West:Berlin

Mal wieder West-Berlin: wir waren endlich in der Ausstellung des Berliner Stadtmuseums „West:Berlin – Eine Insel auf der Suche nach Festland“ im Ephraim-Palais, die dort schon seit November letzten Jahres zu sehen ist und noch bis zum 28. Juni gezeigt wird. Die Ausstellung gibt einen facettenreichen Einblick in die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und vor allem auch kulturellen Aspekte und Phänomene des von der Mauer umgebenen West-Berlins bis 1989. Gezeigt werden Dokumente, Fotos, Filme, Kunstwerke, Alltagsgegenstände und z. B. auch ausgestopfte Tiere aus dem Berliner Zoo (der Panda Bao Bao und das Nilpferd Knautschke, die ein wenig kontextlos in der Gegend herumstehen), es entsteht ein umfassendes Bild von der Stimmung und dem Leben in der Stadt. Gerade die Bilder sind beeindruckend, beispielsweise das komplett durch den Krieg zerstörte Kreuzberg oder der Alltag im Schatten der Mauer in den 1980er Jahren. Wunderbar sind auch die vielen Plakate von kulturellen Veranstaltungen – selbst die Theaterszene hat einen eigenen Raum und die vielfältige Kulturszene wird immer wieder thematisiert. Kultur diente in dieser „Frontstadt“ auch dazu, die Stadt attraktiver zu machen (neben vielen anderen Vergünstigungen, die Menschen aus Westdeutschland dazu bewegen sollten, in die Stadt zu ziehen) und sie als lebendigen und freien Ort, als Repräsentantin des westlichen Lebensstils zu präsentieren. Sowieso Freiheit – der Begriff findet sich überall: Freie Universität, Freie Volksbühne, Sender Freies Berlin und so weiter. Und auch das Fehlen der polizeilichen Sperrstunde und die ausgesetzten Wehrpflicht gehört hier dazu – West:Berlin erscheint als ein Labor, in dem sich die Menschen ausprobieren konnten, vielleicht sogar in gewisser Hinsicht sollten – sie wurden ja tatsächlich staatlich unterstützt (eben durch die Vergünstigungen und die Freiheiten). So konnte sich ein hedonistisches Nachtleben entwickeln und ein breiter kultureller und politischer Untergrund fand hier sein Zuhause – trotz der unübersehbaren Präsenz des Militärs der Westalliierten und einer immer wieder repressiven Polizeipolitik.

Die Ausstellung ist nicht chronolgisch aufgebaut, sondern thematisch; es gibt einzelne Räume zur Wirtschaft, zur Student_innenbewegung, den Hausbesetzer_innen, dem Stadtumbau etc. Dadurch wirkt die Ausstellung leider etwas unübersichtlich, vor allem auch dadurch, dass bestimmte Aspekte in vielen verschiedenen Räumen vorkommen. Gerade in Bezug auf den vielfältigen politischen und kulturellen Untergrund bzw. die grob als „links“ zu verortenden Bewegungen fand ich das besonders auffällig. All die Szenen und Akteure, die in diesem Kontext eine Rolle spielten – von der Student_innenbewegung bis zur Punk- und New-Wave-Szene (die aufkeimende Technoszene und die erste Loveparade von 1989 fehlen allerdings) – sind über die ganze Ausstellung verteilt, die Zusammenhänge muss man sich als Besucher_in dazudenken, wobei ein gewisses Vorwissen nützlich ist. Dann wird es aber auffällig, wie sehr diese gesellschaftlichen und kulturellen Bereiche die Stadt durchdrungen haben und die einzelnen Themen miteinander vernetzt sind. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn es zur Ausstellung einen umfassenden, reich bebilderten Katalog gäbe, aber leider gibt es nur ein kleines Büchlein als Begleitband – das es aber immerhin kostenlos zum Ticket dazu gibt. Und, parallel zur Ausstellung im Ephraim Palais gibt es noch die Fotoausstellung „Bühne West-Berlin“ im Märkischen Museum, zu der ein schöner Katalog erschienen ist.

Was ich außerdem noch erwähnen muss: Auch ein Exponat aus dem Archiv der Jugendkulturen findet sich in der Ausstellung: Das Punkfanzine „Die Berliner Ghettoratte“ aus den 1980er Jahren.

West:Berlin – Eine Insel auf der Suche nach Festland
Ephraim Palais Poststr. 16 (im Nikolaiviertel in der Nähe vom Roten Rathaus)
10178 Berlin
Öffnungszeiten: Di, Do – So 10 – 18h, Mi 12 – 20h
Eintritt: 7 €, ermäßigt 5 €, bis 18 Jahre freier Eintritt
1. Mittwoch im Monat Eintritt frei

Daniel Schneider

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