Die Identitären

Kathrin Glösel, Natascha Strobl, Julian Bruns
Die Identitären – Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa
Unrast Verlag 2014
263 Seiten
16 €

978-3-89771-549-3Die Entstehung der Identitären Bewegung in Europa muss als eine Anpassung an die rechtlichen Sanktionen gegen rechtsextreme Organisationen und die gesellschaftliche Situation in Frankreich gesehen werden: der französische bloc identitaire wurde 2003 in Reaktion auf das Verbot der neofaschistischen Unité radicale (UR) 2002 gegründet. Die „Bewegung“ orientiert sich inhaltlich an Denkern der Neuen Rechten. Mit dem Begriff der „Neuen Rechten“ wird jener Teil des rechten Lagers gefasst, der sich ideologisch an der Konservativen Revolution orientiert und als Gegenbewegung zu den „Ideen von 1968“ versteht. Man lehnt den demokratischen, parlamentarischen Staat zugunsten einer autoritären und homogenen Staatsform ab und spricht sich gegen Individualismus und Menschenrechte aus. Durch eine „Kulturrevolution von Rechts“ sollen die eigenen Inhalte diskursfähig gemacht und die „kulturelle Hegemonie“ erlangt werden. Um diese Ziele zu erreichen, werden eine Abkehr von Praxis und eine Beschränkung auf Metapolitik propagiert. Mit Bezug auf Personen aus dem nationalrevolutionären Lager der 20er und 30er Jahre und deren Interpretation von Philosophen wie Nietzsche und Heidegger wird ein „Dritter Weg“ propagiert. Dieser sollte historisch eine Alternative zu kommunistischer, liberaler und klassisch konservativer Politik darstellen. Die Inszenierung als Jugendbewegung ist für die Identitäre Bewegung zentral. Auf der einen Seite rekrutieren sich ihre Mitglieder – im Besonderen in Österreich – vor allem aus dem studentischen, burschenschaftlichen Milieu. Auf der anderen Seite werden aus einer vermeintlichen „Jugendlichkeit“ die Legitimität der eigenen Position sowie eine besondere Einsicht in gesellschaftliche Problematiken abgeleitet.

Für die Neue Rechte ist der Anspruch, nicht rassistisch zu sein, zentral. Man habe sich von einem biologistischen Rassismus ab- und dem Ethnopluralismus zugewendet. Bei diesem wird im Kern von einer prinzipiellen Gleichwertigkeit nationaler wie regionaler „Volksgruppen“ ausgegangen. Regionale Identitäten in kleinen, homogenen Einheiten sind dabei das positive Gegenbild zur multinationalen, multikulturellen Einheitskultur. Die angestrebten kulturellen Gemeinschaften spiegeln dann ein Bedürfnis nach Identität und Homogenität wider, aus denen Differenz, Konflikt und Veränderung verbannt werden. Außerdem wird die angestrebte Kultur re-biologisiert, in dem unterschiedliche kulturelle Entwicklungen von Völkern auf die jeweilige „genetische Basis“ – begründet durch fragwürdige wissenschaftliche Befunde – zurückgeführt werden.

Für Leser_innen, die einen Einblick in die Bewegung der Identitären gewinnen wollen, ist das Buch von Bruns, Glösel und Strobl sicher ein guter Einstieg. Allein durch seine Fülle an Material und die Einführungen in einige der zentralen Begrifflichkeiten der Neuen Rechten, stellt es einen guten Anfangspunkt für eine Auseinandersetzung mit diesem Teil der europäischen rechtsextremen Szene dar. Im ersten Abschnitt wird eine Einleitung in die Diskussionen um Begriffe wie „Rechtsextremismus“ und „Neue Rechte“ geliefert, die Entwicklung der Neuen Rechten nachvollzogen und das historische Vorbild dieser – die Konservative Revolution – dargestellt. Im zweiten Abschnitt folgen eine große Materialsammlung zu den länderspezifischen Ausprägungen und dem publizistischen wie politischen Umfeld (vor allen Dingen im deutschsprachigen Raum) der Bewegung. Im dritten Teil des Buchs werden die zentralen ideologischen Bezugspunkte der Neuen Rechten sowie ihre politischen Strategien erläutert.

Problematisch ist das Buch jedoch in zweierlei Hinsicht. Zum einen ist es ärgerlich, wenn die Lektüre dadurch erschwert wird, dass das Buch von Formatierungs- und Grammatikfehlern durchzogen ist. Auch hat man in sprachlicher Hinsicht den Eindruck, eine wenig überarbeitete Seminararbeit von Studierenden in der Hand zu halten. Dies sorgt dafür, dass Gedankengänge und Zusammenhänge immer wieder wenig nachvollziehbar sind. Zum anderen weist das Handbuch einige inhaltliche Lücken auf. Zugute muss man den Autor_innen halten, dass auf diese teilweise in der Einleitung hingewiesen wird. Trotzdem muss sich fragen lassen, wieso eine der zentralen Bezugsperson der Identitären Bewegung – Aleksandr Dugin – nicht behandelt wird. Dessen Werk würde eine exemplarische Auseinandersetzung mit den Inhalten der „Bewegung“ bieten und sich des Weiteren wichtige Netzwerke und Bezugspunkte darstellen lassen. Außerdem sind die verwendeten Begrifflichkeiten im Handbuch wiederholt ungenau. Auch wenn zuerst die Begriffe der „Neuen Rechten“ sowie „Rechtsextremismus“ ausführlicher diskutiert werden, wird später der Begriff „identitär“ für Organisationen verwandt – ein Begriff, der an keiner Stelle eingeführt wird und somit ungenau bleibt. Außerdem bleiben die länderspezifischen Differenzen der Organisationen wenig beleuchtet.

Florian Franke

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