Dieses Haus ist besetzt!

Frankfurter Archiv der Revolte e.V., Offenes Haus der Kulturen e.V., Institut für Selbstorganisation e.V. (Hg.)
Dieses Haus ist besetzt! Frankfurter Häuserkampf 1970-1974
Selbstverlag Institut für Selbstorganisation e.V., Frankfurt am Main 2020
122 Seiten, Großformat mit zahlreichen farbigen Abbildungen
16 EUR

Im September 1970 besetzten migrantische Familien und Studierende erstmalig in der Geschichte der Bundesreplik ein Haus in Frankfurt am Main, um darin zu wohnen, und erklärten diese Hausbesetzung zur politischen Aktion. Sie wurde zum Auslöser für eine Welle von Haubesetzungen und Mietstreiks nicht nur im Stadtteil Westend, die bis 1974 andauerte und im sogenannten Frankfurter Häuserkampf kulminierte. Das Besondere dabei: Arbeitsmigrant*innen, Studierende und politische Gruppierungen aus der radikalen Linken, nicht nur der Bundesrepublik, sondern auch aus den Herkunftsländern der Arbeitsmigrant*innen fanden in diesem Kampfzyklus – durchaus konfliktbeladen – zusammen.

50 Jahre danach konnte die erste Ausstellung über den Frankfurter Häuserkampf eröffnet werden. Im September und Oktober 2020 wurde im Studierendenhaus an der Frankfurter Universität die Schau „Dieses Haus ist besetzt! Frankfurter Häuserkampf 1970-1974“ gezeigt, zusammengestellt von einem Team des Frankfurter Archivs der Revolte. Der nun vorliegende Ausstellungskatalog dokumentiert nicht nur die wandzeitungsartige Zeitreise durch den Gang der urbanen Kämpfe der frühen 1970er Jahre mit Texten, zeitgenössischen Fotografien, Abbildungen von Flugblättern, Plakaten und anderen Dokumenten aus der Ausstellung. Zahlreiche Fotografien von Jens Gerber vermitteln zudem einen Eindruck von Aufbau und Gestaltung der Präsentation, Michaela Filla-Raquin erläutert deren künstlerische Aspekte.

Interessant machen die Publikation darüber hinaus die weiterführenden Beiträge: Rolf Engelke gibt einen ereignisgeschichtlichen Überblick über die Jahre 1970 bis 1974. Es wird deutlich, dass in Frankfurt am Main die städtebauliche Entwicklung zur „Global City“ weit früher schon als anderswo in der Bundesrepublik unter der Ägide der Sozialdemokratie vorangetrieben wurde. Zudem steht der Häuserkampf für einen zentralen Wendepunkt in der Entwicklung der bundesdeutschen radikalen Linken nach 1968.

Freia Anders sorgt mit ihrer kommentieren Bibliografie zur historiografischen Auseinandersetzung mit Hausbesetzungen für die internationale Einbindung sowie die Kontextualisierung mit aktuellen Auseinandersetzungen. Schließlich macht der Katalog auch eine Analyse der Häuserkampfs von Richard Herding aus dem Jahr 2000 wieder zugänglich.

Somit ist der Ausstellungskatalog ein wichtiger Baustein in der Erforschung der noch lange nicht erschöpfend behandelten 1970er Jahre.

Gottfried Oy

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