Gravitationsfeld Pop

Uwe Breitenborn, Thomas Düllo, Sören Birke (Hg.)
Gravitationsfeld Pop – Was kann Pop? Was will Popkulturwirtschaft? Konstellationen in Berlin und anderswo
Transcript Verlag 2014
463 Seiten
34,99 €

Bild Gravitationsfeld Pop

„No escaping gravity“ singt Brian Molko von Placebo im Song „Special K“. Kein Entkommen. Gravitation ist Kraft, wirkt anziehend, ist unausweichlich. Neben Placebo wählen die Herausgeber zum Einstieg noch weitere Musiker (James Brown, Eminem …) und Bands (Type O Negative, Yo La Tengo …), die sich musikalisch an der Gravitationsmethapher abgearbeitet haben. Als Fan der ersten Stunde bleibe ich jedoch unweigerlich bei Placebo hängen. Als wäre es gestern gewesen kommt mir Brian Molkos Stimme in den Kopf und das sich im Refrain immer wiederholende und in die Länge gezogene „Gravi(iiii)ty“. Das dazugehörige Video, in dem die Band auf Miniaturgröße geschrumpft in einem Raumschiff durch den menschlichen Körper fliegt, und auch so einige Konzerterinnerungen wechseln sich in meinem Kopf ab. No escaping pop memories.

Änhlich der Gravitationskraft kann man sich, jedenfalls geht es mir so, auch popkulturellen Einflüssen nur schwer entziehen. Ob im Alltag oder der Freizeit: Popkultur, und vor allem Popmusik, prägt und ist aus dem Leben vieler Menschen nicht wegzudenken. Pop schafft Erinnerungen und Emotionen. Und das auch viel stärker als jeder (minutiös) geplante Ausflug in die Hochkultur. Sprich: Man trifft mich definitiv öfter in Clubs, auf Konzerten oder Parties als in der Oper oder im Museum. Diese Aussage findet sich auch in einem Interview mit Olaf „Gemse“ Kretschmar (Vorstandsvorsitzender Berliner Club Commission) wieder, der den Club, neben Familie und Freunden, immer mehr zur Zivilisationsinstanz für Jugendliche erhebt. Doch obwohl Pop und Popkultur im Leben vieler Menschen einen größeren Einfluss und emotionalen Wert haben als Hochkultur, schwankt das Image und die Anerkennung von Popkultur immer noch sehr stark. Pop bewegt sich in der Wahrnehmung in einem Spannungsfeld. Für einige ist es „Avantgarde“ in der Tradition der Pop Art, für andere einfach nur „Mainstream“, also ein auf Massengeschmack ausgerichtetes und oftmals inhaltsleeres Produkt. Auch im Bereich der Kulturförderung fristet alles, was sich im Gravitationsfeld Pop bewegt, immer noch ein Schattendasein, da Popkultur nicht oder nur selten in die vorhandene Förderungslogik der Kulturpolitik passt.

Doch seit einigen Jahren bewegt sich etwas. Die Richtung und Auswirkung ist noch nicht genau erkennbar, aber die stetig wachsende Anerkennung von Pop und Popkultur im Bereich der Kulturförderung, aber auch die Wirkung und Impulse auf Stadtentwicklung, Club- und Musiklandschaft sowie die Ausformung neuer kreativer Ausdrucksformen schlagen sich in diesem Band nieder. Denn Gravitationsfeld Pop bietet auf über 400 Seiten Interviews und Beiträge, die sich in unterschiedlichen Facetten den Anziehungskräften und Sogwirkungen von Pop(-musik) und Popkultur widmen.

Fragen, die sich dabei stellen, sind: Welche Kräfte wirken im Bereich Pop? Welche Wechselbeziehungen gibt es zwischen Akteur_innen aus der Club- und Musiklandschaft und denjenigen aus der Kulturförderungspolitik und in welcher Konstellation stehen diese zueinander? Wie funktioniert und verändert sich Popkultur oder auch die mittlerweile in Berlin etablierte Szenewirtschaft unter sich immer mehr verschärfenden ökonomischen Aspekten wie der Gentrifizierung, die sich auf die Clublandschaft, Kreativwirtschaft und generell urbane Lebensstile auswirken? Diesen und vielen weiteren Fragen widmet sich der Band Gravitationsfeld Pop. Neben Interviewbeiträgen, in denen vordergründig Akteur_innen aus der Musik- und Clublandschaft zu Wort kommen und alltagspraktische Fragen beantwortet werden, gibt es auch Beiträge, die sich unter kulturwissenschaftlichen Gesichtspunkten mit den verschiedenen Aneignungspraxen von Pop und Popkultur beschäftigen.

Pop, so wird auch hier klar, scheint allgegenwärtig ohne dabei aber in festen Laufbahnen zu zirkulieren. Die einzelnen Beiträge umkreisen die mal mehr mal weniger scharfen Begriffe Pop, Popmusik, Popkultur und Populärkultur. Das macht zum einen die Fülle an Bezügen und Assoziationen deutlich, die man im Kopf hat, wenn das Wort Pop fällt, lässt mich als Leserin aber auch ab und an den Überblick verlieren, wovon denn gerade die Rede ist. Generell fällt der Band weniger durch Definitionsschärfe der verwendeten Begriffe auf, als mehr durch deren Kontextualisierung.

Und der Kontext lautet Berlin. Wer sich mit dem endlosen Treiben Berlins als „24- Stunden-Stadt“ und coole Musik- bzw. Technometropole auf einer analytischeren Ebene annähern will, kann bei Gravitationsfeld Pop beruhigt zugreifen. Der Vielfalt an Clubs (Berghain, Kesselhaus, Astra etc.), Kulturevents (Karneval der Kulturen, Fete de la musique etc. ) und Musikveranstaltungen (Balkan Beats Partyreihen etc.) bis hin zur Heterogenität der Musikinitiativen, wie der Berliner Club Commission, dem Berlin Music Board oder auch dem Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT), wird in den Beiträgen viel Platz eingeräumt oder aber die jeweiligen Akteur_innen kommen selbst in Interviews zu Wort. Berlin zu wählen erscheint aber auch nachvollziehbar, da Pop in der wirtschaftlich schwachen Hauptstadt zunehmend zum Motor der Stadtentwicklung wird, also als attraktives kulturelles und wirtschaftliches Gut immer stärker wahrgenommen wird.

Über die Anziehungskraft des Buches bin ich am Ende geteilter Meinung. Es gibt fundierten, kulturwissenschaftlich unterfütterten Einblick in die Club-, Musik-, Akteurs- und Förderungslandschaft Berlins. Da ist auch schon der Haken. Es ist (fast) alles auf dem scheinbaren Pop-Gravitationskern Berlin bezogen. Nach den „Konstellationen anderswo“, wie im Untertitel angekündigt, sucht man in diesem über 400 Seiten starken Band eher vergebens. Wer also gerne auch einen Blick auf die Entwicklung der Pop-Peripheriegebiete werfen möchte, wird leider eher enttäuscht sein. Für alle anderen, vor allem den an Berlin interessierten, werden Innenansichten in die vielfältige Party- und Clubkultur Berlins geliefert.

Giuseppina Lettieri

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Spass am Widerstand

Paul Willis
Spaß am Widerstand – Learning to Labour
Argument 2013
312 Seiten
18 €

Der Klassiker der Cultural-Studies-Forschung von 1977 in einer Neuauflage mit einem aktuellen Vorwort von Albert Scherr. Willis erforschte damals mit Interviews, Gruppendiskussionen, teilnehmenden Beobachtungen und vertiefenden Fallstudien die letzten zwei Schuljahre und ersten Monate im Job von Arbeiterjungen. Entstanden ist nicht nur ein Lehrbeispiel für die Jugendkulturforschung, sondern auch eine Ethnografie der Schule, die bis heute Ungleichheiten reproduziert und mit dem widerständigen „destruktiven“ Oppositionsverhalten von „bildungsfernen“ Jugendlichen, wie es ja heute heißt, nicht umgehen kann.

Klaus Farin

They Say I’m Different …

Rosa Reitsamer & Wolfgang Fichna (Hrsg.)
„They Say I’m Different …“ – Popularmusik, Szenen und ihre Akteur_innen
Löcker 2011
330 Seiten
22 €

they say i'm differentDie Soziologin Rosa Reitsamer und der Historiker Wolfgang Fichna liefern mit They Say I’m Different … eine Sammlung von theoretischen Analysen und empirischen Studien zu lokalen, transnationalen und virtuellen Musikszenen aus den Bereichen der Soziologie, der Cultural Studies und der Geschichts und Medienwissenschaft.

Das Buch ist Ergebnis eines vom FWF Wissenschaftsfond geförderten Projekts Entstehung und Bestand von Wiener Musikszenen der Universität für angewandte Kunst Wien. Die Autoren versuchen nicht, einzelne Musikszenen inhaltlich umfassend darzustellen, sondern greifen ausgewählte Aspekte auf, wie Älterwerden und Popmusik (Bennett), die Aneignung „fremder“ Musik und ihre Legitimation am Beispiel der Balkanclubszene (Brunner und Parzer), Inszenierungen von Blackness in deutschen Hip Hop und antirassistischen Skinhead Szenen oder Kompetenzentwicklung in Jugendszenen (Pfadenhauer). Die Autoren knüpfen häufig an bereits bestehende Diskurse und Theorien an, was den Einstieg in einige der Themenkomplexe ohne Vorkenntnisse (Simon Reynolds „Hardcore Kontinuum“, dezidierte Auseinandersetzung mit Kommunikationsebenen der Popmusik und poptheoretische/poststrukturalistische Diskurse der Cultural Studies) erschwert.

Als sehr informativ hervorzuheben ist der Artikel von Christoph Jacke und Sandra Passaro, die Expert_inneninterviews mit Akteuren der Musikindustrie aus den Bereichen Produktion, Distribution, Rezeption und Weiterverarbeitung durchführten und damit eine Bestandsaufnahme liefern bezüglich veränderter und sich ändernder Rahmenbedingungen in der Entwicklung und Rolle transnationaler Popmusikindustrien durch neue digitale Technologien und Techniken und Verschiebungen der Rezeptionsorientierung an musikjournalistischer Kanalisierung hin zu usergenerated content. Aufschlussreich sind auch die Interviews von Sabrina Rahmann mit Rye Coalition und Dälek aus New Jersey, die sich durch ihr Wirken in der „unhip“ geltenden Peripherie gezwungen sahen, ein alternatives Verständnis von Community und Authentizität zu entwickeln, in Abgrenzung zu dem als Künstlerparadies geltenden oberflächlichen New York. Auch die weiteren Artikel zu Ladyfesten, Szenen in Montreal, Beirut, Tanzania und natürlich Wien sind allesamt wertvolle, von Experten detailliert recherchierte Beiträge zum Thema Jugendszenen.

Einzig der Artikel von Michaela Pfadenhauer „Lernort Techno Szene“ hinterlässt einen faden Beigeschmack. Zu bemüht und beinahe rechtfertigend wirkt ihre Schreibe, den Wert von Jugendszenen als außerinstitutionellen Lernstätten von hard und soft skills für den kapitalistischen Verwertungsprozess zu betonen. Damit folgt sie – bewusst oder unbewusst – dem neoliberalen Usus, subkulturelle Lebensläufe als besonders wertvolles Füllmaterial für pfiffige Bewerbungen oder Grundlage für Ich AGs zu behandeln. Dabei läge nur eine Abstraktionsebene höher das Potential einer kritischen Reflexion des (leider auch hier implizierten) gesellschaftlichen Imperativs zu konstanter zwanghafter Selbstverwirklichung/Selbstdarstellung.

Manuel Wagner

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)