ein paar Geschenketipps …

In unserer Bibliothek sind dieses Jahr viele tolle neue Bücher angekommen, die wir gar nicht schaffen, alle vorzustellen – deshalb hier eine kleine Auswahl an schicken Veröffentlichungen, die sich auch gut als Weihnachtsgeschenke eignen.

Tabita Hub / Michal Matlak / Florian Anwander
R is for Roland
Electronic Beats 2015
384 Seiten
54,90 €

www.roland-book.com

Cover_1-Kopie_500

Ein außergewöhnlicher Prachtband, der den Maschinen des japanischen Musiktechnologieherstellers Roland huldigt. Ohne die hier vorgestellten Maschinen, ganz besonders die Drumcomputer TR-808 und TR-909 sowie der Basssynthesizer TB-303, sind Techno und andere modernen elektronische Musikstile eigentlich undenkbar oder würden sich zumindest anders anhören. Das Buch ist allerdings keine musikwissenschaftliche Veröffentlichung, zumindest nicht im engeren Sinne, sondern zuerst einmal ein Fotoband, mit einer Vielzahl an tollen Aufnahmen der zwischen 1973 und 1987 produzierten Geräte. Das ist dann zuerst einmal etwas für Techniknerds und Design-Liebhaber_innen, denn hier steht die Schönheit dieser alten Maschinen im Vordergrund. Dazu gibt es Hintergrundinformationen zu jedem Gerät und Interviews mit namenhaften Musiker_innen (u. a. Lee „Scratch“ Perry, Portishead, Mark Ernestus, Nightmares on Wax, Jeff Mills, Modeselektor und Legowelt), die über die Bedeutung von Roland für ihre eigene musikalische Entwicklung sprechen, wodurch die musikhistorische Bedeutung dieser Geräte deutlich wird.

Mark Reeder
B-Book – Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989
Edel Books 2015
224 Seiten
39,95 €

19506e4792.jpg

Ja, der Hype um die 1980er Jahre in West-Berlin und den dieses Jahr erschienen Dokumentarfilm B-Movie wird hier noch einmal auf allen Ebenen ausgeschlachtet – neben diesem Buch gibt es auch noch eine CD- bzw. LP-Edition mit dem Soundtrack oder auch alles zusammen in der großen „B-Box“ mit „vielen kultigen B-Goodies als Überraschung“ für knapp 90 €. Da wird es dann irgendwann nur noch albern – was zwar an der Qualität des Filmes nichts ändert, aber doch irgendwie einen etwas schalen Beigeschmack hinterlässt. Trotzdem ist das Buch für alle an der Geschichte deutscher Pop- und Subkultur Interessierte empfehlenswert, es enthält im Prinzip den aufbereiteten und unterhaltsamen Erzählertext des Filmes (von Mark Reeder) in gedruckter Form plus eine große Menge an Fotografien aus dem West-Berlin der 1980er Jahre.

Berghain (Hrsg.)
Kunst im Klub
Hatje Cantz 2015
208 Seiten
37,00 €

00003981.jpg

Das Berghain, gerne als der wichtigste Technoclub der Welt bezeichnet, ist seit einigen Jahren sehr aktiv darin, sich als seriöse Kulturinstition jenseits der Partykultur zu etablieren. Dieser Band, der bezeichnenderweise im Kunstbuchverlag Hatje Cantz erschienen ist, dokumentiert diese Tätigkeiten, vor allem im Kontext der bildenden Kunst. Einige der in diesem Buch gezeigten Kunstwerke – z. B. Piotr Nathans „Rituale des Verschwindens“ oder die Installation „Together“ von Joseph Marr gehören zum festen Inventar des Clubs und sind wahrscheinlich allen Besucher_innen bekannt, andere Kunstwerke wurden letztes Jahr in der Ausstellung „10“ in der Halle am Berghain gezeigt. Zu den vertretenen Künstler_innen gehören Stars der deutschen Kunstszene wie Wolfgang Tillmans, Carsten Nicolai, Norbert Bisky und Marc Brandenburg, das Buch enthält neben Fotografien der Kunstwerke auch Interviews und Essays.

Daniel Schneider

(Über-)Leben in der Provinz

(Über-)Leben in der Provinz – Sozial- und kulturwissenschaftliche Betrachtungen der Peripherie von Jugendkultur(-forschung)
Hochschule Magdeburg-Stendal (Standort Stendal), 27./28. November 2015

Wenn über die Provinz gesprochen wird, ist das meist abwertend gemeint: die Provinz ist strukturschwach, es herrschen Langeweile und Spießigkeit und kulturell ist nur (Unter)Durchschnittliches möglich. Mit Provinz sind dabei nicht unbedingt nur ländliche Gegenden und Kleinstädte abseits urbaner Zentren gemeint, sondern häufig auch Städte mit mehreren 100.000 Einwohner*innen wie Bielefeld oder Kiel. Aus Berliner Sicht kann auch mal alles, was nicht zur Hauptstadt gehört, als Provinz wahrgenommen werden, und auch Berlin selbst wird manchmal als provinziell bezeichnet. Auf der von Günter Mey und Marc Dietrich organisierten Tagung zum Thema Jugendkultur in der Provinz zeigte sich aber in verschiedenen Vorträgen, dass in der (sogenannten) Provinz vieles passiert. Aufmerksame Leser*innen von beispielsweise Musikzeitschriften überrascht das nicht, aber trotzdem wird es aus der Perspektive einer Millionenstadt wie Berlin gerne übersehen oder belächelt. Ein wenig mag da auch das Unverständnis all der Zugezogenen mitschwingen, dass es Menschen gibt, die sich für Punk oder Techno interessieren, aber nicht den Drang verspüren, aus der Kleinstadt zu fliehen, wie es viele der heute in Berlin Lebenden getan haben.

Ein Beispiel dafür sind die von Christian Petzoldt in seinem Film Fernab – Subkultur in der Provinz portraitierten Akteur*innen aus Jena und Umgebung, die dort unterschiedliche  jugend- und subkulturelle Projekte betreiben, u. a. den Technoclub Muna in Bad Klosterlausnitz. Auffällig viele der vorgestellten Projekte sind als Vereine organisiert, hier wäre es interessant herauszufinden, welche Rolle das deutsche Vereinswesen im Kontext von Subkulturen spielt. Ein anderes Beispiel, allerdings ein historisches, stellt die in den 1980ern und 1990ern verbreitete Hip-Hop-Jam-Kultur dar, über die Stefan Szillus, ehemaliger Chefredakteur der Juice in seinem Vortrag sprach. Diese Hip-Hop-Veranstaltungen fanden in Städten wie Lüdenscheid, Gießen oder Heidelberg statt, die alle auch eigene und einflussreiche Hip-Hop-Szenen hatten. Berlin spielte im überregionalen Kontext sogar lange Zeit nur eine untergeordnete Rolle, erst mit dem Erfolg des deutschen Gangsta-Raps ab Anfang der 2000er Jahre erreichte Berliner Hip Hop den Mainstream. Heute sind die lokalen Strukturen in kleineren Orten allerdings weniger ausgeprägt, die Provinz (und die Flucht aus dieser) dafür immer wieder Thema in deutschen Rap-Texten – entsprechend begann der Vortrag auch mit dem Video „Chrystal Meth in Brandenburg“ von Grim104, einem der Rapper von Zugezogen Maskulin – die, wie der Name schon sagt, aus der Provinz nach Berlin Zugezogene sind.

Ein anderer Beitrag, der sich mit jugendkulturellen Aktivitäten in der Provinz beschäftigte, kam von Holger Schwetter, der an der Universität Lüneburg zu „progressiven Landdiscos“ forscht und u. a. die Webseite Poptraces  vorstellte, auf der solche Diskotheken kartiert werden. Diese waren vor allem im Nordwesten Deutschlands von großer Bedeutung für die Jugendlichen in den 1960er und 1970er Jahren und bildeten ein Netzwerk, durch die beispielsweise Nachwuchs-Bands tingeln konnten.

Theoretischer war der Beitrag von Paul Eisewicht von der TU Dortmund, der u. a. über die Vor- und Nachteile der Peripherie sprach – damit kann die Provinz, aber auch die Nebenschauplätze einer Szene gemeint sein. In der Peripherie gibt es eher Raum sich auszuprobieren und die Möglichkeiten für Innovationen, während im Zentrum meist schon feste Regeln etabliert sind und es Neulinge oft schwer haben. Ein Beispiel waren hier Graffitisprüher*innen, die raus aus der Stadt fahren, um sich erstmal abseits der kritischen Augen der Szene auszuprobieren. In der Peripherie fehlt es allerdings meist an Infrastruktur und es herrscht eine Stigmatisierung oder auch Ignoranz nicht nur von Seiten der Zentren, sondern auch in Hinblick auf die Forschung, die sich eher auf die Zentren konzentriert, da sie dort als typisch wahrgenommene Praktiken findet und der Zugang aufgrund der Größe der Szene im Zentrum leichter fällt.

Ein anderer Themenbereich der Tagung war Jugend- und Subkultur in der DDR, mit Vorträgen von dem Musikwissenschaftler Michael Rauhut und der Autorin Anne Hahn. Die Provinz war in der DDR als Rückzugsort für Jugendkulturen wichtig, die von staatlicher Seite als „negativ-dekadent“ verfolgt wurden. Auf dem Land standen sie weniger unter Beobachtung, wurden aber auch dorthin vertrieben, damit die Städte nicht „verschandelt“ werden. Anne Hahn, die selbst in der DDR-Punkszene aktiv war, sprach über die verschiedenen, auch in kleineren Städten beheimateten Punkszenen, über die wichtige Rolle der Kirchen für die Szene und die Repressionen gegen Punks, die teilweise sogar zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden.

Der Fokus lag insgesamt wenig auf den problematischen Aspekten eines Lebens in der Provinz in Hinblick auf Jugend- und Subkultur. Dies lag auch daran, dass sich viele der Vorträge mit Szenen und Aktivitäten beschäftigten, die es tatsächlich in der Provinz gibt, und nicht deren Fehlen – die Orte, an denen „nichts geht“ (Grim104) kamen eher am Rande vor. Dass es solche Regionen aber gibt, war Thema in der Präsentation von Dimitri Hegemann, dem Gründer des Technoclubs Tresor. Er stellte seine Projekte Happy Locals und Academy for Subcultural Understanding vor, die darauf abzielen, Jugend- und Subkultur in der Provinz zu fördern. Die Idee dahinter ist, dass Jugendlichen in kleinen Orten mit fehlenden jugendkulturellen Strukturen die Nutzung von Räumen ermöglicht wird, in denen die Jugendlichen selbstverwaltet tätig sein und etwas Eigenes aufbauen können. In der „Academy“ sollen sie lernen, wie Subkultur „gemacht“ wird, Ziel soll es sein, dass lokale Strukturen aufgebaut werden und eine geringere Zahl junger Menschen aufgrund Perspektivlosigkeit und Langeweile in die großen Städte flüchten.

Insgesamt war es eine aufschlussreiche und inspirierende Tagung mit einer angenehmen Mischung aus Wissenschaftler*innen und Vortragenden, die aus anderen Bereichen kamen. Leider fehlten manche im Kontext der Tagung wichtige Themen, auch aufgrund einiger krankheitsbedingter Absagen – Heavy Metal als im ländlichen Raum wichtigste Szene fehlte genauso wie die Frage nach rechtsextremen Strukturen, die mancherorts ein wichtiger Faktor sind, wenn es um eine mangelnde jugendkulturelle Vielfalt geht. Eine weitere Tagung zum Themenbereich „Jugendkultur in der Provinz“ wäre auf jeden Fall wünschenswert.

Daniel Schneider

 

Zinefest Mannheim

mail.jpg

Am 28.11.2015 fand im JUZ in der Käthe Kollwitz Straße das Zinefest Mannheim statt, dem Christian und Flo vom Archiv einen Besuch abstatteten. Mit viel Liebe, Mühe und Hingabe organisierten Johannes und sein Team einen abwechslungsreichen und interessanten Tag, der sicherlich allen Teilnehmer*innen in positiver Erinnerung bleiben wird. Geschätzte 50 Leute bummelten sich den Tag über verteilt durch die Zine Stände (u. A. das XclusivX DIY Fanzine Collective, das Comiczine Béton oder Zine Vitrine aus Slowenien). Auch an Workshops zu Siebdruck oder Cut and Paste mangelte es nicht, andere lauschten lieber den Vorträgen und Diskussionen. Auch Christian vom Archiv leistete mit seinem Vortrag „Astronauten, Anarchie und Alltag – Ein Rückblick auf fast 100 Jahre FanZine-Geschichte“ seinen Beitrag. All das fand in familiär freundlicher Atmosphäre mit Kaffee, Kuchen und dem ein oder anderen netten Plausch statt und nicht mal die frostigen Temperaturen in den Veranstaltungsräumen konnten der Gemütlichkeit einen Abbruch bereiten. Nachdem der offizielle Teil gegen 19 Uhr beendet war, leitete die „Pfeffi-Bingo-Nacht“ den Abend ein, die unsere Delegation allerdings – business as usual – aufgrund eines wissenschaftlichen Diskurses verpasste. Der Konzertabend mit Fuck, Wolves und tall as trees wurde allerdings mitgenommen und nach ein paar Stunden Schlaf im Keller des JUZ rollte am nächsten Morgen auch schon viel zu früh der ICE in die Hauptstadt zurück. Ein paar Impressionen des gelungenen Zinefestes gibt es in diesem Video der Kesselpunks. Wer den (gar nicht so alten) Christian findet, darf ihn behalten. 😉 Bis zum nächsten Jahr!

Florian Hofbauer

Florian Hofbauer ist Praktikant im Archiv der Jugendkulturen. Das Bild stammt mit freundlicher Genehmigung von XclusivX, http://xclusivx.com/.

 

Das Ende von Eddy

Édouard Louis
Das Ende von Eddy
S. Fischer 2015
208 Seiten
18,99 €

u1_978-3-10-002277-6.38011915.jpg„Das Ende von Eddy“ ist der Debutroman des jungen Franzosen Édouard Louis, der gebürtig Eddy Bellegueule heißt und um dessen Autobiografie es sich bei diesem Werk eigentlich handelt. Das Buch erzählt die tragische und schockierende Geschichte des jungen Franzosen, der in seinem Heimatort diffamiert und auf grausamste Weise misshandelt und gedemütigt wird. Es behandelt jedoch nicht nur die Homosexualität des Protagonisten bzw. Autors, sondern auch den Umgang mit den im Norden Frankreichs immer noch erstaunlich konservativen Geschlechterrollen. Eddys Leidensweg  beginnt damit, dass er anders geht als die anderen Jungs im Ort, anders als seine doch so „männlichen“ Brüder, und damit, dass er eine hohe Stimme hat. All diese Äußerlichkeiten lassen ihn von klein auf zum Gespött der Leute im Ort werden, die ihn auslachen und mit seinen Eltern über ihn reden. Als er das alles mitbekommt, versucht er krampfhaft seine äußere Erscheinung zu ändern. Als wäre all das nicht schon schlimm und traumatisierend genug, so wird es noch schlimmer, als herauskommt, dass er schwul ist und zwei Klassenkameraden anfangen, ihm aufzulauern und ihn zu misshandeln. Sie treten ihm in den Bauch, bespucken ihn und zwingen ihn die Rotze abzulecken, beschimpfen ihn aufs derbste und lachen ihn aus. Und das an jedem Tag seiner Schulzeit. Diese Misshandlungen finden statt, nur weil Eddy anders liebt, anders als sie es tun wollen, von Können kann nicht die  Rede sein. Zu tief sitzt der Hass auf Schwule, auf alles was nicht so ist wie sie, also wie die „echten, harten Kerle“ im Ort. Nach Jahren der Unterdrückung und der Misshandlung gelingt es ihm irgendwann aus diesem Kaff zu verschwinden, er geht auf eine weiterführende Schule in einer anderen Stadt. Er lässt sein Leben als Eddy hinter sich und beginnt ein neues Leben, sein Leben als Édouard Louis.

Soviel zu dem Roman, welcher mich zutiefst erschüttert, aber auch gleichzeitig aufgrund seiner schonungslosen Ehrlichkeit sehr berührt hat. Schockierend ist, dass selbst in den 90er Jahren und dem 21. Jahrhundert Homosexualität in Frankreich, wenn auch im Hinterland, so sehr missbilligt wird. „Das Ende von Eddy“ ist gewiss keine Coming-Out-Story, es ist auch kein Ratgeber oder etwas dergleichen, sondern ein Buch voller Gefühl über den Mut, der zu sein, der man sein will. Ich habe in letzter Zeit viel Literatur zu diesem Thema gelesen und frage mich, ob es in unserer heutigen Gesellschaft, wo Homosexualität in vielen Ländern akzeptiert oder zumindest toleriert wird, ob es dort überhaupt noch nötig ist, sich zu outen. Warum soll die Frage danach, ob jemand Homo-, Hetero-, A-, Bi-, Trans- oder sonst wie sexuell ist, im Alltag überhaupt noch eine Rolle spielen? „Das Ende von Eddy“ gibt einen schockierenden, aber höchst authentischen Einblick in die Welt der jungen Homosexuellen in Frankreich und regt zum Nachdenken darüber an, was noch getan werden muss, damit alle Menschen, egal welche Sexualität sie leben oder welchem Geschlecht sie angehöre, so leben können, wie sie es wollen.

Crimeflair

Crimeflair ist Praktikantin im Archiv und betreibt einen eigenen Blog

Fahrradmod

Tobi Dahmen
Fahrradmod
Carlsen Verlag 2015
472 Seiten
29,99 €

9783551763082

Aufwachsen in Wesel, in der Provinz, weitab von allem, was irgendetwas mit Trends und Hip-Sein zu tun hat … So beginnt die eigentlich langweilige Jugend von Tobi. Durch eine Filmstunde in Sozialkunde wird der 15-Jährige auf eine coole Subkultur gestoßen: Die Mods.

Damals, in den Zeiten vor dem Internet, sind die Informationen eher schwer zu bekommen: auf der Party wird ein Fotoband aus London herumgereicht. Doch wie sollen sie diesen schicken Style leben? Woher kommen die Klamotten, woher die Schuhe? Statt mit dem Motorroller fahren die Freunde mit dem Fahrrad vor. Mit zunehmendem Auskennen wird auch der Aktionsradius größer, werden die Anzüge schicker …

Der Comiczeichner Tobi Dahmen hat ein dickes Buch verfasst über seine Jugend in der „Szene“, über die Entwicklungen der Mod-Kultur und ihre Verbindungen zu Ska, den Rude Boys, Northern Soul und Skinheads. Wendepunkte des Buches sind die Begegnungen mit rechten Skins, mit Drogen und mit Techno. Der Erzähler wendet sich verwandten Kulturen zu: Scooterism und Northern Soul.

Es ist diesem Buch nicht genug zu danken, dass bei der Lektüre Unklarheiten über diese speziellen Phänomene der Jugendszenen recht schnell ausgeräumt werden. Statt dessen folgen wir dem Protagonisten auf seinen verschlungenen Wegen in den Neunzigern durch die Stile und Szenen auf der Suche nach der besten Musik, dem richtigen Lebensgefühl, den wahren Freunden. Wie so viele andere ist er durch seine Jugend geprägt und immer noch neugierig auf noch unentdeckte Musik, hungrig nach schönen Weekendern und kann nicht aufhören zu seiner Lieblingsmusik zu tanzen.

Dies wird nicht als dramatischer Roman erzählt, sondern eher in Form einer epischen episodenhaften Erzählung, in etwa so wie auch ein Leben in der Realität abläuft. Unterbrochen wird diese immer wieder durch Einschübe über die Entstehung und Ursprünge der einzelnen Stile und Subkulturen.

Das Besondere der 470 Seiten dicken Erzählung sind die tiefen und persönlichen Einblicke in die den Meisten eher unbekannten Szenen und die enge Verknüpfung mit Musikbeispielen. Der Autor liebt diese Szene, die Musik, die Protagonistinnen und Protagonisten. Das alles drückt sich auch in den Zeichnungen aus: detailreiche Schaubilder, spektakuläre Innenansichten und Massenszenen wechseln sich ab mit den Dialogen und Betrachtungen von Tobi und seinen Freunden. Die Bilder sind in einem durchgängigem, aufgeräumten Stil gehalten, Grauschattierungen geben Licht und Atmosphäre.

Wann schenkt uns nun jemand aus der Szene der Beatniks, Punks, Raver_innen, Metalheads, Fußballfans oder Hiphopper_innnen eine eigene Odyssee durch ihre Subkultur und das Leben?

Peter Auge Lorenz

Zurück am Tatort Stadium

Martin Endemann / Robert Claus / Gerd Dembowski / Jonas Gabler (Hrsg.)
Zurück am Tatort Stadion – Diskriminierung und Antidiskriminierung in Fußball-Fankulturen
Verlag die Werkstatt 2015
384 Seiten
19,90 €

9783730701317_coverDas Bündnis Aktiver Fußball-Fans (BAFF) ist ein seit 1993 bestehender vereinsübergreifender Zusammenschluss von Fußballfans, der sich für Fanrechte und den Erhalt einer ursprünglichen Fußballfankultur einsetzt. Das BAFF nennt dies den „Erhalt der historisch gewachsenen Fankultur als Stadion-Live-Ereignis mit hohem Unterhaltungs- und sozialem Integrationswert“ (s. hier) – dazu gehört neben einer kritischen Betrachtung von Kommerzialisierung und Repression auch der Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung. Zu diesem Thema machte das BAFF besonders mit der Ausstellung „Tatort Stadion“ auf sich aufmerksam, die seit 2001 an über 200 Orten gezeigt wurde. Nachdem im Jahr 2002 schon der 216 Seiten starke Sammelband „Tatort Stadion“ erschienen ist, ist nun ein zweiter Sammelband zum Thema erhältlich.

Zurück am Tatort Stadion“ liefert ähnlich wie die Broschüre „Fairplay statt Hass“ eine Bestandsaufnahme zu Rassismus und Diskriminierung in Fußball-Fankulturen. Als Herausgeber treten die „Stars“ der kritischen Fußballliteratur auf – Martin Endemann, Robert Claus, Gerd Dembowski und Jonas Gabler – alles Namen, die man in den letzten Jahren häufiger im Zusammenhang mit (qualitativ hochwertigen) Publikationen zu Ultras, Hooligans und Diskriminierung gelesen hat.

Bevor der Sammelband sich Kapitel für Kapitel durch die verschiedenen Aspekte von Diskriminierung und Antidiskriminierung im Fußballsport arbeitet, müssen sich im ersten Beitrag „Wir sind besser als die anderen“ erstmal alle Ultras und begeisterten Fußballfans der Frage stellen, inwiefern ihre Leidenschaft auch ausgrenzend ist. Die Mär vom „in die Wiege gelegten“ Dasein als bedingungsloser Fußballfan wird in Frage gestellt und die unter Fans verbreitete Selbstgerechtigkeit, Erhöhung und Mystifizierung thematisiert – hier sollten sich wohl auch antirassistische Fans und Ultras (berechtigterweise) angesprochen fühlen.

Danach wird im ersten Kapitel in unterschiedlichen Formaten, vom Essay bis zum Interview, auf die Themen Rassismus, Vorurteile, Diskriminierung, die Marginalisierung von Frauenfußball, Frauen in der Ultraszene, Homophobie, Männlichkeit, Fans mit Behinderung, Antisemitismus, Antiziganismus, Ethnizität, Weißsein und die Identitätsfrage von deutschen MigrantInnen im deutschsprachigen Fußballsport eingegangen. Besonders die Interviews bewegen sich nah am Geschehen, z. B. wenn ein aus Indien stammender Kölner Ultra seine Erfahrungen reflektiert und facettenreich darstellt, ergeben sich sowohl für Insider als auch für Außenstehende aufschlussreiche Einblicke.

Das zweite Kapitel „Kampfort Stadion“ führt von der Sammlung an Fakten und Eindrücken des ersten Teils zur eingehenden Analyse. Besonders die Essays „Rechtsextremismus und Fanszenen – ein analytischer Blick auf die gesellschaftlichen Strukturen“ (Pavel Brunßen / Robert Claus) und „Patriotisches Menschenmaterial“ (Markus Ragusch / Michael Weiss) gehen angenehm in die Tiefe. Gerade zweiterer Artikel, der sich mit der Entwicklung von der Facebook Gruppe „Weil Deutsche sich’s noch trauen“ hin zu einer HoGeSa-Demonstration in Köln mit 5000 Teilnehmern beschäftigt, deckt die gefährlichen Vernetzungen zwischen Alt-Hooligans und rechtsoffenem Nachwuchs und der Rolle von sozialen Netzwerken auf. Eine längst überfällige Recherchearbeit zu den „nationalen Fußballjungs“, die auf ganzer Linie überzeugt.

Im dritten Teil „Tatort Europa“ geht es nach Italien, Frankreich, das ehemalige Jugoslawien, England und die Türkei. Gerade der Blick nach Zagreb und Belgrad (Holger Raschke: Football with a lot of Politics – Die Fankultur im ehemaligen Jugoslawien), wo die Politik eine bedeutende Rolle im Stadion spielt und es als Fan nicht im Frage käme, sich als „unpolitisch“ zu bezeichnen, oder „Von den Tribünen zum Gezipark – Fußballfans in der Türkei zwischen Nationalismus und Protest“ (Harald Aumeier / Robert Claus) sind von so großer Aktualität und Brisanz, dass die Themen jeweils eigene Bücher füllen könnten. Oder zumindest hätte der „Tatort Europa“ die Berechtigung auf eine eigene, umfassende Publikation – ein Kapitel zur Rolle von Ultras auf dem Maidan sowie den verheerenden Problemen mit Rassismus und Diskriminierung im ukrainischen und russischen Fußball sucht man zum Beispiel vergebens, obwohl dies ebenfalls wichtige und aktuelle Themen gewesen wären.

Mit den „Gegenorten“ wird im vierten Teil der Kreis dann geschlossen – jetzt kommt nach drei Kapiteln, die einen mitunter fassungslos und wütend zurücklassen, ein wenig Hoffnung ins Geschehen, wenn es um Antidiskriminierungsarbeit, Fanprojekte und Initiativen wie den „Fußballfans gegen Homophobie“ geht.

Alles in allem ist „Zurück am Tatort Stadion“ mit seinen 29 Beiträgen aktuell die umfassendste Publikation zum Thema Rassismus, Diskriminierung und Antidiskriminierung im Fußball. Dass der Sammelband mit seinem Umfang von 400 Seiten teilweise noch Wünsche nach tiefer gehenden Auseinandersetzungen offen lässt, verdeutlicht die Vielseitigkeit und Brisanz dieses Themas – dass er ohne Längen auskommt und sich auch theoretischere Beiträge durchwegs gut und flüssig lesen lassen, spricht für seine Qualität. Eine längst überfällige Publikation, die die Arbeit des BAFF hoffentlich weiterhin vorantreibt und andere ermutigt, sich in das Thema einzulesen oder die eigene Rolle im Fußballstadion zu hinterfragen.

Pavel Brunßen, Chefredakteur des Transparent Magazins, stellt in Kooperation mit dem Werkstatt-Verlag das Buch noch an folgenden Terminen vor:

20.10.2015 – Darmstadt, Fanprojekt Darmstadt
21.10.2015 – Fürth, Fanprojekt Fürth
22.10.2015 – Duisburg, Wedaustadion, Presseraum
24.10.2015 – München, Fanheim am Louisoder-Spielplatz
30.10.2015 – Oldenburg, Fanprojekt
18.11.2015 – Freiburg, Fanprojekt Freiburg

Wer sich für die Wanderausstellung interessiert, wird noch etwas warten müssen, da sie gerade überarbeitet und aktualisiert wird. Mehr Infos unter: https://www.facebook.com/TatortStadion

Florian Hofbauer

Die Macht der Nacht

Westbam
Die Macht der Nacht
Ullstein 2015
320 Seiten
18 €

51JARG28CDL._SX312_BO1,204,203,200_Westbam überall. Bücher, Filme, Podiumsgespräche. Es passt allerdings auch alles sehr gut zusammen – zu seinem 50. Geburtstag ist dieses Jahr seine Biographie „Die Macht der Nacht“ erschienen, die wiederum perfekt zum ganzen Westberlin-Subkultur-Mauerfall-Einheit-Techno-Rummel der letzten Jahre passt, in dessen Kontext er auch schon regelmäßig auftauchte. Denn Maximilian Lenz, so Westbams bürgerlicher Name, war irgendwie immer mitten drin in diesen Szenen und kannte anscheinend alle, die wichtig waren. Und zwar schon ab Ende der 70er Jahre, als er Punk entdeckte und selber zu einem wurde – und in den darauffolgenden Jahren verschiedene wichtige Protagonist_innen der deutschen Szene, von den Toten Hosen über DAF, Mania D/Malaria! bis zu den Einstürzenden Neubauten, kennenlernte. Das lag u. a. auch an seinem gut vernetztem Freund und späteren Manager William Röttger, der schon früh davon überzeugt war, dass Maximilian ein großes Talent sei. Dieser nannte sich als Punk „Frank Xerox“ und spielte dann auch schon 1981 mit seiner Band „Kriegsschauplatz Tempodrom“ beim „Festival Genialer Dilletanten“ in Berlin, das als eine Art Startpunkt für die Westberliner Szene gilt.

Nachdem Lenz 1982 schon ein halbes Jahr in Berlin zur Schule gegangen war (als eine Art „Auslandsaufenthalt“ und erstaunliche „Bildungsreise ins Nachtleben“) zog er nach seinem Abitur endgültig von Münster nach Berlin und fing an, im Metropol aufzulegen. Es folgen turbulente Jahre, in denen Lenz ein Pionier der elektronischen Tanzmusik wird, nicht nur als DJ, sondern auch als Theoretiker – 1984 verfasste er den Artikel „Was ist Record Art?“, der der erste deutschsprachige Text zum neuen Phänomen des DJings war.

In die „Macht der Nacht“ – benannt nach einer Partyreihe in einem Zirkuszelt, einer Art Rave, bevor es Raves gab – erzählt Lenz seine Geschichte von seiner Kindheit in den 1970ern bis Mitte der 1990er Jahre, als Techno zur größten deutschen Jugendkultur wurde. Die Biografie ist eine unterhaltsame, manchmal sogar äußerst komische Lektüre, in einzelnen Momenten aber auch schrecklich traurig (tragische Todesfälle gehören zu solch einer Geschichte dazu), und sie zeigt sehr anschaulich, wie sich Techno in Berlin u. a. aus der Punk- und New Wave-Szene und der schwulen Partykultur heraus entwickelt hat. Das alles ist also auch ein lesenswertes Stück Musikgeschichte und eine Dokument über den Aufstieg von Techno zur Massenkultur, zu dem Westbam mit seiner Beteiligung an Veranstaltungen wie der Loveparade und der Mayday sowie durch die chartstaugliche Musik seines Plattenlabels Low Spirit einen bedeutenden Beitrag geleistet hat. Dafür wurde er oft angefeindet, da ihn Techno als reine Untergrundkultur nicht interessierte, und hat ihm teilweise das Image eines rein kommerziell denkenden Großraumdisko-DJs einbrachte – was so nicht stimmt, das Buch ist auch von einer überzeugenden Liebe zur Musik geprägt und voll nerdigem Wissen über tolle Platten.

Nach dem Größenwahn Mitte der 1990er, als Westbam, Dr. Motte und Jürgen Laarmann (Frontpage) von der Raving Society träumten und die Loveparade jedes Jahr größer wurde, kommt aber leider nur noch sehr wenig. All das, was ab Ende der 1990er passierte, hat bis auf ein paar wenige Episoden anscheinend nicht mehr ins Buch gepasst. Es wäre bestimmt spannend gewesen, wie z. B. der Aufstieg von Minimaltechno (kurz bringt er das mit 9/11 in Verbindung, der seiner Meinung auch in der Technoszene zu einer neuen Zurückhaltung geführt habe) oder die Bedeutung des Berghains (auf einem Podiumsgespräch bei der Heinrich-Böll-Stiftung sprach er diesbezüglich von der Suche nach der Hochkultur) aus Westbams Sicht einzuschätzen sind. Vielleicht fehlen diese Themen auch deshalb, weil sich Westbam hier nicht mehr wohl gefühlt hat, er deutet das an, in dem er darüber schreibt, dass er sich in dieser Zeit manchmal „unpassend“ gefühlt habe. Aber auch die weitere Karriere von Westbam selbst, von seiner erfolgreichen Zusammenarbeit mit Nena (Oldschool, Baby 2002) bis zur Katastrophe auf der Loveparade in Duisburg 2010, auf der er sein letztes Set auf einer Loveparade überhaupt spielen wollte, fehlt fast komplett.

mailEin klein wenig mehr über Westbams Sicht auf die Gegenwart erfährt man im neu verfassten Nachwort zur vor kurzem erschienen Neuauflage von Ulf Porscharts „DJ Culture“, das gerne als Standartwerk zum Thema bezeichnet wird. Hier schreibt Westbam u. a. über Laptop-DJs und digitale Musikkultur, oder auch den Aufstieg der Superstar-DJs, die vor riesigen Menschenmassen auftreten und Millionen verdienen, aber teilweise gar nicht selber mixen können. Er selbst hat nie diesen Status des absoluten Superstar-DJs erreicht – ein Phänomen, das vor allem im Kontext von EDM in den USA ganz neue Blüten treibt – vielleicht, weil er doch trotz allem irgendwie immer mit einem Fuß im Untergrund verwurzelt geblieben ist und am totalen Ausverkauf kein Interesse hatte.

Als gute Ergänzung zu „Die Macht der Nacht“ läuft im Moment in der Mediathek von Arte die Dokumentation „Bäm Bäm Westbam!“, in der noch einmal wesentliche Episoden der Biografie thematisiert werden und auch einige der Protagonisten zu Wort kommen. Westbam unterhält sich hier mit Gabi Delgado von DAF, der Berliner DJ-Legende Fetisch und seinem Kollegen Hardy Hard. Seltsamerweise taucht auch Sven Regner auf, der die elektronische Tanzmusik als Rache der Keyboarder am Rock’n’Roll bezeichnet (weil nun endlich nicht mehr die Leute mit den Gitarren im Mittelpunkt stehen). Das ist alles durchaus sehenswert und ebenfalls ziemlich unterhaltsam, allerdings teilweise großspuriger erzählt als es notwendig gewesen wäre, z. B. wenn in den Kommentaren Westbams Rolle auf übertriebene Weise gepriesen wird, nervt das ziemlich – Westbam ist zwar kein bescheidener Mensch und hat auch keinen Grund dazu, seine Biografie liest sich aber auch deshalb so angenehm, weil er mit einer gewissen ironischen Distanz auf seine Karriere blickt.

Aktuell ist neben „Bäm Bäm Westbam!“ auch „B-Movie“ bei Arte +7 zu sehen, die Dokumentation über die Westberliner Subkultur – selbstverständlich ebenfalls mit Westbam.

Daniel Schneider

Fairplay statt Hass

Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.)
Fairplay statt Hass –  Was wir gegen Menschenverachtung und rechtsextreme Ideologien im Fußball machen können
Amadeu Antonio Stiftung 2015
44 Seiten
kostenlos

Broschüre FußballAmadeu Antonio war eines der ersten Opfer rechtsextremer Gewalt im wiedervereinigten Deutschland. Die nach ihm benannte Stiftung wurde 1998 ins Leben gerufen und unterstützt Projekte und Initiativen, die sich gegen rechte Alltagskultur, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung einsetzen. Da in diesem Kontext Fußballfans immer noch eine große Rolle spielen, hat die Stiftung unter dem Namen Fairplay statt Hass eine kostenfreie Broschüre veröffentlicht, die einen Bericht über die gegenwärtige Lage von Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Homophobie, Sexismus und menschenverachtendem Verhalten im deutschen und internationalen Fußball gibt. Neben dem eher allgemein gehaltenen Abschnitt über den Status quo von rechten Ideologien im Fußball inklusive derer Geschichte und aktuellen Phänomenen wie Hooligans gegen Salafisten werden auch gegenseitige Projekte behandelt. Besonders die Situation von weiblichen Ultras wird durch die Vorstellung der Ultragruppe Frauen*Mädchen*Trans*Babelsberg und dem Bericht eines weiblichen Mitglieds der antifaschistischen Bremer Ultraszene sehr informativ und differenziert dargestellt. Auch die Kapitel zu den Initiativen Show Racism the Red Card, Fußballfans gegen Antisemitismus, Fußballfans gegen Homophobie, Discover Football, und dem Geflüchteten-Verein Welcome United 03 in Babelsberg geben einen guten Überblick und machen Hoffnung, dass sich antirassistische und antidiskriminierende Projekte im Fußball weiter durchsetzen. Einzig die Rolle der Deutschen Fußball Liga (DFL), die neben dem Pool zur Förderung innovativer Fußball- und Fankultur als Finanzier der Broschüre auftritt, wird ebenso wie der DFB eher unkritisch behandelt. Dass auf Anweisung des DFB sowohl in Hamburg („Kein Fußball den Faschisten“) als auch in Hannover („96-Fans gegen Rassismus“) im vergangenen Jahr bei Länderspielen offenbar unpassende Transparente überklebt wurden, findet nämlich an keiner Stelle Erwähnung. Ein Zufall? Wie dem auch sei, die überwiegend gut recherchierte und vielseitige Broschüre ist als Einstieg in das Thema zu empfehlen. Sie kann kostenlos unter info@amadeu-antonio-stiftung.de bestellt oder hier heruntergeladen werden.

Florian Hofbauer

Deutschpop halt’s Maul!

Frank Apunkt Schneider
Deutschpop halt’s Maul! – Für eine Ästhetik der Verkrampfung
Ventil Verlag 2015
112 Seiten
10 €

deutschland_maul_layDass es deutschsprachigen Pop gibt, ist heute nichts mehr, was irgendjemanden wirklich überraschen würde – im Gegenteil, Bands wie Wir sind Helden, Juli, Kettcar, Revolverheld, Mia., Sportfreunde Stiller, Silbermond und so weiter sind fester Bestandteil der deutschen Musiklandschaft. Irgendwie ja auch logisch, dass in Deutschland deutschsprachige Popmusik gemacht und gehört wird – aber dann doch nicht ganz so selbstverständlich, wie es heutzutage erscheint. Denn „deutschsprachige Popmusik war lange Zeit undenkbar“, wie es im Klappentext von Frank Apunkt Schneiders Deutschpop halt’s Maul! heißt. Pop war, als er in den 1950er Jahren seinen Weg nach Deutschland (oder besser gesagt: Westdeutschland) fand, eine Befreiung von der bedrückenden deutschen Geschichte und Fluchtmöglichkeit vor der miefigen deutschen Kultur der damaligen Zeit. Er war aufregend und neu, eine Provokation gegenüber der Elterngeneration und dank seiner konnten neue, nicht-nationale Identitätskonzepte entworfen werden. Denn Pop war explizit nicht deutsch, sondern englisch. Auch deutsche Bands sangen auf Englisch, selbst wenn sie nicht so genau wussten, was sie da sangen – aber das war egal, denn es ging ja nicht um einen festen Sinn, sondern um Freiheit. Und wenn deutsche Künstler_innen dann doch auf deutsch sangen, war das oftmals kein Pop, sondern Schlager – eine Unterscheidung, die dem Autoren des Buches wichtig ist, denn die deutsche Sprache führte dazu, dass das befreiende Fremde (und eine positiv gedeutete Entfremdung) des englischen Pops in diesen Liedern wieder verschwand.

Das Buch ist – und das sagt der Autor auch gleich zu Beginn – vor allem eine polemische, antideutsche Gegengeschichte des Deutschpop, die „ebenso konstruiert ist wie die offizielle.“ Mit der offiziellen Geschichtsschreibung ist das gemeint, was heute oftmals in Bezug auf z. B. Krautrock, deutschem Postpunk oder Techno geschrieben wird oder auch in Ausstellungen zu diesem Thema behandelt wird. Da werden dann Kraftwerk zu den „Urvätern von Techno, House und Hip Hop“ (und Deutschland wird ein unverzichtbarer Teil der internationalen Popgeschichte), die Neue Deutsche Welle zur eigenständigen deutschen Jugendkultur oder Techno zum Sound der Wiedervereinigung – es findet eine Art Renationalisierung von Musiken statt, die gar nicht unbedingt deutsch sein wollten oder sogar eine Flucht vor diesem Deutschsein darstellten.

Der heutige Deutschpop, der kein Problem mehr mit dem Deutschen hat und „mit sich selbst einverstanden ist“, ist erst nach 1989 entstanden und Teil einer Bewegung hin zu einem entspannten, unverkrampften Deutschsein. Das ist dann aber laut Schneider kein Pop mehr, zumindest nicht im eigentlichen Sinne, da Pop keine nationale Identität hat. Gemeint ist mit Deutschpop allerdings nicht der deutschsprachige Diskurspop von Bands wie Tocotronic oder Blumfeld (zumindest nicht den frühen Blumfeld), sondern das, was danach kam – und an dem eine Band wie Tocotronic verhängnisvollerweise mit Schuld sein sollen, da sie ein Vorbild vieler der o. g. Deutschpopbands sind. Diese sind harmlos und stellen nichts in Frage – und ein positiver Bezug zur deutschen Heimat ist für sie oftmals kein Problem mehr. Auch gehört die Sprechweise von einem „Wir“ zum festen Repertoire vieler Deutschpopbands, was von Schneider im Sinne von „wir Deutschen“ verstanden wird und oft auch so gemeint ist. Schneider sieht deshalb eine Verbindung zu einer DeutschROCKband wie Frei.wild, die seiner Meinung ganz ähnliche Inhalte transportiert wie die DeutschPOPbands, im Gegensatz zu diesen aber als eindeutig eklig erkennbar ist (Schneider nennt Frei.Wilds Musik „strukturellen Rechtsrock“). Deshalb gibt diese Band ein wunderbares Feindbild ab, von dem sich die anderen Bands dann distanzieren und sich als die „Guten“ fühlen können.

Frank Apunkt Schneider zu folgen fällt manchmal schwer, da er ein umfangreiches Vorwissen über die behandelten Bands und Künstler_innen voraussetzt und man als Leser_in ganz viel Musik – also auch ganz viel schlechte und langweilige Musik – gehört haben muss, um zu wissen, worum es an manchen Stellen eigentlich geht – zum Beispiel scheint Tangerine Dream im Gegensatz zu anderen Krautrock-Bands irgendwie doof zu sein, warum bleibt aber unklar. Deutschpop halt’s Maul! ist insgesamt aber ein unterhaltsames und immer wieder wunderbar böses Buch, dass ein Gegengift gegen Wohlfühlpatriotismus und Vereinnahmung von Popmusik in irgendwie nationalem Sinne darstellt. Das ist nämlich, ganz platt ausgedrückt und abgesehen von irgendwelchen anderen relevanten Argumenten: uncool, einfach nicht schön, total langweilig. Und Popmusik, die damit kein Problem hat, ist – auch das ein Fazit des Buches – dann einfach keine gute Popmusik.

Daniel Schneider

Clubkultour Berlin

Clubkultour-BerlinEine Projektgruppe der Berliner Clubcommission bietet ab diesem Monat eine Stadtführung zur Technoszene und Clubkultur ab 1990 an. Wir waren letzte Woche bei der Pressetour dabei und haben uns von Eberhard Elfert, dem Sprecher der Gruppe, zeigen lassen, wie nach dem Mauerfall Räume angeeignet wurden, um Clubs für Liebhaber*innen elektronischer Musik zu eröffnen. Wie man bei der Tour, die entlang des ehemaligen Mauerstreifens vom Potsdamer Platz bis zur Arena am Ufer der Spree führt, gut nachvollziehen kann, ist Clubkultur in Berlin stark von Wanderungsbewegungen geprägt, da die Clubs in Temporären Autonomen Zonen entstanden sind, die sie im Laufe der Zeit verlassen mussten, um weiterzumachen zu können. So geschehen zum Beispiel im Fall der Maria am Ostbahnhof, dem WMF, dem Tresor oder dem Ostgut (heute Berghain).

Für die Clubs war in der Anfangszeit die Hausbesetzerszene nicht unwichtig. Das Wissen und die Erfahrung in Bezug auf Strategien der Aneignung als auch über die Inbetriebnahme verlassener Orte spielte eine wichtige Rolle. Die neuen Orte des Nachtlebens befanden sich überwiegend entlang des ehemaligen Mauerstreifens, weil dort leerstehende Gebäude und ungenutzte Flächen aus Zeiten der DDR (z. B. das 2000 abgerissene Ahornblatt in der Gertraudenstraße), Gebäude der Grenzinfrastruktur an der Spree (z. B. ein Bootshaus  für Patrouillenboote, in dem sich der Club Kiki Blofeld befand) und Gebäude und Ruinen im Bereich des ehemaligen Todesstreifens (z. B. der Tresorraum des ehemaligen Wertheim-Kaufhauses in der Leipzigerstraße) besetzt bzw. zwischengenutzt werden konnten.

Die Tour hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur über die Geschichte der Berliner Clubkultur zu informieren, sondern sie auch in den Kontext der Berliner Stadtgeschichte einzubinden und die Hintergründe der Orte zu beleuchten. Es wird diesbezüglich beispielsweise kritisch hinterfragt, warum im Bereich der Schillingbrücke (Nähe Ostbahnhof), wo sich Clubs wie u. a. die Maria befanden und heute das Yaam zu Hause ist, bis heute keine Hinweise auf die häufig tödlich geendeten Fluchtversuche zu finden sind. Andererseits steht auch der Wandel der Stadt seit den 1990er Jahren im Fokus der Tour, also Gentrifizierung und Verdrängung genauso wie die Institutionalisierung und Professionalisierung ehemals improvisierter Orte zu anerkannten Kultureinrichtungen. Das dieser Wandel allerdings noch nicht alle Freiräume zum Verschwinden gebracht hat, zeigt das Kultur- und Nachbarschaftsprojekt Teepeeland an der Spree, durch das die Tour ebenfalls führt.

Elfert macht auf der Tour deutlich, dass bestimmte Faktoren oder spezifische Wandlungsprozesse wie die Entwicklung vom Analogen zum Digitalen, die Anknüpfung an die Subkulturen West-Berlins als auch die Wanderungsbewegungen innerhalb der Szene eine wichtige Rolle auch bei der Betrachtung und Verortung der Clubs spielt. Auch wenn es noch Widerstand gegen eine Historisierung von Clubkultur von Seiten der Technoszene selbst gibt, ist diese mittlerweile massiv in Gang gesetzt worden, nicht zuletzt aufgrund des 25-jährigen Jubiläums des Mauerfalls. Hier ist ein Angebot wie die „Clubkultour“ eine so naheliegendes wie wichtiges Angebot, gerade wenn es nicht alleine um eine oberflächliche Betrachtung oder gar Verklärung der Berliner Clubszene geht.

Die Tour setzt allerdings, zumindest in der Form, wie wir sie erfahren haben, viel Wissen über die Berliner Szene voraus. Auch wenn Elfert zu vermeiden versucht, über die effektvollen Inszenierungen der Geschichte an Jahrestagen zu sprechen oder die Geschichten einzelner Protagonist*innen der Szenen zu erzählen, so wäre dies an manchen Stellen vielleicht doch sinnvoll. Für weniger involvierte Personen können sie Bezugspunkte darstellen, um einen Zugang zur spannenden Geschichte Berlins zwischen Todesstreifen und Technopartys zu erleichtern.

Die erste Tour findet am kommenden Samstag, dem 05.09. statt, weitere Termine für dieses Jahr sind 19.09., 03.10. und 17.10. Die Tour startet jeweils um 14:00h Ecke Wilhelmstr./Leipziger Straße. Die Tour findet per Fahrrad statt (bitte mitbringen). Kosten: 13 bzw. ermäßigt 11€. www.clubkultour.de

Tanja Ehmann & Daniel Schneider

Pop-Kultur

Seit zwei Tagen findet zurzeit im Berliner Berghain das neue Festival „Pop-Kultur“ statt. Die Nachfolgeveranstaltung der Berlin Music Week wird nun vom Berlin Music Board organisiert (und nicht mehr von den Kulturprojekten Berlin), es soll etwas ganz anderes und neues sein – und auch als Festival anders als andere Festivals. Von der Berlin Music Week unterscheidet es sich entsprechend sehr deutlich – während die BMW eigentlich eine Konferenz für Akteure der Musikwirtschaft war, scheint dieser Aspekt nun gar keine Rolle mehr zu spielen. Katja Lucker, die Chefin des Music Boards, betonte zu Beginn des Festivals auch, dass es um die Künstler geht und Björn Böhning, Chef der Senatskanzlei, wünscht sich, dass das Festival im Laufe der Jahre vielleicht zu so etwas wie die „Berlinale der Musik“ werden könnte.

Mit dem Berghain als Veranstaltungsort findet das Festival zumindest schon einmal vor beeindruckender Kulisse statt, es wird beispielsweise auch die Halle hinter dem Berghain genutzt, die bisher nur für die Zusammenarbeit von Berghain und Staatsoper („Masse“) und die Kunstausstellung von Berghain-affinen Künstlern („10“) genutzt wurde. Diese beiden Veranstaltungen deuten interessanterweise schon stark in die Richtung, in die sich auch „Pop-Kultur“ bewegt: die Verbindung von Pop und sogenannter Hochkultur, oder vielleicht auch eine bestimmte Form von Pop als neue Hochkultur. Denn Charts-Pop findet sich auf dem Festival nicht, sondern das, was auch in einer Zeitschrift wie der SPEX stattfindet. Und das Berghain arbeitet weiter an seiner Etablierung als Kultur-Institution im Sinne von Orten wie dem HAU oder der Volksbühne.

Das Programm des Festivals ist entsprechend anspruchsvoll und experimentierfreudig – es gibt neben einer großen Anzahl an Konzerten von ganz unterschiedlichen Bands und Künstler_innen sowie DJ-Sets auch Formate, die zwar „Talk“ oder „Lesung“ heißen, bei denen aber immer wieder der Hang zum Performativen spürbar ist. Die Lesung von Andreas Dorau und Sven Regener, die als Eröffnungsveranstaltung fungierte, bei der Doraus Biografie „Ärger mit der Unsterblichkeit“ vorgestellt wurde, war mehr als eine einfache Lesung: Während Regner aus der Biographie las (und dadurch zum Andreas-Dorau-Darsteller wurde) zeigte Dorau im Anschluss an die gelesenen Passagen Fotos und Filme, beispielsweise einen absurden Kurzfilm namens „Die kleine Frau“, den er an der Filmhochschule gedreht hatte, oder das Musikvideo zu „So ist das nunmal“. Eine ganz außergewöhnliche Veranstaltung war der „Talk“ von Sebastian Schipper, der die letzten 60 Minuten seines preisgekrönten Films „Viktoria“ zeigte, dabei meist ohne Ton, und dazu Platten auflegte, über die Dreharbeiten sprach und auf Fehler im Film aufmerksam machte. Außerdem rief er zwischendurch bei dem sich gerade in Island aufhaltenden Kameramann sowie einem der Schauspieler an, um ihm zu sagen, wie wichtig er für den Film gewesen sei. Das Ganze fand in der Halle am Berghain statt, einem riesigen Raum, wodurch die Situation noch außergewöhnlicher wurde. Ein Experiment war auch die Veranstaltung mit dem twitternden Philosophen Eric Jarosinski und der Musikerin Michaela Meise am Donnerstag, bei der zwei komplett unterschiedliche Dinge miteinander kombiniert wurden – ein Vortrag über Twitter und Philosophie mit trauriger Akkordeonmusik. So spannend diese Programmpunkte auch waren und auch die Auswahl der Gäste überraschend ist (z. B. waren auch der Neurologe Tom Fritz und der Maler Norbert Bisky zu Gast), ein wenig mehr Diskussion und Austausch über einzelne Aspekte von Pop wäre manchmal wünschenswert gewesen.

Ebenfalls auffällig „anders“ war der zeitliche Ablauf des Festivals, zumindest teilweise: Am Mittwoch war ich nach der Lesung von Dorau und Regner bei dem Technoliveact von Pantha du Prince (feat. Triad), das aus relativ hartem, okkultistisch angehauchtem Techno bestand (um 19:20), danach das eher experimentelle Konzert von Bianca Cassadys (CocoRosie) Soloprojekt mit Tanzperformance, danach eine Talkrunde zu Bühnenshows und zuletzt, um 12h nachts, die Veranstaltung mit Sebastian Schipper. Da man sich das Programm aus einzelnen Modulen zusammenstellen konnte, wäre allerdings auch ein weniger außergewöhnlicher Ablauf möglich gewesen.

Die Module – z. B. waren die Auftritte von Pantha du Prince und Bianca Cassady ein Modul, wodurch auch wieder eine außergewöhnliche Kombination von zwei sehr unterschiedlichen musikalischen Projekten entstand – müssen einzeln gekauft werden, was für Besucher_innen, die z. B. nur eine einzelne Lesung sehen wollen, wunderbar ist. Wer allerdings das Festival wie ein Festival besuchen möchte und entsprechend drei Tage lang viele verschiedene Sachen sehen will, muss dann unter Umständen ziemlich tief in die Tasche greifen.

Insgesamt kann man sagen, dass Pop-Kultur (vor allem wegen des nerdigen Programms) nicht Pop im Sinne von „populär“ ist. Das hat auch der wunderbare Auftritt von Neneh Cherry am Donnerstag unterstrichen – im Sinne von „fuck nostalgia“, wie Cherry dies ausdrückte, spielte sie ihre größten Hits – u. a. Buffalo Stance – in kaum wiedererkennbaren Versionen. So war auch der Auftritt des wahrscheinlich bekanntesten Popstars des Festivals ein Statement gegen Pop als Musik aus und für die Popmusikcharts. Deshalb stellt sich die Frage, was hier eigentlich mit Pop gemeint ist, das Programm ist zwar wunderbar, aber das Festival wirkt auch ein wenig elitär – was Pop doch eigentlich nicht sein sollte.

Daniel Schneider

Zine of the Day: Zine Librarian Zine

Zine Librarian Zine #2 (2003)

Zine Librarian Zine #2 (2003)

Weltweit gibt es mittlerweile weit über hundert Fanzine-Bibliotheken und –Archive, in denen Zines gesammelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Eine aktuelle Liste mit Adressen und Links zu einigen dieser Bibliotheken und Archive gibt es hier.

Dass irgendwann mal jemand auf die Idee kommen würde, auch ein Zine von und für die Mitarbeiter_innen dieser Fanzine-Bibliotheken und –Archive zu veröffentlichen, lag eigentlich auf der Hand, als 2002 die erste Ausgabe des Zine Librarian Zine im Umfeld des Independent Publishing Resource Centers (IPRC) in Portland, Oregon veröffentlicht wurde.

Das IPRC ist seit 1998 das Zentrum der sehr aktiven Zine Community von Portland. Hier treffen sich lokale Zine-Macher_innen, um in alten und neuen Heften aus der eigenen Zine-Bibliothek zu schmökern, um Lesungen und Zine-Workshops zu besuchen und zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch. Das IPRC ist aus der Szene selbst entstanden und sieht sich in erster Linie als einen Ort für diese. Der Anspruch des Zentrums ist, die Zine-Kultur zu fördern.

Im Bestand des Archivs der Jugendkulturen gibt es die 2003 erschienene zweite Ausgabe des Zine Librarian Zine. Sie diente vor allem der Vernetzung internationaler Zine Libraries und Zine Archives in englischsprachigen Ländern. So besteht der überwiegende Teil des Hefts aus Vorstellungen verschiedener Fanzine-Bibliotheken und –Archive in den USA, England und Neuseeland. Dabei geht es nicht nur um die Entstehung und das Selbstverständnis dieser unterschiedlichen Einrichtungen, sondern vor allem darum, sich über die Katalogisierung von Zines, Möglichkeiten der Finanzierung, den Umgang mit Nutzer_innen oder den Erwerb von neuen Zines auszutauschen.

Wer sich darunter einen trockenen Newsletter von Nerds für Nerds vorstellt, liegt völlig falsch. Gerade die Comic-Strips von Greig aka „Clutch McBastard“ (Clutch Zine) über die Absurditäten im Arbeitsalltag eines Zine Librarians im IPRC lassen eine_n immer wieder lauthals loslachen. Und so manches kommt einem als Mitarbeiter des Archivs der Jugendkulturen nur allzu bekannt vor.

Mit dem Zine Librarian Zine #3 erschien 2009 die vorerst letzte Ausgabe dieses wundervollen Zines. Leider fehlen darin die fulminanten Comic-Strips von Greig. Dafür kann man sich diese Ausgabe aber noch als PDF-Version zum Selbst-Ausdrucken und Selbst-Zusammenlegen hier downloaden.

Warum danach keine weiteren Ausgaben des Zine Librarian Zines erschienen, ist mir leider nicht bekannt. Es kann sein, dass sich die Kommunikation einfach immer mehr in Mailinglisten, auf Konferenzen, Blogs und vor allem die sehr informative Website ZineLibrarian.info verlagert hat.

An der fehlenden Nerdigkeit oder Kreativität von Zine Librarians liegt das aber sicherlich nicht. Davon zeugen andere Hefte wie das von Kelly McElroy veröffentlichte Zine Librarian Pets von 2014: ein Zine, das sich nur und ausschließlich um die Haustiere von Zine Librarians dreht und von dem aktuell bereits eine 2. Ausgabe in Arbeit ist. Geek-hafter gehts wohl kaum noch! 😉

http://www.stolensharpierevolution.org/international-zine-month

#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #ZineLibrary #ZineArchive #ZineLibrarian

– Christian (Zine Nerd)

Zine of the Day: Indulgence

Indulgence #7 (ca. 2002)

Indulgence #7 (ca. 2002)

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich auf Indulgence gestoßen war. Es muss jedenfalls um 2002/2003 gewesen sein, als Eleanor aus New York City und ich zum ersten Mal Kontakt aufnahmen. Sie hatte bereits 1997 die Debüt-Nummer ihres Zines veröffentlicht, aber die erste Ausgabe, die ich in die Hände bekam, war Indulgence #7. Eleanor gelang mit ihrem Heft den Spagat zwischen einem Art Zine und einem Perzine mit queer-feministischem Standpunkt. Indulgence beinhaltete damit nicht nur interessante Artikel, sondern stach auch durch eine interessante Gestaltung aus der Masse der Zines dieser Zeit heraus.

Sie verwendete verschiedene Papierarten, Pappen und Folien innerhalb einer Ausgabe (u. a. Tapetenpapier), stellte eigene Stofftaschen für eine Ausgabe her und nutzte ungewöhnliche Fadenbindungen, Falzarten, Stempeldrucke, Letter Presses und andere Techniken, um jede Ausgabe von Indulgence zu einer besonderen zu machen. Man merkte diesem Zine einfach an, dass es jedes Mal mit viel Herzblut und Liebe zum Detail hergestellt worden war.

Innenteil von Indulgence #7 (ca. 2002)

Innenteil von Indulgence #7 (ca. 2002)

Dieser Enthusiasmus beeindruckte mich so sehr, dass ich den Kontakt mit Eleanor weiter aufrecht erhielt. Über die Jahre entstand daraus eine transatlantische Freundschaft und ein intensiver Austausch über Zine-Kultur. 2005 trafen wir uns zum ersten Mal in Berlin und die Jahre danach machte Eleanor während ihrer Europa-Trips immer wieder Abstecher in die Stadt. Sie half mir bei der englischen Übersetzung eines Artikels über ost- und westdeutsche Punk-Fanzines und ich war ganz gerührt, als sie sich im Vorwort ihrer Master-Arbeit über Zines für die Inspiration in Sachen Zine-Kultur und den gegenseitigen Austausch bei mir bedankte.

Auch wenn sie 2008 mit Indulgence #10 die Herausgabe ihres Zines vorerst eingestellt hat, ist Eleanor kulturell und künstlerisch bis heute sehr umtriebig. 2013 veröffentlichte sie ihr erstes Buch mit dem wundervollen Titel Grow: How to Take Your Do It Yourself Project and Passion to the Next Level and Quit Your Job!, das man hier erwerben kann. Sie veröffentlicht regelmäßig Beiträge in ihrem Blog Killerfemme und spielt in den Indie Rock-Bands Corita und Rules.

Indulgence #8 (2002/03)

Indulgence #8 (2002/03)

Auch wenn wir uns in den letzten Jahren leider nicht mehr gesehen haben, so stehen wir doch bis heute miteinander in Kontakt und schreiben uns in regelmäßigen Abständen. Es fasziniert mich bis heute, wie sehr das Interesse an so einer eigentlich banalen Sache wie Zines zum Ausgangspunkt einer Freundschaft werden konnte, die über einen ganzen Ozean hinweg und mittlerweile seit über zehn Jahre besteht. Allein aus diesem Grund bin ich froh, irgendwann einmal mit Fanzines in Kontakt gekommen zu sein.

Weitere Informationen über Eleanor und ihre Projekte sind auf ihrer Website zu finden.

Indulgence #9 (ca. 2005)

Indulgence #9 (ca. 2005)

Innenteil von Indulgence #9 (ca. 2005)

Innenteil von Indulgence #9 (ca. 2005)

http://www.stolensharpierevolution.org/international-zine-month

#IZM2015 #Zines #Artzine #Zineoftheday #Perzine #Queer #Feminismus #Kunst

– Christian (Zine Nerd)

Zine of the Day: Rave Signal / Signal Plus

Rave Signal #1 (1992)

Rave Signal #1 (1992)

Es gibt Dinge, die können in ihrer ganz eigenen Form manchmal einfach nur abseits der Hot Spots popkultureller Metropolen und in der jugendkulturellen Einöde der Provinz entstehen. Nur dort sind Koalitionen zwischen Szenen möglich, die sich in der Großstadt nicht mal mit Arsch anschauen würden. Und nur dort bringen solche Koalitionen Dinge hervor, die es nirgendwo anders geben würde…

In diesem Fall handelt es sich um ein sog. „Split-Fanzine“, ein Fanzine, dass die Herausgeber_innen von zwei unterschiedlichen Fanzines als Gemeinschaftsprojekt veröffentlichen. Das allein wäre kaum der Rede wert. Solche Gemeinschaftsproduktionen verschiedener Zine-Macher_innen gab es in der Fanzine-Geschichte schon sehr früh. Beim Rave Signal #3/ Signal Plus #1 aus Weilheim handelt es sich aber um ein Split-Fanzine der ganz besonderen Art, das eng mit meiner eigenen subkulturellen Sozialisation in der oberbayerischen Provinz verbunden ist.

Rave Signal #2 (1992/93)

Rave Signal #2 (1992/93)

Aber der Reihe nach… Als Techno und House ab 1991 auch jenseits der Großstädte immer mehr Anhänger_innen fand, wurde mein „Sandkastenfreund“ Marco zum enthusiastischen Raver, der unser beschauliches Weilheim im oberbayerischen Voralpenland fast jeden Freitag verließ, um das ganze Wochenende auf Raves in der gesamten Republik teilzunehmen. Er war von diesem neuen Sound so angesteckt, dass er ab 1992 damit begann, sein eigenes Heft darüber zu veröffentlichen – mit Party-Berichten, Platten-Kritiken, bescheuerten Kolumnen, dämlichen Witzen und allem anderen Drum und Dran. Das ganze wurde per Schnippel-Layout zu einer Kopiervorlage zusammengebastelt und vom Vater eines anderen Freundes heimlich auf dem Kopierer seiner Arbeitsstelle vervielfältigt.

Der Name Rave Signal war bereits Programm. Schließlich ging es darum, die neue Rave-Kultur in Weilheim und Umgebung bekannter zu machen. Ob das wirklich was gebracht hat, kann ich nicht sagen. Immerhin hat Marco bis 1993 mindestens drei Ausgaben seines Heftes veröffentlicht. Das Wort „Fanzine“ kannte er zu dieser Zeit noch gar nicht.

Rave Signal #3 / Signal Plus #1 (1993)

Rave Signal #3 / Signal Plus #1 (1993)

Im gleichen Zeitraum, in dem sich Marco zu Stroboskop-Gewittern und geraden Beats in irgendwelchen Lagerhäusern und Industriebrachen herumtrieb, entstand in Weilheim selbst eine ganz eigene Subkultur um Bands wie The Notwist, Die Schweisser, Brainjam oder Dilirium, die ihre Wurzeln in der Punk/Hardcore-Szene hatten, sich aber musikalisch bereits darüber hinaus zu entwickeln begannen.

Mein Freund Greydl und ich waren an dieser Entwicklung beteiligt. 1990 hatten wir in guter DIY-Manier unsere eigene Punk/Hardcore-Band gegründet, ohne auch nur einen einzigen Akkord zu können. Nicht das Können stand zu dieser Zeit an erster Stelle, sondern das Machen. Und wie Marco, so waren auch wir begeistert von der neuen Subkultur, deren Teil wir geworden waren und über die auch wir nun unser eigenes Heft veröffentlichen wollten. Erste Fanzines hatten wir damals bereits gelesen.

Signal Plus #1 im Rave Signal #3  (1993)

Signal Plus #1 im Rave Signal #3 (1993)

Und weil Greydl und ich erst einmal sehen wollten, ob so ein Fanzine überhaupt was für uns ist, habe ich meinen Sandkastenfreund Marco einfach gefragt, ob wir zum Rave Signal nicht noch ein paar Seiten über Gitarrenmusik hinzufügen sollten. Er fand die Idee nicht schlecht und so entstand die erste Ausgabe das Signal Plus, wir zusammen mit der dritten Ausgabe des Rave Signal 1993 als ein Gemeinschaftsheft herausgaben.

Bei der nächsten Nummer trennten sich aber auch schon wieder die Wege von Marco und uns. Wir hatten dafür bald so viele Interviews, Plattenkritiken und andere Artikel zusammen, dass wir unser eigenes Heft im selben Jahr unter dem Titel Signal Plus Extra veröffentlichten, das wenige Monate später zum Fanzine Flatline wurde, aus dem schließlich mein eigener Fanzine-Mailorder namens Flatline-Imperium entstand, durch den ich u. a. meinen Weg in das Berliner Archiv der Jugendkulturen fand.

Seinen Ausgangspunkt hat mein Werdegang als Zine Nerd aber in diesem Split-Fanzine mit komischem Namen, in dem Techno-Beats und Hardcore-Lärm eine Koalition eingingen, wie man sie bis heute wohl kaum ein zweites Mal erlebt hat…

http://www.stolensharpierevolution.org/international-zine-month

#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Techno #Punk #Hardcore #Provinz

– Christian (Zine Nerd)

Zine of the Day: Ich und mein Staubsauger

Ich und mein Staubsauger #5 1987

Ich und mein Staubsauger #5 1987

Am Ich und mein Staubsauger #5 gefällt mir vor allem das Layout, der Artikel über die Jacob Sisters und der Comic zum 1. Internationalen kleinen Fischkongress. Und weil überhaupt viele Frauen in dieser Ausgabe vertreten sind.

 

http://www.stolensharpierevolution.org/international-zine-month

#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Musik #DIY

– Tanja

Bericht vom 1. Internationalen Fischkongress

Bericht vom 1. Internationalen Fischkongress

Zine of the Day: Orange Agenten

Mein Liebling ist das Berliner Punk-Fanzine Orange Agenten nicht gerade. Meine Beziehung zu dem Fanzine ist eine ganz andere, die aber mindestens genau so emotional ist.

Orange Agenten #2x45 min.

Orange Agenten #2×45 min.

Orange Agenten #0,8%

Orange Agenten #0,8%

Orange Agenten # Next

Orange Agenten # Next

Während meines Praktikums im Archiv der Jugendkulturen e. V. habe ich mich u. a. um die Sortierung der Fanzine-Sammlung und die Aufnahme von Fanzines in die Archiv-Datenbank gekümmert.

Das Orange Agenten machte dabei ständig „Probleme“. Dank seines DIN A3-Formats passte es nicht in die Archivkartons. Es nahm jedes Mal zu viel Platz auf meinem ohnehin schon vollen Schreibtisch in Beschlag. Es hatte komische Untertitel wie „Zeitschrift für Passivsportler & Kettenraucher“, die auch noch ständig wechselten. Vor allem hatte es aber völlig unverständliche Nummerierung der einzelnen Ausgaben. Ich habe geschlagene vier Tage mit dem Versuch verbracht, die Ausgaben chronologisch zu ordnen, denn keine einzige Abfolge der einzelnen Ausgaben ergab einen logischen Zusammenhang.

Mit dem Orange Agenten assoziiere ich seitdem vor allem eine Achterbahnfahrt der Gefühle: In einem Moment dachte ich, ich hätte es geschafft, hätte das Konzept hinter solchen „Nummerierungsspäßchen“ wie „Heft # NEXT“, „NR. 0,8 ÷“ oder „# 2×45 min.“ begriffen, merkte aber bereits im nächsten Moment, dass das alles irgendwie doch nicht so recht zusammenpassen wollte.

Letzten Endes habe ich dann aufgegeben, eine sinnvolle Ordnung in etwas zu bringen, hinter dem von Anfang an gar kein Sinn angelegt war.

Die Macher_innen werden sich jetzt vielleicht kichernd auf dem Boden wälzen, aber obgleich leider ohne Ergebnis hat die „Detektivarbeit“ doch auch irgendwie Spaß gemacht.
Trotzdem: Falls jemand eine Lösung hat, bitte melden!

http://www.stolensharpierevolution.org/international-zine-month

#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Punk

– Svenja

Zine of the Day: Virus

Virus - The Voice of the Underground (ca. 1994 )

Virus – The Voice of the Underground (ca. 1994 )

Virus ist ein Augsburger Techno-Fanzine aus den 90er Jahren. Hier geht es viel um mögliche Definitionen des Genres, künstlerische Arbeit sowie die Vermarktung von Techno. Das Fanzine ähnelt in seinem Aufbau stark einer Musikzeitschrift und weist die dort üblichen Rubriken auf: Plattenkritik, Tech-Review (hier: Roland 101 und Oberheim 5HE), Interview, Chart, Labelprofil und Plattenladennewsletter. Die Plattenkritik zu Maurizio 03 kommt von Electric Indigo, der female:pressure-Gründerin und ehemaligen Hard Wax-Mitarbeiterin. Die hotwenty Charts enthalten sowohl Künstler, Labels als auch Katalognummern. Hier herrscht keine einheitliche Vorgehensweise. Mal steht da Aphex Twin (Platz 14) oder Säkhö ohne Nummer und Artist auf Platz 1. Dann wird wohl alles von Säkhö gut sein? Die Interviews werden mit Szenegrößen geführt, u.a. mit Jeff Mills, Mike Banks von Underground Resistance oder Luke Slater. Die Interviews stellen ein gutes Quellenmaterial für den klassischen Techno und seine Inszenierungsformen dar. Zum Beispiel sagt Mike Banks auf die Frage ob er immer hinter Hard Wax- oder Red Planet- Veröffentlichungen steht: „I cannot answer those questions“. Diese Aussage kann wohl als szenetypisch bezeichnet werden und ist für manche Künstler*innen immer noch wichtiger Bestandteil bei der Veröffentlichung ihrer Werke. Nostalgisch stimmt mich dieses Fanzine beim Lesen der Profile von Force Inc. und Mille Plateaux. Diese Labels waren für mich damals wichtig für meine Elektronika- Sozialisation.

http://www.stolensharpierevolution.org/international-zine-month

#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Techno #Fanzine #Electro

– Tanja

Heimatliebe

Als Mitarbeiterin im Archiv der Jugendkulturen e. V. bin ich bei der Beschäftigung mit Pop- und Subkulturen und in der bildungspolitischen Arbeit mit der Band Frei.Wild konfrontiert. Zugespitzt hat sich diese Auseinandersetzung in jüngster Zeit durch die Veröffentlichung und die damit einhergehende Diskussion um das Buch von Klaus Farin über diese Band. Frei.Wild wurde daneben aktuell auch in der Broschüre Grauzonen – Rechte jugendliche Lebenswelten in Musikkulturen
 (ASP, 2015) in vielen Facetten beleuchtet (siehe dazu auch die Rezension von Daniel Schneider in diesem Blog). Die Broschüre macht deutlich, dass Frei.Wild als Grauzonen-Band gelesen werden kann, während Farin genau dieser Argumentation widerspricht.

Allgemein scheint für ihn entscheidend zu sein, dass die Fans der Band – die die zentrale Zielgruppe der Veröffentlichung sind – eine journalistisch recherchierte Informationsquelle an die Hand bekommen, um sich selbst ein umfassendes Bild von ihren Helden zu machen. Ich kritisiere diese Herangehensweise. So werden etwa Aussagen der Band und ihrer Fans nur mangelhaft kontextualisiert und so gut wie gar nicht kritisch hinterfragt. Tatsache ist, dass es in einigen Texten von Frei.Wild um Heimatliebe, Patriotismus, vermeintlich natürliche Ordnungen, Tradition, konservative Werteinstellungen geht und auch Ausgrenzungsrethoriken Anwendung finden. Die im Buch gezeigten Fotos zur Band präsentieren überwiegend hegemoniale Männlichkeitsbilder und Körperkult. Gegen Ende des Südtirol-Kapitels wird gesagt, dass Frei.Wild eine „sehr authentische Visitenkarte ihrer Heimat“ darstellen. Hier wäre auch im Hinblick auf den Titel zu fragen, welche Tradition von Frei.Wild transportiert wird und ob die Authenzität darin besteht sich als Opfer der sogenannten Gutmenschen zu stilisieren?

Kritische und differenzierte Artikel zu Farins Buch sind z.B. bei Publikative.org und in der taz erschienen. Im Folgenden konzentriere ich mich auf die im Buch enthaltenen Unterrichtsanregungen und hinterfrage, ob diese Anregungen relevant sind für die Bildungsarbeit mit Jugendlichen und welche Gefahren mit dieser Art von Auseinandersetzung möglicherweise verbunden sind.

Die „Unterrichtsanregungen zum Thema Heimat“ werden mit Interviewausschnitten von Schüler*innen und Lehrkräften eingeleitet. Die Ausschnitte beziehen sich in der Mehrzahl darauf, dass Frei.Wild hörende Jugendliche diskriminiert werden, weil sie sich als Fans outen. Wie an anderen Stellen des Buches auch scheint es hier so, als wolle Farin aufzeigen, dass alle Kritiker*innen Unwissende seien, die reflexartig und ungeschickt mit Identifikationsfiguren und -angeboten im musikalischen Grauzonenbereich umgehen. Der Fokus der Bildungsarbeit wird auf die Auseinandersetzung im Unterricht mit der Wahrnehmung von Heimat gelegt. Warum? Liegt es wirklich daran, dass für viele Schüler*innen Heimat eine so zentrale Rolle spielt wie behauptet wird? Das wäre wissenschaftlich zu prüfen. Generell wäre zu hinterfragen, ob Heimat einen so wichtigen Bezugspunkt für Jugendliche darstellt, wenn es um Identität und weltanschauliche Orientierungen geht. Konkret auf Frei.Wild bezogen könnten an dieser Stelle im Buch auch Anregungen vermittelt werden, sich mit Identifikationsangeboten und Mythen von Bands wie Frei.Wild auseinanderzusetzen oder es könnten Ideen für Bildungsarbeit angeboten werden, die sich an dem „Eigenen“ und dem „Fremden“ orientieren (vgl. Hufer, 2007: 139; DJI online, 2005).

Die Unterrichtsanregungen beziehen sich stattdessen auf das Thema Heimat, das in Gruppen bearbeitet werden soll. Inhaltlich beschäftigen sich die Anregungen mit (1) der Frage: „Was verbinde ich mit dem Begriff Heimat?“, (2) einem Vergleich zwischen dem Stück Heimat von Herbert Grönemeyer und Heimat bzw. Wahre Werte von Frei.Wild, (3) der Entwicklung von Rap-Songtexten zu Heimat (3), der Recherche nach Begriffen wie nationalistisch, rechtsextrem, patriotisch und konservativ mit dem Ziel diese zu definieren (4), einem Austausch, einem Vergleich und einer Visualisierung der einzelnen Begriffsdefinitionen (5), einer Dokumentenanalyse zum Echo 2013 (6), einer Diskussion über die Frage des Ausschlusses von Frei.Wild vom Echo 2013 (7) und einer Analyse der Diskussion auf Facebook zu einer Definition von den Schüler*innen platzierten Definition von Heimat sowie (8) der Produktion eines Videos, ausgerechnet in Anlehnung an 100 Sekunden Heimat der Konrad Adenauer Stiftung.

Die genannten Methoden sind gängige Werkzeuge der politischen Bildungsarbeit. Selten jedoch werden sie so unsystematisiert in einer Veröffentlichung angeboten. Mir fallen hier folgende Punkte auf: Erstens: wenn die Aufgaben nicht zeitintensiv und individuell reflektiert angeleitet werden, können die Methoden dazu führen, dass sie auch Einstellungen und Meinungen, die am rechten Rand zu verorten sind, verstärken. Zweitens fehlen Methoden, die Aufschluss darüber geben, was gegen extreme Einstellungen und Meinungen im Kontext dieses Themenkomplexes getan werden kann. Drittens fehlen Anregungen zu Strategien, die dazu beitragen, sowohl diejenigen zu stärken, die Heimat mehrperspektivisch beleuchten, also z.B. sozial, kulturell, räumlich und historisch als auch Perspektiven einer multikulturellen Demokratie ohne Nationalstaaten eröffnen wollen (vgl. Oberndörfer, 2006:229 ff). Viertens: die Anregungen enthalten weder Lernziele noch beziehen sie Erfahrungen ein, die in anderen Bildungskontexten bereits zum Thema Heimat gemacht wurden. Selbst für skizzenhafte Projektbeschreibungen, wie sie häufig am Ende von Broschüren oder Handreichungen stehen, ist dies Standard. Fünftens findet sich keine Methode, die Handlungsanweisungen für eine kritische Auseinandersetzung mit solchen Lebenswelten anbietet, in denen Heimat einen der wichtigsten Aspekte ausmacht (vgl. Glaser, 2007: 179ff). Sechstens fehlen Hinweise darauf, wie Identitätskonstruktionen gestärkt werden können, die sich nicht auf eine Dimension – nämlich Heimat – reduzieren lassen wollen (vgl. Radvan, 2009: 59ff). Siebtens werden keine Aussagen darüber getroffen, in welchem Zusammenhang Heimat und Lebenswelten stehen, wenn für die Beteiligten damit biografische Aspekte wie Flucht und Vertreibung verbunden sind. Eine interkulturelle Methode fehlt völlig. Achtens fehlen Reflexionsangebote und Handlungsstrategien für Lehrkräfte hinsichtlich ihrer Argumentation gegen rechte Einstellungen. Sie vermitteln Schüler*innen gegenüber häufig, sie hätten als Lehrende das richtige Wissen (vgl. Radvan, 2009: 114ff) und damit in diesem Fall auch die Beurteilungshoheit über die Einschätzung einer Lieblingsband. Fehlt den Lehrkräften eine weniger emotionale, dafür aber argumentative und dialogische Diskussionsgrundlage für die Auseinandersetzung mit Jugendlichen, die Fans von Grauzonen-Bands sind, so wird eine Sensibilisierung für Diskriminierung eher nicht stattfinden.

Im Zusammenhang der Kritik an der Band im Kontext meiner eigenen Positionierung möchte ich abschließend sagen, dass ich mich als weiße privilegierte Frau mit Jugendlichen und Jugendkulturen beschäftige und u.a. versuche für Mythen der Ungleichwertigkeit zu sensibilisieren. Frei.Wild ist eine Band, die solche Mythen (re-)produziert und gleichzeitig davon profitiert, dass sich auch die Mehrheitsgesellschaft von solchen Mythen nicht distanziert, sie häufig sogar hofiert. In Zeiten, in denen die Angst vor dem sozialen Abstieg zunehmend dazu führt, dass Menschen das Eigene gegenüber vermeintlich „fremden Welten“ zu verteidigen versuchen -z.B. in Form von Islam- bzw. Muslimfeindlichkeit-, ist es umso wichtiger, sich gegen die Herabsetzung von Menschen zu stellen. Eine in diesem Sinne kritische Auseinandersetzung mit Frei.Wild sucht man in Farins Buch leider vergeblich.

Tanja Ehmann

Zine of the Day: Wedgie

Wedgie #1 (ca. 1994)

Wedgie #1 (ca. 1994)

Wedgie bedeutet so viel wie „Hosenzieher“. Es bezeichnet einen Streich, der verschiedene Varianten und Schwierigkeitsgrade kennt, wie hier nachzulesen ist.

Warum sich dieses Fanzine ausgerechnet so genannt hat, weiß ich nicht. Ich kann mich nur daran erinnern, dass die beiden Herausgeber des Hefts, Tom und Marc, großen Spaß dabei hatten, anderen Leuten Wedgies zu verpassen…

Wenn ich mich recht erinnere, bin ich das erste mal auf das Wedgie 1995 bei einem Fanzine-Treffen in Neuss gestoßen, auf dem vor allem Macher_innen von Punk/Hardcore- und Indie-Zines zusammenkamen, um sich kennenzulernen, Konzerte zu besuchen und das eigene Fanzine mit anderen zu tauschen. Jedenfalls lernte ich dort Tom und Marc kennen, die aus Tübingen und Umgebung kamen.

Wedgie #2 (ca. 1994)

Wedgie #2 (ca. 1994)

Das Wedgie stach vor allem durch die Comic-artigen Zeichnungen von Tom hervor, der anstatt Fotos von Konzerten abzudrucken, eben lieber die selbstgemachten Fotos auf Hardcore-Shows mit der Hand abpauste und so einen ganz eigenen Stil schuf. Das Wedgie hatte alle Inhaltsstoffe, die ein gutes Fanzine in dieser Zeit brauchte: Ein paar persönlich gefärbte und politisch angehauchte Reflexionen, einen guten Musikgeschmack und die richtige Portion Humor und Selbstironie. Das Heft hatte mein Herz gleich mit der ersten Ausgabe, die ich in die Hände bekam, im Sturm erobert.

Und wie das damals so üblich war, hielten Marc, Tom und ich auch noch nach dem Fanzine-Treffen in Neuss Kontakt. Wir schrieben uns, trafen uns auf Konzerten, besuchten uns gegenseitig und schließlich entwickelte sich vor allem zu Marc eine richtige Freundschaft. Auf dem zweiten Fanzine-Treffen in Neuss im darauf folgenden Jahr sind wir dann schon zusammen dorthin gefahren und kurz darauf bin ich nach Tübingen gezogen und habe mit ihm meine erste WG gegründet. Wir haben zusammen Konzerte und Veranstaltungen organisiert, waren politisch aktiv und haben viel voneinander gelernt.

Wedgie #3 (1995)

Wedgie #3 (1995)

Das Wedgie erinnert mich daran, wieviele Leute ich damals durch das Fanzine-Machen in ganz Deutschland und sogar darüber hinaus kennengelernt habe. Einige haben eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt und tun es sogar noch heute. Das macht mir wieder einmal klar, welche Bedeutung Fanzines für meine eigene Biografie bis heute haben.

http://www.stolensharpierevolution.org/international-zine-month

#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Hardcore #DIY #Emocore

– Christian (Zine Nerd)

Zine of the Day: La Moustache

La Moustache #1, 2013

La Moustache #1, 2013

La Moustache ist das Zine eines gleichnamigen Kollektivs, das schwerpunktmäßig queer-feministische Konzerte und Veranstaltungen in Berlin organisiert (http://lamoustache.org/). Die (bisher einzige) Ausgabe #1 gefällt mir sowohl stilistisch als auch inhaltlich ausgesprochen gut. Auf 38 Seiten sind überwiegend englischsprachige Texte, Kurzgeschichten und Interviews aus dem Themenspektrum der (queer-feministischen) DIY-Musikszene versammelt. Besonders schön ist der Auszug aus dem Interview-Magazin 13 Questions (www.13-questions.com), bei dem Musiker*innen 13 von 130 möglichen Fragen beantworten und dem Fragenpool jeweils eine neue Frage hinzufügen.

http://www.stolensharpierevolution.org/international-zine-month

#IZM2015 #Zines #Fanzines #Zineoftheday #Jugendkulturen #Queer #DIY #Feminismus

– Julia (Bibliothekarin/JuBri)