Man Vibes

Donna P. Hope
Man Vibes – Masculinities in the Jamaican Dancehall
Ian Randle Publishers (Jamaica) 2010
256 Seiten
24,95 $

man vibes„Bad Man nuh dress like Gyal“. Dieses Mantra jamaikanischer Dancehallkultur, Männer ziehen sich nicht wie Frauen an, schien unumstößlich und mit ewiger Gültigkeit versehen. Doch kurz nach der Jahrtausendwende trugen sich seltsame Dinge zu auf der kleinen Karibikinsel: Männer, echte Männer, Dancehallstars, die Ohrringe trugen, sich die Haut bleichten, die Hosen enger trugen als die meisten Frauen es je taten.

Wie konnte es soweit kommen? Donna P. Hope hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht. Sie ist Dozentin am Karibischen Institut der University of the West Indies für das weltweit wohl einzige Fach Reggaestudien. Schon in ihrer Doktorarbeit beschäftigte Hope sich mit Identitätsbildung in Jamaika und speziell in der Dancehall. In diesem Buch, Man Vibes – Masculinities in the Jamaican Dancehall, befasst sie sich detailliert mit den diesen Bereich dominierenden männlichen Protagonisten. Anhand von Interviews mit Dancehallfans aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten sowie mit Hilfe von Liedtexten beleuchtet sie die vielfältigen Facetten des Männlichkeitsbildes in der Dancehall.

Dancehall ist dabei mehr als eine Disco, ein Ort, wo getanzt und getrunken wird. Hier werden in Form von Auftritten von Artists, sozialer Interaktion und durch bestimmte Lieder mit ihren Inhalten Identitäten geprägt, verhandelt und verändert. Während bis in die Achtziger hinein das Idealbild des jamaikanischen Mannes vorwiegend durch die Uptown wohnende Oberschicht geprägt war, konnten die unteren Schichten im Zuge der wachsenden Popularität der Dancehall ihre Vorstellungen stärker verbreiten. An vielen Punkten überschneiden sich die beiden Bilder, teils sind jedoch gravierende Abweichungen zu beobachten.

War früher der wohlhabende Familienvater mit Job eher das Ideal, setzten Dancehallstars den „Gyallist“ entgegen, den Mann, der Sex mit möglichst vielen Frauen hat und dies auch in seinem Nachwuchs manifestiert. Die biologische Funktion der Vaterschaft, der Mann als Quelle neuen Lebens, der seinen Samen pflanzt, dient zur Aufwertung des Mannes und wird klar über die soziale Funktion – Fürsorge, Zärtlichkeit, Zusammengehörigkeit – gestellt. Es entsteht so eine Entfremdung vom Vater und exzessive Verbindung mit der Mutter, beziehungsweise Tante oder Oma, die eine prägende Funktion für die Identität der Männer besitzt.

Hope betont, dass das Männlichkeitsbild fast ausschließlich von Männern selber definiert wird. Neben der Dominanz über Frauen sind die erwähnte Promiskuität sowie eine strikte Heterosexualität die wesentlichen Merkmale dieser Idealvorstellung. Dies beinhaltet auch eine starke Ablehnung jeglicher Homosexualität, ein Thema, das außerhalb Jamaikas in den letzten Jahren zu heftigen Angriffen auf Dancehallmusik führte und in deren Folge Reggae zu „Murder Music“ mutierte, die auf eine Stufe mit Nazirock zu stellen sei.
Hope sieht eine fast schon pathologische Angst der jamaikanischen Männer vor allem Weiblichen als Ursache für die Abneigung gegen Schwule. Dem „Delilah Komplex“ (nach der biblischen Geschichte von Delilah, die ihren Mann Samson verriet) folgend, werden Homosexuelle als Verräter gesehen, die eine Gefahr für männliche Hegemonie darstellen. In Hopes Augen ist Homophobie nichts anderes als Frauenphobie. Das Aufkommen vermehrter „Batty Boy“ Lyrics sieht sie als Reaktion auf die zunehmend öffentlicher werdende Wahrnehmung von Homosexuellen in Jamaika, während zuvor eine stillschweigende Duldung von Homosexualität herrschte, solange sie nicht offen ausgelebt wurde.

Der Kreativität der Dancehallartists hat der Konflikt jedenfalls nicht geschadet, statt direkter Angriffe auf Schwule lässt beispielsweise Wayne Marshall wissen, er werde gewiss kein „Ass tronaut“, der zum „Ur Anus“ fliegt. Queen Ifrica lässt Zweifel an der Frauen /Homophobie These aufkommen, wenn sie als weiblicher Rasta singt: „I dont want no fish (Gay) inna me ital dish“.

Donna P. Hope hat ein sehr interessantes, wissenschaftlich gehaltenes Buch verfasst, wobei an manchen Punkten ihre akademische Distanz zur Dancehall zu Fehlschlüssen führte, so wenn sie „Hardcore Sex“ mit Gewalt assoziiert. Vor allem wird deutlich, wie lebendig in der Dancehall „diskutiert“ wird und Positionen ausgehandelt werden. So lassen es sich einige Stars nicht nehmen, ihre aus europäischen Modemetropolen, afrikanischer Liebe zur Kostümierung und US Rapperattitüde zusammengeklaubte Erscheinungsform mit rasierten Augenbrauen und Tight Pants als das definitive „Bad Man“ Image zu verkaufen, auch wenn einige weibliche Artists mit Blick auf ältere Vorbilder kontern: „You should be Ken and not Barbie“.

Dan von Medem

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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