mit Streamingzahlen im Millionenbereich wird man bei Spotify mit so wenig Geld abgespeist, dass „es kaum reicht die Wasserrechnung zu zahlen“, so Meier. Die Intransparenz, was Zahlen, Abrechnungsmodi und faire prozentuale Beteiligung der Musiker_innen angeht, prangert er dabei weniger in Bezug auf seine Person an, schließlich habe er das Glück gehabt mit Yello mehrere Millionen (physische) Tonträger verkauft zu haben, sondern vor allem stellvertretend für junge Künstler_innen, die in der „Ära nach der CD“ auf neue Absatzmöglichkeiten angewiesen sind.

Da sind wir dann schon mitten im Themenschwerpunkt der fünften BMW angekommen: Digitalisierung und Streaming. Ein wenig abseits finden sich aber interessante Nischen, die pop- und jugendkulturelle Entwicklungen in den Fokus nehmen. Da gibt es dann Fragen zur Indie- Ästhetik heute, ein bisschen Popfeminismus- und Diversitydiskurs und als Glasur noch Bestandsaufnahmen zu DIY-Strukturen im urbanen Raum und politischen Haltungsfragen im Pop obendrauf.

Von DIY zu DIT

Wie in DIY-Strukturen professionell arbeiten? Dieser Frage stellen sich verschiedene Akteur_innen, die seit vielen Jahren in der Berliner und Hamburger Club- und Labelandschaft (u.a. Schokoladen, about blank, Audiolith) als DIY-Booker_innen, Veranstalter_innen und Labelbetreiber_innen aktiv sind. Zugegeben, ein etwas widersprüchliches Unterfangen bei DIY überhaupt in Chiffren von Professionalität zu denken. Der Ausgangsfrage wird im Gespräch dann auch nur wenig Raum gegeben. Es geht vielmehr um Aspekte wie Authentizität, den Kollektivgedanken, Fairness im Umgang mit Bands, Spaß bei der Sache und natürlich um die Liebe zur Musik an sich. Hauptsache keinen Job machen, den man hasst und schon gar nicht in Abhängigkeit arbeiten, so das Credo. Da verwundert es dann auch nicht, dass alle in die Empowerment-Hymne einstimmen und „denen da draußen“ als Ratschlag auf den Weg geben, sich und ihre Ideen einfach auszuprobieren. Und das natürlich am besten nicht alleine, sondern in einem Netzwerk ähnlich interessierter Menschen, am besten Freund_innen, um im Sinne einer Bottom-up-Strategie gemeinsam Nischen für selbstverwaltete Freiräume und Veranstaltungen zu besetzen. Denn der Sinn hinter „Do it yourself“ (DIY) soll weniger als ein „Mach alles alleine“, sondern eher als ein gemeinsames Tun, ein „Do it together“ (DIT) verstanden und gelebt werden. Wie leicht es heute noch ist in einem immer stärker spekulationsverseuchten Berlin solche Freiräume zu etablieren und aufrechtzuerhalten, das sollen sich „die da draußen“ dann aber doch lieber selbst beantworten.

Did we make any progress? 20 Jahre nach dem Riot Grrrl Manifest

„Revolution Girl Style Now“. Mehr als 20 Jahre nach der so betitelten Bikini-Kill-Platte und dem Riot Grrrl Manifest, erstaunt mich, dass mir 2014 ein Panel mit diesem Titel ins Auge springt, um auf den zweiten Blick zu fragen, wie es um die Rolle und Sichtbarkeit von Frauen im Musikgeschäft heute bestellt ist.

Sonja Eismann (Missy Magazin) deprimiert dann gleich zu Anfang. Das hat weniger mit ihrer Moderationsleistung zu tun, als vielmehr mit den ernüchternden Zahlen, die sie zum Diskussionseinstieg liefert. Denn auch die Musikindustrie, welch Wunder, ist ein Abziehbild der Gesamtgesellschaft. Auch hier greifen und perpetuieren sich Mechanismen und Strukturen der Ungleichbehandlung von Männern und Frauen. So verdienen Frauen auch in der Musikindustrie deutlich weniger als Männer, findet man in den Führungsetagen der Labels eher selten eine Frau und auch bei der Produktion von Musik überflügeln Männer Frauen um Längen.

Dem Impuls aufzustehen und mich lieber in die Sonne zu setzen, widerstehe ich nur knapp, denn Eismann beteuert „We are not here to complain“. Doch die Frage, ob sich in den vergangenen Jahren eine sichtbare Entwicklung zum Besseren ausmachen lässt, wird wenn nur zaghaft positiv beantwortet. Die Rede ist da von mehr „Awareness“ dem Thema gegenüber (Electric Indigo/ Female Pressure). Es wird also mehr darüber diskutiert, was sich jedoch immer noch viel zu wenig in der Praxis bemerkbar macht. Jetzt bin ich nicht mehr nur deprimiert, sondern fast schon desillusioniert. Doch: ein Lichtblick. So recht weiß zwar keiner warum, aber das Berghain hat im vergangenen Jahr mehr weibliche DJs gebucht als jemals zuvor. Momentaufnahme oder doch ein erstes Aufbrechen verkrusteter Entscheidungsstrukturen im Zuge der Female Pressure Studie 2013?

Aber eine wirkliche Revolution à la Girl Style muss doch anders aussehen? Mehr Empowerment. Natürlich! Etablierte Musikerinnen sollen ihre Vorbild- und Mentoringfunktion für Nachwuchskünstlerinnen stärker wahrnehmen. Absolut! Bei Quotenregelungen und speziellen Musikawards für Künstlerinnen gehen die Meinungen dann doch stärker auseinander. Vor allem in Bezug auf die Wirkung und Symbolkraft dieser Instrumente, die in der öffentlichen Wahrnehmung auch mal nach hinten losgehen kann und Geschlecht eher als unterscheidendes Merkmal manifestiert, als diese Kategorie obsolet zu machen. Das zeigt nicht zuletzt die jahrelang geführte Debatte über die Einführungen von Frauenquoten in anderen gesellschaftlichen Teilsystemen.

Am Ende bleibt: Alles keine schlechten Ideen, aber irgendwie schon tausendmal gehört. Wirklich revolutionäre Lösungsansätze sucht man vergebens. Ich muss an eine Textzeile aus dem Song „Rebel Girl“ (Bikini Kill) denken: „When she talks, I hear the revolution“ singt Kathleen Hanna. So ein Rebel Girl hätte diesem Panel sicher auch ganz gut getan.

Die neue Indieästehtik ist Hi-Tech

Adam Harper reißt mich dann mit seinen Vortrag „Indie goes Hi-Tech“ aus meiner 90er-Jahre-Nostalgie. Obwohl er mit einer Szene aus Portlandia, einer amerikanischen Comedyserie mit Fred Armisen (Saturday Night Live) und Carrie Brownstein (Sleater Kinney, Wild Flag) beginnt. „We put a bird on it“ heißt es da und „The Dream of the 90s is alive in Portland“. Doch wer sich jetzt in sicheren Gefilden wähnt, was Stile, Referenzen und Codes der heutigen Indie-Kultur angeht, den duscht Harper schon gleich im nächsten Augenblick wieder kalt ab. Seiner Meinung nach gehört die in Portlandia zelebrierte Indie-Ästhetik schon längst der Vergangenheit an und ist nur noch was für Nostalgiker_innen, die in den 80ern groß geworden sind. Autsch, getroffen.

Das naiv verspielte, oftmals charmant rohe und selbstgemachte ist vielmehr einer unterkühlten, dekadent anmutenden, modernen Bildsprache in Videos, Plattencovern und Visuals gewichen. Vor allem in der elektronischen Musik verweben sich minimalistische Musikstile mit reduzierten, futuristischen Bildwelten und Motiven. Spannende Vertreter_innen dieser neuen pasticheartigen Indieästhetik sind neben James Ferraro vor allem auch viele Künstlerinnen, wie Fatima al Quadiri, FKA Twigs, Laurel Halo und auch queere Acts wie Le1f und Mykki Blanco. Die neuen Musikgenres heißen Vaporwave oder Cuteness und sind in ihrer Ästhetik auch stark vom Manga-Stil beeinflusst, oft gefährlich nah an klischeehaften Darstellungen, die in Exotismus abzugleiten drohen. Das findet man sicher nicht mehr auf den Parties im Jugendzentrum um die Ecke. Also alle Nostalgie über Board. Jugendliche und Künstler_innen entwerfen ihre Idee von Indie-Ästhetik neu, und diese wird, wie so vieles, von den Möglichkeiten digitaler Technik bestimmt.

We are the Teenagers

Um Jugendliche und technischen Fortschritt geht es auch bei dem „When Teenage Music Fans are your Audience“-Panel. Genauer gesagt, um deren Hörgewohnheiten und Musikkonsumverhalten. In der vorgestellten Studie zeigt sich, dass mittlerweile 90% der Jugendlichen ein Smartphone besitzen und dieses zum Musik hören nutzen. Das tun sie hauptsächlich über Youtube und noch recht verhalten über Spotify (20%). Und nur noch knapp 14% besitzen überhaupt ein Gerät mit dem man CDs abspielen kann.

Wie Jugendliche Musik hören und konsumieren hat sich im Vergleich zu den Vorgängergenerationen somit gravierend verändert. Physische Tonträger (Kassetten, Vinylplatten und CDs) spielen bei Ihnen kaum eine Rolle. In Zeiten von MP3s und der Verbreitung von Musik über das Internet bedeutet das auch, dass ein Großteil der Jugendlichen in ihrer musikalischen Sozialisation nie für das Hören von Musik bezahlt haben und die Frage, die sich daran anschließt und nicht nur die Musikindustrie umtreibt, ist: Warum sollten sie es dann als Erwachsene tun?

Schlechte Haltungsnoten im Pop

Mit schwierigen Fragen startet auch mein letztes Panel „Pop + Politik = Haltung ?“ der BMW. Hat Popmusik heute noch gesellschaftspolitische Relevanz? Was ist Haltung für euch?

Was dann eine gute Stunde lang folgt ist ein diffuses Potpourri aus Gedankenfetzen und Beiträgen, die immer wieder um die sicher nicht einfache Begriffsdefinition Haltung kreisen. Sookee, Rapperin aus Berlin, nähert sich dem Begriff Haltung mit der Unterscheidung zwischen Dogmen („anstrengend“) und Prinzipien („wichtig“). Stoppok, deutscher Rockmusiker, findet, dass heutzutage „eh alle eine Meise haben, die noch Plattenverträge bei Majorlabels unterschreiben“ und Labelbetreiber Gregor (Sounds of Subterannia) übernimmt in der Runde die Rolle des Kulturpessimisten, der in die „früher war alles besser“-Attitüde verfällt und fragt, wo sich heute noch Bands finden lassen, wie es sie in den 70ern gab?

Wie Sookee dann richtig einwendet, wird es nicht nur für Künstler_innen, sondern für alle in Zeiten von Globalisierung und zunehmend fragmentierten Teilöffentlichkeiten immer schwerer sich klar zu positionieren. Die Komplexität mancher Themen tut dazu ihr übriges. Samsa wünscht sich eine strikte Trennung zwischen Meinung („haben ziemlich viele Menschen“) und Haltung („lässt sich bei Bands auch immer weniger finden“). Woran er das festmacht?  U. a. an der Crowdfundigkampagne von Marcus Wiebusch (But Alive, Kettcar), der für die Produktion seines Musikvideos „Der Tag wird kommen“ (zum Thema Homophobie im Fußball) 50.000 Euro gesammelt hat. Samsa fragt sich und in die Runde, warum Wiebusch das Geld nicht lieber dafür verwendet, um es direkt Initiativen gegen Homophobie zur Verfügung zu stellen? Die fragwürdige Instrumentalisierung von Themen wie Homophobie aus Imagegründen, soll Wiebusch an dieser Stelle zwar nicht unterstellt werden, etwas mulmig ist mir bei dieser Art von „Awareness-Rising“ aber schon.

Leider fehlt durch die generell sehr zerfahrene Diskussion, Raum für viele weitere spannende Fragen zu Jugendkulturen, die im Vorfeld angekündigt waren. Stattdessen macht Sookee ungeniert Eigenwerbung für ihr Label, dass „wie kein anderes fernab kapitalistischer Verwertungslogiken arbeitet“. Aber gut, auch Sympathieträgerinnen haben mal einen nicht so guten Tag. Und Stoppok rühmt sich dafür in seiner gut 40jährigen Karriere, auch ohne Majorlabel im Rücken, die Hallen gefüllt zu haben. Ärgert sich aber trotzdem, so mein Eindruck, darüber, dass er nie bei „Wetten dass..?“ eingeladen wurde. Da macht es dann am Ende auch fast gar nichts, dass Sookee nicht weiß, wer Marcus Wiebusch ist.

Um Distinktion bemüht

Dass sich angeblich 3.5000 Delegierte auf der Konferenz tummeln sollen merkt man bei der BMW zu keinem Zeitpunkt. Weder bei den Panels, an den Bars oder vor den Toiletten bilden sich nennenswerte Schlangen. Das mag zwar schlecht für die BMW sein, deren Relevanz ja schon seit Bestehen in Frage gestellt wird, für mich bedeutet das eine sehr entspannte Konferenzatmosphäre. Selbiges lässt sich auch über die Konzerte im Rahmen von First We Take Berlin sagen. Ob nun im YAAM bei Zugezogen Maskulin, in der Berghain Kantine bei Ballet School oder im Astra bei Zoot Woman. Reindrängeln muss man sich nirgends. Bei den Musikevents wird aber noch stärker deutlich, wie wenig es der BMW gelingt, sich vom dem üblichen Partyangebot Berlins distinktiv abzuheben.

Mit einer Überraschung wartet dann der Abschlußevent der BMW, der New Music Award, auf. Newcomer findet man unter den Bands im Wettbewerb zwar kaum, denn fast alle haben schon einen Plattenvertrag in der Tasche und auch der Blick ins Programmheft manifestiert eher, was beim Panel zu Frauen und Vielfalt im Musikbusiness schon schlechte Laune machte: In einem Meer von Indierock- und Hip-Hop Acts, viele mit einer Art Casper-Clon in ihren Reihen, finden sich gerade mal drei Künstlerinnen im Wettbewerb wieder. Doch worin besteht dann die Überraschung? Dass am Ende eine von ihnen, nämlich die Berliner Musikerin Lary den NMA gewinnt. Es bleibt also die vage Hoffnung, dass sich musikalisches Talent, ob im Mainstream oder Underground, immer wieder durchsetzen kann und wir vielleicht schon bei der kommenden BMW nicht mehr über spezielle Awards zur Förderung von Musikerinnen nachdenken müssen.

Giuseppina Lettieri