Cherryman jagt Mr. White

Jakob Arjouni
Cherryman jagt Mr. White
Diogenes Verlag 2011
167 Seiten
19,90 €

978-3-257-06755-2In Storlitz möchte man nicht leben. Nicht mal tot sein. Das Kaff in der brandenburgischen Provinz ist weit genug von Berlin weg, um absolut gar nichts vom Großstadtflair abzubekommen, aber noch nahe genug dran, um es zu kennen und zu hoffen, irgendwann dort zu leben. Im Dorf gibt es immerhin eine Frittenbude und einen Supermarkt. An diesem trostlosen Schauplatz sieht sich der Anti Held des Romans, der 18-jährige Rick Fischer, gezwungen, sein Dasein zu fristen. Als Waisenkind, das seine Eltern früh bei einem Autounfall verloren hat, wächst er bei seiner selbsternannten Tante Bambusch auf. Sie hat ihn liebevoll großgezogen und nun kümmert er sich um die alte Frau. Nach dem Realschulabschluss erwartet ihn wie alle Jugendlichen im Ort die aussichtslose Jobsuche.

Rick ist ein Träumer, ein stiller, harmloser Junge, der gerne Comics zeichnet und mit seiner Katze spielt. Und somit das ideale Opfer für die rechtsradikale, dummgesoffene Clique, die arbeits und perspektivlos auf dem örtlichen Supermarktparkplatz herumlungert und Bier trinkt. Die Gang schikaniert ihn, nimmt ihm regelmäßig das Taschengeld ab und quält seine Katze. Rick versucht, ihnen so gut es geht aus dem Weg zu gehen und sich unauffällig zu verhalten. Wenn das mal wieder nicht klappt, flüchtet er sich in seine selbst gezeichnete Comicwelt, in welcher der übermächtige Held „Cherryman“ (seines Zeichens ein menschgewordener Kirschbaum) es immer schafft, seine Feinde zu besiegen.

Eines seltsamen Tages bietet eben dieser Schlägertrupp sich plötzlich an, ihm eine Lehrstelle im verheißungsvollen Berlin zu vermitteln. Rick ist von Anfang an misstrauisch. Aber das Gefühl, endlich einmal Glück zu haben und die Aussicht auf einen Ausbildungsplatz in seinem Traumberuf Gärtner lassen ihn alle Zweifel verdrängen. Der Mittelsmann Pascal, ein schmieriger und unsympathischer Vorstadtgauner, macht ihm schnell deutlich, dass die Lehrstelle an Bedingungen geknüpft ist. Rick soll für den örtlichen Neonazi Verein „Heimatschutzbund“ einen jüdischen Kindergarten ausspionieren. Er wird genötigt mitzumachen, da seine neuen rechten Kumpanen alles bedrohen, was ihm wichtig ist: seine Tante, seine Freundin, seine Lehrstelle. So wird Rick trotz moralischer Bedenken und Gewissensbissen zum Werkzeug von Leuten, die er eigentlich verabscheut. Als ihn die Neonazis in eine Falle locken wollen und er die offensichtliche Kriminalität des Heimatschutzbundes nicht mehr länger verleugnen kann, wächst Rick über sich hinaus. Die Angst um seine Freunde und seine Tante bringt ihn dazu, sich zu wehren. Die aufgestaute Frustration und all seine Furcht entladen sich in einer überdimensionalen Reaktion.

Der/Die LeserIn erfährt gleich zu Beginn, wo die Geschichte endet. Nämlich mit Rick im Gefängnis. Wie es dazu kam, erzählt Jakob Arjouni in Form von Briefen des Protagonisten an den Knastpsychologen. Er stellt so nur die eine Sicht der Dinge dar und die Sympathien sind von Anfang an eindeutig verteilt. Es ist die Geschichte eines schwachen Jugendlichen, der in einer scheinbar ausweglosen Situation durchdreht. Der Autor zeigt, wie leicht man zum Mitläufer werden kann und wie schwer der Kampf eines Einzelnen gegen organisierte Neonazigruppierungen ist. Die Grenze zwischen Opfer und Täter verwischt. Es stellt sich die Frage, ob Gewalt tatsächlich nur mit noch mehr Gewalt begegnet werden kann und ob es moralisch akzeptable Motive für ein schwerwiegendes Verbrechen gibt.

Die Geschichte behandelt ein bedrückendes Thema auf unterhaltsame, fast skurrile Weise, so wie es für den Autor typisch ist. Der leichte Schreibstil und die Kürze des Buches machen den Roman zum idealen Lesestoff auch für Jugendliche, und die Lektüre bietet ordentlich Diskussionsstoff.

Lydia Busch

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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