Die Macht der Nacht

Westbam
Die Macht der Nacht
Ullstein 2015
320 Seiten
18 €

51JARG28CDL._SX312_BO1,204,203,200_Westbam überall. Bücher, Filme, Podiumsgespräche. Es passt allerdings auch alles sehr gut zusammen – zu seinem 50. Geburtstag ist dieses Jahr seine Biographie „Die Macht der Nacht“ erschienen, die wiederum perfekt zum ganzen Westberlin-Subkultur-Mauerfall-Einheit-Techno-Rummel der letzten Jahre passt, in dessen Kontext er auch schon regelmäßig auftauchte. Denn Maximilian Lenz, so Westbams bürgerlicher Name, war irgendwie immer mitten drin in diesen Szenen und kannte anscheinend alle, die wichtig waren. Und zwar schon ab Ende der 70er Jahre, als er Punk entdeckte und selber zu einem wurde – und in den darauffolgenden Jahren verschiedene wichtige Protagonist_innen der deutschen Szene, von den Toten Hosen über DAF, Mania D/Malaria! bis zu den Einstürzenden Neubauten, kennenlernte. Das lag u. a. auch an seinem gut vernetztem Freund und späteren Manager William Röttger, der schon früh davon überzeugt war, dass Maximilian ein großes Talent sei. Dieser nannte sich als Punk „Frank Xerox“ und spielte dann auch schon 1981 mit seiner Band „Kriegsschauplatz Tempodrom“ beim „Festival Genialer Dilletanten“ in Berlin, das als eine Art Startpunkt für die Westberliner Szene gilt.

Nachdem Lenz 1982 schon ein halbes Jahr in Berlin zur Schule gegangen war (als eine Art „Auslandsaufenthalt“ und erstaunliche „Bildungsreise ins Nachtleben“) zog er nach seinem Abitur endgültig von Münster nach Berlin und fing an, im Metropol aufzulegen. Es folgen turbulente Jahre, in denen Lenz ein Pionier der elektronischen Tanzmusik wird, nicht nur als DJ, sondern auch als Theoretiker – 1984 verfasste er den Artikel „Was ist Record Art?“, der der erste deutschsprachige Text zum neuen Phänomen des DJings war.

In die „Macht der Nacht“ – benannt nach einer Partyreihe in einem Zirkuszelt, einer Art Rave, bevor es Raves gab – erzählt Lenz seine Geschichte von seiner Kindheit in den 1970ern bis Mitte der 1990er Jahre, als Techno zur größten deutschen Jugendkultur wurde. Die Biografie ist eine unterhaltsame, manchmal sogar äußerst komische Lektüre, in einzelnen Momenten aber auch schrecklich traurig (tragische Todesfälle gehören zu solch einer Geschichte dazu), und sie zeigt sehr anschaulich, wie sich Techno in Berlin u. a. aus der Punk- und New Wave-Szene und der schwulen Partykultur heraus entwickelt hat. Das alles ist also auch ein lesenswertes Stück Musikgeschichte und eine Dokument über den Aufstieg von Techno zur Massenkultur, zu dem Westbam mit seiner Beteiligung an Veranstaltungen wie der Loveparade und der Mayday sowie durch die chartstaugliche Musik seines Plattenlabels Low Spirit einen bedeutenden Beitrag geleistet hat. Dafür wurde er oft angefeindet, da ihn Techno als reine Untergrundkultur nicht interessierte, und hat ihm teilweise das Image eines rein kommerziell denkenden Großraumdisko-DJs einbrachte – was so nicht stimmt, das Buch ist auch von einer überzeugenden Liebe zur Musik geprägt und voll nerdigem Wissen über tolle Platten.

Nach dem Größenwahn Mitte der 1990er, als Westbam, Dr. Motte und Jürgen Laarmann (Frontpage) von der Raving Society träumten und die Loveparade jedes Jahr größer wurde, kommt aber leider nur noch sehr wenig. All das, was ab Ende der 1990er passierte, hat bis auf ein paar wenige Episoden anscheinend nicht mehr ins Buch gepasst. Es wäre bestimmt spannend gewesen, wie z. B. der Aufstieg von Minimaltechno (kurz bringt er das mit 9/11 in Verbindung, der seiner Meinung auch in der Technoszene zu einer neuen Zurückhaltung geführt habe) oder die Bedeutung des Berghains (auf einem Podiumsgespräch bei der Heinrich-Böll-Stiftung sprach er diesbezüglich von der Suche nach der Hochkultur) aus Westbams Sicht einzuschätzen sind. Vielleicht fehlen diese Themen auch deshalb, weil sich Westbam hier nicht mehr wohl gefühlt hat, er deutet das an, in dem er darüber schreibt, dass er sich in dieser Zeit manchmal „unpassend“ gefühlt habe. Aber auch die weitere Karriere von Westbam selbst, von seiner erfolgreichen Zusammenarbeit mit Nena (Oldschool, Baby 2002) bis zur Katastrophe auf der Loveparade in Duisburg 2010, auf der er sein letztes Set auf einer Loveparade überhaupt spielen wollte, fehlt fast komplett.

mailEin klein wenig mehr über Westbams Sicht auf die Gegenwart erfährt man im neu verfassten Nachwort zur vor kurzem erschienen Neuauflage von Ulf Porscharts „DJ Culture“, das gerne als Standartwerk zum Thema bezeichnet wird. Hier schreibt Westbam u. a. über Laptop-DJs und digitale Musikkultur, oder auch den Aufstieg der Superstar-DJs, die vor riesigen Menschenmassen auftreten und Millionen verdienen, aber teilweise gar nicht selber mixen können. Er selbst hat nie diesen Status des absoluten Superstar-DJs erreicht – ein Phänomen, das vor allem im Kontext von EDM in den USA ganz neue Blüten treibt – vielleicht, weil er doch trotz allem irgendwie immer mit einem Fuß im Untergrund verwurzelt geblieben ist und am totalen Ausverkauf kein Interesse hatte.

Als gute Ergänzung zu „Die Macht der Nacht“ läuft im Moment in der Mediathek von Arte die Dokumentation „Bäm Bäm Westbam!“, in der noch einmal wesentliche Episoden der Biografie thematisiert werden und auch einige der Protagonisten zu Wort kommen. Westbam unterhält sich hier mit Gabi Delgado von DAF, der Berliner DJ-Legende Fetisch und seinem Kollegen Hardy Hard. Seltsamerweise taucht auch Sven Regner auf, der die elektronische Tanzmusik als Rache der Keyboarder am Rock’n’Roll bezeichnet (weil nun endlich nicht mehr die Leute mit den Gitarren im Mittelpunkt stehen). Das ist alles durchaus sehenswert und ebenfalls ziemlich unterhaltsam, allerdings teilweise großspuriger erzählt als es notwendig gewesen wäre, z. B. wenn in den Kommentaren Westbams Rolle auf übertriebene Weise gepriesen wird, nervt das ziemlich – Westbam ist zwar kein bescheidener Mensch und hat auch keinen Grund dazu, seine Biografie liest sich aber auch deshalb so angenehm, weil er mit einer gewissen ironischen Distanz auf seine Karriere blickt.

Aktuell ist neben „Bäm Bäm Westbam!“ auch „B-Movie“ bei Arte +7 zu sehen, die Dokumentation über die Westberliner Subkultur – selbstverständlich ebenfalls mit Westbam.

Daniel Schneider

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35 Jahre SPEX

35 Jahre SPEX – Dichter, Denker, Dissdenten
Juli / August 2015
130 Seiten
6,90 €

www.spex.de

Spex_362_Cover_180erDie SPEX wird 35 Jahre („älter als Jesus“, wie es auf dem Heftrücken heißt) und aus diesem Anlass gibt es natürlich mal wieder eine Sonderausgabe, dicker als sonst und mit einem Nachdruck der ersten SPEX von 1980 sowie zwei CDs mit Musik aus den letzten 35 Jahren als Beilagen. Auch wenn die SPEX manchmal nerven oder langweilen kann – besonders wenn mal wieder Tocotronic auf dem Cover sind – freuen wir uns immer wieder, wenn eine neue Ausgabe im Briefkasten liegt, irgendetwas interessantes steht eigentlich immer drin und auch diese Ausgabe ist ziemlich lesenswert. Vor allem die Artikel, die aus Anlass des Jubiläums von aktuellen und früheren SPEX-Autor_innen geschrieben wurden, thematisieren vieles, was uns auch gerade beschäftigt – von der gesellschaftlichen Relevanz der Popmusik und Popkritik in der heutigen Zeit (von Mark Terkessidis), der Ästhetik von politischem Pop in Anbetracht aktueller Notlagen (Tom Holert), der Zukunft von Clubs und Clubmusik (Hans Nieswandt), Sexismus im deutschen Indierock (Sandra Grether) bis zu einem Rückblick auf den Westberliner Untergrund und die „Genialen Dilletanten“ (Wolfgang Müller). Ansonsten gibt’s noch K.I.Z, Daniel Richter, Holly Johnson, PC Music und so weiter.

Alle bis heute erschienen SPEX-Ausgaben finden sich übrigens bei uns im Archiv, genauso wie fast alle Ausgaben der (grob gesagt) Vorgängerzeitschrift SOUNDS – wer also mal nachlesen möchte, was vor 10, 20 oder 30 Jahren nach Meinung der SPEX relevant war, kann gerne mal bei uns vorbeikommen und recherchieren.

Die Toten Hosen

Philipp Oehmke
Die Toten Hosen – Am Anfang war der Lärm
Rowohlt 2014
384 Seiten
19,95 €

U1_978-3-498-07379-4.inddSeit nun mehr über dreißig Jahren toben Die Toten Hosen über die Bühnen dieser Welt. Dass die Band heute nicht mehr das ist, was sie in den 1980ern war, liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache, sie sind ohne Zweifel schon seit längerer Zeit massentauglich. Als dann Volker Kauder den Song „An Tagen wie diesen“ bei der CDU-Siegesfeier nach den Bundestagswahlen 2013 trunken ins Mikro seines Stehpultes röhrte, waren die Hosen verärgert. Die Kanzlerin höchstpersönlich rief bei „Herrn Campino“ an, um sich dafür zu entschuldigen. Der Düsseldorfer Ex-Punk reagierte seriös und gratulierte ihr sogar zum Wahlsieg.

Dies ist der Ausgangspunkt des knapp 380 Seiten umfassenden Buches über Die Toten Hosen, das auf mehr als hundert Stunden Material aus Gesprächen mit der Band, Verwandten, Freunden, Bekannten und Kritikern aufbaut und die Genese der Düsseldorfer Formation darstellt. So beleuchtet das Buch zunächst die Familienverhältnisse und zeigt wie in den 1980ern die Aufbaugeneration der Hosen-Väter auf die destruktive Punkattitüde trifft. „Man muss nur zehn Jahre nach Strobl am Wolfgangssee fahren. Dann wird man automatisch Punk“, soll Campino mal gesagt haben. Der Punk brachte Unruhe in die eigens zementierte Idylle ehemaliger Kriegsheimkehrer, zu denen die Väter der Hosen gehörten. Die Musik der Hosen, so eine These des Autors, war Ausdruck einer Abwehrbewegung gegen die damaligen Zustände, die sich vor allem durch die Unfähigkeit der Elterngeneration, die eigenen Gefühle auszudrücken, auszeichneten. Doch folgte aus dieser Abwehr keine Überwindung, sondern vielmehr die Fortsetzung der emotionalen Sprachlosigkeit des Elternhauses durch die Hosen selbst.

Die Umstände der Entstehung der Band werden ausgiebig beleuchtet. Es findet sich einiges über die lokale Punkszene um den Ratinger Hof in Düsseldorf und die wichtigen Punkbands der 1980er, aber auch die unterschiedlichen Szenen in Hamburg und Berlin und deren Beziehungen zueinander. Auch über die Punks dieser Zeit in Ostdeutschland wird berichtet: Geheime Konzerte der Band in der DDR, misstrauisch von der Stasi beäugt.

Der Autor beschreibt den Erfolg ebenso wie die Schaffenskrisen und den Umgang mit dem Ausbleiben von Kreativität und dem gelegentlichen Festsitzen in musikalischer Mittelmäßigkeit. Es geht um Brüche, Tragödien und Transformationen der Band. Und wie zu erwarten, wird der hedonistischen Seite auch viel Platz eingeräumt: Saufen, Koksen, Hotelzimmer zerkloppen und so dicht sein, dass man auf der Bühne nichts mehr hinbekommt und ein irritiertes Publikum hinterlässt. Doch in den Exzessen und der Maßlosigkeit lauerten auch die Tragödien, die die Band erschütterten. Roadie Bollock starb an einer Überdosis Heroin. Ein Fan wird auf einem Konzert zu Tode getrampelt – alles ist mehr als einmal zweifelhaft.

Campino war schon immer die zentrale Figur der Band. („Campino gibt die Stimmung in der Band vor.“) Laut und cholerisch kann er sein, bis zu homophoben Austickern in einer Live-Radiosendung Anfang der 1990er, als ihm das Publikum nicht schmeckte. Auch die anderen Bandmitglieder und deren Rollen in der Band werden beschrieben, ebenso wie die Perspektiven des krebskranken Ex-Drummers Wöllie und die der Produzenten als wichtig erachtet werden, um ein differenziertes Bild zu zeichnen.

Das Buch ist über weite Strecken, trotz einiger Redundanzen, sehr spannend. Recht ermüdend sind machmal die vielen Details über Klamotten, Tattoos und Frisuren. Das liegt vielleicht daran, dass der Autor Phillip Oehmke selbst langjähriger Fan und Freund der Hosen ist. Und das Buchcover, dass sich im typischen Toten Hosen-Artwork der „Hosen Cover AG“ präsentiert, weist einmal mehr darauf hin, dass das Buch ein, wenn auch ein gewollt kritisches, Produkt der Band selbst ist. Es trägt aber durchaus dazu bei, das Phänomen „Die Toten Hosen“ zu erklären und den von ihnen zurückgelegten Weg nachzuvollziehen: Von der einstigen, generellen Abwehrhaltung am Rande der alten Bundesrepublik zu massentauglichen Balladen für die Bierzelte, Fanmeilen und Siegesfeiern der CDU im vereinigten Deutschland. Mehr Mitte geht nicht. Und so fragt sich der Rezensent abschließend: Ist der Spießer dem Punk schon immanent und tritt seine Angepasstheit mit zunehmender Reife stetig weiter hervor oder lässt sich das alles mit den Sachzwängen der Kulturindustrie erklären?

Jakob Warnecke

B-Movie

B-Movie – Lust and Sound in West-Berlin
Deutschland 2015

www.b-movie-der-film.de

Nun gibt es endlich auch einen Film zum Thema Subkultur West-Berlin – und es ist auch noch ein ziemlich gelungener Film geworden. Zeitraum und Szeneumfeld ist ganz ähnlich wie in Wolfgang Müllers Subkultur Berlin, der Film ist aber keine Verfilmung dieses Buches des Mitglieds von Die Tödliche Doris. Die Band kommt zwar auch vor, aber nur ganz am Rande, im Mittelpunkt stehen hier vor allem die Einstürzenden Neubauten, Nick Cave, Gudrun Gut & ihre Bands Malaria! und Mania D, Die Ärzte und die Toten Hosen, Nena und Westbam. Nicht alle dieser Künstler_innen kamen aus Berlin, alle haben aber mindestens viel Zeit hier verbracht und waren in die Berliner Szene involviert. Der Film besteht ausschließlich aus Originalaufnahmen aus der Zeit von 1979 bis 1990, insgesamt wurden Ausschnitte aus 75 Filmen (von Fernsehdokus bis zu Privataufnahmen) benutzt, die ein eindrückliches Bild von West-Berlin – vor allem von Kreuzberg und Schöneberg – vor dem Mauerfall zeichnen. Beeindruckend ist beispielsweise die extreme Kaputtheit mancher Häuserblocks in Kreuzberg, die Präsenz der Mauer an für mich als Bewohner Kreuzbergs bekannten Ecken des Bezirks und die riesige Menge an bunthaarigen Menschen eigentlich fast überall (also zumindest an den Orten, die in diesem Film gezeigt werden). Die Regisseure des Films, Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange, haben dafür über mehrere Jahre Materialien zusammengetragen und aus vielen Ausschnitten eine sehr runde und liebevoll gemachte Dokumentation zusammengesetzt.

Als äußerst sympathischer Erzähler des Films fungiert Marc Reeder, der als gebürtiger Brite 1979 u. a. aus Interesse an deutscher Musik nach Berlin zog. Reeder kam aus dem Umfeld des Plattenlabels Factory Records und der Band Joy Division aus Manchester und war in der Anfangszeit in Berlin der Repräsentant von Factory in Deutschland. Er hat selbst viele Filmaufnahmen gemacht bzw. von sich machen lassen (u. a. im Auftrag der BBC) – so durchziehen B-Movie Aufnahmen von Reeder, wie er fast immer in irgendeiner Uniform inklusive passender Soldatenmütze in Berlin unterwegs ist, z. B. in kurzen Hosen an der Mauer entlangradelt oder für BBC-Fernsehbeiträge Berliner_innen wie Farin Urlaub, Christiane F. oder Blixa Bargeld trifft. Reeders Leben und Karriere bilden den roten Faden des Filmes – er war Manager von Malaria!, hat Nick Cave bei sich wohnen lassen, heimlich Konzerte für die Toten Hosen in Ost-Berlin organisiert, in Jörg Buttgereits Splatter-Filmen mitgespielt und vieles mehr. Hier ist wichtig zu wissen, dass der Film nicht die gesamte Berliner Szene abbildet (was wohl auch gar nicht möglich wäre), sondern vor allem das Umfeld von Reeder gezeigt wird – auch wenn er mit erstaunlich vielen heute als einflussreich angesehenen Akteur_innen zu tun hatte, fehlen z. B. Thomas Fehlmann und Palais Schaumburg oder auch die Szene aus dem Umfeld der G.I.-Discos. Der Film endet mit den ersten Vorwehen von Techno und dem Mauerfall – zu sehen sind die erste Loveparade im Sommer 1989, David Hasselhoff am Brandenburger Tor und frühe Aufnahmen von Westbam. Auch Reeder spielt hier wieder eine wichtige Rolle – er gründete 1990 das in den folgenden Jahren einflussreiche Techno- bzw. Trancelabel MFS, benannt nach dem Ministerium für Staatssicherheit.

Es ist zu hoffen, dass dieser Film, der am Sonntag im Rahmen der Berlinale Premiere hatte, einen Verleih findet und in die Kinos kommt – falls das (wider Erwarten) nicht klappen sollte, so wird er zumindest irgendwann im Sommer auf Arte gezeigt. (Er läuft diese Woche auch noch ein paar Mal bei der Berlinale, alle Termine sind hier zu finden.)

Daniel Schneider

Kraftwerk / Electri_city

David Buckley
Kraftwerk – Die unauthorisierte Biographie
Metrolit 2013
340 Seiten
24,99 Euro

Rüdiger Esch
Electri_City – Elektronische Musik aus Düsseldorf
Suhrkamp 2014
464 Seiten
14,99 Euro

Ende der Sechziger Jahre begannen in einer eigentlich für Business und Modeschickeria bekannten westdeutschen Stadt ein paar junge Leute damit, Musik zu machen. Sie versuchten einen eigenen, weder dem deutschen Schlager noch dem angloamerikanischen Blues, Beat und Rock nachempfundenen, Stil zu erfinden. Sie experimentierten mit repetitiven Strukturen und Harmonien abseits des Dreiklangs, und gründeten ihre Bands teilweise als kollektive Unternehmungen. Einige Bands und Personen aus diesem Umfeld gelten heute als bahnbrechend und sind weltbekannt: Can, Neu!, Kraftwerk oder der Produzent Conny Plank.

kraftwerkcoverneu-1Zwei jüngst erschienene Bücher versuchen, das bislang verstreute und im Fall von Kraftwerk extrem limitiert und kontrolliert veröffentlichte Wissen zu sammeln und zu ordnen. In David Buckleys Buch Kraftwerk – Die unauthorisierte Biographie wird der Lebenslauf der Band anhand der einzelnen Alben gegliedert und trotz der rigiden Informationspolitik Kraftwerks so mancher Mythos hinterfragt – besonders die frühen Zeiten bis zum Album „Autobahn“ unterliegen ja einer Art Informationssperre. Die vielen mit damaligen Mitstreiter_innen (fast ausnahmslos Männer) geführten Interviews lassen diese Zeit plastisch wiederauferstehen.
Damals war nahezu jeder und jede in irgendeiner Form Hippie, nahm Drogen, war auf dem Weg in ein spirituelles Traumland und organisierte sich in Kollektiven. Ralf Hütter und Florian Schneider-Esleben, Söhne aus gutem Hause, wollen anders sein, sie wollen keine Gitarrensoli spielen, sehen sich als Arbeiter und tragen ordentliche Haarschnitte. Provokant geben sie ihren Stücken deutsch klingende Namen und geben sich auf der Bühne emotionslos und spielen übertrieben technisch exakt. Besonders in England und Frankreich bedienen sie sämtliche Deutschen-Klischees und lösen so Erstaunen und faszinierte Begeisterung aus.

Für das Buch hat Buckley zahlreiche Mitmusiker_innen, zeitweilige Bandmitglieder und Personen aus dem Umfeld befragt und zeichnet anhand dieser Interviews nach, wie aus einer Handvoll Leute, die sich mit einer Musik beschäftigten, die kurze Zeit darauf „Krautrock“ heißen sollte, ein straff geführtes Kunstprojekt mit weltweit einzigartigem Sound entstehen konnte. Gut zu beobachten ist, wie aus musikalischer Abenteuerlust ein kalkuliertes  Business wurde, wie die Attitüde immer stärkere Bedeutung gegenüber den Ideen gewann. Die kontrollierte, offizielle Kraftwerk-Geschichtsschreibung verschweigt Weggefährten und ihren kreativen Anteil (zum Beispiel den von Conny Plank) oder auch ganze Schaffensphasen (die Platten „Kraftwerk 1“, „Kraftwerk 2“, „Ralf und Florian“), damit das von der Band in die Welt gesetzte Image nicht gestört wird.

46464Weiter gefasst hat Rüdiger Esch seine oral history über elektronische Musik aus Düsseldorf Electri_City. Hier erfahren wir viel über die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Protagonist_innen dieser Szene. Immer wieder erwähnt wird der Name Conny Plank, der mit seinem Studio, seinem Erfindungsreichtum und seiner Experimentierlust ein nicht unwesentlicher Faktor für die Reifung einer eigenen Muiksprache war. Ausführlich werden nicht nur Düsseldorfer_innen befragt, sondern ebenso Zeugen von Außerhalb, die ebenfalls elektronische Musik machten, wie z. B. OMD.

Das Schaffen von Künstlern wie Klaus Dinger (Neu!, La Düsseldorf) oder Michael Rother (Neu!, Harmonia) findet ausführliche Beachtung, und in dem nach den Jahren 1970 bis 1986 geordneten Buch hat auch die Neue Deutsche Welle mit DAF und Der Plan seinen Platz. Viel ist zu erfahren ist in Electri_City über Konkurrenz, Animositäten und das Musikgeschäft in den 70er und 80er Jahren. Auch die damaligen Labelmacher von Mute, Manager von DAF oder ehemalige Techniklehrlinge aus Conny Planks Studio erzählen ihren Teil der Geschichte. Zum Ende hin ist der zuvor angenehm distanzierte Blick des Autors allerdings etwas getrübt, wohl weil dann Die Krupps – bei denen er selber Mitglied ist einen thematischen Schwerpunkt bilden. Und dass beispielsweise die Düsseldorfer Musikerin Dorothea Raukes nicht einmal erwähnt wird (auch hier kommen fast ausschließlich Männer zu Wort), ist ein Indiz dafür, dass es neben den üblichen Verdächtigen der Düsseldorfer Szene vor allem um das persönliche Umfeld des Autoren geht und weist auf die Lückenhaftigkeit dieses Buches mit weit über 400 Seiten hin.

Peter Auge Lorenz

Gleisdreieck

Jörg Ulbert/Jörg Mailliet
Gleisdreieck – Berlin 1981
Berlin Story Verlag  2014
128 Seiten
19,95 €

9783957230294In Zeiten der zunehmenden Skepsis am Kapitalismus-Modell erinnert man sich an die Zeiten, als eine antikapitalistische, linke Haltung Teil des jugendkulturellen Mainstreams war. In den 70er und 80er Jahren konnten interessierte Leser_innen sich ihre Wände mit den Postern, Comics und Wimmelbildern Gerhard Seyfried dekorieren. Das waren reiche und phantasievolle Darstellungen aus der Innensicht der Berliner Szene, eines Biotops aus Bundeswehrflüchtigen, Langzeitstudent_innen, Hausbesetzer_innen und sonstigen Bohemians. Respektlos und unverstellt kamen diese Bilder aus der „Bewegung“ direkt aufs Papier.

Differenzierter und vor allem kritischer sehen die Autoren des Buches Gleisdreieck – Berlin 1981, Jörg Ulbert und Jörg Mailliet, diese Zeit. Aus der Sicht eines Mitarbeiters des Staatsschutzes, der einen Top-Terroristen aufspüren soll, erleben wir den Einstieg in die Linke Szene. Es gibt Demonstrationen, Kneipenabende, Diskussionen am Küchentisch und Kontakte mit der kriminellen Halbwelt. Wir lesen über Taxifahrer, politisch aktive WGs und abgetauchte Aktivist_innen der linksterroristischen Bewegung.

Beim Lesen hält sich eine gewisse Distanz, weder mit einem Spitzel noch mit gewissenlosen Terrorismus-Profis ist es leicht sich zu identifizieren, am ehesten noch mit den Leuten aus der Linken-WG, die so wie wahrscheinlich viele damals mit der Politik unzufrieden sind und einen individuellen Weg suchen, ihre Ideale vor sich und der Gesellschaft  zu verteidigen, eine moderne Darstellung des liebevollen Seyfried-Freak-Kosmos.

Das ganze Buch ist in einem skizzenhaften, leichten Stil gezeichnet, mit sehr schönen Referenzen an die Topographie des alten Westberlin. Lediglich die Farben scheinen in der vorliegenden Ausgabe etwas zu schwer geraten zu sein, was auf Kosten der Kontraste und somit der Lesefreundlichkeit geht.

Auf jeden Fall liegt hier endlich ein Buch vor, das eine wichtige Facette des Westberliner Lebens beleuchtet, die es in dieser Form kaum noch gibt, aber über viele Jahre und bis heute das Klima Berlins geprägt hat.

Peter Auge Lorenz