#archivbleibt: Nutzer*innen über unser Archiv

Im Rahmen unserer GoFundMe-Kampagne „Mehr als nur die halbe Miete?- Hilf dem Archiv der Jugendkulturen in Kreuzberg zu bleiben“ haben viele tolle Menschen uns mitgeteilt, was sie an unserem Archiv schätzen. Das sagen Nutzer*innen über unser Archiv. Vielen Dank an Tom Smith für dieses tolle Statement. Sowas freut uns natürlich sehr!

Dr. Tom Smith is Lecturer in German at the University of St. Andrews and an AHRC/BBC New Generation Thinker.

„Das Archiv der Jugendkulturen hat nicht nur eine der besten Sammlungen an Materialien zur deutschen und internationalen Techno-Szene, sondern es ist auch mit das freundlichste und nachkommendste Archiv, in dem ich gearbeitet habe. In meiner Forschung beschäftige ich mich mit marginalisierten Stimmen der frühen Techno-Szene, und ich war vier Wochen im Archiv. Ich habe mich stets wohl gefühlt, und mein Projekt wäre ohne die Zusammenarbeit und Gespräche der Kolleg_innen unmöglich gewesen. Vor allem die Vielseitigkeit der Bestände ermöglichte es mir, ein Bild der Techno-Szene als kulturell diverses und international vernetztes Umfeld zu konstruieren.

Das Weiterbestehen des Archivs ist jetzt leider gar nicht mehr sicher. Das heißt, dass wir, die wir uns für Jugend- und Subkulturen interessieren, uns engagieren müssen. Wenn jede_r, der/die die Bestände verwendet, oder der/die dem Archiv über Facebook oder Twitter folgt, kurz die Zeit nehmen könnte, die Kampagne zu teilen und eine Spende zu geben, wäre die Zukunft des Archivs sichergestellt. Also los!

Hier gehts zur Kampagne: https://www.gofundme.com/f/jugendkulturen

Unser Kampagnenvideo:

https://www.youtube.com/watch?v=4xTp_zqYneA&feature=emb_logo

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„The Archive of Youth Cultures isn’t just one of the best collections on techno, it’s also one of the friendliest and most accommodating archives I’ve used. As part of my work on marginalised voices in the techno scene, I spent four weeks in the archive. I felt very much at home, and my project would have been impossible without the conversations and assistance of colleagues in the archive. The archive’s wide-ranging collections were especially important for my attempts to construct a more diverse and international image of the techno scene.

But the archive’s future is uncertain. Those of us with an interest in youth culture and subcultures have a duty to act. If everyone who’s used the archive, or who follows it on Facebook or Twitter, took a moment to share and donate to the campaign, we could secure the future of this fantastic resource. So what are you waiting for?!

The campaign link: https://www.gofundme.com/f/jugendkulturen

Our campaign video: https://www.youtube.com/watch?v=4xTp_zqYneA&feature=emb_logo

Dr. Tom Smith is Lecturer in German at the University of St. Andrews and an AHRC/BBC New Generation Thinker.

Getting ready for Queer History Month 2020

Seit 2019 ist das Archiv Träger des Queer History Months in Berlin. Der Monat wird bei uns von unserer Kollegin Giuseppina koordiniert. Sie ist seit vielen Jahren unsere Ansprechperson im Archiv für queerfeministische Themen.

Queer History Month in Berlin

Jedes Jahr im Mai gibt es im Rahmen des Queer History Month in Berlin viele kostenlose Workshops, Fortbildungen und kulturelle Veranstaltungen für Jugendliche und Erwachsene zu queerer Geschichte und Gegenwart. In dem Netzwerk des Queer History Month sind queere Museen, wie das Schwule Museum, queere Archive, wie der Spinnboden Lesbenarchiv, LSBTIQ*-Bildungsprojekte wie Queerformat, ABqueer und Diversity Box sowie queere Aktivist*innen vertreten. Gefördert wird der Queer History Month von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie.

Was findet 2020 in Berlin statt?

Derzeit befindet sich Giuseppina mit vielen Kooperationspartner*innen in der finalen Abstimmungsphase der Veranstaltungen. Nur soviel an dieser Stelle, es gibt Vernetzungsangebote für queere Lehrkräfte, Empowerment-Workshops zu Sprache und Stimme, Performances, Ausstellungen und noch vieles mehr.

Bestätigt ist u.a. bereits diese Veranstaltung, organisiert vom Lernort Keibelstraße. Die Filmvorführung „Warum wir so gefährlich waren
– eine Lesbengruppe in der DDR“ plus Zeitzeuginnengespräch am 12.Mai ab 16.30. Anmeldungen sind aufgrund begrenzter Raumkapazitäten (ca. 30 Personen) erwünscht unter: anmeldung@keibelstrasse.de

Im Dokumentarfilm erzählen vier Frauen von den zahlreichen Versuchen der Ostberliner Gruppe „Lesben in der Kirche“ (LiK), von 1984-1986 an den Gedenkveranstaltungen im ehemaligen Frauenkonzentrationslager in Ravensbrück teilzunehmen. Die Lesbengruppe widmete sich u.a. in den 1980er Jahren dem Anliegen, das Schicksal von im Nationalsozialismus verfolgten lesbischen Frauen sichtbar zu machen und ihnen öffentlich zu gedenken. Der DDR-Staat reagierte mit Repression. Die Protagonistinnen berichten von den Ereignissen rund um die Gedenkveranstaltungen, insbesondere 1985, und kommen auf die damaligen Ziele und politischen Motivationen der 11-köpfigen Gruppe zu sprechen. Dabei sprechen sie auch darüber, wie es war, in der DDR als Lesbe aufzuwachsen und wie sie gegen Diskriminierung und Unsichtbarmachung vorgingen.
Im Anschluss wird es ein Zeitzeuginnengespräch mit Bettina Dziggel geben, Mitgründerin des Homosexuellen Arbeitskreises Berlin/Lesben in der Kirche. Heute arbeitet und lebt sie in Berlin.

Eine Veranstaltung für Jugendliche, Lehrkräfte und Interessierte im Lernort Keibelstraße im Rahmen des Queer History Months.

Barrierefreiheit: Der Veranstaltungsort ist gut mit dem Rollstuhl bzw. für Menschen mit Bewegungseinschränkungen erreichbar, allerdings gibt es kein Blindensystem und da es sich um einen Film ohne Untertitel handelt, ist die Veranstaltung auch nicht für Gehörlose geeignet.

Ihr wollt euch beteiligen?

Egal, ob mit eigener Veranstaltungsidee oder als Schüler*innengruppe, die gerne zu queeren Themen arbeiten möchte, meldet euch gerne bei Giuseppina info@queerhistory.de

Mehr Infos auch hier:

https://www.facebook.com/queerhistorymonth/

https://www.instagram.com/queer_history_month/

Das war unser 2019

Zineklatsch bei der DruckDruckDruck-Ausstellung in der Galerie am Körnerpark

Generell konnten Archiv und Bibliotheksbereich im Rahmen des Projektes „Pop- und Subkulturarchiv International“ 2019 weitere Schritte auf dem Weg zur Professionalisierung gehen. Wir haben endlich unsere Science-Fiction-Sammlung in einer mehrwöchigen Aktion aus Umzugskartons in archivgerechte Boxen umgepackt und sortiert. Dabei haben wir festgestellt, dass sie weitaus umfassender ist, als wir dachten. Von April bis August haben wir in der DruckDruckDruck-Ausstellung in der Galerie im Körnerpark einen Teil der Ausstellung mitkuratiert und mit Materialien ausgestattet, außerdem waren Exponate von uns unter anderem in der Nineties Berlin und der c/o Berlin zu sehen. Ein weiterer Schwerpunkt im letzten Jahr war die Vernetzung des Archiv- und Bibliotheksbereichs, so etwa beim Workshop der Archive von Unten, den wir in diesem Jahr ausgerichtet haben, beim Besuch der Konferenz „Building the Scenes“ in Prag oder beim Treffen der queeren Archive, Bibliotheken und Sammlungen in Wien (QueerSearch).

rbeiten am Bestand: Unsere spannende und umfangreiche Plakatsammlung

Im Rahmen des Digitalisierungsprojektes „Y-KLRMPFNST verständlich gemacht!“ wurde die vierte Ausgabe des West-Berliner Punk-Fanzines Y-KLRMPFNST von 1980 in Form einer Digitalen Edition umfassend online verfügbar gemacht. Diese enthält erläuternde Informationen und Kontextdokumente zu den Fanzine-Inhalten, Links zu Online-Ressourcen und Verweise auf vertiefende Literatur und Quellen. Die Digitale Edition integriert das Faksimile des Originals, die Transkription sowie die XML-basierte Auszeichnung des Textes und ermöglicht die Volltextrecherche im Fanzine. Darüber hinaus wurden szenerelevante Personen, Gruppen, Orte und Ereignisse markiert, erläutert und in ein Glossar aufgenommen.

Das Panel mit Diversity Box-Referent*innen auf der Abschlussveranstaltung im Refugio Berlin

In letzten Projektjahr konnte unser Projekt „Diversity Box“ nochmal viele Workshops und Projekttage mit Jugendlichen realisieren, wie im Dezember 2019 an der Leonardo da Vinci Schule in Berlin. Dort fanden 7 Workshops zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im Kontext von Comic, Fanzine, Video, Fotografie, Rap/ DJing, Kreatives Schreiben, Graffiti/Streetart  statt. Darüber hinaus gab es die Abschlussveranstaltung „Und ihr habt sie doch!“, bei der 5 Jahre queere Bildungsarbeit in Stadt und Land rekapituliert sowie die Herausforderungen und Barrieren in der nachhaltigen Arbeit zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt diskutiert wurden. Wir danken allen am Projekt beteiligten Menschen, Schulen und Jugendeinrichtungen, die diese 5 Projektjahre zu etwas ganz Besonderem für unsere Projektverantwortlichen Giuseppina, Saskia und Vicky gemacht haben. Wir freuen uns nun auf neue Projekte und Aufgaben, wie z.B. den Queer History Month in Berlin (http://www.queerhistory.de)

Das Culture on the Road-Team bei Projekttagen in Hoya/Niedersachsen

Außerdem waren wir auch im Jahr 2019 wieder in 15 Bundesländern mit unseren Bildungsangeboten zu Jugendkulturen und Diskriminierungen unterwegs und haben mehr als 150 Veranstaltungen mit mehr als 2000 Jugendlichen und Erwachsenen realisiert. Unsere Ausstellung „Der z/weite Blick“ war an rund 20 Orten, untern anderem auf dem Deutschen Präventionstag in Berlin und auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund, zu sehen. Rund 30 Szeneninitiativen haben sich im Sommer über bedrohte Freiräume ausgetauscht und vernetzt. Im Dezember haben wir auf unserer fünften Résumétagung in Fachvorträgen und einem Panel mit Szenengänger*innen über die Bedeutung von Jugendkulturen für die politische und kulturelle Bildung debattiert. Ergebnissen aus fünf Jahren Strukturentwicklungsförderung im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ sind in unserer Broschüre „Jugendkulturen und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit – Strukturen festigen, Wirkung entfalten“ dokumentiert. Die Broschüre und weitere Ergebnisse aus dieser Förderung sind im Archiv erhältlich oder können auch kostenlos unter  https://www.jugendkulturen.de/publikationen.html heruntergeladen werden. 

Unser Umzug steht bevor in 2020

2020 wird ein Jahr voller Herausforderungen für uns. Denn wegen dem bevorstehenden Umzug und dem Wegfall von Fördermitteln fehlen uns 45.000€ um unsere Miete zu bezahlen. Supportet uns gerne, entweder hier: https://www.gofundme.com/f/jugendkulturen, hier: https://www.betterplace.org/de/projects/4563-unterstutze-das-archiv-der-jugendkulturen, via PayPal: archiv@jugendkulturen.de oder Kontoverbindung: Archiv der Jugendkulturen, GLS Bank, IBAN: DE46 4306 0967 1124 0712 01

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Kurz vorm Jahresende und keine Ahnung, wohin mit deiner Spende???



Du siehst die Bibliothek vor lauter Büchern nicht? Spende für den Erhalt von sub-und popkulturellen Erzeugnissen und hilf uns zudem in Kreuzberg zu bleiben.
Spenden kannst du entweder über Paypal: archiv@jugendkulturen.de, per Kontoverbindung an: Archiv der Jugendkulturen, IBAN: De46430609671124071201 oder über unsere GoFundMe-Kampagne https://www.gofundme.com/f/jugendkulturen

Zine of the Week: Fleisch mit weißer Soße #August2016

Es ist International Zine Month! Zeit für einen Einblick in die Fanzinesammlung des Archivs der Jugendkulturen, in der sich inzwischen mehr als 20.000 Einzelhefte befinden. Heute rezensiert Giuseppina Lettieri aus dem Team Diversity Box.

Das Zine „Fleisch mit weißer Soße“ ist im August 2016 erschienen und eigentlich längst überfällig mal von unserer Seite rezensiert zu werden. Allein der Titel irritiert mich schon seit langem, weil er mehr Rätsel aufgibt als wirklich Hinweise zum Inhalt des Zines- jedenfalls für mich. Nach dem ersten Lesen ist immerhin das etwas klarer. Es geht um Sexarbeit oder besser gesagt um einen persönlichen, wenn auch sehr fragmentarischen Einblick in das Leben einer Person, die im Puff arbeitet.

Und was dann in diesem 14 Seiten dünnen Zine folgt, erinnert ein kleines bisschen an William S. Burroughs „Naked Lunch“ vom Stil, sprachlich jedoch ehrlicherweise eher an Tagebuch-Einträge. Gedanken, scheinbar wahllos aufeinanderfolgend, geben Einblicke in Lebensmomente aus dem August 2016: das konfliktive WG-Leben, unangenehme U-Bahn-Situationen, Migräneanfälle, depressive Phasen und ein erster Hinweis auf den ausgeübten Beruf als Sexworker. Immerhin ist das der längste Text in dem Zine und füllt eine ganze DIN A 6-Seite.

Vom Zine zum Buch

Da das Zine dahingehend nur diesen einen Vorgeschmack zum Thema Sexarbeit zu bieten hat, habe ich auch das gleichnamige Buch von Christian Schmacht, erschienen im Dezember 2017, gelesen. Cut and Paste als künstlerisches Stilmittel durchzieht auch die 105 Seiten des Buches. Auf dem Klappentext wird nun der Kontext geliefert, der dem Zine fehlte. Dort steht:

Christian Schmacht, durch seine Skandalkolumnen für das Missy Magazine bekannt geworden, schreibt in seiner autobiografisch inspierten Novelle über einen jungen transgender Mann, der als Frau verkleidet in den Bordellen Berlins anschafft.

Und sicherlich weiß auch ich durch die Kolumne in der Missy sowie durch die Social Media-Accounts von Christian Schmacht mehr über das Leben als Sexworker, über Körper-und Identitätsfragen, Konsum und das politisches Selbstverständnis des Autors. Mehr als mir manchmal lieb ist sogar, um ehrlich zu sein. In dem Buch beschreibt Christian Schmacht, warum Schreiben und sich der Welt mitteilen eine heilsame Wirkung hat und es nach dem eigenen Selbstverständnis nicht darauf ankommt, ob andere das hören oder lesen wollen:

Schreiben heißt: Ich existiere. Ich schreibe für mich, weil ich will und manchmal weil ich muss; um mich selbst zu erhalten. Oder zu halten. Ich habe mit meinen gedanken eine geschwindigkeit erreicht, mit der andere nur manchmal klarkommen.

Schreiben als Existenz- bzw. Daseinsberechtigung. Denn: Representation matters.

Sexarbeit ist Arbeit oder auch über die Banalität der Sexarbeit im Kapitalismus

Niemand hat sex außerhalb vom kapitalismus, aber darüber wollen viele gern hinwegsehen. bei liebe und sex denken sie, das ist so ursprünglich, das gehört mir, egal wie entfremdet ich sonst bin. Aber das ist nicht wahr und wir sexworker stoßen sie darauf, mit unserer bloßen existenz und das mögen sie nicht.

Das Sexarbeit Arbeit ist, ist in den queerfeminitischen Kontexten, in denen ich mich bewegen, nichts Neues, aber meine Berühungspunkte mit dem Thema waren bisher immer analytischer nicht persönlicher Natur. Ich habe keine Freund*innen, die Sexarbeit machen und beziehe meine Einblicke aus Aktivismus und Popkultur. Die Aktivistin Sylvia Rivera, Transfrau of Color, hat meinen Aktivismus vor einigen Jahren, als ich sie viel zu spät als zentrale Figur der Stonewall-Riots eher per Zufall entdeckte, seitdem stark geprägt. Und mit der Serie Pose stehen zum ersten Mal hauptsächlich BPoC Transfrauen im Mittelpunkt der Geschichte und geben Einblick in das New York der 80er und 90er Jahre, wo Sexarbeit einfach mit zum (Über-) Leben gehörte.

White Privilege

Geht es bei Pose und in den Interviews von Sylvia Rivera im STAR-Zine jedoch eher um die Adressierung struktureller Benachteilungen, wie Rassismus und Trans*feindlichkeit gegenüber BPoC Transfrauen und Queers, die oft einen sozio-ökonomischen Kosmos schufen, der die Sexarbeit bedingte, so anders ist der Einblick den Christian Schmacht als weiße Person in Deutschland aus den Jahren 2016 und 2017 schildert. Christian Schmacht reflektiert die eigenen Privilegien sehr gut und äußerst sich zudem politisch zu Rassismus, Klassismus, Misogynie und der kapitalistischen Verwertungslogik in der Gesellschaft an sich sowie zu Homo-und Transfeindlichkeit und rechter Gesinnung unter den Freiern und auch den Sexarbeiter*innen im Puff. Das blitzt aber immer wieder nur kurz auf. Zu kurz für mein Empfinden. Davon würde ich lieber mehr lesen. Stattdessen sind die Gedankensprünge und die wilde Aneinanderreihung von Themen (von Schernikau zum Dschungelcamp, von der Fashion Week zu Botox bis zum G20-Gipfel in Hamburg) das, was für mich am prägnantesten hängen bleibt. Das soll auch alles gar nicht kohärent sein, glaube ich, sondern Einblicke in die diffuse Gedankenwelt und das Seelenleben einer jungen weißen Trans*person geben, die zwischen Materialismus und Aktivismus schwankt:

Beispiel geld: Lieber wurde ich sexworker, als wenig geld zu haben und für oder gegen etwas zu kämpfen. Ich wollte teilhaben, am leben, mieten, konsumieren.

Fazit

Dieses Review ist eher ein ganz persönlicher Push aus meiner Komfortzone und lässt am Ende auch eher mehr Fragen offen, statt ein klareres Meinungsbild meinerseits erkennen. Die oft kontrovers geführten Debatten zum Thema Sexarbeit in feministischen Diskursen, lösen sich in meinem Kopf ab mit den kurzweilig verfassten Beiträgen von Christian Schmacht. Eines kann ich an dieser Stelle aber abschließend sagen: Nie habe ich vorher so ehrlich und banal über den Beruf Sexarbeiter*in gelesen, über die Langweile im Puff, wenn bei zu gutem oder zu schlechten Wetter die Freier wegbleiben. Davon geht sogar ein bisschen Faszination aus. Da ist die Frage nach dem Titel fast schon wieder vergessen.

Giuseppina Lettieri

Giuseppina schreibt aus einer cis-weiblichen, queerfeministischen, of Color-Perspektive. Sie leitet im Archiv ein queeres Bildungsprojekt und koordiniert seit 2019 den Queer History Month Berlin.

Leben mit der Wahlfamilie-Queere Filme auf der Berlinale Pt.II

„So Pretty“ von Jessie Jeffrey Dunn Rovinelli

USA/Frankreich (2019)

Der Film „So Pretty“ macht seinem Namen alle Ehre. Er ist so schön queer und vielfältig, ohne dabei aufgesetzt zu wirken.

Filmstill aus: So Pretty, Land: USA/FRA 2019 Regie: Jessie Jeffrey Dunn Rovinelli 
Bildbeschreibung: Thomas Love, Edem Dela-Seshie, Sektion: Forum 
© 100 Year Films

Queere Nabelschau

Wie so oft bei Berlinale-Filmen besticht auch dieser Film dadurch, das bewusst auf ein Narrativ verzichtet wird. Wenn überhaupt hat der Film essayistische und dokumentarische Züge. Es ist eher ein kurzweiliges Porträt einer queeren Wohngemeinschaft in New York. Wobei das Ganze auch irgendwo in London oder Berlin spielen könnte. Ein Gefühl von Zuhause sein macht sich breit, jedenfalls für queere Menschen, die gerne in diese Wohlfühlblase der selbstgewählten queeren Wahlfamilie, die hier die Hauptrolle spielt, eintauchen möchten.

Frühstücken, lesen, Sex haben

Ein Ausgangspunkt bzw. der grobe Entstehungskontext von „So Pretty“ hängt mit einer Novelle von Roland M. Schernikau zusammen. Dabei ist der Film aber bewusst keine Adaption. Die Textfragmente aus „Als der Prinz mit dem Kutscher tanzte, waren sie so schön, daß der ganze Hof in Ohnmacht fiel“ bieten den Protagonist*innen in „So Pretty“ eher immer wieder Anhaltspunkte über Liebe und Beziehungen sowie über Kapitalismus und Kommunismus zu sprechen. Das wird eingewoben in ganz alltägliche Handlungen. Es wird philosophiert im Bett, am Küchentisch oder auf dem Weg zur nächsten Party. Generell sehen wir dieser New Yorker Queer-WG beim frühstücken, beim zähneputzen, beim duschen und beim Sex zu. Relativ oft beim Sex sogar, zu zweit oder zu dritt, kinky oder sanft.

Filmstill aus: So Pretty , Land: USA/FRA 2019 ,Regie: Jessie Jeffrey Dunn Rovinelli 
Bildbeschreibung: Phoebe DeGroot, Thomas Love, Jessie Jeffrey Dunn Rovinelli 
Sektion: Forum, © 100 Year Films

Zweisamkeit: ein positives oder negatives Konzept?

Besonders schön ist der liebevolle und bedachten Umgang, die Verbundenheit und Zärtlichkeit innerhalb der Gruppe, die eigentlich alles miteinander teilen. Das sich dabei die Beziehungskonstellationen immer wieder ändern, macht auch im übertragenen Sinne das Ringen mit dem Wort Zweisamkeit deutlich. Übersetzt man Zweisamkeit mit coupledom oder eher mit togetherness ins Englische fragen sie sich. Ist Zweisamkeit als Konzept bei Schernikau etwas Positives oder Negatives? Fragen ohne Antworten. Nichts ist konstant in diesem Film. Alle sind auf der Suche. Nach Identität, Nähe, Liebe und Verständnis. Dadurch verändern sich immer wieder Lebens-und Wohnzusammenhänge, Liebesbeziehungen und Geschlechteridentitäten. Die einzige beständige Komponente des Films ist die Freundschaft untereinander, egal wer mit wem gerade ins Bett geht. Einfach eine queere Wahlfamilie. Real dargestellt. Nichts wird als besser oder perfekter inszeniert, aber eben etwas schöner.

Fazit

Als queere Person tut es einfach gut einen Film zu sehen, der in Fragen der Repräsentation und Sichtbarkeit queerer Vielfalt viel richtig macht. Ein wenig zu selbstreferentiell ist der Film vielleicht geworden und wirkliche Fragen, die sich in queeren Communities gestellt werden, werden hier nicht mal ansatzweise thematisiert. Es gibt nur eine Szene, die Polizeigewalt gegen Schwarze und of Colour Queers behandelt, ohne dass darüber danach gesprochen wird. Es ist eher ein Film der das Private zum politischen macht und darin liegt auch die Schönheit dieses utopischen Werks, in dem ein Mikrokosmos abgebildet wird, in dem Geschlechtsdefinitionen, Beziehungsnormen und gesellschaftliche Konventionen keine Rolle spielen. „So Pretty“ bestätigt vor allem queere und marginalisierte Menschen. Der Film betont, dass sie in jeder Faser ihrer Individualität wichtig und schön sind, dass ihre Art zu Leben und zu Fühlen, eine politische Liebe ist, die in Zeiten konservativer Backlashs, eine starke Intervention gegen den Mainstream darstellt.

Saskia Vinueza und Giuseppina Lettieri

Projekt „Diversity Box“

Queere Filme auf der Berlinale 2019 Pt.I

The Garden von Derek Jarman, 1990

Die Sektion Forum Expanded auf der Berlinale zeigt oft Filmklassiker, die mit den gängigen Sehgewohnheiten brechen und durch Experimentierfreude und ungewohnte ästhetische Handschrift bestechen. Mit Derek Jarmans “The Garden” findet nun ein Film- in restaurierter Fassung- seinen Weg zurück auf die Berlinale, der dort 1991 zum ersten Mal aufgeführt wurde. Und damit sich der Kreis schließt, findet die Filmvorführung in diesem Jahr an dem gleichen Ort, wie vor 28 Jahren statt: Im schönen Delphi Filmpalast.

Homosexualität und Christentum

Diesen Film zu rezensieren erscheint als eine fast unlösbare Aufgabe, jedenfalls für mich. Wenn es überhaupt einen erkennbaren roten Faden in diesem Werk Jarmans gibt, dann entspinnt sich dieser um die Themen Homosexualität und Christentum. Darum ranken sich die meisten oppulent, oft schwer verdaulich in Szene gesetzten Bilder. Es gibt ein schwules Liebespaar, das in Zweisamkeit Zuneigung austauscht und Liebe erfährt. Erst als sie auf weitere Menschen treffen, wie z.B. in der Herrensauna, scheint das Glück erste Risse zu bekommen und eine diffuse Gefahr für diese Liebe wird angedeutet. Als sie schließlich- ohne genauere Kontextualisierung- von der Polizei verhaftet und gefoltert werden, nimmt das Unglück seinen Lauf. Hier kommt auch Jarmans (von mir unterstellte) eher anstrengende künstlerische Faszination mit dem Christentum, genauer mit der Passion Christi, zum Tragen (Vergleiche zu Pier Paolo Pasolinis filmischen Schaffen drängen sich zwangsläufig auf). Denn das schwule Liebespaar muss nach der Folter- einer für meinen Geschmack viel zu langen Sequenz aus Peitschenhieben- gemeinsam ein Kreuz tragen und sie sterben (anscheinend) durch Kreuzigung (immerhin etwas, was Jarman unserer Imagination überlässt und uns in Bildern erspart).

Fragmentiert, verstörend und wortkarg

Doch kann in diesem Film grundsätzlich kaum von einem Hauptplot gesprochen werden. Der Film ist sehr zerfasert, viele Bilder und Sequenzen erscheinen fast schon willkürlich aneinandergereiht oder wiederholen sich, sei es Tilda Swinton in der Rolle der Madonna mit Kind, die von Paparazzis erst fotografiert und dann gejagt wird oder das sehr oft bemühte Bild einer großen Tafel am Strand, die an das letzte Abendmahl erinnert. Auch Jarman selbst ist immer mal wieder Protagonist, dieses fast komplett ohne Worte auskommenden Films. Er macht zu Beginn und am Ende Voice-Overs, die den Film rahmen und in einigen der Filmsequenzen sieht man Jarman in seinem eigenen Garten sitzen: Der filmgebende Titel.

Fazit

Selten bin ich so verstört in die Berlinale gestartet, wie in diesem Jahr. Das Jarmans Film sicherlich kein Feuerwerk der guten Laune wird, war mir zwar klar, dennoch hinterlassen die vielen für mich triggerwarnungswürdigen Filmszenen in der Fülle sowie der ausgespielten Länge, ein mehr als ungutes Gefühl beim Verlassen des Kinosaals. An einigen Stellen wirkt der Film wie ein nie enden wollender, qualvoller Fiebertraum. Dass Jarman mit diesem Film seine HIV-Erkrankung künstlerisch verarbeiten wollte, die zu Beginn der 1990er tragischerweise noch viel zu oft einem Todesurteil gleichkam, verleiht diesem Werk zwar mehr Tiefe und lässt seine Verzweiflung über sein Schicksal verstehen (er verstarb 1994), dennoch macht es den Film kaum leichter zu ertragen- weder visuell noch emotional. Vielleicht wäre das Geld, das für die Restauration des Films ausgegeben wurde, doch besser in den Händen von queeren Nachwuchsregisseur*innen aufgehoben gewesen.

Giuseppina Lettieri

Projektleitung Diversity Box