Heimatliebe

Als Mitarbeiterin im Archiv der Jugendkulturen e. V. bin ich bei der Beschäftigung mit Pop- und Subkulturen und in der bildungspolitischen Arbeit mit der Band Frei.Wild konfrontiert. Zugespitzt hat sich diese Auseinandersetzung in jüngster Zeit durch die Veröffentlichung und die damit einhergehende Diskussion um das Buch von Klaus Farin über diese Band. Frei.Wild wurde daneben aktuell auch in der Broschüre Grauzonen – Rechte jugendliche Lebenswelten in Musikkulturen
 (ASP, 2015) in vielen Facetten beleuchtet (siehe dazu auch die Rezension von Daniel Schneider in diesem Blog). Die Broschüre macht deutlich, dass Frei.Wild als Grauzonen-Band gelesen werden kann, während Farin genau dieser Argumentation widerspricht.

Allgemein scheint für ihn entscheidend zu sein, dass die Fans der Band – die die zentrale Zielgruppe der Veröffentlichung sind – eine journalistisch recherchierte Informationsquelle an die Hand bekommen, um sich selbst ein umfassendes Bild von ihren Helden zu machen. Ich kritisiere diese Herangehensweise. So werden etwa Aussagen der Band und ihrer Fans nur mangelhaft kontextualisiert und so gut wie gar nicht kritisch hinterfragt. Tatsache ist, dass es in einigen Texten von Frei.Wild um Heimatliebe, Patriotismus, vermeintlich natürliche Ordnungen, Tradition, konservative Werteinstellungen geht und auch Ausgrenzungsrethoriken Anwendung finden. Die im Buch gezeigten Fotos zur Band präsentieren überwiegend hegemoniale Männlichkeitsbilder und Körperkult. Gegen Ende des Südtirol-Kapitels wird gesagt, dass Frei.Wild eine „sehr authentische Visitenkarte ihrer Heimat“ darstellen. Hier wäre auch im Hinblick auf den Titel zu fragen, welche Tradition von Frei.Wild transportiert wird und ob die Authenzität darin besteht sich als Opfer der sogenannten Gutmenschen zu stilisieren?

Kritische und differenzierte Artikel zu Farins Buch sind z.B. bei Publikative.org und in der taz erschienen. Im Folgenden konzentriere ich mich auf die im Buch enthaltenen Unterrichtsanregungen und hinterfrage, ob diese Anregungen relevant sind für die Bildungsarbeit mit Jugendlichen und welche Gefahren mit dieser Art von Auseinandersetzung möglicherweise verbunden sind.

Die „Unterrichtsanregungen zum Thema Heimat“ werden mit Interviewausschnitten von Schüler*innen und Lehrkräften eingeleitet. Die Ausschnitte beziehen sich in der Mehrzahl darauf, dass Frei.Wild hörende Jugendliche diskriminiert werden, weil sie sich als Fans outen. Wie an anderen Stellen des Buches auch scheint es hier so, als wolle Farin aufzeigen, dass alle Kritiker*innen Unwissende seien, die reflexartig und ungeschickt mit Identifikationsfiguren und -angeboten im musikalischen Grauzonenbereich umgehen. Der Fokus der Bildungsarbeit wird auf die Auseinandersetzung im Unterricht mit der Wahrnehmung von Heimat gelegt. Warum? Liegt es wirklich daran, dass für viele Schüler*innen Heimat eine so zentrale Rolle spielt wie behauptet wird? Das wäre wissenschaftlich zu prüfen. Generell wäre zu hinterfragen, ob Heimat einen so wichtigen Bezugspunkt für Jugendliche darstellt, wenn es um Identität und weltanschauliche Orientierungen geht. Konkret auf Frei.Wild bezogen könnten an dieser Stelle im Buch auch Anregungen vermittelt werden, sich mit Identifikationsangeboten und Mythen von Bands wie Frei.Wild auseinanderzusetzen oder es könnten Ideen für Bildungsarbeit angeboten werden, die sich an dem „Eigenen“ und dem „Fremden“ orientieren (vgl. Hufer, 2007: 139; DJI online, 2005).

Die Unterrichtsanregungen beziehen sich stattdessen auf das Thema Heimat, das in Gruppen bearbeitet werden soll. Inhaltlich beschäftigen sich die Anregungen mit (1) der Frage: „Was verbinde ich mit dem Begriff Heimat?“, (2) einem Vergleich zwischen dem Stück Heimat von Herbert Grönemeyer und Heimat bzw. Wahre Werte von Frei.Wild, (3) der Entwicklung von Rap-Songtexten zu Heimat (3), der Recherche nach Begriffen wie nationalistisch, rechtsextrem, patriotisch und konservativ mit dem Ziel diese zu definieren (4), einem Austausch, einem Vergleich und einer Visualisierung der einzelnen Begriffsdefinitionen (5), einer Dokumentenanalyse zum Echo 2013 (6), einer Diskussion über die Frage des Ausschlusses von Frei.Wild vom Echo 2013 (7) und einer Analyse der Diskussion auf Facebook zu einer Definition von den Schüler*innen platzierten Definition von Heimat sowie (8) der Produktion eines Videos, ausgerechnet in Anlehnung an 100 Sekunden Heimat der Konrad Adenauer Stiftung.

Die genannten Methoden sind gängige Werkzeuge der politischen Bildungsarbeit. Selten jedoch werden sie so unsystematisiert in einer Veröffentlichung angeboten. Mir fallen hier folgende Punkte auf: Erstens: wenn die Aufgaben nicht zeitintensiv und individuell reflektiert angeleitet werden, können die Methoden dazu führen, dass sie auch Einstellungen und Meinungen, die am rechten Rand zu verorten sind, verstärken. Zweitens fehlen Methoden, die Aufschluss darüber geben, was gegen extreme Einstellungen und Meinungen im Kontext dieses Themenkomplexes getan werden kann. Drittens fehlen Anregungen zu Strategien, die dazu beitragen, sowohl diejenigen zu stärken, die Heimat mehrperspektivisch beleuchten, also z.B. sozial, kulturell, räumlich und historisch als auch Perspektiven einer multikulturellen Demokratie ohne Nationalstaaten eröffnen wollen (vgl. Oberndörfer, 2006:229 ff). Viertens: die Anregungen enthalten weder Lernziele noch beziehen sie Erfahrungen ein, die in anderen Bildungskontexten bereits zum Thema Heimat gemacht wurden. Selbst für skizzenhafte Projektbeschreibungen, wie sie häufig am Ende von Broschüren oder Handreichungen stehen, ist dies Standard. Fünftens findet sich keine Methode, die Handlungsanweisungen für eine kritische Auseinandersetzung mit solchen Lebenswelten anbietet, in denen Heimat einen der wichtigsten Aspekte ausmacht (vgl. Glaser, 2007: 179ff). Sechstens fehlen Hinweise darauf, wie Identitätskonstruktionen gestärkt werden können, die sich nicht auf eine Dimension – nämlich Heimat – reduzieren lassen wollen (vgl. Radvan, 2009: 59ff). Siebtens werden keine Aussagen darüber getroffen, in welchem Zusammenhang Heimat und Lebenswelten stehen, wenn für die Beteiligten damit biografische Aspekte wie Flucht und Vertreibung verbunden sind. Eine interkulturelle Methode fehlt völlig. Achtens fehlen Reflexionsangebote und Handlungsstrategien für Lehrkräfte hinsichtlich ihrer Argumentation gegen rechte Einstellungen. Sie vermitteln Schüler*innen gegenüber häufig, sie hätten als Lehrende das richtige Wissen (vgl. Radvan, 2009: 114ff) und damit in diesem Fall auch die Beurteilungshoheit über die Einschätzung einer Lieblingsband. Fehlt den Lehrkräften eine weniger emotionale, dafür aber argumentative und dialogische Diskussionsgrundlage für die Auseinandersetzung mit Jugendlichen, die Fans von Grauzonen-Bands sind, so wird eine Sensibilisierung für Diskriminierung eher nicht stattfinden.

Im Zusammenhang der Kritik an der Band im Kontext meiner eigenen Positionierung möchte ich abschließend sagen, dass ich mich als weiße privilegierte Frau mit Jugendlichen und Jugendkulturen beschäftige und u.a. versuche für Mythen der Ungleichwertigkeit zu sensibilisieren. Frei.Wild ist eine Band, die solche Mythen (re-)produziert und gleichzeitig davon profitiert, dass sich auch die Mehrheitsgesellschaft von solchen Mythen nicht distanziert, sie häufig sogar hofiert. In Zeiten, in denen die Angst vor dem sozialen Abstieg zunehmend dazu führt, dass Menschen das Eigene gegenüber vermeintlich „fremden Welten“ zu verteidigen versuchen -z.B. in Form von Islam- bzw. Muslimfeindlichkeit-, ist es umso wichtiger, sich gegen die Herabsetzung von Menschen zu stellen. Eine in diesem Sinne kritische Auseinandersetzung mit Frei.Wild sucht man in Farins Buch leider vergeblich.

Tanja Ehmann

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Geschichte wird gemacht – welche eigentlich?

Dietrich Helms, Thomas Phleps (Hrsg.)
Geschichte wird gemacht – Zur Historiographie populärer Musik
Beiträge zur Populärmusikforschung 40
transcript 2014
128 Seiten
18,99 €

geschichtewirdDie Beiträge des kleinen Tagungsbandes stellen Fragen, die eigentlich in jeder Sparte der Kulturwissenschaften gestellt werden sollten: Was und wer ist geschichts-, forschungs- oder gar klassikwürdig? Wer entscheidet, was in einen wie auch immer definierten Kanon gehört?

Während sich Schallplattensammlerinnen, Musikfreunde, die Kritik und die Populärmusikforschung einig sind über die Bedeutung einer Band wie Velvet Underground, mit ihren wenigen, schlecht verkauften LPs und kurzer Schaffensperiode, sind deutsche Bands mit Millionenverkäufen und weltweiter Fangemeinde wie Boney M in keinster Weise Forschungsgegenstand. Ein Musiker spielte jeden Abend stundenlang in New Orleans zum Tanz und entwickelte dabei einen eigenen, besonderen Stil. Zwischendurch nahm er mit einer Band, die es nie live zu hören gab, einige Schallplatten auf, mit Songs, die er damals nie live spielte. Diese Louis-Armstrong-Scheiben gelten heute als Dokumente für frühen Jazz. Was gespielt bzw. gehört wird ist noch lange nicht das, was aufgenommen wird, und diese Aufnahmen werden durch die öffentliche Wahrnehmung und Expertenmeinungen nochmals gefiltert. Diese Mechanismen zu hinterfragen und das damit verbundene Dillemma zu benennen ist das Verdienst dieses Buches.

Peter Auge Lorenz

Superhelden

Grant Morrison
Superhelden – Was wir Menschen von Superman, Batman, Wonder Woman & Co lernen können
Hannibal 2013
496 Seiten
29,99 €

978-3-85445-418-2-20121221-194730Die Geschichte der amerikanischen Superhelden, z. B. Batman, Superman, X-Men oder Spiderman, wird in diesem Band von ihren Anfängen in den 1930er Jahren, als Superman und Batman ihre erste Heldentaten vollbrachten, bis zur heutigen Zeit, in der jedes Jahr aufwendige Blockbuster über die Abenteuer dieser Figuren ein Millionenpublikum in die Multiplex-Kinos der Welt ziehen, nacherzählt. Dabei bilden nicht nur die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, vor allem in den USA und der westlichen Welt, den Hintergrund dieser Geschichtserzählung, sondern auch die Biographie des Autors selbst. Grant Morrison gehört seit den 1990er Jahren zu den populärsten und erfolgreichsten Autoren von Superheldencomics und hat für die beiden Großverlage Marvel und DC eine Vielzahl an Abenteuern eigentlich aller bekannten Superheldenfiguren geschrieben. Er ist also nicht nur seit seiner Kindheit von Superheldencomics geprägt, sondern hat dieses Genre wiederum selbst entscheidend mitgeprägt. Mit dem vorliegenden Band hat er nun zusätzlich ein umfangreiches Sachbuch verfasst, welches nicht nur für Comicfans interessant ist, sondern für alle an Popkultur interessierte Leser_innen einen fundierten Überblick über dieses Genre darstellt.

Daniel Schneider

Die besten Tage unseres Lebens

Dietmar Simon/Michael Nürenberg
Die besten Tage unseres Lebens – Jugendkultur in Lüdenscheid von 1960 bis 1980
Geschichts- und Heimatverein Lüdenscheid e. V. 2013
288 Seiten
19,90 €

Jugendkultur-Miniaturbild-208x300Der großformatige Band bietet eine Gesamtdarstellung der Jugendkultur in Lüdenscheid und Umgebung in den sechziger und siebziger Jahren, vollgepackt mit fast 1.000 Bildern und Erinnerungen vieler Zeitzeugen an „Beat im Sauerland“ (fast 100 Seiten, damit alleine schon für jeden Beat-Liebhaber und -forscher ein Muss), Jazz und Krautrock, Jugendreisen in Zeiten des Kalten Krieges, die Lüdenscheider APO, Gammler, Rocker, Drogen („Rauschgiftwelle hat auch die Bergstadt erreicht: 30 Prozent der Oberstufenschüler am Zeppelin-Gymnasium sollen ‚haschen‘“ – Westfälische Rundschau am 12. August 1970), Jugendkneipen, Randale beim Deep-Purple-Konzert und vieles mehr …

Klaus Farin

Jugendbewegt geprägt

Barbara Stambolis (Hrsg.)
Jugendbewegt geprägt. Essays zu autobiographischen Texten von Werner Heisenberg, Robert Jungk und vielen anderen
Vandenhoeck & Ruprecht 2013
819 Seiten
74,99 €

978-3-8471-0004-1Pünktlich zum hundertjährigen Jubiläum der Jugendbewegung legen Barbara Stambolis und ihre zahlreichen MitautorInnen eine akribische Spurensuche zur historischen Jugendbewegung vor. Und Spuren hat sie offenbar hinterlassen, zahlreiche unbekannte und bekannte Menschen in ihrer Persönlichkeiten stark geprägt. Um nur ein paar Beispiel der mehr als 60 in diesem Band Porträtierten zu nennen: Willy Brandt und Wolfgang Abendroth, Norbert Elias und Helmut Gollwitzer, Ernst Jünger und Robert Jungk, Johannes Rau und Helmut Schelsky, Peter Suhrkamp und Heinz Westphal – sie alle gehörten der Jugendbewegung an. Die Autoren fragen anhand zahlreicher Dokumente der Porträtierten, literarischer Werke ebenso wie Interviews und Autobiographien: Inwiefern haben jugendbewegte Erfahrungen ein Menschenbild beeinflusst, das lebensprägend war? Inwiefern gingen von der Jugendbewegung nachhaltige Orientierungen im Sinne einer Verpflichtung zu gesellschaftlicher Verantwortung und sozialem Engagement aus? Wie spiegeln diese Impulse sich in Lebensentwürfen und Selbstbildern bekannter Politiker, Pädagogen, Theologen, Soziologen oder Philosophen wider?

Klaus Farin

Hip Hop Family Tree

Ed Piskor
Hip Hop Family Tree 1970s – 1981
Metrolit 2014
112 Seiten
22,99 €

9783849300906-1

Die Geschichte der Anfangszeit von Hip Hop in New York wurde schon vielfach erzählt, nun gibt es hierzu auch einen Comic, der chronologisch und berstend vor Informationen den Zeitraum ab Mitte der 1970er Jahre bis in das Jahr 1981 beleuchtet. Der Band ist eine Art gezeichnetes Lexikon, es fehlt keine_r der wichtigsten Protagonist_innen der ersten Jahre, wobei nicht nur die heute als Legenden bekannten DJs wie Grandmaster Flash, Kool Herc oder Africa Bambaataa vorkommen, sondern auch viele weniger bekannte und heute weitestgehend in Vergessenheit geratene Figuren. Auch das Umfeld der Hip-Hop-Szene, von Manager_innen und Produzent_innen wie Rick Rubin oder Sylvia Robinson, Künstler wie Jean-Michel Basquiat oder Keith Haring und Bands wie Blondie oder The Clash haben Auftritte. Die Masse an Namen kann teilweise erschlagen, aber trotzdem ist der Comic keine trockene Aneinanderreihung von Daten und Fakten, sondern bleibt durch die lebendigen Zeichnungen und auf den Punkt gebrachte Erzählweise immer unterhaltsam. Gehalten in einer Retroästhetik, die an alte Zeitungscomics erinnert, inklusive verblasster Farben und vergilbtem Hintergrund, erscheint „Hip Hop Family Tree“ wie ein Originaldokument aus den 1970er und 80er Jahren. Im Original ist der Comic aber in Form einer wöchentlichen Serie auf dem amerikanischen Entertainment- und Technologieblog Boing Boing erschienen, wo weiterhin regelmäßig neue Folgen veröffentlicht werden.

Daniel Schneider

Kopfüber. Kopfunter.

Anja Tuckermann
Kopfüber. Kopfunter.
KLAK 2013
112 Seiten
6,90 €

Hier handelt es sich um eine bearbeitete Version ihres Titels Das verschluckte Lachen von 2006: Elli und Sascha sind die allerbesten Freunde. Sie verstehen sich auch ohne Worte, verbringen jede freie Minute miteinander. Meistens sind sie zusammen auf Achse, albern herum, denken sich Geschichten aus und machen daraus Hörspiele. Elli liebt Saschas Heiterkeit und seine unerschöpfliche Phantasie. Doch andere haben damit Probleme, in der Schule gilt Sascha als verhaltensauffällig. Die Erwachsenen sagen, irgendetwas funktioniere in seinem Kopf nicht wie bei anderen. Die Ärzte nennen das ADHS. Als Sascha deshalb Tabletten bekommt, verändert er sich. Und auch für Elli verändert sich alles. Für die beiden beginnt eine Achterbahn der Gefühle, die zu einer harten Probe für ihre Freundschaft wird.

Das Buch wurde unter dem Titel Kopfüber von Bernd Sahling verfilmt; Premiere war bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2013 und um die Jahreswende lief der Film auch regulär in den Kinos.

Klaus Farin

HydePark-Memories

Harald Keller & Reiner Wolf (Hrsg.)
HydePark-Memories – Ein Osnabrücker Musikclub und seine Geschichte(n)
Oktober Verlag 2011
240 Seiten
24,90 €

Der „HydePark“, 1976 eröffnet, war und ist mit einem Einzugsgebiet vom Ruhrgebiet über Ostwestfalen bis weit nach Niedersachsen hinein eines der legendären Zentren progressiver und widerständiger jugendlicher Subkulturen. Hier trat und tritt alles auf, was Rang und Namen hat. In den Siebzigern viel Hardrock, Deutsch-Rock und Electro-Avantgardisten, Amon Düül, Embryo, Colosseum, Lake, Grobschnitt, aber auch Motörhead, dann Punk und NDW, Ton Steine Scherben und The Cramps, später kamen auch DJs dazu, und heute gibt es noch Klassiker wie die Metal- und EMP-Rocknächte oder die Gothic-Rabennacht.

Der Band vereint bekannte und unbekannte Weggefährten, beschreibt auch die politische Bedeutung des Klubs, dessen behördlich verfügte Schließung 1983 zu „Punker-Krawallen“ führte, die es sogar in die Tagesschau schafften, mit vielen tollen Bildern und einer kompletten Konzertliste im Anhang für uns Nerds.

Klaus Farin

Einfach anders!

                 Bild

Eine Ausstellung zu jugendlichen Subkulturen im Ruhrgebiet

Seit dem 5. April zeigt das LWL-Industriemuseum in Bochum die Ausstellung „Einfach anders! Jugendliche Subkulturen im Ruhrgebiet“. Die aufwendig gestaltete Ausstellung in der „Zeche Hannover“ bietet einen breiten Überblick über verschiedene Jugendkulturen und -bewegungen im Ruhrgebiet seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Spektrum reicht von den Wandervögeln und Swing-Kids über die Halbstarken und Beat-Jugend, Heavy Metal und Punk, Hip Hop, Graffiti und Techno bis zu ganz aktuellen Szenen wie Neo-Rockabilly und Steampunk. Auch politische Bewegungen wie die Edelweißpiraten, die Studenten- und Lehrlingsbewegung oder die Hausbesetzerszene werden thematisiert.

Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog erschienen, der neben Abbildungen der Ausstellungsstücke und Hintergrundinformationen über die einzelnen Szenen auch eine Reihe an Aufsätzen zu den Themen der Ausstellung enthält. Darunter ist auch ein Beitrag von Gabriele Rohmann und Martin Gegenheimer vom Archiv der Jugendkulturen über Jugendkulturen und Rechtsextremismus im Ruhrgebiet.

Die Ausstellung hat Mittwoch bis Samstag von 14 bis 18 Uhr, Sonn-  und Feiertags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Sie ist noch bis zum 7. September 2014 zu sehen.

Die Adresse:
LWL-Industriemuseum
Westf. Landesmuseum für Industriekultur
Zeche Hannover
Günnigfelder Straße 251
44793 Bochum

Dietmar Osses & Katarzyna Nogueira (Hrsg.)
Einfach anders! Jugendliche Subkulturen im Ruhrgebiet
Klartext 2014
260 Seiten
19,95 €

 Daniel Schneider

Ein Volk, ein Reich, ein Trümmerhaufen

Anja Tuckermann
Ein Volk, ein Reich, ein Trümmerhaufen. Alltag, Widerstand und Verfolgung – Jugendliche im Nationalsozialismus
Arena 2013
175 Seiten
10,99 €

Hier erzäh978-3-401-06823-7lt Anja Tuckermann aus der Perspektive jugendlicher ZeitzeugInnen von Alltag, Widerstand und Verfolgung unter der Diktatur der Nationalsozialisten. Ausschnitte aus authentischen Tagebucheinträgen, Interviews und Schilderungen aus dem täglichen Leben von Jugendlichen verbindet sie mit den wichtigsten Informationen über die historischen Geschehnisse. Zu Wort kommen Verfolgte und ihre Helfer, Widerstandskämpfer, aber auch Mitläufer der Nazis. So wird dieses Kapitel deutscher Geschichte auf eine sehr persönliche Weise erfahrbar. Ein Buch, das begreiflich macht, wie die Strukturen des damaligen Staates Menschen gefügig, hasserfüllt und klein werden ließen. Und ein Buch, das zeigt, wie man sich gegen Manipulation zur Wehr setzen kann.

Klaus Farin

Mehr als laut

Jürgen Teipel
Mehr als laut – DJs erzählen
Suhrkamp 2013
235 Seiten
14,99 €

Und schon wieder ein Buch über Techno, wieder erzählen46482 DJs davon, wie es ist DJ zu sein und wie das alles los ging und was dann wurde … aber immerhin geht es diesmal auch um andere Orte als nur um Berlin, auch Mannheim, Chemnitz oder Regensburg spielen eine Rolle. Jürgen Teipel, bekannt als Autor von Verschwende deine Jugend, hat eine Reihe an bekannten und weniger bekannten DJs (erfreulicherweise sind überdurchschnittlich viele weibliche DJs darunter, die ausführlich zu Wort kommen) getroffen und deren Erzählungen aufgeschrieben und thematisch zusammengestellt. Darunter findet sich dann ein ganzes Kapitel über das Ostgut (Vorgängerclub des Berghain) und die Panoramabar, ein anderes über Erlebnisse in Mexico, wo das Goethe-Institut mehrmals Technofestivals mit deutschen DJs veranstaltet hat. Außerdem geht es um Drogen, Geld, Party, Reisen, Leben und Tod.

Daniel Schneider

Spex – Das Buch

Max Dax & Anne Waak (Hrsg.)
Spex – Das Buch. 33 1/3 Jahre Pop
Metrolit 2013
480 Seiten
28 €

Der Sammdaxwaakelband enthält 73 „Schlüsseltexte“ aus der wahrscheinlich wichtigsten deutschen Pop(kultur)zeitschrift Spex, zusammengestellt vom ehemaligen Spex-Chefredakteur Max Dax und der ehemaligen Spex-Redakteurin Anne Waak. In chronologischer Reihenfolge abgedruckt beginnt das Buch mit einem Artikel aus der ersten Spex-Ausgabe aus dem Jahr 1980 (über Joy Division, von Peter Bömmels) und endet mit einem Text über Penny Martin, Chefredakteurin der Zeitschrift Gentlewoman, aus dem Jahr 2012 (von Anne Waak). Dazwischen finden sich Beiträge von Autor_innen wie Clara Drechsler, Diedrich Diederichsen, Rainald Goetz, Joachim Lottmann, Clara Drechsler, Mark Terkessidis, Sandra Grether, Hans Nieswandt, Dietmar Dath, Georg Seeßlen und vielen anderen. Der Großteil der Texte dreht sich um Musik – beispielsweise um Bands und Künstler_innen wie Madonna, Beastie Boys, Guns’n’Roses, Aphex Twin, Kurt Cobain oder die Pet Shop Boys – aber auch um andere Themen, von Kunst über Mode bis Politik, die zeigen, dass die Spex immer mehr war (und bis heute ist) als eine Musikzeitschrift.

Daniel Schneider

Subkultur Westberlin

Wolfgang Müller
Subkultur Westberlin 1979-1989 – Freizeit
Philo Fine Arts 2013
600 Seiten
24 €

4e6b4a833eDie Berliner Technoszene und das Szeneleben in der Zeit nach dem Mauerfall wurden in den letzten Jahren ausführlich thematisiert – beispielsweise in Felix Denks und Sven von Thülens Klang der Familie oder in Ulrich Gutmairs Die ersten Tage von Berlin –, in Subkultur Westberlin geht es dagegen um die Zeit vor 1989, um die Zeit, bevor Techno zur wichtigsten deutschen Jugendkultur wurde und Berlin zum Nabel dieser Bewegung. Der Autor, Wolfgang Müller, Mitbegründer der Band Die Tödliche Doris, erzählt seine Sicht auf die Geschichte des Westberliner Untergrunds, auf die Geschichten der Kunst-, Politik-, Punk- und queeren Szenen, und bewegt sich dabei zwischen besetzten Häusern und Kunstgalerien, zwischen dem Punkclub SO36 und dem Merve-Verlag. Seine eigene Biographie und die Entwicklung seiner Band bildet dabei den Rahmen, in dem unendlich viele kleine und größere Anekdoten mit Protagonist_innen dieser Zeit eingebettet sind – Blixa Bargeld und die Einstürzenden Neubauten, Iggy Pop, Martin Kippenberger und Ratten-Jenny, Gudrun Gut etc. Es tauchen aber auch schon einige der zentralen Figuren der sich später bildenden Technoszene auf – Westbam, Dimitri Hegemann (Tresor), Dr. Motte (Loveparade) oder Mark Ernestus (Hard Wax, Basic Channel), wodurch die Wurzeln der Berliner Technoszene in der „alten“ Westberliner subkulturellen Szene deutlich werden.

Daniel Schneider

Spass am Widerstand

Paul Willis
Spaß am Widerstand – Learning to Labour
Argument 2013
312 Seiten
18 €

Der Klassiker der Cultural-Studies-Forschung von 1977 in einer Neuauflage mit einem aktuellen Vorwort von Albert Scherr. Willis erforschte damals mit Interviews, Gruppendiskussionen, teilnehmenden Beobachtungen und vertiefenden Fallstudien die letzten zwei Schuljahre und ersten Monate im Job von Arbeiterjungen. Entstanden ist nicht nur ein Lehrbeispiel für die Jugendkulturforschung, sondern auch eine Ethnografie der Schule, die bis heute Ungleichheiten reproduziert und mit dem widerständigen „destruktiven“ Oppositionsverhalten von „bildungsfernen“ Jugendlichen, wie es ja heute heißt, nicht umgehen kann.

Klaus Farin

Nirgendwohin. Irgendwohin.

Anja Tuckermann
Nirgendwohin. Irgendwohin. Erzählungen
KLAK Verlag 2013
190 Seiten
12,90 €

Anja Tuckermann erzählt in 22 Geschichten von jungen Erwachsenen in Städten, von Gefahren, Abenteuern, Auswegen, Glück. Von jungen Menschen, die ihren Weg finden. Ihr Alleinsein, ihre Suche und das Zusammenfinden. Von Zweien, die sich nur von ihren Balkonen über die Berliner Mauer hinweg gesehen hatten. Von einem Liebespaar, das nach dem Mauerfall erstmals zusammen sein kann, ohne auf die Uhr zu achten. Über Weihnachten im Mieterkeller. Über den Hunger nach Leben.

Klaus Farin